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Muslimisch und liberal!Muslimisch und liberal!

Muslimisch und liberal!

Was einen zeitgemäßen Islam ausmacht

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Muslimisch und liberal! — Inhalt

Vom Mut, die Tradition in Frage zu stellen - Herausgegeben von einer der bekanntesten Musliminnen Europas

Kann der Islam liberal sein? Und kann man als liberaler Muslim wirklich gläubig sein? Tatsächlich sind liberale Muslim*innen häufig mit der Annahme konfrontiert: muslimisch und liberal, das geht doch überhaupt nicht. Den Gegenbeweis dafür treten die namhaften Beiträger*innen in diesem Buch an und stehen für eine Versachlichung der aufgeheizten Islamdebatte ein. Sie nehmen eine Neubetrachtung des Korans und anderer islamischer Quellen vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer, aber auch alltagsnaher Themen vor, und stellen klar, wie ein zeitgemäßes Verständnis des Glaubens lebbar wird. Ein theologisch fundierter und längst überfälliger Aufruf gegen die Vernebelung der Vernunft.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 04.05.2020
Herausgegeben von: Lamya Kaddor
320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07009-6
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 04.05.2020
Herausgegeben von: Lamya Kaddor
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99654-9

Leseprobe zu „Muslimisch und liberal!“

Einleitung der Herausgeberin

Der Anlass zu diesem Buch ist schnell erzählt und zugleich Ausdruck jahrhundertelanger europäischer Beschäftigung mit dem Islam als Religion, Kultur und Identitätsmerkmal. Der Islamdiskurs auf dem „alten Kontinent“ knüpfte schon immer an politische Ereignisse an. Zunächst waren es die mittelalterlichen Schlachten und Feldzüge, später dann die Eroberungen im Zeitalter des Kolonialismus und die Einflussnahmen während des Imperialismus. Lange Zeit war die Sicht auf den „Orient“ dabei von Feindschaft und Abwehr geprägt. Nachdem [...]

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Einleitung der Herausgeberin

Der Anlass zu diesem Buch ist schnell erzählt und zugleich Ausdruck jahrhundertelanger europäischer Beschäftigung mit dem Islam als Religion, Kultur und Identitätsmerkmal. Der Islamdiskurs auf dem „alten Kontinent“ knüpfte schon immer an politische Ereignisse an. Zunächst waren es die mittelalterlichen Schlachten und Feldzüge, später dann die Eroberungen im Zeitalter des Kolonialismus und die Einflussnahmen während des Imperialismus. Lange Zeit war die Sicht auf den „Orient“ dabei von Feindschaft und Abwehr geprägt. Nachdem die Gefahr gebannt war, folgten exotisierende und romantisierende Bilder mit Haremsmotiven, patriarchalen Gesellschaften, fremden Bräuchen und viel Kitsch. Dieser Orientalismus in all seinen Formen hielt sich bis ins 20. Jahrhundert hinein und geriet dann mehr oder weniger in Vergessenheit. Der Islam als Religion spielte kaum noch eine Rolle im öffentlichen Bewusstsein der Europäer beziehungsweise der Deutschen. Abgesehen von punktuellen Ereignissen wie der Iranischen Revolution wurde kaum noch darüber diskutiert, Medien erwähnten ihn, wenn überhaupt, nur am Rande. Als ich Ende der 90er-Jahre anfing, Arabistik und Islamwissenschaft zu studieren, musste ich wissbegierigen Zuhörer*innen noch ausführlich erklären, was sich hinter diesem Studiengang verbirgt.

Das änderte sich zur Jahrtausendwende auf tragische Weise, plötzlich fragte niemand mehr danach. Wieder waren es politische Ereignisse, die die Vorstellungen vom Islam als Religion, Kultur und Identitätsmerkmal neu prägten. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA markierten einen Wendepunkt in der Wahrnehmung des Islams in Deutschland, Europa und allen übrigen Ländern jenseits der islamischen Welt – teilweise auch innerhalb der islamischen Welt. Die Attentäter initiierten eine alles andere überlagernde Perzeption des Islams als politische Ideologie, verstärkt durch den darauf angewandten Begriff „Islamismus“, der den Namen der Religion gleich zum Bestandteil hat, was manche zusätzlich dazu verleitete, „Islam“ und „Islamismus“ gleichzusetzen.

