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Nach mir die Sintflut

Nach mir die Sintflut

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Nach mir die Sintflut — Inhalt

Mag manch einer alle, die im Besitz einer Senioren-Bahncard sind, schon »voll Oma« finden, wirklich alt ist man erst ab Mitte achtzig – wenn das, was man auf dem Kopf trägt, kein Hut mehr ist, sondern plötzlich ein »Hütchen« und die Großnichte fragt: »Tantchen, erzähl doch mal, wie war’s denn so zu Kaiser Wilhelms Zeiten?« Ilse Gräfin von Bredow weiß, wovon sie spricht, und beweist es auch hier wieder mit treffendem, bissigem Witz.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.02.2013
224 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30089-6

Leseprobe zu »Nach mir die Sintflut«

… und kein bisschen weise
Viele Jahre waren wir einfach alt und wurden unter dem Sammelbegriff »Rentner« geführt. Jetzt, zwischen fünfundachtzig und hundert, befinden wir uns, wie man es taktvoll nennt, »in fortgeschrittenem Alter«. Ein Fortschritt, der das Besondere an sich hat, dass er ein Rückschritt ist, denn in den Medien spricht man – was uns Frauen betrifft – nun gern von »alten Damen«: »Die alte Dame versuchte vergeblich, sich gegen den Einbrecher zu wehren.« In Bayern allerdings wählte man vor Jahren geradeheraus das Wort »hochbetagt«. Als ich [...]

