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Nimm das Ding da weg!

Nimm das Ding da weg!

Ein Fall für Mortdecai, den Teilzeitgauner

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Nimm das Ding da weg! — Inhalt

Heiter ist die Kunst, doch ernst das Leben. Kunsthändler Charlie Mortdecai, unterwegs auf Amerikas Highways in einem Rolls-Royce mit englischem Kennzeichen, bekommt die Wahrheit dieses Spruchs zu spüren. Denn mit an Bord ist ein gestohlener Goya, den Charlie (zunächst) ebenso teuer verkaufen möchte wie (später) sein Leben ...

€ 6,99 [D], € 6,99 [A]
Erschienen am 11.05.2015
Übersetzt von: Dorothee Suttkus
208 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97187-4

Leseprobe zu »Nimm das Ding da weg!«

1


Eine so alte Geschichte, und Ihr könnt
sie nicht besser erzählen?
Pippa geht vorüber


Wenn man einen alten, geschnitzten vergoldeten Bilderrahmen verbrennt, macht das im Kamin ein gedämpftes, zischendes Geräusch – etwa wie ein leises Fuuh –, und das Blattgold lässt die Flammen in einem wunderbaren pfauenfarbenen Blaugrün leuchten. Am Mittwochabend war ich gerade selbstzufrieden in diesen Anblick vertieft, als Martland zu Besuch kam. Er drückte dreimal rasch hintereinander auf die Klingel – ein gebieterischer Mann in Eile. Mehr oder weniger hatte ich ihn [...]

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1


Eine so alte Geschichte, und Ihr könnt
sie nicht besser erzählen?
Pippa geht vorüber


