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NebelsturmNebelsturm

Nebelsturm

Kriminalroman

Taschenbuch
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Nebelsturm — Inhalt

Ein dunkler, rauer Winter auf der schwedischen Insel Öland. Auf dem verlassenen Anwesen Åludden, einem mystischen, beladenen Ort, zieht die junge Familie Westin ein. Die tragische Nachricht vom Ertrinken der Tochter Livia scheint die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen.

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 01.02.2011
Übersetzer: Kerstin Schöps
464 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-26367-2
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 04.10.2010
Übersetzer: Kerstin Schöps
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95085-5

Leseprobe zu »Nebelsturm«

WINTER 1846


Mein Buch, liebe Katrine, beginnt in jenem Jahr, in dem Hof Åludden
erbaut wurde. Für mich ist dieser Hof immer mehr gewesen als nur das
Haus, in dem ich mit meiner Mutter gelebt habe. Es war der Ort, an
dem ich erwachsen wurde.
Der Aalfischer Ragnar Davidsson erzählte mir damals, dass die
Gebäude zu großen Teilen aus der Ladung eines Schiffswracks, eines
deutschen Holztransporters, errichtet wurden. Ich glaube ihm das. Auf
einem Dachbalken an der Stirnseite der Scheune sind die Worte IN GEDENKEN
AN CHRISTIAN LUDWIG eingeritzt.
Ich habe die Toten in [...]

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WINTER 1846


Mein Buch, liebe Katrine, beginnt in jenem Jahr, in dem Hof Åludden
erbaut wurde. Für mich ist dieser Hof immer mehr gewesen als nur das
Haus, in dem ich mit meiner Mutter gelebt habe. Es war der Ort, an
dem ich erwachsen wurde.
Der Aalfischer Ragnar Davidsson erzählte mir damals, dass die
Gebäude zu großen Teilen aus der Ladung eines Schiffswracks, eines
deutschen Holztransporters, errichtet wurden. Ich glaube ihm das. Auf
einem Dachbalken an der Stirnseite der Scheune sind die Worte IN GEDENKEN
AN CHRISTIAN LUDWIG eingeritzt.
Ich habe die Toten in den Wänden flüstern hören. Sie haben so viel
zu erzählen.


Valter Brommesson sitzt in einem kleinen Steinhaus auf Åludden
und betet mit gefalteten Händen. Er betet, dass der Wind
und die Wellen, die in dieser Nacht über die Küste fegen, seine
Leuchttürme nicht zerstören mögen.
Er kennt sich mit schlechtem Wetter aus, aber so einen Sturm
hat er noch nie erlebt. Eine weiße Wand aus Schnee und Eis
treibt aus Nordost heran, und alle Bauarbeiten mussten eingestellt
werden.
Die Türme, Herr, lass sie uns bitte fertigstellen …
Brommesson ist Leuchtturmbauer, aber für ihn ist es das
erste Mal, dass er einen Linsenleuchtturm an der Ostsee errichtet.
Er war im März auf Öland angekommen und hatte sich
sofort an die Arbeit gemacht: eine Mannschaft zusammenge-
stellt, Ton und Kalkstein bestellt und starke Zugpferde angemietet.
Den frischen Frühling, den warmen Sommer und den son -
nigen Herbst an der Küste hatte er genossen. Die Arbeit ging
zügig voran, und die beiden Leuchttürme wuchsen in den
Himmel.
Doch dann verschwand die Sonne, es wurde Winter, und
mit den sinkenden Temperaturen begannen die Leute von dem
großen Sturm zu sprechen. Und dann kam er, der Nebelsturm.
Eines späten Abends warf er sich wie ein Raubtier über die
Küste.


Erst in den Morgenstunden flaut der Wind endlich ab.
Da sind plötzlich Schreie vom Meer her zu hören. Sie kommen
aus der Dunkelheit vor Åludden – endlose, markerschütternde
Schreie in einer fremden Sprache.
Die Schreie schrecken Brommesson aus dem Schlaf. Sofort
weckt er die erschöpften Bauarbeiter.
»Da ist ein Schiff gestrandet«, ruft er ihnen zu. »Wir müssen
runter ans Wasser.«
Die Männer sind schlaftrunken und unwillig, aber er treibt
sie an, hinaus in den Schnee.
Mit gebeugten Rücken stemmen sie sich gegen den eiskalten
Wind und stapfen hinunter an den Strand. Mit einem Blick zur
Seite sieht Brommesson, dass die beiden halb fertigen Steintürme
unbeschädigt am Wasser stehen.
In die andere Richtung, nach Westen, ist nichts zu erkennen.
Die flache Landschaft der Insel ist zu einer hügeligen Schneewüste
geworden.
Die Arbeiter stehen am Strand und starren auf das Meer.
Aber sie können in den dunklen Schatten auf Höhe der
Sandbank nichts erkennen. In das Brausen der Wellen mischen
sich noch immer schwächer werdende Schreie – und das knirschende
Geräusch herausspringender Nägel und zerberstender
Planken.
Ein großes Schiff scheint auf der Sandbank auf Grund gelaufen
zu sein und zu sinken.
Die Arbeiter können nur dastehen und den Geräuschen und
Hilferufen lauschen. Dreimal versuchen sie, eines ihrer Boote zu
Wasser zu lassen, es gelingt ihnen jedoch nicht. Die Sicht ist zu
schlecht und die Brandung zu hoch, zudem treiben zahllose
massive Holzbretter im Wasser.
Das gestrandete Schiff muss eine enorm große Ladung Holz
an Deck gehabt haben. Als es zu sinken begann, haben die Wellen
die Bretter losgerissen und ins Meer gespült. Sie sind so lang
wie Stoßbalken und treiben wie riesige Flöße an Land. In den
Buchten an der Landzunge von Åludden drängen sich die Bretter,
stoßen und reiben aneinander.
Bei Sonnenaufgang, der sich hinter einer grauen Wolken -
decke versteckt, entdecken sie die erste Leiche. Nur etwa zehn
Meter vom Ufer entfernt treibt ein junger Mann in den Wellen.
Seine Arme sind weit ausgestreckt, so als habe er in einem letzten
verzweifelten Versuch nach einem der Balken gegriffen.
Zwei der Arbeiter staken hinaus ins seichte Wasser, packen
seine grobe Wolljacke und ziehen den leblosen Körper über den
sandigen Untergrund an Land.
Sie wollen ihn an den Handgelenken fassen, aber der Tote ist
groß und breitschultrig und schwer zu tragen. Gemeinsam zerren
sie ihn an den schneebedeckten Strand.
Die Bauarbeiter versammeln sich schweigend um den Toten,
ohne ihn zu berühren.
Schließlich überwindet sich Brommesson und dreht den
Leichnam auf den Rücken.
Der Ertrunkene ist ein Seemann mit dichtem schwarzen Haar.
Seine vollen Lippen sind leicht geöffnet, als hätte er mitten in
einem Atemzug aufgegeben. Seine Augen blicken starr in den
grauen Himmel.
Der Leuchtturmbauer schätzt das Alter des Seemannes auf
etwa zwanzig. Hoffentlich war er Junggeselle, aber möglicherweise
auch schon Familienvater. Er ist mit seinem Schiff vor
einer fremden Insel gesunken, deren Namen er wahrscheinlich
nicht einmal gekannt hat.
»Wir müssen nachher den Pfarrer rufen«, sagte Brommesson
und schließt die Augen des Toten, um seinem leeren Blick zu
entkommen.
Drei Stunden später sind fünfweitere Seemänner ansUfer von
Åludden gespült worden. Auch ein zerbrochenes Namensschild
des Schiffes treibt an Land: CHRISTIAN LUDWIG – HAMBURG.
Und Holzbretter, massenhaft Holz.
Schiffstrümmer sind wie ein Geschenk. Sie gehören nun der
schwedischen Krone, die auch für den Unterhalt der Leuchttürme
auf Åludden zuständig ist. Die Leuchtturmbauer sind unerwartet
an schön gewachsenes Kiefernholz im Wert von vielen
Hundert Reichstalern gekommen.
»Alle müssen mithelfen, wenn wir die Trümmer bergen«, befiehlt
Brommesson. »Wir stapeln das Holz weiter oben an Land,
sodass die Wellen es nicht erreichen können.«
Sein Blick wandert zu dem schneebedeckten Hang. Der Holzmangel
auf der Insel ist groß, deshalb sollten sie für die Leuchtturmwärter
und deren Familien einen kleinen Hof aus Stein errichten.
Doch jetzt würden sie ein viel größeres Haus aus dem
angeschwemmten Holz bauen können.
Vor seinem inneren Auge entwirft Brommesson bereits einen
mächtigen geschlossenen Hof mit einem großen Wohngebäude
voll von Zimmern und Sälen. Ein sicheres Heim für die Wärter
seiner Leuchttürme hier am Ende der Welt.
Aber der Hof wird aus Schiffstrümmern gebaut sein, das kann
großes Unheil bedeuten. Eigentlich müssten sie ein Bauopfer
darbringen, um dem entgegenzuwirken. Vielleicht sollten sie sogar
einen eigenen Andachtsraum bauen, einen Ort des Gedenkens
an die Toten vor Åludden, an die armen Seelen, die nicht in
geweihter Erde begraben werden konnten.
Die Option auf ein größeres Haus arbeitet in Brommesson
weiter. Und am Ende desselben Tages schreitet er das Grundstück
ab und vermisst es mit großen Schritten.
Nachdem der Sturm verebbt ist, beginnen die durchgefrorenen
Leuchtturmbauer damit, die Holzbretter aus dem Wasser zu
bergen und an Land zu stapeln. Viele von ihnen meinen, die
Schreie der ertrinkenden Seeleute als Echo hören zu können.


Ich bin mir sicher, dass die Leuchtturmbauer diese Schreie nie vergessen
haben. Und ich bin auch davon überzeugt, dass die Abergläubischen im
Ort Brommessons Entschluss, aus den Trümmern eines Wracks Wohngebäude
zu errichten, infrage gestellt haben.
Ein Hof, der aus Schiffstrümmern erbaut wurde, an die sich verzweifelte
Seeleute geklammert haben, ehe sie vom Meer verschlungen wurden
– hätten meine Mutter und ich es nicht besser wissen müssen, als
wir Ende der Fünfzigerjahre dorthin zogen? Musstest du wirklich unbedingt
fünfunddreißig Jahre später mit deiner Familie an denselben Ort
ziehen, Katrine?

