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Nichts als ErlösungNichts als Erlösung

Nichts als Erlösung

Kriminalroman

Taschenbuch
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Nichts als Erlösung — Inhalt

Ein Toter ohne Gesicht. Eine Familientragödie. Und ein niemals gesühntes Verbrechen aus der Vergangenheit.

Die Jagd nach dem Täter führt Hauptkommissarin Judith Krieger von Köln über Südhessen bis nach Griechenland. Und zu einem lange verschwiegenen Kapitel deutscher Geschichte: dem Schicksal der Heimkinder in der Nachkriegszeit. Doch der Mörder verfolgt seinen eigenen Plan. Einen Plan, in dem Judith die Hauptrolle spielt ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.09.2016
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30955-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.09.2016
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97405-9

Leseprobe zu »Nichts als Erlösung«

1. Teil
Zuhause

Wenn es je einen Ort gab, der mir ein Zuhause wurde, dann dieser. Jetzt, da ich Abschied nehme, wird mir das erst bewusst. Ich gehe noch einmal durch die stillen Zimmer. Das Wohnzimmer, das trotz seiner Möbel und Teppiche niemals wohnlich war. Das Schlafzimmer, wo die Verzweiflung nistet. Ich betrachte den Stuhl, auf dem ich so oft gesessen habe. Hier wog die Last nicht ganz so schwer, fühlte ich mich dir nah. Ich schiebe den Stuhl an den Tisch, vergewissere mich, dass ich wirklich nichts übersehen habe. Es tut weh, diesen Ort zu [...]

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1. Teil
Zuhause

Wenn es je einen Ort gab, der mir ein Zuhause wurde, dann dieser. Jetzt, da ich Abschied nehme, wird mir das erst bewusst. Ich gehe noch einmal durch die stillen Zimmer. Das Wohnzimmer, das trotz seiner Möbel und Teppiche niemals wohnlich war. Das Schlafzimmer, wo die Verzweiflung nistet. Ich betrachte den Stuhl, auf dem ich so oft gesessen habe. Hier wog die Last nicht ganz so schwer, fühlte ich mich dir nah. Ich schiebe den Stuhl an den Tisch, vergewissere mich, dass ich wirklich nichts übersehen habe. Es tut weh, diesen Ort zu verlassen, damit habe ich nicht gerechnet. Ein neuer Schmerz, der sich zum vergangenen fügt.
Der Koffer in meiner Hand ist leicht. Ich brauche nicht viel. Alles, was wichtig ist, habe ich schon vor Jahren in Sicherheit gebracht. Ich wusste ja immer, dass meine Zeit hier nur gestohlen war. Dass ich nicht bleiben durfte, jedenfalls nicht für immer.
Die Handschuhe kleben an meinen Fingern, eine feuchte, lebendige, zweite Haut. Ich widerstehe der Versuchung, sie auszuziehen, tupfe mir mit dem Jackenärmel Schweiß von der Stirn. Geliehene Zeit, geliehenes Leben. Zuerst war ich wütend, als ich begriff, dass sie mich auch von hier wieder vertrieben. Dann sah ich die Chance, die sich daraus ergab. Die Möglichkeit, es zu Ende zu bringen. Jetzt, endlich, nach all diesen Jahren.
Ein letzter Blick, ein stummer Gruß. Dann ziehe ich die Tür hinter mir zu und verschwinde im Schatten der Hecken. Es gibt kein Zurück mehr. Ich habe alles geplant und vorbereitet. Nichts wird nun je wieder sein, wie es war. Ich lächle, als ich an unser Wiedersehen denke. Ich hoffe, dass Du mir gnädig bist.


