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Nach dem SchmerzNach dem Schmerz

Nach dem Schmerz

Thriller

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Nach dem Schmerz — Inhalt

Die gefeierte Cellistin Hannah Gold berührt die Menschen mit ihrer Musik, doch an sie selbst kommt nichts und niemand heran: Seit sie vor 25 Jahren gefoltert wurde, kann Hannah keinen Schmerz mehr empfinden. Die damals Siebenjährige wurde vor den Augen ihres Vaters, einem Staatssekretär im Wirtschaftsministerium der DDR gequält, um geheime Informationen aus ihm herauszupressen. Er schwieg - aber schwieg er mit Absicht, um den Preis ihres Lebens? Hannah hat ihren Vater nie wieder gesehen, bis er eines Abends plötzlich in einem ihrer Konzerte sitzt. Von da an wird sie in einen Strudel aus alten und neuen Machenschaften hineingezogen. Wird verfolgt, angegriffen, gejagt. Es gibt keinen sicheren Ort mehr für sie, und sie begreift, dass es nur einen Ausweg geben kann: Sie muss hinter das Geheimnis ihres Vaters kommen.

Erschienen am 20.03.2017
320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-05778-3
Erschienen am 01.03.2017
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97640-4

Leseprobe zu »Nach dem Schmerz«

Am Abend des 9. November 1989, als Tausende Berliner enthusiastisch die Grenzübergänge bestürmten und das Zentralkomitee der DDR sich in die Hose schiss und betete, dass der Sozialismus noch irgendwie zu retten sei, an diesem Abend wurde im Keller der russischen Botschaft Walter Golds rechte Hand durch einen Schlag mit einem fünfhundert Gramm schweren Hammer zertrümmert.

Kurz darauf klingelten zwei Mitarbeiter des KGB am Gartentor eines Hauses in der Wandlitzer Bonzensiedlung, in dem Walter Golds Tochter Hannah im ersten Stock in ihrem Zimmer saß und [...]

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Am Abend des 9. November 1989, als Tausende Berliner enthusiastisch die Grenzübergänge bestürmten und das Zentralkomitee der DDR sich in die Hose schiss und betete, dass der Sozialismus noch irgendwie zu retten sei, an diesem Abend wurde im Keller der russischen Botschaft Walter Golds rechte Hand durch einen Schlag mit einem fünfhundert Gramm schweren Hammer zertrümmert.

Kurz darauf klingelten zwei Mitarbeiter des KGB am Gartentor eines Hauses in der Wandlitzer Bonzensiedlung, in dem Walter Golds Tochter Hannah im ersten Stock in ihrem Zimmer saß und seit Stunden die Cellosuite No. 1 von Johann Sebastian Bach übte. Am kommenden Sonntag sollten bei einem großen Konzert die begabtesten Nachwuchstalente aus der Welt der klassischen Musik gekürt werden, und Hannah gehörte zu den allerbegabtesten.

Wer kann das an der Tür sein, dachte das siebenjährige Mädchen. Ihre Mutter würde nicht klingeln, denn sie lag in der Berliner Charité, wo sie sich von einer schweren Operation erholte. Ihr Vater war bestimmt noch im Ministerium, und ihren Bruder Orest wollte sie nicht wecken, weil er sie dann wieder ausschimpfen würde. Also stellte sie das Cello beiseite und rannte in ihren Hausschuhen die Treppe hinunter in Richtung Haustür. Dort legte sie die Kette vor, genau so, wie ihre Mutter es ihr gepredigt hatte, öffnete die Haustür einen Spaltbreit, sah zwei Männer und hatte augenblicklich Angst. Dunkle Mäntel, die Hüte tief in die Gesichter gezogen, grimmige Mienen. Der eine groß, mit fettigen Haaren und einer Narbe über der Nase, der andere klein, nervös und kahlköpfig. Außerdem fehlte ihm ein Schneidezahn.

»Dein Vater wartet auf dich«, sagte der Zahnlose.

»Beeil dich, wir haben keine Zeit«, drängte der mit der Narbe.

»Wo ist Papa?«

»Im Ministerium, jetzt mach schon.«

»Soll Orest auch mitkommen?«

»Nein.«

Es war nicht ungewöhnlich, dass Hannah und ihr Bruder noch spätabends abgeholt wurden. Ein ums andere Mal hatte ihr Vater sie in den vergangenen Wochen, seit er im Wirtschaftsministerium so fürchterlich viel zu tun hatte und ihre Mutter im Krankenhaus war, von einem Fahrer zu sich bringen lassen, damit sie und Orest ein ordentliches Abendessen bekamen. Aber die beiden Männer vor der Haustür gehörten nicht zu den Chauffeuren, mit denen sie sonst immer fuhren. Sie waren unfreundlich, und in ihren Stimmen lag ein harter Akzent. Während Hannah in der Tür stand, den Türgriff fest in der Hand, den Blick unschlüssig auf die Männer gerichtet, beugte sich der mit der Narbe zu ihr herunter.

»Dein Papa hat gesagt, du sollst dein Cello mitnehmen.«

»Warum?«, fragte Hannah.

»Weil du was vorspielen sollst. Und jetzt beeil dich. Du willst doch nicht, dass dein Papa warten muss, oder?«

Nein, das wollte sie nicht. Obwohl es seltsam war, dass sie Papa im Ministerium etwas vorspielen sollte. Das hatte sie noch nie gemacht. Aber Papa hat bestimmt einen Grund dafür, dachte sie. Also schluckte Hannah ihre Angst herunter, zog den blauen Mantel und die roten Stiefel an, verstaute das Cello in dem schwarzen Kasten, schulterte ihn und lief nach draußen. Auf halbem Weg hielt sie inne, rannte zurück, nahm ihre gelbe Baskenmütze und setzte sie auf. Die Haustür fiel mit dem vertrauten Rumpeln ins Schloss. Auf dem Weg zu dem schwarzen Wagen, mit dem die Männer sie abholten, drehte Hannah sich noch einmal bange herum, als wüsste sie, dass sie das Haus für lange Zeit nicht mehr sehen würde.

 

Teil Eins

1

In der Notaufnahme der Charité war nicht viel los an diesem 3. Oktober 2016, weshalb sich der Oberarzt viel Zeit nahm und David Berkoff einmal quer durch den Fuhrpark der medizinischen Technik schob. Modernstes EKG, Belastungs-EKG, Dopplerultraschall, Blutdruckmessung.

»Der Herzschlag entsteht durch ein elektrisches Signal des Sinusknotens im rechten Vorhof des Herzens. Dieser Sinusknoten ist gewissermaßen der Schrittmacher Ihres Herzens. Das elektrische Signal überträgt sich auf die Muskulatur der beiden Vorhöfe, die wiederum durch Kontraktion das Blut durch die Herzkammern pressen, und das haben die beiden Jungs bei Ihnen eine Zeit lang vergessen«, erklärte Dr. Braun, während auf einem Computer eine Animation des beschriebenen Vorgangs ablief.