Wenn man einen alten, geschnitzten vergoldeten Bilderrahmen verbrennt, macht das im Kamin ein gedämpftes, zischendes Geräusch – etwa wie ein leises Fuuh –, und das Blattgold lässt die Flammen in einem wunderbaren pfauenfarbenen Blaugrün leuchten. Am Mittwochabend war ich gerade selbstzufrieden in diesen Anblick vertieft, als Martland zu Besuch kam. Er drückte dreimal rasch hintereinander auf die Klingel – ein gebieterischer Mann in Eile. Mehr oder weniger hatte ich ihn schon erwartet und konnte deshalb, als mein Gorilla Jock den Kopf durch die Tür steckte, die Augenbrauen ausdrucksvoll in die Höhe gezogen, einen gewissen Aplomb in mein »Schieb ihn rein« legen.
In dem Schund, den Martland sich einverleibt, hat er wohl mal gelesen, dass massige Männer sich mit einer erstaun­lichen Leichtigkeit und Grazie bewegen. Folgerichtig tappt er umher wie eine schwergewichtige Elfe, die hofft, von einem Kobold aufgelesen zu werden. Schweigend und katzengleich stolzierte er mit lächerlich geräuschlos schwingendem Hinterteil herein. »Brauchst nicht aufzustehen«, stichelte er, als er sah, dass ich keineswegs die Absicht hatte, dies zu tun. »Ich bedien’ mich selbst, ja?«
Die einladenden Flaschen auf dem Getränkewagen ignorierend, griff er unbeirrbar nach der großen Karaffe, die da­runter stand, und goss sich einen beträchtlichen Schluck von dem ein, was er für meinen Taylor-Portwein, Jahrgang 31 hielt. Das war schon mal ein Punkt für mich, denn ich hatte sie mit einem miesenPort gefüllt, der unglaublich scheußlich schmeckte. Er bemerkte nichts; der zweite Punkt für mich. Aber natürlich ist er nur ein Polizist – oder muss ich inzwischen sagen: »war«?
Er senkte seinen massigen Hintern in meinen zierlichen Regency-Sessel und schmatzte mit den Lippen angesichts der dunkelroten Brühe in seinem Glas. Ich konnte beinahe hören, wie er in seinem Hirn nach einer geschickten, lockeren Einleitung kramte. Das ist sein Oscar-Wilde-Touch. Martland besteht aus nur zwei Persönlichkeiten: Wilde und I-Ah. Trotzdem ist er ein sehr grausamer und gefährlicher Polizist. Oder muss ich inzwischen sagen: »war« – oder hab’ ich das schon erwähnt?
»Junge, Junge«, bemerkte er schließlich, »was für ein Snobismus – jetzt ist auch noch dein Brennholz vergoldet.
»Nur ein alter Rahmen«, sagte ich ohne Umschweife. »Ich dachte, ich verbrenn’ ihn.«
»Aber so eine Verschwendung – ein schöner, geschnitzter Louis-Seize-Rahmen …«
»Du weißt verdammt genau, dass es kein schöner Louis-Sowieso-Rahmen ist«, knurrte ich. »Es handelt sich um die Reproduktion eines Chippendale-Rahmens mit hängenden Weinranken, der etwa letzte Woche von einer dieser Firmen in der Greyhound Road hergestellt worden ist. Ein Bild, das ich neulich gekauft habe, war damit gerahmt.«
Man weiß nie, was Martland weiß oder nicht weiß, aber beim Thema antike Bilderrahmen fühlte ich mich ziemlich ­sicher; nicht einmal Martland würde darüber einen Kurs ­besucht haben, dachte ich.
»Wäre aber doch interessant gewesen, wenn es ein Louis Seize, etwa fünfzig mal einhundertzehn Zentimeter, gewesen wäre, das musst du zugeben«, murmelte er und starrte nachdenklich auf die letzten, auf dem Rost verglimmenden Reste.
In diesem Moment kam mein Gorilla herein, schüttete etwa zwanzig Pfund Kohlen darauf und zog sich, nachdem er Martland mit einem höflichen Lächeln bedacht hatte, ­zurück. Jocks Vorstellung von einem höflichen Lächeln sieht so aus, dass er einen Teil seiner Oberlippe zurückzieht und einen hundezahnähnlichen langen gelben Fang entblößt. Das erschreckt sogar mich.
»Hör mal, Martland«, sagte ich gleichmütig. »Wenn ich diesen Goya geklaut oder verhökert hätte, um Himmels willen – du glaubst doch wohl nicht, dass ich ihn dann samt Rahmen hierhergebracht hätte, oder? Und den Rahmen dann auch noch auf meinem eigenen Rost verbrennen würde? Ich bin doch nicht bescheuert.«
Er gab verlegene, protestierende Laute von sich, als ob ihm nichts ferner läge als der Gedanke an den großartigen Goya, der vor fünf Tagen in Madrid geraubt worden war, worüber alle Zeitungen ausführlich berichtet hatten. Er unterstrich die lautlichen Äußerungen mit einem leichten Wedeln der Hand, wobei er etwas von dem Weinimitat auf einen Wandteppich in seiner Nähe verschüttete.
»Das«, bemerkte ich scharf, »ist ein wertvoller Savonnerie-Wandteppich. Portwein bekommt ihm äußerst schlecht. ­Außerdem befindet sich darunter wahrscheinlich ein unbezahlbarer Alter Meister, dem bekäme Portwein noch viel schlechter.«
Er sah mich scharf an; ihm war klar, dass ich möglicherweise die Wahrheit sagte. Ich blickte unterwürfig zurück; mir war klar, dass ich die Wahrheit sagte. Aus dem Halb­dunkel der Diele lächelte mein Gorilla Jock sein höflichstes Lächeln. Ein zufälliger Betrachter, hätte sich ein solcher auf dem Anwesen befunden, hätte geglaubt, bei uns herrsche ­eitel Freude.
Bevor irgend jemand anfängt zu glauben, dass Martland ein unfähiger Schlagetot ist oder war, sollte ich jetzt lieber für ein bisschen Hintergrundinformation sorgen. Sie wis-
sen zweifellos, dass englische Polizisten – außer unter ganz ­ungewöhnlichen Umständen – niemals eine andere Waffe tragen als den alten, hölzernen Kasperle-Knüppel. Sie wissen auch, dass sie nie und nimmer handgreiflich werden. Aus Angst vor einer Anklage wegen tätlicher Beleidigung und offiziellen Anfragen von Amnesty International trauen sie sich heutzutage nicht einmal, kleinen Jungen, die sie beim Äpfelklauen erwischt haben, den Hintern zu versohlen.
All das wissen Sie sicherlich, weil Sie noch nie von der Sondereinsatzgruppe SEG gehört haben, die so etwas wie eine Spezialeinheit der Polizei ist. Das Innenministerium hat sie in den Wochen nach dem großen Postraub geschaffen, als man in einem seltenen Anfall von Realitätsnähe den Tatsachen ins Auge blickte. Die SEG wurde durch einen Kabinettsbeschluss ins Leben gerufen und hat einen vom Innenminister und einem seiner langgedienten Beamten erteilten Geheimauftrag. Es heißt, dass die Anweisungen fünf Seiten umfassen und alle drei Monate neu unterschrieben werden. Die Idee, die dahintersteckt, sieht so aus, dass nur die nettesten und psychisch ausgeglichensten Burschen für die SEG angeworben werden sollen, die aber, sind sie erst einmal drin, sogar einen Persilschein für Mord haben, solange sie nur Ergebnisse bringen. Es darf einfach nie mehr einen großen Postraub geben, auch wenn das bedeutet – bloß nicht ­daran denken! –, dass ein paar Bösewichter ins Gras beißen müssen, ohne sie erst einem kostspieligen Gerichtsverfahren zu unterziehen. (Auf diese Weise wurde bereits ein Vermögen an Pflichtverteidiger-Gebühren gespart.) Alle Zeitungen, sogar die in australischer Hand, haben mit dem Innenministerium ein Abkommen, dem zufolge sie die Neuheiten frisch aus der Giftküche bekommen, wofür sie ihrerseits ­Einzelheiten über Schusswaffen und Folter heraussieben. Entzückend.
Die SEG hat mit dem Staatsdienst – außer mit einem verängstigten kleinen Mann vom Finanzministerium – nichts weiter zu tun; ihr Auftrag beinhaltet die Weisung – jawohl, Weisung – an alle Polizeikommissare, ihnen »jedwede verwaltungstechnischen Einrichtungen ohne dienstliche Auflagen oder schriftliche Formalitäten« zur Verfügung zu stellen. Dieser Passus begeistert die reguläre Polizei natürlich. Die SEG ist in Gestalt ihres Bevollmächtigten, eines besoffenen Earls und Geheimen Staatsrats, der nachts auf nicht ganz
so geheimen öffentlichen Örtchen herumhängt, allein dem Ersten Minister der Königin verantwortlich.
Ihr eigentlicher Kopf und Leiter ist ein ehemaliger Oberst der Fallschirmjäger, der mit mir in die Schule gegangen ist und den merkwürdigen Rang eines Außerordentlichen Polizeidirektors bekleidet. Ein sehr fähiger Bursche namens Martland. Am liebsten tut er Leuten weh.
Offensichtlich hätte er auch mir durch eine intensive Befra­gung gern ein wenig weh getan, aber Jock trieb sich draußen vor der Tür herum, wo er ab und zu diskret rülpste, um mich daran zu erinnern, dass er im Bedarfsfall zur Verfügung stünde. Jock ist das Gegenteil eines typischen englischen Kammerdieners: schweigsam, unergründlich und auch dann noch respektvoll, wenn ihm eigentlich gar nicht mehr danach ist; aber irgendwie ist er ständig betrunken und hat Spaß ­daran, den Leuten die Nase einzuschlagen. Heutzutage kann man nicht geschäftlich mit den schönen Künsten zu tun ­haben, ohne sich einen Gorilla zu halten, und Jock ist einer der besten. War einer der besten.