Samstag, 1. August


Der Mond ist noch nicht aufgegangen, kein künstliches Licht erhellt das Gelände, und einen Moment lang erscheint ihm die dunkle Masse des Waldes bedrohlich. Als ob die dicht stehenden Stämme und Büsche ein einziges Lebewesen seien, ein Organismus, der ihn belauert, ja, näher zusammenrückt und sich ihm entgegenstemmt. Absurd, so etwas zu denken, völlig absurd. Der Wald ist sein Freund, war das immer schon. Eric Sievert blickt auf den Feldweg, der sich als hellgraue Spur in den Schatten verliert. Nichts ist dort, niemand, er ist allein hier. Der Revierförster ist ein scharfer Hund, vor ein paar Wochen hätte der ihn um ein Haar erwischt. Aber daraus hat er gelernt, inzwischen kommt er später und verzieht sich, lange bevor die Dämmerung die ersten Jäger zum Ansitz aus den Betten lockt. Und er fährt die letzten Kilometer zum Wald mit dem Rad, lässt sein Auto in Biblis, wo es seine Anwesenheit im Naturschutzgebiet nicht verrät.
Eric Sievert schiebt sich ins Unterholz, fühlt einen trockenen Ast an seiner Wange, dann in seinem Haar, spannt die Muskeln an. Das Rascheln des toten Laubs unter seinen Füßen scheint in der Stille regelrecht zu explodieren. Irgendwo schreit ein Nachtvogel auf, klagend und hoch, und verstummt so abrupt, dass es unnatürlich wirkt. Eric tastet sich weiter voran, blind beinahe, nach Gefühl, saugt den Geruch des Waldes tief in die Lungen. Seit er denken kann, hat es ihn nach draußen gezogen. Schon als Junge ist er aus der Enge der elterlichen Wohnung und dem winzigen Zimmer, das er mit seiner Schwester teilte, so oft es nur ging in den Wald geflohen. Menschen betrügen dich, die Natur tut das nie. Er zerrt an einem Ast, der sich in seinem Rucksack verhakt hat. Das Holz splittert, laut, wieder ruft der Vogel, noch näher jetzt, fast direkt über ihm. Instinktiv hebt er den Kopf, kann den Schreihals jedoch nicht entdecken. Vielleicht ein Waldkauz. Wahrscheinlich sogar.
Eric bleibt stehen und tastet nach seinem GPS-Gerät, das einsatzbereit neben Klappspaten, Taschenlampe, Messer und Pointer an seinem Gürtel hängt. Hier im Ried ist es tatsächlich noch schwüler als in Darmstadt, und die Motorradlederjacke ist definitiv viel zu warm, auch Gummistiefel und Jeans sorgen nicht gerade für Abkühlung. Aber das kann er ab, er ist schließlich sportlich, und immerhin ist er so einigermaßen vor Mücken und Dornen geschützt. Er checkt sein GPS-Gerät, um sich zu orientieren. Geradeaus liegt die Ruine der Festung Zullestein, dahinter mündet die Weschnitz in den Rhein, westlich davon sind die Sternschanzen aus dem Dreißigjährigen Krieg, noch 19 Grad weiter westlich ist die Stelle, wo er gleich am ersten Tag den perfekt erhaltenen Bronzeschild gefunden hat. Ein Original aus der Römerzeit, eine echte Sensation, 17 000 Euro hat ihm der gebracht. Vor fünf Jahren noch hätte er so etwas nicht für möglich gehalten. Römer, Kelten, Germanen und Nibelungen waren für ihn in erster Linie Gestalten aus Schulbüchern oder Asterix­Heften gewesen. Dass die tatsächlich vor seiner Haustür gelebt und gekämpft hatten und dass man die Spuren davon tatsächlich wieder ans Tageslicht bringen kann, hatte er erst durch Kurt erfahren. Kurt der Korrekte, der entsetzt wäre, wenn er ihn hier sähe, und sofort wieder über die Schäden der Raubgräberei für die Archäologie lamentieren würde.
Eric löst seinen Deus XP vom Rucksack. Deus. Gott. 1400 Euro hat er dafür berappt, schwarz und in bar, ein Deal übers Internet, jeden Cent wert. Er hängt sich die Funkkopfhörer um den Hals und erweckt den Metalldetektor mit einem Knopfdruck zum Leben. Das Display blinkt auf, die Sonde vibriert. Natürlich, ja, Kurt hat schon recht. Korrekterweise dürfte er nicht hier sein, und selbstverständlich hätte er seinen Fund dem Landesamt für Denkmalpflege melden müssen, statt ihn an einen Händler im Internet zu verticken. Er wischt Schweiß von seiner Stirn, stolpert über eine Wurzel, fängt sich wieder. Der Geruch von modrigem Blattwerk steigt ihm in die Nase, faulig und schwer. Der Steiner Wald ist ein Auenwald, die Bäume krallen sich in sumpfigen Grund. Immerhin hat die Hitze der letzten Wochen dazu geführt, dass er nicht mehr bei jedem Schritt knietief in den Modder sinkt. Dafür sind die Mücken heute extra aggressiv. Obwohl er sich reichlich mit Autan eingeschmiert hat, jucken im Nacken schon die ersten Stiche.
Genau hier hat er den Bronzeschild ausgegraben. Etwa 100 Quadratmeter Fläche rundum hat er seitdem fertig abgesucht und nichts weiter gefunden als den üblichen Schrott: Alumüll, rostige Nägel, Kronkorken, drei Bleikugeln aus dem Dreißigjährigen Krieg. Er entscheidet sich für ein neues Suchareal und bringt den Deus in Position. Mit jeder Minute gewöhnen sich seine Augen besser an die Dunkelheit. Selbst dort, wo kein Mondlicht den Boden erreicht, kann er nun die Konturen der Baumstämme erkennen, sogar das Unkraut, das ihm an manchen Stellen bis zur Hüfte reicht. Es ist kurz nach Mitternacht. Zwei Stunden gibt er sich, dann muss er zurück. Wegen der Jäger und wegen Sabine.
Vollkommen still ist es ringsum, auf einmal fällt ihm das auf. Fast hat es den Anschein, als halte der Wald den Atem an. Wieso denkt er jetzt schon wieder so einen Quatsch? Vielleicht liegt es an der Hitze. Bestimmt sogar, er fühlt sich allmählich, als würde er gekocht. Und schon ist es mit der Stille vorbei. Etwas raschelt hinter ihm, ganz leise, eine Maus vielleicht. Er dreht sich trotzdem herum, kann nichts entdecken, richtet seine Aufmerksamkeit erneut auf den Detektor. Kopfhörer oder nicht? Die Kopfhörer sind warm und machen ihn schwerhörig gegenüber der Außenwelt. Trägt er sie aber nicht, sind das Piepen und Knarzen, mit denen die Sonde auf Metallfunde reagiert, auch für andere zu hören.
Mit Kopfhörern also, sicher ist sicher. Er zerrt sie sich über die Ohren, registriert die künstliche Stille, die ihn augenblicklich umfängt, dann seinen Pulsschlag, wie ein dumpfes Rauschen. Er konzentriert sich aufs Display des Deus, überprüft die Frequenzen. Der Bronzeschild war nur der Anfang, anders kann das nicht sein. Es hat Kämpfe auf diesem Gelände gegeben. Römer, Nibelungen, Burgunder – alle waren sie hier und verluden ihre Schätze zum Weitertransport auf dem Rhein. Mein Käufer ist heiß, hat ihm darkcave gemailt, der Händler, an den er den Schild verkauft hat. Bring mir mehr. Eric Sievert führt den Metalldetektor in die erste Suchbewegung. Ein langsamer Schwung, so nah wie möglich über dem Boden. Ein unpräzises Knistern in den Kopfhörern ist die Antwort. Er tritt Unkraut zur Seite, führt die Sonde in den nächsten Schwung. Zwei Stunden noch, maximal drei. Er weiß, dass hier mehr zu holen ist, er kann das förmlich riechen.