David Berkoff nickte ungeduldig. Es interessierte ihn nicht, was in seinem Körper vor sich ging. Alles, was er hören wollte, war, dass er wirklich lebte – und es sich nicht nur einbildete.

»Sie sind Reporter«, sagte der Arzt.

»Ja.«

»Ich habe Sie schon mal im Fernsehen in einer Talkshow gesehen. Ist aber schon eine Weile her.«

»Fünf Jahre.«

»Sie arbeiten für ein Magazin.«

»Die Woche.«

»Was schreiben Sie?«

»Wen interessiert das schon?«

»Vielleicht habe ich etwas von Ihnen gelesen.«

»Und wenn, haben Sie es längst vergessen.«

Obwohl Berkoff sich alle Mühe gab, das Gespräch verhungern zu lassen, wollte der Arzt den halbwegs berühmten Patienten noch nicht von der Leine lassen.

»Weil es so schlecht war?«

»Nein, weil nichts, was ich schreibe, Bedeutung hat.«

»Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann. Schauen Sie, Herr Berkoff, ich habe vor zehn Jahren gelernt, einen Kehlkopfschnitt zu machen. Ich habe es nie anwenden müssen. Bis vor einer Woche. Ich war bei einem Gartenfest, und ein kleiner Junge hatte eine Wespe verschluckt. Man weiß nie, wozu etwas gut ist.«

»Ich gehe nicht auf Gartenfeste.«

»Haben Sie Preise gekriegt? Pulitzer oder so was in der Art?«

»Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jedes Arschloch.«

Das Gespräch war mühsam gestartet und würde sich in aller Ewigkeit nicht mehr zu einem sinnvollen Gedankenaustausch entwickeln. Jetzt bemerkte das auch der Arzt. Er nahm einen weißen DIN-A-4-Umschlag von seinem Schreibtisch.

»Na, dann. Das sind Ihre Entlassungspapiere. Zeigen Sie sie Ihrem Hausarzt. Und reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum. Einen zweiten Herzstillstand überleben Sie vielleicht nicht.«

David Berkoff nahm den Umschlag entgegen, schüttelte dem Arzt die Hand und verließ die Rettungsstelle. Als er durch die gläserne Eingangstür trat und frische Luft einatmete, war er noch ein wenig wacklig auf den Beinen. Aber das würde sich geben, hatte die Zahnärztin, die ihn im Zug von Warschau nach Berlin reanimiert hatte, gemeint. Er setzte sich auf eine Bank rechts neben dem Eingang. War es unverschämtes Glück gewesen, oder war das Schicksal noch nicht mit ihm fertig und weder Gott noch der Teufel wollten ihn in ihren exklusiven Luxusresorts haben? Jedenfalls hatte im Speisewagen der Polnischen Staatsbahnen AG einen Tisch hinter ihm eine Zahnärztin gesessen, die wusste, was zu tun war, als er über einem Teller Borschtsch zusammenbrach. Sie ließ den Kühlschrank leer räumen, packte kalte Bierflaschen, Wodkaflaschen, tiefgefrorenes Convenience-Food auf ihn drauf, um seine Körpertemperatur herunterzufahren, stülpte ihren roten Mund über seinen und beatmete ihn. Zwischendurch schlug sie immer wieder auf seine Brust, dorthin, wo sein Herz saß, und brach ihm dabei eine Rippe. Aber immerhin erinnerte sich der Muskel in seinem Brustkorb an seine Aufgabe und sein Herz fing wieder an zu schlagen. Als Berkoff nach der Wiederauferstehung von den Toten die Augen öffnete, applaudierten die Kellner und die übrigen Gäste. Berkoff sah die Ärztin erstaunt an. Sie war hübsch, noch keine dreißig und trug keinen Ehering. Mit einem Lächeln, das er sich als eine Art Sesam-öffne-dich für Frauenherzen hätte patentieren lassen können, hielt er ihr seine Visitenkarte hin. David Berkoff, Reporter, Die Woche.

»Sie haben mir das Leben gerettet. Danke.«

»Nichts zu danken. Wenn Sie in Berlin sind, gehen Sie in ein Krankenhaus und lassen ein EKG machen. Nur zur Sicherheit. Und putzen Sie sich das nächste Mal die Zähne, bevor Sie einen Herzstillstand kriegen.«

Sie nickte kurz und verließ den Speisewagen. Den Satz vom Zähneputzen hatten natürlich auch die übrigen Gäste gehört, woraufhin das Wunder der Rettung nicht mehr ganz so romantisch strahlte. Berkoff setzte sich wieder an den Tisch und schrieb weiter. Es war ein Samstagabend. Er hatte zweiundsiebzig Stunden ununterbrochen gearbeitet, ab und an eine halbe Stunde geschlafen, außer billigem Rotwein und schlechtem Speed nichts zu sich genommen. Bis eben auf diesen Teller Borschtsch. Eine rote Suppe, die im Wesentlichen aus einem Fettauge so groß wie ein Bierdeckel bestand. Drei Tage zuvor war Walter Gold, der Mann, der vermutlich als Einziger wusste, wo sich die sieben fehlenden und hochbrisanten Rosenholz-Dateien befanden, in Moskau gesehen worden. Was wollte er dort? Und wieso lebte er, wo er doch 1995 von der russischen Regierung (oder dem, was sich damals Regierung nannte) für tot erklärt worden war? Berkoff hatte den nächsten Flieger in die russische Hauptstadt genommen, um von einem offiziellen Mitarbeiter des Innenministeriums für 3.000 Dollar die Gefangenenliste des Straflagers Krasnokamensk entgegenzunehmen. Krasnokamensk, nahe der Grenze zur Mongolei gelegen, berühmt geworden durch Michail Chodorkowski, der dort von 2005 bis 2006 interniert war. Angeblich war Gold vor siebenundzwanzig Jahren dorthin gebracht worden und dann nach ein paar Monaten verstorben. In den Listen tauchte sein Name jedoch nicht auf. Aber das musste nichts heißen, weil die Listen schlampig geführt waren und Gold ohnehin eine heikle Personalie war. Wenn er aber nicht tot war und wenn er nicht in Krasnokamensk war, wo hatte er sich die ganze Zeit über aufgehalten? Berkoff war von Moskau weiter nach Warschau geflogen, weil es hieß, Gold würde sich in der Villa des russischen Botschafters verstecken. Aber auch das stellte sich als eine tote Spur heraus. Inzwischen war Gold nach Informationen von CNN problemlos am Flughafen Tegel durch die Passkontrolle gekommen und in Berlin untergetaucht. Wieso Berlin? Berkoff wusste es nicht. Noch viel interessanter allerdings war die Frage, ob Walter Gold von den Toten auferstanden war, um die Rosenholz-Dateien aus ihrem Versteck zu holen und endlich zu Geld zu machen. Zu viel Geld. Da alle Flüge von Warschau ausgebucht waren, hatte er den Zug genommen.