Nachdem ich nun Jock vorgestellt habe – sein Nachname fällt mir nicht ein, aber mir ist so, als sei es der seiner Mutter –, sollte ich vielleicht auch ein paar Fakten über mich selbst mitteilen. Ich bin Charlie Mortdecai, das heißt, ich bin tatsächlich auf den Namen Charlie getauft worden; ich glaube, dass meine Mutter damit auf obskure Weise meinen Vater treffen wollte. Ich bin sehr glücklich mit Mortdecai – es klingt etwas altmodisch, mit einer Andeutung von Judentum und einem Hauch von Korruption. Kein Sammler kann widerstehen, mit einem Händler namens Mortdecai die ­Klingen zu kreuzen. Ich befinde mich in der Blüte meiner Jahre, bin knapp durchschnittlich groß, bedauerlicherweise überdurchschnittlich gewichtig und verfüge noch über die letzten faszinierenden Reste eines auffällig guten Aussehens (manchmal, bei gedämpftem Licht und mit eingezogenem Bauch, gefalle ich mir beinahe selbst). Ich mag Kunst und Geld, schmutzige Witze und Alkohol. Ich bin überaus erfolgreich. Auf meiner annehmbaren, zweitklassigen Privatschule habe ich gelernt, dass fast jeder einen Kampf gewinnen kann, wenn er nur bereit ist, seinem Kontrahenten den Daumen ins Auge zu stoßen. Die meisten Leute bringen das nicht über sich, wussten Sie das?
Außerdem darf ich meinem Namen den Titel »Der Ehrenwerte« voranstellen, denn mein Daddy war Bernard, Erster Baron Mortdecai von Silverdale in der Grafschaft Lancaster. Er war der zweitgrößte Kunsthändler des Jahrhunderts; er vergiftete sich sein Leben mit dem unablässigen Versuch, Duveen zu überbieten. Dem Anschein nach erhielt er seine Baronie dafür, dass er der Nation gute, aber unverkäufliche Kunstschätze im Wert von gut dreihunderttausend Pfund vermachte, tatsächlich aber dafür, dass er etwas Kompromittierendes, das er über eine hochgestellte Persönlichkeit wusste, vergaß. Seine Memoiren sollen nach dem Tod meines Bruders veröffentlicht werden – das wäre, mit einigem Glück, etwa kommenden April. Ich kann sie nur empfehlen.
Aber zurück in die Hütte von Mortdecai, wo der alte Vorturner Martland sich grün und blau ärgerte oder jedenfalls so tat. Er ist ein grauenhafter Schauspieler, aber grauenhaft ist er auch, wenn er nicht schauspielert; man kann es deswegen nicht immer unterscheiden. »Na, komm schon, Charlie«, sagte er verdrossen.
Ich hob die Augenbraue nur gerade hoch genug, um anzudeuten, dass es schon eine Weile her war, dass wir gemeinsam die Schulbank gedrückt hatten. »Was meinst du mit ›na komm schon‹?« fragte ich.
»Ich meine, hören wir auf, um den heißen Brei herumzu­reden.«
Ich erwog drei clevere Erwiderungen auf diese Bemerkung, überlegte es mir dann jedoch anders. Zu Zeiten bin ich zu ­einem Wortgefecht mit Martland bereit; heute war das eindeutig nicht der Fall. »Kannst du mir sagen«, erkundigte ich mich, »was ich dir geben könnte, das du haben möchtest?«
»Irgendeinen Hinweis auf diese Goya-Sache«, sagte er kleinlaut. Ich zog eisig ein oder zwei Augenbrauen hoch. Er wand sich ein wenig. »Weißt du, es gibt so was wie diplomatische Rücksichten.« Er stöhnte leise.
»Ja«, sagte ich mit einiger Genugtuung, »das sehe ich durchaus ein.«
»Nur einen Namen oder eine Adresse, Charlie. Irgend ­etwas. Du musst doch was gehört haben.«
»Und wo kommt dabei das gute alte cui bono ins Spiel?« fragte ich. »Oder verlässt du dich mal wieder auf unsere ­gemeinsame Schulzeit?«
»Du hättest dann ein ruhiges Gewissen, Charlie – es sei denn, du steckst selbst als Kopf hinter dieser Sache.«
Ich dachte ein Weilchen nach, bemüht, nicht zu eifrig zu wirken, und goss dabei den echten Taylor Jahrgang 31, der sich in meinem Glas befand, in mich hinein, »In Ordnung«, sagte ich schließlich. »Es ist ein grobschnäuziger Mann mittleren Alters in der Nationalgalerie namens Jim Turner.«
Martland ließ glücklich seinen Kugelschreiber über eine Seite seines Notizbuches gleiten.
»Kompletter Name?« fragte er in barschem Ton.
»James Mallord William.«
Er wollte es gerade notieren, erstarrte dann und sah mich böse funkelnd an.
»1775 bis 1851«, stichelte ich. »Hat dauernd bei Goya ­geklaut. Aber schließlich war ja auch Goya so was wie ein Dieb, oder?«
Noch nie im Leben war ich so nahe dran, eine auf die Nase zu kriegen. Zum Glück für mein noch schwach erkennbares edles Profil kam Jock genau in diesem Moment herein, wobei er wie eine beherzte ledige Mama ein Fernsehgerät vor sich hertrug. Die Vernunft gewann wieder Oberhand über Martland.
»Ha, ha«, sagte er höflich und steckte das Notizbuch weg.
»Weißt du, heute ist Mittwoch«, erklärte ich.
»?«
»Berufscatchen. Im Fernsehen. Jock und ich sehen uns das immer an, weil so viele seiner Freunde dabei mitmachen. Willst du nicht bleiben und auch gucken?«
»Gute Nacht«, sagte Martland.
Fast eine Stunde lang ergötzten Jock und ich uns – und die Tonbänder der SEG – am Grunzen und Röhren der Catcher-Könige und an den erstaunlich sachkundigen Kommentaren von Mr. Kent Walton, der einzige, der meiner Meinung nach seinen Job wirklich gut macht. »Der Mann ist erstaunlich sachkundig und so weiter«, sagte ich zu Jock.
»Jaa. ’n Augenblick lang hab’ ich gedacht, er beißt dem andern Kerl das Ohr ab.«
»Nein, Jock, nicht Pallo. Kent Wal ton.«
»Na, für mich sieht der aus wie Pallo.«
»Ach, lass mal, Jock.«
»In Ordnung, Mr. Charlie.«
Es war eine fabelhafte Sendung; die Bösen tricksten schamlos, und der Ringrichter kam ihnen nie ganz auf die Schliche, aber die Guten gewannen immer in letzter Minute, indem sie die Bösen in den Schwitzkasten nahmen. Außer natürlich, als Pallo kämpfte. Wirklich überaus befriedigend … Es war auch überaus befriedigend, an all die jungen, karrieregeilen Bobbies zu denken, die wohl genau in diesem Augenblick ­jeden Turner in der Nationalgalerie einer Prüfung unterzogen. Es hängt eine Menge Turners in der Nationalgalerie. Martland war schlau genug, um sich darüber im klaren zu sein, dass ich nicht einfach einen schlechten Scherz machen würde, nur um ihn zu ärgern. Deswegen würde jeder Turner überprüft werden. Und zweifellos würden seine Männer hinter einem von ihnen einen Umschlag finden, in dem sich – wiederum ganz ohne Zweifel – eine jener Fotografien befände.
Nach der letzten Runde tranken Jock und ich, wie wir das an Ringerabenden zu tun pflegen, noch einen Whisky miteinander: Red Hackle de Luxe für mich und Johnny Walker für Jock. Den mag er lieber; außerdem kennt er seine Stellung im Leben. Zu jenem Zeitpunkt hatten wir natürlich schon das kleine Mikrofon, das Martland achtlos unter dem Sitz des Sessels vergessen hatte, entfernt (Jock hatte dort gesessen, und das Tonband hatte zweifellos mit dem Catchen unanständige Geräusche aufgenommen). Jock, der außerordentlich erfinderisch ist, warf die kleine Wanze in ein Whiskyglas und fügte Wasser und ein Alka Seltzer hinzu. Dann erlitt er einen Kicheranfall – für Auge und Ohr eine grässliche Darbietung.
»Beruhige dich, Jock«, sagte ich, »es gibt nämlich noch ­etwas zu tun. Quod hodie non est, cras erit, und das heißt, dass ich damit rechne, morgen gegen Mittag verhaftet zu werden. Wenn möglich, sollte das im Park geschehen, damit ich, wenn ich es für richtig halte, eine Szene machen kann. Unmit­telbar danach wird man diese Wohnung durchsuchen. Du darfst nicht hier sein und Duweißt-schon-was auch nicht. Steck es wie neulich unter die Innenverkleidung des abnehm­baren Autodachs, montier das Dach auf den MGB und bring ihn zu Spinoza in die Werkstatt. Sprich bitte nur mit Spinoza persönlich und sei pünktlich um acht Uhr da. Verstanden?«
»Ja, Mr. Charlie.«
Damit trollte er sich in sein Schlafzimmer am Ende des Gangs, wo ich ihn noch immer glücklich kichern und furzen hörte. Sein Zimmer ist sauber, schlicht möbliert und stets gut gelüftet – genau das, was Sie sich als Zimmer für Ihren halbwüchsigen Pfadfinder-Sohn wünschen würden. An der Wand hängt ein Schaubild, das die Abzeichen und Ränge der britischen Armee darstellt; auf dem Nachttisch steht eine ­gerahmte Fotografie von Shirley Temple, und auf der Wäsche­kommode befindet sich das noch nicht ganz fertige Modell einer Galeone sowie ein kleiner Stoß der Zeitschrift Motorwelt. Ich glaube, er hat früher Desinfektionsmittel mit Tannenduft als Aftershavelotion benutzt.
Mein eigenes Schlafzimmer ist eine recht getreue Nach­bildung der Geschäftsräume einer kostspieligen Hure aus der Zeit des Directoire. Für mich steckt es voll bezaubernder Erinnerungen, brächte aber Sie vermutlich zum Kotzen. Aber lassen wir das.
Ich sank in einen glücklichen, traumlosen Schlaf, denn nichts läutert den Geist vermittels Mitleid und Angst so sehr wie das Catchen – das ist die einzige geistige Katharsis, die diesen Namen verdient. Und es gibt auch kein sanfteres ­Ruhekissen als ein nicht ganz so gutes Gewissen.
Das war Mittwochnacht. Niemand weckte mich.

