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Nervöse ZeitenNervöse Zeiten

Nervöse Zeiten

Wie Emotionen Argumente ablösen

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Nervöse Zeiten — Inhalt

Wir befinden uns in einer neuen politischen Ära, die viele ratlos zurücklässt: Wo bisher Zahlen, Daten und Expertisen Grundlage politischer Entscheidungen waren, sind nun Emotionen Trumpf. Ob Donald Trump in den USA, der Front National in Frankreich oder die AfD in Deutschland – überall greifen Populisten die Ängste der Menschen auf und sind mit ihren gefährlichen Ideologien auf Erfolgskurs. Doch wie konnte es dazu kommen, dass statt objektiver Größen wie Arbeitslosenzahlen oder Wirtschaftswachstum plötzlich Wut und Angst über unsere Zukunft entscheiden? William Davies erklärt unter Einbeziehung ökonomischer, philosophischer und politischer Theorien, wie es zum „Niedergang der Vernunft“ und dem „Siegeszug der Gefühle“ kommen konnte.

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 01.02.2019
Übersetzt von: Enrico Heinemann, Ursel Schäfer
384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05894-0
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 01.02.2019
Übersetzt von: Enrico Heinemann, Ursel Schäfer
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99360-9

Leseprobe zu „Nervöse Zeiten“

Einführung

An einem Spätnachmittag, einem Freitag im November 2017, wurde die Polizei zur Londoner U-Bahn-Station Oxford Circus beordert, aus „terrorbezogenen“ Gründen, wie es hieß. Bei der Evakuierung entstand ein Gedränge, als die Menschen zu den Ausgängen eilten. Berichte von Schüssen kursierten. Im Internet tauchten Bilder und Videos fliehender Menschenmassen auf, denen schwer bewaffnete Polizeibeamte entgegeneilten. Augenzeugen berichteten von Schreien und Chaos, als sich Passanten in Ladengeschäften in Sicherheit zu bringen versuchten.
Inmitten der [...]