Seit zehn Jahren war Berkoff nun schon hinter diesen Dateien her, hatte Ordner voller Material zusammengetragen, hatte mit Hunderten von Zeugen gesprochen, nur die dazu passende Story wollte und wollte nicht fertig werden. Aber jetzt, das spürte er, kam die Sache ins Rollen. Die Hyänen krochen aus ihren Höhlen, um die Beute heimzuholen. Gerade noch rechtzeitig, um ihn wieder ins Geschäft zu bringen. Er griff zum Handy.

»Berkoff. Ich bin Reporter bei der Woche. Kann ich Hannah Gold sprechen? Sagen Sie ihr, sie soll mich zurückrufen. Ich habe Informationen über ihren Vater.«

Vielleicht konnte er über die Tochter herausfinden, ob und wo der Alte sich in Berlin versteckt hielt. Es gab zwar auch noch einen Bruder namens Jakob Orest Gold, aber der befand sich passend zu seinem Namen seit Jahren in einem Sanatorium, in dem die psychiatrischen Ausfälle des besseren Teils der Gesellschaft entsorgt wurden. Berkoff hatte ihn vor zwei Jahren besucht und war von ihm verprügelt worden. Da war Hannah Iphigenie Gold mit Sicherheit der angenehmere Gesprächspartner, obwohl ihr der Ruf vorauseilte, mindestens »schwierig« zu sein. Auch das passte zu ihrem Namen. Wieso geben Leute, nur um ihren bildungsbürgerlichen Horizont zu beweisen, ihren Kindern Namen, für die sie in der Schule verprügelt und später verspottet werden, dachte er. Als er hörte, wie jemand seinen Namen rief, und aufblickte, kam ihm Marlene entgegen. Einen Meter achtzig groß, schwarze Haare, rotes Etuikleid, darüber ein grauer Mantel. Irgendeine Marke, die für einen kleinen Kundenkreis reserviert war. Als ob ein unsichtbarer Finger aus dem Himmel auf sie deuten würde, gab es niemanden, der ihr nicht hinterhersah, wenn sie eine Straße überquerte. Sie baute sich vor Berkoff auf, stützte die Hände in die Hüften.

»Wieso hast du einen Herzstillstand gehabt?«

Der Inhalt ihrer Frage klang nach aufrichtiger Sorge, der Tonfall eindeutig nach erboster Anklage. Berkoff versuchte sich mit Ironie vor dem Verhör zu retten.

»Ich hab so sehr an dich gedacht, dass mein Herz nicht mehr mitgemacht hat.«

»Du bist ein Idiot.«

Er erhob sich von der Bank, sie umarmten sich. Ein kurzer Kuss, dann nahm Marlene ihn an der Hand.

»Ich fahr dich nach Hause.«

»Nicht nach Hause. Lieber ins Hotel.«

Sie sah ihn überrascht an, als könnte sie nicht glauben, dass er das meinte, was mit »Hotel« für gewöhnlich gemeint war.

»Sicher?«

»Sicher.«

»Was ist passiert?«

»Erzähl ich dir während der Fahrt.«

David Berkoff und Marlene Albers waren drei Jahre lang verheiratet gewesen. Es war Berkoffs zweite Ehe. Die erste mit Heidi war nach der Geburt seines Sohnes Jonas in die Brüche gegangen. Wer ihn nach den Gründen fragte, bekam wie üblich die Sorte Antwort, mit der Berkoff nichts von sich verriet: »Moleküle zweier ungleicher Stoffe müssen sich so nahe kommen, dass eine chemische oder physikalische Verbindung stattfinden kann. Das gilt auch für menschliche Feststoffe. Zu Anfang führt sexuelle Begierde das Regiment, die in einer zweiten Phase von intellektueller Neugier abgelöst wird, die wiederum in den Wunsch nach der Sicherheit einer Familie mündet. Wenn Kinder auftreten, lässt die Adhäsion spürbar nach. Zuerst wird der Sex langweilig, weil beide Geschlechter ihre biologische Aufgabe erfüllt haben. Danach erlischt die intellektuelle Neugier. Wenn auch der Wunsch nach der vermeintlichen Sicherheit der Familie nicht mehr ausreicht, um zwei Menschen aneinander zu binden, lässt man sich am besten scheiden, bevor man sich gegenseitig die Köpfe einschlägt.«

Mit Marlene Albers gab es keine Kinder, keinen Wunsch nach materieller Sicherheit, keine eingeschlagenen Köpfe. Dass sie sich trotzdem scheiden ließen, lag an Berkoff. Er kam nicht damit klar, dass sie seine Chefin war. Und wenn sie über die Scheidung hinaus trotzdem aneinander festhielten, lag das einzig und allein an sexueller Begierde. Und die sollte nun in einem Hotel von der Leine gelassen werden.

 

2

Als Hannah Gold durch eine Tür an der Seite der Bühne ins Publikum sah, war es so still, dass sie das Atmen der mehr als fünfhundert Menschen wie eine einzige Welle zu hören glaubte. Ein unruhiges Anschwellen und Abschwellen eines in gespannter Erwartung verharrenden Bienenschwarms. Das Matinee-Konzert im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie war das vorletzte auf ihrer 2016-Tour durch Europa. Es würde ein Erfolg werden wie schon die Konzerte in Rom, Paris, Madrid und den vierundzwanzig weiteren Städten. Die Kritiker hatten sie überall begeistert gefeiert, ihr Spiel, ihre radikale Fusion von Klassik und moderner Unterhaltungsmusik in höchsten Tönen gelobt und dabei nicht vergessen, ihre Attraktivität zu erwähnen, als sei es ein Wunder, dass eine schöne Frau gleichzeitig auch eine gute Musikerin sein konnte.

Kurz bevor sie die Bühne betrat, zog sie den rechten Ärmel ihres langen, schwarzen Kleides über die Handgelenke. Sie wollte nicht, dass man die Narben sah, die sich von dort aus über den gesamten Körper ausbreiteten. Sie sah zu Sam, ihrer Managerin, die auf der Bühne stand und einen Moment wartete, bevor sie den Namen Hannah Gold ins Publikum warf. Gleich danach brach der Schwarm in einen Sturm der Begeisterung aus. Hannah nahm ihr Cello, machte den ersten, den schwierigsten Schritt und ließ sich dann vom Applaus zu dem Stuhl in der Mitte der Bühne tragen. Setzte sich. Nahm das Cello zwischen die Beine. Es war 1743 von Antonio Stradivari gebaut worden und trug den Namen Ruben, weil der berühmte Ruben Petrowitsch es von 1892 bis 1910 gespielt hatte. Danach war es für knapp einhundert Jahre verschwunden gewesen und erst 2008 auf abenteuerliche Weise wieder aufgetaucht.