 

2


Ich bin der Mann, den Ihr hier seht, jawohl –
Ein Tier? Gut denn, und Tiere leben tierisch!
Gesteh ich nur gleich Schwanz und Klauen ein –
Der ungeschwänzte Mensch steht höher, doch
Ich peitsch’ mit meinem Schwänze wie der Low’
Und lass die Affen ihre Stummel bergen.
Bischof Blougrams Apologie

Niemand weckte mich, bis um zehn Uhr an jenem wunderschönen Sommermorgen Jock hereinkam mit meinem Tee und dem Kanarienvogel, der sich wie immer das Herz aus dem Leibe sang. Ich entbot beiden einen guten Morgen. Jock möchte, dass ich den Kanarienvogel begrüße, und es kostet nichts, ihm in so kleinen Dingen gefällig zu sein.
»Ah«, fügte ich hinzu, »der gute alte Oolong oder Lapsang mit der beruhigenden Wirkung!«
»Häh?«
»Bring mir meinen Spazierstock, meine allergelbsten Schuhe und den alten grünen Homburg«, zitierte ich weiter, »ich gehe in den Park zum ländlichen Tanze.«
»Häh?«
»Ach, lass mal, Jock. Aus mir spricht lediglich Bertram Wooster, der wahre englische Gentleman.«
»In Ordnung, Mr. Charlie.«
Ich denke oft, dass Jock Squash spielen sollte. Er würde eine fabelhafte Wand abgeben.
»Hast du das mit dem MGB erledigt, Jock?«
»Jaa.«
»Gut. Alles in Ordnung?« Das war natürlich eine blöde Frage, und natürlich musste ich dafür zahlen.
»Jaa. Also, das Sie-wissen-schon-was war ein bisschen zu groß und passte nicht unter die Innenverkleidung, und da musste ich am Rand ein bisschen was abschneiden, wissen Sie.«
»Was? Abschneiden? Du hast was? Aber Jock …«
»Alles in Ordnung, Mr. Charlie, war nur Spaß.«
»Na, in Ordnung, Jock. Schöner Spaß. Hat Mr. Spinoza ­irgendwas gesagt?«
»Jaa, er hat ein schmutziges Wort gesagt.«
»Ja, das sieht ihm ähnlich.«
»Jaa.«
Ich machte mich an den täglichen Schrecken des Aufstehens. Mit gelegentlicher Hilfestellung durch Jock schleppte ich mich vorsichtig von der Dusche zum Rasierapparat, von der Dexedrin zu der unerträglichen Entscheidungsfindung, welche Krawatte ich tragen sollte, und erreichte vierzig ­Minuten später wohlbehalten den Frühstückstisch mit dem einzigen Frühstück, das diesen Namen verdient – das Eisenbahner-Frühstück, bei dem der Kaffee in der großen Tasse durch Rum wie mit Spitze und Filigran verziert wird. Ich war endlich wach. Mir war nicht übel geworden. Die Welt hatte mich wieder.
»Ich glaube nicht, dass wir überhaupt ’nen grünen Homburg ham, Mr. Charlie.«
»Ist schon in Ordnung, Jock.«
»Ich könnt’ die kleine Tochter vom Portier zu Lock rüberschikken, wenn Sie woll’n.«
»Nein, ist schon in Ordnung, Jock.«
»Sie tät’s für ’ne halbe Krone.«
»Nein, es ist in Ordnung, Jock.«
»In Ordnung, Mr. Charlie.«
»Du musst in fünf Minuten aus der Wohnung sein, Jock, und du darfst natürlich keine Schießeisen oder sonst was
in der Art hier herumliegen lassen. Die Alarmanlage muss ­eingeschaltet, der Fotoapparat mit Film versehen und funktionsbereit sein – du weißt schon.«
»Jaa, ich weiß.«
»Jaaa«, sagte ich, und verlängerte das Wort – verbaler Snob, der ich bin – um ein Extra-A.
Stellen Sie sich also bitte diesen beleibten Wüstling vor, der mit vollen Segeln und mit vor Abenteuerlust zuckendem Wangenmuskel die Upper Brook Street Richtung St. James Park hinunterrauscht, ansonsten jedoch sehr weltmännisch und gesetzt, bereit, der erstbesten Schlampe einen Strauß Veilchen abzukaufen und ihr dafür einen Goldsovereign ­hinzuwerfen: Captain Hugh Drummond-Mortdecai, Träger höchster militärischer Auszeichnungen, ein flottes Liedchen pfeifend und die seidene Unterhose zwischen den gut gepuderten Hinterbacken eingeklemmt – gütiger Himmel!
Natürlich waren sie mir von dem Augenblick an, als ich auf die Straße trat, auf den Fersen, das heißt, eigentlich waren sie mir nicht auf den Fersen, denn die Beschattung erfolgte von vorn und war recht hübsch arrangiert; Himmel – die Jungs von der SEG verfügen über ein Jahr Training. Allerdings nahmen sie mich nicht, wie vorausgesagt, gegen Mittag fest. Ich ging am Teich auf und ab (und sagte unverzeihliche Dinge zu meinem Freund, dem Pelikan), aber alles, was sie taten, war, so zu tun, als ob sie das Innere ihrer komischen Hüte inspizierten (die zweifellos mit Funkgeräten vollge­stopft waren), und einander mit ihren knotigen roten Händen verstohlene Zeichen zu geben. Ich begann allmählich zu glauben, dass ich Martland überschätzt hatte, und wollte mich gerade in Richtung Reform Club in Marsch setzen, um ein Mittagessen zu mir zu nehmen – das kalte Büffet dort ist das beste der Welt –, als:
Sie mich in die Zange nahmen, von beiden Seiten. Sie ­waren enorm groß, rechtschaffen, kompetent, tödlich, dumm, skrupellos, ernst, wachsam und voll gemäßigtem Hass auf mich. Einer von ihnen hielt mich am Handgelenk fest.
»Hauen Sie ab«, sagte ich mit zittriger Stimme, »was glauben Sie, wo Sie sind? Im Hyde Park?«
»Mr. Mortdecai?« brummte er kompetent.
»Hören Sie auf, mich kompetent anzubrummen«, protestierte ich. »Wie Sie sehr wohl wissen, bin ich es, ja.«
»Dann muss ich Sie bitten, mit mir zu kommen, Sir.«
Ich starrte den Mann an. Ich hatte nicht gewusst, dass man das immer noch sagt. Ist »sprachlos« vielleicht das Wort, nach dem ich suche?
»Häh?« sagte ich frei nach Jock.
»Sie müssen mit mir kommen, Sir.« Er funktionierte jetzt gut und begann, sich in seine Rolle hineinzufinden.
»Wohin bringen Sie mich?«
»Wohin möchten Sie denn gern, Sir?«
»Tja, hm … vielleicht nach Hause?«
»Ich fürchte, das geht nicht, Sir. Da wären wir nämlich ohne unsere Ausrüstung.«
»Ausrüstung? Ah ja, ich verstehe. Du lieber Himmel.« Ich zählte meinen Puls, meine Blutkörperchen und ein paar ­andere lebenswichtige Teile. Ausrüstung. Verdammt – Martland und ich waren zusammen zur Schule gegangen. Sie versuchten offensichtlich, mir Angst einzujagen.
»Sie versuchen offensichtlich, mir Angst einzujagen.«
»Nein, Sir. Noch nicht, Sir.«
Hätten Sie eine wirklich gewitzte Antwort auf so was? Ich auch nicht.
»Na dann. Also ab zu Scotland Yard, nehme ich an?« sagte ich leichthin und erhoffte mir nichts.
»Nein wirklich, Sir, das geht nicht, wissen Sie. Die sind da verflixt engstirnig. Wir hatten an unser Landkrankenhaus gedacht, raus in Richtung Esher.«
Martland hatte mir in einem leutseligen Augenblick mal vom »Landkrankenhaus« erzählt; danach hatten mich tagelang entsetzliche Träume heimgesucht.
»Nein nein nein nein, nein nein nein«, rief ich jovial, »ich würde nicht im Traum daran denken, euch Burschen so weit rauszuschleppen.«
»Tja dann«, sagte Schlagetot Nr. 2 und äußerte sich damit erstmals, »wie wär’s denn mit Ihrem lauschigen Plätzchen auf dem Lande, unten bei Stoke Poges?«
Ich muss zugeben, dass ich an dieser Stelle wohl ein wenig blass geworden bin. Mein Privatleben ist für jedermann ein offenes Buch, aber ich hatte doch geglaubt, dass »Possets« ein Zufluchtsort war, von dem nur ein paar enge Freunde wussten. Es gab dort nichts Gesetzwidriges, aber ich habe selbst das eine oder andere Stück an Ausrüstung, das manch einer für ein wenig frivol halten könnte.
»Häuschen auf dem Lande?« konterte ich blitzschnell. »HäuschenaufdemLande HäuschenaufdemLande?«
»Ja, Sir«, sagte Schlagetot Nr. 2.
»Nett und abgeschieden«, witzelte seine rechte Hand.
Nach ein paar vergeblichen Anläufen regte ich an (jetzt sehr gefasst, verbindlich und cool), dass es am allernettesten wäre, wenn wir den alten Martland anriefen – ein entzückender Bursche, hat mit mir die Schulbank gedrückt. Sie schienen nur zu gern dieser Anregung folgen zu wollen, und als nächstes quetschten wir uns alle drei in ein zufällig vorbeifahrendes Taxi, und Schlagetot Nr. 2 flüsterte dem Fahrer eine Adresse ins Ohr, als ob ich Martlands Adresse nicht ­genauso gut wie meine Steuernummer kennen würde.
»Northampton Park, Canonbury?« sagte ich kichernd, »seit wann nennt der alte Martland es denn Canonbury?«
Sie lächelten mich beide freundlich an. Das war fast so schlimm, als würde Jock höflich lächeln. Meine Körper­temperatur fiel um ganze zwei Grad, das konnte ich fühlen. Natürlich Fahrenheit; ich möchte keineswegs übertreiben.
»Ich meine, das ist ja noch nicht mal Islington«, brabbelte ich, jetzt bereits diminuendo, »schon eher Newington Green, wenn Sie mich fragen. Ich meine, was für ein lächerlicher …«
Ich hatte gerade bemerkt, dass im Inneren des zufällig vorbeigekommenen Taxis einiges von der üblichen Ausstattung wie ein Aushang mit den Fahrpreisen, Reklame oder Türgriffe fehlte. Was es dagegen gab, waren ein Funksprechgerät und eine einzelne, an einer Ringschraube im Boden befestigte Handschelle. Ich verstummte.
Sie schienen nicht der Ansicht zu sein, dass sie die Handschelle brauchen würden; sie saßen einfach da und betrachteten mich nachdenklich, ja fast freundlich, als ob sie meinte Tanten wären, die sich fragten, was ich wohl gern zum Tee hätte.
Wir fuhren just in dem Moment vor Martlands Haus vor, als seine Eierschaukel, ein Mini, von der Balls Pond Road her antrudelte. Sie parkte ziemlich schlecht ein und spuckte ­einen schlechtgelaunten und durchnässten Martland aus.
Das war sowohl gut als auch schlecht.
Gut, weil es bedeutete, dass Martland der Belagerung meiner Wohnung nicht sehr lange beigewohnt haben konnte; Jock hatte, seinem Auftrag entsprechend, offensichtlich alle Alarmeinrichtungen miteinander verbunden, und als Martland, meisterlich auf Zelluloid gebannt, sich seinen Weg durch meine Eingangstür bahnte, hatte er sicherlich mit einer Bull-O-Bashan-MK-IV-Sirene Bekanntschaft geschlossen und war in einen mächtigen Schauer aus der automatischen Sprinkleranlage geraten. Zudem hatte wohl eine durchdringend schrille Alarmglocke, die unerreichbar hoch über der Haustür angebracht war, zu dem Spaß beigetragen, und auf dem Polizeirevier in der Half Moon Street wie auch bei der Niederlassung einer international bekannten Wachgesellschaft in der Bruton Street, die ich stets nur die »Feste-drauf-Jungens« nannte, hatten blinkende Lichter verrückt gespielt. Eine niedliche kleine japanische Kamera, die automatisch Momentaufnahmen macht, hatte pausenlos von ihrem luf­tigen Standort im Kronleuchter aus geklickt, und dann – das war das Schlimmste – war sicher die zänkische Concierge aufgebracht die Treppe heraufgestapft, wobei ihre bösartige Zunge wie die Viehpeitsche eines Buren hin und her zischte.
Lange bevor ich mit Mr. Spinoza Freundschaft schloss, hatte er ein paar Freunde gebeten, sich »um meine Höhle zu kümmern«, also wusste ich im großen und ganzen, wie so was aussah. Der Lärm der Alarmglocken und Sirenen ist ­unbeschreiblich, der Wassersturz unabwendbar, das Durcheinander von vierschrötigen Beschattern, die ihre Tage pennend im Auto verbringen, Sicherheitstypen mit haarigen ­Ärschen und gewöhnlichen Schurken ist ganz schauderhaft, und das deutlich über allem vernehmbare, abscheulich schrillende Mundwerk der Concierge ist unerträglich. Armer Martland, dachte ich fröhlich.
Vielleicht sollte ich erklären, dass
(a) die SEG-Leute keine Ausweise tragen und bemüht sind, der regulären Polizei nicht bekannt zu werden, denn ein Teil ihrer Arbeit besteht darin, unbotmäßige Bullen auszusortieren;
(b) gewisse Ratten aus der Unterwelt vor kurzem in einzigartiger Voraussicht und unter der Vorgabe, SEG-­Angehörige zu sein, einige schmutzige und absichtlich schlecht ausgeführte »Jobs« erledigt haben;
(c) sich die reguläre Polizei noch nicht mal besonders für die echte SEG interessiert;
(d) die unbekümmerten Kumpels meiner Sicherheitsfirma ihren Geschossen, Funkgeräten, Farbspraydosen, Dober­mannpinschern und Gummiknüppeln einen prima Auftritt verschaffen, lange bevor sie irgendwelche Fragen stellen.
