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Nordwind

Nordwind

Kriminalroman

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Nordwind — Inhalt

Ausgestochene Augen auf einem Foto der Familie Andersson & Kjellander? Wahrscheinlich ein übler Scherz oder die hysterische Einbildung einer Mutter, der die Einöde auf der winzigen Insel Fårö zu Kopf gestiegen ist. Doch als die kleine Ellen spurlos verschwindet, sind Kriminalinspektor Broman und Kollegin Sara alarmiert. Zu Recht, wie sich bald zeigt ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 15.05.2012
Übersetzt von: Katrin Frey
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95583-6

Leseprobe zu »Nordwind«

1

 

Sehen konnte man das Meer in der Dunkelheit nicht, aber sie hörte trotz der dröhnenden Dieselmotoren die Wellen gegen den Rumpf der Fähre schlagen. Die Scheinwerfer beleuchteten das Deck und Teile der gelben Brücke. Es waren nur zwei Autos an Bord. Ihr eigener roter Mercedes-Jeep und ein schwarzer Kombi direkt dahinter.
Vier Wochen waren sie fort gewesen.
Jetzt steuerten sie die Insel wieder an, auf der sie seit zwei Jahren zu Hause waren. Wenn man überhaupt davon sprechen konnte, dass eine Fåröfähre ein Ziel ansteuerte. Sie hatte keinen Steven, [...]

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1

 