Fünfhundert Augenpaare waren so erwartungsvoll auf Hannah gerichtet, als sei ihre Darbietung ein Altar, vor dem man niederknien musste. Hannah spannte ein letztes Mal den Bogen. Sie wusste, sie würde mit Bach beginnen, später vielleicht eine Wagner-Melodie aufgreifen, von dort zu Sinatra oder Elvis wechseln, bei den Beatles oder Rage Against the Machine landen. So machte sie es bei jedem Konzert. Nachdem sie das Publikum mit Klassik sediert hatte, schloss sie Musikstücke einfach zu neuen Kompositionen zusammen. Dafür wurde sie von einigen Puristen gehasst, niedergeschrieben und beleidigt. Aber das hinderte sie nicht daran, mit der unfreiwilligen Entschlossenheit, die einen gewissen Wahnsinn auszeichnet, weiterzumachen. Sie spielte nicht kalkuliert, nicht einmal bewusst, sie spielte, weil sie keine andere Möglichkeit hatte, die Dämonen in ihrer Seele zum Schweigen zu bringen. Wenn ihr jemand dabei nicht folgte, bekam derjenige Ärger. Vor Jahren hatte sie einen Mann, der während eines Konzertes deutliche Töne des Missfallens äußerte, an den Haaren aus dem Saal gezogen.

Jetzt schloss sie die Augen und sperrte die Welt aus. Hörte nichts, sah nichts. Rief Johann Sebastian Bach herbei. Bat ihn, seine Cellosuite No. 1 in G-Dur, Prélude & Tanzsätze, spielen zu dürfen. Nicht so, wie er sie geschrieben hatte, sondern so, wie er sie vielleicht heute schreiben würde. Für sie. Und nur für sie. Sie legte den Bogen auf die G-Saite, holte Luft, wartete, bis die Musik in ihrem Bauch zu schwingen begann, noch bevor sie den ersten Ton gespielt hatte. Dann stürmte sie über das Griffbrett des Cellos, schlug, trommelte mit den Fingern der linken Hand, glitt die Saiten rauf und runter. Die blonden Haare flogen, ihr Oberkörper schaukelte vor und zurück, sie zuckte, flüsterte, schüttelte den Kopf, als würde sie sich über einige Noten wundern. Sie lächelte bei einem Arpeggio, stöhnte bei einem Tonsprung, flüsterte und summte. Und dann blutete plötzlich ihr linker Daumen, weil die Umwicklung der G-Saite sich an einer Stelle aufgestellt hatte. Rote Schlieren schwammen auf dem Griffbrett, ein dünnes Rinnsal lief an ihrem Handgelenk herab und verschwand unter dem Ärmel ihres Kleides. Hannah bemerkte es nicht, weil sie sich in diesen Momenten aufgab und von Glück reden konnte, wenn sie nach einem Konzert noch wusste, wer sie war und wo sie war.

Zu Anfang ihrer Karriere war sie von der Kritik belächelt worden, weil sie Jimi Hendrix zu ihrem Vorbild erklärt hatte. So wie er in Woodstock die amerikanische Nationalhymne umgedeutet hatte, wollte sie die Klassiker aus der musealen Gruft der Heiligkeit holen und ihnen neues Leben einprügeln. Ihr Leben. Zu dieser Zeit hatte sie vor halb leeren Gemeindehäusern und in Provinztheatern gespielt. Manchmal hatten sie und Sam sogar durch Hintereingänge vor ein paar aufgebrachten Besuchern fliehen müssen. Im Laufe der Zeit aber wurden die Kritiker müde, langweilten sich an den eigenen Verrissen und vergaßen, sie überhaupt noch zu erwähnen. Erst als der berühmteste von ihnen Hannah einen Tag lang begleiten durfte, sie ihn in einem billigen Hotel vögelte, wo er während des Orgasmus in Tränen ausbrach, beschrieb er in einem hymnischen Artikel Hannahs Spiel als Theophanie. Ein wütender Gott spricht durch Hannah Gold und führt uns, wenn wir bereit sind zu hören, zum innersten Wesen der Kunst, der Erweckung der Seele. In den nächsten Wochen wechselten auch die anderen Kritiker die Seiten. Von da an wurde sie zur Heiligen erklärt, zur Jeanne d’Arc des Cellos, zur Marianne auf den Barrikaden des verknöcherten Musikbetriebes. Hannah nahm die Übertreibung hin, wie sie vorher die Verrisse und Beleidigungen hingenommen hatte: mit Desinteresse und Gleichgültigkeit. Als sie in der Mitte des Préludes ankam, geschah das, was immer bei der No. 1 geschah. Hannah tauchte ein in den Moment vor siebenundzwanzig Jahren, sah einen stummen Film, als wäre es gestern gewesen. Die Fahrt in dem schwarzen Wagen. Die beiden Männer vorne. Ein wulstiger Nacken und fettige Haare, Schuppen wie ein Ausschlag. Sie rauchen. Reden russisch. Hören nicht, wenn sie sagt, dass sie pinkeln muss, weil sie so aufgeregt ist. Sagen, dass sie es einhalten soll, weil sie ja bald am Ziel sind. Sie fahren nicht zum Handelsministerium in der Straße, deren Namen sie sich nicht merken kann. Sie biegen rechts ab statt links. Ein graues Gebäude. Später wird sie herausfinden, dass es die russische Botschaft war. Eingang in der Behrenstraße. Sie erreichen ein großes Tor, das sich automatisch öffnet. Fahren in eine Garage, die unter der Erde liegt. Hinein in eine kalte Dunkelheit, die nur von den Scheinwerfern des Wagens erhellt wird. Lichtbalken, die über andere Autos hinweghüpfen und zuletzt einen Aufzug erfassen. Der Wagen hält an. Die beiden Männer steigen aus. Der Große nimmt das Cello, der Kleinere packt sie an der Hand, zieht sie mit sich. G-Dur mit den berühmten Arpeggien, Abwandlungen und kontrastierenden Einschüben. 4/4-Takt, 42 Takte, Septakkorde und am Ende G-Dur. Ein Zimmer im ersten Stock. Sie soll warten, bis sie abgeholt wird. Neonröhren an der Decke. Ihrem Vater etwas vorspielen. Sie übt noch einmal das Stück, das sie den ganzen Abend geübt hat. Dann wird sie in ein zweites Zimmer geholt. Ein Tisch, mehrere Stühle. Drei Männer. Ihr Vater auf einem der Stühle, gefesselt. Den Kopf auf der Brust, Blut auf dem weißen Hemd. Sie erschrickt. Papa? Was ist mit dir? Keine Antwort. Weiter in dem Prélude. Jetzt der lange bariolageartige Abschnitt. Die chromatische Tonleiter. Über eine Oktave. Setz dich dahin, sagt einer der Männer. Sie kennt ihn, hat ihn schon einmal gesehen, er hat ihren Papa beschützt, als Demonstranten sie im Wagen attackiert hatten. Jetzt greift er in Papas Haare, reißt ihm den Kopf hoch. Ich höre, sagt er. Papa blinzelt ihn an. Sie sieht, dass seine Nase schief steht und ein Auge zugeschwollen ist. Warum haben die ihren Papa geschlagen? Ich höre! Schreit der Mann. Papa schweigt. Zweiter Satz, der erste der fünf Tanzsätze. Allemande, hervorgegangen aus dem mittelalterlichen Reigen. Auch 4/4-Takt, 32 Takte, ebenfalls G-Dur. Sechzehntel. Der Dreiklang G-D-H. Die berühmten Ornamentierungen mit ihren kleinen melodischen Figuren. Schau mal, wer da gekommen ist, sagt der Mann und deutet auf sie. Papa dreht langsam den Kopf, sieht sie erst jetzt, zuckt zusammen. Nicht Hannah, sagt er, lasst meine Tochter in Ruhe. Sie hat nichts damit zu tun. 2. Tanz Courante, 3/4-Takt, 42 Takte. Auch G-Dur. Schneller als Allemande. Zweiteilige Symmetrie, Achtel in großen Intervallsprüngen, Sechzehntel als Tonleiter. Wir lassen sie gehen, wenn du uns den Code gibst, brüllt der Mann. Ich weiß den Code nicht, sagt Papa. Sie fühlt, wie das Pipi an ihren Beinen hinabläuft, in die Strümpfe und die Stiefel einsickert. Du weißt den Code nicht, wiederholt der Mann. Der dritte Tanz, Sarabande, Betonung der ersten und zweiten Zählzeit, danach Punktierung, 3/4-Takt, 16 Takte, wie schon zuvor G-Dur, langsam, getragen. Gebrochene Akkorde und Mehrstimmigkeit, Triller im zweiten Takt. Er kommt langsam auf Hannah zu, nimmt ihr Kinn in die linke Hand und schlägt mit der rechten Faust zu. Oktavsprünge, die rückkoppeln, an die Wände prallen, zurückgeworfen werden wie Hiebe. Menuett 1, 3/4-Takt, 24 Takte, immer noch G-Dur, tänzerisch und bewegt. Gleich danach Menuett 2, 3/4-Takt, 24 Takte, g-Moll, weniger zügig als Menuett 1, fließend. Ein zweiter Faustschlag, der ihren Kieferknochen bricht. Und dann die Gigue, vom französischen giguer, herumtollen. 6/8-Takt, 34 Takte. G-Dur, schnell lebhaft. Blut fließt aus ihrem Mund. Sie stöhnt. Die Trennung von Körper und Seele. Und die Entfernung beträgt siebenundzwanzig Jahre.