***
Das Pferd reißt sie aus dem Schlaf, der Schimmel, den sie aus früheren Albträumen kennt. Über ein Jahr war er verschwunden, nun ist er wieder da. Judith liegt sehr still. Das Pferd ist ein Bote, vielleicht eine Warnung. Sie weiß, dass es ihr etwas mitteilen will. Ein weißes Pferd steht auf einem Hügel inmitten einer archaischen, unwirklich kargen Landschaft, steht regungslos und sieht sie unverwandt an. Es ist nur ein Traum, doch er lässt sie nicht los. Sie hängt in ihm fest, so wie nach Patricks Tod. Damals hatte sie dem Schimmel vertraut und war auf ihm geritten. Momente des Glücks, jede Nacht wieder, die unweigerlich damit endeten, dass das Pferd mit ihr durchging, sie zu Boden warf. Judith setzt sich auf. Karl rollt sich im Schlaf zu ihr rüber und greift nach ihr. Sie streichelt seinen Arm und schleicht aus dem Zimmer. Ihr Herz schlägt zu schnell, ihre Lunge sticht. Der Traum hält sie gefangen, trotzdem ist sie hellwach.
Es ist heiß in ihrer Dachwohnung, drückend, obwohl alle Fenster weit geöffnet sind. Judith geht in die Küche und trinkt ein Glas Wasser, versucht sich ausschließlich auf die Kühle der Fliesen unter ihren nackten Fußsohlen zu konzentrieren. Sie will nicht mehr fallen, will nicht einmal daran denken, wie sich das angefühlt hat. Sie schleicht zurück ins Schlafzimmer, streift Shorts und ein Trägertop über, läuft dann durchs Wohnzimmer auf ihre Dachterrasse. Die Stadt scheint sie zu begrüßen. Der von Straßenlaternen und Leuchtreklamen bräunliche Nachthimmel, das gedämpfte Summen von Autos und Menschen, die wie sie nicht zur Ruhe kommen. Sie könnte sich ein Kölsch aus dem Kühlschrank nehmen, es im Liegestuhl trinken und versuchen, die Sterne zu zählen. Doch das würde nichts nützen, würde ihre Unruhe nur noch weiter steigern, das weiß sie aus Erfahrung.
Sie läuft zurück in ihre Wohnung, zieht Sportschuhe an, steckt im letzten Moment noch das Handy ein. Sie muss raus, sich bewegen. Den Erinnerungen weglaufen, diesem Traum, der die Ahnung von Unheil in sich birgt, vielleicht auch einfach nur ihrer verdammten Sucht nach Nikotin.
Die Straßen sind wie ausgestorben, auch hier steht die Hitze, kein Luftzug weht. Unwirklich kommt ihr alles auf einmal vor, als schlafwandle sie oder sei plötzlich in einer Stadt ohne Einwohner erwacht. Selbst der Rhein scheint sich aufzulösen, wird von Tag zu Tag schmaler. Seit einer Woche ist er für die Schifffahrt gesperrt. Die Unbarmherzigkeit dieses Sommers zehrt auch an ihm. Judith läuft Richtung Altstadt. Ein Jogger mit Stirnlampe überholt sie, dann ein Radfahrer ohne Licht. Sie geht schneller, in Gedanken noch immer bei ihrem Traum. Die Landschaft war anders als früher, unbekannt, und sie ist nicht auf dem Schimmel geritten. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen, vielleicht sogar ein anderes Pferd. Vielleicht hat dieser Traum auch überhaupt nichts zu bedeuten.
Über der Altstadt liegt Zwielicht. Die Kneipen und Biergärten haben längst geschlossen, doch auf den Wiesen an der Promenade lagern noch immer Nachtschwärmer, zu zweit oder in Grüppchen. Sie kann ihre Stimmen hören, Musikfetzen, Lachen. Ein eng umschlungenes Paar schlendert aus dem Lichtkegel einer Laterne ins Dunkel. Irgendwo spielt jemand Gitarre und singt von Liebe, wechselt dann übergangslos zu Bob Dylan. The answer my friend is blowin’ in the wind. Lagerfeuerprotestmusik. Der Soundtrack zu einem anderen Traum. Lange her und doch nicht vergessen.
Sie denkt an Karl, seinen Körper, seine Hände, wie gut es sich anfühlt mit ihm, wie richtig. Sie will zurück zu ihm, da hört sie die Schreie, unartikuliert und voller Entsetzen.
Judith rennt los, dorthin, woher die Schreie zu kommen scheinen. Es ist kein bewusster Beschluss, ihr Körper reagiert, bevor sie das wirklich begreift, die Polizistin in ihr. Wo? Wer? Was? Die Fragen hämmern im Takt ihrer Schritte. Tragen sie zu der Stelle, wo sie gerade das Liebespaar sah. Jetzt sind die beiden verschwunden, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Judith dreht sich einmal um ihre Achse. Das Licht ist diffus, die Schatten sind tief. Sie kann das Gelände nur schwer überblicken. Wieder ein Schrei, etwas näher, schriller. Der Schrei einer Frau, begreift Judith plötzlich. Surreal fast, denn noch immer gibt es auch Gelächter und Dylan.
Ein Zug auf der Eisenbahnbrücke verschluckt für Sekunden alle Geräusche. Eine der Laternen im Park flackert unkontrolliert, macht die Orientierung noch schwerer. Nur der Dom thront mit steinerner Ruhe über dem Gelände. Der Dom, die Philharmonie und daneben die Brücke.
Wo, verdammt? Wo? Der Zuglärm ebbt ab, jetzt schreit niemand mehr, aber in einem Gebüsch vor dem Aufstieg zum Dom glaubt Judith eine Bewegung zu sehen. Ist das die Stelle, woher die Schreie kamen? Judith rennt darauf zu, erkennt einen Mann, der sich aus dem Schatten löst. Einen Moment lang blickt er ihr entgegen, dann dreht er sich um und beginnt zu laufen.
»Halt! Stehen bleiben! Polizei!«
Ihre Kehle ist wund, ihre Lunge tobt. Der Mann hört nicht auf sie, läuft sogar noch schneller. Sie setzt ihm hinterher. Sie muss ihn einholen, ihn zumindest erkennen, sein Gesicht, seine Kleidung, irgendwas. Aussichtslos. Chancen­los, er hat viel zu viel Vorsprung. Sie stoppt ab, als sie wieder die Schreie hört, nein, keine Schreie mehr, eher ein Klagen, »No! No! No!«.
Schweiß strömt Judith übers Gesicht, ihre Lunge brennt so, dass sie husten muss. Der Mann aus dem Gebüsch sprintet die Treppen zum Dom hinauf und verschwindet aus ihrem Sichtfeld.
»Help! Here!«
Ein Mann ruft das. Er kniet im Schatten der Brücke und hält eine Frau im Arm, die unkontrolliert zittert. Ihr helles Minikleid ist dunkel beschmiert.
Judith läuft zu den beiden hinüber, hockt sich zu ihnen, tastet nach ihrem Handy.
»Police. Polizei. Sind Sie verletzt? Are you okay?«
Die Frau scheint Judith überhaupt nicht wahrzunehmen, der Mann reagiert im Zeitlupentempo, nickt und zeigt hinter sich ins Dunkle. Die Gestalt eines weiteren Mannes liegt dort, bewegungslos. Die Frau stöhnt auf und beginnt ihre Hände im Gras zu reiben, zögernd erst, dann immer schneller.
Unwirklichkeit, aber anders jetzt. Die Unwirklichkeit des Todes, nicht die aus einem Traum.
»Hallo?«
Judith fasst den Liegenden an der Schulter, riecht im selben Moment Blut. Sie drückt eine Taste ihres Handys. Das Display wirft blaues Licht auf das, was einmal ein Gesicht gewesen ist. Die Frau in Judiths Rücken beginnt sich zu erbrechen.
Das Display erlischt und mit ihm die blutige Fratze. Traum. Albtraum. Auf Fotos in der Polizeischule hat sie solche Verletzungen schon mal gesehen, aber nicht in der Realität. Sie wählt die 110, sieht im selben Moment einen Trupp Männer auf sich zulaufen.
»My wife fell right into him«, sagt der Amerikaner ins Leere. »We were just looking for a place to sit down.«
Judith springt auf, läuft den Herankommenden entge­gen, hebt den freien Arm zu einer imaginären Schranke.
»Halt. Polizei! Bleiben Sie stehen!«
Die Männer lachen. Einer rennt sogar noch schneller, als sei sie überhaupt nicht da. Sie riecht seine Fahne, springt vor ihn und stoppt ihn, indem sie die flache Hand gegen seine Brust schlägt. Er grunzt, schwankt, fängt sich wieder und senkt seinen Blick auf ihre Brüste, ihre Shorts, ihre nackten Beine.