Heute blickt die Öffentlichkeit mehr denn je auf all jenes, was islamisch ist. Zwei Aspekte prägen dabei die Vorstellungen und mit ihnen das Leben von Millionen von Muslim*innen in Deutschland: die islamistische Agitation auf der einen und die islamfeindliche Agitation auf der anderen Seite. Der Ausgangspunkt beider Tätigkeiten liegt irgendwo in der Mitte des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert: Salafistische Wanderprediger*innen in deutschen Moscheen begannen ebenso wie Aktivist*innen, die sich das Mäntelchen der Islamkritik überwarfen, holzschnittartig ihre eindimensionale Sicht auf den Islam zu vertreiben und zu vermarkten – insbesondere im Internet. Trotz diametraler Intentionen hatten sie eine gemeinsame Hauptbotschaft: Wir kennen die eine unüberwindbare Wahrheit im Islam. Sie nutzten dieses fundamentalistische Verständnis, um Sympathisant*innen zu finden und Anhänger*innen zu rekrutieren – mit dem einen Unterschied nur, dass Islamist*innen für „den“ Islam werben und Islamfeinde gegen die Religion im Ganzen vorgehen wollten. Mit den Jahren radikalisierten sich beide Seiten immer mehr. Derweil diskutierte Deutschland, ob es sich wegen der Menschen mit Migrationshintergrund, speziell der Muslim*innen, „abschafft“ und ob der Islam zu Deutschland gehören könne oder nicht.

Die „normalen“ Muslim*innen drohten dazwischen aufgerieben zu werden. Einige von ihnen versuchten, sich in eine Art innere Migration zu retten, andere reagierten dünnhäutig und ablehnend auf jede Form von Kritik an ihrem Glauben. Sie wollten ihre Religion rundherum und ohne jeglichen Widerspruch als friedliche, perfekte und einheitliche Religion in Theorie und Praxis sehen, die von Terroristen und Rassisten einfach nur falsch verstanden und verzerrt wird. Das mündete in einer ausgeprägten Polarisierung mit Islamisten respektive Islamfeinden auf der einen Seite und Islam-Apologeten auf der anderen Seite.

Dieses Schwarz-Weiß-Denken ließ keinen Platz mehr für Graustufen, die mit dem Entstehen unterschiedlicher konfessioneller Richtungen und Denkschulen unmittelbar nach dem Tod des Propheten Muhammad schon immer zur natürlichen Realität des Islams gehört hatten. Diese konstruierte Dichotomie wiederum motivierte andere zu differenzierteren Analysen und kritischen Positionierungen, die zwei zentrale Ergebnisse zur Folge hatten:

  1. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass neben den islamistischen Terror die Islamfeindlichkeit getreten war, die sich zunehmend radikalisierte. Beide Phänomene nebeneinander zu akzeptieren nahm eine gewisse Zeit in Anspruch, da hierfür eine Ambiguitätstoleranz abverlangt wird, die viele lange nicht aufbringen konnten und manche nicht aufbringen wollten: „Wie sollen Muslime Opfer sein, wo sie doch Täter sind?“
  2. Innerhalb der muslimischen Diaspora in Deutschland wurde das theologische Erbe vom Schutt der Islamdiskurse freigelegt. Die Vielfalt muslimischer Realität zwischen Fundamentalisten und Säkularisten, zwischen Sunniten, Schiiten, Aleviten, Mystikern und anderen kam nach und nach wieder zum Vorschein.


Daran anknüpfend, gründete sich vor ziemlich genau zehn Jahren im Mai 2010 schließlich der Liberal-Islamische Bund e. V. (LIB), um einen dieser Flügel innerhalb des islamischen Religionsspektrums sichtbarer zu machen. Es war die erste Vereinigung liberaler Muslim*innen in Deutschland überhaupt. Als Gründungsvorsitzende war es mir damals unter anderem wichtig, „eine vernunftoffene Gläubigkeit“ anzubieten und damit „jedweden Absolutheitsanspruch zu reflektieren, zu relativieren oder gar darauf zu verzichten“ (Grundsätze des LIB e. V.). Zunächst als zartes Pflänzchen in die islamische Organisationslandschaft und den Diskurs gesetzt, drohte die Idee eines liberalen Islamverständnisses durch Angriffe von allen Seiten zertreten zu werden. Heftige innerislamische Auseinandersetzungen, gespickt mit Diffamierungskampagnen und Hassmitteilungen, entstanden aus der Verunsicherung durch Islamisten und Islamfeinde, aus der Angst vor Identitätsverlust in der Diaspora durch Neuerungen sowie aus machtgetriebenem Konkurrenzdenken durch Konservative und Fundamentalisten, prägten die ersten Jahre meines beziehungsweise unseres Bestrebens, den liberalen Flügel innerhalb der Theologie abzubilden und weiterzuentwickeln. Bis heute gibt es allzu viele Kritiker*innen, die als einziges „Argument“ Polemik einsetzen und in Dauerschleife fragen, ob man denn „liberal beten“ oder „liberal fasten“ könne?