Als der letzte Ton im Kammermusiksaal verklungen war, dauerte es eine Weile, bis Hannah die Augen öffnete und sich erinnerte, wo sie war. Sie stand auf, ließ den Applaus wie einen unabwendbaren Sturm über sich ergehen, verbeugte sich höflich und sah ins Publikum. Immer noch verwirrt, aber erleichtert. Irgendwann später, lange nach dem Ende des Konzertes, würde sie lächeln können, das wusste sie. Sie verbeugte sich erneut, und als sie aufsah, stand in der siebten Reihe ein Mann, den sie kannte und von dem sie wusste, dass er dort nicht stehen konnte. Groß, hager, weißhaarig. Er applaudierte nicht, schaute sie an, lächelte. Hannah begann im selben Moment zu frieren, als wäre sie durch eine Eisdecke hindurch in einen See gesprungen. Und nach einem Augenblick der Erstarrung, als ihre Muskeln wieder gehorchten, wandte sie sich ab und floh von der Bühne.

 

3

»Schon wieder? Ich habe ihnen versprochen, dass du Interviews gibst, dass du mit Kritikern sprichst und dass du Zugaben spielst. Und vor allem habe ich ihnen versprochen, dass du nicht einfach so die Bühne verlässt, während die Leute da draußen sich die Hände wund klatschen.«

Sam warf die Garderobentür zu. Sie war außer sich. Zwei Monate hatte sie damit verbracht, den Vertrag für die neue CD auszuhandeln, und dabei den Leuten bei Apple hoch und heilig geschworen, dass Hannah ihre Allüren abgelegt habe.

»Musik ist ein Geschäft, Hannah. Und das weißt du. Es genügt nicht, außergewöhnlich gut zu spielen und Preise zu gewinnen. An der Spitze, dort, wo das Geld verdient wird, gibt es zu wenig Platz.«

»Hast du den Mann im Publikum gesehen?«, fragte Hannah mit zitternder Stimme.

Sam hörte die Frage nicht. Sie war zu sehr in ihren Zorn abgetaucht.

»Also braucht der Künstler neben Talent noch die stählerne Freundlichkeit eines Entertainers und die Fähigkeit seines Agenten, wie zum Beispiel ich es bin, ihn gut zu vermarkten.«

»Hast du den Mann in der siebten Reihe gesehen?«

»Hörst du mir zu, Hannah?«

»Hast du ihn gesehen?«, schrie Hannah.

In Hannahs Augen stand helle Panik geschrieben. Und jetzt bemerkte Sam, dass es sich bei der Flucht von der Bühne nicht um eine Laune gehandelt haben konnte. Siebte Reihe. Die letzte Reihe der männlichen Fans. Die Verehrer, die Hannah im besten Fall Liebesbriefe schrieben und Heiratsanträge machten und im schlimmsten sich selbst als Sexobjekte anboten für jede erdenkliche Art von Perversion. Die meisten dieser Fans kannte Sam. Sie verfolgten Hannah von Konzert zu Konzert und waren polizeilich registriert worden. Bei diesem Konzert waren ein paar Neue dabei gewesen. Und einer von ihnen hatte nicht in die Reihe gepasst. Der Mann war älter, vielleicht siebzig Jahre alt.

»Was ist mit ihm?«

»Er ist es.«

Sam erinnerte sich. Er hatte das ganze Konzert hindurch unbeweglich auf seinem Platz gesessen, hatte Hannah fixiert, als wollte er sie hypnotisieren. Und er hatte nicht applaudiert. Kein einziges Mal. Nur sanft gelächelt. Sam hatte sich das Gesicht merken wollen. Aber dann war Hannah von der Bühne gestürmt und trotz des frenetischen Applauses nicht wiedergekommen, und Sam hatte den Mann vergessen.

»Nicht schon wieder, Hannah. Wer auch immer er ist. Er ist nicht dein Vater. Dein Vater ist seit einundzwanzig Jahren tot.«

Hannah hatte Sam zu Anfang ihrer Zusammenarbeit erzählt, dass sie einen Brief vom russischen Innenministerium erhalten hatte, in dem ihr mit knappen Worten der Tod ihres Vaters am 19. Januar 1995 mitgeteilt worden war. Herr Walter Gold, geboren am 5. März 1933 in Berlin, ist bei einem Betriebsunfall im Straflager JaG 14/10 in Krasnokamensk ums Leben gekommen. Die Leiche kann aus rechtlichen Gründen nicht nach Deutschland überstellt werden. Die Feuerbestattung fand am 21. Januar 1995 statt.