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Einführung

An einem Spätnachmittag, einem Freitag im November 2017, wurde die Polizei zur Londoner U-Bahn-Station Oxford Circus beordert, aus „terrorbezogenen“ Gründen, wie es hieß. Bei der Evakuierung entstand ein Gedränge, als die Menschen zu den Ausgängen eilten. Berichte von Schüssen kursierten. Im Internet tauchten Bilder und Videos fliehender Menschenmassen auf, denen schwer bewaffnete Polizeibeamte entgegeneilten. Augenzeugen berichteten von Schreien und Chaos, als sich Passanten in Ladengeschäften in Sicherheit zu bringen versuchten.
Inmitten der Panik blieb unklar, woher genau die Bedrohung kam oder ob gleichzeitig mehrere Anschläge stattgefunden hatten, wie zwei Jahre zuvor in Paris. Bewaffnete Polizisten stürmten in die Filiale der Kaufhauskette Selfridges, während die Ladenbesucher Anweisung zur Evakuierung erhielten, unter ihnen der Popsänger Olly Murs. „Alle nichts wie raus aus Selfridges“, tweetete er seinen acht Millionen Followern, „jetzt wird geschossen!!“ Während Kunden zu den Ausgängen stürzten, sorgten von draußen hereinstürmende Passanten für Panik.
Dank Smartphones und den sozialen Medien wurde dieses gesamte Geschehen aufgezeichnet, geteilt und in Echtzeit diskutiert. Während die Polizei die Panik über ihren Twitter-Feed zu entschärfen versuchte, griff das Chaos durch die alarmierten Reaktionen weiterer Beobachter immer stärker um sich. „Sieht nach einem weiteren Dschihad-Anschlag in London aus“, twitterte Tommy Robinson, der ehemalige Führer der ultrarechten English Defence League. Die Online-Ausgabe der Daily Mail nahm einen belanglosen Tweet von zehn Tagen zuvor, wonach „ein Lieferwagen auf einem Bürgersteig in der Oxford Street zum Stehen gekommen“ sei, unerklärlicherweise zur Grundlage für den Tweet: „›Schüsse abgefeuert‹, als bewaffnete Polizisten die U-Bahn-Station Oxford Circus umzingeln, nachdem ›Lieferwagen in Fußgänger rast‹.“ Anders als in der Hochphase der Presse berichteten die Medien weniger über Fakten, sondern trugen vielmehr dazu bei, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit und Emotionen wechselseitig hochschaukelten.
Eine Stunde nach Evakuierung des Oxford Circus gab die Polizei eine Erklärung ab, wonach sie „bislang keine Spur eines Verdächtigen, Hinweise auf Schüsse oder Opfer ausgemacht“ habe. Später sollte bekannt werden, dass sich neun Verletzte der Panik, deren Ursache bis dahin noch unklar war, in Krankenhäusern behandeln lassen mussten. Wenige Minuten darauf tweetete der Betreiber der Londoner U-Bahn, dass die Stationen wieder geöffnet seien und die Züge regulär verkehrten. Wenig später wurde der Einsatz von Polizei und Rettungsdiensten offiziell beendet. Von Schüssen oder Terroristen fand sich keine Spur.
Was hatte die Panik ausgelöst? Bei der Polizei waren zahlreiche Anrufe von Passanten eingegangen, die Schüsse in der U-Bahn-Station und auf der Straße gemeldet hatten. Sechs Minuten später waren Beamte einsatzbereit vor Ort. Zeugen hatten aber nur ein Handgemenge auf einem überfüllten Bahnsteig während der Rushhour gesehen. Zwei Männer waren aneinandergeraten und hatten ein- oder zweimal mit der Faust zugeschlagen. Wie der akustische Eindruck von Schüssen entstanden war, blieb unklar. Allein der handgreifliche Streit hatte unter den zurückweichenden Passanten ein Gedränge ausgelöst, das sich wie eine aufbrandende Welle den überfüllten Bahnsteig entlang und durch die U-Bahn-Station ausbreitete. In London waren im selben Jahr bereits zwei Terroranschläge geglückt, sieben weitere Versuche hatte die Polizei vereiteln können: gut nachvollziehbar also, wie sich in der Enge eines öffentlichen Raumes wie der U-Bahn-Station Panik ausbreitet.
