Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Nett ist die kleine Schwester von ScheißeNett ist die kleine Schwester von Scheiße

Nett ist die kleine Schwester von Scheiße

Danebenbenehmen und trotzdem gut ankommen

Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 9,99
€ 11,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Nett ist die kleine Schwester von Scheiße — Inhalt

»Weniger ist mehr« gilt vielleicht für die Farbwahl der Abendgarderobe – nicht aber für das anschließende Geschäftsessen. Wer sich immer brav im Hintergrund hält und verbindlich lächelt, hinterlässt außer einem lauwarmen Händedruck bestimmt keine weiteren Spuren. »Nett ist die kleine Schwester von Scheiße« zeigt, dass Charisma erlernbar ist, wie Charme perfekte Manieren ersetzt, und verrät die Geheimnisse prominenter Provokateure. Eine Kulturgeschichte des schlechten Benehmens, die Eindruck macht!

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.04.2011
288 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26418-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 23.03.2011
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95159-3

Leseprobe zu »Nett ist die kleine Schwester von Scheiße«

1 MANIEREN UND DENKEN PASSEN NICHT ZUSAMMEN

 

Wieso Immanuel Kant für das schlechte Benehmen zuständig ist.

 

»Geist ist ungeil – schlechtes Benehmen und moralfreie Grobschlächtigkeit:

 

Kante statt Kant in der Mitte der Gesellschaft«

 

Michael Jürgs, »Tagesspiegel« vom 2.

 

August 2009

 

Er war ein Tier, ein richtiger Mann. Seit er öffentlich auftrat, erschien es plötzlich als etwas durchaus Erstrebenswertes, seinen Körper nicht mehr zu kontrollieren. Er rülpste und furzte, wenn es ihm danach war, aß und trank mehr, als er vertrug, hatte unzählige [...]

weiterlesen

1 MANIEREN UND DENKEN PASSEN NICHT ZUSAMMEN

 

Wieso Immanuel Kant für das schlechte Benehmen zuständig ist.

 

»Geist ist ungeil – schlechtes Benehmen und moralfreie Grobschlächtigkeit:

 

Kante statt Kant in der Mitte der Gesellschaft«

 

Michael Jürgs, »Tagesspiegel« vom 2.

 

August 2009

 

Er war ein Tier, ein richtiger Mann. Seit er öffentlich auftrat, erschien es plötzlich als etwas durchaus Erstrebenswertes, seinen Körper nicht mehr zu kontrollieren. Er rülpste und furzte, wenn es ihm danach war, aß und trank mehr, als er vertrug, hatte unzählige Liebschaften, und stand irgendwo ein Regal, lehnte er sich dagegen, so als könne er sich ohne Stütze nicht mehr aufrecht halten. Das war nicht manierlich, aber provokant. Und aufregend. Viele Frauen haben sich in ihn verliebt, Männer haben ihn kopiert: Marlon Brando wurde durch sein rüpelhaftes Benehmen in den 60ern zur Ikone. »Barbarisch, unästhetisch und unzivilisiert« sei es, schreibt der Restaurantkritiker Wolfram Siebeck ein halbes Jahrhundert später in der Zeitschrift Der Große Knigge, Weingläser am Kelch anzufassen, anstatt sie am Stiel zu halten. Das Schlimmste aber sei, dass das Fernsehen diese schlechten Manieren auch noch verbreite, indem es Schauspielern und Komparsen, Talkshowgästen und Moderatoren erlaube, Wein- und Sektgläser auf diese unelegante Art und Weise in die vielen Kameras zu halten. Schauspieler, Models und Rock- und Fernsehstars, die Vorbilder unserer heutigen Gesellschaft, benehmen sich sowieso meistens schlecht. Denn das gehört zu ihrem Selbstverständnis. Die falsch gehaltenen Gläser zählen da allerdings noch zu den relativ harmlosen Entgleisungen.

 

Manieren sind ein Spiel. Sie sind gesellschaftliche Codes, mit denen sich Botschaften mit Mitmenschen austauschen lassen. Dass dabei nur eine Sorte von Botschaften erlaubt sein soll, davon sind bloß Einfallslose wie Wolfram Siebeck überzeugt.

 

Barbarisch, unästhetisch und unzivilisiert – na und?

 

 

Der Witz an diesem Spiel ist, dass es ebenso erlaubt ist, sich an die Regeln zu halten, wie, sich nicht an die Regeln zu halten – je nachdem, in welcher Stimmung jemand gerade ist:

 

Will ich lieber nicht auffallen oder aber überraschen? Lieber anständig oder sexy wirken? Angepasst oder rebellisch? Schmeicheln oder provozieren? Habe ich Persönlichkeit genug, etwas zu riskieren und eine Chance, die sich mir bietet, zu nutzen – auch wenn ich damit gegen eine Regel verstoße?

In den Smalltalkkursen, die ich gebe, stellen sich die meisten Teilnehmer diese Fragen jedoch nicht. Vielmehr wollen sie von mir erfahren, wie sie möglichst korrekt die vielen schwierigen Situationen und Unwägbarkeiten des Lebens meistern. Sie gehen nämlich davon aus, dass es für jede Gelegenheit passende und von offizieller Seite abgesegnete Redewendungen und Gesprächsthemen gibt, mit denen sich ein positiver Eindruck beim Gegenüber erzeugen lässt. Am allerwichtigsten scheint ihnen dabei zu sein, zu vermeiden, dass ihnen andere Menschen irgendetwas vorwerfen können.

Sie wollen sich gut benehmen, weil sie:

 

eine Arbeit brauchen, neue Menschen kennenlernen wollen, in bestimmten Kreisen anerkannt werden möchten, sich anbiedern und anpassen wollen, glauben, sich von anderen abgrenzen zu müssen.