»Er ist es, ich schwöre es dir.«

»Das sagst du jedes Mal, wenn da ein Kerl auftaucht, der älter als siebzig ist und seltsam aussieht.«

»Aber diesmal stimmt es.«

Sam nahm Hannahs linke Hand, sah den tiefen Riss im linken Daumen der Griffhand.

»Und das hier?«

Hannah schaute ihre Hand an, als sei sie ein Fremdkörper oder würde zu jemand anderem gehören.

»Du weißt doch, es tut nicht weh.«

»Ja, das weiß ich. Aber was ist mit dem Abschlusskonzert morgen in Frankfurt? Du kannst so nicht spielen.«

»Wieso nicht? Natürlich kann ich spielen.«

»Wo ist das Desinfektionszeug?«

»Da drüben.«

Hannah deutete auf eine Schublade unterhalb des Schminkspiegels. Sam nahm das Desinfektionsmittel, setzte sich Hannah gegenüber auf einen Stuhl und reinigte die Verletzung.

»Du hast deinen Vater seit siebenundzwanzig Jahren nicht gesehen. Das Bild, das du von ihm hast, hat nichts mit der Realität zu tun. Da draußen hat ein Mann gesessen, der dich an deinen Vater erinnert. Das ist alles.«

»Diesmal ist es anders.«

»Und was ist mit dem Totenschein? Da steht schwarz auf weiß, dass er bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.«

»Vielleicht ist er gefälscht. Oder sie haben ihn mit jemandem verwechselt.«

Sam verband die Wunde und wischte das Blut von Hannahs Arm. Sie sah sie eindringlich an.

»Dann erklärst du mir bitte, wieso er in einem Konzert auftaucht. Wieso hat er dich nicht vorher angerufen? Wieso hat er sich nie gemeldet?«

»Ich weiß es nicht.«

»Und selbst wenn er noch lebt. Mehr als einundzwanzig Jahre in einem russischen Arbeitslager zerstören einen Menschen. Du würdest ihn nicht mal erkennen, wenn er hier vor dir stehen würde.«

Hannah ließ den Kopf sinken. Ja, Sam hatte recht. Hannah wusste es. Es war unvernünftig zu glauben, dass ihr Vater im Publikum gesessen hatte. Und auch wenn sie noch nicht ganz sicher war, wollte sie nun, dass Sam recht hatte. Einfach, damit sie sich nicht länger mit dem Gedanken auseinandersetzen musste. Sie nickte ihrer Managerin zu.

»Es kann irgendjemand gewesen sein«, sagte sie leise.

»Siehst du.«

Ein hartes Klopfen an der Tür. Sam sprang vom Stuhl auf.

»Das sind die iTunes-Leute. Bist du okay, oder soll ich alleine …?«

»Nein, alles okay.«

»Wirklich?«

Hannah nickte erneut.

Sam ging zur Garderobentür, öffnete sie mit einem energischen Schwung. Ein Mann stand davor, ungefähr siebzig Jahre alt, groß, hager, weißhaarig. Er kam definitiv nicht von Apple. Es war der Mann aus der siebten Reihe.

»Ist Hannah da?«

»Wieso?«

»Kann ich sie sprechen?«

»Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Walter Gold, ich bin ihr Vater.«

Er reichte ihr seine linke Hand, weil die rechte neben seinem Körper baumelte, als wäre sie tot.

 

4

Auch wenn er beruflich mit ihr nur schlecht klarkam seit Marlenes rasantem Aufstieg, war Berkoff fasziniert davon, im Bett die Metamorphose einer intelligenten, kontrollierten Frau in ein egoistisches Raubtier erleben zu können. Marlene war schlank und muskulös. Eine Stunde Jogging jeden Morgen, dreimal die Woche Yoga und jeden Abend Meditation. Unter dem immer noch fest gespannten Zelt ihrer Haut hatte kein Gramm Fett Platz. Kleine Brüste, an deren Unterseite dezente Narben von zwei Operationen erzählten, ein straffer Bauch, lange Beine. Sie besaß die harte, kühle Schönheit von Frauen, die den Weg an die Spitze eines Unternehmens überlebt haben, die in Kriege gezogen sind und mehr Siege errungen als Niederlagen erlitten haben. Nächsten Monat würde sie ihren fünfundfünfzigsten Geburtstag feiern. Still und heimlich, im engsten Kreis, nur von den Menschen umgeben, denen sie vertraute und die sie mochten. Das waren nicht viele. Marlene war wählerisch in Bezug auf das Wenige, was sie an Privatleben hatte. Außerdem fehlte ihr die Mütterlichkeit, die einen großen Freundeskreis ermöglicht hätte. Empathie und das, was unter dem Begriff Liebenswürdigkeit zusammengefasst wird, waren ihr fremd. Deswegen mochte Berkoff sie. Vielleicht liebte er sie sogar. Auf alle Fälle schlief er noch immer mit ihr. Wie auch an diesem Dienstag nach der Redaktionssitzung für die kommende Ausgabe des großen deutschen Nachrichtenmagazins namens Die Woche. Anfangs waren sie noch vorsichtig gewesen, weil Marlene nicht wollte, dass sein Herz noch einmal stehen blieb. Zumindest nicht, solange sie mit ihm im Hotel war. Ihrem Exmann und zukünftigen Ex-Mitarbeiter, wovon Berkoff zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts ahnte. Als es getan war, stand sie rasch auf und ging unter die Dusche, als wollte sie den Kontrollverlust abwaschen. Berkoff blieb im Bett liegen und hörte dem Rauschen des Wassers zu. Er dachte an die Gerüchte, die seit Tagen durch die Flure der Redaktion geisterten. Sinkende Auflage bedeutete sinkende Werbeeinnahmen, bedeutete Verkleinerung der Redaktion, bedeutete Zusammenlegung von Ressorts, bedeutete Entlassungen, bedeutete weniger Qualität, bedeutete weiter sinkende Auflage. Die Belegschaft hatte Angst. Und er? Er war vor einer Woche sechsundvierzig Jahre alt geworden, hatte seinen Geburtstag gemeinsam mit zwei Flaschen Wodka und zwei Gramm Ice gefeiert, weil die beiden keine Ansprüche an Small Talk und sonstige Formen verbaler Wichserei stellten. Als er sich am Morgen danach im Spiegel betrachtet hatte, war er erschrocken. Die Ringe unter den Augen kannte er bereits, aber dass die Schläfen nicht mehr schwarz sondern grau durchsetzt waren, hatte ihn verunsichert. War das schon ein sichtbares Anzeichen für das Ende einer unbesiegbaren Zeit? Seit er 2010 den Bombenanschlag auf das Hotel Babylon Oberoi in Bagdad überlebt hatte, hörte er auf dem rechten Ohr fast nichts mehr. Die schiefen Zähne hatte er vor Jahren richten lassen wollen und es immer wieder rausgezögert. Jetzt passten sie zu den Falten und den geplatzten Äderchen in den müden Augen.