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… und kein bisschen weise
Viele Jahre waren wir einfach alt und wurden unter dem Sammelbegriff »Rentner« geführt. Jetzt, zwischen fünfundachtzig und hundert, befinden wir uns, wie man es taktvoll nennt, »in fortgeschrittenem Alter«. Ein Fortschritt, der das Besondere an sich hat, dass er ein Rückschritt ist, denn in den Medien spricht man – was uns Frauen betrifft – nun gern von »alten Damen«: »Die alte Dame versuchte vergeblich, sich gegen den Einbrecher zu wehren.« In Bayern allerdings wählte man vor Jahren geradeheraus das Wort »hochbetagt«. Als ich kurz nach dem Krieg meine dort gelandete Schwester besuchte, entdeckte ich bei einem Spaziergang mit meiner Mutter eine brennende Feldscheune und meldete es der Polizei. In dem Protokoll stand: »Als ich mit meiner hochbetagten Mutter an der Scheune vorbeikam …« Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter so um die fünfundsechzig.
Jetzt wird das Wort »Alte« durch die Bezeichnung »Senioren« ersetzt. Und wir kommen nicht mehr ins »Altersheim«, sondern in »Residenzen«, was die Sache auch nicht besser macht. Doch selbst wir retuschieren gern an unserem Alter herum und denken mit Wehmut daran zurück, als wir noch achtzig waren – »schön war die Zeit!« Nun ja, ganz so schön auch wieder nicht. Einige Krankenhausaufenthalte, Grippen und einen unangenehmen, hartnäckigen Husten musste man schon in Kauf nehmen, und manchmal hat man gedacht, das letzte Stündlein habe geschlagen. Dieser oder jener von uns hat mal wieder die gesamte Familie antanzen lassen, das Testament durchforstet und Sachen verschenkt, mit denen die Empfänger nicht so recht was anfangen konnten, wie mit dem wuchtigen, bleischweren Aschenbecher, von dem sich ein Onkel schweren Herzens trennte, zumal der Beschenkte Nichtraucher war. Aber dann hat man sich erstaunlicherweise doch wieder berappelt und Freunde und Familie mit dem detaillierten Krankenbericht bei der dritten Wiederholung viel Geduld und Langmut abverlangt.
Und nun liegen die achtzig weit hinter uns, inzwischen sind oder werden wir Urgroßmütter oder Urgroßväter. Aber fühlen wir uns deshalb
uralt? Und woran erkennen wir, in welche Altersstufe wir gehören? Zum Beispiel daran,
– wenn die Großnichte fragt: »Tantchen, erzähl doch mal, wie war’s denn so zu Kaiser Wilhelms Zeiten?«;
– wenn der Abiturient von nebenan wissen will: »Welcher Krieg war schlimmer, der erste oder der zweite?«;
– wenn die Freundin des Urenkels verkündet: »Ich hab gelesen, Sie durften nicht einmal mit Ihrem Verlobten im selben Abteil fahren. Is’ ja geil!«;
– wenn das, was wir auf dem Kopf tragen, kein Hut mehr ist, sondern ein Hütchen – »Was haben Sie für ein reizendes Hütchen auf!«;
– wenn man einen Gleichaltrigen im Gespräch erwähnt und die fassungslose Frage zu hören bekommt: »Was? Der lebt noch?«;
– wenn wir zu allen unter Siebzigjährigen bei passender Gelegenheit »Aber Kind« sagen; – wenn wir einem Altersforscher nur mit einem überlegenen Lächeln lauschen können, weil er in unseren Augen gerade sein Lätzchen abgelegt hat, aber jetzt schon von seinen inneren Abschieden spricht und dann noch meint, uns erklären zu müssen, was es mit dem Alter so auf sich hat.
Denn er weiß nicht, was wir wenigstens wissen: Es steckt voller Überraschungen. Und was Curd Jürgens sang: »Sechzig Jahre und kein bisschen weise, aus gehabtem Schaden nichts gelernt …«, gilt auch für viele von uns Hochbetagten. Da man aber den Charakter des alten Menschen gern vergoldet und ihn für abgeklärt und weise hält, wird er oft falsch eingeschätzt. Und das sieht dann so aus: »Karin, setz dich doch mal zu deiner Urgroßtante. Sie guckt so traurig.«
Und was bedrückt die liebevoll befragte Tante? »Sag mal, Kindchen, wer ist denn diese greuliche Person neben meinem Großneffen Friedrich? Wo hat er denn die aufgegabelt?« Das den Familienklatsch liebende Tantchen hat mal wieder ins Schwarze getroffen. Die Familie ist entzückt über das Wort greulich. Sie war von Anfang an entsetzt über Friedrichs Zukünftige und empfindet deshalb Tantchens Frage keineswegs als anmaßend oder taktlos, im Gegensatz zu dem vor zwei Tagen mit einer Nichte geführten Telefonat, bei dem sie deren allseits beliebten Sohn einen Waschlappen nannte, was einen Sturm der Entrüstung auslöste.
Ob nun taktvoll, abgeklärt, gütig und weise oder nicht, ohne unser Zutun und nur aufgrund unseres hohen Alters avancieren wir oft zum Vorbild, und das ganz besonders für den Nachwuchs, was die Kleinen jedoch eher verstimmt als einsichtig macht.
»Deine Uroma ist schon neunzig und steht trotzdem jeden Morgen um sieben Uhr auf.« – »Warum?«

 