Sie können es aber auch sein lassen. Denn sie irren sich, wenn sie glauben, dass sie gutes Benehmen einem dieser Ziele näher brächte oder sie beliebter mache. Das ist ja gerade das Paradox des Lebens, dass Freundschaft, Arbeit, Erfolg, Liebe nicht immer denjenigen zufallen, die es eigentlich »verdient« haben. Manchmal scheint vielmehr genau der umgekehrte Zusammenhang zu bestehen: Männer haben Erfolg bei Frauen, obwohl sie Arschlöcher sind, und sexy sind meistens Leute, die noch nie von vollkommenen Umgangsformen gehört haben, wie etwa Marlon Brando oder die Frontfrau der Punkband The Gossip, Beth Ditto. Auch Lady Gaga und die kanadische Sängerin Peaches oder Hella von Sinnen und Oliver Pocher sind nicht gerade durch ihr gutes Benehmen berühmt geworden. Ein Vorstellungskandidat wirkt interessant, wenn er nicht ganz so gefallen möchte wie seine Mitbewerber. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat Autorität und genießt Anerkennung, weil er trotz Rauchverbots überall raucht. Brave Menschen werden auch nicht zu Talkshows eingeladen. Karl-Lagerfeld-Interviews sind sicher 1000-mal interessanter als solche mit Oliver Bierhoff oder Michael Schuhmacher. Männer und Frauen, die uns ärgern, erregen unsere Aufmerksamkeit, und wenn sie sich richtig danebenbenehmen, bewundern wir sogar unwillkürlich und wider besseres Wissen ihre Dreistigkeit.

 

Gutes Benehmen macht unattraktiv!

 

 

Manch schlechtes Benehmen mag einem vielleicht nicht gefallen – aber gutes Benehmen kann auch unattraktiv machen. So hat der Disney-Konzern zum Beispiel eine große Umgestaltung seiner bekanntesten Figur, der Micky Maus, gestartet. Denn der Besserwisser und Tausendsassa Micky wird laut umfangreichen Marktforschungen bei Kindern immer unbeliebter. Die zwei häufigsten Vorwürfe der befragten Zielgruppe sind: Micky Maus macht alles richtig und weiß alles besser. Nun soll die Strebermaus daher ein paar Schwächen bekommen und auch Dinge machen, die man eigentlich nicht tut, sodass eine bessere Identifikation mit ihr möglich ist. So weit sind die Macher der amerikanischen Sesamstraße noch nicht. Hier will das Fernsehen die Beliebtheit des Krümelmonsters aus der Sesamstraße nutzen, um Vorschulkindern eine gesündere Lebensweise nahezubringen: Das Vorbild Krümelmonster soll daher keine Kekse mehr in sich hineinstopfen, sondern Möhren knabbern. Doch damit wird – und das sollte eigentlich jedem klar sein – genau das zerstört, was das Monster bei Kindern so beliebt macht. Die Kinder lieben das Krümelmonster ja gerade deshalb, weil es sich so herrlich unkorrekt verhält. Hassobjekte sind dagegen die beiden braven, blond bezopften Mädchen mit den piepsigen Stimmen.

 

Auch der Berliner Rapper Bushido hat sich künstlerisch ruiniert, als er anfing, den geläuterten Radaubruder zu spielen. Seinen Erfolg verdankt er ja gerade seinen schwulen- und frauenverachtenden, rassistischen, gewaltverherrlichenden und antisemitischen Texten. So konsequent geschmacklos waren seine Botschaften, dass die Musiksender MTV und Viva alle seine Videos aus dem Programm nahmen. Er tauge nicht zum Vorbild, sagten die Organisatoren der Initiative »Schulen gegen Gewalt« und wollten ihn nicht mehr dabeihaben. Ein Kerl, der zwischen Nutten und echten Schlampen unterschied, ein Gegenmodell zu den Vertretern einer förderungswürdigen Jugendkultur, das war Bushido. Doch heute rennt er in Talkshows und wirft sich Politikern wie Horst Seehofer und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit an den Hals. 2011 will er sogar die CSU-Hymne singen! Das ist natürlich nicht strafbar, aber damit führt er sich selbst ad absurdum. Denn ein Rapper, der gut sein will, ist schlimmer als einer, der flucht. In der Filmbiografie Zeiten ändern dich von Uli Edel gibt er den harten Kerl, der die Widersprüche seiner Kindheit und Jugend aufgelöst hat und nun anderen helfen möchte, wieder auf den rechten Weg zu gelangen. Und so wird das Gangsterimage, mit dem Bushido sein Geld verdient hat, immer schwächer und schwächer.

Ein italienisches Restaurant in Berlin und eine jüdische Bäckerei in New York verdanken ihre große Beliebtheit ebenfalls genau der Sehnsucht der Menschen nach Regelbrüchen. Im Due Forni in Berlin mit 300 Plätzen muss man stets vorreservieren. Markenzeichen des Restaurants: die ruppige Bedienung. Auch bei Murray’s Bagels in Manhattan mit dem sagenhaft spröden Personal stehen die New Yorker Schlange nach den Bagels.

 