Aus dem Nichts entstandene Massenpaniken wie diese hatte es schon früher gegeben. 2016 hatte New Yorks JFK-Flughafen einen ähnlichen Zwischenfall erlebt. Twitter-Meldungen, wonach ein „feuernder Schütze“ unterwegs sei, hatten in mehreren Terminals für Chaos gesorgt. Eine Erklärung lautete, dass an einer Warteschlange Metallpfosten der Absperrgurte umgerissen worden seien. Die scheppernden Aufschläge auf den Boden hätten sich wie Schüsse angehört. Durch wahnhafte Vorstellungen, verbreitet über die sozialen Medien, hatte sich ein kleiner Zwischenfall oder eine Fehldeutung kraft Übertreibung zu einer akuten Gefahrenlage ausgewachsen.
Nach dem Zwischenfall vom Oxford Circus verlangten örtliche Ladenbesitzer, in umliegenden Straßen ein Lautsprechersystem „wie in Tokio“ zu installieren, über das sich die Polizei zeitgleich an die Massen wenden könne. Auch wenn die Idee kaum Befürworter fand, stand hinter ihr die richtige Diagnose. Wenn während rasant ablaufender Ereignisse Emotionen hochschlagen, fehlt plötzlich jede verlässliche Einschätzung der realen Lage. Dieses Fehlen an echtem Wissen lösen im digitalen Zeitalter rasch Gerüchte, Fantasien und Spekulationen ab, von denen manche schnell so zurechtgebogen und übertrieben werden, dass sie ins bevorzugte Narrativ passen. Angst vor Gewalt kann so verheerend wie tatsächliche Gewalt wirken. Hat sie sich erst ausgebreitet, lässt sie sich mitunter nur noch schwer unter Kontrolle bringen.
Tatsächlich ist das Risiko, in London oder New York bei einem Terroranschlag oder einer Massenschießerei umzukommen, statistisch gesehen extrem gering. Diese Art nüchterne und objektive Betrachtung ist für den Betroffenen, der unmittelbar um sein Leben fürchtet, allerdings weder verfügbar noch besonders nützlich. Wenn eine Panik abgeflaut ist, sind Politik, Presse und Experten gefragt, die Tatsachen zum Geschehen aufzuklären. Niemand würde erwarten, dass sie in der Hitze des Augenblicks, wenn Gedränge und Geschrei herrschen, im Einklang mit Fakten handeln. Wo rasche Reaktionen wesentlich sind, kommen Körperinstinkte ins Spiel.
Ereignisse wie diese sind typische Symptome unserer Zeit, in der schnelle Reaktionen über langsamere, umsichtige Bewertungen häufig die Oberhand gewinnen. Wir sind stärker an „Echtzeit“-Erlebnisse und -Medien angepasst und vertrauen so am Ende zwangsläufig Wahrnehmungen und Empfindungen eher als Beweisen. Wissen muss schnell verfügbar und wirksam sein statt nüchtern und objektiv. Und emotionsgeladene Lügen verbreiten sich oft schneller als Fakten. In Situationen physischer Gefahr, wenn Schnelligkeit gefragt ist, sind unmittelbare Reaktionen durchaus sinnvoll. Aber inzwischen haben „Echtzeit“-Daten weit über Sicherheitsbelange hinaus Einfluss gewonnen. Aus den Nachrichten, den Finanzmärkten, über Freunde und bei der Arbeit stürzen in einem nicht abreißenden Strom Informationen auf uns ein, die wir kaum noch distanziert betrachten und zu einem zuverlässigeren Abbild der Wirklichkeit zusammenzusetzen können – mit der Gefahr, dass eigentlich harmlose Situationen als Bedrohung erscheinen und so am Ende tatsächlich zur Gefahr eskalieren.
