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Neun Tage

Neun Tage

Roman

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Neun Tage — Inhalt

Es gibt Tage, die verändern das ganze Leben. Von neun dieser schicksalhaften Tage im Leben einer Familie erzählt Toni Jordan in ihrem preisgekrönten Roman. Alles beginnt mit dem jungen Kip, der mit seinen Geschwistern in einem heruntergekommenen Vorort von Melbourne aufwächst. An einem heißen Sommerabend trifft er die bezaubernde Annabel, eigentlich die Tanzpartnerin seines Bruders, doch an diesem Tag verlieben sie sich. Als Kip fünfzig Jahre später erfährt, dass seine Tochter Charlotte schwanger ist, weckt das in ihm Erinnerungen an einen anderen folgenreichen Tag im Leben seiner Familie: den Tod seiner geliebten Schwester. Ein unsichtbarer Faden verbindet ihr Schicksal mit dem von Charlotte, ein Faden, der erst im Geflecht der ganzen Familiengeschichte sichtbar wird. Kunstvoll führt Toni Jordan die Stränge zusammen und zeigt die verborgenen Kräfte, die eine Familie im Innersten zusammenhalten.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
272 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96799-0

Leseprobe zu »Neun Tage«

Kip
An manchen Tagen braucht nur ein kleiner Lichtstrahl durch die Vorhänge zu lugen, und zack ! Du springst aus dem Bett wie von der Tarantel gestochen, als hättest du die ganze Nacht bloß dagelegen und darauf gewartet, dass der Tag endlich anfängt und deine Beine sich bewegen können. Die sind kribbelig und nervös, wollen, dass es endlich losgeht, wie wenn du im Kino sitzt und es kaum erwarten kannst, dass der Film anfängt. Was wird heute passieren ?, denkst du. So ist das meistens. Ich hätte mir also denken können, dass irgendwas gehörig schieflaufen [...]