 

Mirja Rambe

 

VERÄNDERN SIE IHR LEBEN –

ZIEHEN SIE AUFS LAND


Objekt: Hof Åludden, im Nordosten von Öland


Beschreibung des Objekts: Prachtvoller Hof des Leuchtturmwärters,
Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut, in einsamer und ruhiger Lage
mit wunderbarer Aussicht auf die Ostsee. Weniger als dreihundert
Meter bis zum Strand, und nur der Himmel ist der nächste Nachbar.
Großes angrenzendes Gartengrundstück oberhalb des Strandes
mit glatter Rasenfläche – perfekt für spielende Kinder. Umgeben von
einem ausgedehntenMischwald imNorden, einem Vogelschutzgebiet
imWesten (Opfermoor) sowie Strandwiesen und Ackerland imSüden.


Gebäude: Schönes, zweistöckiges Hauptgebäude (kein Keller) mit
insgesamt 280 m2 Wohnfläche, renovierungs- und modernisierungsbedürftig.
Die tragenden Teile, das Dach und die Fassade sind aus
Holz, auf dem Dach liegen Ziegel. Nach Osten zeigt eine verglaste
Veranda mit Tür zum Innenhof. Das Haus verfügt über fünf intakte
Kachelöfen, in allen Räumen sind Kieferndielen verlegt. Wasser liefert
das kommunale Wasserwerk, die Abwasserentsorgung trägt der
Hausbesitzer.
Das einstöckige Flügelgebäude (Waschhaus aus Kalkstein) misst
80m2, verfügt über fließendes Wasser und Strom und eignet sich –
nach geringfügiger Renovierung – hervorragend geeignet zur Untervermietung.
Das schlichte Wirtschaftsgebäude (Scheune aus Kalkstein und
Holz) umfasst 450 m2 und befindet sich in einem schlechten Zustand.


Status: VERKAUFT.