Die moderne Welt wurde auf zwei grundlegenden Unterscheidungen errichtet, die beide zur Mitte des 17. Jahrhunderts in den Vordergrund rückten: die eine zwischen Geist und Körper sowie die andere zwischen Krieg und Frieden. Schrittweise verlieren beide nun schon seit über hundert Jahren immer mehr an Schärfe. Wie wir noch sehen werden, rückte der Siegeszug von Psychologie und Psychiatrie gegen Ende des 19. Jahrhunderts Geist und Körper enger zueinander, indem sie aufzeigten, dass unsere Gedanken von Nervenimpulsen und Empfindungen beeinflusst werden. Und mit den ersten Luftangriffen Anfang des 20. Jahrhunderts zogen in die Kriegsführung Methoden ein, mit denen sich Zivilbevölkerungen bis weit über die Grenzen des Kampfgeschehens hinaus terrorisieren und kontrollieren lassen.
Diese beiden Unterscheidungen – zwischen Geist und Körper sowie Krieg und Frieden – haben inzwischen offenbar vollständig an Glaubwürdigkeit verloren, mit dem Ergebnis, dass der Krieg inzwischen in unseren Alltag einrückt. Seit den 1990er-Jahren haben rasante Fortschritte in den Neurowissenschaften dem Gehirn gegenüber dem Bewusstsein Vorrang in der Frage verschafft, auf welchem Weg wir hauptsächlich zu einem Verständnis unserer selbst gelangen, indem sie aufzeigten, welche Bedeutung Gefühle und Physiologie für sämtliche Entscheidungsabläufe haben. Inzwischen sind neue Formen von Gewalt aufgetaucht, bei denen nichtstaatliche Gruppen Staaten angreifen oder Staaten ihre Konflikte untereinander mit nichtmilitärischen Mitteln (wie Cyberkrieg) austragen, sodass zwischen Polizeimaßnahme und militärischer Intervention schwerer zu unterscheiden ist. Die Schwemme von Digitaltechnik in der Gesellschaft hat die Unterscheidung erschwert, was zum Geist und was zum Körper gehört, was friedfertiger Dialog und was Konflikt ist. Im verschwimmenden Grenzbereich zwischen Geist und Körper, zwischen Krieg und Frieden stellen sich nervöse Zustände ein: Individuen und Regierungen leben in ständig erhöhter Alarmbereitschaft, in der sie sich immer stärker auf Gefühle als auf Fakten verlassen. Diese Gesamtverfassung zu kartieren und seine Ursprünge auszumachen ist das Anliegen dieses Buchs.
Wenn wir von Gefühlen reden, bezeichnen wir damit zweierlei Dinge: erstens körperliche Empfindungen wie Lust oder Schmerz, die entscheidend dabei mithelfen, dass wir uns in unserer Umwelt zurechtfinden. Unser Nervensystem empfängt aus der Außenwelt Sinnesreize, mit deren Hilfe wir unseren Körper und unsere instinktiven Bewegungen koordinieren. Die Brillanz unseres neurologischen Netzwerks liegt darin, dass es blitzschnell auf neue Informationen zu reagieren vermag, ob sie aus unserer physischen Umgebung oder aus unseren inneren Organen stammen. Unser Gehirn verarbeitet Sinneseindrücke in Höchstgeschwindigkeit und versetzt uns so unter anderem in die Lage, äußere Bedrohungen abzuwehren.1 Das Gehirn ist seinerseits ein komplexes Sinnesorgan, das mit der Zeit Eindrücke zu organisieren und aus ihnen Muster zu extrahieren lernt. Auch wenn einzelne Sinnesreize noch nicht als Wissen zählen, sind sie ein unverzichtbarer Lieferant von Daten, auf die wir uns fast ständig verlassen.
Zweitens gibt es Gefühle im emotionalen Sinn – als innere Erfahrungen, die wir beständig reflektieren und artikulieren können. Um sie zu benennen und auszudrücken, steht uns ein breit gefächertes Vokabular zur Verfügung. Wir teilen sie körperlich mit unserer Mimik und Körpersprache mit. Und sie verraten uns wichtige Dinge über unsere Beziehungen, Lebensstile, Wünsche und Identitäten. Gefühle dieser Art gelangen in unser Bewusstsein, sodass wir sie wirklich wahrnehmen, auch wenn wir sie nicht unter Kontrolle haben. Heute können sie anhand von Verhaltensdaten, die mit digitaler Technik erfasst werden, aufgezeichnet und algorithmisch analysiert („Sentimentanalyse“) werden. Und doch sind Gefühle dieser Art nicht überall willkommen. Im öffentlichen Leben beinhaltet der Vorwurf der „Emotionalität“ von jeher, dass jemand die Objektivität verloren habe und irrationalen Antrieben freien Lauf lasse.