Marlene kam aus der Dusche zurück. Das weiche Lächeln war verschwunden, die zerzausten Haare waren wieder in Form gebracht, sie trug die Perlenohrringe und die Rolex.

»Willst du nicht duschen?«, fragte sie.

»Ich mag es, wenn ich nach dir rieche«, antwortete er, während er beobachtete, wie sie den Slip und den BH anlegte, in das rote Etuikleid schlüpfte.

»Außerdem muss ich den Artikel noch zu Ende schreiben.«

»Nicht nötig«, sagte sie, während sie die High Heels anzog.

»Wieso?«, fragte er verwundert.

»Ich werde dich rausschmeißen.«

Er lachte. Ihn rausschmeißen? Niemals. Immerhin war er David Berkoff. Einer der besten Reporter des Landes. Ein Star. Na gut, ein ehemaliger Star.

»Du kannst mich nicht rausschmeißen. Das ist so, als würde die Kirche Jesus Christus aus der Bibel streichen«, sagte er grinsend. Aber dann sah er in ihren Augen, dass sie es ernst meinte.

»Ich muss dreißig Leute entlassen, David. Du bist einer davon. Wenn du willst, ruf ich Jordan beim Stern an und empfehle dich. Du kannst von mir aus auch dein Empfehlungsschreiben selbst aufsetzen.«

»Wow. Nicht schlecht, Marlene. Super Auftritt. Hast du mal überlegt, beim IS vorzusprechen?«

»Die nehmen keine Frauen in Leitungspositionen.«

Er versuchte zu lachen, um die Verletzung nicht allzu deutlich zu zeigen.

»Und das, nachdem wir gevögelt haben.«

»Wenn ich es dir vorher gesagt hätte, hättest du keinen mehr hochgekriegt.«

»Das heißt, ab jetzt schreiben bei dir nur noch die Wichser, die den Kopf nicht mehr aus den Ärschen der Politiker kriegen.«

»Nein, es schreiben von jetzt an nur noch Wichser, die rechtzeitig liefern und nicht irgendeinen erfundenen Blödsinn zusammenschustern, weil sie drei Wochen lang in ihrer eigenen Kotze gelegen haben. Hast du dir mal angesehen, was im Netz los ist? All diese bescheuerten Blogger, die uns mit zusammengeschusterten Geschichten die Leser wegnehmen, die sind unser Tod. Du kannst als Freier weiter für uns arbeiten. Bring mir gute Stories, und alles ist prima. Ich weiß, wer du bist, David. Du bist da drin ein guter Reporter.«

Sie deutete auf sein Herz.

»Einer von der Sorte, die nicht aufhören können, die an ihrer Neugier zugrunde gehen, erschossen oder von einer Autobombe zerfetzt werden oder zu Tode gefoltert werden, weil sie irgendeinem Mafioso oder Diktator oder sonst einem Schlächter zu nahe kommen. Afghanistan, Bin Laden, Irak, Saddam Hussein, die angeblichen Massenvernichtungswaffen. Großartige Reportagen. Aber das ist alles eine Ewigkeit her. Niemand will mehr mit dir arbeiten, weil du ein abgefucktes Arschloch geworden bist. Du beleidigst Leute, leihst dir Geld, das du nicht zurückgibst. Du bist in permanentem Krieg mit deiner Umgebung. Und am meisten bist du im Krieg mit dir selbst. Vielleicht kannst du wieder der werden, der du einmal warst, aber dann musst du aufhören zu trinken und dir das Gehirn mit Gras aufzuweichen.«

»Du rauchst es doch auch.«

»Ich rauche es, weil ich Krebs habe, nur falls du das vergessen hast.« Sie griff nach ihrem Mantel.

Berkoff unternahm einen letzten Versuch, sie doch noch umzustimmen.

»Was ist mit meiner Reportage über die Rosenholz-Dateien?«

»Das interessiert kein Schwein.«

»Auch nicht, wenn ich dir sage, dass Walter Gold in der Stadt ist.«

»Walter Gold ist seit mehr als zwanzig Jahren tot.«

»Mein Informant ist da anderer Meinung. Und er weiß auch, warum Gold in Berlin ist.«

»Und wer ist dieser Informant?«

Berkoff lächelte sie an. Dachte sie wirklich, er würde ihr den Namen nennen? Jetzt, wo sie ihn gefeuert hatte?

»Okay. Wenn Walter Gold tatsächlich lebt, und wenn das irgendeine Bedeutung für die Rosenholz-Dateien hat, reden wir«, sagte Marlene. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Das Zimmer ist bis achtzehn Uhr gebucht. Und bestell nicht wieder den teuersten Champagner.«

Dann verließ sie das Zimmer.

Berkoff stand auf und ging ins Bad, um zu pinkeln. Sein Blick fiel in den Spiegel.

Du bist Alkoholiker, weil es gut klingt, wenn du sagst, dass ein Alkoholiker niemals aufhört, ein Alkoholiker zu sein, sagte er zu dem Spiegelbild. Es hat diese abgrundtiefe Ehrlichkeit, die die Leute, die keine Alkoholiker sind, mit Ehrfurcht erfüllt. Du rauchst regelmäßig Gras, hin und wieder Ice. Das erzählst du aber nicht, weil dieselben Leute das nicht mögen. Du hast fünf Kilo zu viel auf der Hüfte und du hast seit zehn Minuten keine Festanstellung mehr. Damit gehörst du zur großen Armee der Versager ohne Rentenversicherung. Dabei hast du alles, was es an Preisen für Reporter gibt, zu Hause in einer Kiste liegen. Du warst Anfang zweitausend der bekannteste und gefragteste Kriegsreporter Deutschlands. Du hast Traumhonorare kassiert. Aber all das zählt nicht in einem Business, in dem die Nachrichten des Morgens mittags schon im Schredder landen. Aber du wirst es ihnen zeigen. Eines Tages werden sie dir wieder den Schwanz lutschen, um ein paar Tropfen deines Ruhms zu schmecken.