Du meine Güte, musste das ein Tohuwabohu gewesen sein. Und dank der kleinen Kamera würde meine Wohnung sicher von Mrs. Spon und auf Kosten eines Dritten hübsch renoviert werden – das war sowieso schon längst fällig gewesen, fand ich.
Du meine Güte, wie wütend Martland sein musste.
Ja, das war natürlich das Schlechte an der Sache. Er warf mir kurz einen kalten Blick zu, als er geräuschlos (fette Männer bewegen sich mit erstaunlicher Grazie und so weiter) die Stufen hinaufsprang, dabei zuerst seine Schlüssel fallen ließ, dann seinen Hut, auf den er trat, und uns schließlich ins Haus voranging. Ich vermutete, dass all das nichts Gutes für C. Mortdecai bedeutete. Als Schlagetot Nr. 2 beiseite trat, um mich vorbeizulassen, blickte er mich so freundlich an, dass ich spürte, wie mein Frühstück im Dünndarm aufwallte. Tapfer meine Hinterbacken zusammenkneifend, schlenderte ich hinein und sah mich mit einem nachsichtigen Schnauben um in dem, was er wahrscheinlich seinen Salon nannte. Derart gemusterte Vorhänge hatte ich, seitdem ich die Hausmutter in meiner Besserungsanstalt verführt hatte, nicht mehr gesehen; bei dem Teppich handelte es sich um das Überbleibsel aus dem Foyer eines Provinzkinos, und die Tapete war mit kleinen silbergrauen Liliensträußchen gemustert. Ja, wirklich. Natürlich war alles tadellos sauber. Wenn man die Augen schloss, hätte man vom Fußboden ­essen können.
Sie sagten, dass ich mich setzen könne, ja, sie drängten mich nachgerade dazu. Ich fühlte, wie meine Leber schwer und dumpf gegen mein Herz drückte. Der Appetit auf ein Mittagessen war mir vergangen.
Martland, der umgezogen und trocken wiederauftauchte, war wieder ganz der alte und freute sich diebisch. »Tja, tja, tja«, sagte er und rieb sich die Hände, »tja, tja.«
»Ich muss jetzt gehen«, sagte ich entschlossen.
»Nein, nein, nein«, rief er, »aber warum denn, du bist doch gerade erst gekommen. Was möchtest du trinken?«
»Einen kleinen Whisky, bitte.«
»Sehr gut.« Er goss sich einen großen ein, mir jedoch nichts.
Ha, ha, dachte ich. »Ha, ha«, sagte ich laut und tapfer.
»Ho, ho«, entgegnete er durchtrieben.
Dann saßen wir fünf Minuten schweigend beisammen; sie warteten offensichtlich darauf, dass ich anfinge zu protestieren, ich dagegen war entschlossen, nichts dergleichen zu tun, sorgte mich nur ein wenig, dass Martland noch ärgerlicher werden könnte. Die Minuten gingen dahin. Ich konnte eine große, billige Uhr ticken hören, so altmodisch waren diese Burschen. Ein kleines Ausländerkind rannte draußen auf dem Bürgersteig vorbei und schrie »M’Gawa! M’Gawa!« oder so ähnlich, Martlands Ausdruck war der eines schmunzelnden, selbstzufriedenen Hausherrn, der von lieben Freunden umgeben und mit Portwein angefüllt ist und dem der Sinn nach guten Gesprächen steht. Das schwüle, kribbelnde, vom Lärm des fernen Verkehrs summende Schweigen quälte sich dahin. Ich wollte auf die Toilette gehen. Sie blickten mich noch immer an; höflich, aufmerksam und kompetent.
Schließlich hievte sich Martland mit erstaunlicher Grazie und so weiter auf die Füße, legte eine Schallplatte auf und stellte den Ton sorgfältig so ein, dass er gleichmäßig aus den großen Stereolautsprechern kam. Es war diese wunderbare Platte, auf der die Züge vorbeifahren und die wir uns alle ­damals gekauft haben, als wir uns unsere erste Stereoanlage leisten konnten. Ich werde ihrer nie müde.
»Maurice«, sagte er höflich zu einem seiner Rowdies, »würdest du freundlicherweise die Zwölf-Volt-Hochspannungsautobatterie holen, die am Ladegerät im Keller hängt? Und Alan«, fuhr er fort, »würdest du bitte die Vorhänge zu- und Mr. Mortdecais Hosen herunterziehen?«
Tja – was kann man tun, wenn einem dergleichen widerfährt? Sich wehren? Welchen Ausdruck sollte man seinen Wohlgestalten Zügen verleihen? Verachtung? Empörung? Würdige Unbekümmertheit? Während ich noch nach einem geeigneten Ausdruck suchte, wurde ich geschickt und flink meiner Dessous beraubt, und alles, was ich empfand, war blanke Panik. Martland wandte mir taktvoll den Rücken zu und beschäftigte sich damit, ein paar Dezibel mehr aus der Stereoanlage herauszuholen. Maurice – für immer werde ich ihn als Maurice im Gedächtnis behalten – hatte locker die erste Elektrode angebracht, als ihm Martland voller Liederlichkeit bedeutete, die zweite anzuklemmen. Mit wundervollem Timing näherte sich der Flying Scotsman lautstark und in Stereo einem Bahnübergang. Ich tat es ihm in Mono gleich.
Und so schleppte sich der lange Tag dahin. Allerdings nur noch ein paar Minuten, muss ich zugeben. Ich kann alles ertragen, außer Schmerzen, zudem ist mir der Gedanke, dass mich jemand absichtlich quält und es ihm nicht mal was ­ausmacht, einfach unerträglich. Sie schienen instinktiv den Punkt zu kennen, an dem ich mich entschließen würde, ­capivi zu schreien, denn als ich erneut zu Bewusstsein kam, hatten sie mir die Hosen wieder angezogen und knapp neben meiner Nase stand ein großes Glas Whisky, auf dessen Rand perlende Bläschen blinkten. Ich trank es aus, während ihre Gesichter langsam wieder Kontur annahmen; sie wirkten freundlich, schienen zufrieden mit mir, ja stolz auf mich. Ich fühlte, dass ich ihnen Ehre gemacht hatte.
»Alles in Ordnung mit dir, Charlie?« erkundigte sich Martland besorgt.
»Ich muss jetzt auf die Toilette«, sagte ich.
»Aber ja doch, lieber Junge, aber ja. Maurice, hilf Mr. M.«
Maurice brachte mich runter aufs Klo der Kinder; sie würden erst in einer Stunde aus der Schule kommen, erklärte er. Die Eichhörnchen und Häschen in Käthe-Kruse-Manier fand ich sehr tröstlich. Ich bedurfte des Trostes.
Als wir zurück in den Salon kamen, erklang Schwanensee. Martland hat ein ziemlich schlichtes Gemüt, wahrscheinlich legt er Ravels Bolero auf, wenn er Verkäuferinnen verführt.
»Na, nun erzähl schon«, sagte er leise, beinahe behutsam. Vermutlich ist das seine Vorstellung von einem Engelmacher aus der Harley Street.
»Mir tut mein Unterteil weh«, jammerte ich.
»Ja, ja«, sagte er. »Aber das Foto.«
»Ach«, sagte ich wohlüberlegt und nickte, »die Fokodafien. Du hast mir zuviel Whisky auf ’nen leeren Magen verpasst. Du weißt doch, dass ich nichts gegessen habe.« Und damit erstattete ich ihnen reichlich dramatisch einen Teil des Whiskys zurück. Martland blickte ziemlich gequält drein, aber ich fand, dass die Wirkung auf seinen Sofabezug eine verbessernde war. Die nächsten zwei, drei Minuten stan-
den wir durch, ohne dass die neu entdeckten Artigkeiten im Umgang allzu großen Schaden litten. Martland erläuterte, dass sie tatsächlich um Viertel nach fünf an diesem Morgen eine Fotografie in der Nationalgalerie gefunden hätten. Sie hatte hinter dem Bild Odysseus verspottet Polyphem (Nr. 508) gesteckt. Mit der Stimme, die er sonst vor Gericht einsetzte, fuhr er fort: »Das Foto zeigt, äh, zwei erwachsene Männer, die sich einig sind – äh, ja, einig.«
»Du meinst, sie haben Verkehr?«
»Genau.«
»Und eins der Gesichter ist herausgeschnitten?«
»Beide Gesichter.«
Ich stand auf und ging hinüber zu meinem Hut. Die beiden Tölpel bewegten sich nicht, wirkten aber irgendwie wachsam. Ich war jedoch nicht in der Verfassung, aus dem Fenster zu hechten. Ich riss das Schweißband aus dem Hut, zog das Steifleinen ein wenig auseinander und offerierte Martland eine kleine ovale Fotografie. Er schaute sie verblüfft an.
»Nun, mein Lieber«, sagte er sanft, »spann uns nicht auf die Folter. Wer ist der Herr?«
Jetzt war ich an der Reihe, verblüfft auszusehen. »Weißt du das wirklich nicht?«
Er sah sie sich nochmal an.
»Heutzutage hat er mehr Haare im Gesicht«, half ich ihm auf die Sprünge.
Er schüttelte den Kopf.
»Ein Bursche namens Gloag«, klärte ich ihn auf. »Bei seinen Freunden aus irgendeinem obszönen Grund als ›Pfandflasche‹ bekannt. Er hat das Foto selbst aufgenommen. In Cambridge.«
Plötzlich, aus unerfindlichen Gründen, sah Martland wirklich sehr besorgt aus, desgleichen seine Kumpel, die sich ­herandrängten und das kleine Bild von Hand zu schmieriger Hand gehen ließen. Dann begannen sie alle zu nicken, erst zögernd, dann entschieden. Sie wirkten ziemlich komisch, aber ich fühlte mich zu zerschlagen, um den Augenblick richtig genießen zu können.
Martland wirbelte zu mir herum, und sein Gesichtsausdruck war jetzt wirklich bösartig. »Na komm schon, Mort­decai«, sagte er, jetzt bar aller Höflichkeit, »erzähl mir alles, und zwar schnell, bevor ich die Geduld verliere.«
»Ein Sandwich?« fragte ich schüchtern. »Oder eine Flasche Bier?«
»Später.«
»Na gut. Pfandflasche Gloag hat mich vor drei Wochen aufgesucht. Er gab mir sein herausgeschnittenes Gesicht und bat mich, es sicher für ihn aufzubewahren, es bedeute einen Freifahrtschein für ihn und Geld auf der Bank für mich. Er wollte das nicht näher erläutern, aber ich wusste, dass er nicht versuchen würde, mich reinzulegen. Er hat Angst vor Jock. Er sagte, dass er mich von nun an täglich anrufen würde, und falls er es einmal nicht täte, bedeute das, dass er in Schwierigkeiten stecke. Ich sollte dann dich informieren, und du solltest dich bei Turner in der Nationalgalerie erkundigen. Das ist alles. Soweit ich weiß, hat es nichts mit dem Goya zu tun. Ich hab’ die Gelegenheit nur genutzt, dir den Hinweis zukommen zu lassen. Sitzt Pfandflasche denn tatsächlich in der Patsche? Hältst du ihn vielleicht in deinem verdammten Landkrankenhaus fest?«
Martland antwortete nicht. Er stand nur da, blickte mich an und rieb sich die Wange, was ein unangenehmes kratzendes Geräusch verursachte. Ich konnte beinahe hören, wie er sich fragte, ob mir die Batterie nicht noch ein wenig mehr der Wahrheit entlocken könnte. Ich hoffte nicht; die Wahrheit musste in wohldosierten Portionen verabreicht werden, ­damit er für spätere Lügen so richtig Appetit bekam. Vielleicht befand er, dass ich die Wahrheit gesagt hatte, vielleicht aber auch nur, dass es schon genug gab, worum er sich Sorgen machen musste.
Tatsächlich hatte er keine blasse Ahnung, worum er sich alles Sorgen machen musste.
»Verschwinde«, sagte er schließlich.
Ich nahm meinen Hut, strich ihn glatt und setzte mich in Richtung Tür in Bewegung.
»Bitte bleib in der Stadt?« soufflierte ich unter der Tür.
»Bitte bleib in der Stadt«, stimmte er geistesabwesend zu. Ich wollte ihn nicht an das Sandwich erinnern.
Ich musste Meilen gehen, ehe ich ein Taxi fand. Es hatte alle Türgriffe. Ich fiel in tiefen Schlaf, den Schlaf eines guten, erfolgreichen Lügners. Du meine Güte, die Wohnung sah wirklich aus wie ein Saustall. Ich rief Mrs. Spon an und sagte ihr, dass ich nun endlich bereit sei zu renovieren. Sie kam noch vor dem Abendessen vorbei und half uns aufzuräumen (der Erfolg hat sie nicht verdorben), und danach verbrachten wir eine glückliche Stunde vor dem Kamin damit, Möbelstoffe, Tapeten und so weiter auszusuchen. Anschließend ­saßen wir alle drei um den Küchentisch herum und aßen eine Riesenmenge Gebratenes, wie es heutzutage nur noch wenige machen können.
Nachdem Mrs. Spon gegangen war, sagte ich zu Jock: »Weißt du was, Jock?«
Und er sagte: »Nein, was?«
»Ich glaube, Mr. Gloag ist tot.«
»Die Gier, vermut’ ich«, sagte Jock kurzangebunden. »Wer, meinen Sie, hat ihn denn umgebracht?«
»Mr. Martland, würde ich meinen. Aber ich glaube, diesmal wünscht er sich, er hätte es lieber nicht getan.«
»Häh?«
»Ja. Gute Nacht, Jock.«
»Gute Nacht, Mr. Charlie.«
Ich zog mich aus und schmierte noch ein wenig Balsam auf meine Wunden. Plötzlich fühlte ich mich bis in die ­Knochen müde – das passiert mir nach der Folter immer. Jock hatte mir eine Wärmflasche ins Bett gelegt, der gute Kerl. Er kennt sich eben aus.

