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Nie mehr zurück

Thriller

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Nie mehr zurück — Inhalt

Zoe ist anders als alle anderen. Sie hat die besondere Fähigkeit, die Zeit zurückdrehen und dadurch das Geschehene verändern zu können. Als sie bei einem Bankraub miterleben muss, dass ein Mann erschossen wird – ausgerechnet der gut aussehende junge Mann, der ihr nur wenige Minuten zuvor in einer schwierigen Situation beigestanden hat – entschließt sie sich dazu, ihn zu retten. Doch ihre Gabe kommt nicht ohne Einschränkungen. Zoe kann nur 23 Minuten in der Zeit zurückspringen, und oft verschlimmert sich die Situation durch ihr Eingreifen. Zoes Entschluss könnte in einer Katastrophe enden. Und er bringt sie in große Gefahr. Denn er lenkt die Aufmerksamkeit des Bankräubers auf sie ...

Erschienen am 02.11.2016
Übersetzer: Regina Jooß
208 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70415-1
Erschienen am 02.11.2016
Übersetzer: Regina Jooß
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97547-6

Leseprobe zu »Nie mehr zurück«

Erstes Kapitel

 

Die Geschichte beginnt mit einem Akt verstörender Gewalt.

Oder … na ja … vielleicht nicht ganz.

Vielleicht beginnt die Geschichte genau dann, als Zoe in die Bank geht – nur dass sie da noch nicht weiß, dass es eine Geschichte ist. Sie weiß nur, dass der Himmel sich für einen spätherbstlichen Platzregen geöffnet hat, der sich anfühlt, als stünde sie unter der Dusche des Campingplatzes – unter der, deren Strahl stark und gleichmäßig ist, aber nur zwei Temperaturen kennt: kalt und sehr kalt. Was das mit dem Camping soll, hat Zoe noch nie [...]

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Erstes Kapitel

 

Die Geschichte beginnt mit einem Akt verstörender Gewalt.

Oder … na ja … vielleicht nicht ganz.

Vielleicht beginnt die Geschichte genau dann, als Zoe in die Bank geht – nur dass sie da noch nicht weiß, dass es eine Geschichte ist. Sie weiß nur, dass der Himmel sich für einen spätherbstlichen Platzregen geöffnet hat, der sich anfühlt, als stünde sie unter der Dusche des Campingplatzes – unter der, deren Strahl stark und gleichmäßig ist, aber nur zwei Temperaturen kennt: kalt und sehr kalt. Was das mit dem Camping soll, hat Zoe noch nie verstanden. Hat sich der Mensch über Tausende von Jahren nicht genau deshalb weiterentwickelt, damit er nicht auf dem Boden schlafen oder im Freien pinkeln und kacken oder halbrohes, vom Feuer verkohltes Essen zu sich nehmen muss? Aber die Leiter von Wohngruppen für Jugendliche, die niemand aufnehmen will, glauben scheinbar immer, ein hartes Leben biete eine Möglichkeit, den Gemeinschaftsgeist zu fördern. Und sich mit der benachteiligten Jugend unserer Stadt zu solidarisieren. So als wären sie nicht genau deshalb in einer Wohngruppe, weil sie schon eine harte Zeit gehabt haben. Zoe glaubt, eine Übernachtung in einem Holiday Inn mit Wellness, Zimmerservice und Filmen on demand würde weit befriedigendere Gemeinschaftserlebnisse mit sich bringen. Aber natürlich wurde Zoe noch nie nach ihrer Meinung dazu gefragt.

Also, der Regen beginnt schnell und heftig und er ist nur ein oder zwei Grad wärmer als Eisregen. Zoe saust durch die erste Tür, an der sie vorbeikommt, und findet sich in einer Bank wieder.

Das ist mehr ein Auftakt als ein Anfang der Geschichte: das Vorwort, das Set-up.

Dann sind da die tragenden Figuren: die hochnäsige Schalterangestellte und der von sich selbst überzeugte Wachmann der Bank. So wie auch dieser eine Bankkunde, der von den anderen Kunden (es sind weniger als ein Dutzend) heraussticht – der junge Typ, den Zoe sofort als aufsteigenden Geschäftsmann ausmacht oder als jungen Anwalt in einer angesehenen Kanzlei. Zoe ist stolz darauf, Menschen schnell einschätzen zu können. Das ist überlebensnotwendig. Aber dieser Typ hat ein einnehmendes Lächeln und nimmt sich die Zeit, freundlich mit ihr zu sprechen – sogar nachdem sie ihn angerempelt hat, ihm auf den Fuß getreten ist und Regenwasser auf ihn und seine teuren Schuhe gespritzt hat. Zuletzt ist da natürlich der Bankräuber – auch wenn Zoe jetzt noch nicht weiß, dass er ein Bankräuber ist.

Nicht viel, das man »eine Geschichte« nennen könnte.

Die nimmt aber auch nicht wirklich Fahrt auf, bis der Raubüberfall anfängt schiefzugehen. Bis sie alle nicht weiter als sechs Meter voneinander entfernt sind – sogar weniger, wenn man die eine Schalterangestellte nicht einrechnet. Ohne die sind sie wirklich ein gedrängter Haufen: Zoe auf den Knien am Boden, der Wachmann mit seiner gezogenen Waffe, die auf den Kopf des zukünftigen Räubers gerichtet ist, der zukünftige Räuber mit seiner gezogenen Waffe, die auf den Kopf des Typen gerichtet ist, der nett zu Zoe war.