Gefühle geben uns Orientierung, erinnern uns aber auch an das Mitmenschliche in uns. Unsere Fähigkeit, Liebe und Leid zu empfinden, spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie und warum wir füreinander Sorge tragen. Aber wie die geschilderten Massenpaniken am Oxford Circus und JFK-Flughafen zeigen, sind Überlebensinstinkte und Nerven nicht immer zuverlässige Ratgeber. Die Informationen, die uns Gefühle in der Hitze des Augenblicks liefern, stehen mitunter in starkem Kontrast zu den Fakten, die sich im Nachhinein herausstellen. Durch ihre entscheidende Qualität – ihre Unmittelbarkeit – können Gefühle auch täuschen, Überreaktionen provozieren und Ängste auslösen. Skrupellose Politiker und Geschäftsleute nutzen seit Langem Instinkte und Gefühle dazu aus, uns Dinge weiszumachen oder zu verkaufen, die wir bei sorgfältigerem Nachdenken nicht geglaubt oder erstanden hätten. Echtzeitmedien, verfügbar über Mobilfunktechnik, verschärfen insofern das Problem, als wir uns dem Strom der Bilder und Sinnesreize länger und länger aussetzen, sodass zum Nachdenken und zur nüchternen Analyse immer weniger Zeit bleibt.
Im 17. Jahrhundert präsentierten mehrere europäische Gelehrte Ideen und Vorschläge für Institutionen mit dem Ziel, den Einfluss von Gefühlen zu begrenzen, galten sie ihnen doch als trügerisch und womöglich sogar gefährlich. Der französische Philosoph René Descartes begegnete den äußeren Wahrnehmungen mit besonderem Misstrauen, im Gegensatz zu den rationalen Prinzipien, die zur Sphäre des Bewusstseins gehörten. Der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes sah es als die zentrale Aufgabe des Staats an, Gefühle wechselseitiger Angst auszumerzen, weil sie andernfalls zu Gewaltausbrüchen führten. In eben diesem Zeitalter stellten wegweisende Kreise aus Kaufleuten und Gentlemen strenge neue Regeln dazu auf, wie Äußerungen zu ihren Eindrücken aufgezeichnet und wiedergegeben werden sollten, um Übertreibungen und verzerrten Darstellungen vorzubeugen – mithilfe von Zahlen und öffentlich zugänglichen Protokollen. Zu den herausragenden Kennzeichen dieser „Experten“, wie sie später genannt wurden, zählte ihre Fähigkeit, das persönliche Empfinden von ihren Beobachtungen zu trennen.
In dieser Zeit entstanden die geistigen Bausteine der Moderne. Die gegenwärtigen Vorstellungen von Wahrheit, wissenschaftlicher Expertise, öffentlicher Verwaltung, experimenteller Beweisführung und Fortschritt sind allesamt ein Erbe des 17. Jahrhunderts. Den Verstand über die Gefühle zu setzen erwies sich als ein höchst fruchtbarer Schritt mit faktisch weltverändernden Auswirkungen. Und doch galt das Streben nicht nur dem Wissen, sondern auch dem Frieden. Bis auf den heutigen Tage beruht der Wert von Objektivität im öffentlichen Leben, der sich in Statistiken oder den Wirtschaftswissenschaften niederschlägt, zu einem Großteil darin, dass sie einen Grundkonsens zwischen Menschen bietet, die ohne sie wenig verbinden würde. Wie die deutsche Philosophin Hannah Arendt bemerkte, lassen sich die historischen Wurzeln der „merkwürdigen Leidenschaft“ des Abendlands für „Objektivität“ bis zu Homers Epen zurückverfolgen, die Kriegsgeschichten von der ganz ungewöhnlichen Warte des unbeteiligten Beobachters aus erzählen.2 Eine Gesellschaft, welche die Verbindlichkeit von Fakten anerkennt, muss zudem bestimmte Berufe und Institutionen einführen, die sich vom Gewühl der Politik, der Stimmungen oder Meinungen nicht beeinflussen lassen.