Sehen konnte man das Meer in der Dunkelheit nicht, aber sie hörte trotz der dröhnenden Dieselmotoren die Wellen gegen den Rumpf der Fähre schlagen. Die Scheinwerfer beleuchteten das Deck und Teile der gelben Brücke. Es waren nur zwei Autos an Bord. Ihr eigener roter Mercedes-Jeep und ein schwarzer Kombi direkt dahinter.
Vier Wochen waren sie fort gewesen.
Jetzt steuerten sie die Insel wieder an, auf der sie seit zwei Jahren zu Hause waren. Wenn man überhaupt davon sprechen konnte, dass eine Fåröfähre ein Ziel ansteuerte. Sie hatte keinen Steven, keinen Bug und kein Heck. Sie war ein gelbes Metallfloß, auf dem vier Fahrzeugreihen Platz hatten.
Malin hätte nie gedacht, dass eine hässliche kleine Fähre jemals eine so wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde. Bodilla. Der Name war ebenso anmutig wie das schwerfällige Gefährt. Mit Bodilla brachten sie Axel in den Kindergarten. Sie mussten die Fähre nehmen, wenn sie in die Kneipe gehen oder etwas besorgen wollten, das über das Lebensnotwendige hinausging. Manchmal war es die Kajsa-Stina, meistens jedoch Bodilla.
Die Urlaubssaison war noch nicht ganz vorbei, aber sobald die Schule wieder anfing, fanden fast nur noch Ausländer und Rentner den weiten Weg hinauf nach Fårö. Bald würden auch sie ausbleiben. Dann machte alles zu, bis auf den Ica-Supermarkt und die Kirche.
Die Kinder schliefen auf dem Rücksitz, und die Fähre arbeitete sich langsam über den Sund. Henrik richtete die Kamera auf sie.
»Nimm das Kinn einen Zentimeter höher«, wies er sie an. Lächelnd tat Malin ihm den Gefallen.
»Nein, nicht lächeln«, sagte er.
Sie bemühte sich, wieder ihre ursprüngliche Miene aufzusetzen, vielleicht gelang es ihr. Henrik machte in rascher Folge sechs Bilder und änderte dabei den Blickwinkel nach jeder Belichtung ein wenig.
»Hast du mich auf dieser Fähre nicht schon tausendmal fotografiert?«
Henrik ließ die Kamera sinken.
»Jedes Bild ist ein neues Bild.« Er zwinkerte ihr zu und grinste. Malin sah ihn an, blickte in die wachen dunklen Augen, und jetzt durfte sie auch lächeln. Henrik beugte sich zu ihr hinüber, um sie zu küssen. Sie zögerte eine Sekunde oder zwei.
»Was ist?« Er sah sie fragend an.
Die Erinnerung an den Streit am Morgen hielt sie zurück.
Es hatte Krach zwischen ihnen gegeben, ohne dass sie es richtig zu Ende gebracht hätten.
»Ach nichts«, sagte sie und lehnte sich zu ihm vor.
Im gleichen Moment erloschen die grellen Scheinwerfer, und das Wummern der Motoren verstummte.
Malin zuckte zusammen und versuchte, durch das Seitenfenster die Brücke zu erkennen, aber die Dunkelheit war undurchdringlich.
Leise trieben sie in der Mitte des Sunds. Sie konnten die Lichter von Broa sehen, und die Wellen, die gegen die Stahlwände schwappten, waren nun deutlicher zu hören. Malin tastete nach dem Lichtschalter. Noch bevor sie ihn gefunden hatte, sprangen die Motoren bullernd wieder an, und das Deck war wieder beleuchtet. Sie blinzelte in die hellen Scheinwerfer. Der Ausfall konnte höchstens fünf oder zehn Sekunden gedauert haben.
»Was zum Teufel war das?« Sie sah Henrik an.
»Der Kapitän muss wohl versehentlich die Notbremse gezogen haben«, meinte Henrik grinsend.
Sie lachte höflich. Als das Licht und die Motoren ausgingen, hatte sie eine erdrückende Kälte gepackt. Nun ließ sie sich nicht mehr abschütteln.
Wenige Minuten später legte die Fähre am Kai an. Die Klappe wurde heruntergefahren und die Absperrung geöffnet. Rasch ließ Malin den Motor an und fuhr los.
Als sie den Fähranleger hinter sich ließen, blieb auch das letzte Licht hinter ihnen zurück. Im Rückspiegel sah sie den Kombi nach Ryssnäs abbiegen. Jetzt waren sie allein im Dunkeln. Es war erst Ende August und dennoch um sie herum stockduster.
Sie waren weit entfernt von allem: Straßenlaternen, Leuchtreklamen und Schaufenstern und von Städten, die mit ihren Lichtern den Himmel aufhellten. Es war offenbar immer noch zu sehen, dass die Insel erst nach dem Krieg ans Stromnetz angeschlossen worden war und es hier vor den Fünfzigerjahren so gut wie keine Elektrizität gegeben hatte.
Während die Landschaft, die gerade noch von den Autoscheinwerfern angestrahlt worden war, hinter ihnen verschwand, fühlte Malin eine innere Unruhe in sich aufsteigen, die wohl derjenigen ähnelte, die Seefahrer einst empfunden hatten: die Sorge, das Ende der Welt zu erreichen, wo man jeden Moment hinunterfallen konnte.
Auf der Rückbank hustete Axel. Malin betrachtete ihn im Rückspiegel. Er blinzelte einige Male, schien dann aber wieder einzuschlafen.
»Hallo, hier wohnen wir«, rief Henrik leise.
Malin trat kräftig auf die Bremse, und die Kinder wimmerten im Schlaf und murmelten unverständliche Worte. Sie fand es immer wieder schwierig, sich in der Dunkelheit auf der Insel zurechtzufinden. Obwohl die Straße schnurgerade war und die Landschaft vollkommen flach, stand das Schild ganz plötzlich ohne Vorwarnung da.
Sie bog mit dem großen Jeep nach links ab, und bald fuhren sie ratternd über das erste Viehgitter. Am Scheppern der Roste konnte sie erkennen, wie weit sie waren. Sie zählte mit. Nach dem vierten mussten sie rechts ab.

 