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Kip
An manchen Tagen braucht nur ein kleiner Lichtstrahl durch die Vorhänge zu lugen, und zack ! Du springst aus dem Bett wie von der Tarantel gestochen, als hättest du die ganze Nacht bloß dagelegen und darauf gewartet, dass der Tag endlich anfängt und deine Beine sich bewegen können. Die sind kribbelig und nervös, wollen, dass es endlich losgeht, wie wenn du im Kino sitzt und es kaum erwarten kannst, dass der Film anfängt. Was wird heute passieren ?, denkst du. So ist das meistens. Ich hätte mir also denken können, dass irgendwas gehörig schieflaufen würde, weil ich nämlich überhaupt keine Lust hatte aufzustehen. Die Bettdecke lag so schwer auf mir drauf, als wollte sie sagen: Kip ! Mach keinen Quatsch und bleib, wo du bist !
Ich schaue rüber zu Ma in dem anderen Bett: Sie schläft tief und fest, das Gesicht zur Wand, ein Berg unter der Decke und einem Haufen Klamotten: Mäntel und Pull­over und sogar Dads alte Sachen hat sie hervorgekramt. Francis liegt dicht neben mir, sein offener Mund ganz rosa und weiß, Zähne wie in Marshmallows gesetzte Grabsteine. Er hört sich an wie eine Kuh, die eine Trillerpfeife verschluckt hat. Sein Kopfkissen ist vollgesabbert. Ma und ich müssen uns leider ein Zimmer mit Francis teilen. Connie hat Glück. Sie darf auf dem Feldbett in der Waschküche schlafen, weil junge Damen mehr Privatsphäre brauchen als Jungs oder Mütter. Hör sich einer das Geschnarche an ! Die arme Frau, die ihn mal heiratet, wird keine Nacht mehr anständig durchschlafen, nie wieder. Die wird Augenringe kriegen, so groß wie Untertassen. Und wie der aussieht ! Der große Hoffnungsträger. Francis kann froh sein, weil er erst in gut zwei Stunden aufstehen muss, und ich soll schön leise sein, damit seine königliche Schlauheit nicht gestört wird, aber ein bisschen Störung könnte ihm nicht schaden, wenn’s nach mir ginge.
Es wird nicht leichter werden, und es ist wie ein Sprung in den Yarra, so kalt ist es, also tue ich so, als wäre ich Antarktisforscher Douglas Mawson, und ziehe mich schnell an und schleiche dann an Mrs Keith’ Zimmer vorbei, weil die immer bis kurz vor zehn schläft, und schon bin ich zur Hintertür raus, wo meine Stiefel warten. Die Luft schlägt mir ins Gesicht, und ich bin von jetzt auf gleich hellwach. Bald wird sich der Himmel rosarot färben, und die Sterne sind an der Reihe mit Schlafengehen, aber jetzt spürst du in der kalten Dunkelheit, wie die große Stadt erwacht. Wenn ich seitlich am Haus entlangschauen würde, durch das Tor zur Rowena Parade, würde ich Männer in dreckigen Schuhen und abgetragenen Mänteln sehen, die auf dem Weg sind zur IXL-Marmeladen­fabrik, die Lennox Street runter und über die Swan, oder weiter zur Streichholzfabrik Bryant and May. Fast kann ich ihre schweren Schritte hören, Schuhe auf Kopfsteinpflaster, die Mützen über die Ohren gezogen. Das sind die Arbeiter. Ein ganz anderer Schlag Männer mit weißem Hemd und Krawatte, Weste und Hut und Zeitung unter dem Arm geht ebenfalls die Lennox runter Richtung Swan, um von dort mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum zu fahren. Da teilen sich die Männer dann in richtige Arbeiter und Büroleute auf.
Ich gehöre zu den richtigen Arbeitern. Von unserem kleinen Garten aus kannst du jede Fabrik in Richmond riechen, wenn der Wind richtig steht. Zwischen der Football-Endrunde und Ostern steigt dir als Erstes die warme Süße der Marmeladen in die Nase, dann die Tomatensoße, als Nächstes die Würze von Malz und Hopfen. Jetzt, ­mitten im Winter, riecht man bloß die Gerberei und den Yarra, und es stinkt, als hätte der Jauchewagen einen festen Parkplatz in der Gasse hinterm Haus, deshalb bleibe ich nicht stehen, um den Geruch einzuatmen.
In unserem Garten sprießt Gras durch die ausgeleg-
ten Backsteine und die Risse auf dem Weg. Das Gras hat weiße Spitzen, und es knistert unter meinen Füßen. Ich bin King Kong und zertrete Eingeborenenhütten. Knirsch, knirsch. Entschuldigt, Eingeborene. Dann bin ich zum Tor hinaus und in der Gasse und um die Ecke, und ich öffne den Riegel bei den Hustings.
Drinnen schwenke ich die obere Hälfte der Stalltür auf, und da ist er, Charlie der Feuer speiende Drache. Er nickt, schüttelt dann den Kopf, als hätte er Wasser in den Ohren. Das ist Pferdisch für Schön, dich zu sehen. Ich reibe die Handflächen aneinander und hauche sie an,
denn wie Ma sagt, Kip, es ist nicht lustig, jemandem die kalten Hände auf die warme Haut zu legen, womit sie meint, vor allem nicht auf Francis’ Hintern unterm Nachthemd früh am Morgen. Wir haben unterschiedliche Auffassungen von lustig, Ma und ich. Außerdem hat Francis damit angefangen.
Als meine Hände warm sind, streichele ich den schiefen Stern zwischen Charlies Augen, und dann kraule ich ihn hinter den Ohren, und er drückt den Kopf in meine Hand und stampft mit den fellbehangenen Hufen. Nicht auf­hören, sagt er. Weiter streicheln, weiter kraulen. Charlie ist das schlauste Pferd im ganzen Universum, und prompt fängt er an, an meinem Ärmel entlangzuschnüffeln. Er findet immer die richtige Tasche. Charlie vertut sich nie. Heute: ein schrumpeliger Apfel aus der Gasse, minus ein kleiner Bissen. Gewerkschaftsbeitrag, erkläre ich ihm. Ein kleiner Abzug zum Wohl des arbeitenden Mannes, das heißt meinem. Ich halte den Apfel auf der flachen Hand, und es kitzelt, und schwups, verschwindet er in Charlies Maul und ist zwei Bissen später Geschichte.
» So, alter Junge «, sage ich. » Wir können nicht den ganzen Tag hier vertrödeln. Schließlich wartet Arbeit auf uns. «
