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Mr Moonbloom

Mr Moonbloom

Roman - Mit einem Vorwort von Dave Eggers

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Mr Moonbloom — Inhalt

Norman Moonbloom ist ein Versager. Als kleiner Angestellter seines erfolgreichen Bruders Irwin dreht er täglich in Manhattan seine Runden, um in dessen heruntergekommenen Wohnblocks ausstehende Mieten einzutreiben. Und in jedem Apartment erwartet ihn eine neue Ausrede, ein noch tragischeres Schicksal, ein weiterer Mieter, dessen Seele genauso reparaturbedürftig ist wie seine Wohnung. Da ist der 100-jährige Jude Karloff, der bis zur Besinnungslosigkeit Schnaps trinkt, hier wohnen Hipster und Beatniks wie der Jazz-Trompeter Katz oder der homosexuelle Schriftsteller Paxton - aber auch der KZ-Überlebende Lublin, der die Hölle der Lager tief seinem Herzen mit in die Neue Welt getragen hat. Alle sind Gebrochene und Getriebene der Großstadt. Unwillkürlich wird Norman zum Archivar ihrer Leiden und Sehnsüchte. Oder ist er gar ihr Erlöser? Mr Moonbloom unternimmt einen verzweifelten Versuch, ihrer aller Leben zu verbessern ...

Mr Moonbloom ist ein grandioses Kaleidoskop des urbanen Amerika und zugleich eine universelle Parabel über Würde und Menschlichkeit - ein kleines Meisterwerk der amerikanischen Erzählkunst, das es nun erstmals in deutscher Übersetzung zu entdecken gilt.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.10.2012
Übersetzt von: Barbara Schaden
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7582-6

Leseprobe zu »Mr Moonbloom«

1
Gefangen vom verzwirbelten Telefonkabel, war Norman
sich und seiner dauernden Unruhe zum Opfer gefallen, aber
jetzt, wo er endlich still saß, wurde er ruhig. Die Stimme
seines Bruders war ein mit falscher Geschwindigkeit abgespieltes
Tonband, das ihn unnötigerweise daran erinnerte,
wer er war. Es hätte die Stimme auf einem dieser primitiven
Aufnahmebänder sein können, wie man sie neuerdings in
Grußkarten oder billigem Kinderspielzeug findet: Wenn
man mit dem Fingernagel über die Grate fährt, geben sie
etwas von sich, das der menschlichen Sprache grob ähnelt.
Dab [...]

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1
Gefangen vom verzwirbelten Telefonkabel, war Norman
sich und seiner dauernden Unruhe zum Opfer gefallen, aber
jetzt, wo er endlich still saß, wurde er ruhig. Die Stimme
seines Bruders war ein mit falscher Geschwindigkeit abgespieltes
Tonband, das ihn unnötigerweise daran erinnerte,
wer er war. Es hätte die Stimme auf einem dieser primitiven
Aufnahmebänder sein können, wie man sie neuerdings in
Grußkarten oder billigem Kinderspielzeug findet: Wenn
man mit dem Fingernagel über die Grate fährt, geben sie
etwas von sich, das der menschlichen Sprache grob ähnelt.
Dabei klang sie eigentlich ganz unverfälscht; selbst in Irwins
Anwesenheit empfand Norman seinen Bruder als etwas, das
immer wieder neu abgespielt wird. Einige Jahre war er der
übermächtigen Zusammenhangslosigkeit dieser Stimme
fern gewesen, doch jetzt, wo er zurück war, musste er leider
zugeben, dass ihm ihre Forderungen ein perverses Behagen
verursachten.
»Wir brauchen nicht rannana rannana, Norman. Du
kannst nicht immer rannana rannana. Du musst rannana
rannana rannana und rannana. Verantwortung rannana
rannana. Ich bin ständig am rannana rannana. Rannana
rannana rannana …«
Das Kabel fesselte ihn ans Telefon und damit an den
Drehstuhl und damit an den aufgeworfenen Fußboden, es
verband ihn mit den verbeulten Aktenschränken und dem
Schreibtisch, dessen Furnier geschrumpft und aufgebogen
war wie abgestorbene Haut. Zwischen den Zähnen hatte
er Katzengeruch und Staub.
»Ich rannana rannana rannana alle rannana rannana.
Rannana rannana rannana! Rannana rannana rannana …«
Norman riskierte es, den Telefonhörer auf seiner Schulter
abzulegen; das Zeichen für seinen Einsatz gäbe ihm
dann schon der gedämpfte Frageton. Er saß zwischen Tagtraum
und nichts und sah sich an, was es zu sehen gab. Die
Sonne musste sich bücken, um hier einzufallen. Sie kam
als Widerschein vom Gehsteig über ihm und wirkte fast
wie künstliches Licht. Die kopflosen Körper der Passanten
bildeten eine faszinierende Parade; vollständig waren nur
die Kinder. Unbeschäftigt, wie er im Moment war, kostete
es ihn eine gewisse Anstrengung, der völligen Entrückung
zu widerstehen. Er war ein Spiegelsaal; sein Traum war eine
endlose Reihe von Spiegelungen in seinem Inneren. Das
jedenfalls existierte; es war seine einzige Gewissheit und
gab ihm die Gewissheit, ebenfalls zu existieren.
»Rannana?«
Er horchte auf.
»Norman, hörst du zu?«
»Natürlich«, sagte er, nicht weiter beunruhigt. Was er
zu sagen hatte, musste sich nicht auf das beziehen, was sein
Bruder erzählt hatte.
»Die Sache ist die, Irwin, dass trotz alledem … In der
Thirteenth Street«, sagte er und hörte die gewaltige Atemlosigkeit
seines Bruders, »leckt das Dach dermaßen, dass die
Ratten das Haus verlassen. Dann die Toiletten im ersten
und zweiten Stock – sie fließen nicht mehr ab, und das
ganze Haus riecht danach. Das ist natürlich ein echter Notfall.
Aber das Treppengeländer zwischen Erdgeschoss und
erstem Stock ist jetzt endgültig heruntergefallen. Der Heizungsbrenner
ist noch nicht repariert, und wir haben schon
Oktober. Der alte Karloff im Erdgeschoss lässt Essenherumliegen,
und la cucaracha hat seine Wohnung besiedelt.Del
Rio droht das Gesundheitsamt zu verständigen. Oh, und in
den Fluren ist jetzt gar kein Licht mehr – das war die letzte
Reparatur. Und im Flur des zweiten Stocks ist ein Loch
im Boden, mindestens fünfzehn Zentimeter breit. Keine
Ahnung, wie es dorthin gekommen ist, aber es ist da. Ach
ja, und in der Haustür haben Kinder eine Glasscheibe eingeschlagen.
« Er hielt nur inne, um Luft zu holen, doch Irwin
nutzte die Gelegenheit.
»Eine Scheibe eingeschlagen!« Die zarte Membran im
Hörer vibrierte nach. »Norman, du musst besser aufpassen!«
»Aufpassen«, wiederholte Norman und lächelte hilflos.
»Ja, aufpassen. Ich bin darauf angewiesen, dass du dich
um alles kümmerst. Ich kann mich weiß Gott nicht mit
diesem Quatsch abgeben. Ich erwarte von dir, dass du diese
vier Häuser betreust, die Mieten eintreibst, die paar Verwaltungsangelegenheiten
erledigst. Ich bin mit weitaus
komplizierteren und wichtigeren Vorgängen beschäftigt –
ich kann mir ganz bestimmt nicht freinehmen, um mich um
Kakerlaken und Toiletten zu kümmern, oder was meinst
du, Norm?« Er klang so vernünftig, dass Norman versucht
war, die Sprechmuschel zu küssen.
»Nein, natürlich nicht, Irwin.«
»Ich sage ja nicht, dass ich den Job für dich erfunden habe,
aber ich hätte sicherlich keinen Grund, die Häuser zu behalten,
wenn du nicht da wärst, um dich drum zu kümmern.
Das siehst du doch ein, oder, Normy?«
»Wer hat denn gesagt …«
»Es ist doch nicht zu viel verlangt, wenn ich erwarte,
dass du mir diese Kleinigkeiten abnimmst, oder?«
»Nein, Irwin.« Er versuchte es noch einmal ohne Ton,
mit übertriebenen Mundbewegungen.
»Ich meine, ich habe es hier mit Transaktionen zu tun,
die sich im sechsstelligen Bereich bewegen. Ich nehme meine
Arbeit mit nach Hause. Sie ist nie erledigt. Der Druck,
der auf mir lastet, ist rannana.«
Norman lächelte, als die Predigt wieder einsetzte.
»Wie um alles auf der Welt kannst du zulassen, dass
Scheiben zu Bruch gehen, Norman?«
»Zulassen?«
»Es bringt mich zur Weißglut.«
»Wieso versteifst du dich ausgerechnet auf die Scheibe?
Ich sag dir doch, dass das ganze Haus …«
»Gegen manches ist man eben machtlos. Nenn es höhere
Gewalt.«
»Warum gilt das dann nicht auch für Fensterscheiben?«
»Norman, ich habe keine Zeit für Wortklaubereien.
Kümmere dich einfach um diese Nebensächlichkeiten, ohne
mich anzurufen. Hast du denn keinerlei Eigeninitiative?«
»Eigeninitiative könnte ich vielleicht aufbringen. Aber
Irwin, für das Dach, das Geländer, die Abflussrohre, den
Strom, dafür brauche ich Geld.«
»Du weißt, dass du vollkommen frei bist, Zahlungen
von diesem Firmenkonto zu veranlassen. Diesbezüglich
lasse
ich dir völlig freie Hand. Es ist wirklich nicht notwendig,
mich wegen jeder Glühbirne anzurufen.«
»Geht leider nicht mehr, Irwin. Der Schrank ist leer,
kahl, ausgeräumt. Sogar unter null, um die Wahrheit zu
sagen – ich bin zwei Dollar Überziehungszinsen schuldig.«
»Oh Norman!«
»Ich weiß, ich bin ein wahnsinniger Verschwender, ich
verjuble das Geld mit Blondinen und Pferderennen.«
»Das behaupte ich doch gar nicht. Aber du bist wahrhaftig
ein schlechter Verwalter.«
»Und bei Gaylord habe ich ebenfalls Schulden.«
»Gaylord ist ein unfähiger schwarza. Er taugt nichts.«
»Darum geht es nicht. Für vierzig Dollar die Woche
kriegst du keinen Profi, der sich um vier Häuser kümmert.«
»Ist dir klar, dass meine Zeit fünfzig Dollar die Stunde
wert ist? Dieses Telefonat hat mich jetzt bestimmt fünfunddreißig
gekostet.«
Aus Respekt wartete Norman einen Moment. Dann
fuhr er in liebenswürdigem Ton fort: »Also, in der Seventieth
Street hat der Aufzug die Inspektion nicht bestanden,
und aus allen Küchenhähnen kommt rostiges Wasser. In
der Second Avenue sind die Stromleitungen in so verheerendem
Zustand, dass der Kontrolleur kein Schmiergeld
nehmen wollte, er sagt, bei Mord hört es für ihn auf.«
»Lass es sein, Norman.«
»In der Mott Street droht eine Katastrophe. Neben der
Toilette wölbt sich die Wand – sie wird über dem armen
Basellecci einstürzen. Und Ende der Woche ist die Gnadenfrist
der Versicherung abgelaufen …«
»Verdammt, Norman!«
»Dann die Küchengeräte in der Seventieth Street. Bei
Jacoby
– nein, ich glaube, es war bei den Hausers … Jedenfalls
funktionieren mehrere Herde nicht, und einer …«
»Jetzt halt den Mund! Ich überweise morgen früh fünfhundert
Dollar auf das Konto, und dann will ich lang, lang
nichts mehr von dir hören!«
Das leise Klicken vermittelte nicht annähernd eine Vorstellung
von der Wucht, mit der Irwin den Hörer aufgeknallt
haben musste. Norman legte seinerseits den Hörer
mit ausgesuchter Behutsamkeit auf die Gabel und empfand
dabei eine gewisse Vornehmheit. Dann lächelte er trübe in
das staubflirrende Sonnenlicht aus zweiter Hand und auf
die orthografisch mangelhaften Obszönitäten, die in den
Lichtschacht seines Büros gekritzelt waren.
»Fünfhundert Dollar«, sagte er im Tonfall eines Mannes,
der die düstere Prognose seines Arztes wiederholt. »Fünfhundert
Dollar.« Dabei war das nur eine matte Klage; er
neigte nicht zum Selbstmitleid, aber eine gewisse heitere
Langmut mit sich war, fand er, gestattet. Er streckte die
Handflächen vor, wie um zu prüfen, ob es regnet. Er zuckte
die Achseln. Schließlich zog er aus der Hemdtasche einen
von mehreren Kugelschreibern und begann mit einem Versuch,
die zu erledigenden Dinge nach ihrer Dringlichkeit zu
ordnen. Zehn Reparaturen rissen sich um Platz eins, und er
schätzte die ungefähren Kosten.
Ein paar Leute setzten Köpfe auf und spähten vom
Gehsteig zu ihm herunter. Dass er hinter Glas saß, fanden
sie interessant, aber mehr noch lockten sie vielleicht die
schwarzen Buchstaben am Fenster – Buchstaben, die im inneren
Ohr einen alliterierenden, leise wehmütigen Klang
erzeugten:
I. MOONBLOOM IMMOBILIEN
Norman Moonbloom – Verwalter
Von seiner Seite der Scheibe sah Norman in dem Schriftzug
immer eine gewisse Ähnlichkeit mit dem russischen Alpha
bet; außerdem stellte er fest, dass der Familienname beinahe
symmetrisch war, mit dem gleichen OO auf beiden Seiten
des knappen NBL – wie Buchstützen. Momentan aber war
ihm nicht nach Sinnieren zumute. Er versuchte eine riesige
Zahl zu einer bescheidenen herunterzudividieren, und in
sein kleines, spielhöllenbleiches Gesicht mit den bläulichen
Schatten auf Wangen und Kinn und den großen Schwangerenaugen
traten Schweißtropfen. Die Anstrengung schmerzte,
und er biss sich auf seine dünnen, kindlichen Lippen.
Plötzlich kam ihm der naheliegende Vergleich in den Sinn,
und er legte den Stift hin und lachte gequält. »Wie wenn ein
Elefant versucht, eine Maus zu besteigen«, sagte er laut. Die
Komik zwang ihn, die Augen zu schließen, wie um sich vor
Spritzern einer ätzenden Flüssigkeit zu schützen.
Das verwässerte Sonnenlicht warf die Buchstaben vom
Fenster als Schattenband über Fußboden, Schreibtisch und
Mensch. Eines der vielen Os ließ sein geblendetes Gesicht
wie eine Daguerreotypie erscheinen. Es hatte bisher in seinem
Leben keine Gräuel gegeben – nur eine langsame Ausweitung
der Empfindsamkeit. Er war aber darauf gefasst, in
naher Zukunft die Schmerzschwelle zu erreichen. Es war
wie die Angst vor dem Tod; meistens ließ sie sich ignorieren,
obwohl sie unerbittlich da war, ihn in Augenblicken
der Entmutigung mit der äußersten Spitze ihrer Klaue antippen
konnte und ihn, wenn ihn um vier Uhr morgens die
Blase rief, in Furcht und Schrecken versetzte. Nach kurzer
Berührung war die Klaue wieder fort; zurück blieb ein nicht
identifizierbares Dauergetöse, über das er nicht nachdachte;
er war wie einer, der neben einem tosenden Wasserfall
wohnt und den Lärm mit der Zeit für Stille hält.
Es kam ihm der Gedanke, dass sich vielleicht Lösun
gen finden ließen, wenn er die Gangart wechselte. Resolut
schlug er die Augen auf. »Ich werde mir einen Vorsprung
vor mir selber verschaffen und fange schon heute Abend
mit den Mieten an. Jawohl, die Mieten«, sagte er. Er richtete
sich zu seinen einhundertneunundsechzig Zentimetern
Körpergröße auf, und das O bildete jetzt eine Zielscheibe
auf seiner Brust.
Sein Blick kroch über das kleine Büro hin; wie immer
empfand er leisen Verdruss bei der Feststellung, dass
mit seiner Beschäftigung keine andere Ausstattung einherging
als ein Quittungsbuch und die Kollektion Kugelschreiber.
Seine Miene war traurig, aber ohne Anflug von
Bitterkeit. Er war bis zu seinem zweiunddreißigsten Jahr
Student gewesen, und dies vor allem deshalb, weil weder
er noch sein Bruder imstande gewesen waren, ihn
als etwas anderes zu sehen. Aber vor einem Jahr hatte er
mit stiller Endgültigkeit das Lehrbuch für Fußheilkundezugeklappt,
sein letztes Hauptfach nach Buchhaltung,
Kunst, Literatur, Zahnmedizin und dem Rabbinatsstudium.
Es war ihm klar geworden, dass er, welche Talente
auch immer noch in ihm schlummern mochten, niemals
eine besondere Fertigkeit erwerben würde. Irwin hatte das
großväterliche Erbe in bar angenommen; Norman hatte
das seine in eine lückenlose Kette von Semestern investiert,
vierzehn Jahre lang. Jetzt arbeitete er für ein kleines
Gehalt bei seinem Bruder. Dennoch hielt er dieses Arrangement
für gerecht und dachte optimistisch, es sei gar
nicht gesagt, ob sich seine Verwendung des Geldes nicht
doch auf irgendeinem Umweg eines Tages noch auszahle.
Er engagierte sich sehr, teilte sich sogar manche niedrigen
Arbeiten mit dem ambulanten Hausmeister, Gaylord
Knight, und hatte doch das Gefühl, dass es viel brauchte,
um ihn in die Knie zu zwingen.
Er schlenderte zum Aktenschrank hinüber und schrieb
mit dem Zeigefinger »Astolat« in die Staubschicht. Das
beendete Wort verwandelte sein schäbiges Schaufenster
von Büro in einen wunderlichen Ort; die Stapel von Rechnungen
und Quittungen, aufgespießt oder als »Eingang« in
mehreren Ablagekästen gestapelt, wurden zu kryptischen
Symbolen. Er lächelte, kniff seine bräunlichen Lider zusammen,
hob die Ohren mit den frei schwingenden Läppchen
(er konnte willkürlich die Ohren bewegen). Die
Wände waren fleischrosa und bestanden aus getriebenem
Blech, wie eine Keksdose. Das Linoleum war zu einer Farbe
wie schmutziges Haar abgetreten und gegen Überfälle
von Mäusen hier und dort mit unregelmäßig geschnittenen
Vierecken geflickt.
Er berührte verschiedene Gegenstände auf dem Schreibtisch.
Dann setzte er seinen Hut auf, einen perlgrauen Fedora
mit enormer Krone und Krempe, unter dem er aussah
wie ein Kind, das einen Gangster imitiert. Er zog sein Sakko
an (auch das zu groß für seinen dünnen, schmächtigen Körper)
und verstaute das Quittungsbuch in der Brusttasche.
Draußen, im beißenden Geruch der verbrauchten Luft,
seufzte er in vorausahnender Müdigkeit. Er sperrte die Tür
ab, ging die Treppe hinauf und steuerte den Eingang zur
U-Bahn an, um zur Upper West Side zu fahren. Er ging
leichtfüßig, und sein Gesicht verriet keinerlei Kenntnisnahme
der Tausenden Menschen ringsum, denn er bewegte
sich in einer Eierschale, durch die Licht und Geräusche nur
gedämpft eindrangen.


2
Er trat ins Foyer und betrachtete stirnrunzelnd die neu entstandenen
Kritzeleien an der Wand. Die Mensamöbel, die
hier standen, äußerten ebenfalls Missbilligung, und die
kitschigen falschen Gewölbebögen schienen von der Realität
der Gegenwart bedroht. Prüfend trat er gegen ein loses
Fliesenachteck, spähte zu der einsamen Glühbirne im herrschaftlichen
Kronleuchter hinauf. Im Aufzug lauschte er
dem geräuschvollen Motor und versuchte den Hinweis zu
übersehen, dem zufolge der Aufzug die »Inspektion nicht
bestanden« hatte. Während der von jaulendem, klapperndem
Lärm begleiteten Fahrt gab er sich wie immer mit diesem
bescheidenen Aufstieg zufrieden; seine eigenen Höhen
und Tiefen hielt er für unbedeutend. Jemand hatte neben
einer
alten, schon rostigen Zeichnung von männlichen und
weiblichen Genitalien »Kaiserliche Hoheiten« in die verspachtelte
Wand gekratzt. Er seufzte und blickte nach oben.
Verschwommen umwogte ihn das Leben im Haus wie eine
pulsierende Bewegung unter neu gebildetem Eis.
»Die Miete«, sagte er ohne besonderen Ausdruck, als
ihm der anämisch wirkende Knabe die Tür öffnete.
»Ah ja, Moment bitte«, sagte Lester und ließ ihn, seine
lange Haartolle zurückstreichend, halb eintreten. »Tante
Min, die Miete«, rief er über die Schulter.

Edward Lewis Wallant

Über Edward Lewis Wallant

Biografie

Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit »The Human Season« (1960) und »Der Pfandleiher« (1961) zählte er rasch zu den bedeutendsten Autoren seiner Generation - neben Philip Roth,...

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