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Mord am Montmartre

Mord am Montmartre

Aimée Leduc läuft in die Falle

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Mord am Montmartre — Inhalt

Alles spricht dafür, dass die Polizistin Laure ihren Kollegen am Pariser Montmartre erschossen hat. Doch sie selbst kann sich an nichts erinnern. Die Privatdetektivin Aimée Leduc kann nicht glauben, dass ihre Freundin Laure tatsächlich schuldig ist. Und so schlüpft sie in ihre Louboutins, springt auf ihren rosa Roller und macht sich auf die Suche nach dem wahren Mörder. Inmitten des schönsten Künstlerviertels, zwischen Cafés, Croissants und Sacré Cœr kommt Aimée Leduc der Lösung immer näher.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.09.2016
Übersetzt von: Karl-Heinz Ebnet
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96549-1

Leseprobe zu »Mord am Montmartre«

Paris, januar 1995

Montag
Montagabend


Aimée Leduc versank mit ihren Absätzen im Schnee auf der stillen, verlassenen Straße. Nur die Geister schienen zu wispern, die Geister, die in Paris allgegenwärtig waren, besonders zu dieser Jahreszeit: unruhige Seelen, die nachts über das Pflaster glitten, durch die dunklen Höfe strichen und einen Hauch des Vergangenen zurückließen.
Der metallische Geruch in der Luft verhieß weiteren Schneefall. Eisverkrustete Boote, von denen Dunst aufstieg, dümpelten auf der träge fließenden Seine. Die Lichter auf der Promenade [...]

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Paris, januar 1995

Montag
Montagabend


Aimée Leduc versank mit ihren Absätzen im Schnee auf der stillen, verlassenen Straße. Nur die Geister schienen zu wispern, die Geister, die in Paris allgegenwärtig waren, besonders zu dieser Jahreszeit: unruhige Seelen, die nachts über das Pflaster glitten, durch die dunklen Höfe strichen und einen Hauch des Vergangenen zurückließen.
Der metallische Geruch in der Luft verhieß weiteren Schneefall. Eisverkrustete Boote, von denen Dunst aufstieg, dümpelten auf der träge fließenden Seine. Die Lichter auf der Promenade funkelten wie Sterne auf dem schwarzen Wasser. Die vom frisch gefallenen Schnee gedämpften nächtlichen Geräusche schienen unendlich weit entfernt.
Sie eilte am Ufer der Île Saint-Louis zu ihrer Wohnung, die in einem alten Gebäude aus dem siebzehnten Jahrhundert lag, und stieg die ausgetretene Treppe hinauf. Dunkelheit und schale Luft empfingen sie. Enttäuscht hängte sie den Rucksack an den Haken neben der Tür. Es war das dritte Mal in dieser Woche, dass Guy abends wegen seines Bereitschaftsdiensts weggerufen worden war.
Sie hörte ein leises Klacken. Erschreckt schaltete sie das Licht an. »Guy, bist du das?«
Er stand in der Tür, hatte den Kragen seines weißen Hemds geöffnet, die Hände in den Taschen des Smokings vergraben, und sah sie mit seinen grauen Augen an. Sie konnte seine Miene nicht einordnen.
Dann fiel es ihr siedend heiß ein. Sie war so in ihre Arbeit vertieft gewesen, dass sie den Empfang, den er als Chefarzt seiner Abteilung für Ärzte ohne Grenzen gab, völlig vergessen hatte.
»Guy, verzeih mir ……«
»Ich bin zu spät zum Empfang gekommen«, fiel er ihr ins Wort. »Als ich im Krankenhaus eintraf, wartete ein Notfall auf mich. Ein paar Minuten später, und der Patient hätte das Augenlicht verloren. Wäre ich rechtzeitig gekommen … aber ich hab auf dich gewartet.«
Sie wurde rot. »Die Arbeit! Tut mir leid, du hättest nicht auf mich warten sollen, ich hab nicht gedacht …«
»Weißt du, im Studium hat man uns beigebracht, wie man malignes Gewebe erkennt, wie man es isoliert, wie man es freilegt …«
Sie spannte sämtliche Muskeln an. Eine frostige Kälte ging von ihm aus.
»Und wie man es entfernt, bevor es anfängt zu wuchern, bevor es auf andere Organe übergreift und das ganze Lymphsystem erstickt.«
»Guy, hör zu, das trifft doch auf dich genauso zu.«
Er ging zum Schlafzimmer und blieb in der Tür stehen. »Was war es diesmal, Aimée? Ein abgestürzter Computer, Außenstände, die du unbedingt noch eintreiben musstest, ein Hack, bei dem du die Zeit ver-gessen hast, oder ist René früher gegangen, und die ganze Arbeit ist mal wieder an dir hängengeblie-ben?«
»Nicht schlecht. Drei der vier Punkte treffen zu, Guy.« Sie wollte seine warmen Chirurgenhände auf ihrer Haut spüren, seine wunderbaren Hände, die schlanken Finger, mit denen er letzte Nacht unter dem Seidenlaken über ihren Rücken gestreichelt hatte.
Für einen Moment huschte ein verlorener Ausdruck über sein Gesicht, war aber gleich wieder ver-schwunden. »Es funktioniert nicht, Aimée.«
Er öffnete den Kleiderschrank und warf Hemden in eine Sporttasche. Es war ihm ernst.
»Du desertierst«, sagte sie und stellte sich ihm in den Weg.
Er starrte sie nur an. »Was?«
»Kaum herrscht etwas rauerer Seegang, springst du über Bord.«
»Wir hatten das alles schon mal.« Er schüttelte den Kopf und sah zu Boden. »Ich wollte doch, dass es klappt zwischen uns.«
»Aber es liegt nicht nur an mir«, unterbrach sie ihn. »Ständig hast du Bereitschaftsdienst, dann bist du für drei Wochen auf irgendwelchen Ärztekongressen!« Den Urlaub, Silvester und Neujahr erwähnte sie nicht.
»Ich weiß.« Er sah weg.
Blöd. Warum hatte sie das gesagt? Verlass dich nie auf einen Mann. Oder sag ihm nie, dass du es tust.
»Guy, ich werde deinen Dienstplan auswendig lernen.« Sie zog ihn an sich, warf sich ihm in die Arme. »Ich hab noch nie für jemanden solche Gefühle empfunden.«
Er fuhr ihr mit seinen warmen Fingern über die Wange. Sie schloss die Augen und sog seinen Veti-ver-Duft ein. Etwas landete klimpernd in ihrer Tasche.
»Hier, deine Schlüssel«, sagte er.
»Wir können doch darüber reden!« Sie musste gegen ihre Angst ankämpfen. Warum hatte sie sämtliche Warnsignale ignoriert?
»Es ist besser so, Aimée. Für dich und für mich. Tut mir leid.« Er packte seine Tasche und ging in den Flur.
»Aber, Guy …«
Bevor sie ihn aufhalten konnte, war er schon durch die Tür.
Sie rannte ans Fenster, drückte die Nase gegen die kalte Scheibe und sah, wie er auf dem Quai in ein Taxi stieg. Sie hörte die Tür zuschlagen, hörte die Reifen im Schneematsch. Tränen traten ihr in die Au-gen. Zwei Monate hatten sie zusammengelebt … er war derjenige, der ihr das Augenlicht gerettet, der Gedichte über sie geschrieben hatte … Jetzt war er fort, einfach so!
Beziehungen … sie kapierte es einfach nicht. Sollten die Menschen sich nicht einfach so nehmen, wie sie waren? Sie hatte es versaut. Mal wieder.
Sie sank aufs Bett, packte sich das Kopfkissen und bemerkte, dass sie eine seiner Socken in der Hand hielt. Sie erinnerte sich, wie sie in der Morgendämmerung im Bett gelegen hatten, draußen vor dem Fenster war die blutrote Sonne über die Dächer gestiegen, und er hatte ihr über den Oberschenkel ge-streichelt, während auf dem Balkon die von ihm zubereitete dampfende Tasse Café au lait neben der dicken Le Monde diplomatique gewartet hatte, ihrer Sonntagsmorgenlektüre. Sie erinnerte sich, wie sich seine Nase kräuselte, wenn er lachte. Sie vergrub das Gesicht im Kissen. Schlug darauf ein. Versuchte sich vom dumpfen Schmerz in sich abzuschotten.
Eine kleine nasse Zunge leckte an ihrem Ohr. Miles Davis, ihr Bichon Frisé, brachte ihr ungeduldig die Leine. Sie hörte sein leises Japsen.
»Jetzt sind nur noch wir zwei da, Miles.«
Die Lichter der Boote auf dem Fluss schimmerten auf ihrem grün glänzenden Jade-Armreif, der am fa-cettierten Spiegel hing. Dort, an einem Birkenzweig, bewahrte sie ihren Schmuck auf. Der Armreif war ihr von einer alten Vietnamesin geschenkt worden und sollte Glück bringen. Er fühlte sich kühl und glatt an, als sie ihn über das Handgelenk streifte, dann schlüpfte sie in eine schwarze Daunenjacke, wickelte sich zwei Wollschals um den Hals und ging die zugige Treppe hinunter, um ihren Hund auszuführen.
Ein Januarabend. Sie hatte das Gefühl, als wären sie und Miles Davis die Einzigen, die noch in Paris waren. Neben den Geistern.
Ihr war der Mann weggelaufen.
Ein Boot fuhr vorbei, rote Weihnachtsbeleuchtung erhellte noch das flache Deck. Der Wind trug die ab-gehackten Strophen eines von einem Akkordeon begleiteten Lieds heran, dazu die Wellen, die gegen den Rumpf schlugen.
Miles Davis lief voran und beschnüffelte das Eisengitter am Fuß eines nackten Baums. Sie rieb am Ja-de-Armreif, aber er strahlte keinerlei tröstende Wärme aus.
In ihrer Jackentasche vibrierte das Handy. Guy?
»Allô«, meldete sie sich hoffnungsfroh.
»Bibiche!« Sie erkannte Laure Rousseaus Stimme. Mit Laure, der Tochter des ersten Partners ihres Va-ters, war sie seit ihrem achten Lebensjahr befreundet. »Komm, es gibt was zu feiern, Ouvrier geht in Rente. Du erinnerst dich noch an ihn?«
Ouvrier – ein pferdegesichtiger Flic aus dem alten Commissariat ihres Vaters. Im Hintergrund waren Stimmen und das Klingeln eines Flippergeräts zu hören. Eine Bar? Nicht unbedingt ihr Fall, mit einem Haufen alter Flics zusammenzusitzen, mit ihnen zu bechern und sich ihre Geschichten anzuhören, Typen, die schon bei der Polizei gewesen waren, als sich die Erdkruste noch nicht abgekühlt hatte.
»Wie wär’s, bibiche? Bin ich dir nicht noch einen Drink schuldig?«
»Klingt ja fast so, als hättest du schon mal losgelegt!«
»Der Platz neben mir ist noch warm«, sagte Laure.
Aimée dachte an ihre leere, kalte Wohnung.
»Place Pigalle, du erinnerst dich an L’Oiseau?« Im Hintergrund wurde ein Lied geschmettert.
Also lieber neben Laure vom Barhocker fallen als allein in ihrem Eck-Bistro sitzen.
Aimée sah zu Boden. Unter ihren Füßen knirschte der frische Schnee. Miles Davis schien genug zu ha-ben; sie konnte ihn nach oben bringen.
»Ich nehme ein Taxi. In einer Viertelstunde bin ich da.«
Dieser Teil von Montmartre hatte schon mehrere Glanzzeiten erlebt. Vor der Jahrhundertwende hatte hier Edgar Degas unter den Grisettes, den jungen Frauen, die zwischen den von Pferden gezogenen Milchkarren auf Arbeit warteten, seine Modelle gefunden. Mittlerweile sorgten Sexclubs und nordafrika-nische Billigläden für ein etwas anderes Flair. Aber noch immer schlängelten sich Kopfsteinpflastergassen mit einstöckigen Künstlerateliers die Anhöhe zu Sacré-Cœur hinauf, der Kirche, die den steilen Hügel krönte.
Aimée musste sich durch dicken Zigarettenqualm kämpfen, als sie L’Oiseau betrat. Die Party war in vol-lem Gang. Gott sei Dank hatte sie sich im Taxi noch eine zweite Nicorette eingeworfen. Flics in Zivilklei-dung, um die sechzig und älter, lehnten am verzinkten Tresen oder saßen an den kleinen runden Tischen. Sie erkannte mehrere Gesichter, Männer, die mit ihrem Vater zusammengearbeitet hatten und sich in solchen Bars heimischer fühlten als in der eigenen Küche. Früher hatte sie auch dazugehört, jetzt kam sie sich wie eine Außenseiterin vor.
Ihr Pate, Commissaire Morbier, saß an der Theke. Unweigerlich musste sie lächeln, als sie die goldene Papierkrone sah, die schief auf seinen graumelierten Haaren saß und so gar nicht zu seinem Bas-sett-Gesicht, seinen dicken Tränensäcken und Hängebacken passte. Sein Tweed-Jackett mit Ellbogen-flicken roch nach nasser Wolle, vor sich auf der Theke hatte er eine halb verdrückte Galette des Rois, einen Dreikönigskuchen, daneben stand eine kleine Keramikfigur.
Wo war Guy? Hak ihn ab! Sie brauchte was zu trinken.
»Na, jetzt bist du hier der König, was, Morbier? Wo steckt Laure?«, fragte sie, winkte dem Wirt und be-stellte sich eine Marzipan-Tarte. Sie nahm einen Schluck von Morbiers Glas, dann noch einen. »Das Gleiche wie immer, Jean.«
Jemand klopfte ihr von hinten auf die Schulter. Sie drehte sich um.
Eine grinsende Laure Rousseau stand direkt vor dem ausgebleichten, sich schon halb von der nikotin-gelben Wand schälenden Mannschaftsposter von Olympique Marseille. Wie immer strich sie sich mit der Hand über den Mund, eine unwillkürliche Geste, mit der sie die dünne weiße Narbe auf der Oberlippe zu kaschieren versuchte, den Überrest einer chirurgisch längst behobenen Hasenscharte.
»Also, bibiche«, sagte Laure und musterte Aimée mit ihren braunen Augen, »dann erzähl mir mal von dem Lastwagen, der über dich hinweggedonnert ist.«
War es so offensichtlich? Aimée verschluckte sich und verschüttete ihren Wein. Der Burgunder spritzte auf die Theke.
»So schlimm?«, fragte Laure.
Aimée nickte. »Guy hat Bereitschaftsdienst. Er hat immer Bereitschaftsdienst.«
»Ach, der Augenarzt. Ihr habt euch getrennt? Das tut mir leid.«
Aimée tappte mit dem Fuß auf die braunen Bodenfliesen, auf denen Zigarettenkippen und Würfelzu-ckerpapier lagen. »Ich hab’s verbockt. Vielleicht sollte ich lieber gehen, ich will dir nicht den Abend ver-sauen.«
Laure legte Aimée den Arm um die Schulter. »Schluss mit dem langen Gesicht! Raus mit der Sprache, erzähl mir alles!«
Und das tat Aimée dann auch.
»Der kommt wieder«, sagte Laure darauf, nachdem sie sich alles angehört hatte.
»Darauf würde ich nicht wetten. Wir sind zu verschieden.« Aimée bestellte sich ein neues Glas und nahm einen langen Schluck. Männer – sie kamen und gingen, war es nicht immer so gewesen? Es würde immer einen Neuen geben. Mit genügend Wein intus glaubte sie sogar daran, und dann würde sie auch die Nacht durchstehen.
»Bibiche.« Laure umarmte sie. »Du könntest jeden hier drinnen haben, jederzeit. Das Problem ist nur, sie sind alle geschieden, halten es keine Minute lang in einer Beziehung aus und sind alle so alt wie dein und mein Papa.«
»So alt, wie mein Vater jetzt wäre«, sagte Aimée. »Fünf Jahre sind es jetzt her, Laure.« Der Spreng-stoffanschlag auf der Place Vendôme, bei dem ihr Vater ums Leben gekommen war – der Fall war seit Langem zu den Akten gelegt, und die einzige heiße Spur, die sie von Interpol hatte, war schon längst kalt geworden. Sie versuchte, nicht daran zu denken.
Wie vertraut sich die verrauchte Bar anfühlte. In solchen Lokalen hatten sie und Laure endlos Tic Tac Toe gespielt, wenn ihre Väter mal wieder am Wochenende Dienst geschoben hatten.
Erst jetzt fiel ihr auf, wie besorgt ihre Freundin aussah, wie nervös sie ihre langen, glatten braunen Haare nach hinten warf. Und ihr marineblauer Hosenanzug hing nur noch lose an ihr.
»Du hast abgenommen«, sagte Aimée.
Laure wandte den Blick ab.
»Ich kann mir die alten Knacker kaum vom Leib halten«, kam es von Laure prompt. »Aber von den Alten muss ich mir wenigstens nicht alle fünf Minuten irgendwelche Anzüglichkeiten anhören, so wie von den Neuen im Commissariat. Ich setze genau wie sie jeden Tag mein Leben aufs Spiel. Wenn ich am Morgen antrete, weiß ich nie, ob ich am Abend noch lebe. Trotzdem meinen sie, mich wie Freiwild behandeln zu können.«
»Du bist im Streifendienst, genau das wolltest du doch immer«, sagte Aimée mit Blick auf die Ansteck-nadel an ihrem Revers. »Ich würde dir ja gratulieren, aber du weißt, was ich davon halte.«
Laure war vom Innendienst zum Streifendienst versetzt worden. Was Aimée nicht für sonderlich klug hielt, sie hatten deswegen endlose Diskussionen hinter sich. Aber Laure wollte sich beweisen, was entweder von ihrem Komplex wegen der längst operierten Hasenscharte herrührte oder von ihrem Wunsch, ihrem hochdekorierten Vater nachzueifern.
»Warum musst du unbedingt dein Leben aufs Spiel setzen?«
Wieder der abgewandte Blick, die Hand, die über den Mund strich.
Schallendes Gelächter ertönte, grauhaarige Männer klatschten sich gegenseitig auf die Schulter, und in ihrem Lärm ging Laures Erwiderung unter. Die angesäuselte Menge, gewohnt, sich lautstark zu unter-halten, musste auch noch gegen das Flippergerät aus den 1950ern anschreien.
»Encore?« Jean, der Wirt, deutete auf ihr Glas.
Laure schüttelte den Kopf.
»Was ist los, Laure?«
Laure deutete mit dem Daumen auf einen Mann in den Dreißigern. Er hatte schwarze, nach hinten ge-gelte Haare, einen sauber gestutzten Schnauzer und lehnte sich über die Theke. »Mein Partner, Jacques Gagnard.«
Gagnards Mundwinkel zuckten ununterbrochen, während er in ein Handy sprach und sich eine Gitane anzuzünden versuchte. Seine Hände zitterten so stark, dass er es erst im dritten Anlauf schaffte.
Aimée kannte Typen wie ihn, nervöse Flics, die in genau solchen Bars herumhingen; die früher beim Militär gewesen und, nachdem sie ein bestimmtes Alter erreicht hatten, zur Polizei gegangen waren.
»Gerade geschieden?«
»Bien sûr, hat sich dann gleich einen neuen Citroën und eine Freundin angeschafft, wie üblich«, bestätigte Laure.
Musste anstrengend sein, mit so einem Partner zusammenzuarbeiten, dachte Aimée. Sie nahm einen weiteren Schluck und bemerkte das Getuschel und die Blicke, die Laure galten. Steckte da mehr dahin-ter?
»Was ist los? Steht bei dir schon eine Beförderung an?«
Laure holte tief Luft, schüttelte den Kopf, entschuldigte sich und ging zu Gagnard.
Aimée trank ihr Glas aus und bestellte ein neues, als sie im allgemeinen Trubel plötzlich Laures schrille Stimme hörte. »Das ist das letzte Mal!« Sie sah Laures hochrotes Gesicht, sah, wie ihre Freundin mit der Faust auf den Tresen haute, und in der schlagartig einkehrenden Stille waren nur noch die Geräusche des Flippergeräts zu hören.
Sofort war Aimée bei Laure und konnte sie gerade noch zurückhalten, Gagnards Glas fortzuschleudern.
»Tiens, Laure, was ist denn los?«
Gagnard, die Lippen bislang fest zusammengepresst, grinste. »Wenn man mit jemandem auf Streife ist, dann ist das fast so, als wäre man verheiratet.« Er stieß den neben ihm sitzenden Ouvrier an, der einen Nadelstreifenanzug trug, seinen Sonntagsstaat, den er ganz sicher extra zu dieser Gelegenheit ausführte. »Aber nur fast, was, Ouvrier?«
Ouvrier antwortete mit einem nervösen Lachen. Andere fielen mit ein, und bald darauf wurden im Glä-serklirren die Gespräche wieder aufgenommen.
»Zeit zum Aufbruch.« Gagnard erhob sich, klatschte einen Zehn-Franc-Schein auf die nassen Abdrücke der Gläser, die sich auf dem Tresen abzeichneten, und warf Laure einen Blick zu. »Kommst du?«
»Sie unterhält sich mit mir«, sagte Aimée und machte einen Schritt auf Gagnard zu. »Außerdem seid ihr doch gar nicht im Dienst!«
»Seit wann geht dich das was an?«, fragte er.
Bevor Aimée darauf antworten konnte, zupfte Laure sie am Ärmel. »In fünf Minuten bin ich wieder da«, sagte sie ihr ins Ohr. »Nur zwei Straßen weiter.«
Dabei sah Laure sie genau wie damals an, als sie Aimée ihr Zeugnis gegeben hatte, damit sie es ver-steckte.
Der Wirt winkte ab, verweigerte den Geldschein und wischte mit einem nicht allzu sauberen Tuch über die Theke. »Geht aufs Haus.«
»Zwei Straßen weiter? Gagnard ist ein großer Junge, schafft er das nicht allein?«, fragte Aimée.
Aber Laure griff sich bereits ihre Jacke vom Kleiderständer. Sie deutete mit den gestreckten Fingen ihrer behandschuhten Hand noch die fünf Minuten an, die sie fortbleiben wollte, und folgte Gagnard durch die Tür. Aimée beobachtete durch das Fenster, wie die beiden sich draußen unterhielten, und als sie erneut hinaussah, überquerten sie gerade die Straße.

Montagabend
Das rote flackernde Neonlicht, das auf Gagnards grinsendes Gesicht fiel, verlieh ihm etwas Teuflisches. Er stand neben einem schmutzigen Schneehaufen und knöpfte sich die Jacke zu.
»Das ist nicht witzig, Jacques!«, sagte Laure.
Er zuckte nur mit den Schultern und sah sie an, so wie er auch einen Welpen ansehen würde, oder eine alte Dame im Bus, der er einen Sitzplatz angeboten hatte. »Wie peinlich, so eine Szene, war das nötig, Laure?«
»Du weißt, warum!«
»Laure, du bist wirklich niedlich. Wegen meiner Pillen musst du dir keine Sorgen machen. Die verschreibt mir das Krankenhaus gegen die Verspannungen im Rücken.«
Sein nervöses Zucken hatte noch zugenommen. Und der Medikamentencocktail, den er sich zusammen mit dem Alkohol eingeworfen hatte, machte es nicht unbedingt besser.
»Es geht auch um meine Karriere, Jacques. Es ist mein erster Streifendienst.«
»Den du wem zu verdanken hast? Wer hat den Commissaire dazu überredet, bei den Prüfungsergeb-nissen ein Auge zuzudrücken?«
Es stimmte schon, ihre Ergebnisse waren nicht berauschend gewesen. Sie ignorierte die blinkende Sexodrome-Neonreklame, die rote Blitze auf sein Gesicht warf, sowie die großen Fotos der halbbeklei-deten Frauen, die für die verblassten Reize der Pigalle warben.
Er schnippte seine Zigarette in den Rinnstein, wo die orangefarbene Spitze im grauen Matsch verglühte. »Ich will dich dabeihaben«, sagte er. »Nur für den Fall.«
»Für den Fall?« Sie war überrascht und auch ein wenig geschmeichelt. Aber bei Jacques war nie irgen-detwas einfach.
»Warum hab ich das Gefühl, dass du was Dämliches machen wirst?«
»Aber doch nicht, wenn du dabei bist! Ich treff mich nur mit einem Informanten. Keine Sorge, ich krieg das schon auf die Reihe.«
So wie er auch seine Ehe und die Medikamente auf die Reihe kriegte?
Der Schnee, der sich wie ein Teppich auf die Straße gelegt hatte, war unter den Reifen der Busse zu Matsch geworden, bedeckte aber immer noch die Reklametafel für Le Sex Live 24/7, die sich über ihnen erhob.
Jacques hatte sich nicht nur für sie eingesetzt, er hatte sie auch als Partnerin akzeptiert, als sich sonst keiner freiwillig dafür gemeldet hatte. Er hatte sie nach Dienstschluss auf einen Drink eingeladen und sich mit ihr über die Arbeit unterhalten; hatte sie zum Lachen gebracht und ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie war ihm einiges schuldig.
»Wer ist dieser Informant, und warum ist es so wichtig, ihn heute Abend zu treffen?«
»Frag nicht, vertrau mir einfach!«
Der neue, auf Raten gekaufte Citroën und der Flachmann, an dem er nuckelte, wenn er sich unbeobachtet fühlte, beunruhigten sie. Jacques Gagnard hatte im Dienst hervorragende Beurteilungen … aber seine Scheidung hatte ihn schwer mitgenommen.
»Ich weiß, du stehst unter Druck«, sagte sie. »Du machst mir Sorgen. Lass uns erst darüber reden, bevor wir uns mit diesem Informanten treffen.«
Gagnard lächelte sie breit an. »Ich hab dich noch nie um was gebeten, Laure. Aber jetzt. Es ist unbedingt nötig.«
»So wie … was nötig ist?«
»Eine persönliche Sache«, sagte er. Der Wind wehte Schnee über ihre Füße. »Dieser Informant … ist schwierig.«
»Ist mittlerweile nicht die Sitte für Informanten zuständig?«
»Sicherheit schaffen, Vertrauen aufbauen, das erfordert Zeit. Es geht nur Schritt für Schritt, wenn man eine gemeinsame Basis schaffen möchte. Ich bring dir das alles bei, schon vergessen? Also, was ist jetzt, Partnerin?«
Ihr Widerstand bröckelte.
Gagnard zwinkerte. »Wie gesagt, fünf Minuten, dann sind wir wieder im L’Oiseau, okay?«
Sie ignorierte ihr mulmiges Gefühl, zog sich die Wollmütze tiefer in die Stirn und war entschlossen, her-auszufinden, warum auf Jacques’ Oberlippe glänzende Schweißtropfen standen, warum er unaufhörlich zuckte.
Die Place Pigalle lag hinter ihnen. Fußgänger waren nicht mehr zu sehen, nur die Anreißer der Sexclubs begrüßten auf den Bürgersteigen die Taxis, die vor ihren Türen hielten. Gagnard deutete auf seinen ge-parkten Citroën.
»Ich dachte, es wäre nur zwei Straßen weiter?«, sagte sie.
»Ja, aber bei dem Wetter ist es besser, wenn wir fahren.«
Sie kamen an dem Gitarrenladen an der Ecke vorbei, der in dem mit Musikgeschäften übersäten Quar-tier tagsüber ein Heavy-Metal-Treffpunkt war.
Sie bogen in die Rue André Antoine und fuhren an einem kleinen Hotel vorbei. Frischer Schnee lag auf den Mansardendächern der Gebäude. Eine Frau in schwarzem Mantel mit hochhackigen Absätzen und Netzstrümpfen stand an der Ecke unter einer lampadaire, dann verschwand sie im Schatten des Haus-eingangs.
Gagnard parkte am Randstein in der Kurve. Er drückte auf den Knopf eines Gittertors, ein Summen er-tönte, und das Tor wurde mit einem Klicken geöffnet. Laure folgte ihm, während er durch den kleinen Innenhof ging. Unter ihren Füßen knirschte das Eis. Das Gebäude war bis hinauf zum Dach eingerüstet.
Sie stampfte sich den Schnee von den Schuhen und wünschte, sie hätte Wollsocken und festere Stiefel angezogen. Ihre Handschuhe … hatte sie im Wagen vergessen. Gagnard gab den elektronischen Code ein, die Tür ging auf, und vor ihnen lag ein Flur mit einem zerschlissenen roten Läufer.
»Warte hier!«, sagte er.
»Im eiskalten Gang?«
Er würde was Dämliches machen. Die Dienstvorschriften besagten, dass die beiden Streifenbeamten immer zusammenblieben und sich niemals trennten.
»Wir sind ein Team, oder?«
Team? Bei der offiziellen Arbeit, ja. »Wir sind nicht im Dienst, schon vergessen?«, entgegnete er.
»Wie persönlich ist das?«, fragte sie.
»Mehr, als du denkst. Aber mach dir keine Sorgen. Ich weiß, was ich tue.« Er zog an seinem Ohrläpp-chen, eine Angewohnheit, die manche Frauen vielleicht liebenswert fanden. Er grinste. Monsieur Charme, so lautete sein Spitzname im Commissariat.
»Sag mir, worum es geht, Jacques.«
»Ich brauch nur jemanden, der mir den Rücken deckt.«
Hatte sie ihn vorhin völlig falsch verstanden? »Ich soll dich warnen, falls jemand auftaucht?«
Er legte den Finger an die Lippen und zwinkerte ihr zu. »Das wirst du dann schon sehen.«
Gagnard lief die Treppe hinauf. Sie lauschte seinen Schritten, bis sie auf dem dritten Treppenabsatz ver-stummten.
Nervös las sie die Namen auf den Briefkästen. Das passte alles nicht zusammen. Kalte fünf Minuten später folgte sie dem roten Läufer über die knarrende Treppe hinauf. Im dritten Stock, in einem fahlen Gang, in dem Bretter und ein altes Waschbecken abgestellt waren, schlug ihr ein kalter Luftzug entgegen. Eine offen stehende Tür führte zu einer dunklen Wohnung.
»Jacques? Lass diese Spielchen!«
Keine Antwort. Was hatte der Blödmann gemacht?
Sie trat in die modrige Dunkelheit. Ihre Schritte hallten auf den Holzdielen. Die Wohnung schien leer zu sein. Durch ein offenes Fenster wehte Schnee in das Zimmer. Dann hörte sie in der Ferne splitterndes Glas.
Erschrocken zog sie den Reißverschluss der Jacke auf und zückte ihre Waffe, die sie bislang nur auf dem Schießstand abgefeuert hatte. Ihr Herz pochte. Drogen! Hielt er bei illegalen Geschäften die Hand auf? War er korrupt? Nie und nimmer würde sie wegen seiner Drogensucht ihre Karriere aufs Spiel set-zen. Sie spähte zum Fenster hinaus. Von Jacques war nichts zu sehen.
Sie stieg auf das Gerüst, hielt sich mit einer Hand an der Hauswand fest und tastete sich vorsichtig über die rutschigen Holzbretter.
»Laure …« Jacques’ Stimme. Seine restlichen Worten wurden vom Wind verschluckt.
Eine heulende Windbö fuhr ihr ins Gesicht, als sie sich an der schiefergrauen Dachkante festhielt und sich vom Gerüst nach oben aufs Dach ziehen wollte. Dann bekam sie einen Schlag gegen den Kopf, und sie sackte in die Knie. Ein zweiter Schlag, und sie knallte in einem hellen Lichtblitz gegen das Gerüst.

Montagabend
Aimée sah erneut auf ihre Tintin-Uhr. Fast elf. »Was treibt Laure nur so lange?«
Morbier zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck von seinem Wein. »Gratulier Ouvrier lieber mal, bevor er geht.«
Ouvrier stand neben ihnen, in der Hand hielt er eine blaue, mit Samt ausgeschlagene Schatulle, in der eine schimmernde Golduhr lag. »Fünfunddreißig Dienstjahre.«
Er wirkte ein bisschen wehmütig.
»Herzlichen Glückwunsch, Ouvrier.« Aimée stupste ihn an. »Wie willst du dich jetzt aus Schwierigkeiten raushalten?«
»Ma petite, ich hab in meinem Leben genug Schwierigkeiten gehabt«, sagte er und lächelte verhalten.
Ouvrier war verwitwet, seinen Kindern entfremdet und vor allem im Winter von aufbrausendem Tempe-rament, weil er Schmerzen im Knie hatte, Folge einer Verletzung aus seinen wilden Jahren. Jetzt hatte man ihn aufs Altenteil abgeschoben. Eine neue Generation von Flics übernahm das Ruder. Sie konnte nachempfinden, wie er sich fühlte, sie wusste um seine Narben, die äußeren wie die inneren. Noch hatte er seine Kameraden, aber bis auf die Golduhr würde ihm von seiner Dienstzeit nicht viel bleiben.
Wo steckte Laure? Aimée stand auf und zog ihre Jacke an. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszu-finden.
Sie überquerte die Place Pigalle in Richtung der Häuser, die sich den Hügel hinaufzogen und deren Zinkdächer sich von der mondgleichen Kuppel von Sacré-Cœur abhoben. Auf halbem Weg nickte ihr der langhaarige, weißkittelige Besitzer eines Ladens für Bilderrahmen zu, der gerade den Rollladen herun-terließ. Kurz erhaschte sie den Aushang zur Eröffnung eines Bio-Markts, der unter einem warholartigen, nur in Schwarz und Rot ausgeführten Seidensiebdruck von Che Guevara hing.
Montmartre verkörperte nach wie vor den Geist der Bohème. In vergangenen Zeiten hatten anarchisti-sche Kommunarden hier gelebt, dann Künstler und Schriftsteller, die im Absinth Inspiration gesucht hat-ten. Jetzt gab es kleine Cafés und Theater, in denen Lyriklesungen veranstaltet wurden oder Dramatiker vor dem Stammpublikum den ersten Akt ihres neuen Stücks vortragen konnten, um die Wirkung zu er-proben; dazu kamen Tanzstudios, die in Ateliers untergebracht waren, in denen früher junge Maler wie van Gogh gearbeitet hatten.
Junge Pariser wussten die umgebauten Ateliers zu schätzen und nahmen gern die steilen Stufen in Kauf, um dafür mit einem wunderbaren Blick über Paris belohnt zu werden. Schon Utrillo, Renoir und Picasso hatten sich hier niedergelassen, Impressionisten, Kubisten und Surrealisten hatten hier gemalt. Überall war noch der alte Geist zu spüren.
Von Laure keine Spur. Aimée bog um die Ecke und entdeckte einen neuen Citroën im absoluten Halte-verbot, direkt unter dem Schild, das unmissverständlich darauf hinwies, dass alle Fahrzeuge abge-schleppt würden. Nur ein Flic würde sich das trauen. Ein schöner chromgrüner Citroën noch dazu. Der von Gagnard? Beim Blick durch die halb zugeschneiten Scheiben erkannte sie eine zerdrückte Tablet-tendose am Boden neben der Kupplung und auf dem Beifahrersitz blaue Handschuhe. Laures Hand-schuhe.
Irgendwas stank hier zum Himmel, wie ihr Vater gesagt hätte.
Ein Tor stand offen. Frische Fußspuren im Schnee führten durch den Innenhof zu einem dunklen Ge-bäude. Sie ging hinein, durchquerte den Hof und kam auf dem Eis mit den Absätzen ins Rutschen. Mu-sikfetzen wehten vom Gebäude nebenan herüber, in einem Fenster brannte Licht. Auch eine Party?
Schnee hatte sich in der halb geöffneten Eingangstür angesammelt. Aimée trat in das dunkle Treppen-haus. Ihr Blick glitt über eine zerbrochene Scheibe mit Glasmalereien und stockfleckige Türen. Rechts lag die dunkle Loge der Concierge. Das alles war mal exklusiv und edel gewesen, jetzt sah das ganze Gebäude nur noch schäbig aus.
»Laure?«
Eine Windbö zerrte an den metallenen Briefkästen. Feuchte Fußabdrücke zogen sich über den roten Läufer auf der Treppe.
Sie folgte ihnen in den dritten Stock. Holz und Farbeimer waren unter einer Dachluke aufgeschlichtet und zeugten von Renovierungsarbeiten. Eine Wohnungstür stand offen.
»Allô?«
Keine Antwort. Sie ging hinein, ihre Schritte hallten im Flur. Vor ihr lag eine Reihe von fast leeren Räu-men. In einem von ihnen stand, geisterhaft von einem Tuch bedeckt, etwas, das wie ein Klavier aussah.
Fröstelnd ging sie zurück. Irgendwas stimmte nicht in dieser frostig kalten, nahezu leeren Wohnung. Von draußen kam ein Klappern, im offenen Salonfenster erkannte sie ein Baugerüst. Waren Gagnard und Laure, diese Idioten, da rausgestiegen? Schnee wurde hereingetrieben, legte sich auf einen großen Armsessel und schmolz auf dem bereits nassen Teppich.
Vom Fenstersims trat sie auf das vom fahlen Mondlicht beleuchtete Gerüst. Ein eiskalter Wind fuhr ihr ins Gesicht, mit ihm kam dichtes Schneegestöber. Handschuhe, sie bräuchte Handschuhe. Und einen Skianzug!
Am Ende des Gerüsts erkannte sie ein abgeschrägtes Mansardendach, dahinter einen schmalen, flachen Abschnitt mit Dachschindeln und Moniereisen. Schnee lag auf den Holzlamellen der Fensterläden. Im trüben Mondlicht waren zahlreiche Fußabdrücke zu sehen. Als sie ein Knarren hörte, trat sie zögernd an den Rand des Gerüsts und sah hinunter auf die schmalen, runden Kamine und die Zinkdächer, die sich wie Stufen den Montmartre hinab erstreckten. Mit kleinen Schritten schob sie sich weiter, und dann sah sie Laure ausgestreckt vor sich liegen.
»Laure!«, rief sie.
Ein Stöhnen.
»Laure, kannst du mich hören?« Sie beugte sich zu ihr hinunter und ertastete am Hals einen schwachen Puls.
Sie durchwühlte Laures Taschen nach einem Funkgerät, konnte keines finden, zog ihr Handy heraus und wählte mit zitternden Fingern die 17, den Polizeinotruf.
»Verletzte Beamtin, möglicherweise zweiter Beamter ebenfalls verletzt, Rue André Antoine 18, auf dem Dach«, sagte sie. »Brauche Unterstützung und einen Krankenwagen, schnell!«
Das Commissariat war ganz in der Nähe. Würden sie bald eintreffen?
»Jacques«, stöhnte Laure.
Von irgendwo auf dem Dach kam ein dumpfes Pochen.
»Hilf ihm … du mm…musst …«
Aimée versuchte sich ihre Panik nicht anmerken zu lassen. Ruhe bewahren, nur die Ruhe bewahren!
»Laure, Unterstützung ist schon unterwegs … Was war hier los?«
»Jacques … hat nicht warten können, irgendein Informant … Er hat mich gerettet … ich … verdanke ihm mein Leben!«
Wenn er Laure das Leben gerettet hatte … Aimée zögerte.
»Du bist nach Jacques hochgekommen? Wo ist er?«
»Oben … nimm meine Waffe. Hilf ihm!«
Sie wollte nichts mit Jacques Gagnard zu tun haben. Oder mit seinem Informanten. Schneeflocken trie-ben ihr ins Gesicht, der Wind raubte ihr fast den Atem. Sie tastete nach Laures Pistolenholster. Es war leer.
Ängstlich stand sie auf, machte ein paar Schritte, stieg auf das Dach und stützte sich am Kamin ab. Dann tastete sie sich über die ebene Fläche voran, konnte im dichten Schneetreiben aber kaum etwas erkennen und stolperte.
Sie landete auf einer reglosen Gestalt. Einem menschlichen Körper. Entsetzt starrte sie in leere Augen. Gagnards Augen, von Schneeflocken bedeckte Wimpern. In der Ferne hörte sie das Heulen der Sirenen. Sie wischte sich den Schnee aus dem Gesicht, und ihre Hände waren rot. Rot vor Blut.
»Gagnard!«
Er blinzelte und verdrehte die Augen. Er versuchte ihr etwas zu sagen. Sie tastete seinen Hals ab und fand einen schwachen Puls.
Sie ließ sich auf die Knie nieder, hielt ihm die Nase zu, überprüfte den Rachenraum und begann mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Ihre Hände waren eiskalt. Aber sosehr sie sich auch bemühte, seine Lippen blieben so blau wie zuvor.
»Kannst du mich hören, Gagnard? Sag was!«
Sein Mund bewegte sich. Sie legte die Hände übereinander und bearbeitete mit kurzen, harten Stößen seine Brust. Herzmassage. Aus seinem Mundwinkel rann ein dünner Blutfaden. Sie verstärkte die Mas-sage, zählte, beatmete. Es war klirrend kalt. Schneller, sie keuchte und merkte, wie er steif wurde. »Nicht sterben, Gagnard!«
Sie wusste nicht mehr, wie lange sie ihn mit ihren kalten, tauben Händen bearbeitet hatte. Irgendwann hörte sie Schritte auf dem Gerüst, metallisches Klappern, dann wurde sie von hellen Lichtstrahlen ge-blendet.
»Machen Sie weiter … er … reagiert …« Sie schnappte nach Luft.
Sie hörte das Knarren eines Funkgeräts, dann die Worte »Weg von der Waffe!«. Sie wurde gegen die Wand gerammt, ihr Kopf in den Schnee gedrückt. Sie bekam keine Luft mehr. Man drehte ihr die Hände auf den Rücken, dann ein Klicken, und sie spürte den kalten Stahl der Handschellen.
Sie wehrte sich, riss den Kopf herum, versuchte die Beine zu bewegen. »Was soll das?«
Weiteres Funkgerät-Knistern, beißender Wind.
Sie holte Luft. »Helft ihm doch, um Himmels willen!«, schrie sie.
Ein Sanitäter beugte sich über Gagnard. Sie hörte die Wörter »Haarriss … subkutanes Emphysem … Austrittswunde«. Ein greller Lichtstrahl zeigte das schwarz-rote Einschussloch und das aus seiner Brust sickernde Blut.
»Zu spät«, sagte der Sanitäter. »Er ist tot.«
Sie sackte zusammen.
»Unterstützung ist eingetroffen, Spurensicherung ist unterwegs«, rief eine heisere Stimme. Wenn es einen von den eigenen Leuten erwischte, hatte der Fall immer oberste Priorität. »Schafft sie weg … vorsichtig.«
Sie spürte, wie ihre Arme angehoben, wie sie vorwärtsgeschoben wurde.
»Alles schon da gewesen«, sagte die heisere Stimme. »Erst erschießen sie ihn, dann wollen sie ihn retten …«
»Was soll das heißen? Suchen Sie das Dach ab!«, sagte Aimée. »Jemand hat die Polizistin auf dem Gerüst angegriffen. Ich hab Geräusche gehört, ich bin hoch und hab erst sie und dann ihn gefunden.«
»Sie haben ihn mit seiner eigenen Waffe erschossen.«
»Falsch, ich habe versucht, ihn zu retten.«
Weitere Schritte, der Lichtstrahl eines tragbaren Halogenscheinwerfers wurde auf Gagnards Leiche auf dem schrägen Dach zwischen den Kaminen gerichtet. Seine Mantel- und Hosentaschen waren nach außen gestülpt. Verklumptes rotes Gewebe war über den Schnee versprüht. Er war aus nächster Nähe erschossen worden. Im Halogenlicht sah sie eine Manurhin PP 7,65 mm, die in einem Plastikbeutel auf die blaue Plane gelegt worden war. Gagnards Waffe? Oder die von Laure?
Ein Beamter mit kurzgeschnittenen Haaren rollte Gagnards Hosenbeine hoch. »Seine Waffe steckt noch an seinem Knöchel. Aber diese Manurhin ist eindeutig eine Polizeiwaffe.«
»Dann gehört sie der Polizistin auf dem Gerüst«, sagte Aimée.
»Und die ist einfach so raufgeflogen?«, fragte er.
Ihr wurde klar, dass sie jetzt besser den Mund halten und warten sollte, bis sie alles der Staatsanwältin erklären konnte.
Er beugte sich über sein streichholzschachtelgroßes Gerät und sprach hinein: »Hände der Polizistin auf Schmauchspuren untersuchen.«
»Sie bringen da einiges durcheinander«, platzte Aimée entgegen ihres Vorsatzes heraus. »Gagnard war allein hier oben, er wollte sich mit jemandem treffen.« Das hatte sie aus Laures Worten geschlossen.
»Und diese Frau auch untersuchen«, sagte er. »Wir schicken sie runter.«
Der Wind wurde wieder stärker und trieb ihr Schneeflocken ins Gesicht. Jeder Atemzug tat weh. Sie hätte sich gern ihren Schal vor den Mund gewickelt. Das Unwetter, vor dem gewarnt worden war, hatte sich zu einem regelrechten Schneesturm ausgewachsen. Der Plastikwindschutz, den die Spurensicherung aufgestellt hatte, wurde vom Wind erfasst und davongetragen.
»Schnell, einen neuen Windschutz!«, rief einer von der Spurensicherung. »So was hab ich seit 1969 nicht mehr erlebt!«
Mitarbeiter der Spurensicherung packten neben der Dachluke ihre Ausrüstung aus, taten sich aber bei den Witterungsverhältnissen schwer.
»Das Licht ändert sich mit jeder Sekunde!«, sagte der Fotograf und tastete sich mit gezückter Kamera durch den knirschenden Schnee. »Beeilt euch, ich bekomme nur miese Belichtungswerte.«
Aimée sah, wie sämtliche Spuren, möglicherweise allesamt Indizien, von ihnen zertrampelt wurden.
»Schafft sie runter«, sagte der Beamte. Er klang gereizt.
»Ich kenne meine Rechte!«
Er winkte nur ab.
Im Lichtschein der Taschenlampen sah Aimée die wirbelnden Schneeflocken, dahinter erstreckten sich die schneebedeckten Dächer bis zur fernen Gare du Nord. Auf der anderen Seite des Innenhofs waren einige Fenster beleuchtet, Bossa-nova-Fetzen wurden vom Wind herübergetragen. Die Party im Nach-bargebäude schien immer noch im Gange zu sein.
Unten in der Wohnung kauerte Laure mit gequältem Gesichtsausdruck am Boden, mehrere Männer standen um sie herum und pressten ihr doppelseitiges Klebeband auf Finger und Handteller. Der Wind, der durch das Fenster fuhr, übertönte ihre Gespräche, Aimée hörte nur noch: »Gewahrsam … im Com-missariat …«
»Bibiche!«
Aimée erstarrte. Laures Haare waren patschnass, an ihrer Schläfe wuchs bereits eine beachtliche Beule, ein Auge war blutunterlaufen. »Der arme Jacques … wer sagt es bloß seiner Ex-Frau?« Sie versuchte aufzustehen und rutschte auf dem nassen Boden aus.
Ein Beamter stützte sie. »Tut mir leid, Laure, du weißt, ich muss alles melden, was du sagst.«
»Melden, was sie sagt?«, wiederholte Aimée und hob die Stimme, um sich im Wind verständlich zu ma-chen. »Laure braucht einen Arzt.«
Irritiert wandte sich der Flic an Aimée. »Wer hat Sie um Ihre Meinung gebeten, Mademoiselle?«
»Ich bin Privatermittlerin.«
»Dann sollten Sie es besser wissen«, sagte er und nickte dem Beamten neben sich zu. »Nimm ihre Personalien auf. Warum sind bei ihr noch keine Schmauchspuren abgenommen worden?«
Edith Mésard, die Staatsanwältin, erschien. Sie trug ein schwarzes Cocktailkleid unter einer Pelzstola und schlug sich den Schnee von den Absätzen. Die Vorschriften sahen vor, dass sie bei heiklen Fällen persönlich mit der Brigade Criminelle eintraf. »Désolé, Madame«, sagte der Flic.
Aimée trat vor.
Erkennen spiegelte sich in Edith Mésards Blick. »Mademoiselle Leduc!« Sie verzog die Nase und runzelte die Stirn. »Wenn man Ihnen ein brennendes Streichholz an den Mund hält, würde das ganze Gebäude in Flammen aufgehen.«
Bevor Aimée etwas darauf erwidern konnte, räusperte sich die Staatsanwältin. »Die Einzelheiten, In-spektor. Warum sollte eine Polizistin in dichtem Schneetreiben auf einem glatten Zinkdach einen anderen Polizisten erschießen? Überzeugen Sie mich!«
»Wir haben ihre Waffe auf dem Dach gefunden.«
»Hat die Waffe neben ihr gelegen?«
»Die fragliche Beamtin ist auf dem Gerüst darunter gefunden worden«, antwortete er etwas betreten. »Ihre Waffe hat neben Jacques Gagnard gelegen … dem Opfer.«
»Merde!«, murmelte die Staatsanwältin und zog ein Paar Tennisschuhe aus ihrer Vuitton-Tasche.
»Was? Sie wollen doch nicht Laure beschuldigen, ihren Partner erschossen zu haben?«, rief Aimée. »Das ist doch absurd!«
»Vielleicht haben ja Sie ihn erschossen, Mademoiselle!«, erwiderte der Inspektor.
Allmählich wurde Aimée mulmig.
»Nehmen Sie im Commissariat ihre Aussage auf!«, sagte Edith Mésard, bevor sie aus dem Fenster stieg.
Der Flic führte Aimée durch die Tür und die Treppe hinunter.
Das Blaulicht der Ambulanz fiel auf die wenigen Schaulustigen – eine alte Frau, die sich nur einen Mantel über ihr Nachthemd geworfen hatte, ein Mann in blau-grüner Busfahreruniform mit müden Augen –, die in der schmalen Straße zusammengelaufen waren. Morbier stand neben einem alten, hoch mit Schnee bedeckten Mercedes. Ein Abschleppwagen hatte Gagnards grünen Citroën am Haken.
»Die kriegen hier überhaupt nichts auf die Reihe, Morbier«, rief Aimée.
»Gehen Sie weiter, Mademoiselle«, sagte der Flic und schob sie in Richtung eines blau-weißen Poli-zei-Kastenwagens.
»Einen Moment, Gardien«, schaltete sich Morbier ein.
Der Beamte runzelte die Stirn, beäugte erst Morbier und musterte dann Aimées schwarze Lederhose, Daunenjacke und Stachelhaare.
Morbier zückte seinen Ausweis. »Nur kurz!«
»Bien sûr, Commissaire«, sagte der Flic verblüfft.
»In welchen Schlamassel hast du dich da wieder reingeritten, Leduc?«, fragte Morbier und stieß kleine Atemwölkchen aus.
»Da hast du recht, Morbier. Ein fürchterlicher Schlamassel.« Sie erzählte ihm kurz, was vorgefallen war.
Morbier hörte zu, zog dabei ein Montecristo-Zigarillo aus der Tasche und zündete es hinter der schüt-zenden Hand mit einem Streichholz an. Er sog daran, blies Aimée stechenden Rauch ins Gesicht und warf das Streichholz in den Schnee, wo es zischend erlosch. Als sie fertig war, schüttelte er nur den Kopf und sah weg.
Warum sagte er nichts? »Morbier, hilf mir, ich muss sie überzeugen …«
»Genauso gut könntest du einem Stein das Schwimmen beibringen, Leduc. So sind nun mal die Vor-schriften. Das weißt du. Mach das Spielchen mit. Du gehörst zu den Tatverdächtigen, also halt den Mund.«
»Den Mund halten?«
»Bis du deine Aussage abgibst. Sei klug.«
Sie versuchte sich zu beruhigen. Natürlich hatte er recht. Sie würde alles erklären, ihnen aufzeigen, welchen Weg sie genommen hatte, ihnen beweisen, dass Laure Gagnard nicht umgebracht haben konnte.
»Laure würde doch niemals ihren Partner erschießen, nachdem so gut wie die gesamte Pariser Polizei sie zusammen im Café gesehen hat!«
Morbier schnippte die Asche in den Wind. »Und Zeuge geworden ist, wie sie sich gestritten haben und du dich eingemischt hast.«
Das hatte sie ganz vergessen.
»Du hast Einfluss, Morbier. Nutze ihn!«
Vielleicht hörte er ja einmal auf sie.
Der Flic packte Aimée am Ellbogen. »Tut mir leid, Commissaire, der Wagen wartet.«
»Was für eine Nacht!« Morbier stieß einen Laut aus, der ihr nur allzu bekannt war: Resignation, unterlegt mit unwiderlegbarer Autorität – einen Ton, den er perfektioniert hatte. Über ihnen hörte sie Stimmen, auf dem Gebäudedach schimmerten Lichter.
In diesem Augenblick fiel Aimée ein Mann in schwarzer Lederjacke mit geschultertem Rucksack auf. Er stand in einem Hauseingang, beobachtete sie eindringlich und lauschte, als versuche er die Situation einzuschätzen. War er vielleicht Zeuge des Schusswechsels geworden?
Ein zerbeulter Renault Twingo kam schlitternd neben dem weißen Leichentransporter zum Halten. Meh-rere Männer stiegen aus, sie hatten Kameras in der Hand oder am Riemen vor der Brust hängen.
»Die Presse! Entschuldigen Sie uns, Commissaire. Allez-y, Mademoiselle.«
Der Flic brachte Aimée weg, bevor sie Morbier auf den möglichen Zeugen hinweisen konnte, schob sie in den Kastenwagen und kettete sie wie eine Verbrecherin mit den Handschellen an eine Stange. Sie ließ sich auf den harten Sitz fallen und spürte jeden einzelnen Pflasterstein, als der Wagen mit gellender Sirene in die Nacht entschwand.

Montagabend
Als über ihm ein Schuss fiel, hatte sich Lucien Sarti in einen dunklen Hauseingang verzogen. Reiner Reflex. Sein Magen zog sich zusammen, und am liebsten wäre er mit der Mauer verschmolzen.
Er fürchtete, in den Schusswechsel zu geraten. Im dichten Schneetreiben blickte er die gewundene Straße hinunter, er konnte niemanden sehen. Schnee fiel vom Gerüst über ihm und landete auf dem Gehweg. Er nahm Bewegungen wahr, hörte Geräusche.
Sarti zog sich weiter in den Eingang zurück, verkroch sich noch weiter in seiner Lederjacke, wartete. Er wischte sich den Schnee von den schwarzen Locken. Am besten wäre es gewesen, einfach abzuhauen. Wegzulaufen, zu flüchten. Aber gleich um die Ecke wartete seine große Chance.
Sein großes Glück!
Das steile, verwinkelte Gassengewirr mit den verrußten Gebäuden aus dem neunzehnten Jahrhundert erinnerte ihn an die Rue du Castagno in der Altstadt von Bastia. Nur dass hier die Mauern nicht von der Sonne aufgeheizt wurden, dass kein Scirocco aus Afrika herüberwehte und keine strickenden alten Frauen vor den Häusern saßen, sondern kalte Windböen haufenweise Neuschnee brachten und die Prostituierten, die es noch gab, sich in die Schatten zurückgezogen hatten.
Er wartete, bis er flackernde Lichter sah und gleich darauf ein Wimmern wie von einer rolligen Katze hör-te, dann die Sirenen. Als er schon über die Straße laufen wollte, wurde die Tür hinter ihm geöffnet, und ein alter, dick in einen Schal eingemummelter Mann mit einem Westie an der Leine kam heraus.
Er musste sich was einfallen lassen.
»Pardon, ich hab den Tür-Code vergessen«, sagte er dem Alten. »Meine Freunde wohnen im ersten Stock.«
Der Alte nickte. Sarti drückte sich an ihm vorbei, wartete im dumpfigen Treppenhaus, bis sich sein Herz-schlag etwas beruhigt hatte und er von draußen Autos und Stimmen hörte. Wahrscheinlich, überlegte er, war es jetzt einfacher, sich unter die Menschenmenge zu mischen und den Innenhof zu überqueren.
Von Geburt an war ihm beigebracht worden, den Mund zu halten: Acqua in bocca. Seine grand-mère hatte sich mit dem Finger über die Lippen gestrichen, wenn sie anzeigen wollte, dass er still zu sein hatte. Es war immer besser, wenn man sich heraushielt. Er ging am Kastenwagen der Polizei vorbei zum Tor und wartete. Er hörte nur einzelne Gesprächsfetzen. »Schießerei auf dem Dach«, das war alles, was er verstand. Auf keinen Fall wollte er irgendwas damit zu schaffen haben.
In dieser Stadt war alles so kompliziert, so widersprüchlich, ganz anders als auf Korsika. Dort war alles ganz einfach, dort galten Fremde immer als Bedrohung. Gut, dass er im Trubel niemandem aufgefallen war. Er ging über den schneebedeckten Innenhof zu einem wunderbaren Stadthaus.
Er öffnete die Tür und stieg die Treppe hinauf, passierte mehrere Treppenabsätze, bis eine offene Tür den Blick auf eine elegant gekleidete Menge in einem Foyer freigab. Eine Party? Er hätte sein neues Hemd anziehen sollen. Conari hatte ihm nur gesagt, er solle zu einem kurzen Treffen vorbeikommen.
Eine Frau begrüßte gerade ein neu eingetroffenes Paar, beugte sich zu ihnen hin und verströmte dabei einen ihm mehr als vertrauten Rosenduft. Hinter ihr, als würden sie ihren glatten, sonnengebräunten Rücken rahmen, waren im Fenster tanzende Schneeflocken zu sehen. Er kannte nur eine Frau, die bei so einem Wetter so ein Kleid tragen würde. Aber das konnte nicht sein! Dann verlor er sie aus den Augen.
»Lucien, wie schön, dass Sie gekommen sind.« Sein Gastgeber Félix Conari begrüßte ihn mit lauter Stimme. Conari hatte breite Schultern, lange anthrazitgraue Haare, die sich hinter den Ohren ringelten, und seine Haut war Côte-d’Azur-gebräunt – die Ganzjahresbräune der Reichen. »Kommen Sie, kommen Sie, wunderbar, dass Sie Zeit gefunden haben.«
»Bonsoir, Monsieur Conari, es ist mir eine Freude.« Sarti zupfte an seiner Jackentasche herum, ein nervöser Tick.
»Willkommen bei unserem jährlichen Kundenempfang.« Conari zwinkerte ihm zu. »Man muss nämlich mit Erfolg beeindrucken, wissen Sie.«
Sarti wusste es nicht, aber er nickte.
Conari legte ihm den Arm um die Schulter und begleitete ihn in die Empfangsräume mit ihren hohen Stuckdecken, Parkettböden und Marmorkaminen. Sarti rang sich ein Lächeln ab und hoffte, man würde ihm seine Überraschung nicht anmerken. Um den mit Horsd’œuvres überladenen Tisch schwebten ganz in Schwarz gekleidete flachbrüstige und hohlwangige Minirock-Models und in Chanel gekleidete bürger-liche Matronen. Die Räumlichkeiten waren erfüllt von Gesprächen und Gläserklirren.
Gleich hinter ihnen traf ein Mann ein und reichte einem Kellner seinen Mantel.
»Die Polizei hat die Seitenstraßen abgesperrt. Irgendjemand ist auf dem Dach ermordet worden«, ver-kündete er. »Das reinste Chaos. Nirgendwo kann man parken!«
Jemand war ermordet worden? Sarti vergrub seine zitternden Hände tief in den Taschen. Bei seiner Vergangenheit sollte er sich auf jeden Fall davon fernhalten.
»Nom de dieu!«, sagte Conari, als kurzzeitig alle verstummten. »Wenigstens scheint die Polizei alles im Griff zu haben.« Conari führte Sarti zu einem langen, weiß gedeckten Tisch, auf dem sich Speisen türm-ten. »Sie müssen unbedingt von der Foie gras probieren, und dann unterhalten wir uns im Arbeitszim-mer.«
»Merci«, sagte Sarti, eingeschüchtert von Conari. Schließlich wurde er mit einem beladenen Limo-ges-Teller ins Arbeitszimmer geleitet.
Das Feuer im offenen Kamin warf sein Licht auf die minimalistischen Möbel, die einen Kontrapunkt zu den reich verzierten Wänden, der Holztäfelung und den Bogenfenstern zu setzen schienen: Avantgarde im bourgeoisen Ambiente.
Ein Mann trat aus dem angrenzenden Badezimmer und rieb sich mit einem Handtuch das Gesicht tro-cken.
»Musste mir Wasser ins Gesicht spritzen, um wieder wach zu werden«, sagte er mit einem Lächeln.
»Du arbeitest noch?« Conari zog Sarti mit sich mit. Der andere war in den Dreißigern, trug einen zer-knitterten schwarzen Anzug und abgetragene Adidas-Turnschuhe. Die braunen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. »Darf ich vorstellen, Yann Marant, einer meiner Mitarbeiter. Yann ist für die Kopfarbeit, ich bin nur fürs Grobe zuständig«, witzelte Conari.
Marant grinste. »Na, nicht immer.« Er schüttelte Sarti die Hand. »Ist mir ein Vergnügen.«
Ein feuchter, aber fester Handschlag. Marant legte das Handtuch über den Stuhl und klappte den Laptop auf dem Schreibtisch zu. »Ich hab Félix versprochen, mich unter die Gäste zu mischen und an meiner sozialen Kompetenz zu feilen. Sie entschuldigen mich!«
Erneut versuchte sich Sarti an einem Lächeln. »Es ist sehr nett von Ihnen, Monsieur Conari, dass Sie mich eingeladen haben.«
»Nennen Sie mich Félix.«
Sarti hatte Conari mehrere Bänder mit seiner Musik geschickt. Die Einladung und das Angebot, darüber zu reden, hatten ihn aber überrascht. Sarti hatte kein Geld für eine Wohnung. Sein Bett bestand aus einem Schlafsack in der Vorratskammer von Annas korsischem Kommunisten-Restaurant, wo er gegen Kost und Logis arbeitete. Er hoffte, das Treffen wäre nicht völlig erfolglos.
Die Großtante von Sartis Cousin hatte einen entfernten Verwandten von Félix Conari geheiratet. Dabei war Conari noch nicht mal Korse, obwohl auf der Insel die Familie alles bedeutete. Auf Korsika herrschten immer noch Clan- und Familienbindungen, die teilweise bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückreichten. Kaum einer entkam ihnen, noch nicht einmal hier in Paris.
»Also, ich möchte Ihnen folgenden Vorschlag unterbreiten.« Conari bedeutete Sarti, auf einem ge-schwungenen hellen Holzstuhl Platz zu nehmen. »Ich würde Sie gern managen und Ihre Sachen dem Leiter von SOUNDWERX vorstellen.«
SOUNDWERX. Der europäische Musikgigant! Lucien Sarti war überrascht.
»Sie haben einen einzigartigen, unheimlich coolen Sound«, fuhr Conari fort. »Ich möchte Ihnen helfen.«
Das war ein Angebot, von dem Lucien Sarti noch nicht mal zu träumen gewagt hatte. Er konnte es kaum fassen.
»Sie haben eine Gabe, die man nur schwer beschreiben kann. Als würden Sie die Worte aus der Luft herausgreifen, und die Sterne fangen an zu singen. Oder so ähnlich.« Ein trauriger Ausdruck huschte über das Gesicht des Mannes im Designer-Anzug. »Meine Schwester hatte das auch. Sie war ebenfalls so talentiert, leider ist sie gestorben.« Er wandte den Blick ab und ordnete einige Papiere auf dem Schreibtisch. »Ich habe ihr nicht helfen können. Aber ich hoffe, dass Sie mir die Möglichkeit geben, Ihre Karriere zu fördern.«
Sarti nickte aufgeregt. Monsieur Conari war zwar kein Korse, aber er verstand und bewunderte seine Musik. »Mein Großvater, Vater und Onkel haben mehrstimmig gesungen«, erklärte er, »a siconda, u bassu und a terza, Bariton, Bass und Tenor, und damit haben sie Gedichte aus dem neunten Jahrhundert vorgetragen, a capella. Bei uns zu Hause gibt es das Sprichwort: ›Drei harmonische Stimmen ergeben die Stimme eines Engels.‹« Er hatte Herzklopfen, wie stets, wenn er von seiner Musik sprach. »Unser Haus war immer voller Musik. Ich baue auf den alten Traditionen auf, und von ihnen ausgehend erkunde ich Neues. Ich möchte unsere Kultur für die Welt öffnen.«
Die Tür ging auf, und der Trommelrhythmus einer Bossa nova und das Gemurmel der Menge brandeten herein. Lucien Sarti drehte sich um. Die Frau, die er am Eingang gesehen hatte, trat in den Raum. Sie hatte den Kopf nach hinten geworfen und lachte. Ihr langer Hals, alles war ihm so vertraut. Konnte das sein? Sie trug ein enganliegendes, kupferrotes Kleid, ihr glattes schwarzes Haar fiel ihr über den nackten Rücken. Dann drehte sie sich um, und das Licht traf ihr Gesicht, und er erkannte Marie-Dominique, die erste Frau in seinem Leben. Sie roch immer noch nach Rosen.
Er erstarrte. Vier Jahre …
»Ah, Lucien, ich möchte Ihnen meine Frau vorstellen«, sagte Conari. »Verzeihen Sie, dass ich das nicht längst getan habe.«
Marie-Dominique, Conaris Frau?
Er konnte seinen Blick nicht von ihr lösen. Marie-Dominique sah zu ihm und schnappte kurz nach Luft.
»Lucien«, entfuhr es ihr. »Schön, dich wiederzusehen.«
Die Welt blieb stehen. Wieder hörte Lucien Sarti die Zikaden zirpen, hörte ihre laute Kakophonie, die einen Klangteppich über die trockene Hitze legte, hatte wieder die verkrüppelten, im Schutz der Granitfelsen wachsenden Kiefern vor sich, den verdorrten Oleander, die braune Myrte, die überall auf dem Berg wuchs, dort, wo er sie zum letzten Mal gesehen hatte.
»Hat Félix dich noch gar nicht den anderen vorgestellt? Du machst einen so verlorenen Eindruck«, sagte sie.
Verloren in der Vergangenheit, dachte er. Und mit der Sehnsucht nach einer Zukunft, die ihnen beiden versagt gewesen war.
»Wie lange wohnst du schon in Paris?« Was er aber mit seiner Frage eigentlich meinte: Wie lange bist du schon mit diesem wohlhabenden Mann verheiratet, wie lange gibst du die weltkluge Pariserin?
Sie sah zu Boden und wickelte eine ihrer schwarzen Haarsträhnen um den Finger, so wie sie es immer schon getan hatte, wenn sie nachdachte. »Lange genug«, sagte sie.
»Ihr kennt euch?«, fragte Félix Conari verblüfft.
Sie nickte. »Ich erzähl es dir später.«
Conari legte ihr den Arm um die Schulter. »Na, dann sieh zu, dass Lucien am Tisch neben uns sitzt. Und überrede ihn, nach dem Essen für uns etwas zu spielen.«
Sarti wusste, er sollte Conari für seine Gastfreundschaft danken und sich verabschieden, bevor er den größten Fehler seines Lebens beging. Aber Marie-Dominiques Duft und seine Erinnerungen lähmten ihn.
Fast lag etwas Belustigtes in Conaris Blick, als er sagte: »Lucien, Sie gestatten doch, dass ich Ihnen helfe?«
Lucien brachte kein Wort heraus, er nickte nur.
»Solange Sie nicht in die korsische Politik verwickelt sind oder was mit Separatistengruppen zu schaffen haben. Das haben Sie doch nicht, oder?«
Hätte er über seine Vergangenheit sprechen sollen? Aber wie sollte er die Wahrheit erzählen? Keiner kannte ihn; er hatte in korsischen Restaurants gespielt, um was zu essen zu haben. SOUNDWERX würde ihn groß herausbringen.
»Monsieur Conari, ich bin bloß ein Musiker!«
»Gut. Monsieur Kouros von SOUNDWERX möchte Sie kennenlernen. Er ist ein guter Freund von mir, Lucien«, sagte Conari. »Beziehungen, das ist es, was zählt in der Welt. Verzeihen Sie, falls ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe, aber ich habe ihm bereits mein Wort gegeben, dass Sie einen Ex-klusivvertrag bei ihm unterzeichnen.«
Sarti bekam einen trockenen Mund. Sollte er fragen, ob er den Vertrag mal lesen könnte? In seinem Kopf drehte sich alles – erst das Wiedersehen mit Marie-Dominique, dann Conaris Angebot.
Conari rieb sich das Kinn. »Sie scheinen unsicher zu sein. Wenn Sie Kouros erst mal kennengelernt haben, werden Sie verstehen.«
Draußen im Salon fühlte sich sein Hemdkragen feucht an. Er schwitzte. Überall um ihn herum plau-dernde Pärchen, jeder schien jeden zu kennen. Je länger er die Fremden betrachtete, umso linkischer kam er sich vor.
Ein Kellner in weißer Jacke starrte ihn an. Er hatte schwarze Augen und einen dunklen Teint, der so gar nicht zu seinen blond gefärbten Locken passte. Ein Korse, genau wie er selbst, ging es Sarti durch den Kopf.
Sarti lächelte. »Aus welchem Dorf kommen Sie?«, fragte er – die Frage, die Korsen einem Landsmann immer als Erstes stellten. Damit brachte man dessen gesellschaftlichen Rang in Erfahrung, welche Freunde er hatte, über welchen Einfluss, welche Macht er verfügte und ob man möglicherweise sogar miteinander verwandt war. Oder, das schlimmste Szenario, ob man sich in einer verwickelten Vendetta gegen seinen Clan befand, die ihren Anfang im vorigen Jahrhundert genommen hatte, als irgendwann ein Cousin zweiten Grades ermordet worden war. Solche Dinge mussten geklärt werden.
»Monsieur?« Der Kellner sprach ihn an, als hätte Sarti gar nicht mit ihm gesprochen. »Monsieur Conari lässt Ihnen ausrichten, dass das Essen im anderen Salon serviert wird.« Dann rückte er näher heran und flüsterte: »Ich komme aus Bastia.«
Ein Italiener, wie die Einwohner seines Bergdorfs sagen würden. Für sie stammten alle Küstenbewohner von italienischen Fischern ab. Auch wenn sich deren Vorfahren schon vor fünfhundert Jahren an der korsischen Küste niedergelassen hatten.
»Und Sie?«
»Vescovato«, antwortete Lucien Sarti.
Der Kellner zog die Augenbrauen hoch. Schon war ihm Sarti damit überlegen, er war einer, der aus den Bergen stammte. Ein reinblütigerer Korse.
Conari näherte sich und klatschte ihm auf den Rücken. »Hören Sie«, sagte er mit einem strahlenden Lächeln, »wir unterzeichnen den Vertrag nach dem Essen. Sie werden es weit bringen, junger Mann. Dafür werde ich schon sorgen.«
Laute Schritte erklangen auf dem Parkett. Dann raschelte Marie-Dominiques Kleid, und als sie sich um-drehte, streifte sie seine Hand und berührte seine Finger so sacht wie ein Blatt.
»Monsieur Conari«, sagte der Kellner. »Der Commissaire möchte mit Ihnen reden.«
»Der Commissaire? Aber worüber denn? Wir haben Gäste!«
Mehrere blau uniformierte Polizisten betraten den Raum.
Hatten die Flics ihn gesehen?, fragte sich Sarti. Hatte ihn einer identifiziert? Der Alte mit dem Hund? Nom de dieu, was, wenn sie ihn mit den Schüssen in Verbindung brachten? Oder mit den korsischen Separatisten?
Eine böse Ahnung stieg in ihm auf. Er kam sich vor wie damals, als die mazzera, die Dorfhexe, den bö-sen Blick gesehen hatte, mit dem er, ein kleiner Junge noch, belegt worden war. Aber nein, das war alter Aberglaube. Er hielt sich an die Wissenschaft und glaubte nicht mehr an solche Dinge.
»Monsieur Conari, Sie sind hier der Gastgeber?«, war eine heisere Stimme zu hören, die ohne auf eine Antwort zu warten, fortfuhr: »Wir möchten uns für die Unannehmlichkeit entschuldigen, aber auf dem Dach des Nebengebäudes ist ein Mord geschehen. Wir müssen mit allen Gästen reden, vielleicht ist einem von ihnen etwas aufgefallen. Wir müssen dazu sämtliche Personalien aufnehmen. Alles natürlich reine Formsache.«


Montagabend
Aimée drehte Guys Ring an ihrem Mittelfinger unaufhörlich hin und her. Der trübe Mondstein in der anti-ken Fassung reflektiere jede Wetteränderung und sei wie geschaffen für sie, hatte Guy gesagt. Sie ver-suchte an etwas anderes zu denken. Der Verhörraum im Commissariat fühlte sich an wie ein Kühl-schrank. Mehrere Neonröhren an der Decke waren durchgebrannt, so dass nur noch unregelmäßige Lichtstreifen auf das schäbige Linoleum fielen.
Ihr gegenüber am Metalltisch hackte ein blutjunger Flic mit rasiermesserscharfem Kinn mit zwei Fingern auf eine schwarze Schreibmaschine ein. Hatten die hier keine Computer?
»Voilà, Mademoiselle Leduc«, sagte er und zog das Blatt aus der Walze. Seine Zigarette glomm im Aschenbecher vor sich hin. Er lehnte sich auf seinem Drehstuhl zurück und sah auf seine große Sportuhr. »Lesen Sie Ihre Aussage noch mal durch, und wenn alles richtig ist, unterzeichnen Sie unten.«
Sie las die fünf Seiten zweimal, nickte und unterschrieb. »Bitte fügen Sie das auch noch bei.«
»Was ist das?«, fragte er und musste ein Gähnen unterdrücken.
»Eine Zeichnung, zur Illustration meiner Aussage«, sagte sie. Bislang hatte sie keinen Computer gesehen. »Ich nehme an, Sie werden meine Aussage und die Zeichnung einscannen, oder?«
»Sie sind ziemlich neugierig, was?«
Irgendwo hinten hörte sie das monotone Ächzen eines Druckers. »Oder?«
»Wir wissen schon, was wir machen, Mademoiselle. Wenn Sie jetzt bitte mitkommen wollen.«
Gut, dass sie sich von ihrer Zeichnung eine Kopie gemacht hatte.
Er begleitete sie durch das Foyer des verlassenen Commissariats zu einer Zelle gleich neben der Leit-stelle. Mehr ein Käfig, dachte sie, mit einem Stahlgitter außenrum und einer Holzbank als Sitzgelegenheit. Der Flic deutete ihr an, hineinzugehen.
»Moment, ich bin doch gar nicht angeklagt, wie lange dauert es, bis …«
»Nehmen Sie Platz und entspannen Sie sich«, unterbrach er und ging.
In den Ecken stank es nach alten Socken und anderen Dingen, an die sie lieber nicht denken wollte. Ihr gegenüber, hinter dem Gitter, lagen auf dem Empfangstresen Broschüren mit den polizeilichen Sicher-heitshinweisen für einen Stadtmarathon.
Sie rieb sich die Hände, die noch ganz rau waren von der medizinischen Seife, die man ihr nach dem Schmauchspurentest gegeben hatte, dann ging sie in dem kleinen Käfig auf und ab, drei Schritte hin, drei Schritte her, und hoffte, dass man sie nicht über Nacht hierbehalten würde. Laure hatte sie nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Sie sah das Gerüst vor sich an dem Gebäude mit dem schiefergrauen Dach. Den Schnee, Gagnards verdrehten Körper, die nach außen gestülpten Taschen, Laure, die offensichtlich eine Gehirnerschütte-rung hatte … aber ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Gagnards Schusswunde zurück. Hatte sein Mörder ihm aufgelauert? Warum hatte er an einem Abend wie diesem das Café verlassen und Laure überredet, ihn zu begleiten? Warum war er auf einem leicht abschüssigen Zinkdach in einem Schneege-stöber gestorben?
Wenn Laure wirklich Gagnard hatte umbringen wollen, weil sie sich gestritten hatten, dann hätte es ein-fachere Möglichkeiten gegeben, ohne erdrückende Beweise zu hinterlassen. Ein Schlag, damit er be-wusstlos wurde, den Schädel gegen einen Steinpoller gerammt – das wäre eine Möglichkeit gewesen. Erst letzte Woche hatte sie darüber in Le Parisien gelesen. Sie hätte ihn auch auf einer der Treppen hinauf zu Sacré-Cœur zu Fall bringen können. Es gab so viele Mittel und Wege, einen »Unfall« vorzu-täuschen.
Aber sie hatte eine bewusstlos geschlagene Laure gefunden! Mit fehlenden Schmauchspuren an ihren Händen würde sich ihre Unschuld sicherlich feststellen lassen. Hoffentlich hatten die Flics den mec be-fragt, der sich am Tor zum Gebäude aufgehalten hatte. Vielleicht hatte der ja was gesehen …
Eine Polizistin in einem blauen Overall sperrte den Käfig auf und riss Aimée aus ihren Gedanken.
»Sie können gehen«, sagte sie und reichte ihr eine Plastiktüte mit ihren Sachen.
Einfach so? Morbier, mutmaßte sie, hatte ein Wort für sie eingelegt. Hoffentlich hatte er das auch für Laure getan.
»Wollen Sie noch einen Kaffee?«
Dankbar nickte Aimée und bekam kurz darauf einen Espresso. »Merci. Eigentlich würde ich lieber wis-sen, wo ich Laure Rousseau finden kann.«
Die Polizistin grinste. »Und ich würde gern wissen, wo ich den Mann meiner Träume finde. Wir können alle nur hoffen, was? Versuchen Sie es mal im Hôpital Bichat.«