Aus dem Handy hört sie die fragende Stimme des Kollegen der Einsatzzentrale.
»KHK Krieger, KK 11, ich brauche Verstärkung. Schnell.«
Sie haspelt ihren Standort ins Handy, sieht weitere Gaffer über die Wiese kommen. Auch der Amerikaner erwacht nun aus seiner Lethargie und versucht seine Ehefrau auf die Beine zu ziehen.
»Stay here. Please!« Judith langt hinter sich, umfasst seine Schulter und drückt sie. Er gibt nach, sinkt in sich zusammen. Seine Frau ist ohnehin in ihrer eigenen Welt gefangen, sie sitzt wie erstarrt, ab und an leise wimmernd.
Der Betrunkene schiebt wieder vorwärts, zwei seiner Kumpels tun es ihm nach. Blitzlichter zucken auf. Mehrere der Schaulustigen haben ihre Handys gezückt und fotografieren. Verdammt. Verdammt! Die Situation entgleitet ihr, ist überhaupt nicht zu kontrollieren.
»Polizei! Mordkommission! Treten Sie zurück!«
Judith entreißt dem ihr am nächsten stehenden Knipser sein Handy.
»Das ist konfisziert. Unterlassen Sie das Fotografieren!«
»He!«
Der Mann grapscht nach ihrem Arm. Sie weicht ihm aus. Die Meute johlt. Auf der Brücke lärmt der nächste Zug. Instinktiv blickt Judith hoch, sieht die Gestalt eines Mannes, der auf sie herabblickt. Derselbe Mann, der vorhin vor ihr weglief? Ein Zeuge? Der Täter? Jetzt, hier, lange nach der Tat? Doch selbst wenn es so wäre, wie sollte sie das beweisen? Sie hat ja nicht einmal sein Gesicht gesehen.
Wieder zuckt Blitzlicht auf, doch diesmal bekommt sie das Handy nicht zu fassen, der Gaffer ist zu schnell für sie und zu groß. Wenn sie Glück hat, ist nur sie selbst auf den Fotos zu sehen, nicht die Amerikaner, nicht das Opfer. Glück. Unglück. Man glaubt, das sind feste Größen, und vergisst, wie schnell das eine zum anderen wird.
Endlich erklingt das Geheul eines Martinshorns. Ein weiteres folgt. Die Menge raunt.
»Hier!« Judith schreit den Kollegen Anweisungen entgegen. »Absperren, sichern – auch oben auf der Brücke, Personalien aufnehmen. Fotohandys konfiszieren!«
Zwei Polizisten entfalten eine Decke als provisorischen Sichtschutz. Sie lässt sich eine Taschenlampe geben, tritt dahinter und beugt sich über den Toten, zwingt sich hinzusehen. Ein durchtrainierter Mann, blond, braun gebrannt. Vielleicht auch ein Tourist. Ohne Gepäck. Ohne Gesicht. Welche Waffe hat solche Zerstörungskraft? Mit welcher Munition? Was für ein Albtraum für ein junges Liebespaar, an einem vermeintlich lauschigen Plätzchen im Urlaub mitten in eine blutige Fratze zu greifen.
»Und, Judith, was denkst du?«
Sie zuckt zusammen, sie hat ihren Chef nicht kommen gehört. Auch er hält eine Taschenlampe und geht neben ihr in die Hocke.
»Eine Hinrichtung«, sagt sie leise und sieht auf einmal wieder das Pferd aus dem Traum vor sich, sein schimmerndes Fell, seinen unverwandten Blick.
Millstätt hebt die Brauen, studiert erst den Toten und dann sie.
Sie wünscht sich, sie hätte etwas anderes an als die Shorts und das knappe, verschwitzte Top. Sie wünscht sich, so manchen Vorfall im letzten Jahr hätte es nicht gegeben, dann wäre ihr Verhältnis zu ihrem Chef nicht so kompliziert.
»Dein Fall, Judith«, sagt er nach einer langen Pause.
***
Die Mücken fressen ihn, als habe er sich statt mit Autan mit einem blutigen Steak eingerieben. Er schmiert sich Spucke auf die Stirn, wo ihn eine ganze Reihe juckender Beulen quält. Angeblich werden im hessischen Ried jedes Frühjahr Insektizide versprüht, um die Schnaken in Schach zu halten. Aber den Steiner Wald hat man wohl ausgelassen, vermutlich aus Naturschutzgründen. Oder die Viecher sind durch die Chemie mutiert, unempfindlich gegen alles, sogar durch die Jeans stechen sie ihn, es sei denn, der Juckreiz an seinen Oberschenkeln ist eine Halluzination. Eric Sievert führt den Detektor in die nächste Suchbewegung. An dem Tag, als er den Bronzeschild fand, waren die Mücken kein Thema. Aber da war es noch kalt – so kalt, dass man schon glaubte, es käme kein Sommer mehr, egal, wie viel alle vom Klimakollaps schwafeln.
Er überprüft seine Position und wendet sich nach links. Sondengehen ist wie Angeln. Man muss Hitze, Kälte und Dreck abkönnen, und man braucht Geduld, viel Geduld, denn man weiß vorher nie, was man herausholen wird. Eine Getränkedose, drei Musketenkugeln, eine unidentifizierbare Münze sowie eine Anstecknadel mit Reichsadler und Hakenkreuz waren die nicht eben glorreiche Ausbeute seiner letzten zwei Nächte hier. Nicht einmal einer der Militaria-Freaks, von denen es in der Sondengängerszene nur so wimmelt, würde deshalb Hurra schreien. Die größte Überraschung war ein Vogelfuß, auf dessen Aluminium-Beringung der Deus angeschlagen hatte. Eigenartig vollkommen hatten die filigranen Knöchelchen gewirkt, fast wie ein Kunstwerk. Er hatte überlegt, sie Sabine mitzubringen, es dann aber doch gelassen.
Schritt, Schwung, Schritt, Schwung. Der Deus summt undefiniert, die Sonde verheddert sich zum x-ten Mal im Unkraut. Er bückt sich, um sie zu befreien, fühlt einen neuen Mückenstich im Nacken. Hat sich da drüben zwischen den Bäumen etwas bewegt? Nein, nichts, nur ein tief hängender Ast. Vielleicht hat ein Fuchs den Vogelleib gefressen und den beringten Fuß verschmäht. Oder der Vogel war in ein Sumpfloch geraten, wo er sich langsam zersetzte, und aus irgendeinem Grund kam der Fuß wieder nach oben. Der Boden arbeitet, bewegt sich, schlingt Dinge herunter, bringt sie irgendwann wieder hoch, das hat er beim Sondengehen schon oft erlebt. Man sucht ein Feld sorgfältig ab und findet nichts. Der Bauer pflügt drüber. Wieder nichts. Und dann, ein Jahr später, spielt der Detektor genau auf diesem Feld verrückt, und man gräbt einen Silberkreuzer aus dem 17. Jahrhundert aus, eine Soldatenmarke aus dem Zweiten Weltkrieg oder eine Fibel aus der Bronzezeit. Irgendwann kommt alles wieder hervor – oder zumindest so weit an die Oberfläche, dass die Sonde es finden kann.
Eric Sievert macht einen Schritt vorwärts. Der Boden gibt nach, sein rechter Fuß sackt bis zur Wade in schwarzen Modder. Es gluckst, als er den Gummistiefel wieder rauszieht, selbst durch die Kopfhörer kann er das hören. Vielleicht war der Bronzeschild ja doch der einzige Schatz, der hier zu heben ist. Der Deus XP ist ein leistungsstarker Detektor. Etwa 30 Zentimeter tief spürt seine Magnetspule in den Boden, je nach Größe des Fundstücks etwas weniger oder mehr. Aber vielleicht reicht das nicht für die Suche in einem Auenwald. Weil der Sumpfboden hier vollkommen anders beschaffen ist als die lockere Erde auf einem Feld. Weil die Auenwaldbäume das, was einmal zwischen ihre Wurzeln geraten ist, nicht mehr loslassen, sondern immer tiefer hinabziehen, tief genug, um den ewigen Überschwemmungen zu trotzen. Oder ist es genau umgekehrt, und der Morast presst alle Fremdkörper umso schneller nach oben, was bedeuten würde, dass die Hinterlassenschaften der Römer und Nibelungen schon vor Jahrhunderten wieder ans Licht gekommen sind?