 

3


Halb schien’s, als ob sich eine Falle stellt,
Wie schon einmal, ich kannt’s von ferne her,
Vielleicht aus einem Traum. Es ist zu schwer,
Unmöglich ist dein Plan … Und wie man innehält,
Aufgeben will, wie so schon oft: da fällt
Das Gitter zu – und du entkommst nicht mehr!
Herr Roland kam zum finstern Turm

Die Sonne ging für mich wie immer pünktlich um zehn Uhr mit einer der besten Tassen Tee auf, mit der zu tändeln ich je das Vergnügen hatte. Der Kanarienvogel war fabelhaft bei Stimme. Die Welt hatte mich erneut wieder. Ich zuckte kaum zusammen, als sich die durch Martlands Batterie verursachten Blasen bemerkbar machten, obwohl ich mich einmal ­dabei ertappte, dass ich mir Pantagruels Gänsehals wünschte.
Ich plauschte lange per Telefon mit meinem Versicherungsagenten und erklärte ihm, wie er Martland für die ­Beschädigung meiner Einrichtung drankriegen könnte, und sagte ihm die Aufnahmen der Eindringlinge zu, sobald Jock sie entwickelt hätte.
Dann kleidete ich mich in einen umwerfenden, leichten Sommeranzug aus Kammgarn, einen Panamahut und ein Paar sündteurer handgefertigter Wildlederschuhe. (Wenn ich mich recht erinnere, bestand mein Binder aus einem Seidenschal, dessen vorherrschender Farbton merde d’oie war. Warum Sie das allerdings interessieren sollte, kann ich mir nicht vorstellen.) Derart gekleidet und meine Blasen gut ­einbalsamiert, schlenderte ich zum Park, um den Pelikan und andere gefiederte Freunde zu inspizieren. Sie waren in großartiger Verfassung. »Dieses Wetter«, so schienen sie zu sagen, »ist einfach fabelhaft.« Ich gab ihnen meinen Segen.
Dann durchstreifte ich die verslumte Kunsthändlergegend, wobei ich sorgsam darauf bedacht war, beim Blick in die Schaufenster – oh, Pardon, Galeriefenster – angesichts all der schäbigen Shayers und Koekkoeks von der Stange einen neutralen Ausdruck beizubehalten. Nach einer Weile war ich sicher, dass ich weder von vorn noch von hinten beschattet wurde (merken Sie sich das, es ist wichtig), und wandte mich dem Mason’s Yard zu. Auch dort gibt es natürlich Galerien, aber ich wollte Mr. Spinoza aufsuchen, den man nur in ganz besonderer Hinsicht einen Kunsthändler nennen kann.
Moishe Spinoza Barzilai ist in Wahrheit Basil Wayne & Co., jener großartige Limousinenproduzent, von dem sogar Sie, meine unwissenden Leser, schon gehört haben müssen, wenngleich nicht einmal nullkommaein Prozent von Ihnen sich
je seine wunderbaren Karosserieausführungen, geschweige denn seine prächtigen Polsterarbeiten wird leisten können. Es sei denn natürlich, dass dieser Lesestoff in Anbetracht ­Ihrer Stellung im Leben unter ihrem Niveau ist und Sie ­zufällig ein indischer Maharadscha oder ein texanischer Öl­millionär sind.
Mr. Spinoza kreiert sehr spezielle, einmalige Karosserien für die großen Autos dieser Welt. Er hat von Hooper und Mulliner gehört und spricht freundlich, wenn auch etwas vage, von ihnen. Wenn er Lust dazu hat, restauriert er gelegentlich einen erlesenen Rolls, Infanta oder Mercedes oder erschafft ihn auch neu. Bugattis, Cords, Hirondelles und Leyland Straight-Eights und drei weitere Spitzenmarken zieht er in Erwägung. Wenn man ihn aber bäte, einen Mini mit Flechtwerk und silbernem Kondomspender aufzumotzen oder in einen Jaguar verstellbare Liegesitze zum Zwecke der Unzucht einzubauen, dann würde er einem glatt ins ­Gesicht spucken. Tatsächlich. Am meisten liebt er den Hispano-Suiza, den »Izzer-Swizzer«, wie er ihn nennt. Versteh’ ich selbst nicht, aber so ist es nun mal.
Nebenbei beschäftigt er sich außerdem mit Verbrechen. Ist so eine Art Hobby von ihm; das Geld braucht er nicht.
Er baute gerade für meinen besten Kunden einen späten Rolls Royce Silver Ghost um, den zu inspizieren ich gekommen war. Mein Kunde, Mr. Milton Krampf (ja, tatsächlich) hatte ihn von einem rechten Schurken erworben, der ihn ­aufgebockt auf einem Bauernhof gefunden hatte, wo er – nach einer langen Karriere als Viehtransporter, Leichen- und Lieferwagen, Kombiwagen, hochherrschaftliches Hochzeitsgeschenk und mobiles Vögel-Lager, all das natürlich in umgekehrter Reihenfolge – als Häcksel- und Rübenschneide­maschine gedient hatte. Mr. Spinoza hatte sechs genau dazu passende Räder zu je einhundert Pfund aufgetrieben, eine peinlich genaue Nachbildung der Karosserie des Roi-des-­Belges-Kabrioletts gefertigt und ihn mit sechzehn Schichten Queen-Anne-Weiß versehen, deren jede er nass und trocken abgerieben hatte. Jetzt gab er den Sitzen aus marokka­nischem olivgrünem Knautschleder den letzten Schliff und bearbeitete mit einer Bürste aus Iltishaar schwungvoll die wunderschönen Arabesken der Karosseriekurven. Natürlich tat er diese Arbeit nicht selbst; er ist blind. Oder vielmehr »war« blind.
Ich spazierte um den Wagen herum und bewunderte ihn platonisch. Es hatte keinen Zweck, sich ihn zu wünschen – es war ein Auto für reiche Leute. Er würde pro Meile mehr als einen Liter Benzin verbrauchen, was in Ordnung ist, wenn man ein Ölfeld besitzt. Milton Krampf besitzt eine Menge Ölfelder. Alles in allem würde ihn der Wagen an die 24 000 Pfund kosten. Das zu bezahlen, würde ihm ungefähr genauso weh tun, wie in der Nase zu bohren. (Es heißt, dass ein Mann, der weiß, wie reich er ist, gar nicht reich ist – nun, Krampf weiß es. Jeden Tag ruft ihn eine Stunde nach Eröffnung der New Yorker Börse ein Mann an und erklärt ihm ­genau, wie reich er ist. Das ist der Höhepunkt seines Tages.)
Ein frecher Lehrling sagte mir, Mr. Spinoza befinde sich im Büro, und ich bahnte mir einen Weg dorthin.
»Hallo, Mr. Spinoza«, sagte ich fröhlich, »ist das heute nicht ein schöner Morgen?«
Er blickte scheel auf eine Stelle etwa drei Zoll über meiner linken Schulter. »Hu herhammter Hastard«, geiferte er. (Wissen Sie, er hat keinen Gaumen. Bedauernswerter Bursche.) »Hu alter Hutterficker. Wie hannst hu es hagen, hier hoch hein heschissenes Hesicht hu heigen, hu Arschgeihe?«
Der Rest war ein bisschen unanständig, also werde ich ihn nicht wörtlich zitieren. Was ihn so verärgert hatte, war, dass ich ihm am Tag zuvor meinen MGB mit der kleinen Besonder­heit in der Dachverkleidung zu so früher Stunde geschickt hatte. »Heim ersten Hahenschiss«, wie er sich treffend ausdrückte. Zudem hatte er Angst, man könnte glauben, dass er daran arbeitete, und vor seinem inneren Auge war die schauderhafte Vision langer Reihen von Burschen mit Schiebermützen aufgetaucht, die darauf bestanden, dass er ihre MGBs umspritzte.
Als er vorläufig nichts mehr zu sagen hatte, sprach ich ihn entschlossen an. »Mr. Spinoza«, sagte ich. »Ich bin nicht ­gekommen, um mein Verhältnis zu meiner Mammi mit Ihnen zu erörtern, das ist allein eine Sache zwischen meinem Psychiater und mir. Ich bin gekommen, um dagegen zu protestieren, dass Sie Jock gegenüber, der, wie Sie wissen, sehr sensibel ist, schmutzige Worte gebrauchen.«
Mr. S. gebrauchte weitere sehr schmutzige Worte und einige, die ich nicht verstand, die aber vermutlich unanständig
waren. Als sich die Atmosphäre etwas gereinigt hatte, bot er mir verbittert an, zusammen mit mir zum Rolls hinüberzu­gehen und dort über Scheinwerfer zu sprechen. Zu meiner Überraschung und Betrübnis erblickte ich in der Werkstatt ­einen großen, vulgären Duesenburg – wenn ich das richtig buchstabiere – und teilte Mr. Spinoza selbiges auch mit, wo­rauf er erneut in die Luft ging. Ich habe nie Töchter gehabt, das hinderte Mr. Spinoza aber nicht daran, mir ihre Karrieren von der Wiege bis in die Gosse zu schildern. Ich lehnte mich seitlich an den Silver Ghost und bewunderte seine Sprach­beherrschung. Alexander Pope (1688–1744) hätte das Ganze folgendermaßen zusammengefasst: Afeast of reason and a flow of soul, ein Fest des Verstandes und ein Strömen der Seele.
Während wir so artig Konversation machten, erreichte uns vom südlichen Ende des Masons’s Yard ein Laut, den ich am besten mit DONK beschreiben kann. Mehr oder minder gleichzeitig war knapp einen Meter nördlich meines Bauchnabels etwas wie WÄNG zu vernehmen, und auf der Tür des Silver Ghost erschien eine Art großer Pickel. Zwischen zwei Wimpernschlägen zählte ich hastig zwei und zwei zusammen und warf mich, ohne einen Gedanken an meinen kostspieligen Anzug, zu Boden. Wissen Sie, ich bin ein Feigling mit Erfahrung. Mr. Spinoza, dessen Hand auf der Tür gelegen hatte, wurde klar, dass es jemand auf seine Karosserie­arbeit abgesehen hatte. Er erhob sich zu voller Größe und rief: »Oi!« oder vielleicht auch »Oje!«
Draußen erklang ein weiteres DONK, diesmal nicht von einem WÄNG, sondern einem leise platschenden, breiigen Geräusch gefolgt, und ein Großteil von Mr. Spinozas Hinterkopf verteilte sich großzügig über die Wand hinter uns. Ich freue mich, sagen zu können, dass nichts davon meinen ­Anzug beschmutzte. Auch Mr. Spinoza ging nun zu Boden, aber jetzt war es natürlich zu spät. Ein blauschwarzes Loch zeigte sich in seiner Oberlippe, und eine Gebisshälfte lugte aus einem Mundwinkel hervor. Er sah ziemlich scheußlich aus. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich ihn gemocht hatte, aber das war nie der Fall gewesen.
Gentlemen meines Alters verdrücken sich eigentlich nie im Sonntagsstaat und auf allen vieren über ölverdreckte Werkstattböden, besonders dann nicht, wenn sie teure und ziemlich neue leichte Sommeranzüge aus Kammgarn tragen. Dies jedoch war eindeutig ein Tag, um von Prinzipien abzuweichen, also hielt ich meine Nase unten und verdrückte mich, mit Erfolg. Ich muss absurd ausgesehen haben, aber ich schaffte es in den Hof und über ihn hinweg zum Eingang der O’Flaherty-Galerie. Mr. O’Flaherty, der meinen Vater gut gekannt hatte, ist ein ältlicher Jude namens Groenblatter oder so. Er ist so dunkelhäutig wie ein Äthiopier. Als er mich sah, hob er die Hände an die Wangen und bewegte seinen Kopf vor und zurück, wobei er wehklagend etwas wie Mmm-Mmm-Mmm auf G über dem hohen C anstimmte.
»Wie läuft das Geschäft?« erkundigte ich mich tapfer, aber mit leicht zittriger Stimme.
»Frag bloß nicht, frag bloß nicht«, erwiderte er automatisch, und dann : »Wer hat dich denn so zugerichtet, Charlie, Junge? Irgendein Ehemann? Oder, Gott behüte, irgendeine Ehefrau?«
»Hören Sie, Mister G., niemand hat mich zugerichtet. Bei Mr. Spinoza gibt’s ein bisschen Ärger, und ich bin nur schnell abgehauen – wer möchte schon gern in etwas hineingeraten –, als ich stolperte und fiel. Das ist alles. Als guter Freund könnten Sie jetzt Perce bitten, mir ein Taxi zu b-besorgen. Ich fühl’ mich nicht so gut.« Irgendwie rede ich immer so mit Mr. G.
Perce, der rattengesichtige kleine Handlanger von Mr. G. (einen guten, großen kann er sich nicht leisten), besorgte das Taxi, und ich versprach, Mr. G. einen guten Kunden zu schicken, da ich wusste, dass ihn das vom Klatschen abhalten würde.
Zu Hause angekommen, fiel ich in einen Sessel, und der verzögert eintretende Schock ließ mich nach Luft japsen. Jock machte mir eine Tasse wunderbar erfrischenden Pfefferminztee, nach der ich mich wesentlich besser fühlte, besonders weil ich mit etwa einem Achtelliter Whisky nachgespült hatte.
Jock wies darauf hin, dass mir die Versicherung einen neuen Anzug zahlen würde, wenn ich behauptete, ein Auto habe mich überfahren. Das vollendete die Heilung und veranlasste mich, mich umgehend zur Versicherung auf den Weg zu ­machen, denn mein Schadenfreiheitsrabatt ist jetzt ohnehin nur noch ein Traum aus Kindertagen. Um ein düsteres Gemüt aufzuheitern, geht doch nichts über einen kleinen Versicherungsbetrug, glauben Sie mir. In der Zwischenzeit schickte Jock die Kleine vom Portier zu Prunier, um dort einen Imbiss zu holen. Es gab ein hübsches kleines Steinbutt-Soufflé, eine »Varieté Prunier« (sechs auf verschiedene Art zubereitete Austern) und zwei kleine Töpfchen »Crème de chocolat«.
Ich machte ein Nickerchen, und als ich erwachte, war ich bedeutend ruhiger und brachte einen nützlichen Nachmittag damit zu, mit meinem Ultraviolettgerät und einem Fettstift die verschiedenen Übermalungen auf einem großartigen ­Gemälde eines – na ja, mehr oder weniger – Schülers di Amico di Sandro auszuarbeiten (»verstärken« nennen wir das in der Branche). Dann schrieb ich ein paar Absätze meiner Abhandlung für das Burlington Magazine, mit der ich ein für alle Mal beweisen werde, dass die Tallard Madonna im Ashmolean-Museum doch von Giorgione ist.
Zum Abendessen gab es Schweinsrippchen mit Nieren, Pommes frites und Bier. Ich schicke Jock immer mit einem Krug um Bier und lasse ihn dabei eine Schiebermütze tragen. Es scheint dann besser zu schmecken, und ihm macht es überhaupt nichts aus. Das Töchterchen des Portiers würde nicht bedient werden, wissen Sie.
Nach dem Abendessen traf Mrs. Spon mit Kordeln, Glitzerkram und Kretonnemustern für Sofakissen und dergleichen ein sowie mit einem rosafarbenen Moskitonetz für mein Bett. Beim Moskitonetz musste ich standhaft bleiben; ich gebe zu, dass es recht hübsch aussah, aber ich beharrte ­darauf, dass es hellblau sein sollte, wie es sich für einen Jungen ­gehört. Ich mag meine kleinen Eigenheiten haben, aber schließlich bin ich doch kein Perverser, oder?
Sie war bereits ein wenig verstimmt, als Martland ankam und wie ein Haufen Unrat in der Tür stand. Er empfand sich gewiss als schüchtern, wirkte nach außen hin aber entschieden unheilvoll.
Widerwillig gaben sie zu, dass sie einander vom Sehen kannten. Mrs. Spon stürzte zum Fenster. Ich kenne eine Menge Männer, die so richtig stürzen können, aber Mrs. Spon ist die letzte, der das gelingt. Es herrschte ein ungemütliches Schweigen von der Art, wie ich sie genieße. Schließlich flüsterte Martland eine Spur zu laut: »Vielleicht solltest du die alte Schnalle auffordern zu gehen.«
Mrs.  Spon fuhr zu ihm herum und giftete ihn an. Ich hatte von ihren diesbezüglichen Talenten gehört, aber noch nie den Vorzug genossen, dabeizusein, wenn sie ihr verbales Füllhorn ausschüttete. Es war ein sprachliches und emotiona­les Fest, und Martland schrumpfte sichtlich. Wenn es darum geht, so richtig vom Leder zu ziehen, kann keiner einer wohlerzogenen, dreimal geschiedenen Frau das Wasser reichen. »Warze auf dem Arsch des Steuerzahlers«, »Lustknabe der Verkehrspolizei« und »Profumo für Arme« sind nur ein paar der hübschen Sachen, die sie ihm aufs Butterbrot schmierte, aber es gab noch mehr, viel mehr. Schließlich rauschte sie ­hinaus unter finsteren Andeutungen und in einer Woge von Ragazza. Sie trug einen Hosenanzug aus Wildleder, aber man hätte schwören können, dass sie eine fünf Meter lange Schleppe aus Brokat von Martland wegzerrte, als sie an ihm vorbeiging.
»Donnerwetter«, sagte er, als sie weg war.
»Ja«, sagte ich zufrieden.
»Tja. Hör mal, Charlie, eigentlich bin ich nur gekommen, um dir zu sagen, wie furchtbar leid mir alles tut.«
Ich bedachte ihn mit einem langen kalten Blick.
»Ich finde«, fuhr er fort, »man hat dir verdammt übel mitgespielt, und ich glaube, ich schulde dir eine Erklärung. Ich möchte dich ins Bild setzen – und es macht mir nichts aus, dass du damit was gegen mich in der Hand hättest –, und ich, äh, möchte dich, äh, um Hilfe bitten.«
Scheibenkleister, dachte ich. »Setz dich«, sagte ich kalt. »Ich selbst ziehe es aus einem dir sicherlich sehr einsichtigen Grund vor zu stehen. Deine Erklärungen und Entschuldigungen werde ich mir zwar anhören, aber darüber hinaus verspreche ich nichts.«
»Ja«, sagte er. Er rutschte ein wenig hin und her wie ein Mann, der erwartet, dass man ihm etwas zu trinken anbietet, und glaubt, man habe nur vergessen, die Honneurs zu machen. Als er feststellte, dass es für ihn tatsächlich ein ­abstinenter Abend werden würde, nahm er den Faden wieder auf. »Weißt du, warum Spinoza heute morgen erschossen worden ist?«
»Hab’ keinen Schimmer«, entgegnete ich gelangweilt, wenngleich mir schon den ganzen Nachmittag eine Reihe von Möglichkeiten durch den Kopf gegangen war. Falsche Möglichkeiten.
»Gemeint warst eigentlich du, Charlie.«
Mein Herz begann, unverantwortlich heftig zu klopfen. Meine Achselhöhlen wurden kalt und nass. Ich wollte auf die Toilette gehen.
Ich meine, Elektrobatterien und dergleichen sind eine ­Sache, innerhalb vernünftiger Grenzen natürlich, aber dass einen jemand wirklich und endgültig umbringen will, ist eine Vorstellung, die das Hirn nicht fassen kann und die es auskotzen möchte. Normale Leute verfügen einfach nicht über die geistigen oder gefühlsmäßigen Kategorien, um mit solchen Neuigkeiten fertigzuwerden.
»Wie kannst du da bloß so sicher sein?« fragte ich einen Augenblick später.
»Also, um ehrlich zu sein, Maurice hat geglaubt, dass er tatsächlich dich erschossen hat. Auf jeden Fall warst du es, den er erschießen wollte.«
»Maurice?« sagte ich, »Maurice? Du meinst deinen Maurice? Warum sollte er so was bloß tun?«
»Na ja, um die Wahrheit zu sagen, auf meine Anweisung hin.«
Jetzt setzte ich mich aber doch.
Jocks imposante Gestalt löste sich geschmeidig aus dem Schatten vor der Tür und blieb dann hinter meinem Stuhl stehen. Er atmete ausnahmsweise durch die Nase, was beim Ausatmen ein klagendes, pfeifendes Geräusch ergab. »Sie haben geläutet, Sir?«
Jock ist wirklich unvergleichlich. Stellen Sie sich vor – so etwas zu sagen! Welcher Takt darin liegt, welches savoir faire, welchen Auftrieb das dem jungen Herrn in stressigen Zeiten gibt! Ich fühlte mich unendlich besser.
»Jock«, sagte ich, »hast du zufällig einen Schlagring dabei? Es könnte sein, dass ich dich gleich bitten werde, Mr. Martland eins zu verpassen.«
Jock antwortete nicht; er erkennt eine rhetorische Frage, wenn er sie hört. Aber ich merkte, wie er sich auf die Hosentasche klopfte (»meine Kramkiste«, nennt er sie), wo sechs Unzen kunstvoll verarbeitetes Messing seit der Zeit, als er der jüngste jugendliche Delinquent in Hoxton war, ein angenehmes und anrüchiges Leben führen.
Martland schüttelte heftig und ungeduldig den Kopf. »Aber das ist doch wirklich nicht nötig, wirklich nicht. Versuch doch, zu verstehen, Charlie.«
»Versuch du doch, ob ich’s verstehe«, sagte ich, grimmig und waidwund.
Er ließ etwas los, was ich für einen Seufzer hielt. »Tout comprendre, c’est tout pardonner«, sagte er.
»Na, das ist ja reizend!«
»Hör mal, Charlie, ich habe mir die halbe Nacht mit diesem blutrünstigen alten Verrückten im Innenministerium um die Ohren geschlagen und ihm von unserem Plausch gestern erzählt.«
»Plausch« war gut.
»Als ich ihm erzählte, wieviel du über diese Sache weißt«, fuhr Martland fort, »bestand er darauf, dich ein für alle Mal erledigen zu lassen. Er nannte es ›mit gutem Recht liquidiert‹, dieser beknackte alte Scheißkerl. Hat wahrscheinlich zwischen seinen Tässchen Tee zuviel Krimis gelesen.«
»Nein«, sagte ich freundlich, »dieser Spruch hat noch nicht Eingang in die Schundliteratur gefunden, außer bei der Sunday Times. Das ist CIA-Jargon. Wahrscheinlich hat er die Akte über die Ledernacken gelesen.«
»Sei dem, wie ihm wolle«, fuhr er fort, »sei dem, wie ihm wolle« – offensichtlich gefiel ihm diese schwungvolle kleine Redewendung –, »sei dem, wie ihm wolle. Ich versuchte, ihm klarzumachen, dass wir bislang noch gar nicht wissen, was du weißt oder, was noch wichtiger wäre, wo du es erfahren hast, und dass es einfach Wahnsinn wäre, dich zu diesem Zeitpunkt zu liquidieren. Ähm, das heißt natürlich überhaupt je zu liquidieren, aber das konnte ich doch schlecht ­sagen, oder? Nun ja, ich versuchte, ihn dazu zu bringen, die Sache dem Minister vorzutragen, aber er meinte, dass der Minister wohl schon betrunken sei und sein Arbeitsverhältnis sei nicht dergestalt, dass er ihn ungestraft zu so später Stunde stören könne und überhaupt … überhaupt musste ich mich fügen, und so hielt ich es heute morgen für das beste, Maurice, der ein impulsives Kerlchen ist, darauf anzusetzen und dir dadurch eine faire Überlebenschance einzuräumen, verstehst du? Und, Charlie, ich bin wirklich froh, dass er den Falschen erwischt hat.«
»Ja«, sagte ich. Aber ich fragte mich doch, wie er gewusst haben konnte, dass ich an diesem Morgen bei Mr. Spinoza sein würde. »Woher wusstest du, dass ich heute morgen bei Mr. Spinoza sein würde?« erkundigte ich mich beiläufig.
»Maurice ist dir gefolgt, Charlie.« Mit großen unschuldigen Augen, lässig.
Verdammter Lügner, dachte ich und sagte: »Aha.«
Ich entschuldigte mich unter dem Vorwand, mir etwas ­Bequemeres anziehen zu wollen, wie die Tunten sich auszudrücken pflegen. Es handelte sich dabei um eine fabelhaft vulgäre Smokingjacke aus blauem Samt, in die Mrs. Spon einstmals mit eigener Hand sinnreich entworfenes Gurtband eingenäht hatte, das einen ziemlich altersschwachen vergoldeten Revolver – Kaliber ungefähr .28 – an Ort und Stelle hielt, wie ihn zu früheren Zeiten Spieler auf Mississippidampfern getragen haben. Ich hatte nur noch elf der altertümlichen Patronen und ernsthafte Zweifel bezüglich ihrer Wirksamkeit, ganz zu schweigen von ihrer Sicherheit. Aber schließlich brauchte ich sie nicht zum Töten, sondern um mich jung, zäh und kompetent zu fühlen. Leute, die Pistolen haben, um andere Leute umzubringen, bewahren sie in Schachteln oder Schubladen auf; man trägt sie nur, wenn man aufrecht im Sattel sitzen will. Ich spülte mir den Mund mit Mundwasser, erneuerte die Vaseline auf meinen Blasen und trabte aufrecht wie nur einer zurück ins Wohnzimmer.
Ich blieb hinter Martlands Stuhl stehen und sann darüber nach, wie sehr mir sein Hinterkopf missfiel. Nicht, dass dort Schweineborsten auf teutonischen Speckrollen gesprossen wären, er strahlte lediglich eine gepflegte und hassenswerte Selbstgefälligkeit aus und ungerechtfertigte, aber nicht unter­zukriegende Anmaßung. Etwa so wie bei einer Journalistin. Ich beschloss, dass ich mir den Luxus erlauben könnte, die Geduld zu verlieren. Das würde genau in das Bild passen, das ich vermitteln wollte. Ich holte die kleine Pistole heraus und bohrte die Mündung in seine rechte Ohrmuschel. Er saß mucksmäuschenstill – mit seinen Nerven war scheinbar alles in Ordnung – und sprach in kläglichem Ton. »Sei um Himmels willen vorsichtig mit dem Ding, Charlie, diese alten ­Patronen sind höchst unsicher.«
Ich bohrte ein bisschen tiefer, dadurch fühlten sich meine Blasen gleich besser an. Das sah ihm ähnlich, dass er sich meinen Waffenschein angesehen hatte. »Jock«, sagte ich entschieden, »wir werden Mr. Martland defenestrieren.«
Jocks Augen leuchteten auf.
»Ich hol’ eine Rasierklinge, Mr. Charlie.«
»Nein, nein, Jock, du hast mich falsch verstanden. Ich wollte sagen, dass wir ihn aus dem Fenster werfen. Aus ­deinem Schlafzimmerfenster, würde ich meinen. Ach ja, vorher werden wir ihn ausziehen und dann behaupten, dass er dir Avancen gemacht hätte und dann aus unerwiderter Liebe aus dem Fenster gesprungen ist.«
»Also wirklich, Charlie, das ist ’ne verdammt gemeine Idee. Denk doch bitte an meine Frau.«
»Ich denke nie an die Frauen von Polizisten. Ihre Schönheit benebelt mich wie Wein. Außerdem wird die Sache mit der Sodomie den Minister veranlassen, den ganzen Vorgang löschen zu lassen, was uns beiden sehr zupass käme.«
Jock führte ihn bereits nach der »Bitte-kommen-Sie-unauffällig-mit«-Methode aus dem Zimmer, die auf schmerzhafte Weise mit dem kleinen Finger des Opfers zu tun hat. Jock hat das von einem Pfleger in der Psychiatrie gelernt. Kompetente Burschen, das.
Wie immer war Jocks Zimmer voll von etwas, was in der Londoner Innenstadt als frische Luft bezeichnet wird. Das Zeug strömte aus dem weit geöffneten Fenster herein. ­
(Warum nur baut man Häuser, um das Wetter draußen zu halten, und bricht dann Löcher in die Wände, um es wieder hereinzulassen? Ich werde das nie verstehen.)
»Zeig Mr. Martland die hübschen spitzen Eisenzäune, die wir hier in der Gegend haben, Jock«, sagte ich gehässig. (Sie haben keine Vorstellung, wie gehässig meine Stimme klingen kann, wenn ich mir Mühe gebe. Ich war mal Adjutant beim Militär.) Jock hielt ihn raus, damit er die Gitter sehen konnte, und fing dann an, ihn auszuziehen. Er stand einfach da, wehrte sich nicht, und ein unsicheres Lächeln zitterte in einem Mundwinkel, bis Jock damit begann, seinen Gürtel aufzumachen. Dann fing er gehetzt an zu reden.