Gelegentlich wird man sogar von den Nachbarn bewundert: »In Ihrem Alter noch immer ohne Stock. Da kann sich mancher ein Beispiel dran nehmen.«
Wer ein Vorbild sein möchte, muss natürlich noch einigermaßen intakt sein und nicht so ein Schussel wie beispielsweise ich, die ich immer wieder aufs Neue nach meinem Wohnungsschlüssel suche, statt ihn einmal dort hinzulegen, wo er hingehört – neben die Tür. Denn den Status des Vorbilds kann man schnell verlieren und bei den mitleiderregenden Uralten landen, die von jüngeren Menschen gern mit diesem fröhlichen Unterton in der Stimme angesprochen werden: »Dir ist schwindlig? Alles halb so schlimm! Da legen wir uns einfach mal ein Weilchen hin.«
Dabei lechzen wir doch nach Bewunderung, besonders dann, wenn mit uns nicht mehr allzu viel Staat zu machen ist, die Muskeln schnell schlaff werden und die von den vielen Tropfen trüben Augen Mülltonnen von Menschen nicht mehr unterscheiden können. Auch unser Gehör hat mehr und mehr Ruhebedarf und stellt sich trotz teurer Hörgeräte einfach ab. Aber sowie man uns bewundert, nicken wir zufrieden und genießen es, wenn auch sicher nur vorübergehend, eine Respektsperson zu sein und nicht nur ein Sammelbegriff. Ich selbst gehörte früher in jeder Gemeinschaft zu den Schlusslichtern. Im Internat war ich eine absolute Niete beim Brennballspielen. Wenn die Mannschaft aufgeteilt wurde, interessierte sich niemand für mich, denn mit schöner Regelmäßigkeit traf der Ball mich schmerzlich, ehe ich ihn schlagen konnte. Und im Arbeitsdienst keuchte ich beim fröhlichen Lauf durch das vom Morgentau klitschnasse Gras hinter den anderen her. Gelobt wurden wir so gut wie nie, man fand zu viel Lob damals für junge Menschen schädlich. Selbst die Bäuerin, der ich bewies, wie routiniert ich mit der Zentrifuge umgehen konnte, die Milch und Sahne voneinander trennt, staunte zwar, sagte aber statt eines Lobs nur trocken: »Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.« Doch jetzt im hohen Alter hat sich das Blatt gewendet. Wir werden wegen jeder Kleinigkeit bewundert. Und dazu haben wir noch die Aura des Zeitzeugen, der, was meine Generation betrifft, ja tatsächlich eine Menge erlebt hat. Die kleinste Leistung findet Beifall:»Sie ziehen Ihre Markise noch alleine hoch?! Alle Achtung! Sie gehen noch im Dunkeln im Park spazieren?! Ist ja mutig! Sie fahren noch Rad?! Bewundernswert!«
Die Uroma alten Stils ganz in Schwarz und ohne jedes Make-up gibt es zwar nicht mehr, doch irgendwie spuken sie und ihre altersbedingte Rückständigkeit immer noch in den Köpfen mancher Jüngeren herum. Dabei sind wir keineswegs von gestern, ebenso wenig, wie es damals unsere Mütter waren, die zwei Kriege über sich ergehen lassen mussten. Wir schwimmen wacker im Mainstream mit und bemühen uns zu verstehen, dass der, wie man früher gesagt hätte, überarbeitete Urenkel eine »Auszeit« braucht, um ein »Burn-out« zu vermeiden. Auch wir lieben inzwischen leider das Wort »Depression« und sprechen nicht mehr von »schlechter Laune« oder »Verstimmtheit«. Auch wir besitzen selbstverständlich ein Handy und behaupten, es sei kinderleicht zu bedienen, obwohl es meist in der Schublade bleibt. Aber insgesamt – tief in unserem Innern – hängen wir doch noch am Althergebrachten, finden den angedeuteten Knicks der zukünftigen Frau des Enkels einfach zu reizend und denken, wenn uns der Urenkel lässig die linke Pfote reicht: »Wo ist das brave Händchen?« Wir tragen innere Kämpfe aus, nicht gekränkt zu sein, wenn uns zum Geburtstag nur per Telefon und SMS gratuliert wird statt mit langen Briefen oder ausgesuchten Blumenkarten. Und wir sind uneins mit uns, ob wir das kurze »Hi!« der jungen Nachbarin unmöglich finden sollen oder nicht.