Dieses Buch erzählt die Geschichte, wie dieses Projekt aus dem 17. Jahrhundert – mit dem heute erkennbaren Ergebnis – auf Grund gelaufen ist. Experten und Fakten scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, Streitigkeiten in der Weise zu schlichten, wie es dereinst gelungen ist. Objektive Äußerungen zu Wirtschaft, Gesellschaft, Körper und Natur des Menschen lassen sich von Emotionen nicht mehr erfolgreich trennen. In 82 Prozent der Länder rund um den Globus spricht weniger als die Hälfte der Bevölkerung den Medien ihr Vertrauen aus. Dies trägt unmittelbar zum wachsenden Zynismus gegenüber Regierungen bei.3 Die öffentlichen Institutionen der Europäischen Union und von Washington, D. C., gelten als Zentren privilegierter Eliten, die eher sich selbst als der Öffentlichkeit dienen. Solche Einstellungen herrschen oft am stärksten gerade unter den Gemeinschaften vor, die von der Politik dieser Regierungen wirtschaftlich selbst profitieren.
Manche Gefühle sind politisch wirkmächtiger als andere. Sehnsüchte nach der Vergangenheit, Ressentiments, Zorn und Angst haben den Status quo erschüttert. Ein Symptom dafür sind populistische Aufwallungen, wie sie sich in den Wahlsiegen Donald Trumps, der Brexit-Kampagne und einer Woge des Nationalismus quer durch Europa manifestierten, deren Vertreter in der Kritik stehen, Expertenwissen zu verunglimpfen und Emotionen zu schüren. Aber sie sind Symptome, nicht die Ursachen des Problems. Führer und Kampagnen kommen und gehen, während die sie ermöglichenden Verhältnisse bestehen bleiben.
Als Reaktion können wir entweder den Aufgeregtheiten mehr Fakten entgegenhalten oder die zugrunde liegenden Antriebe diagnostizieren. Dieses Buch verfolgt den letztgenannten Weg in der Hoffnung, dass die Ideengeschichte dazu beitragen kann, unsere verwirrende Gegenwart besser zu verstehen. Die dabei genannten Fakten und Zahlen dienen nur als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit historischen Umbrüchen und deren Deutung, haben aber nie das letzte Wort. Meine Argumentation beinhaltet zwei Teile. Der erste untersucht, wie das Ideal des Expertenwissens im 17. Jahrhundert aufgekommen ist und warum es – insbesondere seit den 1990er-Jahren – an Glaubwürdigkeit verloren hat. Allem voran die wachsende Ungleichheit in der westlichen Welt sorgt dafür, dass von Experten und Technokraten veröffentlichte Fakten die gelebte Realität zahlreicher Menschen schlicht nicht mehr widerspiegeln. Objektive Fortschrittsindikatoren wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) übertünchen tiefe Risse innerhalb der Gesellschaft. Entscheidend dabei: Sie sind nicht rein wirtschaftlicher Art, sondern weisen inzwischen auch eine physische und existenzielle Dimension auf. Als prägende Erfahrung der Menschen driften die Verhältnisse bei der Gesundheit, den Lebenserwartungen und mit Blick auf körperliches und seelisches Leid immer weiter auseinander. Wenn der Körper schneller altert und häufiger leidet, wächst Pessimismus am stärksten heran.
Man könnte es dabei belassen und schlicht den Niedergang der modernen Vernunft beklagen, als hätten Emotionen wie barbarische Horden die Zitadelle der Wahrheit erstürmt. Wie es die erbittertsten Verfechter der wissenschaftlichen Rationalität sehen, soll fremden Mächten – Lügnern, Demagogen, der Troll-Armee des Kreml oder den ungebildeten Massen – ein Übermaß an Einfluss zugestanden worden sein, weshalb sie wieder vollständig aus der Politik verdrängt werden müssten. Diese Reaktion blendet eine historische Entwicklung nach der Aufklärung aus, die für die Gestaltung