Der Deus gibt ein Signal von sich, ein tiefes Brummen. Gold! Eric Sievert checkt die Frequenz auf dem Display des Detektors. Diskrimination ist ein High-tech-Feature des Deus’ – jedes Metall hat seine eigene Frequenz, sodass man schon vor dem Graben ungefähr weiß, was einen erwartet. Nur Gold und Aluminium klingen fast identisch. Er führt die Sonde erneut über den Boden. Langsamer diesmal. Wieder brummt der Deus. Doch bevor er die Stelle mit dem Pointer näher präzisieren kann, fiedelt sein Handy Sabines Melodie. Es wird dämmrig, wird ihm schlagartig bewusst. Er hat die Zeit vergessen, wollte schon längst auf dem Heimweg sein.
»Jan hustet wieder.« Sabines Stimme klingt belegt, wie immer, wenn sie aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Jan hustet wieder. Nicht: Wo bist du oder warum bist du nicht bei mir, und genau dafür liebt er sie. Dass sie ihm seine Freiheit lässt, weil sie die auch für sich beansprucht. Die ungeschminkte Wahrheit, hatte er gedacht, als sie ihm zum allerersten Mal die Tür öffnete und keinerlei Anstalten machte, ihr vom Heulen verquollenes Gesicht vor ihm zu verbergen. Mein Mann hat mich sitzenlassen, dem wurde das hier alles zu viel, hatte sie ihm sehr sachlich erklärt und eine vage Handbewegung gemacht, die ihr mehr als renovierungsbedürftiges Haus und den verwilderten Garten umfasste und auf ihrem damals noch flachen Bauch endete. Mein Nachbar sagt, Sie können mir helfen?
»Ich komme gleich heim«, verspricht er ihr und fährt mit dem Pointer über den Boden. Der Pointer piepst. Eindringlich. Der Wald scheint das Geräusch zu verstärken. Diese eine Grabung noch, ganz schnell, es wird schon gut gehen. Für den Fall, dass der Förster oder die Herren Jäger wirklich schon unterwegs sein sollten, wird er besonders vorsichtig sein. Er steckt das Handy wieder in die Hosentasche und leuchtet den Boden mit der Taschenlampe ab, den Lichtkegel mit der gewölbten Hand nach oben hin abschirmend. Das Licht reicht auch so, um jedes Detail zu seinen Füßen zu erkennen. Unkraut, angetrockneter Matsch und welkes Laub tauchen im Schein der Lampe auf. Nichts weist darauf hin, dass sich darunter ein Metall, womöglich sogar Gold verbirgt. Er setzt den Spaten an, sieht wie in einem Film-Parallelschnitt Sabine vor sich, wie sie mit Jan auf dem Arm ins Badezimmer geht, um den Inhalationsapparat zu holen. Er weiß ganz genau, dass sie mit ihrer heiseren Nachtstimme Jans Lieblingslied von den Regenwürmern singt, Würmer, die sich unverdrossen und ungesehen durch den Boden winden. Und natürlich wird Jan beim Anblick des Inhalationsapparates trotzdem zu weinen beginnen und damit Julia wecken, die ebenfalls losheulen wird. Familienleben. Bevor er Sabine traf, schien es vollkommen ausgeschlossen, dass er einmal so leben würde. Doch mit jedem Tag, an dem er damals für sie Leitungen und Fliesen verlegte, Wände verputzte und Dielenböden abschliff, wurde Sabines Vision von ihrem Haus unmerklich zu seiner eigenen Vision, und als sie schließlich im Bett landeten, fühlte sich das auf verrückte Weise so an, als ob das Kind, das da schon in Sabines Bauch heranwuchs, sein eigenes Kind sei. Der Sohn, den er vor vielen Jahren gezeugt und im Stich gelassen hatte.
Er hebt die erste Erdsode aus dem Boden. Nichts ist in der schwarzen Erde zu erkennen, doch der Pointer piept, als er ihn in das Grabloch hält. Sumpfgeruch steigt ihm in die Nase, als er tiefer gräbt, das Pointersignal wird stärker, er greift zu und bekommt etwas zu fassen. Etwas Dünnes, Biegsames mit einem Knubbel. Er packt fester zu, Erde bröckelt ihm durch die Finger, etwas blitzt auf, er hält es ins Licht: Gold, wirklich Gold, aber nicht aus der Römerzeit, sondern modern. Eine feingliedrige Halskette mit einem herzförmigen Anhänger liegt in seiner Hand. Sogar der Verschluss ist noch intakt.
***
Als er die Altstadt erreicht, ist die Show bereits in vollem Gange. Kriminaltechniker schwärmen über die Wiesen zwischen Altstadt und Rhein und sacken sogar den Inhalt der Mülltonnen ein. Uniformierte Kollegen sichern die großräumige Polizeiabsperrung. Auch die Gaffer sind schon da und verfolgen das Treiben mit Argusaugen. Es ist eine Szene wie aus einer Vorabend-Krimiserie, und wie zur Bekräftigung der TV-Tauglichkeit dräut am Himmel ein neuer, gnadenlos sonniger Tag. Obwohl es erst 4:30 Uhr ist, wird es über Dom und Altstadt von Sekunde zu Sekunde heller und auch heißer, als blende jemand einen gigantischen Schweinwerfer auf.
Manni springt neben dem bereitstehenden Leichenwagen auf eine Mauer. Der Anruf der Zentrale hat ihn aus dem Tiefschlaf gerissen, Sonja war deutlich schneller wach als er. Es bleibt doch bei morgen, hat sie zum Abschied gesagt und sich auf diese neue, schwerfällige Art herumgewälzt, um ihm in die Augen zu sehen. Er entdeckt Millstätt und den neuen Pressesprecher Torsten Reiermann neben einem Bus der Spurensicherer. Wenn Millstätt persönlich hier ist, hängt die Sache hoch. Manni hält auf die beiden zu, drängt die Gedanken an Sonja und den lange hinausgeschobenen Antrittsbesuch bei seiner Mutter beiseite.
»Manni, gut.« Millstätt verpasst ihm einen leichten Schlag auf den Oberarm, der offenbar zugleich Begrüßung, Ermunterung und Abschied ist, denn bevor Manni etwas erwidern oder fragen kann, hastet der KK 11-Leiter schon wieder davon.
»Ein Touristenmord ist ganz schlechte PR für Köln.« Reiermann pustet in seinen Styroporkaffeebecher. »Da werden die da oben sofort nervös.«
»Das Opfer ist also identifiziert?« Manni zieht einen Overall und Booties über und versucht Judith Krieger zu erspähen. Vergebens. Stattdessen fällt ihm plötzlich auf, dass in Reiermanns Linker ein Paar knallrosa Absatzsandalen baumelt, ganz lässig, wie ein Damenhandtäschchen.
»Der KURIER schon wieder, du entschuldigst mich.« Reiermann verzieht das Gesicht und stiefelt zu einem Kerl Marke Schwiegermutterliebling hinüber. Die Lacksandaletten wippen im Takt seiner Schritte. Hübsch. Sehr hübsch. Manni duckt sich unter dem Absperrband durch und läuft auf den Sichtschutz zu. Die Kamera des Reporters klickt in seinem Rücken.
»Vorsicht, hier lang. Es sind schon genug Spuren zertrampelt worden.« Einer der Kriminaltechniker führt ihn in einem Bogen hinter den mannshohen Sichtschutz, wo es nach Kotze und Blut und Schweiß stinkt, wo weitere Kollegen in weißen Overalls den Boden nach Spuren absuchen und die Rechtsmedizinerin Ekaterina Petrowa und Judith Krieger einträchtig neben dem Opfer knien.
Es ist ein bemerkenswertes Szenario, durchaus nicht ohne Charme. Die Krieger sieht nackt aus, anders lässt es sich nicht beschreiben. Als Einzige trägt sie keine Schutzkleidung, sondern Shorts und ein für ihre Maßstäbe äußerst freizügig geschnittenes Top, dessen Design nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn in Brusthöhe ist der Umriss einer Pistole aufgedruckt. Die winzige Russin steckt zwar brav in einem Overall, wirkt aber, als drohe sie darin verloren zu gehen. Was sie sonst noch anhat, ist nicht zu erkennen, aber ihre Haare, die sie neuerdings wachsen lässt und nicht mehr so heftig mit Farbe malträtiert, sind mit signalrosa Plastikspangen aus der Stirn geklemmt. Auch ihre Lippen glänzen pink, ein recht eindeutiger Hinweis darauf, wem Reiermanns Sandaletten gehören.