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz gelang es, die im Deutschen neue Komposition „Liberaler Islam“ zu etablieren. Heute ist sie integraler Bestandteil des Islamdiskurses geworden. Der Liberale Islam zog in den vergangenen zehn Jahren bundesweit Moschee- und Vereinsgründungen nach sich. Heute bemühen sich staatliche, zivilgesellschaftliche sowie religiöse Institutionen um Kooperationen, und einzelne Muslim*innen bekennen sich zu ihren liberalen Haltungen, auch wenn sie lieber unorganisiert bleiben wollen, was in der islamischen Theologie, die keine Kirchenkonstruktionen kennt, durchaus üblich ist.

Die Etablierung des Liberalen Islams bringt inzwischen sogar neue Phänomene mit sich: Muslim*innen hängen sich von beiden Seiten an den Begriff, um von seinem positiven Image zu profitieren. Konservative geben bisweilen ebenso vor, „liberal“ zu sein, wie Kulturmuslim*innen, die sich eigentlich im Bereich des Säkularen bewegen und weder Interesse an Fragen der Orthodoxie noch der Orthopraxie aufbringen. Zudem suchen manche Islamkritiker*innen mithilfe des Begriffs Schutz vor den massiven Anfeindungen, denen sie leider nach wie vor ausgesetzt sind.

Auch wenn der Liberale Islam jedem offensteht und seine Grenzen fließend sind, verbergen sich doch konkrete theologische Lehren und Vorstellungen dahinter. Liberale Muslim*innen sind nicht immer Islamkritiker*innen, und selbstverständlich geht es Muslim*innen mit liberaler theologischer Überzeugung nicht darum, „liberal“ zu beten oder zu fasten, also Gebote und Traditionen schlicht über Bord zu werfen. Liberale Muslim*innen sind gläubige Muslim*innen. Sie setzen sich für eine umfassende Geschlechtergerechtigkeit sowie Akzeptanz unterschiedlichster Geschlechtsidentitäten ein, sie befürworten unter anderem geschlechtergemischte Gebete, die auch von einer Frau geleitet sein können. Außerdem akzeptieren Muslim*innen mit einem progressiven Islamverständnis beispielsweise interreligiöse Eheschließungen. Liberale Muslim*innen verwerfen dabei nicht die Grundlagen des Islams, weder den Koran noch die Sunna, noch die Erkenntnisse der Gelehrten. Sie alle behalten ihre Gültigkeit und Relevanz für die Theologie, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf dem Koran liegt. Keine dieser Quellen jedoch steht außerhalb einer kritischen Betrachtung. Liberale Muslim*innen folgen einer „historisierenden-kontextualisierenden Lesart“, die biografische, sozioökonomische, geografische, soziale und historische Bedingungen für das Verständnis der überlieferten Texte würdigt. Glaubensgrundlagen müssen im Spiegel des jeweiligen Fortschritts und des jeweiligen gesellschaftlichen Wandels betrachtet werden, wenn sie nicht irgendwann überholt und damit überflüssig werden sollen. Liberale Muslim*innen verstehen ihre Religion dahingehend zeitgemäß und arbeiten ununterbrochen daran, mit dem Voranschreiten des Weltlaufs die Transferleistung zu erbringen, ihre bis zu 1400 Jahre alten Glaubensquellen, die einst in autoritären, tribalistischen und patriarchalen Königreichen entstanden sind, in die demokratische, pluralistische und emanzipatorische Gegenwart mitzunehmen, um sie auch für die Zukunft zu bewahren. Die menschliche Vernunft ist dabei das zentrale Instrument.

An dieser Stelle setzt nun das vorliegende Lesebuch zum Liberalen Islam an. Es erscheint anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Liberalen Islams in Deutschland und zielt darauf ab, dessen Ausrichtung weiter zu veranschaulichen und dessen Konturen weiter zu schärfen. Das ist zwar in erster Linie die Aufgabe islamischer Theolog*innen und Religionspädagog*innen an Universitäten und Instituten, mir war es jedoch zudem ein großes Anliegen, der interessierten Öffentlichkeit auch eine einfachere und leichter verständliche Annäherung an den Liberalen Islam und die Denkweise liberaler Muslim*innen zu bieten. Was treibt sie um? Wie leben und verstehen sie ihren Glauben? Wie bewerten sie aktuelle politische Ereignisse, und welche Missstände kritisieren sie innerhalb ihres Glaubens und des Gemeindelebens? Diese und weitere Fragen sollen in drei Themenbereichen von unterschiedlichen Autor*innen, von denen einige dem LIB angehören und andere nicht, beantwortet werden, um die Vielfältigkeit bereits innerhalb des Liberalen Islams deutlich zu machen.