OKTOBER


1


Eine helle Stimme erklang in der Dunkelheit. Sie drang durch
alle Räume.
»Ma-ma?«
Er zuckte zusammen. Der Schlaf war eine Höhle mit selt -
samen Stimmen und Echos gewesen, warm und dunkel, und es
war schmerzhaft, ihm so plötzlich entrissen zu werden. Das Bewusstsein
hatte im ersten Augenblick keine Worte für das Sein,
kannte keinen Ort; es bestand nur aus verwirrten Erinnerungen
und Gedanken. Ethel? Nein, nicht Ethel, aber … Katrine, Katrine.
Seine Augen blinzelten nervös und suchten nach Licht im Dunkel
der Nacht.
Wenige Sekunden später wusste er wieder, wer und wo er war:
Er hieß Joakim Westin. Und er lag in einem Doppelbett auf Hof
Åludden im Norden von Öland.
Und er war zu Hause. Seit gut einem Tag wohnte er hier. Seine
Frau Katrine und ihre beiden Kinder hatten bereits die vergan -
genen zwei Monate auf dem Hof verbracht und er hatte sie am
Wochenende besucht. Aber vorgestern war er mit den letzten
Umzugswagen eingetroffen, um für immer zu bleiben.
01:23. Die roten Ziffern des Radioweckers waren die einzige
Lichtquelle in dem fensterlosen Raum.
Das Geräusch, von dem Joakim geweckt worden war, war
nicht mehr zu hören, aber er wusste, dass er sich nicht getäuscht
hatte. Er hatte ein gedämpftes Weinen aus einem anderen Teil
des Hauses gehört, von jemandem, der unruhig schlief.
Ein regungsloser Körper lag neben ihm im Doppelbett. Katrine
schlief tief und fest, sie war an den Rand des Bettes gewandert
und hatte ihre Decke mitgezogen. Sie lag mit dem Rücken
zu ihm, aber er konnte schemenhaft die weichen Konturen ihres
Körpers wahrnehmen und spürte ihre Wärme. Sie hatte die vergangenen
Monate allein in diesem Zimmer geschlafen, Joakim
hatte in Stockholm bleiben und arbeiten müssen und war nur
jedes zweite Wochenende nach Öland gekommen. Das hatte
ihnen beiden nicht besonders gut gefallen.
Er streckte seine Hand nach Katrines Rücken aus, doch da
hörte er die Stimme erneut.
»Mam-maaa?«
Jetzt erkannte er Livias helle Stimme. Er zog die Bettdecke beiseite
und stand auf.
Der Kachelofen in der Ecke des Zimmers strahlte auch jetzt
noch eine behagliche Wärme ab, aber der Holzfußboden war eiskalt.
Sie müssten auch hier den Boden neu verlegen und isolieren,
so wie sie es bereits in der Küche und in den Kinderzimmern
getan hatten. Aber dieses Projekt würde bis nach Neujahr warten
müssen. Bis dahin würden sie sich einfach ein paar Teppiche
besorgen. Und Holz. Sie benötigten günstiges Holz für die vielen
Kamine, denn auf ihrem Anwesen gab es keinen Wald, in dem
sie welches hätten schlagen können.
Katrine und er würden noch einiges für das Haus besorgen
müssen, ehe die richtige Kälte hereinbrach – morgen mussten
sie als Erstes eine Liste anfertigen.
Joakim hielt den Atem an und lauschte. Kein Laut war mehr
zu hören.
Der Morgenmantel hing über einem Stuhl, er zog ihn sich
langsam über den Schlafanzug, stieg über zwei Umzugskartons
und ging hinaus in den Gang.
Beinahe wäre er in die falsche Richtung gelaufen. In ihrem alten
Haus in Stockholm war es rechts zu den Kinderzimmern gegangen,
hier musste er nach links.
Das Elternschlafzimmer war in einer der kleineren Kammern
in dem großen Labyrinthsystem des Hofes untergebracht. Der
Gang, wo sich mehrere Umzugskartons an der Wand entlang stapelten,
führte in eine große Diele mit vielen Fenstern. Sie gingen
auf den kopfsteingepflasterten Innenhof, der von zwei Seitenflügeln
flankiert wurde.
Hof Åludden öffnete sich zum Meer und nicht zum Landes -
inneren. Joakim stellte sich an ein Fenster und betrachtete die
Küstenlinie hinter dem Zaun.
Ein rotes Licht blinkte unten am Wasser. Es gehörte zu den beiden
Leuchttürmen, die auf kleinen, aufgeschütteten Inseln im
Wasser standen. Das Licht des südlichen Leuchtturms strahlte
über Tanghaufen am Strand bis weit hinaus in die Ostsee, der
nördliche Leuchtturm hingegen war dunkel. Katrine hatte ihm
erzählt, dass er nie leuchtete.
Er hörte den Wind um das Haus sausen und sah, wie sich unruhige
Schatten am Fuß der Leuchttürme bewegten. Wellen. Er
musste sofort an Ethel denken, obgleich die Kälte sie umgebracht
hatte und nicht die Wellen.
Das war erst zehn Monate her.
Zaghafte Laute hatten sich im Dunkeln wieder gemeldet, aber
jetzt waren sie nicht mehr wimmernd. Es klang vielmehr, als
würde Livia leise Selbstgespräche führen.
Joakim ging den Gang zurück und betrat leise Livias Zimmer,
das nur ein Fenster besaß und in dem es pechschwarz war. Eine
grüne Jalousie mit fünf rosa Schweinchen, die im Kreis tanzten,
hing vor dem Fenster.
»Weg …«, sagte eine helle Mädchenstimme in der Dunkelheit.
»Weg.«
Joakim stieß mit dem Fuß gegen ein weiches Stofftier und hob
es auf.
»Mama?«
»Nein«, antwortete er. »Es ist der Papa.«
Er hörte die leisen Atemzüge in der Dunkelheit und erahnte
schemenhaft die schläfrigen Bewegungen des kleinen Körpers
unter der geblümten Decke. Er beugte sich über das Bett.
»Schläfst du?«
»Was?«
Livia hob den Kopf.
Joakim legte das Stofftier auf ihr Kopfkissen.
»Foreman ist auf den Boden gefallen.«
»Hat er sich wehgetan?«
»Nein … ich glaube, er ist noch nicht einmal aufgewacht.«
Sie legte ihren Arm um ihren kleinen Liebling, ein zweibeiniges
Stofftier mit Schafskopf, das sie letzten Sommer zusammen
auf Gotland gekauft hatten. Die eine Hälfte war ein Schaf, die
andere menschenähnlich. Joakim hatte diese merkwürdige Figur
Foreman getauft, nach dem Boxer, der vor einigen Jahren im
Alter von fünfundvierzig sein Comeback gefeiert hatte.
Er streichelte Livia zaghaft über die Stirn. Ihre Haut war kühl.
Sie entspannte sich und kuschelte sich ins Kissen, um einen Augenblick
später zu ihm hochzuschauen.
»Bist du schon lange hier, Papa?«
»Nein«, erwiderte Joakim.
»Es war jemand da«, sagte sie.
»Das hast du geträumt.«
Livia nickte und schloss die Augen. Sie befand sich bereits wieder
auf dem Weg in den Schlaf.
Joakim richtete sich auf, wandte den Kopf und sah den schwachen
Lichtschein des Leuchtturms durch die Jalousie dringen.
Vorsichtig hob er die eine Ecke der Jalousie wenige Zentimeter
hoch. Das Fenster zeigte nach Westen, und von hier konnte man
den Leuchtturm gar nicht sehen. Aber sein rotes Licht schien
über die leeren Felder hinter dem Hof.
Livias Atemzüge waren wieder gleichmäßig, sie schlief tief
und fest. Morgen früh würde sie sich gar nicht erinnern können,
dass er in ihrem Zimmer gewesen war.
Er warf noch einen Blick in das andere Kinderzimmer. Dieses
warzuletztrenoviertworden,Katrine hatte es tapeziertundmöbliert,
während Joakim sich in Stockholm um die Endreinigung
des alten Hauses und dieUmzugsformalitäten gekümmert hatte.
Dort war es ganz still. Gabriel, zweieinhalb Jahre alt, lag wie
ein regungsloses Bündel in seinem kleinen Gitterbett. Seit einem
Jahr legte er sich jeden Abend um acht Uhr ins Bett und schlief
fast zehn Stunden am Stück. Der Traum aller Kleinkind eltern.
Joakim drehte sich um und lief den Gang hinunter. Das Haus
knackte und knarrte, es klang fast wie Schritte.
Katrine schlief ebenfalls tief und fest, als er zurück ins Bett
kletterte.
Am Vormittag desselben Tages hatte die Familie Besuch von
einem freundlich lächelnden Mann um die fünfzig bekommen.
Er hatte an der Küchentür an der nördlichen Stirnseite geklopft,
und Joakim hatte in Erwartung eines Nachbarn gleich geöffnet.
»Hallo, ich bin Bengt Nyberg von der Ölands-Posten«, stellte er
sich vor.
Nyberg stand auf der Treppe, vor seinem dicken Bauch baumelte
eine Kamera, und er hielt seinen Notizblock gezückt. Etwas
zögerlich schüttelte Joakim dem Journalisten die Hand.
»Ich habe von großen Möbeltransporten gehört, die in den
letzten Wochen nach Åludden gefahren sind«, begann Nyberg,
»deshalb hatte ich gehofft, Sie zu Hause anzutreffen.«
»Ich bin gerade eingezogen, der Rest der Familie lebt hier
schon eine Weile«, antwortete Joakim.
»Sind Sie in Etappen hierhergezogen?«
»Ich bin Lehrer«, erklärte Joakim. »Ich war gezwungen, noch
zu arbeiten.«
Der Reporter nickte.
»Darüber müssen wir natürlich berichten«, sagte er, »das verstehen
Sie sicher. Im Frühling hatten wir eine kurze Notiz veröffentlicht,
dass Åludden verkauft worden ist, und jetzt wollen die
Leute selbstredend wissen, wer die Käufer sind …«
»Wir sind eine ganz normale Familie«, unterbrach ihn Joakim.
»Schreiben Sie das.«
»Wo kommen Sie denn her?«
»Aus Stockholm.«
»Ah, wie die königliche Familie«, sagte Nyberg. Er sah Joakim
fest in die Augen. »Werden Sie dann auch wie die Königin nur im
Sommer hier wohnen, wenn es warm und sonnig ist?«
»Nein, wir bleiben das ganze Jahr über hier.«
Katrine war dazugekommen und hatte sich neben ihren
Mann gestellt. Joakim warf ihr einen kurzen Blick zu, sie nickte,
und daraufhin baten sie den Reporter ins Haus. Nyberg schritt
bedächtig über die Türschwelle.
Sie entschieden, sich in die neu eingerichtete Küche zu setzen,
deren Fußboden fertig geschliffen worden war.
Als der Boden im August gemacht wurde, hatten Katrine und
der öländische Bodenleger etwas Interessantes entdeckt: ein
kleines Versteck unter den Dielenbrettern, in dem ein Kästchen
aus Kalkstein lag. Darin befanden sich ein silberner Löffel und
ein vermoderter Kinderschuh. Ein Bauopfer, hatte ihr der Handwerker
erklärt. Das Opfer sollte dafür sorgen, dass die Bewohner
des Hofes mit reichem Kindersegen beschert wurden und niemals
Hunger leiden mussten.
Joakim kochte Kaffee, während es sich Nyberg am langen
Eichentisch gemütlich machte. Dann klappte er sein Notizheft auf.
»Wie fing das denn alles an?«
»Na ja, … wir mögen Holzhäuser«, begann Joakim zögerlich.
»Wir lieben sie«, ergänzte Katrine.
»Aber es muss doch ein gewaltiger Schritt gewesen sein, Hof
Åludden zu kaufen und aus Stockholm hierherzuziehen?«
»Das war kein gewaltiger Schritt für uns«, sagte Katrine. »Wir
hatten ein Haus in Bromma, wollten aber unbedingt hierherziehen.
Wir haben schon letztes Jahr mit der Suche angefangen.«
»Und warum ausgerechnet Öland?«, fragte Nyberg.
Dieses Mal ergriff Joakim das Wort:
»Katrine hat öländische Wurzeln … ihre Familie hat hier gelebt.«
Katrine warf ihm einen kurzen Blick zu, und er wusste genau,
was sie dachte. Wenn jemand von ihrer Vergangenheit er-
zählen sollte, dann würde sie das selbst sein. Und sie wollte das
nur selten.
»Aha, und wo?«
»An mehreren Orten«, antwortete sie, ohne Nyberg anzusehen.
»Sie sind häufig umgezogen.«
Joakim hätte noch hinzufügen können, dass seine Frau die
Tochter von Mirja und die Enkeltochter von Torun Rambe war –
das hätte Nyberg garantiert dazu veranlasst, einen wesentlich
längeren Artikel zu verfassen –, aber er schwieg. Katrine und ihre
Mutter hatten kaum noch Kontakt miteinander.
»Ich bin ein richtiges Stadtkind«, erzählte er stattdessen. »Aufgewachsen
bin ich in einem achtstöckigen Mietshaus in Jakobsberg,
furchtbar öde, viel Verkehr und viel Asphalt. Mich hat es
immer aufs Land gezogen.«
Livia hatte zu Beginn des Interviews still auf Joakims Schoß
gesessen, war aber bald von der Unterhaltung gelangweilt und
lief in ihr Zimmer. Gabriel, der bei Katrine gesessen hatte, folgte
ihr.
Joakim lauschte den kleinen Plastiksandalen, die mit großem
Eifer über den Flur platschten, und trug dann dieselben Sätze
vor, die er auch seinen Freunden in Stockholm gegenüber in den
letzten Monaten unermüdlich aufgesagt hatte.
»Wir wissen genau, dass der Ort vor allem für Kinder groß -
artig ist. Wiesen und Wälder, saubere Luft und frisches Wasser.
Keine Erkältungen mehr. Keine Autos, die im Leerlauf stehen
und alles verpesten … Das ist ein wunderbarer Ort für uns alle.«
Nyberg trug diese Weisheit sorgfältig in sein Notizheft ein.
Dann machten sie eine Hausbesichtigung und sahen sich im
Erdgeschoss sowohl die renovierten Zimmer an als auch die vielen
anderen, in denen die Tapeten von den Wänden blätterten,
die Zimmerdecken repariert werden mussten und die Fußböden
verdreckt waren.
»Die Kachelöfen sind phantastisch«, sagte Joakim und zeigte
auf einen. »Und der Dielenfußboden ist in einem hervorragenden
Zustand … Wir müssen eigentlich nur ab und zu scheuern.«
Seine Begeisterung schien allmählich anzustecken, denn nach
nicht allzu langer Zeit hatte Nyberg aufgehört, Interviewfragen
zu stellen, und begonnen, sich neugierig umzusehen. Er bestand
darauf, auch den Rest des Anwesens zu besichtigen, obwohl Joakim
am liebsten nicht daran erinnert werden wollte, was noch
alles zu tun war.
»Eigentlich gibt es nicht viel mehr zu sehen«, versuchte er es
abzuwenden. »Nur einen Haufen leerer Zimmer.«
»Könnten wir nur einen kurzen Blick hineinwerfen?«, bat Nyberg.
Schließlich gab Joakim nach und öffnete die Tür, die hinauf
ins Obergeschoss führte.
Katrine und der Reporter folgten ihm die gewundene Treppe
hinauf und standen dann im oberen Korridor. Dort war es um
einiges schummeriger, obwohl auch hier eine ganze Reihe von
Fenstern auf das Meer hinausging. Die Scheiben jedoch waren
mit Holzplatten abgedichtet, die nur schmale Streifen Tageslicht
hindurchließen.
Das Heulen des Windes hingegen konnte man sehr gut in den
dunklen Räumen hören.
»Hier oben gibt es eine vollkommen ungehinderte Luftzirkulation
«, sagte Katrine und verzog den Mund. »Der Vorteil von diesem
ewigen Zug ist, dass das Haus über die Jahrzehnte immer
trocken blieb, es hat praktisch keine Feuchtigkeitsschäden.«
»Ah ja, das ist natürlich gut …« Nyberg warf einen kritischen
Blick auf den gewellten Korkteppich, der auf dem Boden lag, auf
die fleckigen und abgeblätterten Tapeten und die Schleier aus
Spinnennetzen, die von der Decken hingen. »Aber da wartet
noch einiges an Arbeit auf Sie.«
»Ja, das wissen wir.«
»Wir freuen uns darauf«, fügte Joakim hinzu.
»Das wird einmal sehr hübsch werden …«, sagte Nyberg, und
dann fragte er: »Was wissen Sie eigentlich über dieses Anwesen?«
»Sie meinen über die Geschichte des Hofes?«, antwortete Joakim.
»Nicht so viel, der Makler hat uns nur wenig erzählt. Er
wurde Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, gleichzeitig mit den
Leuchttürmen. Allerdings ist er wohl ein paarmal umgebaut
worden. Die Veranda an der Hauptseite zum Beispiel scheint mir
eher aus dem 20. Jahrhundert zu stammen.«
Er sah Katrine fragend an, ob sie noch etwas hinzufügen
wollte – zum Beispiel wie es gewesen war, als ihre Mutter und
ihre Großmutter dort zur Untermiete gewohnt hatten –, aber sie
erwiderte seinen Blick nicht.
»Wir wissen, dass die Leuchtturmwärter mit ihren Familien
und dem Dienstpersonal auf Åludden gewohnt haben«, ergänzte
sie nur. »Hier wird viel Leben gewesen sein.«
Nyberg nickte und ließ den Blick erneut durch das Ober -
geschoss wandern.
»Ich glaube nicht, dass in den letzten zwanzig Jahren hier
oben besonders viele Menschen gewohnt haben. Vor vier oder
fünf Jahren wurde der Hof als Flüchtlingsquartier benutzt, für
die Unterbringung von Familien, die vor dem Krieg auf dem Balkan
geflohen sind. Aber die blieben nicht besonders lange. Es ist
ein Jammer, dass der Hof so lange leer gestanden hat … das ist
wirklich ein grandioser Ort.«
Langsam stiegen sie die Treppe hinunter. Im Vergleich zu dem
Obergeschoss wirkten jetzt sogar die schmutzigen Räume im
Erdgeschoss viel heller und wärmer.
»Hat es einen Spitznamen?«, fragte Katrine. »Wissen Sie das
zufällig?«
»Wie bitte, was denn?«, entgegnete Nyberg.
»Das Anwesen«, erklärte Katrine. »Alle sagen immer Åludden,
aber so heißt ja der Ort.«
»Genau, Åludden bei der Aalbucht, wo sich im Sommer die
Aale sammeln …«, sagte Nyberg, als würde er ein Gedicht rezi -
tieren. »Aber ich glaube nicht, dass der Hof einen Spitznamen hat.«
»Häuser bekommen doch oft Spitznamen«, warf Joakim ein.
»Unseres in Bromma wurde zum Beispiel die Apfelvilla genannt.«
»Aber Åludden hat keinen anderen Namen, zumindest habe
ich noch keinen gehört. Dafür kreisen aber eine ganze Reihe von
Legenden um den Hof.«
»Legenden?«
»Ich habe ein paar davon gehört. Es wird gesagt, dass der Wind
um Åludden stärker wird, wenn jemand im Haus laut niest.«
Katrine und Joakim lachten herzhaft.
»Dann müssen wir häufiger Staub wischen«, kicherte Katrine.
»Und dann gibt es natürlich auch ein paar Spukgeschichten«,
fügte Nyberg hinzu.
Schweigen breitete sich aus.
»Spukgeschichten?«, wiederholte Joakim schließlich.
Er wollte gerade erneut lachen und den Kopf schütteln, als
ihm Katrine zuvorkam: »Ich habe die auch gehört, als ich mal
drüben bei den Carlssons zum Kaffeetrinken war … bei unseren
Nachbarn. Aber die haben mir gesagt, ich solle bloß nichts
davon glauben.«
»Wir haben nicht so viel Zeit für Geister«, sagte Joakim.
Nyberg nickte.
»Natürlich, aber wenn solche Höfe zu lange verlassen dastehen,
fangen die Leute eben an, sich Geschichten zu erzählen«,
sagte er. »Wollen wir nach draußen gehen und ein paar Aufnahmen
machen, solange es noch hell ist?«
Bengt Nyberg beendete seinen Besuch mit einem Spaziergang
über das Kopfsteinpflaster und den Rasen im Innenhof und betrachtete
dabei die beiden Seitenflügel der Anlage. Auf der einen
Seite die enorme Scheune, deren Außenwände aus Kalkstein
und die Aufbauten aus rot gestrichenem Holz bestanden. Auf
der gegenüberliegenden Seite des Hofes stand das niedrigere,
weiß getünchte Waschhaus.
»Das hier werden Sie auch renovieren müssen«, sagte Nyberg,
als er durch ein staubiges Fenster in das alte Waschhaus
spähte.
»Selbstverständlich«, betonte Joakim. »Wir nehmen uns ein
Gebäude nach dem anderen vor.«
»Und wollen Sie es später dann an Sommergäste vermieten?«
»Vielleicht. Wir hatten tatsächlich daran gedacht, in ein paar
Jahren so ein Bed-and-Breakfast anzubieten.«
»Diese Idee haben auf Öland schon so einige gehabt«, sagte Nyberg.
Zum Schluss machte er von der Familie Westin auf der ausgebleichten
Grasfläche hinter dem Hauptgebäude noch ein paar
Dutzend Bilder.
Katrine und Joakim standen dicht nebeneinander, sahen
hinunter zu den Leuchttürmen und blinzelten in den kalten
Wind. Joakim richtete sich auf, als die Kamera anfing zu klicken,
und musste an ihre Nachbarn in Stockholm denken. Deren Haus
war letztes Jahr auf drei Doppelseiten in der Zeitschrift Schöner
Wohnen vorgestellt worden, Familie Westin musste sich mit
einem Artikel in der Ölands-Posten zufriedengeben.
Gabriel saß auf Joakims Schultern und trug eine grüne, etwas
zu große Steppjacke. Livia stand zwischen ihren Eltern und
hatte ihre weiße Strickmütze tief in die Stirn gezogen. Sie sah
misstrauisch in die Kamera.
Hof Åludden türmte sich wie eine Burg aus Stein und Holz
hinter ihnen auf, wachsam.