Wie kommen also meine Seminarteilnehmer zu der Annahme, dass sie durch gute Manieren ihre Beliebtheit steigern könnten? Und wieso glaubt Wolfram Siebeck, dass andere Menschen, nur weil er das Glas gerne am Stiel hält, dies auch tun sollten? Übrigens belegt Siebeck durch seine Klage, dass die Regel, Weingläser am Stiel anzufassen, offensichtlich immer weniger Leuten bekannt ist – womit sie sich dann auch von selbst erledigt hätte. Denn da Manieren gesellschaftliche Codes sind, ist es ja zwingend erforderlich, dass es Menschen gibt, die diese Codes auch verstehen. Wenn aber kaum jemand mehr die Regel kennt, von der Siebeck spricht, kann sich auch niemand mehr durch das »falsche Halten« eines Glases gekränkt fühlen – warum also dann diese Gewohnheit künstlich aufrechterhalten? Wein lässt sich doch ebenso gut trinken, wenn man das Glas am Kelch packt, und Menschen haben im Übrigen schon Wein genossen, als es noch gar keine Trinkgläser gab. Vor 2000 Jahren war es bei den Germanen zum Beispiel üblich, Honigwein aus den Schädeln der Feinde zu trinken – auch das funktionierte, und man wurde betrunken. Es wäre allerdings nicht uninteressant zu wissen, ob es damals als eleganter galt, den Schädel am Kiefer oder in den Augenhöhlen zu greifen. Als die Knigge-Expertin Isa Gräfin von Hardenberg 2000 ihren neuen Benimmratgeber veröffentlichte, gab es zu Promotionszwecken einen Test im Internet: Auf einem Foto von einem Cocktailempfang sollten zwölf Fehler angeklickt werden, die in dieser Szene illustriert waren, etwa ein fälschlicherweise offen gelassenes Jackett. 80 Prozent der Teilnehmer erreichten nicht die volle Punktzahl. Und das sollte ein Kaufargument sein! Wozu aber sich richtig benehmen, wenn das die meisten Leute gar nicht mehr bemerken? Wozu das Jackett korrekterweise geschlossen lassen, wenn 80 Prozent vielleicht gar kein Jackett mehr anhaben?

Menschen wie Siebeck und Frau von Hardenberg werden wohl noch so lange über falsch zugeknöpfte oder fehlende Jacketts jammern, bis kaum jemand mehr dieses Kleidungsstück im Schrank hat. Dafür werden sie just in dem Moment ein Loblied auf das T-Shirt anzustimmen beginnen, wenn es aus der Mode kommt. Es gibt immer irgendeine Verhaltensregel, die gerade am Verschwinden ist, doch dies zu bedauern, ist unnötig, denn dafür kommen ja ständig neue hinzu. Und dies dank der Menschen, welche die Regeln, die sie einengen oder die sie als überflüssig empfinden, einfach brechen. Sie, und nicht die selbst ernannten Benimmexperten, sind die Avantgarde der Gesellschaft. Wie Trine, die Köchin der Buddenbrooks. In seinem Roman Buddenbrooks beschreibt Thomas Mann, wie die Köchin während der 1848er-Revolution plötzlich aufmüpfig wird und niemand so recht damit umgehen kann. Die Köchin hat ein Verhältnis mit einem Schlachtergesellen, und dieser Schlachtergeselle hatte ihr politisches Bewusstsein geweckt. Eines Tages, als sie von der Hausherrin zurechtgewiesen wurde, stemmte sie ihre Arme in die Hüfte und verkündete: »Warten Sie mal bloß, Frau Konsulin, dat duert nu nich mehr lange, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt ich doar up’m Sofa in’ sieden Kleed, un Sei bedeinen mich denn …« – Man kündigte ihr sofort.

Die Avantgarde kann natürlich auch aus der Oberschicht stammen. So ließ sich zum Beispiel der Rektor der Universität Königsberg im Jahre 1787 entschuldigen und erschien nicht zum Festgottesdienst, den seine Universität anlässlich des Besuchs von König Friedrich Wilhelm II. veranstaltete. Ein unerhörtes Benehmen zur damaligen Zeit! Aber leider war es nun mal so, dass der Rektor Gottesdienste hasste und in seiner Jugend nur der Mutter zuliebe die Kirche besucht hatte. Der Rektor hieß Immanuel Kant. Sein kategorischer Imperativ »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde« wird merkwürdigerweise in fast jedem Benimmratgeber von 1960 bis 2010 zur moralischen Begründung von guten Manieren herangezogen. Das ist der billige Versuch, aus Fragen des Benimms eine Frage der Ethik zu machen. Damit auch jeder den kategorischen Imperativ versteht, wird seine angebliche Übersetzung, die Goldene Regel, meist ergänzend genannt: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Das Ganze beweist lediglich, wie wenig die oben angesprochenen Verfasser tatsächlich von Kant und von Manieren verstehen. Denn Manieren und Ethik stellen in gewisser Weise einen Gegensatz dar: Ethische Regeln sind deswegen ethisch, weil sie universal und für alle Menschen gültig sind wie etwa das Gebot »Du sollst nicht töten«. Manieren sind dagegen von Kultur zu Kultur verschieden und ändern sich dauernd – was heute gut ist, war gestern schlecht und umgekehrt. Sie sind also ihrem Wesen nach gerade nicht universal und für jeden gültig. Es sind Regeln, die von Jahrhundert zu Jahrhundert, für Frauen und Männer und für jede Gesellschaftsschicht anders aussehen. Vor 100 Jahren etwa stand ein Gentleman beim Erscheinen einer Dame auf, im Falle einer Arbeiterin jedoch nicht. Heute gilt ein Mensch, der solche Unterschiede macht, als untragbar. Wenn er Pech hat, muss er sich vor Gericht sogar wegen Diskriminierung verantworten.

 

Was gestern höflich war, ist heute strafbar!

 

Im 17. Jahrhundert galt es als ehrlos, eine Herausforderung zum Duell abzulehnen, im 21. Jahrhundert würde man sich strafbar machen, wenn man sie annähme. Ein Arbeiter verhielt sich im letzten Jahrhundert anders als ein Manager von heute, für einen Edelmann galten natürlich andere Benimmregeln als für einen Sultan, und ein Popstar kann sich heute mehr erlauben als eine Bankangestellte. Die Eltern meiner marokkanischen Freundin setzen selbstverständlich andere Prioritäten als die Eltern einer deutschen Schulkameradin. War die Marokkanerin Farida etwa bei deutschen Freundinnen zu Besuch, wurde ihr selten etwas zu essen angeboten. Im Gegenteil: War Abendbrotzeit, forderten sie die meisten Mütter sogar auf, nach Hause zu gehen. Für sie war das schockierend, denn bei ihren Eltern durfte niemand das Haus verlassen, ohne etwas gegessen und getrunken zu haben. Kant hat sich immer für Ethik und niemals für Fragen des Benimms interessiert. Wie andere Leute ihr Glas Wein halten oder wer wen zuerst begrüßen sollte, kommt in seinen Schriften gar nicht vor. Immanuel Kant war vielmehr auf der Suche nach einer universalen Regel, einer Handlungsmaxime, welche für alle Menschen zu jeder Zeit gültig ist. Bis jetzt hat niemand etwas Besseres als den kategorischen Imperativ (KI) gefunden, obwohl auch der seine Schwächen hat. Der KI ist ein logisches Werkzeug, mit dem jeder Mensch selbstständig und einfach prüfen kann, ob das Prinzip seiner Handlung ethisch ist oder nicht.