Als Malin das Haus betrat, merkte sie sofort, dass jemand hier gewesen war. Schaudernd drehte sie sich zu Henrik um, der mit Axel auf dem Arm hinter ihr stand, doch dann fiel ihr wieder ein, dass alles in Ordnung war. Einen Augenblick lang hatte sie es vergessen: Sie hatten das Haus vermietet, an drei verschiedene Mieter innerhalb der vier Wochen, in denen sie verschiedene Freunde und Verwandte besuchten. Sechsundzwanzigtausend Kronen nach Abzug der Provision. Sie brauchten das Geld.
Henrik ging wieder nach draußen, um das Gepäck aus dem Auto zu holen. Malin hatte Axel übernommen und trug ihn die knarrende Treppe hinauf, während Ellen müde neben ihr herstapfte.
Im Kinderzimmer roch es merkwürdig. War das der fremdartige Duft der Mieter? Der Geruch hatte eine bittere Note. Sie legte Axel auf Ellens Bett, öffnete das Fenster einen Spalt und befestigte es mit dem Haken. Ein leichter Wind wehte den schweren, aber angenehmen Duft von Spätsommergarten herein. Gras, Tomaten und wilder Majoran.
Ellen saß auf dem Fußboden und kramte in dem Korb mit ihren Spielsachen, von denen sie einen ganzen Monat lang getrennt gewesen war. Malin holte Bettwäsche und bezog Axel das Bett. Er schlief tief, vollkommen entspannt. Arme und Beine fielen kraftlos auf den Bettüberwurf, während sie ihn auszog und schließlich fest zudeckte.
Ellen hielt ihr strahlend ein Stoffkaninchen hin. Malin lächelte ihre Tochter an und rümpfte gleichzeitig die Nase. Unter dem Duft von frischem Grün lag immer noch der fremde Geruch.
»Hast du Hunger, willst du etwas essen?«, fragte sie.
»Weiß nicht«, erwiderte Ellen schwer beschäftigt.
Malin ging nach unten. Henrik saß in der dunklen Küche und fummelte an seinem iPhone herum. Der rechte Daumen wischte über das Display, während er sich mit der linken Hand die widerspenstigen dunklen Haare aus dem Gesicht strich. Mitten im Raum hatte er einen schmutzigen Wäscheberg aufgehäuft.
Manchmal beneidete sie ihn um die Fähigkeit, seine Umgebung auszublenden. Meistens aber ärgerte sie sich darüber. Als sie zu Besuch bei seinen Freunden auf dem Festland gewesen waren, schien es, als hätte er einen Schalter umgelegt. Da gab es nur noch Bier und Gequatsche über Arbeit, Fisch, Fußball, noch mehr Bier und Männergespräche über alte Zeiten oder elend langweilige Diskussionen über Hausrenovierungen.
Schließlich musste sie ihn daran erinnern, dass er zwei Kinder hatte, die darauf angewiesen waren, dass man sie versorgte und ernährte oder zumindest beaufsichtigte, damit sie nicht ins Wasser fielen und ertranken. Da hatten sie zu streiten begonnen.
Malin machte die Lichter an der Decke und über der Arbeitsplatte an.
»Möchtest du einen Tee?«, fragte sie.
»Was?« Henrik blickte auf. Mund und Kinn wurden von dem bläulichen Schimmer des Handys angestrahlt.
»Tee?«, wiederholte sie.
»Klar, gerne, aber nicht so einen Roibusch-Scheiß, bitte.«
Malin beugte sich zur Schublade mit den Töpfen hinunter und stützte sich an der klebrigen Arbeitsplatte ab. Krümel blieben an ihrer Handfläche hängen.
»So ein Mist«, seufzte sie.
Henrik reagierte nicht. Sie sah sich nach dem Lappen um, konnte ihn aber nicht finden. Als sie die Schranktür unter dem Spülbecken öffnete, um sich einen frischen zu nehmen, entdeckte sie eine halb volle Mülltüte.
»Mann, habe ich das satt.«
»Was ist denn?«, fragte Henrik zerstreut.
»Die haben gar nicht richtig sauber gemacht.«
Erst jetzt blickte er auf.
»Dann müssen sie eine Reinigungsfirma bezahlen. So steht es im Vertrag.«
»Und wer sorgt dafür, dass sie die Rechnung auch bezahlen? Kümmerst du dich darum?«
»Wir rufen die Vermittlung an. Die soll das machen.«
Malin wischte die Arbeitsplatte mit einem neuen Lappen ab. Nachdem sie ihn ausgewrungen und über den Wasserhahn gehängt hatte, hatte sie eine plötzliche Eingebung und öffnete einen Küchenschrank. Hastig ließ sie ihren Blick über Gläser und Kaffeetassen schweifen.
»Das darf nicht wahr sein!«
Der Reihe nach öffnete sie nun die Schränke mit Gläsern und Geschirr und auch das alte Küchenbüfett ihrer Großmutter.
»In jedem Schrank fehlt etwas.«
»Ein bisschen Schwund ist immer.«
»Was meinst du mit Schwund?«
»Uns gehen doch auch Sachen kaputt. Das ein oder andere Glas kann man verschmerzen.«