Nachdem der Journalist gefahren war, machten sie einen Spaziergang
hinunter zu den Leuchttürmen. Der Wind war kälter
als an den Tagen zuvor, und auch die Sonne stand schon tief
über dem Dachfirst hinter ihnen. Der Geruch von Tang, der an
den Strand gespült worden war, hing in der Luft.
Hier ans Wasser zu gehen fühlte sich an, als wäre man am
Ende der Welt angekommen, am Ende einer langen Reise, die
einen von den Menschen fortführen sollte. Joakim mochte dieses
Gefühl.
Der Nordosten von Öland schien aus einem unendlichen Himmel
und einem schmalen Streifen aus goldbraunem Land zu bestehen.
Die kleinen vorgelagerten Inseln sahen aus wie grasbedeckte
Sandbänke. Die flache Küste der Insel mit ihren tiefen
Buchten und schmalen Landzungen tauchte fast unmerklich ins
Wasser ein und wurde zu einem ebenen und seichten Meeresgrund
aus Sand und Lehm, der Schritt für Schritt in die tiefere
Ostsee absank.
In wenigen Hundert Meter Entfernung erhoben sich die weißen
Leuchttürme in den dunkelblauen Himmel.
Die Doppelleuchttürme von Åludden. Joakim fand, dass die
Inseln, auf denen sie standen, künstlich wirkten. So als hätte
jemand mitten im Wasser zwei große Haufen aus Stein und Kies
aufgeschüttet und sie mit größeren Felsblöcken und Beton befestigt.
Etwa fünfzig Meter nördlich von ihnen ragte eine lange
Mole, ein Wellenbrecher aus schweren Steinblöcken, vom Strand
hinaus ins Wasser. Sie glich einer schwach gekrümmten Hafenmole
und war gebaut worden, um den Leuchttürmen vor den
Winterstürmen Schutz zu bieten.
Livia hatte Foreman unter den Arm geklemmt, als sie plötzlich
auf diese Mole zulief, die hinaus zu den Leuchttürmen führte.
»Ich auch! Ich auch!«, schrie Gabriel ihr hinterher, aber Joakim
hielt ihn an der Hand fest.
»Wir gehen zusammen!«, rief er.
Die Mole gabelte sich nach etwa zehn Metern wie ein großes Y
mit zwei dünnen Armen, die zu je einem Leuchtturm führten.
Katrine rief:
»Nicht so rennen, Livia! Vorsicht am Wasser!«
Livia blieb abrupt stehen, zeigte mit dem Finger auf den süd -
lichen Leuchtturm und konnte mit ihrem Schreien nur mit Müh
und Not den Wind übertönen:
»Das ist mein Turm!«
»Meiner auch!«, rief Gabriel hinter ihr.
»Punkt und basta!«, beschloss Livia.
Das war ihr neuester Lieblingsausdruck, den hatte sie aus der
Vorschule mitgebracht. Katrine lief zu ihr hin und nickte zu dem
anderen Leuchtturm:
»Dann ist der da meiner!«
»Okay, dann kümmere ich mich um den Hof«, erklärte Joakim.
»Das mache ich mit links, wenn ihr mir ein bisschen dabei helft.«
»Das tun wir«, sagte Livia. »Punkt und basta!«
Sie kicherte und nickte nachdrücklich mit dem Kopf, aber Joakim
hatte das natürlich ernst gemeint. Trotzdem freute er sich
auf die vielen Wintertage, an denen er mit den Renovierungsarbeiten
beschäftigt sein würde. Katrine und er wollten, so schnell
es ging, als Lehrer arbeiten, den Hof würden sie dann an den
Abenden und an den Wochenenden instand setzen. Sie hatte ja
bereits damit begonnen.
Er wandte dem Meer den Rücken zu und warf einen Blick auf
die Gebäude, die sich hinter ihnen erhoben.
In einsamer und ruhiger Lage, so hatte es in der Annonce gestanden.
Joakim hatte noch Schwierigkeiten, sich an die Größe des
Wohngebäudes zu gewöhnen, es erhob sich mächtig auf dem
Kamm der sich sanft neigenden Grasböschung, und seine weißen
Ecken und roten Balken leuchteten. Zwei schöne Schornsteine
ragten wie pechschwarze Türme aus dem Ziegeldach. Aus
dem Küchenfenster und der verglasten Veranda drang ein warmes,
gelbes Licht und beschien den Innenhof, der Rest des Hauses
lag im Dunkeln.
Wie viele Familien hatten vor ihnen an diesem Ort gelebt und
die Wände, die Türschwellen und den Boden im Lauf der Jahre
abgenutzt – der Leuchtturmmeister, die Leuchtturmwärter und
die Leuchtturmassistenten und wie sie alle genannt wurden. Sie
alle hatten auf dem Hof ihre Spuren hinterlassen.
Bedenken Sie, dass ein Haus, das Sie in Besitz genommen haben,
auch von Ihnen über kurz oder lang Besitz ergreifen wird, hatte Joakim
in einem Buch über Renovierungsarbeiten an einem Holzhaus
gelesen. Aber Katrine und ihm ging es nicht so – sie hatten
sich ohne Schwierigkeiten von ihrem Haus in Bromma verabschiedet.
Doch im Laufe der Jahre waren ihnen tatsächlich einige
Familien begegnet, die ihre Häuser hüteten wie ihre Kinder.
»Wollen wir raus zu den Leuchttürmen gehen?«, fragte Katrine.
»Ja!«, schrie Livia begeistert. »Punkt und basta!«
»Das könnte aber rutschig sein auf den Steinen«, warf Joakim ein.
Er wollte nicht, dass Livia und Gabriel den Respekt vor dem
Meer verloren und dann alleine hinunter ans Wasser gingen.
Livia konnte nur ein paar Züge schwimmen und Gabriel noch
überhaupt nicht.
Aber Katrine und Livia liefen bereits Hand in Hand die steinerne
Mole entlang, die ins Meer führte. Also hob er Gabriel auf
den Arm und folgte den beiden zögernd über die unebenen
Steinblöcke.
Sie waren gar nicht so rutschig, wie er erwartet hatte, nur
uneben. An einigen Stellen waren die Steine von den Wellen gelockert
worden und lösten sich aus dem Beton, der sie zusammenhielt.
Der Wind war an diesem Tag nicht besonders stark,
aber Joakim konnte die unbändige Kraft der Naturgewalten spüren.
Jeden Winter, jahraus, jahrein, hatte es vor Åludden schwere
Stürme gegeben mit Treibeis, hohen Wellen und Orkanwinden –
aber die Leuchttürme hielten dem stand.
»Wie hoch sind die eigentlich?«, fragte Katrine und sah zur
Turmspitze des Südturms hoch.
»Nun ja, ich habe gerade kein Maßband dabei, aber … vielleicht
so an die zwanzig Meter?«, erwiderte Joakim.
Livia legte ihren Kopf ebenfalls in den Nacken und betrachtete
ihren Leuchtturm.
»Warum leuchtet der nicht?«, fragte sie.
»Der geht bestimmt erst an, wenn es dunkel wird«, erklärte ihr Katrine.
»Und der da, leuchtet der nie?«, fragte Joakim und zeigte auf
den Nordturm.
»Ich glaube nicht«, sagte Katrine. »Seit wir hier sind, war er
nicht an.«
An der Stelle, wo sich der Wellenbrecher gabelte, entschied
sich Livia für die linke Abzweigung, für den Leuchtturm ihrer Mutter.
»Sei vorsichtig«, rief Joakim und sah beunruhigt hinunter in
das schwarze Wasser am Fuß der Mole.
Bis zum Meeresboden waren es hier höchstens ein oder zwei
Meter, aber ihm war nicht wohl bei dem Gedanken an die Schatten
und die Kälte dort unten. Er war ein ganz passabler Schwimmer,
hatte aber nie zu denjenigen gehört, die sich im Sommer
freudestrahlend in die Fluten stürzten. Noch nicht einmal an
richtig heißen Tagen.
Katrine hatte die Leuchtturminsel erreicht und stellte sich an
die äußerste Kante. Ihr Blick wanderte die Küste entlang, im Norden
waren nur leere Strände und kleine Wäldchen zu sehen, im
Süden Wiesen und weiter entfernt einige Bootshäuser.
»Kein einziger Mensch«, stellte sie erstaunt fest. »Ich dachte,
man könnte von hier aus wenigstens ein paar Nachbarhäuser sehen.«
»Da liegen zu viele Landzungen und Inseln dazwischen«, sagte
Joakim. Er zeigte mit seinem freien Arm in Richtung Strand im
Norden. »Seht mal dort drüben. Habt ihr das schon gesehen?«
Etwa in einem Kilometer Entfernung lag ein sehr altes Schiffswrack
am steinigen Strand – es waren nur noch die sonnengebleichten
Planken des Schiffsrumpfes zu erkennen. Das Schiff
musste vor langer Zeit in einem Wintersturm an Land getrieben
und an den Strand geworfen worden sein. Das Wrack lag mit der
Steuerbordseite auf den Steinen, Joakim erinnerten die Schiffsspanten
an die Rippen eines Riesen.
»Das Wrack, ja«, sagte Katrine.
»Haben die die Leuchttürme nicht gesehen?«, fragte Joakim erstaunt.
»Manchmal nützen einem auch Leuchttürme nichts … in
einem Sturm zum Beispiel«, erwiderte Katrine. »Livia und ich
haben uns vor ein paar Wochen das Wrack angesehen. Wir haben
nach schönen Holzresten gesucht, aber das war wie leer gefegt.«
Der Eingang zum Leuchtturm führte durch ein etwa ein Meter
dickes Gewölbe und endete vor einer massiven Tür aus Stahl.
Sie war sehr verrostet, und man konnte nur an wenigen Stellen
noch Reste der ursprünglich weißen Farbe erkennen. Es gab kein
Schlüsselloch, lediglich einen Querbalken, der mit einem ebenfalls
verrosteten Hängeschloss gesichert war. Joakim rüttelte an
der Tür, aber sie bewegte sich keinen Millimeter.
»In einem der Küchenschränke habe ich einen Schlüsselbund
mit alten Schlüsseln gesehen«, sagte er. »Die müssen wir mal ausprobieren.«
»Sonst können wir beim Schifffahrtsamt anrufen«, schlug
Katrine vor.
Joakim nickte und drehte sich um. Die Leuchttürme waren allerdings
nicht im Kaufpreis enthalten.
»Gehören die Leuchttürme gar nicht uns, Mama?«, fragte Livia,
als sie zurück zum Strand gingen.
Sie klang enttäuscht.
»Doch«, erwiderte Katrine. »In gewisser Weise schon. Aber wir
müssen uns nicht um sie kümmern. Stimmt doch, oder, Kim?«
Sie lächelte Joakim an, und er nickte.
»Der Hof ist schon genug.«