 

Überprüfen Sie folgende Szenarien anhand des kategorischen Imperativs:

 

Szenario A: Ein Mann sieht einen Geldboten mit einer prall gefüllten Geldtasche aus einem Spielcasino herauskommen. Der Geldbote ist nicht bewaffnet und, noch viel wichtiger, er ist allein. Der Mann erkennt die Möglichkeit, dem Boten mit einem Ruck die Tasche zu entreißen und dann in der Menge zu verschwinden. Da Spielcasinos das Geld im Grunde genommen auch gestohlen haben und außerdem versichert sind, käme dabei niemand wirklich zu Schaden. So wenden Sie den KI auf dieses Fallbeispiel an: Der Mann bestiehlt das Casino, bringt also das Privateigentum des Spielcasinobesitzers an sich. Ziel dieses Diebstahls ist es, dieses Geld zu seinem Privateigentum zu machen – der Mann würde sich schön ärgern, wenn ihm an der nächsten Straßenecke das Diebesgut von einem Dritten wieder abgenommen werden würde – er also seinerseits seines Privateigentums beraubt werden würde. Das Verhalten des Mannes ist daher widersprüchlich.

 

Der KI funktioniert in jedem Land, zu jeder Zeit, er gilt für Christen, Moslems oder Buddhisten gleichermaßen, und er kann von Königen oder Postbeamten angewendet werden. Und zwar ohne Vorbildung, ohne Kenntnis des Strafgesetzbuches, ohne Zuhilfenahme von Gott oder einer anderen moralischen Instanz.

 

Kommen wir nun zu Szenario B.

 

Szenario B: Ein Mann sieht einen Geldboten mit einer prall gefüllten Geldtasche aus einem Spielcasino herauskommen. Der Geldbote ist nicht bewaffnet und, noch viel wichtiger, er ist allein. Der Mann ist ein moderner Robin Hood und betrachtet Privateigentum als die Hauptursache von Ungerechtigkeit und den daraus entstehenden sozialen Konflikten. Er entreißt dem Mann die Geldtasche und verschwindet in der Menge. Anschließend verteilt er das Geld auf einem öffentlichen Platz an die Menschen.

 

Nun ist das Verhalten des Mannes ein ganz anderes. Mit dem KI lassen sich in puncto Wertung sehr gegensätzliche Schlussfolgerungen ziehen: Derjenige, der das Privateigentum als eines der wichtigsten Menschenrechte betrachtet, wird zu einem anderen Ergebnis kommen als einer, der es als das größte Übel unserer Gesellschaft ansieht. Doch im wirklichen Leben geht es selten so eindeutig zu, Probleme tauchen meistens in Mischformen auf.

 

Szenario C:

 

Was wäre, wenn der Mann aus dem Szenario A einen schwerkranken Sohn zu Hause hätte und das Geld für eine teure Behandlung bräuchte? Auch Immanuel Kant hatte Verständnis für einen Mann, der stiehlt, weil er und seine Kinder in Not sind. Und bestimmt würde er auch zugestehen, dass eine Kleptomanin nicht unethisch, sondern unter Zwang handelt. Und dass der Diebstahl eines Jugendlichen aus einem sogenannten Problemviertel anders zu bewerten ist als die Steuerhinterziehung eines Großverdieners.

 

Stehlen Sie nie mehr, als Sie brauchen!

 

 

Pfarrer Tim Jones aus York in England sieht das Thema Diebstahl ebenfalls differenziert. »Stehlen Sie nicht mehr, als Sie brauchen!« Mit diesen Worten riet er letztes Jahr seiner nicht gerade wohlhabenden Gemeinde, sich in Zeiten der Not mit Ladendiebstahl zu behelfen. Allerdings sollten die Gemeindemitglieder sich lieber bei großen Kaufhausketten als bei kleinen Familienbetrieben bedienen.

 

Nun folgt das Argument, mit dem die Verteidiger der guten Manieren schlechtes Verhalten gern brandmarken, es lautet: »Wenn das alle täten …« Sie machen das aus dem Instinkt heraus, dass man, wenn man etwas Einzelnes verallgemeinert, sich damit automatisch auf dem Gebiet der Ethik befindet. Sicherlich kennt jeder dieses Phänomen aus seiner Kindheit: Man kam mit einem Arm voller Blumen nach Hause, die man in einem öffentlichen Park oder von einer Verkehrsinsel gepflückt hatte. Statt aber nun für diese Tat gelobt zu werden, wurde man gescholten: Wenn das alle machen würden, dann gäbe es draußen bald keine Blumen mehr. Schon als Kind war aber klar, dass irgendetwas an dieser Argumentation nicht stimmte, denn schließlich machten das eben nicht alle, und man war doch der Einzige gewesen. Recht hat das Kind, denn das Verallgemeinern muss passen und ist laut dem amerikanischen Philosophen Marcus George Singer nicht zulässig, wenn der Zustand »wenn alle das täten« genauso wenig wünschenswert wäre wie der Zustand »keiner tut das«. Das ist leicht einzusehen: Wenn das Kind etwa, anstatt einen Strauß illegal gepflückter Blumen zu offerieren, den Wunsch äußern würde, Arzt zu werden, würde wohl niemand darauf antworten: Das geht nicht. Wenn das alle machen würden! Dabei wäre es durchaus schlimm, wenn alle Kinder einer Generation Arzt wären, denn dann würde die Menschheit verhungern. Weil also der Zustand, dass niemand Arzt ist, genauso schlimm ist, wie wenn alle Arzt wären, ist eine Verallgemeinerung in diesem Falle unzulässig. Mit dem guten Benehmen ist es genauso: Es wäre scheußlich, wenn alle sich schlecht benehmen würden, aber wenn alle nur brav das Richtige täten, wäre es noch viel scheußlicher. Ob man sich also »gut« oder »schlecht« benimmt, muss man von Fall zu Fall selbst entscheiden.