Manni grinst, doch ein Blick auf das Opfer und das Gemisch aus Blut, Knochen und Hirnmasse, in das sich dessen Gesicht verwandelt hat, lässt ihn gleich wieder ernst werden.
»Der Tod ist zwischen null und ein Uhr eingetreten«, verkündet die Petrowa würdevoll und bedenkt ihn mit einem ihrer unergründlichen Mongolenblicke.
»Also hat er hier zwei, vielleicht sogar drei Stunden gelegen, bevor die Amerikaner ihn fanden.« Judith Krieger richtet sich auf.
Manni schaut auf die Rheinpromenade, dann zu den Altstadtkneipen.
»Unwahrscheinlich, dass ihn außer den Amerikanern niemand bemerkte, oder?«
»Es war relativ dunkel hier bei der Brücke. Vielleicht hat man ihn für einen Betrunkenen gehalten, der seinen Rausch ausschlief, und deshalb einfach nicht näher hingesehen.«
Die Krieger streicht sich verschwitzte Locken aus der Stirn. Sie ist sehr blass, die Sommersprossen wirken auf ihrer Haut wie dunkle Kleckse, die sich bis ins Dekolleté runterziehen, vielleicht sogar auf den Busen. Manni beugt sich über den Toten und betrachtet das runde Einschussloch am Hinterkopf. Ein Nahschuss, vermutlich sogar aufgesetzt. Erst beim Austritt hat das Projektil seine ganze Zerstörungskraft entfaltet und Stirn und Wangenpartie regelrecht weggesprengt.
Er schaut hoch zur Krieger, deren Blick in die Ferne geht. »Jemand muss den Schuss gehört haben. Die Biergärten und Kneipen haben doch bis mindestens ein Uhr auf, die Diskotheken noch länger. Die Nachtschiffe legen an. Es muss hier von Zeugen gewimmelt haben.«
»Zeugen, ja.« Sie starrt auf den Rhein, als sähe sie den zum ersten Mal. »Gegen Mitternacht gab es auf der Deutzer Rheinseite ein Feuerwerk. Auch jeder Güterzug auf der Brücke macht ordentlich Lärm.«
»Du meinst, der Täter hat so einen Moment abgewartet, und niemand hat den Schuss gehört.«
»Und danach hat er alles einkassiert, was uns eine schnelle Identifizierung des Opfers erlauben würde. Brieftasche. Schlüssel, Handy …«
Manni betrachtet den Toten, versucht es sich vorzustellen. Die Touristen und Passanten, das pralle, quirlige Leben einer Großstadtsommernacht, und mittendrin das Warten im Schatten der Brücke, die Panik des Opfers, den Schuss.
»Ziemlich kaltblütig, oder? Verdammt viel Risiko.«
»Ja.«
»Das Opfer könnte sich gewehrt oder zumindest um Hilfe gerufen haben.«
»Mit einer Pistole am Hinterkopf?«
»Okay, okay, vielleicht hast du recht. Das Opfer hält also still. Aber trotzdem war das Risiko, gesehen zu werden, für den Täter sehr hoch.«
»Vielleicht wollte er das ja so.«
»Wollte was?«
»Risiko. Aufmerksamkeit. Gesehen werden.«
Sie blickt zum Dom rauf, dann rüber zur Brücke. »Ein Mann ist vor mir weggerannt, da hoch, als die Amerikaner um Hilfe riefen. Kurz darauf hatte ich den Eindruck, dass derselbe Mann oben auf der Brücke steht und mich beobachtet.«
»Du meinst, der Täter wählt einen absolut öffentlichen Tatort und wartet dann ab, bis die Polizei eintrifft? Das ist doch irre!«
»Ja.«
»Das kann jeder gewesen sein, Judith. Irgendein Gaffer.«
Sie sieht ihn an, guckt zugleich durch ihn durch. Ein typischer Krieger-Blick.
»Und wenn nicht?«, fragt sie.
***
Der Tee ist sehr stark und sehr süß, und er schmeckt überwältigend nach frischer Minze. Ein Aromaschock, der für ein paar Augenblicke ihre Müdigkeit vertreibt. Judith lehnt sich zurück, die Holzlehne des Besucherstuhls in Ekaterina Petrowas winzigem Büro drückt kühl gegen ihre nackten Schultern. Der Tag geht zu Ende, das Gefühl von Unwirklichkeit ist geblieben. Sie haben niemanden gefunden, der einen Schuss gehört hat. Kein Hotel, wo ein Mann, auf den die rudimentäre Beschreibung des Toten passt, eingecheckt hat und dann verschwunden ist. Auch eine Vermisstenmeldung liegt nicht vor. Wer ist dieser Mann? Wo war er gewesen, bevor er auf seinen Mörder traf? Nicht einmal das können sie bislang rekonstruieren. Möglicherweise hatte er eine Altstadtkneipe besucht und war bereits dort seinem Mörder begegnet. Oder er war von einem der Ausflugsschiffe gekommen, die jetzt im Sommer quasi im Stundentakt vor der Altstadt anlegen. Oder vom Hauptbahnhof. Es wird Stunden dauern, Tage, das Material aus den Überwachungskameras auszuwerten, und es ist völlig sinnlos, alle Wirte, Schiffer, Ladeninhaber nach einem blonden Mann in Jeans und T-Shirt zu fragen, solange sie kein präsentables Foto von ihm haben.
Warten, immer warten, die Schattenseite der Ermittlungsarbeit. Warten auf die Ergebnisse der Kriminaltechnik, eine brauchbare Zeugenaussage, einen Zufall, der weiterhilft. Sogar auf den Staatsanwalt müssen sie heute warten. Der Tote aus der Altstadt liegt zwar im Sektionskeller bereit, doch ohne den Staatsanwalt darf die Obduktion nicht beginnen.
Judith trinkt ihren Tee aus und stellt die Tasse auf Ekaterinas Schreibtisch. Manni sitzt neben ihr und schweigt, seine Augen sind wie hypnotisiert auf den bonbonrosa Lackgürtel der Rechtsmedizinerin geheftet, dessen strassbesetzte Schnalle bei jeder Bewegung das Licht der Abendsonne, die durchs Fenster fällt, anders reflektiert. Jetzt hör bitte auf mit deinem Verfolgungswahn, hat er am Morgen zu ihr gesagt. Sie betrachtet sein Profil, die blauen Augen, die gerade Nase, die glatte Haut, das aus der Stirn gekämmte Haar. Glatt, viel zu glatt, hat sie früher gedacht, aber das ist lange her. Sie weiß inzwischen um seine Tiefen, auch wenn er nur wenig Persönliches von sich preisgibt. Doch in letzter Zeit hat er sich verändert, irgendetwas ist mit ihm, scheint ihn zu belasten, sie weiß noch nicht, was, es ist nur ein Gefühl, ebenso wenig beweisbar wie die Anwesenheit des Täters am Tatort, Stunden nach seiner Tat.
Sie will rauchen. Dringend. Rauchen, duschen, essen, schlafen. 52 Tage ohne Zigarette. Irgendwann wird das Verlangen erträglich, sagen die, die es geschafft haben, die Sucht lässt nach, so als habe sie niemals existiert. Freiheit wird an ihre Stelle treten. Die Freiheit, keine Zigarette mehr zu brauchen. Freiheit. Sie stellt sich die beiden Männer im Schatten der Brücke vor, die Waffe am Hinterkopf des einen, die Panik, den Hass, das Warten auf ein Geräusch, das laut genug ist, den Schuss zu übertönen. Ein Schalldämpfer wäre bei diesem Kaliber wirkungslos, haben die Kriminaltechniker erklärt, nachdem sie das Projektil sichergestellt hatten. 9 mm Luger, ein Deformationsgeschoss. Wie lange hat das Warten vor dem Schuss gedauert? Sekunden, Minuten, noch länger? Für den, der weiß, dass er gleich sterben wird, in jedem Fall eine unerträgliche Ewigkeit. Haben die beiden noch gesprochen, oder war zu diesem Zeitpunkt schon alles gesagt? Hat der blonde Unbekannte um Gnade gefleht? Eine Exekution, mitten in einer Sommernacht voller Leben. Vielleicht gab es nur diese eine Chance für den Täter, sein Opfer zu stellen, diesen einen Ort. Vielleicht hat er nicht einmal damit gerechnet, unbehelligt zu entkommen, hat sich darüber gar keine Gedanken gemacht, weil er völlig auf dieses eine Ziel fixiert war: sein Opfer zu töten, warum auch immer.