Der Tenor ging dahin, dass er, ließe ich von meinem Vorhaben ab,
(I) mir zu den sagenhaften Schätzen des Orients verhelfen,
(II) mir unerschütterlichen Respekt und Wertschätzung erweisen,
(III) mir und den Meinen rechtliche Immunität verschaffen würde, jawohl, sogar bis ins dritte und vierte Glied. An dieser Stelle spitzte ich ein Ohr. (Ich wünsche mir so, dass ich meine Ohren wirklich bewegen könnte, Sie nicht? Der Schatzmeister meines College konnte das.)
»Das interessiert mich außerordentlich«, sagte ich. »Setz ihn für einen Augenblick ab, Jock, jetzt packt er aus.«
Wir krümmten ihm kein Haar mehr, er erzählte ganz von selbst weiter und weiter. Man muss kein Feigling sein, um eine Abneigung dagegen zu hegen, zehn Meter tief auf ein schmiedeeisernes Gitter zu fallen – besonders, wenn man nackt ist. Ich bin sicher, dass ich an seiner Stelle geschluchzt hätte.
Wie sich herausstellte, war bis jetzt folgendes passiert: Pfandflasche Gloag hatte mit einem außergewöhnlichen Mangel an Feingefühl ausgerechnet seinem alten College-Kumpel – dem zweiten Mann auf dem Bildchen »Traute Zweisamkeit« – die Daumenschrauben angelegt, indem er ihm einen 35-mm-Kontaktabzug dieses unanständigen Fotos schickte. (Das war keinesfalls Teil dessen, was abgesprochen war, und höchst ärgerlich. Ich vermute, der arme Junge brauchte Taschengeld – hätte er doch bloß mich gefragt.) Der jetzt sehr unnahbare Kumpel, der in Furcht vor der Schwester seiner Frau und anderer Verwandtschaft lebte, hatte ­beschlossen, die nicht unerhebliche Summe, um die es ging, auszuspucken, hatte aber außerdem einen Unterabteilungsleiter der Polizei zum Abendessen eingeladen und beim Portwein vorsichtig Fragen gestellt wie: »Was macht ihr heutzutage eigentlich mit Erpressern, hm, Freddy?« Der Unter­abteilungsleiter, der gewisses unveröffentlichtes Material über den Kumpel im Tresor eines Zeitungsverlegers ­gesehen hatte, scheute wie ein erschreckter Hengst. Er kam zu dem Schluss, dass es sich um etwas handelte, das zu wissen er sich nicht leisten konnte, und gab dem Kumpel – vielleicht in boshafter Absicht – Namen und Telefonnummer des alten Martland. »Nur für den Fall, dass jemand aus Ihrer ­Bekanntschaft mal belästigt wird, Sir, ha, ha.«
Unser Kumpel bittet dann Martland, mit ihm zu Abend zu essen, und erzählt ihm alles, was gedruckt werden kann. Martland sagt: »Uberlassen Sie das uns, Sir. Wir wissen schon, wie man mit Feiglingen dieser Sorte fertig wird«, und macht sich an die Arbeit.
Am nächsten Tag besucht irgendein Beamter des könig­lichen Hofs, der vornehm in seinen militärischen Schnurrbart schnaubt, Freund Pfandflasche und überreicht ihm einen großen, mit gebrauchten Zehnpfundnoten gefüllten Aktenkoffer. Fünf Minuten später traben Martland und seine ­Gauleiter an und verfrachten den armen Pfandflasche eilig in das übelbeleumdete Landkrankenhaus. Er bekommt die ­Autobatterie nur gerade so oft zu spüren, um ihn etwas weich zu machen, und erwacht aus seiner Ohnmacht mit dem vorschriftsmäßigen Glas Scotch vor der Nase. Aber er ist aus härterem Holz geschnitzt als ich; wahre Simpel sind das oft.
»Bah«, sagt er, oder vielleicht auch, etwas nörglerisch: »Pahnehmt das scheußliche Zeug weg. Habt ihr keinen Chartreuse? Und glaubt bloß nicht, dass ihr mir angst machen könnt. Ich genieße es, wenn mich so große, haarige Süße wie ihr so richtig aufmischen.« Er beweist es, er zeigt es ihnen. Sie sind entsetzt.
Martlands Anweisung geht nur dahin, Pfandflasche Gottesfurcht beizubringen und ihm klarzumachen, dass der ­Ärger mit den Fotos aufhören muss. Besonders ist Martland darauf­hingewiesen worden, nicht weiter nachzuhaken, und es wurden ihm auch keine Peinlichkeiten mitgeteilt, aber von Natur aus und aufgrund langer Gewohnheit ist er neugierig und hat zudem einen äußerst ungesunden Abscheu vor Schwulen. Er beschließt, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen (das ist eventuell ein etwas unglücklicher Ausdruck) und Pfandflasche auspacken zu lassen.
»Na gut«, sagt er grimmig, »das wird jetzt aber wirklich weh tun.«
»Nichts als Versprechungen«, erwidert Pfandflasche affektiert lächelnd.
Also verpassen sie ihm jetzt am Rektum eine Behandlung, die weh tut und die auch Pfandflasche nicht mehr genießt. Als er diesmal das Bewusstsein wiedererlangt, ist er wütend und außerdem besorgt, dass er sein gutes Aussehen verlieren könnte, und er erzählt Martland, dass er beim ehrenwerten Charlie Mortdecai eine wirkungsvolle Rückversicherung hinterlegt habe und dass sie sich besser vorsehen sollten – oder. Dann verweigert er jede weitere Aussage, und Martland, der jetzt stinkwütend ist, verpasst ihm eine weitere ­Behandlung, die bis dato nur chinesischen Doppelagenten vorbehalten gewesen war. Zu jedermanns Entsetzen fällt Pfandflasche tot um. Ein schwaches Herzchen.
Nun, im Krieg passiert noch Schlimmeres, wie es so schön heißt, und natürlich hat nie irgend jemand Pfandflasche ­gemocht, außer vielleicht ein paar Männer aus der Kaserne in Chelsea, aber Martland ist nicht der Mann, der unverdiente Wohltaten zu schätzen wüsste. Das Ganze erscheint ihm höchst unbefriedigend, besonders da er noch immer nicht herausgefunden hat, worum es eigentlich geht.
Stellen Sie sich seinen Kummer vor, als auch noch unser Kumpel mit echtem Zittern in der Stimme anruft und ihn ­bittet, sofort vorbeizukommen und den erbärmlichen Pfandflasche mitzubringen. Martland sagt, aber sicher, er wäre in ein paar Minuten da, aber es wäre im Augenblick ein wenig, äh, schwierig, Mister, äh, Gloag mitzubringen. Als er eintrifft, zeigt ihm unser Freund, heftig erregt, ein äußerst beunruhigendes Schreiben. Sogar Martland, dessen Geschmack hie und da etwas zu wünschen übrig lässt, ist von dem Papier, auf dem es geschrieben ist, abgestoßen: imitiertes Pergament, der Rand ausgefranst und vergoldet, oben auf der Seite ein verschwenderisch ausgeführtes Phantasiewappen in Prägedruck, unten ein Sonnenuntergang in der Wüste in Vielfarbendruck. Die in altenglischen Lettern gehaltene ­Adresse lautet Rancho de los Siete Dolores de la Virgen, Neu­mexiko. Kurz gesagt, es ist von meinem Lieblingskunden Milton Krampf.
In dem Schreiben heißt es – ich habe es übrigens nie gesehen, es handelt sich hier um eine freie Wiedergabe von Martlands Bericht –, dass Mr. Krampf eine große Bewunderung für unseren vornehmen Kumpel hegt und einen Fanclub (!) ins Leben rufen möchte, um Senatoren, Kongressabgeord­neten, Britischen Parlamentsabgeordneten und dem Paris Match (letzteres allerdings ist erschreckend, das müssen Sie zugeben) wenig bekanntes biografisches Material über den besagten Kumpel zur Kenntnis zu bringen. Ferner schreibt er, dass sich ein Mr. Pfandleiher Gloat mit ihm in Verbindung gesetzt habe, der gern mit ein paar illustrierten Erinnerungen aus »Ihrer gemeinsamen Schulzeit in Cambridge« sein Scherflein beitragen wolle. Außerdem fragt er an, wie es denn wäre, wenn sie drei sich mal irgendwo träfen, um zu ihrer ­aller Vorteil Pläne zu schmieden. Mit anderen Worten: hier hätten wir den Köder. Diskret und vielleicht ein bisschen ­ungeschickt präsentiert, aber unzweifelhaft ein Köder. (Bis jetzt waren es zwei Mitglieder der Truppe, die die Nase voll hatten von ihren Kumpels; geistig gesund und verantwortungsbewusst war allein noch ich. Glaube ich jedenfalls.)
Martland hielt in seiner Erzählung inne, und ich drängte ihn nicht fortzufahren, denn das waren wirklich schlechte Nachrichten. Wenn Millionäre durchdrehen, haben ärmere Leute zu leiden. Ich war so durcheinander, dass ich, ganz in Gedanken, Martland einen Drink reichte. Das war ein schlimmer Fehler, schließlich musste ich sein Unbehagen aufrechterhalten. Als der alte vertraute Saft in ihn hineinrann, konnte man förmlich zusehen, wie seine Zuversicht zurückkehrte und sein Kopf wieder die übliche, wahnsinnigmachende ­anmaßende Haltung einnahm. Wie seine Brüder im Amt ihn wohl verachtet haben müssen, als sie sahen, wie er sich ­boxend und arschkriechend seinen Weg nach oben bahnte. Dennoch musste man stets bedenken, dass er gefährlich war und weitaus cleverer, als er aussah oder redete.
»Martland«, sagte ich nach einer Weile, »hast du nicht ­gesagt, dass deine Mietlinge mir heute morgen zu Spinoza gefolgt sind?«
»Das stimmt.« Er hatte entschieden, viel zu entschieden ­gesprochen. Offensichtlich hatte er schon wieder Oberwasser.
»Jock, Mr. Martland flunkert schon wieder. Zieh ihm bitte eins über.«
Jock löste sich sanft aus dem Hintergrund, nahm Martland behutsam das Glas ab und beugte sich zu ihm hinunter, um ihm gütig ins Auge zu blicken. Martland starrte mit aufgerissenen Augen zurück, sein Mund stand ein wenig offen. Der offene Mund war ein Fehler. Jocks große Hand holte aus und traf Martlands Backe mit einem lauten Klatschen.
Martland segelte seitlich über die Sofalehne und kam an der Wandtäfelung zur Ruhe. Er saß dort ein Weilchen; vor Hass und Angst tropften ihm die Tränen aus den kleinen ­Augen. Sein Mund, der jetzt geschlossen war, bewegte sich konvulsisch, vermutlich zählte er seine Zähne.
»Das war vielleicht dumm von mir«, sagte ich. »Ich meine, dich umzubringen wäre das einzig Richtige. Die Angelegenheit wäre damit ein für alle Mal bereinigt. Dich nur zu ver­letzen bedeutet, deinen Rachedurst anzustacheln.« Ich ließ ihn ein wenig darüber nachdenken, damit ihm die unangenehmen Folgerungen klar würden. Er dachte darüber nach. Sie wurden ihm klar.
Schließlich quälte er sich ein schwaches Grinsen ab – ein grausiger Anblick – und setzte sich wieder hin. »Ich trag dir nichts nach, Charlie. Ich meine sogar, dass ich nach heute morgen eine kleine Abreibung verdient habe. Vermutlich bist du noch nicht wieder ganz der alte.«
»An dem, was du sagst, ist was dran«, sagte ich wahrheitsgemäß, denn es war wirklich was dran. »Ich habe einen langen Tag voll Trüb- und Drangsal hinter mir. Wenn ich noch länger aufbleibe, könnte das ernsthaft meine Urteilskraft ­gefährden. Gute Nacht.« Damit rauschte ich aus dem Zimmer. Als ich die Tür schloss, stand Martlands Mund bereits wieder offen.
Eine kurze, erquickliche Sitzung unter der heißen Dusche, die alten Beißerchen mit teurem Zahnputzmittel gebürstet, ein Hauch Johnson’s Babypuder hier und da, ein Sprung zwischen die Laken und schon war ich wieder ganz der alte. Krampfs idiotisches Abweichen vom Drehbuch beunruhigte mich jetzt vielleicht noch mehr als der Anschlag auf mein ­Leben. Dann aber dachte ich: Mach dir heute keine Sorgen, besser geht es vielleicht morgen, denn das ist, wie jeder weiß, ein neuer Tag.
Mit ein paar Seiten Firbank wischte ich die Sorgen beiseite und schwebte sanft und geborgen in den Schlaf. Für mich ­bedeutet Schlaf nicht einfach ein Ausknipsen, sondern ein veritables Vergnügen, das auszukosten und zu goutieren ­gelernt sein will. Es war eine gute Nacht; der Schlaf verwöhnte mich wie eine vertraute, temperamentvolle Mätresse, die immer wieder neue Freuden findet, mit denen sie ihren ermatteten Geliebten überrascht.
Auch meine Blasen waren schon viel besser.

Über Kyril Bonfiglioli

Biografie

Kyril Emanuel George Bonfiglioli wurde 1928 in Eastbourne als Sohn eines italienisch-slowenischen Antiquars und einer englischen Mutter geboren. Nach seinem Militärdienst studierte er Englisch am Balliol College in Oxford. Er war – wie seine Hauptfigur Charlie Mortdecai – Kunsthändler, Herausgeber...

Medien zu »Nimm das Ding da weg!«

Weitere Titel der Serie »Charlie-Mortdecai-Reihe«

Charlie Mortdecai ist Erzähler und Protagonist aller Romane Bonfigliolis. Charlie ist ein Dandy, ein gerissener und snobistischer Kunsthändler mit höchst unmoralischem Charakter. Sein Gehilfe Jock, ein Ganove, erledigt die unfeineren Aufgaben, die anfallen, wenn man im Kunstgewerbe erfolgreich sein und gleichzeitig am Leben bleiben will.

Pressestimmen

Schweizer Familie (CH)

»Ein elegant geschriebenes, spannendes Werk voller bizarrer Einfälle (...).«

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