 

Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einem Land, in dem Benimm und Manieren noch wirklich etwas bedeuten. Die Straßen sind sauber, in U-Bahnen und Bussen wird nicht gegessen und auch kein lautes Wort gesprochen, Rauchen kennt man in diesem Land nur vom Hörensagen. Die Menschen sind höflich und sagen immer die Wahrheit. Denn nachweisbares Lügen wird mit acht Stockhieben auf das nackte Gesäß bestraft. Doch gelogen wird hier nicht – Rücksichtslosigkeit liegt den Einwohnern dieses Landes einfach nicht im Blut. Pornografie ist verboten, jegliche abweichende Sexualität, wie etwa Oralverkehr, wird mit Gefängnis geahndet. Kaugummikauen in der Öffentlichkeit zieht eine empfindliche Geldbuße nach sich, spuckt man das Kaugummi gar auf den Boden, hat man eine Woche lang in einer auffälligen Warnweste mit der Aufschrift »Wiedergutmachungsmaßnahme« öffentliche Plätze oder Strände zu säubern. Wollen Sie in diesem Land des ewigen guten Benimms leben? Wenn ja, packen Sie Ihre Koffer, denn dieses Land existiert. Es heißt Singapur.

 

Manieren sind etwas für Leute, die nicht nachdenken wollen.

 

Dass man selbst nachdenken darf, macht das Zusammenleben natürlich komplizierter – und nicht einfacher, wie es Sinn und Zweck von Manieren ist. Manieren nehmen uns in gewisser Weise nämlich das Nachdenken ab, denn sie sind in Form gegossene Verhaltensweisen, die man ungefragt anwendet. Wer sich manierlich benimmt, zeigt genau das Verhalten, welches andere in bestimmten Situationen von ihm erwarten, nichts weiter. Dafür braucht es jedoch nicht gleich eines Verweises auf Kant. Es lässt sich zum Beispiel auch mit einiger Berechtigung behaupten, dass Wolfram Siebeck sich unmanierlich verhält, wenn er inmitten von unwissenden Schauspielern und anderen Proleten sein Weinglas am Stiel ergreift. Denn weil das ja kaum jemand mehr erwartet – wie er selbst beobachtet hat –, muss er folgerichtig alle Anwesenden mit dieser provozierenden Geste, dieser demonstrativen Zurschaustellung seiner Andersartigkeit verblüffen und düpieren.

 

Manieren kann man nicht einfordern, schon gar nicht mit der Hilfe von Immanuel Kant.

 

 

Ob Marlon Brando sich gegen ein Regal lehnt oder nicht, ob Siebeck sein Weinglas am Stiel hält oder wie ein Bauer daraus trinkt, ob Helmut Schmidt in seinem Büro raucht oder nicht, wäre Immanuel Kant wohl ziemlich egal. Gehütet hat er sich auch in seinem Werk Kritik der reinen Vernunft davor, seine Formel den Spezialfällen des Alltags auszusetzen – wie eben dem Fall des Vaters eines kranken Sohnes oder dem einer unheilbaren Kleptomanin oder der finanziellen Situation der Gemeinde des Yorker Pfarrers Tim Jones. Außerdem ist das Leben nicht nur reine Vernunft, im Alltag ist es meist mehrschichtig. Es ist von außen betrachtet zum Beispiel nicht zu erkennen, ob ein Mann, der seiner Begleiterin beim Betreten eines Gebäudes nicht die Tür aufhält, dies tut, weil er es nicht besser weiß, oder aber, weil sein Arm so furchtbar schmerzt, weil er ihr gestern beim Umzug geholfen hat. Darüber hinaus müssen auch die vielfältigen Persönlichkeiten und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse bei einer Beurteilung berücksichtigt werden. Vielleicht weiß der nicht türenaufhaltende Mann, dass seine Begleiterin diese Höflichkeitsgeste nicht schätzt oder aus einem Land kommt, in dem dies nicht üblich ist. Niemand würde beispielsweise Michelle Obama moralisch verurteilen, weil sie beim Besuch bei der englischen Queen Anfang 2009 gegen die Etikette verstoßen hat, indem sie der Queen die Schulter tätschelte. Michelle Obama wollte sich ja nicht schlecht benehmen, sondern gerade besonders herzlich zeigen. Und ihre kulturelle Prägung als Amerikanerin ist nun einmal eine andere als die der Queen.

 

Doch hinter dem Weinglas-falsch-Halten und dem Ellenbogen-auf-dem-Tisch steht eine falsche ethische Haltung, nämlich Respektlosigkeit den Mitmenschen gegenüber, und diese Haltung wäre es, die sie kritisierten, sagen Siebeck, von Hardenberg und Benimmexperte Horst Hanisch. Was sie fordern, ist wieder mehr Respekt. Tatsächlich wäre die Absicht, »respektlos zu sein«, nach dem KI nicht zulässig: denn die Handlungsmaxime, vor anderen Menschen keinen Respekt haben zu wollen, ist in sich widersprüchlich, weil man ja für die Forderung nach dem Ausleben der eigenen Respektlosigkeit Respekt erwartet. Aber Respekt und Manieren hängen keinesfalls, so wie es die Benimmfürworter suggerieren, untrennbar und für alle Zeiten unverrückbar miteinander zusammen. Im Gegenteil. Oft zementieren der Respekt vor einer Regel und die entsprechenden Manieren gesellschaftliche Zustände, die längst überholt sind: Rosa Parks, eine schwarze Amerikanerin aus Montgomery, löste beispielsweise vor 55 Jahren den Protest gegen die Rassentrennung im Süden der USA aus, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen freizumachen – was damals eine vorgeschriebene Verhaltensregel war.