Aber einem Problem entwachsen wir von Jahr zu Jahr mehr und mehr – dem nachteiligen Vergleich mit anderen Familienmitgliedern unserer Generation, denn von denen gibt es immer weniger, und die Jahrgänge davor kennt zum Glück niemand mehr. Jetzt haben wir endlich die Chance, uns unsere Ähnlichkeit selbst auszusuchen. In meinem Fall empfinde ich eine tiefe Seelenverwandtschaft mit Wuffi, dem Hund meiner verstorbenen Freunde, den aber auch schon seit etlichen Jahren der grüne Rasen deckt. Er starb so angenehm, wie es sich jeder Mensch nur wünschen kann, an einem Frühlingstag unter blühenden Bäumen. Und das Letzte, was ich von ihm hörte, war ein zufriedenes »Wuff«. Wie er in fortgeschrittenen Jahren, taumle auch ich leicht von einer Seite auf die andere, und die Vorübergehenden sagen gelegentlich schmunzelnd: »Na, war wohl mehr als ein Gläschen in Ehren?« Auch ich stoße mich mit Vorliebe an Gegenständen, die meiner Meinung nach völlig sinnlos in der Gegend herumstehen, und gebe dabei einen wuffähnlichen Ton von mir. Auch ich bin sehr wählerisch mit dem Essen und beobachte, wenn ich unterwegs bin, ein wenig misstrauisch meine Umwelt. Ebenso wie er liebe ich die Wärme, verkneife mir allerdings tunlichst, mich wie er auf jedes Plätzchen zu legen, das mir gemütlich erscheint, um die Sonne zu genießen. Nicht alles ist mir gestattet, was für ihn selbstverständlich war. Aber trotz aller Seelenverwandtschaft: So viele Tränen wie bei seinem Tod werden bei meinem nicht fließen.
Doch das ist kein Grund zur Traurigkeit. Es ist nun einmal so, dass wir dank der Fortschritte in der Medizin und anderer vorteilhafter Lebensumstände so alt werden, und der Bibelspruch: »Das Leben währet siebzig Jahr« längst überholt ist. Das Alter hat ja auch gewisse Vorteile, wie etwa den der Erinnerung und des Vergleichens zwischen heute und damals. So traf ich vor nicht langer Zeit bei Freunden einen jungen Mann, dessen Stimme längst Vergessenes in mein Gedächtnis zurückkehren ließ. Er war – wie sich herausstellte – der Urenkel eines Herrn, mit dem ich vor siebzig Jahren eine Spritztour auf seinem Motorrad gemacht hatte. Leider führte uns sein schneidiger Fahrstil schnurstracks in einen Graben, was aber bei dem damals nur möglichen Tempo glücklicherweise ohne Folgen blieb. Sofort sprach ich seinen Urenkel darauf an, und er hörte mir höflich, aber wenig interessiert zu. Sein Motorrad war natürlich von ganz anderem Kaliber als das zu meiner Jugendzeit, doch auch er war wie ich damals nicht allein. Das weibliche Wesen in dunkler Lederkluft, dessen Gesicht von einem schwarzen Helm verborgen wurde, saß bereits auf der Maschine. Es war wie vor siebzig Jahren – ein lauer Frühlingstag, zwei junge Menschen auf einem Motorrad, ein rasanter Start. Und doch war da ein großer Unterschied: Die junge Dame steuerte, ihr Begleiter saß auf dem Soziussitz. »Ja, ja, lang ist’s her …«