»Aber hier geht es nicht um das eine oder andere. Hier fehlt jede Menge.«
Sie fing an zu zählen, wusste aber nicht mehr genau, wie viel sie wovon besessen hatten. »Wenn man etwas kaputt gemacht hat, bezahlt man es. Oder man schreibt zumindest einen Zettel.«
»Vielleicht haben sie uns ja bei der Vermittlung eine Nachricht hinterlassen. Ich rufe da morgen an.«
»So eine Scheiße.«
Vor Wut knallte sie den Topf so heftig auf den Herd, dass das Wasser überschwappte. Henrik legte das Handy beiseite und sah sie an.
»Immerhin haben wir sechsundzwanzigtausend daran verdient.«
Sie hatten viel in den Umzug nach Fårö investiert. Geld, ihren persönlichen Einsatz, ihre Zukunft. Von Anfang an hatte Malin darauf gedrungen, dass sie ein Haus kauften, aber dabei hatte sie an Nacka, Enskede oder womöglich Värmdö gedacht, Orte, an denen sie sich zu Hause fühlen konnte. Aber doch nicht Gotland, mitten in der Ostsee. Beziehungsweise Fårö. Inzwischen hatte sie gelernt, zwischen Fårö und der Hauptinsel zu unterscheiden.
Als sie damals in Nynäshamn auf die Fähre gefahren waren, war Malin nicht nur skeptisch, sondern geradezu widerwillig gewesen. Wollte Henrik wirklich dorthin zurück? Nach siebzehn Jahren? Trotzdem gab sie sich geschlagen, noch bevor sie das Haus erreicht hatten. Die Landschaft, die sich hinter der Fåröer Kirche zum glitzernden Meer hin öffnete, verschlug ihr den Atem.
Das Haus in Kalbjerga lag hübsch am Fuße eines kleinen Abhangs und hatte einen typischen gotländischen Grundriss, wirkte aber aufgrund seines Mansardendachs ein wenig ungewöhnlich. Es hatte einem Kollegen von Henrik gehört, der es seinerseits von Ingmar Bergman übernommen hatte. Angeblich hatte dessen Haushälterin darin gewohnt. In der großen Scheune, die der Regisseur zum Proben genutzt hatte, stand sogar noch eine alte Kulisse, es war aber unklar, aus welchem Film sie stammte.
Bald hatte sich der Vorschlag, die Kulisse bei Christie’s zu versteigern, falls alles schiefginge, zu einem Running Gag zwischen ihnen entwickelt. Im Moment war das aber eher eine letzte Hoffnung, an die man sich verzweifelt klammerte, als ein Scherz.
Sie hatten das Haus renoviert, die Scheune zum Studio umgebaut und in dem großen, aber einfachen Wirtschaftsgebäude Apartments für Fotografen eingerichtet. Wenn alles nach Plan lief, könnte Henrik nicht nur einen Großteil seiner Arbeit auf Fårö machen, sondern sie würden auch Fotografen aus aller Herren Länder hierherlocken. Fotografen und Models würden in den Apartments wohnen und im Studio und natürlich vor allem in der dramatisch schönen Natur arbeiten können, die einen der bedeutendsten Filmregisseure der Welt inspiriert hatte.
Warum nicht?, hatten sie gedacht. Schließlich pilgerten schwedische und amerikanische Fotografen bis nach Indien, nur um Models aus der westlichen Hemisphäre im richtigen Sonnenlicht zu fotografieren.
Sie nahmen einen Kredit auf und beauftragten Handwerker. Es lief wie geschmiert. Und dann kam die Wirtschaftskrise.
Als ein Unternehmen nach dem anderen die Marketingausgaben kürzte, stürzte die Werbebranche ab. Malin und Henrik mussten die Notbremse ziehen. Konkret bedeutete das, dass sie die Handwerker nach Hause schicken und das Geld, das sie noch nicht ausgegeben hatten, zurückzahlen mussten.
Und an diesem Punkt standen sie nun. Sie waren zwar nicht vollkommen am Ende, noch mussten sie nicht bei Christie’s anrufen. Doch Malin wusste, dass Henrik nachts wach lag. Er jonglierte mit Zinsniveaus, schwankte zwischen Horrorszenarien und Wunschphantasien und rechnete sich aus, wo die Schmerzgrenze lag. Sie selbst versuchte, nicht an Geld zu denken.
Die Kredite konnten sie nur bedienen, weil Henrik auch Aufträge auf dem Festland und im Ausland annahm. Obwohl sie sich das ganz anders vorgestellt hatte. Immerhin brachte auch Malins Kochblog einiges ein. Sie hofften, dass sie so das Geld zusammenbringen würden, um allmählich auch die restlichen Gästewohnungen auszubauen.
Ein paar Hunderttausend Kronen von Henriks Mutter wären eine große Hilfe, aber Malin hatte die Hoffnung auf dieses Geld mehr oder weniger aufgegeben. Sie konnten es sich nicht leisten, einen Prozess zu verlieren. Dann würden sie das Haus definitiv verkaufen müssen. Und Henriks Schwestern schienen lieber sterben zu wollen, als einen Teil von ihrem Erbe abzugeben.
Malik nahm den Topf vom Herd und goss das kochende Wasser in die Teekanne.
»Das war ein dänischer Fotograf, der vielleicht für eine Woche kommt.« Henrik zeigte auf sein Handy.
Malin nickte, wollte aber noch nicht zu fest daran glauben.
»Mode?«
»Nein, Bier.«
»Von mir aus könnte es Porno sein, Hauptsache, das Geschäft kommt endlich in Gang.«
»Okay …«
»Das war ein Scherz.«
Malin schenkte den Tee ein, gab ein bisschen Milch dazu und ging zu Henrik hinüber. Nachdem sie die vollen Becher auf den Tisch gestellt hatte, nahm sie sich einen Stuhl. Der Schmerz, der durch ihren Fuß schoss, ließ sie laut aufschreien.
»Was ist?« Henrik sprang auf und sah sie besorgt an.
Sie stand auf einem Bein und wand sich vor Schmerzen, Tränen liefen ihre Wangen hinunter.
»Malin, was hast du?«
»Weiß nicht«, stöhnte sie. »Mein Fuß, irgendwas …«
Langsam ließ sie sich auf den Stuhl sinken, während Henrik um den Tisch herumging.
»Du blutest ja.«
Sie blickte an sich hinunter. Erst jetzt sah sie die großen dunklen Tropfen auf dem grau lackierten Holzfußboden. Sie streckte das Bein und hielt den Fuß in die Höhe. Der stechende Schmerz war höllisch. Es tat so weh, dass sie Angst bekam.
Henrik ging in die Hocke und betrachtete den ausgestreckten Fuß.
»Das scheint ein Stück Glas zu sein.« Er sah noch genauer hin. »Ja, mitten in der Ferse.«
Beim Gedanken an eine Glasscherbe, die sich tief in ihren Fuß gebohrt hatte, fing Malin erneut an zu jammern.
»Wie sieht die Scherbe aus? Ist sie groß?«
Henrik öffnete den Mund.
»Eigentlich will ich es gar nicht wissen«, schnitt sie ihm das Wort ab.
Er musterte ihren Fuß und blickte mit tief gerunzelter Stirn zu ihr auf.
»Ich muss sie rausholen.«
Instinktiv zog sie ihren Fuß weg.
»Malin«, sagte er wie zu einem Kind und umfasste ihren Knöchel.
»Ich weiß, aber sei vorsichtig.«
»Du musst stillhalten.«
Sie drehte den Kopf zur Seite und versuchte sich zu entspannen, aber das war nicht leicht. Als sie ahnte, wie Henriks Daumen und Zeigefinger sich ihrer Ferse näherten, spannte sie ihren Körper noch mehr an. Am schlimmsten war es, als er die Scherbe berührte und die sich in der Wunde bewegte. Wahrscheinlich handelte es sich bloß um einige Millimeter, aber es fühlte sich an, als würde Henrik einen Speer durch ihr ganzes Bein bis hinauf zur Hüfte bohren. Dann folgte ein kurzer, aber schwächerer Schmerz, und es war vorbei.
Malin keuchte ein paarmal. Sie fühlte sich befreit und verletzlich zugleich.
Henrik hielt die Glasscherbe in die Höhe. Sie war etwa fünf Zentimeter lang und leicht gebogen, als stammte sie von einem Weinglas.
»Ich hol dir ein Pflaster.« Er legte die blutige Scherbe auf den Tisch.
Rasch ging er ins Badezimmer und kam mit dem grünen Verbandskasten zurück. Nachdem er die Ferse gereinigt hatte, klebte er auf Malins Anweisung zwei Pflaster kreuzweise über die Wunde.
»Der Schnitt ist ziemlich groß. Vielleicht solltest du morgen zur Krankenstation fahren«, sagte er, während er das Verbandszeug wieder einpackte.
»Morgen ist es zu spät. Wenn die Wunde genäht werden soll, muss man das heute Abend machen.«
Henrik sah sie mit einem Gesichtsausdruck an, von dem sie annahm, dass er bedeutete: Wenn du möchtest, gehe ich hinüber zu Bengt und Ann-Katrin und frage sie, ob sie auf die Kinder aufpassen, während ich dich nach Visby fahre.
»Ich glaube, sie würden sowieso nicht nähen.«
Henrik sagte nichts, schien aber aufzuatmen. Vorsichtig stellte Malin den Fuß auf den Boden.
»Ich hasse diese verfluchten Mieter. Jetzt bin ich mehrere Tage behindert.«
Henrik wollte gerade etwas darauf erwidern, als sie Ellen von oben rufen hörten.
»Mama, Mama, komm schnell.«
»Was ist denn los, Ellen?«
»Komm schnell, Mama, hier ist Kacke.«
Malin und Henrik sahen sich an.
»Was soll das heißen«, rief Malin. »Kacke?«
»Hier ist Kacke. Zwischen den Spielsachen. Jetzt komm!«
Hastig stellte Henrik den Verbandskasten ab und ging mit schweren Schritten nach oben. Malin folgte ihm und überlegte, ob wohl noch mehr Scherben herumlagen. Sie mussten in der Küche staubsaugen. Aus dem Kinderzimmer hörte sie Gemurmel und dann plötzlich Henriks laute Stimme: »Igitt, wie ekelhaft! Was soll denn das?«