 

Ein aktuelles Beispiel ist der Protest der Anwohner in Berlin-Kreuzberg gegen die Gentrifizierung ihres Viertels: Um das Viertel unattraktiv für Yuppies zu machen, die sich für viel Geld Eigentumswohnungen am Spree-Ufer kaufen, Fabriketagen zu großzügigen Lofts umbauen lassen und somit die Mietsätze in dem Viertel so hochtreiben, dass sich die Menschen, welche das Viertel überhaupt zu dem gemacht haben, was es ist, nicht mehr leisten können, ruft die Gruppe Soziale Kämpfe zu folgenden Gegenmaßnahmen auf: Verlassen Sie das Haus nur noch im Jogginganzug und Feinrippunterhemd und mit einer Bierflasche – sind Sie auf dem Weg zur Arbeit, ziehen Sie sich erst um, wenn Sie den Stadtteil Kreuzberg verlassen haben.

 

Gehen Sie in Gruppen herum, pöbeln und fluchen Sie, und spucken Sie auf die Straße. Hängen Sie Aldi- oder Lidltüten in Ihre Fenster.

 

Schrauben Sie ausrangierte Satellitenschüsseln an Ihre Hausfassaden.

 

Spielen Sie laute Heavy-Metal-Musik, und lassen Sie dabei Ihre Fenster offen stehen. Besprechen Sie mit Ihren Nachbarn, wann es diese am wenigsten stört.

 

Erscheinen Sie mit all Ihren Freunden auf Besichtigungsterminen für überteuerte Wohnungen – und feiern Sie dort eine Überraschungsparty mit Ghettoblaster und mitgebrachten Getränken.

 

Mit anderen Worten, jeder Kreuzberger soll mithelfen, das Straßenbild und die Atmosphäre seines Viertels so zu gestalten, dass den Reichen ihre Freude an ihren 200-Quadratmeter-Lofts gründlich verdorben wird. Es gibt sogar schon ein Wort für dieses Vorgehen: In der Sprache der Soziologen wird das zivilgesellschaftliche Deattraktivierungsstrategie genannt.

 

Benehmen Sie sich schlecht – und verbessern Sie die Gesellschaft!

 

Wie bereits an diesen beiden Beispielen deutlich wird, ist es problematisch, Manieren zu einer Frage der Ethik oder des Anstands hochzustilisieren. Denn hier sind es gerade die, die gegen gängige Regeln verstoßen und keine Manieren zeigen, die etwas Positives tun und bewirken. Trine, die Köchin der Buddenbrooks und Rosa Parks aus den Südstaaten wehrten sich gegen unmoralische Zustände. Der Kreuzberger Widerstand hilft allen, die zu wenig Geld haben, um sich von Hausbesitzern und Vermietern freizukaufen. Und Marlon Brandos Regelverstöße führten zu einer der größten Neuerungen Hollywoods, nämlich der Ablösung des glatten Helden durch wirklich interessante, weil gespaltene Protagonisten. Immanuel Kant machte durch seine Weigerung, den Gottesdienst zu besuchen, fleißige Kirchgänger darauf aufmerksam, dass ein Kirchgang nur dann etwas wert ist, wenn er aus Überzeugung erfolgt.

 

Wer sich schlecht benimmt, strahlt Macht aus.

 

Es ist übrigens oft lediglich eine Frage der jeweiligen Macht, ob das Verhalten eines Menschen als schlecht oder gut, kultiviert oder vulgär empfunden wird. Dem einem werden aufgrund seiner Position viele Freiheiten eingeräumt, dem anderen lässt man nichts durchgehen. So hieß es beispielsweise bei den Weimarer Bürgern, welche bei Goethe zu Gast waren, »Goethe genießt den Wein«, wenn Goethe zum Abendessen zwei Flaschen Wein trank. Doch wenn Christiane Vulpius, seine Lebensgefährtin, zur Weinflasche griff, sagten die Leute: »Der arme Goethe – die Christiane ist wieder besoffen.« Goethe galt aufgrund seiner Herkunft als Ästhet und Weinkenner, Christiane, das einfache Mädchen, mit dem Goethe lange Jahre zusammenlebte und fünf Kinder hatte, als Säuferin. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt kann rauchen, wo er will, sogar im Fernsehen, und jeder findet das toll. Der hochunsympathische Dieter Bohlen verdient mit seiner arroganten Art sogar eine Menge Geld, und Silvio Berlusconi ist immerhin Ministerpräsident von Italien. Ob nun neureiche Russen, in Hotels randalierende Popstars, egomanische Künstler – Ausschweifungen und absolutes Ignorieren jeder Norm sind seit jeher Ausdruck einer privilegierten Stellung.

 

Natürlich gibt es immer noch Kreise und Funktionen, zu denen jemand keinen Zugang hat, wenn ihm der entsprechende Verhaltenskanon nicht geläufig ist. Aber allein mit gutem Benehmen lässt sich keine Schichtzugehörigkeit vortäuschen. So besagt eine Studie aus Deutschland von 2007, dass Juristen, deren Eltern dem Arbeitermilieu angehören, selbst bei Bestnoten kaum Chancen haben, in die Aufsichtsräte großer Unternehmen aufzusteigen, weil ihnen einfach der entsprechende Habitus fehlt: Diese Juristen benehmen sich gut – und zwar zu gut, denn die Selbstverständlichkeit, mit der diese Regeln beherrscht und eben auch gebrochen werden, ist das entscheidende Moment!