Zurück im Zimmer bestellte er beim Roomservice eine Flasche Wodka, eine Flasche 2006er Dom Pérignon Rosé, eine Monte Christo und einhundert Gramm Kaviar. 850 Euro. Rechnung aufs Zimmer. Er rief auf seinem Smartphone Sting auf, weil er ein paar sentimentale Streicheleinheiten brauchte, drehte die Anlage auf zehn und trank die zwei Flaschen innerhalb von einer Stunde. Dann schlief er ein. Um halb sechs weckte ihn eine SMS. Kommen Sie ins Café Einstein in der Kurfürstenstraße, wenn Sie Gold sehen wollen. Kein Name, die Rufnummer unterdrückt. Und wer war mit »Gold« gemeint? Hannah oder ihr Vater Walter? Hastig zog er sich an. Als der Roomservice ins Zimmer kam und ihn bat, die Musik leiser zu stellen, weil die Zimmernachbarn sich beschwert hatten, sagte er, sie könnten ihn mal kreuzweise, u

Lucas Grimm

Über Lucas Grimm

Biografie

Lucas Grimm ist das Pseudonym eines erfolgreichen Drehbuchautors, der sein Leben jahrelang als Musiker, Schauspieler, Filmemacher und Entrepreneur gefristet hat. Nach einem Schicksalsschlag ist er mehrere Monate durch Amerika, Indien, Tansania und Israel gereist und hat begonnen zu schreiben. 2017...

Pressestimmen

Brigitte "Bücher Spezial"

» (...) ein lesenswertes Stück deutsch-deutscher Geschichte.«

Schweizer Buchhandel (CH)

»Dieser Thriller ist verstörend und unheimlich gut geschrieben.«

Brigitte Beilage »Die 45 besten Bücher für den Urlaub«

»(…) Ein lesenswertes Stück deutsch-deutscher Geschichte, das bis heute ein gut gehütetes Geheimnis ist.«

Dresdner Morgenpost

»Spannend und realitätsnah.«

Neue Presse

»Das Buch liest sich wie ein Film. Schnelle Szenen, rasanter Spannungsaufbau, viel Sex – und ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte.«

feuilletonscout.com

»Lucas Grimm komponiert seinen Thriller meisterhaft. (…) Es passiert ganz selten, das ein Autor auf der ersten Seite mit einem Spannungsmoment einsetzt, den er bis zur letzten Seite ohne einen Ausrutscher, ohne je zu straucheln, durchzieht. Chapeau!«

wortgestalt-buchblog.de

»Fulminant ist dieses Buch! Eine Wucht! Der Mann kann schreiben. Chapeau!« Miss Marples Krimitipps

nisnis-buecherliebe.de

»Lucas Grimm ist mit dem Thriller ›Nach dem Schmerz‹ ein spannendes und temporeiches Debüt gelungen.«

Neue Ruhr Zeitung

»Über 300 Seiten entspinnt Autor Lucas Grimm einen packenden Thriller um politische Machenschaften und um die persönlichen Ängste der ungleichen Charaktere Hannah Gold und David Berkoff.«

Ruhr Nachrichten

»›Nach dem Schmerz‹ ist das rasante Roman-Debüt von Lucas Grimm, dem Pseudonym eines erfolgreichen Drehbuchautoren. Eine gelungene Mischung aus jüngster deutsch-deutscher Geschichte und Agententhriller. Wer darauf warten will, dass die Story verfilmt wird, verpasst einen großartig geschriebenen Thriller.«

wallis-buechersichten.blogspot.de

»Ein fesselnder Thriller, der sehr deutlich macht, dass die Vergangenheit viel länger wirken kann als einem mitunter lieb ist.«

booksection.de

»Hannah Gold beeindruckt von der ersten Minute an und findet in dem verlebten und desillusionierten Journalisten David Berkoff einen unerwarteten Mitstreiter. Die Zeichnung dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere ist Grimm äußerst glaubhaft und authentisch gelungen.«

Kommentare zum Buch

The Pain has gone
Walli am 19.03.2017

Heute ist Hannah Gold eine bekannte Cellistin. Kurz vor dem Zusammenbruch der DDR war sie als Tochter eines hohen politischen Beamten in einer besonderen Situation. Im Jahr 1989 wurde ihre Kindheit jäh beendet. Ihr Vater geriet in die Fänge des Geheimdienstes und um ihm seine Geheimnisse zu entlocken, wurde die damals 7jährige Hannah vor seinen Augen gefoltert. Seit damals nimmt Hannahs Fähigkeit, körperliche Schmerzen zu empfinden, immer mehr ab. 27 Jahre nach dem schrecklichen Ereignis taucht der totgeglaubte Vater plötzlich wieder in Berlin auf. Der abgehalfterte Journalist David Berkoff ist seit Jahren hinter einer bestimmten Story her. Ist jetzt seine Chance gekommen?   Wenn man eigentlich glaubt, man habe mit der Vergangenheit abgeschlossen, rechnet man keinesfalls damit, dass sie eines Tages vor der Haustür steht bzw. ein Konzert aufsucht. Doch genau das geschieht in Hannahs Leben. Völlig unerwartet besucht ihr totgeglaubter Vater eine ihrer Aufführungen. Nur wiederwillig trifft sich Hannah mit ihrem Vater. Sie will wissen, was damals wirklich geschah. Offensichtlich will auch ihr Vater etwas von ihr wissen. Doch für Hannah fühlt es sich so an als stünde ein Fremder vor ihr. Sie kann sich nicht überwinden, mit ihrem Vater zu sprechen. Just als sie beginnt ihren Entschluss zu hinterfragen, wird ihr Vater bei einem Anschlag getötet.   Eine Tochter auf der Suche nach der Wahrheit, ein Journalist auf der Suche nach der Wahrheit. Doch haben die beiden das selbe Ziel? Zunächst scheinen sie sich ergänzen zu können, doch jeder scheint auch ein eigenes Spiel zu spielen. Und mehr als nur ein Geheimdienst macht sich auf die Spur der Wahrheit. Werden Berkoff und Hannah Gold von den verschiedenen Diensten ausgenutzt und gegeneinander ausgespielt? Und schließlich ist es mit der Wahrheit wie mit den Geistern, die man rief und die man dann nicht mehr los wird? Äußerst spannend entwickelt sich die Jagd nach der Wahrheit. Berkoff muss dabei einiges mit seinem Gewissen ausmachen, schließlich sollte für die Story vielleicht doch nicht absolut jedes Mittel recht sein. Was aber, wenn man sich mit allen überworfen hat, die einem Arbeit verschaffen könnten. Und Hannah hat nach ihren schweren Erlebnissen eine besondere Persönlichkeit entwickelt. Schwer vorstellbar, keinen Schmerz empfinden zu können. Was im ersten Moment eine Erleichterung sein könnte, wird bald zu einer Unfähigkeit und einer Belastung. Schließlich sorgt ein Schmerz ja auch dafür, innezuhalten und einer Gefahr auszuweichen. Mit seinem Debütroman hat der Autor zwei ungewöhnliche Personen zu einem unfreiwilligen Team zusammengefügt, bei dem man sich fragt, ob und wie lange es funktioniert. Gepackt geht man dieser Frage nach und auch der Frage nach der Wahrheit.   Ein fesselnder Thriller, der sehr deutlich macht, dass die Vergangenheit viel länger wirken kann als einem mitunter lieb ist.

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