Auf einmal muss sie an Karl denken, sieht ihn dort im Park auf dem Boden liegen, halb auf den Bauch gedreht, als schliefe er, aber nie wieder atmend, nie wieder lebendig, nie wieder mit dem Gesicht, das sie liebt. Ein Tabugedanke, eine Angstfantasie. Sie springt auf und geht zum Fenster. Der Himmel ist phosphoreszierend orange, die untergehende Sonne sticht ihr direkt in die Augen. Sie setzt sich wieder hin, sieht Manni und Ekaterina für Sekunden nur als Schemen, vor denen Lichtpunkte flirren.
»Hast du vor zu verreisen, Judith?«, fragt Ekaterina Petrowa mit ihrer dunklen, kehligen Stimme, die so überhaupt nicht zu ihrem türkisrosa geblümten Kleid und dem Lackgürtel passt.
Was für eine seltsame Frage, gerade jetzt, ganz am Anfang einer Ermittlung. Judith schüttelt den Kopf und streicht mit den Händen über ihre bloßen Arme. Nach den Stunden draußen in der Hitze wird ihr nun plötzlich kalt, sie fühlt die Gänsehaut unter ihren Fingern, denkt noch immer an Karl. Eigentlich hatte sie an diesem Wochenende nicht einmal Bereitschaft. Sie wollten nach Holland fahren, ans Meer. Ist das die Reise, die Ekaterina meint? Vielleicht ja, vielleicht nein, die Rechtsmedizinerin gibt es nicht preis, ist einmal mehr in ihre eigene Welt versunken.
Der Staatsanwalt stürmt herein, und sie hasten im Gänsemarsch in den Sektionskeller. Die Luft hier unten ist herunterklimatisiert, eisig legt sie sich auf Judiths Haut. Sie läuft zurück in den Vorraum und zieht einen Obduktionskittel über. Der Stoff schmiegt sich an ihre nackten Beine und Arme, wie ein kühles, glattes Laken. Schlafen. Vergessen. Wenn sie nicht von dem Pferd geträumt hätte, wäre sie gar nicht hier, aber nun ist es zu spät, sie ist mittendrin, fühlt sich dem blonden Toten auf unerklärliche Art verbunden. Sie geht zurück zu den anderen, zwingt sich, ihn anzusehen, während Ekaterina Petrowa die äußere Leichenschau vornimmt und den Toten schließlich mithilfe ihrer Assistenten entkleidet. Sein zerstörtes Gesicht ist im grellen Schein der OP-Strahler noch unerträglicher. Sein Körper hingegen wirkt makellos. Er ist muskulös, weder tätowiert noch gepierct oder auffällig rasiert und hat keinerlei Narben oder Muttermale, anhand derer ihn Angehörige leicht identifizieren könnten. Seine Haut ist in verschiedenen Schattierungen gebräunt, am dunkelsten Arme, Waden und Füße. Die Lendengegend wirkt hingegen fast unnatürlich weiß. Das Haar ist sehr hell, sonnengebleicht.
»Sieht aus, als trage er verschiedene Kleidungsstücke, wenn er in der Sonne ist«, konstatiert Manni. »Mal was Kurzärmliges und Shorts, mal eine Hose, die bis zur Hälfte der Waden reicht, mal nur eine Badehose.«
»In seinen Schuhen ist Sand.« Der Kriminaltechniker Klaus Munzinger reicht Judith die in eine Asservatentüte verpackten Sportschuhe.
Converse-Chucks in schmuddeligem Weiß. Abgetretene Sohlen, ein paar helle Körnchen.
»Sand vom Meer?« Judith gibt Munzinger die Schuhe zurück.
»Oder Sand vom Rhein, einer Baustelle, einem Kinderspielplatz. Wir prüfen das. Eindeutig bestimmen lässt sich die Herkunft ohne Vergleichsprobe vermutlich nicht.«
»Er läuft viel barfuß.« Judith betrachtet die Füße des Toten. »Dort, wo er lebte, muss es also warm sein.«
»Griechenland!« Der Kriminaltechniker dreht mit einer Pinzette das Etikett aus dem Kragen des blutverkrusteten T-Shirts. »Jedenfalls steht der Firmenname des Herstellers hier in griechischen Buchstaben.«
Griechenland. Ekaterina Petrowa schaut Judith in die Augen. Nur flüchtig, dann beugt sich die Rechtsmedizinerin wieder über den Toten und setzt das Skalpell für den T-Schnitt an. Judith starrt auf die blond behaarte Brust und wendet unwillkürlich den Blick ab, als Ekaterina Petrowa zu schneiden beginnt. Das Kinn des Toten ist noch erhalten, ein kantiges Kinn mit ein paar hellen Bartstoppeln und einem sinnlichen Grübchen. Dort, wo einmal Nase und Stirn gewesen sind, schimmern Schädelsplitter im Blut, wie Reiskörner oder Maden. Haben Griechen so blonde Haare? Vielleicht hat der Tote ja nur in Griechenland gearbeitet, zum Beispiel als Animateur in einem Ferien­club. Vielleicht ist er Taucher oder Surfer oder Fischer, ein Mann aus dem Meer.
»Gesichtsverlust«, sagt Manni in ihre Gedanken, und im selben Moment weiß sie, dass er recht hat, genau das war die Intention des Täters, ganz bewusst wählte er ein Geschoss, das den Kopf regelrecht zersprengen würde. Er wollte sein Opfer nicht nur töten – er wollte ihm sein Gesicht nehmen. Weil er selbst sein Gesicht verloren hat. Weil er Gleiches mit Gleichem vergelten will.
***
Es ist reine Intuition, die ihn zum Rechtsmedizinischen Institut führt, aber, siehe da, sein Riecher war richtig: Hinter einigen Fenstern brennt noch Licht, und auf dem Parkplatz entdeckt er einen dezenten Kombi, der unverkennbar der Kriminalpolizei gehört. René Zobel parkt in dem Bereich, der nicht von den Straßenlaternen erfasst wird, bringt seine Nikon auf dem Beifahrersitz in Position und isst die beiden Burger, die er sich beim Drive-in gekauft hat, sorgsam darauf bedacht, das Nappalederinterieur weder mit Fettspritzern noch mit Krümeln zu verunstalten. Sein ­neues BMW-Coupé ist saphirschwarz, ausgestattet mit einer Reihe hübscher Extras und mit deutlich mehr PS, als er im Stadtverkehr eigentlich braucht. Der Lohn guter Kontakte zum Hersteller, die er während einer Pressereise zum Winterfahrtraining nach Lappland geknüpft und mit einem freundlichen Testbericht gekrönt hat. Trotzdem würde er seine Burger zu dieser vorgerückten Stunde lieber daheim auf dem Sofa mit ein paar Kölsch runterspülen. Aber so ist das eben, wer was erreichen will, muss flexibel sein, und die Chancen, von Judith Krieger ein paar exklusive Details über die Obduktion zu erfahren – lange vor der Konkurrenz –, stehen gut.
Er knüllt die Burger-Verpackung zu einer Kugel und stopft sie in ein leeres Fach seiner Kameratasche. Der Tag war lang. Unchristlich früh hat ihn der Anruf seines Informanten am Morgen aus Morpheus’ Armen gerissen, im ersten Moment war er sogar versucht, ihn einfach zu ignorieren. Dann aber hatte ihn die Erwägung, dass ein Mord mitten im Touristengewühl am Dom durchaus für überregionale Schlagzeilen taugt, doch aus den Federn getrieben, und wie zum Lohn für seine Disziplin war die leitende Ermittlerin am Tatort Hauptkommissarin Judith Krieger persönlich. Sie selbst war natürlich alles andere als froh, ihn zu sehen. Eiskalt hat sie ihn abblitzen lassen, so wie im Frühjahr nach ihrem Coup mit dem Priestermörder. Tagelang hatte er sie damals bekniet, ihm ein größeres Interview zu gewähren. Ohne Erfolg. Ein äußerst zugeknöpftes Foto und ein 08/15-Statement waren alles, wozu sie sich schließlich herabließ, und das auch nur auf Befehl von ganz oben, hat ihm Reiermann neulich bei einem Mittagessen auf Redaktionskosten gesteckt.