 

Das Studium der Manieren lohnt sich nicht:

 

 

Außerhalb des speziellen Milieus, in dem man sie braucht, ist es nicht mehr nötig, innerhalb hoffnungslos.

 

Nicht jeder hat den Mut, Dinge zu tun, die andere niemals täten. Es ist jedoch Tatsache: Je mehr jemand in diesem Gesellschaftsspiel nach seinen eigenen Regeln spielt, desto interessanter und attraktiver wirkt er auf andere Menschen. Daraus folgt allerdings: Wer in Benimmseminare geht, um seine Außenwirkung zu verbessern, hat eigentlich schon verloren. Ihm fehlt grundsätzlich das Verständnis darüber, wie jemand Eindruck bei anderen hinterlässt, wie er sie reizt, bezaubert, fasziniert! Die entscheidende Frage hierbei ist nämlich nicht, wie man sich benimmt, sondern wie er eine Persönlichkeit wird. Friedrich Nietzsche hat in einem Satz zusammengefasst, wie man dies nicht wird: »Wer fragt, was er tun soll, wird die Tat nicht tun, die er tun muss.« Dr. Jürgen Stepien, Psychologischer Psychotherapeut, Psychoonkologe und Verfasser von zahlreichen Vorträgen zum Thema Eigensinn und Konfliktmanagement, hat beobachtet: »Viele Menschen stecken viel Zeit und Energie hinein, ihre Eigenarten zu überwinden. Danach zu streben, sich so zu verhalten, dass einem nichts – nämlich die eigene Persönlichkeit – vorgeworfen werden kann, ist aber ein Verrat an sich selbst. Wer jedoch nicht eigensinnig lebt, schneidet sich ab von seiner eigenen Lebendigkeit. Ein hoher Preis. Eigensinnig zu sein, bedeutet immer erst auch, ausgestoßen zu werden. Weil man Fehler macht und Regeln verletzt. Wer beginnt, eigensinnig zu sein, wird sofort mit den Ansprüchen seiner Umgebung konfrontiert. Egoismus und Rücksichtslosigkeit heißen die moralischen Vorwürfe der Leute, deren Interessen man beschneidet. Man braucht Mut, um sich die Treue zu erweisen und es nicht immer anderen Leuten recht zu machen. Aber paradoxerweise sind es gerade die eigensinnigen Leute, die deutlicher gemocht und deutlicher respektiert werden!«

 

»Wer die Einhaltung gesellschaftlicher Umgangsformen einfordert, hat das Wesen der Manieren nicht verstanden.«

 

Asfa-Wossen Asserate, Autor von »Manieren«

 

Wer mehr Manieren fordert, reduziert das Gesellschaftsspiel »Manieren« auf einen einzigen Spielzug. Abgesehen davon ist dieses Einfordern der Bruch der Spielregel Nummer eins: Sich schlecht zu benehmen, ist erlaubt, sich über das Benehmen anderer zu beschweren, verrät den Kleinbürger. Denn der Kleinbürger und Spießer hat aus diesem Spiel ernst gemacht, weil er damit etwas erreichen will: Theodor W. Adorno schreibt in seinem Text Theorie der Halbbildung, dass die Bourgeoisie stets darauf aus war, den Adel zu imitieren. Denn seit dem Erstarken des Bürgertums im 19. Jahrhundert schlummerte in jedem Großbürger der inständige Wunsch, irgendwann zu Höherem aufzusteigen – und das Weinglas am Stiel zu halten statt am Kelch, war eben schon der erste Schritt dorthin. Irgendwann begann dann der Kleinbürger damit, den Großbürger zu imitieren: Auch er träumte nun davon, dazuzugehören und ein besseres Leben zu führen – mit Klaviermusik und Ballettunterricht für die Kinder, mit Literatursalons und Briefen, in denen tiefe Gefühle und Einsichten mitgeteilt werden. Und das Ganze umgeben von Kunst und Kultur in einer Villa, die sauber gehalten wird von Personal. Niemals mehr Geldsorgen, Streit, Geschrei oder Weckerklingeln um sechs Uhr morgens. Eine adelige Lebensweise eben, die verrät, dass beide Schätze – sowohl Muße als auch Geld – reichlich vorhanden sind. Leider begreift der Kleinbürger nicht, dass die Vornehmheit flöten geht, wenn das »feine Benehmen« in den Dienst der Außenwirkung gestellt wird. Fleiß und Pünktlichkeit sind seiner Meinung nach immer noch angeraten, selbst heute, wo allzu korrektes und unnatürliches Benehmen fast lächerlich wirkt, wo Anzug und Krawatte eher den Untergebenen als den Chef verraten. Und wo sich in kaum einer Branche mehr die nächste Stufe auf der Karriereleiter durch Ausdauer und Bescheidenheit verdienen lässt. Im Gegenteil. Meistens sind es die Untreuen und Ungeduldigen, die die Chancen, welche sich ihnen bieten, am schnellsten ergreifen. Dass sich Adel dadurch verrät, dass man gar nicht wirken muss und deswegen die geläufigen Regeln lässig übertritt, kommt einem Kleinbürger gar nicht in den Sinn.

 

Manieren zu haben, ist feige und langweilig.

 

Sich an Benimmregeln und akzeptierte Umgangsformen zu klammern, ist nur eine Flucht vor den vielen Ambivalenzen und Unwägbarkeiten des Lebens. Manieren sollen schützen vor den eigenen Wünschen, Unsicherheiten und unkontrollierbaren Impulsen. In einem Benimmkurs oder einem Bewerbungstraining suchen die Teilnehmer nach einer Anleitung, um das brüchige Eis der zwischenmenschlichen Begegnung zum spiegelnden, aber rutschsicheren Parkett zu machen. Unvorhergesehenes soll ausgeschlossen werden, oder zumindest möchte man darauf vorbereitet sein. Dass das Zusammensein mit anderen dann eher öde als aufregend ist, wird dabei in Kauf genommen – Hauptsache, die Betreffenden müssen sich nie wieder steif, unsicher oder fehl am Platz fühlen. Dafür lehnen sie dann diejenigen öffentlich ab, die absichtlich oder unabsichtlich danebenhauen. Heimlich aber freuen sie sich daran, schauen liebend gern Talkshows mit sogenannten Skandalnudeln und Sendungen, in denen sich ungeschickte Menschen lächerlich machen. Bei Einladungen, Empfängen und Partys genießen sie die Anwesenheit von Menschen, die sie selbst niemals zu sich nach Hause einladen würden. Sie möchten mithilfe von Menschen, die sich schlecht benehmen, etwas erleben – aber bitte nicht von ihnen belästigt werden. Sie können über solche Leute lachen und lästern – aber leider nicht mit ihnen umgehen.