Sollte ich es jetzt sagen?, fragt sie sich mehrmals, bis sich endlich, nach all dem Geschrei und Gefuchtel mit der Waffe und den Drohungen, alle und jeden zu erschießen, die Aufmerksamkeit des Räubers auf jemand ganz anderen konzentriert als Zoe. Endlich erkennt sie, dass sie vielleicht ein paar Augenblicke haben könnte, um ihre spezielle Fähigkeit zu gebrauchen und davonzukommen.

Wenn das bloß nicht nur deshalb geschehen wäre, weil sich der junge CEO (oder was auch immer er ist) absichtlich zwischen sie und den Räuber gestellt hat.

Ist er dumm oder lebensmüde?, fragt sich Zoe.

Aber damit wird sie ihm nicht gerecht. Seine Augen sind blau und weit aufgerissen und darin spiegelt sich genug Angst, um zu sagen, dass er genau weiß, was er getan hat, genug Trotz, um festzustellen, dass er die gleiche Entscheidung wieder treffen würde.

Und darum bleibt Zoe dort, wo sie ist.

Die Situation wird sogar noch schlimmer, mit noch mehr Geschrei, noch mehr Drohungen – und dann knallen zwei Schüsse gleichzeitig. Oder zu dicht nacheinander, um einen Unterschied auszumachen.

Zoe wird mit Blut vollgespritzt, sowohl mit dem des Diebs als auch mit dem des Kunden, den sie in der kurzen Zeit fast zu mögen begonnen hatte. Ganz zu schweigen von den Knochenstückchen. Und dem, von dem sie sich eifrig versucht zu überzeugen, dass es sich nicht wirklich um Stückchen von Hirnmasse handeln kann.

So beginnt die Geschichte.

 

 

 

Zweites Kapitel

 

O. K. … das ist vielleicht eine etwas zu spärliche Erzählung.

Also, nur dieses eine Mal: genau dieselben dreiundzwanzig Minuten noch einmal von vorne, nur mit mehr Details.

Was natürlich absolut nicht die Art ist, wie Zoes Fähigkeit, die Zeit zurückzuspielen, funktioniert. Nicht, dass Zoe kapiert hätte, wie sie funktioniert.

Manchmal glaubt sie, dass sie so geboren wurde und es nur nicht herausgefunden hat, bis sie ein Teenager war, dass es sich um eine schlummernde, halb fertige magische Fähigkeit handelt oder um eine Art von genetischer Mutation, die ihr von einem Universum mit einem sonderbaren Sinn für Humor aufgestülpt wurde. Ihr gefällt die Vorstellung, dass es vielleicht tatsächlich andere wie sie gibt, selbst wenn das, das liegt in der Natur des Zeitzurückspielens, nur schwer herauszufinden wäre – wenn überhaupt.

Oder vielleicht hat sie die Fähigkeit oder das Talent oder die Begabung bekommen, weil sie mit zehn Jahren beinahe gestorben wäre, als ihr Blinddarm durchgebrochen ist, nachdem ihre Mutter so lange damit wartete, sie zum Arzt zu bringen, weil – wie Mom es im Krankenhaus erklärte – sie immer »über irgendetwas jammert«.

Oder es könnte alles begonnen haben, als sie zwölf gewesen ist: Damals, als sie während eines Sturms draußen blieb, um das Naturschauspiel zu beobachten, den Geruch nach Ozon in der Nase. Sie konnte fühlen, wie sich die Haare an ihren Armen aufstellten, als das Grollen des Donners fast gleichzeitig mit dem Zucken der Blitze ertönte – näher und näher, lauter und heller. Bis dieser eine Blitz in den Fahnenmast im Hof der Durans gleich nebenan einschlug. Zoe wurde von den Stufen herunter und auf ihren Rücken geschleudert, ihr ganzer Körper kribbelte wie von elektrischen Spinnen. Zoe war zwölf und wusste, dass sie deshalb keinen Trost bei ihrer Mutter zu suchen brauchte, sie wusste, wie diese reagieren würde – indem sie ihr den Handrücken übers Gesicht gezogen und geschimpft hätte: »Dummes Ding – nicht schlau genug, nach drinnen und aus dem Regen zu kommen. Das hast du davon.«

Wie auch immer … wann auch immer … weshalb auch immer sie die Fähigkeit, die Zeit zurückzuspielen, erlangt hat, Zoe verfügt darüber. Sie weiß jetzt seit zweieinhalb Jahren, dass sie sie hat, seit sie dreizehn gewesen ist.

Zoe spaziert durch die Einkaufsstraßen der Innenstadt, nicht zum Shoppen, sondern weil sie nicht weiß, wohin sie sonst gehen soll, als sich plötzlich die Wolken mit einer sintflutartigen Heftigkeit öffnen. Sie schiebt ihre Mappe mit Papieren unter ihr T-Shirt, aber der Regen ist kalt und schonungslos, also saust sie durch die nächstbeste Tür, die zu einer Filiale von Spencerport Savings and Loan gehört. Das ist keine besonders kluge Entscheidung, denn für eine Fünfzehnjährige, die nicht einmal ein Bankkonto hat, gibt es hier nicht besonders viel zu tun. Zoe reibt sich die Arme – einen nach dem anderen, denn sie hält immer noch ihre Mappe schützend an sich gepresst – und wünscht sich, sie hätte heute Morgen ihre Jacke mitgenommen, als sie das Haus verlassen hat.

Nein, was Zoe sich wirklich wünscht, ist, sie könnte den ganzen Tag zurückspielen. Ein zweiter Versuch, beginnend damit, dass sie gegenüber Mrs Davies ihr Maul nicht so weit aufreißt.