Katrine hatte sich im Bett umgedreht, während er bei Livia gewesen
war, und als er wieder unter die Decke kroch, tasteten ihre
Arme im Schlaf suchend nach ihm. Er sog ihren Geruch ein und
schloss die Augen.
Nur das hier, nichts anderes mehr.
Das Leben in der Großstadt hatte er hinter sich gelassen.
Stockholm war zu einem kleinen grauen Fleck am Horizont geschrumpft,
und die Erinnerung an die Suche nach Ethel begann
zu verblassen.
Friede.
Erneut erklang das leise Wimmern aus Livias Zimmer, und er
hielt den Atem an.
»Mama-a?«
Ihr lang gezogenes Rufen war dieses Mal lauter. Joakim seufz -
te müde.
Neben ihm hob Katrine den Kopf und lauschte.
»Was ist los?«, fragte sie verschlafen.
»Mam-maa?«
Katrine setzte sich auf. Im Unterschied zu Joakim war sie in
der Lage, aus dem Tiefschlaf gerissen innerhalb weniger Sekunden
hellwach zu sein.
»Ich habe es schon einmal versucht«, flüsterte Joakim. »Ich
dachte, sie sei wieder eingeschlafen, aber …«
»Ich gehe zu ihr.«
Katrine stand, ohne zu zögern, auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe
und zog sich den Morgenmantel über.
»Mamma?«
»Ich komme, du kleine Nervensäge«, murmelte sie.
Das ging so nicht weiter, dachte Joakim. Es war nicht in Ordnung,
dass Livia jede Nacht neben ihrer Mutter schlafen wollte.
Das hatte sie sich im vergangenen Jahr angewöhnt, ihr Schlaf
war unruhiger geworden. Vielleicht hatte das auch mit Ethel zu
tun. Sie hatte Schwierigkeiten einzuschlafen und schlief nur tief
und fest, wenn Katrine neben ihr lag. Bisher war es ihnen nicht
gelungen, ihr das wieder abzugewöhnen.
»Bis morgen, Loverboy«, flüsterte Katrine.
Elterliche Pflichten. Joakim hörte keinen Laut mehr aus Livias
Zimmer, Katrine hatte übernommen. Er entspannte sich und
schloss die Augen. Er spürte, wie der Schlaf ihn langsam übermannte.
Die Stille senkte sich über den Hof.
Sein Leben auf dem Land hatte begonnen.


2


Das Schiff in der Flasche war ein kleines Kunstwerk, fand Henrik.
Es war eine Fregatte mit drei Masten und weißen Stoff -
segeln, etwa fünfzehn Zentimeter lang und aus einem einzigen
Holzstück geschnitzt. Die Taue der Segel waren aus schwarzem
Nähgarn, das an kleinen Klötzen aus Balsaholz befestigt war. Mit
umgelegten Masten war das Schiff vorsichtig mithilfe von Stahldraht
und Pinzette in die alte Rumflasche geschoben und in das
blau gefärbte Meer aus Kitt gedrückt worden. Erst dann konnten
die Masten aufgerichtet und die Segel mit gekrümmten Stricknadeln
gespannt werden. Zum Schluss wurde die Flasche verschlossen
und der Korken mit Lack versiegelt.
Es hatte bestimmt Wochen gedauert, um das Buddelschiff
herzustellen, die Brüder Serelius benötigten nur wenige Sekunden,
um es zu zerstören.
Tommy Serelius wischte das Buddelschiff vom Regal auf den
neuen Parkettboden, und die Flasche zersprang in tausend Stücke.
Das Schiffsmodell überstand den Sturz und setzte seine
Fahrt auf dem Boden fort. Doch dann wurde es vom Stiefel des
kleinen Bruders Freddy gestoppt. Neugierig betrachtete er es im
Licht seiner Taschenlampe, dann hob er den Fuß und zertrümmerte
das Schiff mit drei festen Tritten.
»Teamwork!«, rief Freddy.
»Ich hasse so ’nen bescheuerten Handwerkskram«, sagte
Tommy verächtlich, kratzte sich an der Wange und stieß die
Überreste des Modells mit dem Fuß über den Boden.
Henrik, der dritte Mann in dem Sommerhaus, kam aus einem
der Schlafzimmer, in dem er nach Wertsachen gesucht hatte. Er
sah die Überreste des Buddelschiffes und schüttelte den Kopf.
»Hört verdammt noch mal auf, immer Sachen kaputt zu machen
«, sagte er leise.
Tommy und Freddy liebten das Geräusch von zersplitterndem
Glas und zerberstendem Holz – das hatte Henrik bereits an
ihrem ersten gemeinsamen nächtlichen Arbeitseinsatz begriffen,
als sie in ein halbes Dutzend verriegelter und winterfest gemachter
Sommerhäuser südlich von Byxelkrok eingebrochen
waren. Die Brüder fanden alles toll, was zerstört werden konnte;
auf dem Weg dorthin hatte Tommy einfach so eine schwarzweiße
Katze überfahren, die mit glitzernden Augen am Straßenrand
gehockt hatte. Nur ein dumpfer Schlag war zu hören, als
der Lieferwagen die Katze überrollte, und Sekunden später waren
die Brüder in schallendes Gelächter ausgebrochen.
Henrik schlug nie etwas kaputt, er öffnete sogar vorsichtig
die Fenster, um einsteigen zu können. Aber wenn die Brüder erst
einmal im Haus waren, wurden sie zu Vandalen. Sie stürzten
die Barschränke um und zertrümmerten Gläser und Porzellan
auf dem Boden. Auch Spiegel wurden zerschlagen, nur mundgeblasene
Vasen aus Småland überlebten ihre Zerstörungswut,
weil man die schließlich verkaufen konnte.