Aber jetzt hat sich das Blatt gewendet, und zwar zu seinen Gunsten. Bald, sehr bald wird Judith Krieger ihm gegenüber gesprächiger sein, als sie es sich je hätte träumen lassen. Zobel lehnt sich zurück, ohne das Eingangsportal der Rechtsmedizin aus den Augen zu lassen. Es hat durchaus Vorteile, wenn man unterschätzt wird, das weiß er aus Erfahrung. Die meisten Leute sehen in ihm erst mal einen harmlosen Milchbubi, selbst wenn er ihnen seinen Presseausweis zeigt, halten sie ihn eher für den Redaktionspraktikanten als für den Polizeireporter des KURIER, der für das gesamte Rheinland zuständig ist. Selbst wenn er sie aufklärt, begreifen die wenigsten, dass man eine solche Stelle mit 26 Jahren nicht für jugendliches Aussehen oder Kaffeekochen bekommt. Aber das kann ihm nur recht sein, denn nichts macht die Leute so unvorsichtig wie das Gefühl, ihrem Gesprächspartner haushoch überlegen zu sein. Gerade bei Frauen hat er normalerweise einen Schlag. Die älteren stehen auf seine guten Manieren und gebügelten Hemden, die jüngeren auf seine Storys über Verbrechen. Und all die Studentinnen und Praktikantinnen, die sich 24 Stunden pro Tag dabei verausgaben, jedem noch so großen Arschloch zu gefallen und jede noch so irrelevante Prüfung mit Bestnote abzuschließen, damit sie irgendwann in einer fernen Zukunft, wenn sie endlich genug gelernt haben, Irgendwasmitmedien machen dürfen, liegen ihm sowieso zu Füßen. In ihren Augen ist er schlicht ein Genie, weil er es trotz eines abgebrochenen Studiums erst auf die Journalistenschule und dann direkt zu einer Festanstellung gebracht hat. Klar, der KURIER war nicht immer sein Lebenstraum und ist nicht gerade ein Intellektuellenblatt. Aber er hat Macht, Meinungsmacht, und egal, wie die von der Konkurrenz die Nasen rümpfen, die Fotos und Informationen, die er und seine Kollegen ranschaffen, drucken sie letztendlich doch alle nach, spätestens wenn eine der Nachrichtenagenturen sie aufgekauft hat. Und was ihn persönlich angeht, wird der KURIER nicht die letzte Station sein. Verbrechen und Polizeiarbeit haben ihn schon immer fasziniert. Mit 30 wird er seinen ersten Kriminalroman veröffentlichen, hardboiled und mit jeder Menge real-life-Fakten. Der KURIER wird das in Millionenauflage promoten, er wird eine Kolumne bekommen, wie der große Rufus Feger sie einst hatte. Er wird Meinungsmacher sein, eine moralische Instanz, und wer weiß, vielleicht wird er doch noch beim Spiegel oder der FAZ landen – auch wenn er dann vermutlich immer noch kaum älter aussieht als ein frischgebackener Abiturient.
Am Eingang der Rechtsmedizin tut sich nichts. Täuscht er sich womöglich, und das Auto gehört gar nicht der Kripo? Um sich die Zeit zu verkürzen, studiert er nochmals die Tatortfotos mit Judith Krieger auf seinem iPhone, die ihm einer der Gaffer zugespielt hat, wirklich heißes Material, geht dann ins Internet und ruft die Sonntagsausgabe des KURIER auf. »Altstadt-Mörder: Hasst er Touristen?« – seine Story ist also raus. Als Kurzmeldung auf Seite eins Bundesausgabe und als großer Aufmacher im NRW-Teil. Er scrollt durch seinen Beitrag: Frau Hauptkommissar neben dem Kunststoffsarg beim Abtransport des Leichnams. Der Dom dahinter. Die Fakten im Text. Dann die beiden unglückseligen Amerikaner in einem Extrakasten. Es war nicht schwer gewesen, die in ihrem Hotel aufzuspüren. Mit ein bisschen Trost und der Aussicht, daheim A Big German Newspaper mit einem schicken Porträt von sich vorzeigen zu können, waren sie zu Fotos und einem Interview bereit. Auch ein paar der Schaulustigen haben ihm schöne O-Töne diktiert. Die Leute reden nun mal viel lieber mit der Presse als mit der Polizei. Außerdem hat Judith Krieger sich redlich bemüht, die Leute am Fotografieren zu hindern, und ihre Kollegen haben etliche Handys und Kameras konfisziert und selbstverständlich auch Personalien notiert. Das hat die Auskunftsfreudigkeit gegenüber der Polizei natürlich nicht gerade gesteigert, mal ganz davon abgesehen, dass die Damen und Herren Ordnungshüter längst nicht alle der Schaulustigen erwischt haben.
Da, endlich: eine Bewegung am Eingang der Rechtsmedizin. René Zobel lässt sein iPhone fallen, greift wieder zur Nikon. Als Erste kommt die russische Rechtsmedizinerin heraus, gleich nach ihr Judith Krieger. Die beiden erörtern noch etwas, dann klackert die Leichenärztin auf ihren Absatzsandalen die Treppe herunter und schwingt sich auf ein Hollandrad mit extrem niedrig gestelltem Sattel, ihr silberner Rucksack schimmert im Licht der Straßenlampe. Brav, Mädels, brav. Und jetzt bitte Frau Kommissarin allein auf den Parkplatz! Er sieht ihr entgegen, die linke Hand an der Autotür, bereit, auszusteigen und auf sie zuzugehen. Aber da verlässt noch eine weitere Person das Rechtsmedizinische Institut, Heißsporn-Kommissar Korzilius holt die Krieger mit langen Schritten ein, und nun stiefeln die beiden einträchtig Seite an Seite zu ihrem Wagen.
Das war’s dann mit dem Gespräch unter vier Augen. Er fokussiert die Kamera, schießt wenigstens noch ein Foto. Augenblicklich bleibt die Krieger stehen, wirkt auf einmal wie ein witterndes Tier. Hastig wölbt er die Hand über das leuchtende Display. Doch das ist gar nicht nötig, denn ihr Begleiter hat schon den Wagen geöffnet, und Judith Krieger schüttelt den Kopf, ein schnelles, unwirsches Schnicken, als wolle sie eine Schmeißfliege verscheuchen, dann steigt sie ein. Lohnt es sich, den beiden nachzufahren? Nein, man muss immer ein Gefühl fürs Timing wahren. Er packt die Kamera weg, gönnt sich zum Trost noch einen Blick auf die Tatortfotos seines Informanten. Die von dem Leichnam sind zwar nützlich, taugen aber definitiv nicht zur Veröffentlichung. Die von Judith Krieger gehören in eine andere Kategorie. Er betrachtet sie, eins nach dem anderen. Sie werden ihr nicht gefallen, nein, ganz und gar nicht. Zu viel Dekolleté. Zu viel Wut im Gesicht, als sie die Gaffer vertreiben wollte. Und dann die Pistole quer über den Brüsten. René Zobel lächelt. Es liegt bei Judith Krieger, was er damit machen wird.

Gisa Klönne

Über Gisa Klönne

Biografie

Gisa Klönne, geboren 1964, ist die Autorin von mittlerweile sechs erfolgreichen Kriminalromanen um die Kommissarin Judith Krieger. Daneben legte die unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnete Autorin mit »Das Lied der Stare nach dem Frost« und »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks«...

Weitere Titel der Serie »Judith-Krieger-Krimis«

Bei der Kriminalpolizei ist Judith oft die einzige Frau unter Männern – und als studierte Juristin eine Quereinsteigerin. Sie ist eigensinnig und verletzlich. Klug und intuitiv. Leidenschaftlich und hartnäckig. Sie hört 70er-Jahre-Rock, sieht aus wie ein Hippie und träumt von Gerechtigkeit – wohl wissend, dass es die selten gibt. Sie lebt allein und schläft zu wenig, weil ihre Gespenster sie bis in die Nächte verfolgen: Die Opfer ungelöster Mordfälle. Die Täter. Und ihre ganz persönlichen Toten.

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