Der erste Themenbereich befasst sich mit hermeneutischen Zugängen zu den islamischen Quellen. Dabei widmet sich Kerim Adıgüzel der Frage nach der (ursprünglichen) Botschaft des Korans, und Hakan Turan schließt sein Plädoyer für eine analytische Koranhermeneutik an, um eine zeitgemäße islamische Theologie zu kennzeichnen. Harry Harun Behr legt sein Augenmerk auf den radikalen Freiheitsbegriff, den er aus islamischen Quellen ableitet. Der Beitrag von Marwan Hassan befasst sich mit dem inkludierenden Heilsversprechen für Nichtmuslim*innen. Waqar Tariq bewertet abschließend die Frage der Menschenrechte im Einklang mit dem Koran.

Der zweite Themenbereich behandelt gesellschaftspolitische Fragen im Kontext liberal-islamischen Denkens. Dabei widmen sich die Autor*innen unterschiedlichsten Themen. Den Aufschlag macht Omid Nouripour, der liberale Muslim*innen als „Allzweckwaffe“ der Innenpolitik gegen Radikalisierung und für Prävention versteht. Daran schließt Odette Yilmaz’ Beitrag an, die sich für einen Liberalen Islam als Vermittler – nicht nur innerislamischer, sondern – gesamtgesellschaftlicher Aushandlungsprozesse starkmacht. Arne List wirbt für eine überfällige muslimische linke Bewegung, und Frederike Güler beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle das islamische Credo beziehungsweise das Prinzip der Barmherzigkeit in der Leistungsgesellschaft spielen kann. Rauf Ceylan verschafft uns einen sozio-geschichtlichen Überblick über den Machtaufbau und den Machtverlust etablierter Moscheegemeinden, und Serdar Günes klärt uns über den vermeintlichen Widerspruch von „göttlicher Anarchie“ auf. Amin Rochdi ist davon überzeugt, dass ein inklusiv und konstruktiv ausgerichteter islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ein wichtiger Motor für die Entwicklung einer neuen Diskurskultur innerhalb der muslimischen Community in Deutschland sein kann. Sein Lehrerkollege Mansur Seddiqzai lenkt die Aufmerksamkeit auf den Umgang mit antisemitischen Einstellungen von muslimischen Jugendlichen und darauf, welchen Raum der islamische Religionsunterricht dafür bieten muss. Zum Ende dieses thematischen Abschnitts führt Hilal Sezgin ihr Plädoyer aus, warum es gut zum Islam passt, vegan zu leben.

Der dritte Themenbereich in diesem Band rückt speziell den Komplex Gender und Geschlechtlichkeit in den Fokus, der so oft in Bezug auf den Islam im Zentrum der inner- und außermuslimischen Diskussionen steht. Rabeya Müller eröffnet ihn mit einem Aufriss zu der Frage, wie das Satanische Prinzip und die Geschlechtergerechtigkeit zusammenhängen. Andreas Ismail Mohr nimmt die Leser*innen mit in die Gedankenwelt homosexueller Muslim*innen und deren Nachdenken über Gottesworte und Prophetenüberlieferungen. Im Anschluss begibt sich Christian Hermann daran, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als Kernaspekt eines weltweiten Liberalen Islams zu eruieren. Gender und Islam stehen auch im Fokus von Jasamin Ulfat-Seddiqzai, die ihre inspirierende Forderung nach „mehr Kulturmuslim wagen“ ausformuliert. Eine gleichsam spannende Lektüre bietet schließlich Leyla Jagiellas Gegenplädoyer zu einem Klischee des Liberalen Islams. Dazu erzählt sie von ihrem persönlichen spirituellen Empfinden als trans*Frau, das ohne islamische Kultur(en) nicht denkbar gewesen sei. In meinem Text lege ich abschließend den Schwerpunkt auf die Frage, warum das Kopftuch für Frauen aus meiner Sicht obsolet geworden ist.