 

Statt sich gut zu benehmen, sollten sie sich lieber fragen, wie es wäre, wenn

 

keiner mehr reizt und provoziert wie Klaus Kinski,

 

keiner mit seiner Ehrlichkeit oder Dreistigkeit verblüfft wie Karl Lagerfeld,

 

niemand durch seinen Fehltritt entkrampft und amüsiert wie Guildo Horn,

 

keiner durch neue Ideen zeigt, welche Regeln schon längst überholt sind, wie Kinder es tun,

 

kein ausländischer Gast darauf aufmerksam macht, welche Manieren dem oft geforderten interkulturellen Dialog im Wege stehen und

 

niemand mehr durch sein schlechtes Benehmen indirekt das gute erstrebenswert macht wie Oliver Pocher.

 

Das Leben wäre langweilig und blöd und das Miteinander zum Stillstand verurteilt. Vielversprechender ist ein kreativer Umgang mit den Spielregeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Niemand mag Menschen, die sich stets korrekt benehmen, und niemand möchte selbst so sein. Die meisten möchten Ungeheuerlichkeiten erleben, um sie weitererzählen zu können, möchten Wildes sagen und tun, damit über sie gesprochen wird. Höfliche brauchen den Kontrast, um stärker zu wirken. Ist eine Veranstaltung zu vornehm, sehnt sich jeder nach einem Menschen, der allein durch sein Auftreten alles entkrampfen könnte. Warum also nicht etwas ausprobieren und riskieren? Denn es schadet nicht, seine Umgebung auch einmal zu provozieren. Kein Mensch will im Grunde genommen, dass ihm andere alles recht machen, worüber sollte er sich sonst aufregen?

 

»Wenn man alle Gesetze studieren wollte, so hätte man gar keine Zeit, sie zu übertreten.«

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

Es wäre furchtbar, wenn sich alle Menschen so formvollendet benehmen würden wie zum Beispiel die englische Queen, der man nie ansehen darf, ob sie sich gerade langweilt oder nicht – denn man hätte gar keine Rückmeldung auf das eigene Verhalten! Das mag im Einzelfall angenehm sein, aber auf die Dauer bliebe in solch feiner Gesellschaft stets die Unsicherheit, ob man auch wirklich gefällt. Diese Tatsache wird in vielen jüdischen Witzen thematisiert: Ein Jude unter Juden kann so sein, wie er ist – gutes Benehmen, also die Verstellung, ist eigentlich nur gegenüber Nichtjuden nötig. In der Öffentlichkeit versucht jeder daher mit mehr oder weniger Erfolg, den anderen etwas vorzumachen. Steht aber fest, dass man sich unter seinesgleichen befindet, wird jedwedes alberne Getue sofort fallen gelassen wie in dieser Geschichte:

 

In der ersten Klasse eines Zugabteils sitzt ein Jude einem feinen Herrn gegenüber. Der Jude befleißigt sich bester Manieren. Plötzlich wendet sich der feine Herr an ihn und fragt: »Wann haben wir dieses Jahr eigentlich Jom Kippur?« Nachdem dieser auf diese Weise verraten hat, dass er ebenfalls Jude ist, atmet sein Gegenüber mit einem »Äsoi« erleichtert auf und legt ungeniert seine Füße auf den Sitz gegenüber.

 

Sigmund Freud sah in dieser viel zitierten jüdischen Manierlosigkeit etwas Positives, nämlich den demokratischen Charakter der jüdischen Tradition. Persönlichkeiten wie Marlon Brando, Rosa Parks oder die protestierenden Anwohner Kreuzbergs möchten aber noch mehr – sie wollen jedem Menschen auf Augenhöhe begegnen, nicht nur ihresgleichen. Sie fürchten sich auch nicht vor Autoritäten. Oder davor, sich vor Fremden gehen zu lassen und sich angreifbar zu machen. Ihnen ist es wichtiger, wahrhaftig zu sein, als bei jedem Menschen gut anzukommen.

 

Dritte Formel des kategorischen Imperativs: »Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.«

 

 

Es gibt übrigens noch eine zweite und dritte Formel des kategorischen Imperativs, die dritte Formel besagt, dass es wichtigere Dinge gibt, als Höflichkeitsregeln einzuhalten – zum Beispiel seinen eigenen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und seine Gedanken und Gefühle nicht zu verleugnen. Und dies muss natürlich auch anderen Leuten zugestanden werden. So wie es Immanuel Kant zeit seines Lebens getan haben dürfte.

Rebecca Niazi-Shahabi

Über Rebecca Niazi-Shahabi

Biografie

Rebecca Niazi-Shahabi stammt aus einer deutsch-israelisch-iranischen Familie und lebt in Berlin. Dort hält die Autorin Seminare zum Thema Charisma und arbeitet als Journalistin und Werbetexterin.

Medien zu »Nett ist die kleine Schwester von Scheiße«

Pressestimmen

B.Z.

»›Nett ist die kleine Schwester von Scheiße‹ verrät, wie man Eindruck schindet.«

MDR Sputnik

»Die Autorin ermutigt uns mit ihrem Buch sich auch mal ein bisschen daneben zu benehmen.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden