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NightrunnerNightrunner

Nightrunner

Vergiss, wer du warst

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Nightrunner — Inhalt

Evelyn und Leonow leben in einer Welt voller Kämpfe: Arm gegen Reich, der richtige gegen den falschen Glauben. Evelyn selbst ringt wegen einer angeborenen Schwäche im Krankenhaus mit dem Tod und kann es erst wieder verlassen, als ihre Heimat in Schutt und Asche liegt. Es ist die Stunde Null und Evelyn und Leonow werden zu Nightrunnern – Schatzjägern auf der Suche nach geheimen Wunderwaffen und verschütteten Artefakten. Während die Menschen versuchen, die neue Welt anzunehmen und die alte zu vergessen, birgt Evelyn selbst ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das sie mit Leonow verbindet, und das der Schlüssel zur Herrschaft über die gesamte Nachkriegswelt ist. Nicht nur irdische Mächte haben es deshalb auf sie abgesehen.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 16.03.2020
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70474-8
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 16.03.2020
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99600-6

Leseprobe zu „Nightrunner“

Kapitel 1
Evelyn


Evelyn rannte und rannte und achtete nicht auf den brennenden Schmerz in ihrer Brust. Sie rannte so schnell ihre Beine sie trugen und ihr wirres, rostbraunes Haar zerzauste sich im Wind, während sich das Garn in ihren Händen hinter ihrem Rücken spannte.

„Er hebt ab!“, hörte sie die Stimme ihres Vaters. „Lauf, Evelyn, er fliegt!“

Und sie lief. Die karge Gras- und Schotterebene des Flugfelds spannte sich unendlich weit vor ihr auf. Freiheit. Das war es, was sie in den Augen ihres Vaters sah, wenn er ihr Geschichten von den waghalsigen [...]

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Kapitel 1
Evelyn


Evelyn rannte und rannte und achtete nicht auf den brennenden Schmerz in ihrer Brust. Sie rannte so schnell ihre Beine sie trugen und ihr wirres, rostbraunes Haar zerzauste sich im Wind, während sich das Garn in ihren Händen hinter ihrem Rücken spannte.

„Er hebt ab!“, hörte sie die Stimme ihres Vaters. „Lauf, Evelyn, er fliegt!“

Und sie lief. Die karge Gras- und Schotterebene des Flugfelds spannte sich unendlich weit vor ihr auf. Freiheit. Das war es, was sie in den Augen ihres Vaters sah, wenn er ihr Geschichten von den waghalsigen Aeronauten erzählte. Von den Luftfahrern, die sich in ihren Schiffen über die Meere und Gebirge erhoben, oder den Gleiterpiloten, die sich von der Himmelsleiter aus in die Tiefe stürzten, um die steigenden Luftströme der Waldkante zu erreichen und sich nach und nach über den Himmel von Wien zu schrauben.

Für die Bürger der Stadt waren sie Spinner, für die Jesiten sogar Ketzer. Doch wenn Evelyn sie fliegen sah, wurde sie andächtig, als sähe sie den Engeln zu. Es musste schlimm für ihren Vater sein, dass er es hatte aufgeben müssen.

„Schau hoch!“

Ihr Vater war dicht hinter ihr. Sie verlangsamte ihre Schritte, unterdrückte den aufkeimenden Hustenreiz in ihrer Brust und wandte den Blick nach oben. Dort flatterte ihr Drachen im Wind und zupfte an dem Garn in ihrer Hand. Er hatte die spitz zulaufende Form eines Pfeils und zwei lange Papierbänder flatterten hinter ihm her. Weil sie keine Farben gehabt hatten, war er knöchern weiß, aber das machte nichts. Die tatsächlichen Gleiterflügel und die Luftschiff-Häute der Aeronauten hatten denselben vergilbten Weißton von Segeltuch. Hinter dem flatternden Drachen und viel, viel höher in der Luft sah Evelyn den Himmelsanker. Der große Fesselballon, der die Himmelsleiter hielt und den vier Stahlseile davon abhielten, einfach davonzuschweben.

„Großartig, Kleine“, sagte ihr Vater und legte ihr die Hand auf die Schulter.