 

Die guten Vorsätze

 

Wie wir wissen, ist der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert. Bei uns Uralten ist es manchmal schon der kurze Gang ins Badezimmer. Was hat man am Abend davor seinem Körper nicht alles an Gutem versprochen, was man für ihn tun will. Das gilt natürlich mehr für uns Singles. Bei Ehepaaren macht oft der weibliche Teil, was die Körperpflege betrifft, beim Partner Druck. »Die Sache mit dem Dreitagebart, und das in deinem Alter, wollen wir gleich vergessen. Damit fangen wir erst gar nicht an.«
Der Vorsatz, uns endlich mehr Gedanken über unseren Körper zu machen, der uns trotz vieler Baustellen weiterhin treu dient und dafür belohnt werden muss, wird uns in den Wartezimmern der Ärzte geradezu aufgedrängt. Als guterzogener Patient hat man sich ein Vierteljahr lang auf den Termin eingestellt, ist gehorsam der Sprechstundenhilfe – »Sie dürfen sich schon mal setzen« – gefolgt und sitzt nun geduldig zwei Stunden ab, bis man aufgerufen wird. Zum Zeitvertreib bemächtigen wir uns jener meist für die Weiblichkeit bestimmten Magazine, die zu unserer großen Freude tatsächlich erst eine Woche alt sind und nicht ein Jahr, was hin und wieder auch vorkommt, und durchblättern sie. Dabei geraten wir der Werbung und den klugen Worten von Psychologen ins Netz, und plötzlich fällt es uns wie Schuppen von den Augen: Wir beschäftigen uns viel zu wenig mit dem Wohlergehen von Körper und Seele. Das, nehmen wir uns vor, wollen wir schleunigst ändern. Jetzt weiß ich, was meine reife, anspruchsvolle Haut entbehrt. An erster Stelle revitalisierende, nährende Cremes und auch zum Biolifting ist es nie zu spät. Ich werde von nun an um mein Haar kämpfen, das, wie ich lese, so hartnäckig meine Seele beschützt. Von nun an werde ich, mit Tinkturen, Lotionen und Essenzen gepflegt von Kopf bis Fuß, selbstbestimmt und aktiv durchs Leben gehen und inspirierende Streitgespräche führen. Am Abend im Bett teile ich meinem Körper feierlich mit: »Ab morgen bin ich ganz bei dir.« Die Antwort: »Halt die Klappe und mach endlich das Licht aus.«
Leider geht mein selbstbestimmtes aktives Leben schon vor dem Aufstehen flöten. Meine Arthrose hält mich in Schach. Auch das inspirierende Streitgespräch läuft nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Der Radfahrer, der mich fast zur Strecke bringt und den ich wegen seines rasenden Tempos zur Rede stelle, grinst nur über meinen Zorn und murmelt etwas von Friedhofsgemüse. Auch mit dem Kauf der Wundermittel wird es nichts, teils weil man ihre Namen vergessen hat, teils aus Bequemlichkeit. Bedauernd kommt man zu der Erkenntnis, dass das Alter sich besonders für den Spruch mit den guten Vorsätzen eignet.
Auch der Wunsch der Umgebung, dass wir, vom hohen Alter geläutert, eine Art Mutter Teresa werden oder uns in ähnliche Vorbilder verwandeln, bleibt unerfüllt. Hinzu kommt unser ständig schwächelndes Gedächtnis – wie hieß bloß der Kaiser, der Rom anzünden ließ? –, das uns fürchten lässt, bald zur bildungsfernen Unterschicht zu gehören. Hier jedoch zeigt sich das Fernsehen hilfreich und klärt uns auf, was es mit unseren Vorbildern so auf sich hat. Nie wäre ich darauf gekommen, dass Bismarck, dieses Symbol eines vorbildlichen Preußen, im hohen Alter anfing, sich mit Braten und Leckereien bis zum Gehtnichtmehr vollzustopfen, und dass Goethe, unser großer Dichter – der mir die Sommerferien versaute, weil ich sämtliche Monologe der Iphigenie auswendig lernen musste – mehr nach dem Motto »Jeder denkt an sich, nur ich an mich« lebte und seine Frau – mein Gott, wie hieß sie noch? – in der Todesstunde allein ließ.
Also nur nichts übertreiben und die guten Vorsätze dort lassen, wo sie hingehören. Wer wird sich denn freiwillig, hohes Alter hin, hohes Alter her, um den Spaß bringen, ein bisschen zu klatschen, boshaft zu sein und seine Familie mit bestimmten Blicken oder Bemerkungen wie eh und je auf die Palme zu bringen! Deshalb werde ich mich auch nicht, wie ich mir eigentlich vorgenommen habe, grundsätzlich zurückhalten, sondern frank und frei das Enkelkind der besten Freundin, das sich gerade bei unserem Besuch auf dem bequemsten Stuhl räkelt, mit den hasserzeugenden Worten: »Husch, husch« und den dazugehörenden Handbewegungen vom Sessel scheuchen.
Herren unseres gelobten Alters, die sich sowieso immer in der Minderzahl befinden und von denen deshalb mehr hergemacht wird, sind da viel diplomatischer. Der Großonkel öffnet sein Portemonnaie und sagt zu dem auf dem bequemen Sessel sitzenden Knaben: »Ein Euro will dich besuchen, wenn du mir Platz machst.«
Der Junge wirft ihm einen kühlen Blick zu und sagt: »Mindestens zwei.«

Ilse Gräfin von Bredow

Über Ilse Gräfin von Bredow

Biografie

Ilse Gräfin von Bredow wurde 1922 in Teichenau/Schlesien geboren. Sie wuchs im Forsthaus von Lochow in der märkischen Heide auf und besuchte später ein Internat. Während des Krieges war sie im Arbeitsdienst und musste Kriegshilfsdienst leisten. Seit Anfang der Fünfzigerjahre des letzten...

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