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Mother Brother Lover

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Lyrics

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Mother Brother Lover — Inhalt

Pulp waren die Helden des Britpops, und niemand stolperte 1995 so schlaksig durch seine unverhoffte Berühmtheit wie ihr Sänger Jarvis Cocker. In Großbritannien gilt er heute als „national treasure“: cool, stylish, charming. Doch es war ein langer Weg dorthin. Geboren im trostlosen Sheffield, gerademal untere Mittelschicht, hatte die Gründung von Pulp 1979 fast schon etwas Trotziges. Entsprechend düster waren die ersten Alben, bis sich schließlich mit der Single „Common People“ alles änderte. Nie zuvor hatte jemand die Welt zwischen Kunsthochschule, rich kids, Klassenkampf und sexueller Freizügigkeit so auf den Punkt gebracht und damit die Charts gestürmt.

 

In „Mother Brother Lover“ hat Jarvis Cocker seine Songtexte aus 25 Jahren zusammengestellt, sie erzählen seine Geschichte, eine Geschichte von Aufstieg und Fall, von Sex und unmöglicher Liebe, von Widersprüchen und Verhältnissen, die bis zu diesem Zeitpunkt jenseits der Glitzerwelt des Pop lagen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.08.2013
Übersetzt von: Michael Kerkmann
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7655-7
»Ein Buch für Fans und solche, die es werden wollen.«
laut.de
»Die schönsten Songtexte von Jarvis Cocker, der mit seiner Band Pulp die Welt klarer beschrieb als jeder Dichter.«
GQ
»Auch ohne begleitende Melodie sind Cockers Texte ein Vergnügen der besonderen Art, und sie haben tatsächlich immer wieder eine poetische Kraft.«
Kultur Spiegel
"Jarvis Cocker zählt zu den wenigen Popmusikern, deren Texte so viel Bestand haben, dass sie in Buchform veröffentlicht werden. Er darf sich damit neben Leonhard Cohen und Bob Dylan einreihen. 'Mother, Brother, Lover' erscheint in zweisprachiger Ausgabe beim Berlin Verlag. Und tatsächlich lohnt sich die Zweisprachigkeit, weil man so Cockers Sarkasmus besser versteht."
Bayern 2
"Er singt über Sozialbauwohnungen, Autodiebe und Rentner. Mit Jarvis Cocker wird einer der charismatischsten Bandleader des britischen Pops 50 Jahre alt. Zum Geburtstag schenkt der Sänger der Band Pulp sich und uns eine Sammlung seiner besten Songtexte, erstmals ins Deutsche übersetzt."
Deutschlandradio "Corso"
"Jarvis Cocker ist für seine Songtexte fast so berühmt wie für seine Synthetikanzüge, die dicke Brille und das Powackeln vor Michael Jackson. [...]. Die deutsche Version erscheint zum 50. Geburtstag des Sängers und markiert eine Art von Seriositätsbeweis, einen Aufstieg in die Bob-Dylan-Liga."
Musikexpress

Leseprobe zu »Mother Brother Lover«

Vorwort
Es war nie mein erklärtes Ziel, Songtexter zu werden, seit etwa
meinem achten Lebensjahr wollte ich immer nur eins sein:
Popstar (das muss etwa zu jener Zeit gewesen sein, als ich
zum ersten Mal den Beatles-Film Help gesehen habe). 1978
konnte ich endlich drei Schulfreunde überreden, mit mir in
einer Band zu spielen, beim Nachspielen fremder Stücke stellten
wir uns ziemlich ungeschickt an. Also musste eigenes Material
her. Es war meine Gruppe, ich war der Sänger, also lag
es auch an mir, die Texte zu schreiben. So dürfte es den meisten
Songtextern [...]

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Vorwort
Es war nie mein erklärtes Ziel, Songtexter zu werden, seit etwa
meinem achten Lebensjahr wollte ich immer nur eins sein:
Popstar (das muss etwa zu jener Zeit gewesen sein, als ich
zum ersten Mal den Beatles-Film Help gesehen habe). 1978
konnte ich endlich drei Schulfreunde überreden, mit mir in
einer Band zu spielen, beim Nachspielen fremder Stücke stellten
wir uns ziemlich ungeschickt an. Also musste eigenes Material
her. Es war meine Gruppe, ich war der Sänger, also lag
es auch an mir, die Texte zu schreiben. So dürfte es den meisten
Songtextern ergangen sein, und auch ich befand mich in
dieser prekären Lage: Man hat eigentlich keine Lust auf den
Job, aber weil ein Song ohne Lyrics eben kein Song ist, bleibt
einem nun mal nichts anderes übrig, als einen Text zu schreiben.
Und diese »Och Mama, muss ich wirklich meine Hausaufgaben
machen?«-Haltung bringt dich auch nicht weiter.
Wer sich jemals in ein Aufnahmestudio verirrt, in dem nichts
mehr geht, dann liegt das nicht etwa daran, dass der Drummer
unter einer Drummer-Blockade leidet oder der Gitarrist
unter einer Gitarristen-Blockade, nein, es ist immer der Texter,
der blockiert ist. Viele der Texte in diesem Buch wurden hastig
am Abend vor einer Aufnahmesession geschrieben, weil
ich nicht anders konnte, als es bis zur allerletzten Minute aufzuschieben.
Es ist schon bemerkenswert, dass der verständlichste
Teil eines Songs, die Wörter, diese Dinger, die man
täglich zur Kommunikation benutzt, von Musikern als lästige
Routine und das Langweiligste schlechthin angesehen werden.
Was vermutlich an der simplen Tatsache liegt, dass es bei
einem Song eben nicht so sehr auf den Text ankommt. Nicht
so sehr, denn man braucht ihn ja trotzdem, wie eine Art vertraglicher
Verpflichtung, ein unverzichtbares Übel oder einen
notwendigen Zusatz.
Man nehme einen unbestrittenen Klassiker der Rockmusik
wie »Louie, Louie« von den Kingsmen. Die Lyrics dieses Songs
sind dermaßen unentzifferbar, dass in den frühen 60ern sogar
das FBI auf den angeblich obszönen Inhalt des Textes aufmerksam
wurde und eine Untersuchung einleitete (Experten
hatten solch unsterbliche Zeilen wie »Ich spürte meinen
Ständer in ihrem Haar« herausgehört). Nach einer 31 Monate
dauernden Untersuchung wurde der Fall mit den Worten ad
acta gelegt, dass man »nicht in der Lage gewesen ist, irgendetwas
von den Wörtern auf der Platte zu interpretieren«. Kurz
gesagt: Von dem, was der Sänger da von sich gibt, versteht man
rein gar nichts, und das ist vollkommen egal.
Und wenn man einmal verstanden hat, dass der Text eines
Songs nicht so wichtig ist, beginnt der eigentliche Spaß beim
Schreiben. Wenn eh niemand drauf achtet, kannst du ja sagen,
was du willst.
Meine ersten Schreibversuche überschnitten sich in etwa
mit meinem ersten romantischen Umgang mit dem anderen
Geschlecht. Die massive Diskrepanz, wie Songs, die ich aus
dem Radio kannte, von Liebesdingen berichteten, und der von
mir erlebten Realität hat mich damals ziemlich irritiert (das
könnte aber auch daran gelegen haben, wie ich mich dabei
anstellte). Um die Dinge richtigzustellen, beschloss ich, es in
meinen Texten anders zu machen und all die unangenehmen
und peinlichen Situationen miteinzubeziehen. Lyrics sind für
den Erfolg eines Songs vielleicht nicht so wichtig, aber sie waren
mir inzwischen wichtig geworden. Immer suchte ich etwas
in ihnen, was auf den ersten Blick nicht in ihnen steckte.
Seit frühester Jugend liebte ich Popmusik, und nun sollte sie
mit mir auch die Pubertät durchstehen – also beschloss ich,
meine Pubertät eben mittels Popmusik zu dokumentieren. Daran
hat sich bis heute wenig geändert: Ich suche mir ein »ungeeignetes
« Thema und verbinde es mit einigermaßen konventionellen
Popsong-Strukturen – stets in dem Versuch, eine
Popmusik zu kreieren, wie ich sie mir in Zeiten der Not immer
gewünscht hatte.
Diese besondere Spannung zwischen den Worten und der
Musik wurde für mich erst wieder zum Problem, als ich die
Lyrics zum ersten Mal von der Musik wieder ablöste. Seitdem
ich meinen Plattenveröffentlichungen Textblätter beifüge,
steht darüber immer die Anweisung: Nicht lesen, während ihr
die Musik hört! Die Texte existieren eben nur als Teil von etwas
anderem, dem Song, und wenn man sie auf ein gesondertes
Blatt Papier druckt, werden sie aus ihrer natürlichen Umgebung
gerissen. Manchmal arbeiten die Lyrics mit der Musik,
ein anderes Mal arbeiten sie dagegen. Ein gedruckter Songtext
ist aber immer wie Fernsehen ohne Ton: Man kriegt nur die
Hälfte der Geschichte mit. Von einem Musikstück hört sich
auch niemand nur die von den anderen Instrumenten isolierten
Drums an.
Die Lyrics sollen also nicht aus ihrer natürlichen Umgebung
gelöst werden, während die Musik läuft. Ich kann mich noch
gut daran erinnern, wie ich mir als Teenager Pink Floyds Dark
Side Of The Moon gekauft habe und nach Hause gerast bin,
um sie mir anzuhören. Während ich die Platte abspielte, hielt
ich das geöffnete Klappcover auf den Knien und zerbrach mir
den Kopf über Roger Waters’ Worten – und zu meinem Entsetzen
fand ich die Texte furchtbar. Was mir auf der Busfahrt
von der Stadt nach Hause noch tiefsinnig und bedeutungsvoll
vorgekommen war, wirkte beim Hören der Musik nur noch
schwerfällig und plump: Die Syntax radebrechte, so als hätte
man die Worte gewaltsam dem Rhythmus von Musik oder Gesangsmelodie
angepasst.
Bei der Lektüre eines Textes wird man normalerweise vom
natürlichen
Tempo der Sprache geführt, in einem Song dagegen
ordnet sich der Text ganz automatisch dem Rhythmus
der Musik unter. Diese Sorge über die Wahrnehmung
von Songtexten war es, die zu einer
bestimmten Präsentation unserer Lyrics führte. Hier ein Beispiel
von dem Album
His’n’Hers:
Joyriders. We like driving on a Saturday night, past the Leisure
Centre, left at the lights. We don’t look for trouble but if it comes
we don’t run. Looking out for trouble is what we call fun. Hey
you, you in the Jesus sandals, wouldn’t you like to come over and
watch some vandals smashing up someone’s home? We can’t help
it, we’re so thick we can’t think, can’t think of anything but shit,
sleep and drink. Oh, and we like women; »up the women« we say
and if we get lucky we might even meet some one day. Hey you,
you in the Jesus sandals … etc. Mister, we just want your car ’cos
we’re taking a girl to the reservoir. Oh, all the papers say it’s a tragedy
but don’t you want to come and see? Mister we want your
car … etc. (x 3)
Joyriders. Samstagsabends rausfahren ist unser Ding, vorbei am
Freizeitzentrum, an der Ampel links. Sind nicht unbedingt auf
Ärger aus, aber wenn’s dazu kommt, haun wir nicht ab. Nach Ärger
Ausschau halten, das nennen wir Spaß. He du – du in den Jesus-
Sandalen –, keine Lust rüberzukommen und zuzusehn, wie
ein paar Vandalen das Zuhause von jemandem verwüsten? Wir
können nicht anders, sind viel zu dicht, um zu denken, können
an nichts anderes denken als Scheißen, Schlafen, Saufen. Oh ja,
wir lieben Frauen; »Rauf auf die Frauen«, sagen wir immer, und
wenn wir Glück haben, lernen wir ja mal eine kennen. He du –
du in den Jesus-Sandalen … etc. Mister, wir brauchen nur kurz
Ihr Auto, denn wir wollen mit der Kleinen raus zum Staubecken.
Oh, in allen Zeitungen steht, es sei eine Tragödie, aber möchtest
du nicht rüberkommen und es dir ansehen? Mister, wir brauchen
nur kurz Ihr Auto … etc. (x 3)
Ich hatte schon immer eine Aversion dagegen, wenn Lyrics
vom Schriftbild her so gesetzt waren, als handelte es sich um
Poesie. Lyrics sind keine Poesie: Lyrics sind die Worte zu einem
Song. Es ist offensichtlich, dass dieser Ansatz in Bezug auf
eine Textsammlung wie diese vor gewisse Herausforderungen
stellte – ein ganzes Buch, Seite für Seite wie das erwähnte Beispiel
gesetzt, wäre sicherlich keine angenehme Lektüre. Also
habe ich mit Hilfe des Lektors versucht, eine Form zu finden,
welche die Worte auf verständliche Weise wiedergibt und dabei
zum einen so angelegt ist, dass der Text auf der Seite funktioniert,
zum anderen seiner Verwendung in dem jeweiligen
Song entspricht. Ich denke, dass das Gelingen dieses Ansatzes
stark davon abhängt, wie sehr man mit dem Ausgangsmaterial
vertraut ist, doch ich hoffe auch, dass die Texte auf diese Weise
für sich stehen können. Es handelt sich zwar immer noch
um Worte, die zu bestimmten Songs gehören, aber so wie sie
hier zwischen diesen Buchdeckeln präsentiert werden, stellen
sie ein eigenständiges geschriebenes Werk dar (definitiv aber
keine Poesie!).
Die Texte sind chronologisch angeordnet. Meine allerersten
Versuche von 1978 hab ich euch erspart. Die sind entweder
etwas einfältig (z. B. »Shakespeare Rock«: »Gotta baby
only one thing wrong: she quotes Shakespeare all day long. I said,
›Baby why’re you ignoring me?‹ She said, ›To be or not to be.‹«)
oder peinlich ernst (z. B. »Life is a Circle«: »Life is a circle you’re
caught on. Life is a road that’s much too long. It winds, goes ahead –
only stops when you’re dead.«) Deshalb umfasst die Auswahl die
Jahre 1983 bis 2009.
Ich habe nie Protokoll oder Tagebuch geführt, dafür habe ich
meine Songs, die am ehesten noch einer Aufzeichnung meiner
persönlichen Entwicklung (bzw. deren Fehlen) entsprechen.
Wenn ich in der ganzen Zeit etwas über das Songschreiben
gelernt habe, dann, dass es echt klingen und aus einer wirklichen
gelebten Erfahrung kommen muss (aber zugleich diese
Erfahrung nicht ersetzen kann). Ich würde da Leonard Cohens
Sichtweise unterschreiben, dass »Kunst nur die Asche ist, die
übrig bleibt, wenn dein Leben ordentlich brennt«. Das Leben
ist der wahre Einsatz, und die Details sind der Schlüssel dazu,
genauso wie sich auch nur ein wirklicher Augenzeuge scheinbar
unbedeutende Einzelheiten merken kann. Und solche Einzelheiten
sind es letztlich, die einem Song die Weihe der Authentizität
verleihen. Man hat keinen großen Einfluss darauf, was einem
in Erinnerung bleibt und was nicht. Deine unverwechselbare
Stimmung resultiert aus der willkürlichen Vorgehensweise
deines Gedächtnisses – vorausgesetzt, du kannst
das erkennen und für dich nutzen. Nicht alles, was das Gehirn
dir eingibt, ist besonders angenehm oder freundlich, aber alles
ist es wert, beachtet zu werden, sobald es ins Bewusstsein gelangt.
Was man also auf keinen Fall tun sollte, ist, das alles bewusst
zu ignorieren und stattdessen »sachgerecht« zu schreiben,
so wie »es sich gehört«. Das gibt es sehr häufig – vielleicht
schätzen aber auch viele ihre eigenen Erfahrungen nicht genug
und halten es deshalb nicht für wert, sie aufzuschreiben. Bei
mir hat es bis zu meinem Wegzug aus Sheffield im Jahre 1988
gedauert, dass ich über diesen Ort explizit etwas sagen konnte –
bis dahin hatte ich keinen klaren Blick darauf. Dann fing ich
fieberhaft an, darüber zu schreiben, um nichts zu vergessen.
Erst konnte ich es kaum erwarten, von dort wegzukommen,
und jetzt bildete ich alles obsessiv im Gedächtnis nach. Besser
so als andersrum. Es kann niemals schaden, all die peinlichen
Momente und Fehlstarts im Kopf zu behalten. Man kann ja immer
ein bisschen mit der Reihenfolge spielen oder die Beleuchtung
anders einstellen, wenn das nötig ist. Du bist der Boss, zu
guter Letzt ist es dein Königreich. Es geht niemanden etwas
an, wo deine Wirklichkeit aufhört und das Wunschdenken beginnt.
Aus welchem Grund auch immer waren meine Lyrics stets
narrativ. Manchmal würde ich gern davon loskommen und anspielungsreicher
oder unbestimmter sein, aber immer wenn
ich das versucht habe, war es ein Desaster. Man ist zu dem
verdammt, was man kann, und eine Fähigkeit ist nur eine ver-
kleidete Unfähigkeit. Manchmal übernimmt die erzählte Geschichte
sogar komplett die Führung eines Stücks, dann verzichte
ich auf jegliche Gesangsmelodie und »spreche« den
Song einfach runter. Beispiele dafür sind aufs gesamte Buch
verteilt, von »My Legendary Girlfriend« (»Meine sagenhafte
Freundin«) von 1989 bis zum letzten abgedruckten Songtext
von 2009, »You’re in My Eyes (Discosong)« (»Du in meinen
Augen (Diskostück)«). Wahrscheinlich kam mir die Idee
dazu, als ich »The Gift« von Velvet Underground hörte. Vielleicht
waren es aber auch Roger McGoughs Arbeiten mit The
Scaffold. Wenn dir mal kein passender Ton einfällt, der mit
der Musik zusammengeht, dann stör dich nicht daran – sprich
dir einfach deinen Weg da durch. Ansonsten besteht immer
die Gefahr, ins Opernhafte abzugleiten (und das ist wirklich
gefährlich).
Warum Mother, Brother, Lover? Nun, während ich für diese
Publikation noch mal alle Lyrics durchsah, war ich erschrocken,
wie häufig ich dieses spezifische Reimschema verwendet
habe (es gibt dafür einige Beispiele im Buch sowie noch
weitere in Songs, die ich weggelassen habe). Also musste das
der Titel sein. Dies ist eine weitere Erkenntnis nach all den
Jahren: Verwandle deine Defizite in Verkaufsargumente. Versuch
gar nicht erst, einen Makel zu verstecken – bausche ihn
auf! Blas ihn so riesig auf, dass ihn niemand mehr sehen kann.
Am Ende des Buches habe ich einige Anmerkungen versammelt,
die, wie ich hoffe, ein wenig Licht auf manches Detail
in den Lyrics werfen bzw. manch nützliche Hintergrundinformation
enthalten. Für den Spaß bei der Lektüre sollten
sie nicht essentiell sein, aber vielleicht ein wenig dazu beitragen.
*
Ich habe diesen Essay mit der Behauptung begonnen, dass
Songtexte in der Popmusik nicht wichtig seien. Natürlich sind
mir im Laufe der Jahre eine Menge Ausnahmen zu dieser Regel
begegnet. Chart-Pop (was für ein drolliger Begriff ) verfügt
vielleicht nicht über allzu viel sprachlichen Nährwert, aber
wenn man einmal die eingetretenen Pfade verlässt, stößt man
auf reichhaltige Schätze. Lou Reed und Velvet Underground
erwähnte ich bereits, Scott Walker, Leonard Cohen, Lee Hazelwood,
Jim Morrison, Dory Previn, David Bowie, Mark E.
Smith, Nick Cave, Jeffrey Lewis, Will Oldham und Bill Callahan
sind nur einige der Songtexter, die ich immer für ihre Fähigkeit
bewundert habe, gedanklich anregende Stoffe in Lyrics
zu verwandeln. Für ihre Inspirationen bin ich sehr dankbar.
(Lasst uns Dylan nicht vergessen – ich stieß relativ spät auf ihn,
aber ein Stück wie »A Simple Twist Of Fate« ist ein magisches
Beispiel für eine in einen Songtext verpackte Geschichte.)
Auf der Coverrückseite von Scott Walkers Scott 4 steht ein
Zitat von Albert Camus: »Ein Menschenwerk ist nichts anderes
als ein langes Unterwegssein, um auf dem Umweg über
die Kunst die zwei oder drei einfachen großen Bilder wiederzufinden,
denen sich das Herz ein erstes Mal erschlossen hat.«
Das bringt es im Grunde auf den Punkt: Diese inneren Bilder
werden zu einem frühen Zeitpunkt ins Unterbewusstsein eingeschlossen,
während man noch viel zu jung ist, um etwas davon
zu begreifen, und du verbringst den Rest deines Lebens
damit, sie wieder freizulegen. Wenn du Glück hast, sind sie
diese Anstrengung wert.
Eine Ausstellung der Werke des amerikanischen Künstlers
Jeff Koons trug den Titel Everything’s Here (Alles ist hier). Diese
Weltsicht teile ich rückhaltlos: Man kann von »Lipgloss und
Zigaretten« leben. In meinen Liedern gibt es mannigfaltige
Bezüge zu Fernsehsendungen und Unterhaltungskünstlern,
weniger dagegen zu griechischer Mythologie, aber alles steht
gleichberechtigt nebeneinander. Man kann alles mythologisieren,
wenn man sich entsprechend intensiv damit beschäftigt.
Im Grunde macht es wesentlich mehr Spaß, dort nach etwas
Tiefgründigem zu suchen, wo es nicht vermutet wird. Vielleicht
ist das aber auch nur mein Hang zu Peinlichkeiten. Als
ich neun war, lernten wir in der Schule, wie man Diagramme
zeichnet, und der Lehrer erstellte eins aus den Zeiten, an
denen wir morgens aufstanden und uns für die Schule fertig
machten. Aus irgendeinem Grund war ich fest dazu entschlossen,
einen Strich in dem Diagramm ganz für mich allein zu
haben. Dafür behauptete ich, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen
(was offensichtlich gelogen war, da ich morgens immer
mindestens fünf Minuten zu spät zum Unterricht kam).
Zunächst war der Lehrer skeptisch, ließ es dann aber durchgehen,
und zu meiner großen Befriedigung erhielt ich einen
eigenen kleinen Strich im Diagramm. Keine Ahnung, warum
ich so dahinter her war, anders als die übrigen Kinder in meiner
Klasse zu sein, aber es war mir einfach eminent wichtig.
Wahrscheinlich hat sich das bis heute erhalten. Mir gefällt die
Vorstellung, dass das mehr war als eine bloße Gemeinheit gegenüber
den anderen, dass es vielmehr der Beginn einer Sensibilität
war, die dem Bedürfnis entstammte, auf die weniger
offensichtlichen Stellen zu blicken – weniger offensichtlich,
weil sie sich genau unter deiner Nase befinden. Pulp: der perfekte
Name dafür, weil dies der Versuch war, in den massenproduzierten
und Wegwerf-Dingen, von denen wir am Ende
des Tages alle umgeben sind, eine Bedeutung zu sehen.
Diese Dinge zu durchforsten und eine Schönheit darin zu
finden.
Man muss einfach nur hinsehen – es ist alles da.

The Great Barrier Reef / Shepherd’s Bush
August 2011

Jarvis Cocker

Über Jarvis Cocker

Biografie

Jarvies Cocker (geboren am 19. September 1963 in Sheffield), Stilikone, Sexsymbol, Frontmann der Band Pulp.

 

1978 gründete Cocker mit einigen Freunden die Band Pulp. Anfangs wechselte die Besetzung häufig, selten spielte die Band zweimal hintereinander in exakt gleicher Formation. Nach einigen...

Pressestimmen

laut.de

»Ein Buch für Fans und solche, die es werden wollen.«

GQ

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»Auch ohne begleitende Melodie sind Cockers Texte ein Vergnügen der besonderen Art, und sie haben tatsächlich immer wieder eine poetische Kraft.«

Bayern 2

"Jarvis Cocker zählt zu den wenigen Popmusikern, deren Texte so viel Bestand haben, dass sie in Buchform veröffentlicht werden. Er darf sich damit neben Leonhard Cohen und Bob Dylan einreihen. 'Mother, Brother, Lover' erscheint in zweisprachiger Ausgabe beim Berlin Verlag. Und tatsächlich lohnt sich die Zweisprachigkeit, weil man so Cockers Sarkasmus besser versteht."

Deutschlandradio "Corso"

"Er singt über Sozialbauwohnungen, Autodiebe und Rentner. Mit Jarvis Cocker wird einer der charismatischsten Bandleader des britischen Pops 50 Jahre alt. Zum Geburtstag schenkt der Sänger der Band Pulp sich und uns eine Sammlung seiner besten Songtexte, erstmals ins Deutsche übersetzt."

Musikexpress

"Jarvis Cocker ist für seine Songtexte fast so berühmt wie für seine Synthetikanzüge, die dicke Brille und das Powackeln vor Michael Jackson. [...]. Die deutsche Version erscheint zum 50. Geburtstag des Sängers und markiert eine Art von Seriositätsbeweis, einen Aufstieg in die Bob-Dylan-Liga."

SPEX

„Man kann es nur begrüßen, dass die Lyrics des Superstaraußenseiters nun auch hierzulade in Buchform vorliegen. Die Dylanologen und alle anderen sollen ihre Lupen mal auf diese androgyne Sprachkunst richten! In Mother, Brother, Lover (Berlin Verlag) funkeln zahlreiche Diamanten, die sich auch ohne Musik sehen lassen können und auf die wir gerne einen Diamond White trinken würden, diesen billigen Apfelschaumwein, der am Ende der euphemischen Momentaufnahmen 'Deep Fried in Kelvin' steht."

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