Die Geschädigten waren nie Inselbewohner. Henrik hatte von
Anfang an bestimmt, dass sie nur in Sommerhäuser einbrachen,
deren Besitzer auf dem Festland lebten.
Henrik hatte keine tiefere Bindung zu den Brüdern Serelius, sie
waren nur einfach an ihm hängen geblieben – wie entfernte Verwandte,
die eines Tages vor der Tür stehen und dann nicht mehr
weggehen.
Tommy und Freddy stammten nicht von der Insel, und die
drei waren weder befreundet noch miteinander verwandt. Die
Brüder waren Morgan Berglunds Kumpel.
Eines Tages, Ende September, hatte es in Henriks kleiner Woh-
nung in Borgholm an der Tür geklingelt. Es war kurz nach zehn,
und er wollte gerade zu Bett gehen. Als er öffnete, standen zwei
breitschultrige Typen in seinem Alter mit kahl geschorenen
Köpfen vor ihm. Die Brüder nickten ihm zu und gingen an ihm
vorbei ins Wohnzimmer, ohne hereingebeten worden zu sein.
Sie rochen nach Schweiß, Motorenöl und alten Autositzen, und
der Gestank breitete sich schnell in der Wohnung aus.
»Hubba Bubba, Henke«, sagte der eine von ihnen.
Er trug eine riesige Sonnenbrille. Das sah wahnsinnig komisch
aus, aber er war keiner, über den man ungestraft lachte.
Seinen Wangen und das Kinn waren von langen, roten Narben
überzogen, als hätte ihn jemand gekratzt.
»Was geht?«, fragte der andere. Er war größer und breiter.
»Alles fit«, antwortete Henrik langsam. »Wer seid ihr?«
»Tommy und Freddy.Die Brüder Serelius. Verdammt nochmal,
kennst du uns etwa nicht, Henrik … Doch, das tust du, oder?«
Tommy schob sich die Sonnenbrille auf der Nase zurecht und
kratzte sich ausgiebig an der Wange. Da begriff Henrik, woher
die Narben in seinem Gesicht stammten – das waren keine Zeichen
einer Prügelei, die hatte er sich selbst zugefügt.
Sie drehten eine schnelle Runde durch seine Einzimmer -
wohnung, dann ließ sich Freddy auf das Sofa vor dem Fernseher
fallen.
»Chips?«, fragte Freddy. »Hast du welche?«
Er legte die Stiefel auf Henriks gläsernen Couchtisch. Als er
seine Steppjacke öffnete, kam unter einem hellblauen T-Shirt
mit der Aufschrift SOLDIER OF FORTUNE FOREVER ein solider
Bierbauch zum Vorschein.
»Wir sollen dich von deinem Kumpel Mogge grüßen«, sagte
Tommy, der Ältere der beiden, und nahm die Sonnenbrille ab. Er
war dünner als sein Bruder. Grinsend und mit einer schwarzen
Ledertasche unter dem Arm stand er vor Henrik. »Das war Mogges
Vorschlag hierherzufahren.«
»Nach Sibirien«, kommentierte Freddy, mit der Chipsschale
im Arm, die Henrik ihm hingestellt hatte.
»Mogge? Morgan Berglund?«
»Logo!«, sagte Tommy und ließ sich neben seinen Bruder aufs
Sofa fallen. »Ihr seid doch Kumpel?«
»Wir waren«, betonte Henrik. »Er ist weggezogen.«
»Ja, wissen wir, er ist in Dänemark. Er hat da in einem Casino
in Kopenhagen gearbeitet, schwarz.«
»Schwarzhändler.«
»Wir waren eine Zeit lang in Europa unterwegs«, erklärte
Tommy. »Fast ein Jahr. Schweden ist verdammt klein, das merkt
man dann erst.«
»Verdammter Hinterhof«, warf Freddy ein.
»Zuerst waren wir in Deutschland, Hamburg und Düsseldorf,
das war der Hammer. Danach ging es nach Kopenhagen, das war
auch ziemlich cool.« Tommy sah sich im Zimmer um. »Und jetzt
sind wir hier.«
Er nickte zustimmend und steckte sich eine Zigarette in den Mund.
»Hier wird nicht geraucht«, sagte Henrik.
Er machte sich so seine Gedanken, warum die Brüder Serelius
die europäischen Metropolen verlassen hatten und in die schwedische
Einöde zurückgekehrt waren, wenn es dort unten doch so
gut gelaufen war. Hatten sie sich Ärger mit den falschen Leuten
eingehandelt? Wahrscheinlich.
»Ihr könnt hier nicht wohnen«, sagte Henrik. »Ich habe keinen
Platz, das seht ihr ja selbst.«
Tommy hatte seine Zigarette wieder in die Packung gesteckt,
aber er schien ihm nicht zugehört zu haben.
»Wir sind Satanisten«, entgegnete er. »Haben wir das schon
erwähnt?«
»Satanisten?«, wiederholte Henrik.
Tommy und Freddy nickten gleichzeitig.
»Also Teufelsanbeter?«, fragte Henrik und grinste.
Tommy erwiderte das Grinsen nicht.
»Wir beten nichts und niemanden an«, sagte er ernst. »Satan
steht für das Starke im Menschen, daran glauben wir.«
»The force«, fügte Freddy hinzu und stopfte sich die restlichen
Chips in den Mund.
»So ist es«, sagte Tommy. »Might makes right – das ist unser
Motto. Wir nehmen uns das, was wir wollen. Kennst du Aleister
Crowley?«
»Nee.«
»Ein großer Philosoph«, dozierte Tommy. »Für Crowley war
das Leben ein ständiger Kampf zwischen den Starken und den
Schwachen. Zwischen den Cleveren und den Idioten. Bei dem die
Starken und Cleveren immer siegen.«
»Das ist ja auch logisch«, sagte Henrik, der noch nie besonders
religiös war. Und er hatte auch nicht vor, es jetzt zu werden.
Tommy sah sich in der Wohnung um.
»Wann ist sie denn abgehauen?«, fragte er.
»Wer denn?«
»Deine Alte. Die hier Gardinen aufgehängt hat, Blumen getrocknet
und so ein Zeug. Das warst du ja wohl nicht selbst,
oder?«
»Sie ist im Frühling ausgezogen«, gab Henrik zu.
Gegen seinen Willen tauchte das Bild von Camilla auf, wie sie
auf dem Sofa lag und las. Dort, wo die Brüder Serelius jetzt saßen.
Er begriff, dass Tommy doch cleverer war, als er aussah – er
hatte ein Auge für Details.
»Wie hieß sie?«
»Camilla.«
»Vermisst du sie?«
»Wie Scheiße«, beendete er das Thema. »Aber ihr könnt nicht
bleiben …«
»Alles cool, wir wohnen in Kalmar«, beruhigte ihn Tommy.
»Wir haben das schon geregelt. Aber wir wollen auf Öland arbeiten.
Und wir brauchen dabei ein bisschen Hilfe.«
»Wobei denn?«
»Mogge hat uns erzählt, was ihr im Winter so angestellt habt.
Von den Sommerhäusern hat er erzählt …«
»Ach so!«
»Und er hat gesagt, dass du damit auch gerne wieder loslegen
würdest.«
Vielen Dank auch, Mogge, fluchte Henrik innerlich. Sie hatten
eine Menge Ärger mit der Beuteaufteilung gehabt, ehe Morgan
abgehauen war – vielleicht war das seine Art der Rache.
»Das ist doch so lange her«, erwiderte er. »Vier Jahre … und wir
haben das auch nur zwei Winter lang gemacht.«
»Ja, und? Morgan hat gesagt, dass es super lief.«
»Ja, das lief ganz okay.«
Fast alle Einbrüche waren problemlos verlaufen, aber ein
paarmal waren sie von den Nachbarn entdeckt worden und hatten
wie Apfeldiebe über die Mauer fliehen müssen. Sie hatten
sich vor jedem Bruch zwei Fluchtwege überlegt, einen zu Fuß
und einen mit dem Wagen.
Er fuhr fort:
»Manchmal gab es nichts Wertvolles in den Häusern … aber
einmal haben wir einen richtig alten Schrank gefunden. So
einen alten deutschen Aktenschrank aus dem siebzehnten Jahrhundert,
für den haben wir in Kalmar fünfunddreißigtausend
bekommen.«
Henrik wurde immer eifriger, und je mehr er darüber berichtete,
geradezu nostalgisch. Er hatte tatsächlich eine ziemliche
Be gabung gehabt, verschlossene Verandatüren und Fenster zu
öffnen, ohne sie einzuschlagen. Sein Großvater aus Marnäs war
als Tischler sehr erfolgreich gewesen, und auch er hatte immer
mit Stolz über seine Fähigkeiten gesprochen.
Aber er erinnerte sich natürlich auch, wie nervenaufreibend
es gewesen war, Nacht für Nacht durch Nordöland zu streifen.
Im Winter war es dort oben eiskalt. Und so menschenleer und totenstill
in den Sommerhaussiedlungen.
»Alte Häuser sind die reinsten Fundgruben«, erklärte Tommy.
»Du bist also dabei? Wir brauchen dich, um uns dort oben zurechtzufinden.
«
Henrik schwieg. Wer ein trauriges und berechenbares Leben
führte, musste auch selbst eine traurige und berechenbare Person
sein. Und das wollte er eigentlich nicht.
»Dann ist das abgemacht«, fügte Tommy schnell hinzu.
»Okay?«
»Vielleicht«, erwiderte Henrik zögernd.
»Das klingt wie ein Ja.«
»Kann schon sein.«
»Hubba Bubba.«
Henrik nickte unschlüssig.
Er wollte außergewöhnlich sein und ein außergewöhnliches
Leben führen. Seit Camilla ausgezogen war, waren die Abende
trostlos und die Nächte einsam, dennoch zögerte er. Nicht das
Risiko, erwischt zu werden, hatte ihn dazu bewegt, mit den Einbrüchen
aufzuhören. Er hatte Angst vor etwas anderem.
»Es ist so dunkel da draußen auf dem Land«, versuchte er zu
erklären.
»Klingt gut«, entgegnete Tommy.
»Es ist verdammt dunkel«, betonte Henrik. »Keine einzige Straßenlaterne,
und der Strom in den Häusern ist meistens abgestellt.
Man sieht praktisch nichts.«
»Kein Problem«, wiegelte Tommy ab. »Wir haben gestern an
einer Tanke Taschenlampen geklaut.«
Henrik nickte bedächtig. Die Taschenlampen durchdrangen
natürlich die Dunkelheit, aber eben nicht überall.
»Ich habe ein Bootshaus, das wir als Lager benutzen können
«, sagte er dann. »Bis wir die passenden Käufer für die Sachen
finden.«
»Hammer!«, erwiderte Tommy. »Dann müssen wir nur noch
das richtige Haus ausfindig machen.Moggehat gesagt,dukennst
dich da gut aus.«
»Ein bisschen, das gehört zu meinem Job«, sagte Henrik.
»Gib uns die Adressen, dann können wir checken, ob die okay sind.«
»Und wie das?«
»Wir fragen Aleister.«
»Was hast du gesagt?«, Henrik starrte ihn ungläubig an.
»Wir sprechen alles mit Aleister Crowley ab«, erklärte ihm
Tommy nüchtern und stellte seine Tasche auf den Küchentisch.
Er öffnete sie und holte eine kleine, flache Holzschatulle heraus.
»Wir nehmen über das hier Kontakt mit ihm auf.«
Henrik beobachtete schweigend, wie Tommy die Schatulle öffnete
und sie auf den Tisch stellte. Auf der Innenseite der Schatulle
waren Buchstaben und Zahlen ins Holz gebrannt. Das gesamte
Alphabet, die Zahlen null bis zehn sowie die Worte JA und
NEIN. Zum Schluss holte Tommy noch ein kleines Glas aus der
Tasche.
»Ich habe das früher als Kind mal ausprobiert«, sagte Henrik.
»Gläserrücken, oder wie geht das?«
»Quatscht keinen Scheiß, das hier ist Ernst.« Tommy stellte
das Glas auf das Holzbrett. »Das ist ein Ouija-Brett.«
»Wijdscha-Brett?«
»Das heißt eben so«, sagte Tommy ungehalten. »Das Holz
stammt von dem Deckel eines alten Holzsarges. Kannst du es
hier ein bisschen dunkler machen?«
Henrik grinste in sich hinein, stand aber, ohne zu murren, auf
und machte das Licht aus.
Sie setzten sich an den Tisch. Tommy legte seinen kleinen Finger
auf den Glasboden und schloss die Augen.
Es war totenstill im Raum. Er kratzte sich am Hals und schien
einem Geräusch zu lauschen.
»Wer ist hier?«, fragte er. »Ist Aleister hier?«
Sekundenlang geschah nichts, dann begann sich das Glas unter
Tommys Finger zu bewegen.
Bereits am nächsten Tag war Henrik in der Abenddämmerung
zum Bootshaus seines Großvaters gefahren, um alles vorzube -
reiten.
Die kleine Holzhütte war rot gestrichen und stand auf einer
Wiese, nur wenige Meter vom Strand entfernt. In unmittelbarer
Nachbarschaft befanden sich noch zwei weitere Bootshäuser,
aber die gehörten Sommergästen und wurden ab Mitte August
nicht mehr benutzt. Hier würden sie ihre Ruhe haben.
Das Bootshaus hatte er von seinem Großvater Algot geerbt.
Als er noch lebte, waren die beiden im Sommer oft aufs Meer hinausgefahren,
hatten die Netzte ausgelegt, im Bootshaus übernachtet
und am nächsten Morgen um fünf Uhr morgens die
Netze wieder eingeholt.
Wenn er am Meer stand, vermisste er diese Tage und bedauerte
es sehr, dass sein Großvater nicht mehr lebte. Algot hatte bis
weit nach der Pensionierung Tischlerarbeiten und kleinere Bauaufträge
erledigt, und bis zum Schluss schien er mit seinem Leben
rundum zufrieden gewesen zu sein, obwohl er die Insel nur
ein paarmal verlassen hatte.
Henrik öffnete das Hängeschloss und betrat das dunkle
Bootshaus. Innen hatte sich, seit sein Großvater vor sechs Jahren
an einem Herzinfarkt gestorben war, nichts verändert. Die
Netze hingen wie früher an den Wänden, die Hobelbank stand
in der einen, der verrostende Holzofen in der anderen Ecke. Camilla
hatte vorgeschlagen, das Bootshaus aufzuräumen und
weiß zu streichen, aber Henrik hatte alles beim Alten belassen wollen.
Er verstaute die Ölkanister, den Werkzeugkasten und was
sonst noch herumstand, und breitete eine Plane für die Beute
auf dem Boden aus. Danach ging er hinunter zum Steg und atmete
den Geruch von Tang und brackigem Salzwasser tief ein.
Im Norden sah er die beiden Leuchttürme von Åludden aus dem
Wasser ragen.
Am Steg war sein offenes Motorboot vertäut, in dem sich das
Regenwasser gesammelt hatte. Er kletterte hinunter und begann
zu schöpfen.
Währenddessen gingen ihm die Ereignisse des vergangenen
Abends durch den Kopf, als er zusammen mit den Brüdern Serelius
am Küchentisch eine Séance oder wie man das auch immer
nennen sollte, abgehalten hatte.
Das Glas hatte sich unablässig über das Holzbrett bewegt
und alle Fragen beantwortet – natürlich hatte Tommy es hin und
her bewegt. Er hatte zwar die Augen geschlossen gehalten, aber
wahrscheinlich ab und zu geblinzelt, damit das Glas den richtigen
Buchstaben traf.
Auf jeden Fall war dabei herausgekommen, dass der Geist von
Aleister ihre Einbruchspläne unterstützte. Als Tommy den Ort
Stenvik überprüfen ließ, den Henrik vorgeschlagen hatte, bewegte
sich das Glas zum JA, und als er nachfragte, ob sie dort auf
wertvolle Gegenstände stoßen würden, erhielten sie ebenfalls
ein JA zur Antwort.
Zum Schluss hatte Tommy noch gefragt:
»Aleister, was meinst du … können wir drei uns gegenseitig
trauen?«
Das kleine Glas hatte ein paar Sekunden pausiert, dann schob
es sich langsam in Richtung NEIN.
Tommy lachte laut auf, ein kurzes, heiseres Lachen.
»Das ist in Ordnung«, kommentierte er und sah Henrik an.
»Ich traue nämlich niemandem.«