Sie genoss die Berührung, wandte den Blick ganz kurz vom Drachen zu ihm hinüber und sah den sehnsuchtsvollen Ausdruck in seinen Augen. Evelyn überlegte, ob sie ihn jetzt fragen sollte.

»Weißt du …«, setzte er an und suchte nach Worten, die er nicht so recht zu finden schien, „… das ist es.“ Er sog die Luft geräuschvoll durch die Nase ein. „Egal, was hier unten passiert.“

Evelyn nickte, und gerade als sie zu der Frage ansetzte, die ihr im Herzen brannte, seit sie zum Flugfeld losgezogen waren, zerrte der Drachen in einer heftigen Böe an seiner Leine. Das Garn rutschte Evelyn durch die Finger und sie musste mit der Linken nachgreifen.

„Hoppla“, lachte ihr Vater, als der Drachen weiter bockte. „Ist ein wilder Bursche, was?“

Er verlor an Höhe und Evelyn lief erneut los. Ungeachtet der stechenden Schmerzen in ihrer Brust rannte sie so schnell sie konnte, bis sich die Schnur wieder straffte.

„Langsam, Mädchen.“

Ihr Vater lief neben ihr, während sie spürte, wie ihre Kräfte schwanden. In ihren ersten Tagen auf dieser Welt war sie ein kleines, schwächliches Ding gewesen. Sie hatte sich jeden Atemzug erkämpfen müssen und laut ihren Eltern hatte niemand gewusst, was ihr genau fehlte und ob sie es überstehen würde. Sie hatte sich in ihr Leben gekämpft und krabbeln, laufen, rennen gelernt. Und trotzdem ließ ihr Körper sie ständig spüren, dass sie ihn mit all ihren Anstrengungen nur zermürbte. Sie war mit einer tickenden Uhr auf die Welt gekommen, die ihre Zeit herunterzählte.

Schließlich bekam sie keine Luft mehr und blieb um Atem ringend stehen. Sie spürte, wie der Zug auf dem Garn sofort nachließ, und wandte sich um, ehe sie sich vornübergebeugt ihrem Hustenanfall ergab. Ihr Vater war sofort bei ihr.

Der Drachen trudelte und sank, beschleunigte noch einmal im Sturzflug und kam mit einem hässlichen Geräusch am Boden auf. Evelyn wollte zur Absturzstelle eilen, doch ihr Husten war noch immer nicht abgeklungen. Bellend krampfte sich ihr Brustkorb zusammen.

„Ruhig“, murmelte ihr Vater, hielt sie im Arm und küsste ihren Kopf, bis es vorbei war. „Ruhig atmen.“

Als sie endlich bei ihrem Drachen ankamen, kämpfte Evelyn mit den Tränen. Der leichte Holzrahmen war komplett zerschellt. Und der Wind zupfte an ihrem Haar, als wolle er beweisen, dass ein gesundes Mädchen den Drachen leicht am Himmel hätte halten können.

„Es tut mir leid“, murmelte sie enttäuscht.

„Ach Kind“, seufzte ihr Vater und legte den Arm um sie. „Das macht doch nichts. Denk daran, wie schön er geflogen ist. Das ist das Wichtigste.“

Evelyn hörte die Sehnsucht in seiner Stimme und fühlte sich kein Stück besser. Es lag an ihr, dass er nicht mehr flog. Die Aeronauten waren sich alle einig, dass ihre goldene Zeit gerade erst begann, doch ihr Vater hatte nicht mehr darauf warten können. Das Geld war knapp und so hatte er in die Fabrik gehen müssen, wie ihre Mutter auch.

„Ist doch besser, dass er so schön geflogen ist, als wenn wir ihn am Boden behalten hätten, oder?“ Als er in die Hocke ging, legte sie die Arme um ihn und den Kopf an seine Schulter. Sie sah die Lederschnur, die um seinen Hals lag und unter seinem Hemd verschwand. Dort lag der Anhänger an seiner Brust, mit dem sie schon als Kleinkind gespielt hatte. Drei goldene Ringe, die sich gegeneinander verdrehen ließen, der innerste durch ein Kreuz mit gleich langen Armen verstärkt: das Prometheus-Kreuz. Die Ringe wurden scheinbar durch nichts zusammengehalten. Nur der äußere wurde von der Lederschnur gehalten, der mittlere und der innere schwebten frei.

Ihr Vater sagte, er habe sie mit dem Anhänger bei jedem Anfall von Atemnot beruhigen können, als sie noch klein gewesen war. Die feinen Ringe waren alt und abgegriffen und in den äußeren war ein Symbol eingepunzt: ein Vogel mit gegabeltem Schwanz.

Evelyn spürte, dass es der richtige Moment für ihre Frage war.

„Nimmst du mich mit hoch?“

An seinem Hinterkopf vorbei sah sie die Himmelsleiter, die bei den gigantischen Luftschiff-Werfthallen in der Mitte des Flugfeldes am Boden verankert war. Die Stahlseile mit den hölzernen Streben führten weit in die Höhe, bis zu dem Fesselballon, dem Himmelsanker, von dem aus die Gleiterpiloten starteten.

„Kleines, du weißt, dass ich das nicht kann“, antwortete er.

„Du kannst es“, flüsterte sie. Sie durfte ihm nicht sagen, dass sie Mama nichts davon erzählen würde. Darauf würde er sich nicht einlassen. Es musste von ihm kommen. »Nur einmal nach oben. Wenn schon der Drache nicht mehr fliegt …«

Er lachte trocken auf.

„Okay“, seufzte er und löste sich dann von ihr. „Ich nehm dich ein kleines Stück hoch, aber wenn es dir nicht gut geht, sagst du mir Bescheid, hörst du? Und kein Wort zu deiner Mutter.“

Evelyn strahlte ihn an und nickte. Den Wunsch, dass er sie fliegen lassen sollte, würde sie sich für oben aufheben.

Ihr Vater sammelte die Bruchstücke des Drachens ein und umwickelte sie mit dem Garn. Vielleicht würde er ihr Spielfiguren aus dem Holz schnitzen. Sie hatte bereits einen Weißfuchs und einen Wolf, die sich unter dem Tisch, an dem sie aßen, heftige Jagden lieferten. Evelyns Freund Milan staunte immer, wenn er sie sah. Ihr Vater konnte so gut schnitzen, dass die Tiere fast aussahen, als seien sie lebendig. Evelyn wünschte sich Engelsfiguren, doch damit biss sie bei ihrem Vater bislang auf Granit. Die letzten Engel seien lange fort, sagte er nur immer, und vielleicht sei das auch gut so. Doch Evelyns Freund Milan sagte, dass es im Osten, im Zarenreich, noch Halbengel gäbe, die vor den Jesiten dorthin geflohen seien. Und Milans Vater fluchte auf die Jesiten, die erst zufrieden sein würden, wenn es keine Wunder mehr in ihrer Welt gab.

Es begann zu nieseln, während sie zu den Werfthallen hinüberliefen, und ihr Vater hob immer wieder skeptisch den Kopf gen Himmel.

„Evelyn, ich glaube, das ist heute doch keine gute Idee“, sagte er schließlich.

„Das sind nur ein paar Tropfen“, schüttelte sie den Kopf. „Wir können es doch versuchen, und wenn es nicht geht, lassen wir es gleich wieder sein.“

Sie konnte bereits die Stelle sehen, wo die Stahlseile und die Leiter in den schweren Eisenringen am Boden endeten.

Ihr Vater hob sie hoch und stöhnte.

„Bist du groß!“, schnaufte er spielerisch. Dann wurde er ernst. „Das Wetter ist zu schlecht. Da oben ist der Wind stärker, schau dir den Anker an.“

Evelyn blickte auf und sah, wie der behäbige Ballon sich weit, weit oben immer wieder leicht gegen die Stahlseile verdrehte und zurückgehalten wurde und wie die Himmelsleiter seinen Schwankungen folgte.

„Wir müssen ja nicht so hoch“, bettelte sie. Dann spielte sie ihren letzten Trumpf und fühlte sich schlecht dabei. „Ich weiß doch nicht, wie oft es noch geht.“

Der Schmerz in den Augen ihres Vaters ließ sie ihre Worte beinahe bereuen. Es blieb trotzdem wahr. Der Winter nahte und vielleicht war es wirklich das letzte Mal. Wer wusste, ob sie im nächsten Frühjahr noch klettern konnte.

Er biss die Lippen aufeinander und warf Evelyn in gespielter Verärgerung in die Luft, sodass sie vergnügt quietschte.

„Also komm, kleines Mädchen!“

Und als er sie herunterließ, rannte Evelyn das letzte Stück zur Leiter.

Ihr Vater ließ sie warten, während er den ausgetretenen Weg zur Halle 3 hinüberging, die vor ihnen lag wie ein riesiges, gestrandetes Schiff. Mit Sicherungsgurten und Schnapphaken kehrte er zurück.

Evelyn legte ihren Gurt selbst und mit routinierten Bewegungen an. Dann klickte sie den Schnapphaken in die Sicherungsleine, die neben der Himmelsleiter zum Ankerballon hochführte.

„Fertig?“, fragte ihr Vater und prüfte noch einmal den festen Sitz ihres Gurts.

Statt Antwort zu geben begann Evelyn den Aufstieg. Ihr Herz klopfte vor Aufregung und die stahlgewobene Strickleiter mit den holzverkleideten Sprossen schwang bei jeder ihrer Bewegungen mit. Beim ersten Mal war sie davon noch überrascht gewesen, aber nachdem ihr Vater sie nun bestimmt schon ein halbes Dutzend Mal mit hinaufgenommen hatte, war sie die leichten Pendelbewegungen gewohnt.

„Nicht so schnell“, bremste ihr Vater, während er ihr nachkam.

Gehorsam verlangsamte sie ihr Tempo und versuchte, sich dem Rhythmus ihres Vaters anzupassen, damit die Leiter nicht zu sehr wackelte.

Der Wind pfiff durch ihre Kleidung und sie spürte weitere Tropfen im Gesicht, während sie höher und höher stiegen und die Hallen unter ihnen zurückblieben. Alle paar Meter musste der Schnapphaken aus dem Sicherungsseil ausgeklinkt und über der nächsten Querverbindung zur Leiter wieder eingeklinkt werden. Die Querverbindungen hielten den Haken, wenn man stürzte, und fingen einen so auf. Nur in diesem kurzen Moment des Ausklinkens war man ungesichert. Doch Evelyn hielt sich gut fest und hatte keine Angst.

„Das reicht“, bestimmte ihr Vater irgendwann. „Bis hierher.“

Evelyn überlegte, ob sie ihm noch ein paar Meter herauskitzeln sollte, ließ es aber bleiben. Schließlich hatte sie noch etwas anderes vor.

In der leicht schwankenden Leiter hängend blickte sie über ihre Heimatstadt. Sie sah das verwaiste Flugfeld unter sich und den nahen Güterbahnhof, von dem gerade ein Dampfzug losrollte und schwarze Wolken spuckte. Ein Stück weiter begannen die Arbeiterviertel: Simmering und Erdberg, wo auch Evelyns Familie lebte. Und dahinter, dicht an der Prachtstraße Wiens, ragte die Kuppel des Mariendoms auf. Es hatte der Prometheusdom werden sollen, doch die Jesiten hatten die Macht über die Stadt erlangt, ehe er fertiggestellt worden war. Vom Domplatz aus konnte man die Stellen an der Fassade sehen, wo die neuen Baumeister die Prometheus-Darstellungen zerschlagen hatten, um sie mit Jesiten-Heiligen zu ersetzen.

Der Kampf zwischen Prometisten und Jesiten währte seit Jahrhunderten. Wenn Evelyn oder ihre Freunde sich in den reichen Jesiten-Vierteln blicken ließen, in Josefstadt oder Belvedere, dann wurden sie beschimpft und mit Steinen beworfen. Umgekehrt bezogen die Jesiten von ihnen Prügel, wenn sie sie in den Prometistenvierteln erwischten. Es war schlimm, dass die heilige Stadt Wien unter Jesiten-Herrschaft stand. Der Legende nach hatten die ersten Engel Prometheus und Pandora hier Fuß auf die Erde gesetzt. Und man sagte, die Spuren des ersten Volks seien noch immer unter manchen der neuen Bauwerke zu finden.

Als Evelyn den Blick zu ihrem Vater senkte, sah er gerade an ihr vorbei nach oben. Noch immer weit über ihren Köpfen schwebte der Ankerballon und darunter der ebenso große, stählerne Ring, zu dem die Gleiter mittels Seilzügen hinaufbefördert wurden.

„Lässt du mich fliegen?“, fragte sie zögerlich.

Sie rechnete kaum damit, dass er es erlauben würde. Der Wind riss noch stärker als zuvor an dem Ballon hoch über ihnen und mit dem einsetzenden Nieselregen wurde es rasch kälter. Evelyns Hände froren und hatten wenig Gefühl.

Doch zu ihrem Erstaunen erwiderte ihr Vater ihren Blick und brachte sie mit einem Nicken zum Strahlen. Sie hielt sich gut fest, während er weiter nach oben stieg und erst zu ihren Seiten, dann über ihr in die Leiter griff. Er festigte seinen Stand und ließ sich vorsichtig in seine Sicherung zurücksinken. Dann löste er seine Hände von der Leiter und stützte sich nur noch mit den Füßen ab, während der Schnapphaken seinen Oberkörper hielt. Evelyn spürte, wie er sie fest um die Hüften fasste.

„Okay“, sagte er. „Dann los.“

Es kostete sie einen Moment der Überwindung, dann ließ Evelyn ebenfalls die Leiter los und streckte die Arme aus. Ihr Vater hielt sie, während sie den Oberkörper über den Abgrund senkte und auch die Füße von der Leiter nahm. Der Wind rauschte um ihren Körper und sie schwebte in der Luft, von nichts gehalten außer den Händen ihres Vaters. Das leichte Schwanken und Beben der Strickleiter genügte, um ihr die Illusion des Fliegens zu geben. Absolute Freiheit.

Mit einem Mal hörte sie Husten und war verwirrt, denn anders als sonst kam es nicht von ihr. Ihr Oberkörper kippte langsam nach vorn und sie schrie auf, als die Hände ihres Vaters plötzlich keinen festen Halt mehr gaben.

Seine Finger krallten sich schmerzhaft durch ihre Kleidung in ihre Seite, doch sein Hustenanfall wurde schlimmer und er konnte sie nicht halten.

„Papa!“, kreischte sie, während sie komplett nach vorn von der Himmelsleiter kippte und einen Meter absackte, bis ihr Schnapphaken von der nächsten Querverbindung der Sicherungsleine aufgefangen wurde.

Evelyn spürte den Ruck an ihrem Gurt, der den freien Fall bremste und die ganze Leiter erfasste. Sofort krallte sie mit den Händen nach der nächsten Leiterstrebe und presste sich daran. Das keuchende Husten ihres Vaters über ihr hatte noch nicht aufgehört. Seine Hände umklammerten schon wieder die Leiter und sein Oberkörper war gekrümmt, wie sie es selbst von unzähligen Anfällen kannte.

„Evelyn!“, rang er hervor und richtete den panischen Blick nach unten.

„Papa“, jammerte sie und spürte den Schock noch immer im ganzen Körper.

„Ich komme runter“, rief er.

Der Nieselregen verdichtete sich immer mehr und Evelyns Beine zitterten. In ihrem ganzen Mund war ein ekliger, metallischer Geschmack. Als ihr Vater bei ihr ankam, wechselte er auf die andere Seite der Leiter, um ihr gegenüberzustehen.

„Evelyn, schau mich an“, beschwor er sie. „Schau mir in die Augen.“

Sie spürte die schwankende Leiter und ihren eigenen erstarrten Körper und wimmerte leise, als sie seinen Blick erwiderte. Sie klammerte sich so fest sie konnte an die Leiterstrebe.

„Es ist alles gut“, sagte er eindringlich. „Es kann nichts mehr passieren, okay? Wir klettern jetzt zusammen runter. Langsam und sicher.“

Seine Worte erreichten sie trotz ihrer schrecklichen Angst.

„Komm, mit mir zusammen.“ Er setzte den Fuß eine Stufe tiefer.

Evelyns Schultern krampften, als sie den Fuß von der Stufe hob und unter sich die nächste Strebe suchte.

„Sehr gut. Langsam und sicher. Und weiter, gemeinsam mit mir.“

Ihr Vater hob die Hand zu seinem Schnapphaken, löste ihn aus der Sicherungsleine und hängte ihn unter der Querverbindung wieder ein.

„Und du.“

Sie versuchte, den Griff ihrer Linken zu lockern, doch dabei begann ihr ganzer Arm so heftig zu zittern, dass sie innehielt.

„Ich schaff es nicht“, schluchzte sie.

„Wir schaffen es“, sagte ihr Vater im Brustton der Überzeugung. „Ich halte dich. Und los.“

Er streckte den Arm um die Leiter herum und hielt sie und sie hob ihre zitternde Hand von der Sprosse und griff nach dem Schnapphaken. Sie löste ihn und spürte für einen kurzen, schrecklichen Moment wieder den Schwindel und das Gefühl, nach vorn in die Tiefe zu stürzen. Doch dann riss sie sich zusammen und hängte den Schnapphaken erneut ein.

Bis sie am Boden ankamen, regnete es heftig und sie waren klitschnass. Ihr Vater sprang die letzten Meter, nachdem er sich ausgeklinkt hatte, und pflückte sie von der Himmelsleiter.

»Oh Gott …«, flüsterte er, während er sie an sich presste, und sie spürte, dass er selbst jetzt am ganzen Körper zitterte. „Es tut mir so leid, Kleines. Oh Gott, im Himmel.“

Evelyn heulte, während der Regen auf sie beide niederprasselte.

»Aber …«, schluchzte sie, als sie ihre Sprache zurückgewann. »Aber das heißt nicht … dass wir es nie wieder machen, oder?«

Er sah sie an, das Haar klebte an seinem Kopf und sein Gesichtsausdruck war vollkommen fassungslos. Und dann, nach einem Augenblick, lachte er los und sein Lachen mischte sich mit dem heiseren Husten und Evelyn wusste nicht, was auf einmal so lustig war.

Bevor sie durch den Regen nach Hause eilten, bückte er sich nach etwas auf dem Boden. Es war der Goldanhänger, den er bei seinem Hustenanfall auf der Leiter verloren haben musste. Die Lederschnur lag in seiner Hand und die drei Ringe drehten sich langsam gegeneinander. Als er kurz zögerte, dachte Evelyn für einen Augenblick, er würde ihr den Anhänger umhängen. Doch dann streifte er sich die Lederschnur selbst über und ließ den Anhänger wieder unter sein Hemd rutschen.

Zu Hause erzählten sie Evelyns Mutter kein Sterbenswörtchen von der Himmelsleiter. Nur von dem Drachen, dessen Überreste ihr Vater auf dem Flugfeld vergessen hatte.

Es lag nicht an Evelyn, dass es ihr letzter Ausflug zum Flugfeld gewesen war. Evelyn überstand den kalten, harten Winter gut, auch wenn ihre Familie wie viele Menschen in ihrem Teil Wiens zu wenig Kohlen für den Ofen und noch weniger Brot hatte. Doch in der Lunge ihres Vaters hatte sich bereits die Schwindsucht festgesetzt. Je kälter die Monate wurden, desto heftiger schüttelte ihn der Husten und desto mehr schwand er dahin. Nach der Jahreswende verließ er gar nicht mehr das Bett. Und als im nächsten Frühjahr der Schnee taute, starb er schließlich.

Lukas Hainer

Über Lukas Hainer

Biografie

Lukas Hainer ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Songtexter. In Zusammenarbeit mit der Band „Santiano“ startete er 2017 seine Kinderbuchreihe „König der Piraten“, zu der ein Hör-Musical mit der Band und mehrere Hörbücher erschienen sind. „Das dunkle Herz“ ist der erste Jugendroman des...

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