der Welt nicht minder bedeutsam ist und im zweiten Teil dieses Buchs ausgelotet wird: Der Antrieb, Emotionen und Instinkte für politische Zwecke einzuspannen, hat ebenfalls eine lange Geschichte. Auch aus ihm gingen Zentren elitärer Kontrolle hervor, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass er eher im Dienst des Krieges als in dem des Friedens operiert. In der Blütezeit der Aufklärung, als die Vernunft endgültig zu triumphieren schien, zeigte die Französische Revolution, welch gewaltige Kraft Stimmungslagen im Volk entfesseln können. Die Fähigkeit, die einfachen Volksmassen zu mobilisieren, war eine Offenbarung, die Napoleon bald für seine Zwecke nutzen sollte.
Die moderne Kriegsführung schafft eine ungesunde Atmosphäre aus Emotionen, Informationen, Desinformation, Täuschung und Geheimhaltung. Sie mobilisiert auf innovative Weise Infrastrukturen, Zivilbevölkerungen, Industrien und Geheimdienste. Die wachsende Bedeutung des Luftkriegs verschärfte das Problem, wie sich die Moral der Zivilbevölkerung aufrechterhalten lässt und wie Entscheidungen in Echtzeit getroffen werden können. Neue Techniken entstanden, um öffentliche Stimmungen zu beherrschen und aufkommende Bedrohungen vorwegzunehmen. Die einhergehenden Ängste führten zur Entwicklung des Digitalrechners und später des Internets. Der Krieg weist dem Gefühl in beiderlei Wortsinn strategische Bedeutung zu: Die richtigen Stimmungen müssen geschaffen und feindliche Bewegungen und Pläne so schnell wie möglich durchschaut werden. Informationen werden ebenso sehr wegen der Geschwindigkeit ihrer Übertragung wie wegen ihrer öffentlichen Glaubwürdigkeit geschätzt. Diese ganz neue Art des Umgangs mit der Frage nach der Wahrheit läuft dem wissenschaftlichen Ideal von Verstand und Expertise häufig gänzlich zuwider.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts versuchten Nationalisten, die Volksmassen dadurch zu mobilisieren, dass sie Erinnerungen an vergangene und Begeisterung für künftige Kriege beschworen. Aber in jüngerer Zeit stellte sich eine weitere Entwicklung ein, die den Kriegsgeist und eine zunehmende Aggressivität geräuschlos ins zivile Leben einziehen ließ. Die Betonung des „Echtzeit“-Wissens, ursprünglich im Krieg privilegiert, verbreitete sich als Markenzeichen in der Geschäftswelt, insbesondere im Silicon Valley. Die Geschwindigkeit, mit der Erkenntnisse erworben und Entscheidungen getroffen werden, rückt ins Zentrum und schiebt den Konsens beiseite. Anstatt auf Fachleute zu vertrauen, weil sie einen neutralen Standpunkt über dem Schlachtengetümmel einnehmen, verlassen wir uns inzwischen auf Dienste, die schnelle Ergebnisse abwerfen, aber deren öffentlicher Status unklar ist. So stellte eine Umfrage von 2017 beispielsweise fest, dass Menschen eher Suchmaschinen als Redakteuren vertrauen.4
Nach dem Versprechen, das erstmals im 17. Jahrhundert abgelegt wurde, versorgt uns Expertise mit einer Darstellung der Realität, auf die wir uns alle verständigen können. Dagegen verspricht die digitale Datenverarbeitung, das Gespür für eine Umwelt im Wandel zu maximieren. Der Zeitfaktor wird zum alles entscheidenden Kriterium. Experten erstellen Fakten; Google, Twitter und Facebook bieten Trends. Wenn der objektive Blick auf die Welt schwindet, ersetzen ihn Eingebungen, in welche Richtung sich die Dinge gerade entwickeln. Dieser nervöse Zustand hält mehr emotionale Reize und Empfänglichkeit bereit, wirkt deswegen aber auch in ruhigen Situationen verunsichernd und störend. Unter Umständen löst er sogar aus dem Nichts heraus Konflikte aus und stiftet Aufruhr. Inzwischen stellt sich in unseren Hinterköpfen ständig die Frage, wer wohl diese oder jene Stimmung schürt und warum.