Bereits vier Tage später hatten sich Henrik und die Brüder Serelius
auf ihre erste Reise in den Norden begeben, in die Sommerhaussiedlung,
die Henrik vorgeschlagen und die vom Geist Aleister
genehmigt worden war. Dort standen nur winterfest gemachte
Häuser in pechschwarzer Nacht.
Henrik und die Brüder suchten nicht nach kleinen, teuren
Gegenständen, wenn sie durch ein Fenster in ein Sommerhaus
einbrachen – sie wussten genau, dass die Besitzer nicht so dämlich
waren, Geldscheine, Markenuhren und Goldketten dort
überwintern zu lassen. Aber bei bestimmten Gegenständen war
es ihnen oft zu lästig, sie wieder mit aufs Festland zurückzunehmen,
wenn die Ferien vorüber waren: Fernsehapparate, Stereoanlagen,
Alkohol, Zigarettenstangen und Golfschläger. Und in
den Geräteschuppen fanden sich nicht selten Motorsägen, Benzinkanister
und Bohrmaschinen.
Nachdem Tommy und Freddy das Buddelschiff zertreten hat-
ten und Henrik sein Missfallen geäußert hatte, wurde die gemeinsame
Schatzsuche wieder aufgenommen.
Henrik untersuchte die kleineren Räume. Die Frontseite des
Hauses zeigte auf die Klippen und den Sund, und durch die Panoramafenster
sah er den kreideweißen Mond als Halbsichel
über dem Wasser hängen. Stenvik war einer der vielen im Winter
wie ausgestorbenen Fischerorte an der Westküste der Insel.
Jeder Raum empfing ihn mit tiefem Schweigen, und trotzdem
hatte Henrik das Gefühl, dass Wände und Boden ihn beobachten
würden. Daher bewegte er sich sehr vorsichtig, um nichts umzustoßen.
»Hallo? Henke?«
Das war Tommy.
»Wo bist du?«, fragte er zurück.
»Hier drüben, in der Küche … hier ist so eine Art Büro.«
Henrik folgte Tommys Stimme und ging durch die schmale
Küche. Tommy stand vor einer Wand in einem fensterlosen
Raum und zeigte mit seinem Handschuh auf eine Stelle.
»Was sagst du dazu?«
Er lächelte nicht – Tommy lächelte fast nie –, aber er sah aus
wie jemand, der eventuell einen großen Fund gemacht hatte.
Neben ihm hing eine enorme Wanduhr aus dunklem Holz mit
römischen Zahlen auf dem verglasten Ziffernblatt.
Henrik nickte.
»Doch … die könnte was wert sein. Ist sie alt?«
»Ich glaub schon«, entgegnete Tommy und öffnete das Uhrenglas.
»Wenn wir Glück haben, ist die sogar antik. Französisch
oder deutsch.«
»Die tickt nicht.«
»Die muss man bestimmt erst aufziehen.« Er schloss das Glas
und rief seinen Bruder.
Es dauerte einige Sekunden, ehe man Freddy durch die Küche
trampeln hörte.
»Was denn?«
»Hilf uns mal«, befahl Tommy.
Freddy war der Größte von ihnen. Er nahm die Uhr vom Haken
und stellte sie auf den Boden.
»Komm, wir tragen sie gleich raus«, schlug Tommy vor.
Der Lieferwagen war in der Nähe des Hauses geparkt. KALMAR
– SCHWEISSEN & ROHRE stand auf den Seiten. Tommy
hatte die Buchstaben gekauft und angebracht. So eine Firma
existierte gar nicht, aber es war weniger verdächtig, wenn ein
Firmenwagen in der Nacht durch die Gegend fuhr, als wenn sie
in einem anonymen Lieferwagen unterwegs wären.
»Nächste Woche wird in Marnäs eine Polizeistation eröffnet«,
sagte Henrik, als sie die Uhr durch das zerbrochene Veranda -
fenster hoben.
Draußen herrschte in dieser Nacht Windstille, aber die Luft
war kalt.
»Woher weißt du das?«, fragte Tommy misstrauisch.
»Stand heute früh in der Zeitung.«
Er hörte Freddys heiseres Lachen in der Dunkelheit.
»Na, dann ist jetzt wohl alles vorbei«, sagte Tommy. »Dann
kannst du ja gleich dort anrufen und uns verpfeifen. Vielleicht
gibt es Strafminderung für dich.«
Er verzog die Unterlippe und schob den Unterkiefer vor, das
war seine Art zu lächeln.
Henrik erwiderte das Lächeln. Auf der Insel gab es Tausende
von Sommerhäusern, die es zu bewachen galt, und außerdem arbeiteten
die Polzisten meistens nur tagsüber.
Sie legten die Wanduhr in den Laderaum. Dort standen bereits
ein klappbares Trainingsfahrrad, zwei große Vasen aus
poliertem Kalkstein, ein Videorekorder, ein kleiner Außenbordmotor,
ein Computer und ein Drucker sowie ein Fernseher mit
Stereoboxen.
»Wollen wir los?«, fragte Tommy, nachdem sie die Rücktür geschlossen
hatten.
»Ja, ich glaube, mehr ist nicht zu holen.«
Henrik ging trotzdem noch einmal zurück zum Haus, um das
zerbrochene Fenster zu schließen. Er sammelte ein paar kleinere
Schiefersteine, die er in den Spalt im Holzrahmen klemmte, um
das Fenster zu arretieren.
»Jetzt komm schon«, rief ihn Tommy ungeduldig.
Für die Brüder war das die reinste Zeitverschwendung, hinter
sich das Haus abzuschließen. Henrik aber wusste, dass es Monate
dauern konnte, bis dort jemand vorbeischauen würde. Und
durch ein offenes Fenster würden Regen und Schnee ungehindert
eindringen und die Einrichtung zerstören.
Tommy startete den Motor, sobald Henrik auf dem Beifahrersitz
Platz genommen hatte. Dann schob er die Türverkleidung
der Fahrerseite ein Stück zur Seite und holte ein kleines Päckchen
hervor. Darin lagen in Haushaltspapier gewickelte Kristalle
– Methamphetamine.
»Willst du auch noch was?«, fragte Tommy.
»Nein. Ich hatte genug.«
Die Kristalle hatten die Brüder von ihrer Europatour mit -
gebracht, um sie zu verkaufen und selbst zu konsumieren. Das
Zeug wirkte wie ein kräftiger Tritt in den Hintern, aber wenn
Henrik mehr als eine Dosis am Abend nahm, wurde er so zittrig
wie eine Flaggenstange und hatte Schwierigkeiten, logisch zu
denken. Die Gedanken wirbelten durcheinander, und er konnte
nicht einschlafen.
Außerdem war er kein Junkie – aber eben auch kein Langweiler.
Eine Dosis war in Ordnung.
Tommy und Freddy schienen nicht dieselben Probleme zu haben
wie er, oder aber sie hatten vor, die ganze Nacht wach zu
bleiben, wenn sie wieder in Kalmar waren. Sie stopften sich die
Kristalle mitsamt dem Haushaltspapier in den Mund und spülten
alles mit Wasser runter. Dann gab Tommy Gas. Er fuhr um
das Haus herum und bog auf die Hauptstraße.
Henrik sah auf seine Uhr – es war kurz vor halb eins.
»Auf zum Bootshaus«, sagte er.
An der Kreuzung zur Landstraße hielt Tommy ordnungsgemäß
am Stoppschild an, obwohl die Straße vollkommen verlassen
vor ihnen lag. Dann bog er Richtung Süden ab.
»Fahr da lang«, sagte Henrik nach etwa zehn Minuten, als der
Wegweiser nach Enslunda auftauchte.
Niemand begegnete ihnen. Der Kiesweg endete bei den Bootshäusern,
und Tommy fuhr den Lieferwagen so nahe wie möglich
an das Häuschen heran.
Es war so dunkel wie in einer Höhle, aber im Norden konnte
man das Licht des Leuchtturmes von Åludden sehen.
Henrik öffnete die Wagentür, und sofort war das Rauschen
der Wellen deutlich zu hören. Das Geräusch drang vom pechschwarzen
Meer herauf. Er musste unwillkürlich an seinen
Großvater denken, der an diesem Ort vor sechs Jahren gestorben
war. Algot war fünfundachtzig und schwer herzkrank gewesen.
Trotzdem hatte er sein Bett verlassen, sich ein Taxi gerufen und
sich an einem windigen Wintertag zu seinem Bootshaus fahren
lassen. Der Taxifahrer hatte ihn an der Straße aussteigen lassen,
und kurz darauf musste er einen schweren Infarkt bekommen
haben. Algot war es noch gelungen, sich bis zum Bootshaus
zu schleppen. Dort hatte man ihn am nächsten Tag tot aufgefunden.
»Ich habe eine Idee«, sagte Tommy, während sie ihre Beute im
Licht der Taschenlampen ins Bootshaus trugen. »Ein Vorschlag
nur. Hört zu und sagt mir, wie ihr ihn findet.«
»Was ist es denn?«
Tommy reagierte nicht. Er beugte sich in den Laderaum des
Lieferwagens und zog etwas hervor. Es sah aus wie eine schwarze
Wollmütze.
»Die hier haben wir in Kopenhagen eingesteckt«, erklärte er.
Dann hob er das schwarze Stoffstück ins Licht, und Henrik erkannte,
dass es keine normale Wollmütze war.
Es war eine Strumpfmaske mit Löchern für die Augen und den Mund.
»Mein Vorschlag lautet also, dass wir diese hier das nächste
Mal aufsetzen«, erläuterte Tommy, »und die Sommerhäuser hinter
uns lassen.«
»Aha, und was machen wir stattdessen?«
»Bewohnte Häuser.«
Ein nervöses Schweigen breitete sich in der Dunkelheit am
Strand aus.
»Logo«, stimmte Freddy als Erster zu.
Henrik betrachtete wortlos die Strumpfmaske. Er musste
nachdenken.
»Ich weiß schon … das Risiko steigt«, gab Tommy zu. »Aber der
Gewinn auch. Wir werden niemals Kohle oder Schmuck in den
Sommerhäusern finden … nur in Häusern, in denen Leute das
ganze Jahr über wohnen.« Er warf die Mütze zurück in den Wagen
und fuhr fort: »Wir müssen natürlich erst Aleister fragen, ob
das in Ordnung wäre. Und wir müssen sichere Häuser auswählen,
die ein bisschen abgeschieden liegen und keine Alarmanlagen
haben.«
»Und keine Hunde«, fügte Freddy hinzu.
»Richtig. Auch keine verdammten Köter. Niemand wird uns
wiedererkennen können, wenn wir diese Dinger aufhaben«, unterstrich
Tommy und fixierte Henrik. »Was sagst du dazu?«
»Ich weiß nicht.«
Ums Geld ging es ihm gar nicht – Henrik hatte ja einen gut bezahlten
Handwerkerjob –, er war nur auf den Kick aus. Der vertrieb
ihm den öden Alltag.
»Freddy und ich machen das auch solo«, sagte Tommy. »Dann
bleibt mehr Knete für uns übrig, kein Problem.«
Henrik schüttelte energisch den Kopf. Vielleicht würden sie
nicht mehr so viele gemeinsame Dinger drehen, aber er wollte
selbst entscheiden, wann er ausstieg.
Er erinnerte sich an das zertrümmerte Buddelschiff und sagte
mit fester Stimme:
»Ich bin dabei … wenn wir es ruhig angehen lassen. Und niemand
kommt zu Schaden.«
»Wem sollten wir denn Schaden zufügen?«, fragte Tommy
freundlich.
»Den Besitzern.«
»Die schlafen doch, verdammt … und wenn sie aufwachen soll-
ten, sprechen wir einfach Englisch. Dann glauben die, dass wir
Ausländer sind.«
Henrik nickte, war aber noch nicht vollkommen überzeugt.
Er zog die Plane über die Beute und verschloss das Bootshaus mit
dem Hängeschloss.
Sie sprangen in den Lieferwagen und fuhren gen Süden zurück
nach Borgholm.
Nach knapp zwanzig Minuten waren sie in der Stadt, in der
Spaliere von Straßenlaternen versuchten, die Herbstdunkelheit
zu vertreiben. Die Bürgersteige waren so menschenleer wie die
Landstraße. Tommy verringerte das Tempo und hielt vor dem
Mietshaus, in dem Henrik wohnte.
»Alles paletti«, sagte er. »Wir sehen uns in einer Woche, ja?
Nächsten Dienstagabend?«
»Geht in Ordnung … aber ich werde bestimmt vorher noch einmal
rausfahren.«
»Dir gefällt es hier in der Einöde, was?«
Henrik nickte.
»Okay, aber Finger weg von den Sachen. Wir finden einen Käufer
in Kalmar. Keine eigenen Geschäfte!«
»Das ist euer Ding!«, verabschiedete sich Henrik und schlug
die Wagentür zu.
Er ging auf die Haustür zu und sah auf die Uhr. Halb zwei. Es
war doch noch ziemlich früh. Jetzt würde er noch fünf Stunden
in seinem einsamen Bett schlafen können, bis ihn der Wecker zu
seinem bürgerlichen Job rief.
Er musste an alle Häuser denken, in denen Leute schliefen.
Einheimische.
Er würde abhauen, wenn etwas schiefging. Wenn jemand aufwachte,
dann würde er einfach abhauen. Die Brüder und ihr
dämlicher Geist im Glas würden selbst klarkommen müssen.