Aber dreiundzwanzig Minuten sind ihr Limit und dreiundzwanzig Minuten nach ihrer Auseinandersetzung mit Mrs Davies war Zoe immer noch zu wütend, um auch nur daran zu denken, sich zurückzuhalten. Nun ist es viel zu spät, um noch irgendetwas daran zu ändern.

Zu verdammt impulsiv – das hat sie schon häufiger gehört. Außerdem weiß sie aus früheren Erfahrungen, was für eine unsichere Sache das Zurückspielen der Zeit sein kann. Sie hat es bei verschiedenen Gelegenheiten sowohl in ernster Absicht als auch leichtfertig verwendet und sie schätzt, dass sie eine zehnprozentige Chance hat, eine tatsächlich gegebene Situation zu verbessern.

Ihre Gedanken wandern – wie so oft in letzter Zeit, wenn sie über das Zurückspielen nachdenkt – zu dem Tag, als sie sich von einer gelähmten Zunge zu einem peinlichen Flirten und dann zu einem erfolgreichen Flirten mit diesem hübschen Typen an der Bushaltestelle verbessert hat … nur um herauszufinden, dass er der neueste Schwarm ihrer besten Freundin Delia ist, der auf Delia warten sollte. Und keine Minuten mehr übrig, um alles zurückzuspielen und ihn zu ignorieren. Delia hat ihr noch immer nicht verziehen – und das, obwohl sie nichts vom Zurückspielen weiß, also absolut keinen Schimmer davon hat, wie hartnäckig Zoe ihn verfolgt hat.

In den zweieinhalb Jahren, die sie diese Fähigkeit schon besitzt, hat das Zurückspielen sie mehr gekostet, als es ihr Nutzen gebracht hat. Zoe hat begonnen, ihr Leben wie eines dieser interaktiven Abenteuerbücher zu betrachten, bei denen man selbst Entscheidungen treffen muss, die die Handlung verändern – so ein Buch, bei dem es am besten ist, es einmal komplett durchzulesen und danach keine getroffene Entscheidung zu überdenken, denn die Wahlmöglichkeiten bestehen nur zwischen schlimm und noch schlimmer.

Also, Zoe friert und sie ist durchnässt und Mrs Davies ist sauer auf sie: Ja, okay, das ist nichts Neues.

An diesem ersten Freitag im November sind nachmittags ungefähr ein Dutzend Kunden in der Bank. Der Wachmann der Bank steht drinnen, direkt beim Eingang, und sieht sie argwöhnisch und missbilligend an. Vielleicht, weil sie kleine Wasserpfützen auf den Boden tropft oder weil er vermutet, sie habe seine Bank ausgewählt, um dort mit ihren Gangsterfreunden abzuhängen, jetzt da das Einkaufscenter drei Blocks weiter eine Regelung eingeführt hat, die es Jugendlichen nur in Begleitung ihrer Eltern erlaubt, sich dort aufzuhalten.

Der Grad seiner Beunruhigung sinkt nicht, selbst als sie ihre Mappe unter ihrem Shirt hervorzieht und zu dem hohen Tisch mit den Fächern für Einzahlungsbelege und Auszahlungsformulare geht. Obwohl die Mappe selbst durchweicht ist, sind die Papiere darin unbeschädigt. Das ist gut. Nimmt sie an. Auch wenn sie sich jetzt, nachdem sie sich nach ihrem kleinen Zoff mit Mrs Davies wieder beruhigt hat, selbst fragen muss: Wie wichtig sind diese Papiere wirklich? Vermutlich sind sie den Ärger nicht wert, den sie jetzt hat.

Zoe nimmt sich ein rosa Bankformular, ohne darauf zu achten, ob es für Einzahlungen oder Abhebungen gedacht ist. Sie nimmt den Stift, der mit einer Kette am Tisch befestigt ist – obwohl er aussieht wie die Stifte, die im Dutzend im Eindollarshop verkauft werden. Dann dreht sie das Bankformular um und schreibt die Namen der anderen Mädchen auf ihrem Stockwerk auf die leere Rückseite. Es gibt keinen speziellen Grund dafür, außer um zu überprüfen, ob sie sich an alle erinnert, und vor allem, um Zeit totzuschlagen. Sie beginnt mit Delia, auch wenn Delia nicht mehr mit ihr spricht.

Ein neues Stück Papier und sie schreibt die Namen aller James-Bond-Darsteller auf. Noch ein Papier für Schneewittchens sieben Zwerge. Und ein anderes für die Rentiere des Weihnachtsmanns. Nur kommt sie bloß auf acht und wenn man Rudolph mitrechnet – was sie getan hat – müssen es neun sein, das weiß sie.

In Ordnung, sie kann nicht den ganzen Nachmittag an diesem Tisch bleiben. Obwohl sie es vermeidet, in seine Richtung zu blicken, denn das würde so aussehen, als hätte sie ein schlechtes Gewissen, ist sie sich sicher, dass der Wachmann sie beobachtet und zählt, wie viele Papiere sie verbraucht.

Zoe stopft die Zettel in ihre Mappe und stellt sich an, um zu warten, bis ein Schalterangestellter frei ist. Dabei hofft sie, dass der Wachmann sieht, dass sie hier etwas Ordentliches zu erledigen hat.

Die nächste freie Bankangestellte hört sich hinter ihrem Schalter genauso missbilligend an, wie der Wachmann schaut, als sie Zoe fragt: »Womit kann ich Ihnen helfen?« So als würde sie es verabscheuen, so tun zu müssen, als wäre jemand wie Zoe ein normaler Kunde. So als würde sie vermuten, Zoe wolle um Almosen bitten oder versuchen, Süßigkeiten zu verkaufen, um das Fußballteam ihrer Schule zu unterstützen, trotz des Schilds an der Tür, auf dem »Hausieren verboten« steht – was in dieser Nachbarschaft das Verkaufen von Süßigkeiten meinen könnte oder etwas völlig anderes.

Zoe spricht gleich lauter, sie ahnt intuitiv, dass diese Schalterangestellte zu den Erwachsenen gehört, die glauben, alle Jugendlichen würden nuscheln. Sie fragt: »Haben Sie Präsidentendollarmünzen?«

Das Lächeln der Frau wirkt kein bisschen weniger erzwungen als ihr Hilfsangebot. »Von wem brauchen Sie das Bild?«

Zoe sagt nicht, dass es grammatikalisch korrekt heißen müsste: Wessen Bild brauchen Sie? In einer Welt mit wechselnden Wohngruppen und Sozialarbeitern, die ein Burnout erleiden oder wieder gehen, wenn man sich gerade erst an sie gewöhnt hat, mag Zoe die Ordnung, die der Sprache von der Grammatik aufgezwungen wird. Dennoch versucht sie im Allgemeinen, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Also antwortet sie einfach: »William Henry Harrison.«

William Henry Harrison ist Zoes Lieblingspräsident. Er war nur zweiunddreißig Tage im Amt und an beinahe allen davon krank, denn er zog sich bei seiner Vereidigung eine Lungenentzündung zu und ist dann gestorben. Zoe findet, dass man jemanden, der so viel verfluchtes Pech hatte, einfach mögen muss.

»Harrison …« Die Schalterangestellte öffnet ihre Schublade mit Wechselgeld und sieht einige einzelne Münzen durch: »Pierce … Adams … der andere Adams … Franklin D. Roosevelt …« Vielleicht denkt sie, Zoe könnte ihren Wunsch nach dem Präsidentendollar überdenken. »Nein, tut mir leid.« Noch ein falsches Lächeln.

»Das macht nichts«, sagt Zoe. Wenn sie darüber nachdenkt, ist sie sich jetzt nicht einmal sicher, ob sie überhaupt Münzen im Wert eines Dollars für einen Präsidentendollar in der Tasche hat.

Sie tritt vom Schalter zurück. Auf einem niedrigen Tischchen in der Sitzecke ist eine Kaffeebar eingerichtet. Daneben ist ein Schild, auf dem »Gratiskaffee für unsere Kunden« steht. Draußen schüttet es noch immer und ein Kaffee würde sicherlich helfen, die Kälte aus ihren Knochen zu vertreiben. Aber sie fragt sich, ob es genügt, um sie als Kundin zu bezeichnen, dass sie nach einem William-Henry-Harrison-Dollar gefragt, aber keinen erhalten hat. Ohne einen Blick auf den Wachmann zu werfen, geht sie zurück zu dem Tisch mit den Bankformularen, der sich gleich neben den Schaltern befindet. Sie öffnet ihre Mappe. Sie blättert ihre Zettel durch. Nimmt noch ein weiteres Blatt aus einem Fach und versucht noch einmal, die Namen der Rentiere zusammenzubekommen. Immer noch nur acht. Sie vergleicht sie mit ihrer älteren Liste, in der Hoffnung, dass es andere acht sind; aber nein, es gibt eines, das sie immer wieder auslässt.

Und immer noch kein Anzeichen dafür, dass der Regen nachlässt. Zoe beschließt, das Nasswerden in Kauf zu nehmen und die Straße zu überqueren, um ins Schreibwarengeschäft zu gehen. Vielleicht findet sie sogar etwas Passendes für Mrs Davies. In dem Laden müsste es Karten für Leute geben, die sich bei ihrer Pflegemutter entschuldigen müssen. Zoe will zwar nicht tatsächlich eine Karte kaufen, aber sie könnte sich einen passenden Spruch merken.

Gerade als sie von dem Tisch fortgeht, kommt ein nervöser, ganz in sich versunkener Mann in die Bank, der das schlechte Wetter scheinbar als einen persönlichen Affront wertet. Zoe kann das aus seiner Haltung ableiten, denn er ist ganz in seinen Regenmantel gewickelt, hält den Kopf gesenkt, hat die Schultern gehoben und die Hände in seine Taschen gestemmt. Beinahe rennt er in Zoe hinein und beweist damit erneut, was Zoe schon weiß: Kids – auch ältere Kids, die ihr Bestes geben, um tough auszusehen – sind unsichtbar.

Zoe macht eilig einen Schritt rückwärts, trotz ihrer oft geäußerten Meinung, dass die Welt eine bessere wäre, wenn die Leute einfach nicht mehr in irgendeine Richtung laufen würden, in die sie gerade nicht schauen.

Und so tritt sie auf den Fuß des jungen Mannes, eines Kunden, der gekommen ist, um eines der Einzahlungs- oder Auszahlungsformulare zu verwenden.

»Oh, das tut mir leid«, sagt er – höflich, nicht sarkastisch –, obwohl es ganz klar ihr Fehler und nicht seiner gewesen ist. Er hält sie an ihrem linken Ellbogen fest, möglicherweise um zu verhindern, dass sie hinfällt, denn sie ist aus dem Gleichgewicht gekommen; möglicherweise aber auch einfach, um sich selbst vor weiterem Getrampel zu schützen.

Die Formulare, die Zoe zum Schein ausgefüllt hat, rutschen aus ihrer Mappe heraus und segeln zu Boden, gemeinsam mit einigen der Zettel, für die sie Mrs Davies’ Zorn in Kauf genommen hat.

»Ich bin so ein Tollpatsch«, murmelt Zoe.

»Nein, wirklich, solche Dinge passieren jedem.«

Der junge Mann hat selbst Papierkram, auch wenn er sich schlauerweise dafür entschieden hat, seine Schriftstücke sicher in einem dieser beutelähnlichen Büroumschläge zu verwahren, die mit einem Band verschlossen sind. Doch er geht in die Hocke und hilft Zoe, ihre Papiere wieder zusammenzusammeln. Vermutlich ist er nur acht oder neun Jahre älter als sie, aber in diesem Alter ist das ein recht großer Unterschied: Er bewegt sich mit dem Selbstbewusstsein eines Erwachsenen. Eines erfolgreichen Erwachsenen, urteilt Zoe nach einer schnellen Einschätzung seines Haarschnitts und seiner Kleidung. Sicher geht er zu einem Stylisten, nicht zu einem einfachen Friseur oder einem Schüler der Rochester School of Beauty, wo Zoe hingeht, wenn sie überhaupt geht. Er trägt sein Jackett ohne Krawatte und zu einer Jeans, ein Look, den sie für etwas zu gewollt trendig hält. Sie ist sich bewusst, dass ihr eigener Look – ein Pferdeschwanz, Jeans aus dem gemeinnützigen Secondhandladen und ein T-Shirt – sie als eine Versagerin kennzeichnet. Ihre Haare sind blau gefärbt (oder sollten es sein) und stufig geschnitten (eher Zufall als Statement). Normalerweise ist Zoe mit ihrem Look zufrieden, da sie damit dort dazu passt, wo sie sein will, und er so ziemlich jeden anderen abschreckt.

Zoe kennt sich nicht genug mit Banken aus, um zu wissen, ob es normal ist, fünf verschiedene Formulare zu haben (drei rosarote und zwei weiße), aber sie vermutet, dass es das wahrscheinlich nicht ist.

»Es ist okay, es ist okay«, sagt sie zu dem Typen und reißt ihm die Zettel aus den Händen, damit er nicht sehen kann, dass sie nur auf die Rückseiten geschrieben hat und dass das, was sie geschrieben hat, Namenslisten sind und keine Zahlen, die zumindest so gewirkt hätten, als hätten sie etwas mit Bank- oder Geldgeschäften zu tun.

»Danke«, sagt sie. Sie ist so darauf konzentriert, die Bankformulare wiederzubekommen, dass sie vergisst, ihre Mappe festzuhalten. Der Rest ihrer Zettel löst sich daraus und gleitet zwischen ihnen zu Boden.

»Gern geschehen.« Seine Stimme ist freundlich, ohne aufgesetzt zu klingen. Allerdings blickt er auf einen ihrer Zettel, der mit der beschriebenen Seite nach oben gelandet ist und deutlich zeigt, dass Zoe die Ernsthaftigkeit für Bankgeschäfte fehlt:

Rudolph Vixen

Dasher Comet

Dancer Cupid

Donner Prancer

 

Er runzelt die Stirn und sie ist sich sicher, er wird sie gleich bei der zuständigen Stelle melden. Oder allermindestens zurücknehmen, was er gesagt hat, dass sie kein Tollpatsch ist.

Stattdessen sagt er: »Blitzen.« Er schaut zu ihr hoch, und sie begreift, dass er irgendwie zwischen Freundlichsein und Belustigung schwankt. »Es fehlt Blitzen.«

»Danke«, wiederholt Zoe und bemerkt, dass sie jetzt wirklich nuschelt.

Fantastisch. Er hält sie für nett auf die tollpatschige, unbeholfene Art kleiner Kinder. Die Leute scheinen zierliche Mädchen immer für jünger zu halten, als sie tatsächlich sind.

Was ihn angeht … er hat schöne Haare, hellbraun und gut gestylt – aber seine Gesichtszüge sind eher interessant als attraktiv, denkt Zoe. Wie auch immer, sie gibt seinem Lächeln eine 1+. Zu schade, dass er sie auslacht.

Soll sie es sagen?, fragt sie sich, soll sie zurückspielen sagen – das Wort, das den ordentlichen Ablauf der Zeit anhält und zu dem Moment dreiundzwanzig Minuten zuvor zurückspringt, zu dem Moment, bevor sie sich vor diesem Typen zum Clown gemacht hat? Nein, sagt sie sich selbst. Dummkopf! Er ist Mitte zwanzig! Seit wann hat sie die Angewohnheit, erwachsene Männer anzuhimmeln, die weder Sänger noch Schauspieler sind? Und außerdem würde das bedeuten, dass sie noch einmal das ganze Vom-Regen-überrascht-werden durchleben müsste.

Ein Fuß wird auf den Rentier-Zettel gestellt. Er gehört zum Wachmann der Bank. Und der Wachmann fragt: »Gibt es hier Probleme?«

»Überhaupt nicht«, antwortet der junge Typ, »nur …«, er zeigt auf den Zettel unter dem Schuh des Wachmanns, »die Tatsache, dass Sie offenbar auf einem unserer Formulare stehen.«

Oh, unsere. Er verbündet sich mit ihr: sie beide gegen den Wachmann.

Der Wachmann, der beobachtet hat, dass sie getrennt voneinander in die Bank gekommen sind, und der sieht, wie extrem weit voneinander entfernt sie auf der gesellschaftlichen Leiter stehen, argwöhnt scheinbar, dass sie irgendetwas vorhaben, aber er hat eindeutig noch keine Ahnung, was.

Fast zögerlich hebt der Wachmann seinen Fuß, dann beugt er sich hinunter, um besser sehen zu können. Zoe bewegt sich vor, um den Zettel an sich zu nehmen, bevor er ihn lesen kann, und sie stoßen mit den Köpfen zusammen. Während Zoe und der Wachmann abgelenkt sind, hebt ihr Mitverschwörer mit dem hübschen Jackett und dem noch hübscheren Lächeln das Bankformular vom Boden auf. Er wischt es an seiner Jeans ab, vielleicht, um den Fußabdruck des Wachmanns abzuwischen, oder als Erklärung dafür, warum er es Zoe mit der beschriebenen Seite nach unten reicht.

»Danke«, sagt – nuschelt – sie erneut. Eilig stopft sie alle Zettel, Bankformulare und Wohngruppenpapiere zurück in die Mappe.

Der Jackett-Typ ist eindeutig belustigt, der Wachmann ist es eindeutig nicht.

Jackett richtet sich in einer schnellen, eleganten Bewegung auf und streckt Zoe eine Hand entgegen, um ihr ebenfalls aufzuhelfen. Zoe ist weder schnell noch elegant, trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner Hilfe.

»Vielen Dank«, sagt Jackett zu dem Wachmann. Er klingt wie ein Musterbeispiel untadeliger Manieren, aber er sagt auch deutlich: Sie können gehen.

Es ist nicht so, dass sie die Hilfe von Jackett bräuchte. Oder von irgendjemandem. Zoe rühmt sich selbst damit, unabhängig zu sein.

Egal ob es regnet oder nicht, sie beschließt, über die Straße zu dem Schreibwarenladen zu rennen, wo sie nicht so schrecklich auffallen wird; und in genau diesem Moment richtet sich die Aufmerksamkeit des eher interessant als gut aussehenden Jacketts von ihr weg auf etwas anderes. Er starrt mit einem rätselhaften Ausdruck über sie hinweg, bis sich sein Gesicht total verschließt, es ist jetzt leer und absichtlich nicht zu ergründen. Im selben Moment entsteht hinter ihr Unruhe. Der Wachmann dreht sich um, damit er sehen kann, ob in seiner Bank etwas Schlimmes passiert – etwas Schlimmeres als Zoe – und sie sieht, dass sich seine Hand gerade in Richtung der Waffe an seiner Hüfte bewegt, aber dann erstarrt er.

Das hat nichts mit dir zu tun, sagt Zoe sich selbst. Das geht dich nichts an. Schau, dass du sofort hier rauskommst. Zu diesem Zeitpunkt scheint es mehrere Möglichkeiten zu geben, um rauszukommen, und die Zeit zurückzuspielen ist nur eine davon.

Aber wenn hinter ihr etwas Gefährliches vor sich geht, dann wäre es mit Sicherheit besser zu wissen, um was für eine Gefahr es sich handelt.

Obwohl, vielleicht auch nicht …

Denn nachdem sie sich ebenfalls langsam umgedreht hat, sieht sie den nervösen Kunden, denjenigen, der so schnell in die Bank gekommen ist, dass er sie beinahe umgerannt hätte. Und er hat eine Waffe. Er hat sich nur noch nicht entschieden, worauf er sie richten will. Er wedelt mit ihr in Richtung der fünf Angestellten am Schalter herum, in Richtung der Kunden, in Richtung des Wachmanns, der – obwohl er selbst eine Waffe hat – beide Hände in einer beruhigenden Geste erhoben hat.

Draußen ist es kalt und feucht, deshalb hat sie es zwar bemerkt, es aber nicht wirklich registriert, dass dieser … nun, wie es aussieht, Bankräuber … mit gekrümmten Schultern und bis zum Gesicht hochgeklapptem Mantelkragen hereingekommen ist. Jetzt schließlich nimmt sie wahr, dass er sich seine Baseballcap tief ins Gesicht gezogen hat, sodass seine Haare und ein großer Teil seines Gesichts verdeckt sind. Und jetzt steht er nicht einmal einen Meter entfernt von Zoe.

»Hände hoch!«, brüllt er und klingt dabei ganz und gar so, als würde er jeden verrückten Bankräuber, den Zoe je im Fernsehen oder im Kino gesehen hat, nachahmen. »Ihr alle, Hände hoch!«

Alle gehorchen, sogar die Kunden, die sich hinter die wenigen Möbelstücke in diesem plötzlich viel zu leeren Raum ducken. Sogar Zoe, die ihre Mappe mit allen Zetteln aus ihren Händen rutschen und zu Boden fallen lässt.

Was in Ordnung ist, denn damit das mit dem Zeitzurückspielen funktioniert, muss sie ihre Arme um ihren Oberkörper legen. Sobald der Dieb so abgelenkt ist, dass er es nicht bemerkt, natürlich.

»Hände weg von der Waffe!«, schreit er den Wachmann an, obwohl die Hände des Wachmanns bereits weit von der Waffe weg sind.

»Das sind sie, das sind sie!«, versichert ihm der Wachmann.

»Du!«, befiehlt der Bewaffnete der Angestellten, an deren Schalter er sich befindet, derjenigen, die zuvor Zoe geholfen hat – oder eher nicht geholfen hat. »Füll die Tasche weiter auf!«

Sie hat einen Leinenbeutel, in den sie alles Geld aus ihrer Schublade wirft. Als sie, unbeholfen aufgrund ihres Zitterns, fertig wird, blickt sie zu dem Gangster auf und wartet auf weitere Anweisungen. Er bedeutet ihr, den Beutel zum nächsten Schalterangestellten weiterzugeben.

»Niemand versucht irgendwas!«, warnt der Gangster die Kunden und Bankangestellten.

Obwohl Zoe durch einen unglücklichen Zufall diejenige ist, die am nächsten bei dem Dieb steht, blickt er über sie hinweg und beobachtet den Wachmann. Zoe nimmt ihre Arme herunter und schlingt sie eng um sich selbst, der erste Schritt, um dieser Version der Zeit zu entkommen. Aber die Bewegung weckt die Aufmerksamkeit des Gangsters. Er packt ihren Arm so fest, dass ihr der Gedanke – der verfluchte, dämliche Gedanke – durch den Kopf schwirrt: Oh, das gibt blaue Flecken.

Wichtiger, das wird auch verhindern, dass das Zurückspielen funktioniert.

»Nimm seine Waffe«, verlangt der Räuber.

»Was?« Zoes Gehirn ist wie betäubt durch die schreckliche Situation, in der sie sich befindet.

Was kein Grund für ihn ist, sie mit seiner freien Hand zu ohrfeigen, so wie die Leute in den Kinofilmen immer hysterische Personen beruhigen. Zoe hat keine Ahnung, warum Drehbuchautoren scheinbar immer denken, eine Ohrfeige sollte eine beruhigende Wirkung haben. Mit der roten brennenden Wange hat sie noch mehr Angst als zuvor.

»Das ist nicht nötig«, protestiert eine ruhige Stimme und Zoe erkennt, dass es die von Jackett ist, der nur Augenblicke zuvor nett zu ihr war und versucht hat, den Wachmann von ihr abzulenken. Jetzt versucht er, den Räuber abzulenken. »Sie ist nur ein Kind. Ich hole die Waffe.«

In der Tat hat er sich schon halb zu dem Wachmann umgedreht, aber der Gangster befiehlt ihm: »Dreh dich wieder um, mit dem Gesicht zu mir.«

Zieh die Aufmerksamkeit nicht auf dich, wünscht sich Zoe in Gedanken von Jackett.

Zoe selbst hat es gelernt, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Es sei denn natürlich, wenn sie so nah bei einem extrem nervösen Typen mit einer Waffe steht, dass dieser sie ohrfeigen kann.

»Nimm die Waffe von dem Wachmann«, sagt der Räuber zu Zoe. »Jetzt. Mit deiner linken Hand. Nur mit zwei Fingern. Langsam.«

Zoe hofft, jeder kann sehen, dass sie das nicht aus freien Stücken tut, dass sie nicht zu der Bankräuberbande von diesem Mann gehört.

»Tut mir leid«, sagt sie zu dem Wachmann. Aber gerade als sie nach der Waffe des Wachmanns greifen will, scheint der Räuber auszurasten. Plötzlich beginnt er zu schießen.

Die Leute schreien und verbergen ihre Köpfe in den Händen. Zoe hat schon früher Opfer von Schießereien gesehen. Sie weiß, was für ein elend unzureichender Schutz Hände sind. Aber im Moment schießt der Gangster nur auf die Kameras der Bank. Was Sinn macht, vermutet Zoe.

Das ist auch der Moment, in dem sie begreift: Er wird uns alle umbringen.

Der Gangster ist wegen irgendetwas wütend. Zoe kann nicht sagen, ob es deswegen ist, weil sie zu langsam war, oder ob irgendjemand anderes hier etwas getan hat, was ihn verärgert hat, oder ob er eine geistige Grenze überschritten hat, die ihn unter Kontrolle gehalten hatte, oder ob es etwas anderes ist. Es scheint ihn nicht einmal mehr zu interessieren, ob Zoe die Waffe des Wachmanns an sich nimmt. Stattdessen konzentriert er sich auf den jungen Typen in den guten Klamotten.

Was hast du getan?, wundert sich Zoe.

Außer dem Offensichtlichen: Er hat einen großen Schritt nach vorne gemacht. Und das bedeutet, dass er, nicht Zoe, jetzt am nächsten bei dem Gangster steht. Er hat seine Hände immer noch erhoben, aber offensichtlich ist das nicht gut genug.

Der Gangster packt den jungen Mann an seinem gut geschnittenen Jackett und stößt ihn gegen die halbhohe Mauer, welche die Schalterangestellten von der restlichen Bank trennt. Er hat seinen rechten Arm gegen die Kehle des jungen Mannes gedrückt, die Pistole an seine Schläfe. »Lass die Waffe fallen«, schreit er den Wachmann an. »Lass die Waffe fallen oder ich puste diesem Arschloch das Hirn weg.«

Zoe hatte nicht einmal bemerkt, dass der Wachmann seine Pistole gezogen hat.

Und von all den dummen Sachen, die er sagen könnte, sagt Jackett zum Wachmann: »Nicht.«

»Du glaubst wohl, ich bluffe?«, fragt der Gangster. »Ich kann es tun. Du solltest wissen, dass mich nichts glücklicher machen würde, als es zu tun.« Er dreht die Pistole vor und zurück, so als versuche er, sie in Jacketts Kopf zu schrauben.

Auf alle Fälle nimmt der Wachmann seine Waffe nicht herunter. Er macht einen Schritt direkt neben Zoe und hat seine Waffe auf den Kopf des Gangsters gerichtet. Zoe sieht, dass die Hand des Wachmanns zittert, und das ist mit Sicherheit kein gutes Zeichen.

Die Bankangestellten ducken sich alle hinter ihren Schalter – sehr vernünftig, Zoes Meinung nach.

Stopp es, sagt Zoe sich selbst. Stopp es jetzt. Sie kann das. Bis zu einem gewissen Maß.

Aber sie hat mit derartigen Dingen in der Vergangenheit kein großes Glück gehabt. Sie hat viel zu viel Zeit damit verbracht, als sie dreizehn war. Vermutlich hat sie als Dreizehnjährige Jahre damit zugebracht, verschiedene Zeitpunkte zurückzuspielen, um Sachen in Ordnung zu bringen – obwohl niemand es wirklich in Ordnung bringen kann, dreizehn zu sein. Und erst vor ein paar Wochen ist die ganze Sache mit Delias Freund passiert, als sie die Situation missverstanden hat. Nicht, dass diese Situation viel Interpretationsspielraum offen ließe.

»Nimm das Geld«, befiehlt der Gangster Jackett, denn der Beutel ist zurück zu der Angestellten gewandert, die direkt neben ihnen sitzt, und liegt jetzt gleich neben ihm. »Diese netten Leute werden uns hier rausgehen lassen, sodass ich dich nicht erschießen muss.«

»Leck mich«, antwortet Jackett. Was Zoe ebenfalls für eine sehr offensichtlich nicht schlaue Sache hält.

»Es ist ganz einfach«, sagt der Gangster. »Du spielst mit – hoffst, dass alle mitspielen – und du lebst. Ich lasse dich draußen gehen.«

»Nein, das wirst du nicht«, widerspricht Jackett. An den Wachmann gerichtet wiederholt er den Gedanken, als wolle er sichergehen, dass der Wachmann ihn versteht. »Er wird mich nie gehen lassen. Er wird keinen von uns je gehen lassen. Es gibt zu viele Leute, die ihn identifizieren könnten. Also können Sie ihn auch sofort erschießen.«

Erst keine Videoaufnahmen, dann keine menschlichen Zeugen. Das ist dieselbe Schlussfolgerung, die auch Zoe gezogen hat, als der Mann die Kameras zerschossen hat. Dennoch kann sie nichts dagegen tun, sie klammert sich an ihre Hoffnung. Du weißt nicht sicher, dass er dich umbringen wird, sagt sie in Gedanken zu Jackett. Besser das Risiko eingehen, vielleicht später umgebracht zu werden, als sicher jetzt umgebracht werden.

Genau da kommt ihr der Gedanke: Ist er dumm oder lebensmüde?

Eine der Bankangestellten streckt sich über ihren Schalter und versucht, Jackett den Beutel zu geben, aber er weigert sich, ihn zu nehmen.

Der Wachmann beschließt scheinbar, dass Zoe im Weg steht, und schubst sie; aber sie fällt über ihre eigenen Füße und landet, statt weiter weg, jetzt auf ihren Knien am Boden.

»Selbst wenn«, hebt der Gangster hastig hervor, »dieser Clown von einem Polizisten es schafft, einen Schuss abzugeben, bevor ich es kann, selbst wenn er die Kugel in meinen Kopf schießt, sodass ich augenblicklich tot bin, wird sich in diesem Moment mein Finger um den Abzug zusammenziehen und du bist tot.«

»Ich bin in jedem Fall tot«, teilt Jackett dem Wachmann mit und Zoe wünscht sich, er wäre sich dessen nicht so sicher. »Oder er beweist uns seine guten Absichten, indem er die Waffe jetzt runternimmt.«

Der Gangster beweist seine schlechten Absichten, indem er sich nicht bewegt.

Jackett wiederholt seine Aufforderung an den Wachmann: »Schießen Sie.«

Der Wachmann ist nicht der Einzige, dessen Hand zittert. Der Gangster sieht seine Möglichkeiten schwinden, als Jackett sich weigert, mitzuspielen, und Zoe weiß, dass ihn das sogar noch gefährlicher macht.

Sag es, befiehlt Zoe sich selbst. Sag es jetzt.

Sie muss riskieren, Aufmerksamkeit zu erregen. Sie kreuzt ihre Arme und umarmt sich selbst. Sie muss nur »Zurückspielen« sagen, dann wird das alles hier weg sein.

Als sie sieht, wie Jackett tief durchatmet, zögert sie. Warum tut er das? Hat er einen Plan? Glaubt er, dass der Gangster erkennt, wie aussichtslos es ist, davonzukommen, und nachgibt? Oder meint Jackett, er könne ihn überwältigen? Wird er hochspringen oder sich ducken oder auf seine Knie fallen, in der Hoffnung, der Kugel des Gangsters auszuweichen und gleichzeitig dem Wachmann eine freie Schussbahn zu ermöglichen? Oder bereitet er sich selbst auf den Tod vor? Sie blickt direkt in seine blauen Augen und hat keine Vermutung, was hinter ihnen vorgeht, als er sagt: »Gib den verdammten Schuss ab.«

Und der Wachmann schießt.

Entweder bewusst aus Rache oder aufgrund eines Muskelreflexes: Auch der Bankräuber drückt seinen Abzug.

Und was auch immer Jacketts Plan war – es sei denn, er war, zu sterben – er funktioniert nicht.

Was alles wieder zurück zum Anfang führt und Zoe wird mit Blut vollgespritzt, sowohl mit dem des Diebs als auch mit dem des Kunden, den sie in der kurzen Zeit fast zu mögen begonnen hatte. Ganz zu schweigen von den Knochensplittern. Und dem, von dem sie eifrig versucht, sich zu überzeugen, dass es sich dabei nicht wirklich um Stückchen von Hirnmasse handeln kann.

So beginnt die Geschichte.

Vivian Vande Velde

Über Vivian Vande Velde

Biografie

Vivian Vande Velde lebt als Autorin in Rochester, New York. Sie hat mehr als 30 Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlicht, welche mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, unter anderem dem Edgar Award und dem Empire Award. Vivian Vande Velde engagiert sich in zwei Autorengruppen und...

Pressestimmen

perry-rhodan.net

»Cooler Zeitreise-Thriller!«

bieberbruda.blogspot.de

»Ein sehr kurzweiliger und durchweg spannender Jugendthriller, an dem auch Erwachsene ihren Spaß haben.«

Fantasia 648e

»Phantastischer Thriller«

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