Die größte von dieser Situation ausgehende Gefahr hat bereits Hobbes im 17. Jahrhundert ausgemacht. Wenn Menschen sich unsicher fühlen, spielt es keine Rolle, ob objektiv Sicherheit herrscht oder nicht: Am Ende nehmen sie die Dinge in die eigene Hand. Den Menschen zu sagen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, hilft nur begrenzt, wenn sie sich bedroht fühlen. Deswegen müssen wir Gefühle politisch ernst nehmen, anstatt sie als irrational abzutun. Gefühle haben die individuelle und die kollektive Welt erobert. Wir müssen nicht die Sprache des „Kulturkampfs“ sprechen oder eine aggressive Rhetorik wählen, um anzuerkennen, dass zunehmend quasimilitaristische Begriffe die Politik und ihre Ansätze bestimmen. Die politische Aufgabe besteht darin, uns auf einem Weg voranzutasten, der zu weniger paranoiden Mitteln im Umgang miteinander führt.
Populismus ist eine Bedrohung, bietet aber auch Chancen. Welcher Art? Wie meine Untersuchung zeigen wird, entspringen viele Kräfte, die heutige Demokratien verändern, aus Regungen der menschlichen Natur, die jenseits von Fakten tief in unserer Psyche und unserem Körper verankert sind: körperliche Leiden, Zukunftsängste, ein Gefühl für die eigene Sterblichkeit sowie das Bedürfnis nach Fürsorge und Schutz. Diese menschlichen Züge mögen etwas düster, ja, erschreckend anmuten, sind uns aber dennoch allen gemein. Wenn es schwieriger wird, über Fakten und Aussagen von Experten breiten Konsens zu erzielen, müssen wir tiefer in unserer Gefühlswelt und Psyche graben, um auf eine gemeinsame Welt zu stoßen. Wenn diejenigen, die dem Frieden verpflichtet sind, sich diesem Graben verweigern, springen die anderen, die auf Krieg aus sind, mit Begeisterung ein.
Demokratien ändern sich durch die Kraft der Gefühle in Richtungen, die weder ignoriert noch umgekehrt werden können. Dies ist heute Realität. Wir können Geschichte weder rückgängig machen noch sie ignorieren. Wir müssen die gegenwärtige Ära mit besonderer Urteilskraft und Sorgfalt durchschreiten. Anstatt den Einfluss der Gefühle in der heutigen Gesellschaft zu geißeln, tun wir besser daran, zuzuhören und aus diesen Empfindungen zu lernen. Anstatt zu beklagen, dass sich in der Politik Emotionen breitmachen, müssen wir die Fähigkeit von Demokratie wertschätzen, Ängsten, Kummer und Besorgnissen eine Stimme zu geben, die sonst in weitaus destruktivere Bahnen gerieten. Wenn wir durch die neuen nervösen Zeiten navigieren und jenseits von ihnen etwas Stabileres wiederentdecken wollen, müssen wir sie vor allem verstehen.

William Davies

Über William Davies

Biografie

Dr. William Davies lehrt am Goldsmiths College der University of London politische Wirtschaftswissenschaften. Seinen Forschungsschwerpunkt bildet die Ideengeschichte, vor allem im Bereich der Ökonomie, und die Frage, wie wir mit ihrer Hilfe die Gegenwart besser verstehen können. Er schreibt...

Pressestimmen
Hannoversche Allgemeine

„(…) ein erhellendes Buch (…).“

Psychologie bringt dich weiter

„Ein kluger Blick auf die (Philosophie-)Geschichte mit schlauen Ideen für Gegenwart und Zukunft.“

Inhaltsangabe

Einführung

Teil eins: Der Niedergang der Vernunft

1. Demokratie der Gefühle

2. Wissen für den Frieden

3. Fragwürdiger Fortschritt

4. Der politische Körper

Teil zwei: Der Siegeszug der Gefühle

5. Wissen für den Krieg

6. Ratespiele

7. Krieg der Worte

8. Zwischen Krieg und Frieden

Danksagung

Anmerkungen

Register

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