Über Johan Theorin

Biografie

Johan Theorin, geboren 1963 in Göteborg, gehört zu den meistgelesenen Krimiautoren seines Landes. Die vier Bände seines Öland-Quartetts, ausgezeichnet unter anderem mit dem Preis für das Beste Krimidebüt und den Besten Kriminalroman des Jahres sowie dem renommierten CWA International Dagger Award,...

Weitere Titel der Serie »Öland-Reihe«

Johan Theorin wählt als Schauplatz seiner Jahreszeiten-Krimis die beschauliche schwedische Insel Öland. Fantastische und mystische Elemente bereichern seine Kriminalromane.

Pressestimmen

Hannoversche Allgemeine

»Johan Theorin spielt virtuos mit den Mitteln des Geisterromans. Der Atmosphäre seiner beklemmenden Schilderungen kann man sich nicht entziehen. Die in wechselnden Perspektiven geschriebene Geschichte ist fesselnd. So macht das Buch Appetit auf die nächste Folge des geplanten Öland-Vierteilers.«

Leipziger Volkszeitung

»Man muss sich schon wundern, wo die Schweden immer wieder ihre exzellenten Krimiautoren hernehmen. Johan Theorin ist ein solches Beispiel. Nebelsturm ist Krimi und Mystery, Familienepos und psychologischer Roman zugleich.«

Buchmarkt

»Das ist einer der schönsten mir bekannten Romane, die gleichzeitig Krimi und Roman sind. Die karge Ostseelandschaft bildet eine grandiose Kulisse, vor der sich die Schicksale ihrer Bewohner abspielen. Hier ist die manchmal minuziöse, naturalistische Art der Beschreibung vollkommen angebracht und erzeugt eine bodenlose Spannung. In allem Normalen wittert man das Schreckliche.«

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»Der Schwede Johan Theorin verbindet Krimi mit Grusel – meisterhaft.«

Sächsische Zeitung

»Dunkel und rau wie der Winter auf der schwedischen Insel Öland ist dieses Buch.«

MySelf

»Perfekte Lektüre für neblige Novemberabende – und so unheimlich, dass ich mich nicht mehr allein in den Keller getraut habe.«

Bunte

»Ein Grusel-Thriller, der in keines der üblichen Schemen passt.«

Buchjournal

»Die Geschichte, die uns Theorin erzählt, ist geeignet, dem Leser Schauder über den Rücken zu jagen.«

Neue Luzerner Zeitung

»Meisterhaft, wie der Schwede Johan Theorin die Nebelstürme über die Insel fegen lässt, dass einem gar beim Lesen kalt wird, fast hört man die Geisterstimmen, die von der dunklen Vergangenheit des Hofes Aludden wispern. Ein schaurig-schöner Krimi.«

Rheinische Post

»Eine faszinierende Mischung aus Krimi und mystischer Erzählung.«

Mitteldeutsche Zeitung

»Erneut mischen sich sehr heutige Verbrechen und dunkle Schatten aus der Vergangenheit zu einem Thriller, der seinen Lesern den Atem rauben wird.«

Buchjournal

Ideale Lektüre für dunkle Winterabende – und große Kriminalliteratur.

Brigitte Woman

»Wenn Sie Filme wie „Sixth Sense“ mögen, dann werden Sie auch von diesem Krimi nicht genug kriegen – und ihn womöglich gleich noch mal von vorn lesen, um besser mit dem Ende fertig zu werden.«

Brigitte

Man sollte immer vorsichtig sein, wenn irgendwas zum nächsten großen Ding ausgerufen wir, aber bei Johan Theorin sind alle Lobeshymnen angebracht.

Bunte

Ein Gruselthriller, der in keines der üblichen Schemen passt.

Kommentare zum Buch

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