Er nickt und wiehert, um mir zu zeigen, dass er verstanden hat. Bevor Mr Husting rauskommt, hole ich ­einen Eimer Wasser an der Pumpe auf der anderen Hofseite und fülle den Trog auf, gebe Charlie Hafer und schließe den Futterkasten wieder ganz fest, weil, wenn auch nur eine kleine Maus da reinkommt, kriegst du es ewig unter die Nase gerieben. Während Charlie frisst, miste ich den Stall aus und bringe den Dung zum Misthaufen. Charlie hat eine gute Verdauung, wie meine Grandma sagen würde. Meine Grandma redet viel über Respekt, vor allem über meinen Mangel an selbigem, aber sie kann sich nur für zwei Sorten Menschen begeistern: den König und Königin Elizabeth und die Prinzessinnen, von denen sie immer die Fotos aus der Women’s Weekly ausschneidet und an die Küchenwand klebt, und Leute mit einer guten Verdauung. Würde mich nicht wundern, wenn sich der Wachwechsel vor dem Buckingham Palace nach den Verdauungsgewohnheiten des Königs richtet.
Ich striegele Charlie, bis sein Fell glänzt. Lange, gerade Streichbewegungen. Er mag das. Mr Husting sagt immer: Der erste Eindruck zählt, mein Junge ! Ich würde lieber im Nachthemd zur Arbeit antanzen, als zuzulassen, dass ein Kunde Charlie mal nicht gestriegelt und geschniegelt sieht. Ich gehe raus auf den Hof, und prompt kommt Mr Husting aus der Hintertür, in Anzug und Strickweste und mit seinen fingerlosen Handschuhen. Er sieht müde aus. Sein Gesicht ist länger. Er sagt Guten Morgen und fragt nach Charlie.
» Er ist eine Pracht, Boss. «
» Guter Junge, Kip. « Er streckt die Hand aus und verstrubbelt mir die Haare, was ich mir nur von ganz wenigen Leuten gefallen lasse, immerhin bin ich schon vierzehn und kein Kind mehr, aber als mein Boss genießt
Mr Husting gewisse Vorrechte.
» Das Pferd sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Besser denn je. « Und dann hält Mr Husting mir die flache Hand hin, und statt eines Apfels liegt da ein Schilling. » Für dich, Kip. «
Wahnsinn ! Ein ganzer Schilling reicht dicke für eine Eintrittskarte in die Eislaufhalle, wenn ich mich an der Kasse etwas kleiner mache. Schlittschuhlaufen ! Stellt euch das mal vor ! Vielleicht wird der Tag ja doch ganz gut. Jetzt kommt’s drauf an, dass ich den Schilling irgendwo verstaue, wo Francis ihn nicht findet. Ich brauche ein Versteck wie das von Connie, ein lockerer Ziegelstein unten am Haus. Sie weiß nicht, dass ich dahintergekommen bin, aber mir entgeht hier fast nichts. Ich nehme die Münze, stecke sie in die Tasche, und genau in dem Moment ertönt ein Geräusch, und das Fenster im Obergeschoss wird hochgeschoben, und Mrs Husting beugt sich halb raus, noch im Nachthemd mit einem Schultertuch um.
» Guten Morgen, Liebes «, ruft Mr Husting.
» Guten Morgen, Mrs Husting «, sage ich. » Wie schön, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen an diesem herrlichen, sonnigen Tag ? «
Sie wirft mir ihren üblichen Blick zu, soll heißen, den Blick, den sie an mir übt, für den Fall, dass sie eines Tages das Fenster öffnet und einen Haufen toter Fische im Hof liegen sieht.
» Sylvester. Hast du dem Jungen einen Penny gegeben ? «
» Nein, mein Schatz, hab ich nicht. «
» Das Tuch steht Ihnen sehr gut, Mrs Husting «, rufe ich zu ihr hoch.
» Wir zahlen seiner Mutter nämlich einen anständigen Lohn, wie du weißt. «
» Ja, das weiß ich, mein Täubchen. «
» Ein hübsches Blau. Passt zu Ihren Augen. «
» Ich frage mich, wer außer uns es wohl hinnehmen würde, dass Burschen wie er morgens und abends hier rumlungern und noch dafür bezahlt werden. Zig Jungs im Umkreis von zwei Meilen sind auf der Suche nach Arbeit, gute Jungs, keine Faulenzer. Jungs, die ihre Chancen nicht verspielen wollen. «
» Ich bin heute bei den Shearers. Die ziehen um. Brauchen das Bett von ihrer Tochter nicht mehr, jetzt, wo sie verheiratet ist. Eine Garnitur Stühle. Ein fast neues Fahrrad und einen alten Waschkessel. Ich kann unterwegs was einkaufen. «
» Brausebonbons und Karamellkonfekt. Und komm heute Abend nicht so spät nach Hause. Ich habe ein schönes Stück Corned Beef, und Elsie macht einen Blumenkohl-Käse-Auflauf. Ist bestimmt eine ganze Weile her, dass Jack einen so guten Blumenkohl-Käse-Auflauf gegessen hat wie den von Elsie. «
» Er hat geschlafen wie ein Murmeltier, als ich an seinem Zimmer vorbeigegangen bin, wie früher als kleiner Junge «, sagt Mr Husting.
» Er ist bloß müde von der Reise «, sagt sie.
Die ganze letzte Woche hab ich jeden Backstein im Hof geschrubbt und die Fensterbänke neu gestrichen und im Garten Unkraut gejätet, während Mrs Husting und Elsie jeden Winkel im Haus geputzt haben, nur weil Jack gestern nach Hause gekommen ist. Ich finde das die größte Zeitverschwendung, seit wir in der Schule mal dazu verdonnert wurden, die Tintenfässer sauber zu machen. Wenn ich achtzehn Monate weg von Ma und Connie gewesen wäre, würde ich es nicht mal sehen, wenn der Garten von vorne bis hinten nur noch Unkraut wäre. Aber die Hustings sind nicht die Einzigen: Egal, wo du hinguckst, überall sind die Leute in Bewegung, machen was fertig, bringen irgendwas in Ordnung.
Mrs Husting hat das Fenster schon fast geschlossen, da fällt ihr Blick auf mich, wie ich so dastehe mit Charlies Bürste in der einen Hand, die schon ganz taub vor Kälte ist, die andere Hand tief in der Tasche, wo sie den Schilling umklammert. » Und sag dem Burschen, er soll den Dreck von der Ladung Schaufeln kratzen, ohne sie zu ­ruinieren. «
» Dreck ? «, sage ich. » Sie meinen wohl das bräunliche Zeug, oder ? «
Sie wirft mir einen Blick zu, der Stahl zum Schmelzen bringen könnte. Ein Wunder, dass noch keine amerika­nischen Agenten mit Fallschirmen auf der Straße gelandet sind, um Mrs Husting mitzunehmen, sie wäre nämlich eine tolle Geheimwaffe. Wenn sie den Kopf nur einen Zentimeter zu weit drehen würde, würde ihr Blick mich verfehlen und die Ställe in Brand setzen. Charlie schnaubt. Sogar er spürt das.
» Das kann er machen, wenn wir von der Nachmittagsfuhre nach Hause kommen «, sagt Mr Husting.
» Behalt ihn bloß gut im Auge «, sagt sie. » Ich weiß, was das für einer ist. «
Als sie das Fenster schließt, lächelt Mr Husting mich wieder an und tippt sich mit dem Finger seitlich an die Nase. » Der Schilling bleibt unser kleines Geheimnis. Gentlemen-Ehrenwort. « Er streckt mir die Hand hin, ­genau wie Dad das früher gemacht hat.
Ich nehme und schüttele sie. Ich sage sogar auch: ­
» Gentlemen-Ehrenwort «, genauso, wie er es gesagt hat. Für so viel Blödheit gibt es keine Entschuldigung.