 

2

 

Malin starrte in den geflochtenen Spielzeugkorb und hielt Ellen mit der linken Hand zurück.
»Könnte das ein Tier gewesen sein?«, fragte Henrik. »Vielleicht ist eine Katze hereingekommen?«
»Nach Katzenscheiße sieht das nicht aus«, antwortete Malin. Sie spürte, wie sie eine leichte Übelkeit befiel, ungefähr so, wie wenn sich ein Magen-Darm-Infekt ankündigte. Unter den Spielsachen hatte eine große dunkle Kackwurst gelegen. Es war so widerlich, dass sie nicht recht wusste, wohin mit sich.
»Ein Hund vielleicht?«, fragte Henrik.
»I think that some sick bastard has crapped in the children’s toybasket.« Malin zog Ellen noch ein Stück weiter weg von dem Korb.
»Was hast du gesagt, Mama?«
Sie wusste selbst nicht genau, wieso sie Englisch gesprochen hatte. Nun war Ellen noch neugieriger geworden.
»Hör auf, das muss ein Tier gewesen sein.«
»Die einzigen Tiere, die sich meines Wissens in Häuser schleichen und in Schubladen oder Körbe kacken, sind Katzen, und das ist keine Katzenscheiße. Außerdem decken Katzen ihre Häufchen üblicherweise nicht mit einem Kubikmeter Spielzeug zu, wenn sie fertig sind.«
»Aber das könnte doch einer der Mieter getan haben.«
Sie sah Henrik an. Wie meinte er das? »Vielleicht haben sie es gar nicht bemerkt und beim Aufräumen dann …«
»Das muss doch gestunken haben«, unterbrach sie ihn.
Henrik dachte kurz nach, dann zuckte er mit den Schultern und griff nach dem Korb.
»Ich bringe ihn runter in die Waschküche und versuche, ihn irgendwie zu desinfizieren.«
»Die Spielsachen müssen auch alle gewaschen werden.«
»Das ist mir klar«, zischte er und verschwand mit dem Korb.
»Das war keine Kritik«, rief Malin ihm hinterher.
Sie seufzte. Mein Gott, so was war doch kein Grund zu streiten.
»Komm.« Sie nahm Ellen an der Hand und humpelte mit ihr zum Bad.
Nachdem Ellen sich die Hände gewaschen hatte, wusch Malin ihr das Gesicht und zog sie aus. Sie wickelte ihre Tochter in den Bademantel, begleitete sie zurück ins Kinderzimmer und setzte sie auf die Bettkante.
»Bleib hier sitzen, bis ich ein paar Mülltüten geholt habe. Fass nichts an. Wir müssen alles waschen.«
»Aber nicht mein Kaninchen!«, protestierte Ellen.
»Das muss auch in die Waschmaschine. Du darfst nichts anfassen, hast du mich verstanden? Bleib hier sitzen, bis ich wieder da bin.«
Ellen nickte.

 

Als Malin mehr oder weniger auf einem Bein die Treppe hinunterhüpfte, kam ihr plötzlich der Gedanke, dass es ein Fehler war, Ellen da oben allein zu lassen. Das Gefühl wurde mit jeder Stufe intensiver. Etwas Fremdartiges schien hier gewesen zu sein. Das war natürlich auch so, aber sie meinte etwas bösartig Fremdes, das neben den äußerst greifbaren Überbleibseln im Spielzeugkorb auch unsichtbare Spuren hinterlassen hatte. Hätte sie Ellen lieber mit nach unten nehmen sollen? Aber dann wäre Axel ganz allein da oben.
Was, wenn sich jemand im Haus befand? Der Gedanke überkam sie ohne Vorwarnung und ließ sie nach Luft schnappen. Sie versuchte, ihn zu verdrängen. Warum sollte jemand hier im Haus sein?
Lästige Gedanken. Normalerweise quälte sie sich nicht mit solchen Vorstellungen. Nun würde sie erst ins Bett gehen können, wenn Henrik das gesamte Haus durchsucht hatte. Malin öffnete die unterste Küchenschublade und riss jede Menge Plastiktüten heraus. Am liebsten hätte sie die Spielsachen, die irgendwie mit der Kacke in Berührung gekommen waren, einfach weggeschmissen, aber das ging natürlich nicht.
»Das kann ich doch machen«, rief Henrik aus dem Badezimmer. »Leg deinen Fuß hoch.«
»Kein Problem«, rief sie zurück. »Ich schaff das schon.«
Sie ging wieder nach oben. Hinauf ging es leichter als hinunter. Im Kinderzimmer angekommen, begann sie, alles einzupacken, was Ellen herausgezogen hatte. Sie hatte viel zu viele Tüten geholt. Drei reichten aus. In zwei stopfte sie die Spielsachen, und die dritte hatte sie sich über die Hand gestreift, um ihren Ekel in Schach zu halten.
Sie nahm Ellen mit nach unten in die Küche. Dort fiel ihr ein, dass das Mädchen Hausschuhe tragen sollte, falls noch mehr Scherben herumlagen. Also setzte sie Ellen auf einen Stuhl und humpelte wieder nach oben, um die weißen Kaninchenpuschen zu holen.
Als sie schließlich mit den Tüten in die Waschküche kam, stand Henrik am Spülbecken und schrubbte den Spielzeugkorb aus. Er blickte kurz auf.
»Vielleicht haben die ja auch in die Teetassen gewichst«, sagte er mit einem schiefen Grinsen.
»Du bist widerlich. Solche Kommentare kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen.«
»Aber …«
Als sie wieder in die Küche kam, sank sie auf einen Stuhl und blieb dort stocksteif sitzen. Sie wollte sich nicht anlehnen, wollte die Ellbogen nicht aufstützen und musste sich zusammenreißen, um Ellen nicht anzufahren, weil sie den Kopf auf die Tischplatte gelegt hatte.
Erst wenn sie jeden Winkel des Hauses gründlich geputzt haben würde, würde sie sich hier wieder wohl fühlen. Sie unterdrückte ein Seufzen und streckte die Hand nach Ellen aus.
»Komm, ich bring dich ins Bett.«
Malin bezog Ellens Bett frisch und deckte sie zu. Das Fenster ließ sie offen stehen, damit frische Spätsommerluft hereinkam und alles Fremde, was sich in ihren Räumen aufgehalten und ihre Sachen berührt hatte, und jede fremde Stimme, die hier geredet, gelacht und geflucht hatte, wegfegte.
Sie hatten das Geld gebraucht, und das Haus zu vermieten war ihnen als eine so einfache Möglichkeit erschienen. Im Nachhinein konnte sie überhaupt nicht mehr verstehen, wie sie auf eine so hirnrissige Idee gekommen waren.
Auch in ihrem und Henriks Schlafzimmer öffnete sie die beiden Fenster und suchte saubere Bettwäsche heraus. Bevor sie die Decken bezog, hielt sie sie aus dem Fenster und schüttelte sie kräftig durch. Nur mit Mühe schob sie das Gefühl beiseite, dass die Decken und Matratzen verbrannt werden müssten und dass sie heute Nacht kein Auge zutun würde, wenn sie nicht ein neues Bett aus den renovierten Apartments holten.
Sie legte die Decken weg und schüttelte auch die Kopfkissen aus. Als sie Henrik unten rufen hörte, hielt sie inne.
»Was? Ich habe dich nicht verstanden«, rief sie zurück.
Sie nahm den gereizten Unterton in ihrer Stimme selbst wahr, aber sie konnte sich nicht beherrschen.
Anstatt noch lauter zu brüllen, kam Henrik nach oben. Auf der Türschwelle blieb er stehen.
»Hast du die Bilder im Arbeitszimmer abgehängt?«
»Welche Bilder?«
Mit einem Kissen im Arm sah sie ihn an.
»Die Fotos von uns. Im Arbeitszimmer. Hast du sie vor unserer Abreise abgehängt?«
»Nein.«
»Bist du sicher?«
Malin dachte einen Augenblick nach. Eigentlich wäre das nicht nötig gewesen, aber Henriks ernste Miene machte sie unsicher. Sie hatte tatsächlich einige Dinge weggeräumt und im Gästehaus eingeschlossen, bevor sie das Haus den Mietern überlassen hatten, aber die Familienfotos im Arbeitszimmer hatte sie nicht abgehängt.
Sie nickte.
Zwischen Henriks Augenbrauen zeichnete sich wieder die tiefe Furche ab.
»Wo sind sie denn?«, fragte sie.
»Sie sind weg.«
»Weg?«
»An der Wand hängen sie jedenfalls nicht mehr.«
»Was?«
Sie sah ihn skeptisch an.
»Irgendjemand muss sie heruntergenommen haben. Ich verstehe das nicht.«
Malin schleuderte das Kissen aufs Bett. »Was waren hier bloß für Idioten? Scheiße und Glasscherben und … Wer macht denn so was? Vielleicht entdecken wir immer noch mehr. Wer weiß, was denen sonst so eingefallen ist!«
Ein kaltes dunkles Gefühl durchfuhr sie. Ihre Familienfotos zu stehlen, das war so persönlich, so brutal.
Henrik seufzte tief. »Morgen früh rufe ich gleich bei der Vermittlung an. Die Schränke hier unten sehe ich auch durch. Vielleicht haben sie die Bilder weggeräumt, um sie vor ihren Kleinkindern in Sicherheit zu bringen, und anschließend vergessen, sie wieder aufzuhängen.«
»Ich bezweifle …«
Malin bremste sich, als sie merkte, dass sie viel zu laut sprach, beinahe schrie. Sie senkte die Stimme. »Ich bezweifle, dass Menschen, die in die Spielzeugkörbe von anderen Leuten scheißen, so rücksichtsvoll sind.«
Henriks Blick bedeutete vermutlich, dass er ihr zustimmte. Trotzdem ging er wieder nach unten, um die Schränke zu durchsuchen, während Malin die Betten fertig bezog.
Als sie die Kopfkissenbezüge aus dem Schrank nehmen wollte, segelte ihr ein Blatt Papier entgegen. Malin beugte sich hinunter und hob es auf. Als sie es umdrehte, sah sie sofort, dass es eines der Fotos aus dem Arbeitszimmer war. Die ganze Familie am Strand Norsta Auren. Ein alter Freund von Henrik hatte es aufgenommen, als er im vorigen Sommer zu Besuch war. Aber dort, wo einst ihre vier Augenpaare in die Kamera geguckt hatten, klafften nun Löcher, durch die das Licht der Nachttischlampe leuchtete.
Diesmal schrie Malin hemmungslos.

Über Håkan Östlundh

Biografie

Håkan Östlundh, geboren 1962 im schwedischen Uppsala, ist Journalist und Autor erfolgreicher Kinderbücher, Romane und Drehbücher. Seine Kriminalromane um den Inspektor Fredrik Broman spielen auf Gotland, wo der Autor mit seiner Familie seit vielen Jahren seine Sommer verbringt. Im Winter wohnt er...

Weitere Titel der Serie »Fredrik-Broman-Reihe«

Kommissar Fredrik Broman und sein Team ermitteln auf und in der Nähe der schwedischen Insel Gotland.

Pressestimmen

Ostthüringer Zeitung

»Ein schockierendes, realistisches und tief unter die Haut gehendes Psychodrama.«

Berner Bär

»Hakan Östlundh (…) kombiniert gekonnt literarische Qualität mit hoher Spannung und fein gezeichneten Personenporträts.«

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