Zum Abschluss einige formale Hinweise: Diesem Buch ist eine vereinfachte Transkription arabischer Wörter zugrunde gelegt, die Vokallängen, aber keine diakritischen Zeichen beinhaltet. Damit möchte ich den Anspruch untermauern, dieses Buch für ein breites Publikum zu öffnen und nicht auf Fachleute auszurichten. Einige Ausnahmen habe ich Autor*innen zugestanden, die nachdrücklich eine Beibehaltung ihrer wissenschaftlichen Umschrift erbeten haben.

Eine weitere Besonderheit zeigt sich in der Verwendung des Begriffs „Koran“. Hier habe ich unterschiedliche Schreibarten zugelassen, um die diversen Zugänge zur zentralen Schrift im Islam auch orthografisch zu verdeutlichen. Ähnlich verhält es sich mit der in islamischen Schriften oft üblichen Lobpreisung des Propheten Muhammad im Anschluss an seine Namensnennung. Hier wurde den Autor*innen die Freiheit für eine individuelle Ausdrucksform ihrer Spiritualität eingeräumt.

Der Islam – und ich trenne hier nicht zwischen Muslim*innen und Islam – gehört zu Deutschland. Seine liberale Strömung entwickelt sich stetig weiter. Immer mehr Muslim*innen fragen nach Angeboten für ein zeitgemäßes islamisches Leben. Erwachsene, aber insbesondere muslimische Jugendliche suchen nach einem Glaubensverständnis, das ihren Ansprüchen zwischen religiösen Werten und Riten sowie ihrer modernen, diversen und demokratischen Lebensrealität gerecht wird. Das liberale Islamverständnis unterbreitet hierfür ein Angebot.

Das Buch öffnet die Welt des Denkens und Erlebens progressiver Muslim*innen für alle Interessierten. Es erhebt keine dogmatischen Forderungen, es will vielmehr die Diversität muslimischen Lebens erfahrbar machen. Der Islam war nie ein monolithischer Block, seine Anhänger*innen eint seit Jahrhunderten die Erfahrung, dass in der Mehrdeutigkeit von Sachverhalten und der Vielfalt der Menschen Segen liegen kann. In diesem Sinne wünsche ich viele erhellende und bemerkenswerte Lesemomente.

Duisburg im Januar 2020

Pressestimmen
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Diesem Buch ist ein breites Echo zu wünschen.“

Inhaltsangabe
Einleitung der Herausgeberin


Koranhermeneutische Zugänge

Rückkehr zur Botschaft des Korans durch die spirituelle Wieder auflebung der Schahāda
Kerem Adıgüzel

Plädoyer für eine analytische Koranhermeneutik
Hakan Turan

Radikale Freiheit
Den Islam anders denken
Harry Harun Behr

Juden, Christen und Sabäer? Über das Heilsversprechen für Nichtmuslim*innen im Koran
Marwan Hassan

Islam und Menschenrechte – ein Widerspruch?
Waqar Tariq


Gesellschaftspolitische Zugänge

Der höchste Baum im Walde 
Liberale Muslime als Allzweckwaffe gegen Extremismus 
Omid Nouripour

Liberaler Islam – Brückenbauer für unsere Gesellschaft 
Odette Yilmaz

Warum wir eine muslimische Linke brauchen
Arne List

Barmherzigkeit in der Leistungsgesellschaft
Frederike Güler

Orthodoxe versus heterodoxe Gemeinden Machtaufbau und Machtverlust der etablierten Gemeinden im religiösen Feld
Prof. Dr. Dr. Rauf Ceylan

Göttliche Anarchie
Beobachtungen jenseits von Obrigkeitsdenken und Konformismus
Serdar Günes

„Irgendwie anders, aber gut!“
Islamischer Religionsunterricht als Motor für die Entwicklung islamischer Theologie in Deutschland
Amin Rochdi

Wie umgehen mit Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen?
Mansur Seddiqzai

Warum es gut zum Islam passt, vegan zu leben
Hilal Sezgin


Genderspezifische Zugänge

Das Satanische Prinzip und die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit
Rabeya Müller

Schwules muslimisches Nachdenken über Gotteswort und Prophetenüberlieferung
Andreas Ismail Mohr

„Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ( LSBTTIQ* ) als bestimmender Kernaspekt des weltweiten Liberalen Islams “
Imam Christian Awhan Hermann

Mehrheit ohne Sichtbarkeit – Ein Plädoyer für den Kulturmuslim
Jasamin Ulfat-Seddiqzai

„Islam, Tradition und Kultur“ – ein biografisches Gegenplädoyer zu einem Klischee des liberalen Islams 
Leyla Jagiella

Warum das islamische Kopftuch obsolet geworden ist Eine theologische Untersuchung anhand einschlägiger Quellen
Lamya Kaddor


Anhang
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