Toni Jordan

Über Toni Jordan

Biografie

Toni Jordan, geboren 1966 in Brisbane, landete mit ihrem ersten Roman »Tausend kleine Schritte« einen internationalen Überraschungserfolg. In Australien nominiert für den Miles Franklin Award und den Barbara Jefferis Award, wurde er mit überwältigender Mehrheit als Bestes Debüt des Jahres...

Pressestimmen

Wilhelmshavener Zeitung

»Toni Jordan erweist sich einmal mehr als Erzählerin, die sich großartige Charaktere ausdenken kann und aus ihren Ideen warmherzige, aufrichtige Geschichten zaubert, die packend und stilsicher erzählt sind. ›Neun Tage‹ ist ein Konzert großartig komponierter Fröhlichkeit und Melancholie, von Chancen und Zufälligkeiten.«

ARD-Buffet

»Gleichzeitig eine Familien und eine Liebesgeschichte (...) auf der einen Seite sehr spannend, auf der anderen Seite aber auch zum Schmökern, Versinken, an die eigenen Lieben denken.«

Pforzheimer Zeitung

»Kunstvoll führt Toni Jordan die Stränge zusammen und zeigt die verborgenen Kräfte, die eine Familie im Innersten zusammenhalten.«

Canberra Times

»Eine warmherzige Geschichte über die Liebe und Entscheidungen, die ein ganzes Leben verändern.«

Weekend Australian

»Alle Bücher von Toni Jordan waren originell, aber keines von ihnen reicht an ›Neun Tage‹ heran. Lebendige Dialoge und ein meisterhaft entworfenes Setting – dieser Roman ist ein Triumph!«

Kommentare zum Buch

Buchtipp aus dem Verlag
Raphaela / Piper am 20.11.2017

Eine wunderbare Familiengeschichte. So ungewöhnlich konstruiert, dass man nur staunen kann. Und gleichzeitig so leicht und schön. 

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