Das Hôpital Bichat hätte eine Renovierung dringend nötig gehabt. Von den Wänden blätterte die Farbe, die Linoleumböden waren abgenutzt. Laure saß mit bandagiertem Kopf auf einer Rollbahre im Gang, neben ihr ein müde aussehender Flic. »… mit einem Anwalt reden«, sagte Laure. Sie verschliff die Worte.
»Gardien, kann ich kurz mit Mademoiselle Rousseau sprechen?«, fragte Aimée.
»Sind Sie eine Verwandte?«
»Sie ist meine Freundin. Bitte!«
Der Flic richtete seine Krawatte und klopfte mit den Fingern gegen den Metallrahmen der Bahre.
»Bon. Ich werde bei der Préfecture nachfragen, wie die Anklage lautet.«
»Was soll das heißen, Anklage? Fragen Sie lieber bei der Staatsanwältin nach. Hier muss ein Irrtum vor-liegen.«
Ihm schien alles einerlei zu sein. Aber plötzlich wurde er rot. Wenigstens besaß er noch so viel Anstand, sich zu schämen – schließlich war Laure eine Kollegin von ihm.
»Ich werde herausfinden, was los ist«, sagte er.
»Wo ist der diensthabende Arzt? Schauen Sie sie doch an. Man muss sich sofort um sie kümmern.«
»Schlechter Zeitpunkt. Auf dem Périphérique sind mehrere Lastwagen ineinandergerauscht. Aber sie kommt als Nächste dran.«
Aimée sah den Blutschorf an Laures Schläfe, hörte ihren schweren Atem und bemerkte die getrübten Pupillen. Klassische Schocksymptome. Der Polizist ging auf der Suche nach einer Stelle, wo sein Handy Empfang hatte, den Korridor hinunter.
»Alles reine Formsache«, beruhigte Aimée ihre Freundin. »Es muss eine Verwechslung sein.«
»Verwechslung?« Laure standen Tränen in den Augen. »Man hat Schmauchspuren an meinen Händen festgestellt. Ich weiß nicht, was da los ist.«
Schmauchspuren? Aimée war verblüfft. »Das verstehe ich nicht.« Sie war fest davon ausgegangen, dass Laure durch den Schmauchspurentest ebenfalls entlastet würde. »Dafür muss es eine Erklärung geben. Wann hast du deine Waffe denn zum letzten Mal abgefeuert?«
»Vor einem Monat vielleicht, bibiche, auf dem Schießstand, glaube ich. Ich weiß es nicht mehr so ge-nau«, antwortete Laure mit feuchten Augen.
Das passte alles nicht zusammen. Wie konnte sie dann Schmauchspuren an den Händen haben?
»Erzähl mir, was geschehen ist, nachdem ihr die Bar verlassen habt.« Aimée legte Laure die Hand auf die Schulter. »Lass dir ruhig Zeit, ganz langsam.«
Laure schüttelte den Kopf. »Jacques hat sich irgendwie sonderbar benommen …« Sie verstummte.
Plötzlich hatte Aimée einen chemischen Geruch in der Nase, den Geruch des Mittels, das beim Schmauchspurentest verwendet wurde. Sie sah, dass Laures Fingerspitzen noch ganz schwarz waren. Man hatte ihr noch nicht mal die Hände gesäubert.
»Du bist also mit ihm mitgegangen«, sagte sie.
»Aber ich hab mich gewundert …«
»Warum?«
»Sein Informant … Warum wollte er sich dort mit seinem Informanten treffen?«
Ein Treffen auf einem rutschigen Dach mitten im dichtesten Schneetreiben. Das ergab keinen Sinn.
»Es muss ein Hinterhalt gewesen sein.« Laure lehnte sich gegen die Wand und rieb sich die Stirn. Schwarze Streifen blieben auf der Haut zurück. »Mein Kopf, das Denken tut weh.«
Aimée kniff die Augen zusammen. »Ein Hinterhalt? Woher willst du das wissen?«
»Ich weiß nur, dass ich ihn nicht umgebracht habe.« Laures Schultern bebten. »Jacques war der Einzige, der mir eine Chance gegeben hat. Er hat mich unter seine Fittiche genommen. Du kannst nicht mehr in den Dienst zurück, wenn dein Partner umgebracht wird und du … du die Verdächtige bist.«
»Wir kriegen das auf die Reihe, Laure, reste tranquille«, sagte Aimée, obwohl sie selbst keine Ahnung hatte, was sie jetzt tun sollte.
Irgendwo wurde eine Tür zugeknallt. Die Neonröhren flackerten. Angetrunkene Stimmen waren zu hören. Ein Sanitäter rannte durch den grün gefliesten Gang. Seine Schritte hallten nach.
»Du musst mir helfen«, sagte Laure. »Alles verschwimmt, es fällt mir schwer, mich zu erinnern.«
Aimée fürchtete, dass man Laure einen Pflichtverteidiger zur Seite stellen und nur das Nötigste ermitteln würde. Oder, ebenso wahrscheinlich, die Sache einfach der Internen Ermittlung übergab, wo von der Polizei bestellte Richter das Sagen hatten.
»Die freuen sich doch jetzt schon, an jemandem wie mir mal wieder ein Exempel statuieren zu können«, sagte Laure.
Da hatte sie wahrscheinlich nicht unrecht.
»Dazu wird es nicht kommen«, versuchte Aimée sie zu beruhigen. »Wie gesagt, es muss ein Irrtum sein.«
Laure starrte Aimée an, ihre Lippen zitterten. »Weißt du noch, wie wir uns versprochen haben, einander immer zu helfen, bibiche«, sagte sie und lehnte sich an Aimées Schulter und schluchzte.
Aimée nahm sie in den Arm und musste daran denken, wie Laure immer die Außenseiterin, wie sie auf dem Spielplatz, noch vor ihrer Hasenscharten-OP, immer die Zielscheibe des Spotts gewesen war und sich eine Karriere wie die ihres heldenhaften, hochdekorierten Vaters erträumt hatte. Anders als Aimée, die sich die Flics immer vom Leib gehalten hatte.
»Ich schwöre beim Grab meines Vaters, ich habe Jacques nicht umgebracht.« Laure packte Aimée am Arm, dann schloss sie die Augen. »Mir ist schwindlig, es dreht sich alles.«
»Laure Rousseau, wir sind jetzt so weit«, sagte eine Krankenschwester.
Wurde auch Zeit, dachte sich Aimée. »Sie steht unter Schock, wahrscheinlich hat sie eine Gehirner-schütterung«, sagte Aimée.
»Die Diagnose überlassen Sie ruhig uns, Mademoiselle.« Die Schwester schob die Rollbahre in Richtung eines weißen Plastikvorhangs.
»Wie lang wird das dauern?«
»Aufnahme und Untersuchung? Mehrere Stunden.«
Als der Flic von vorhin an Aimée vorbeikam, sagte sie: »Ich komm später noch mal, um sie abzuholen und nach Hause zu bringen.«
Er schüttelte nur den Kopf, und sein Blick gab deutlich zu verstehen, dass sie sich das wahrscheinlich abschminken konnte.
»Warum nicht?«
»Ich hab jetzt keine Zeit, das zu erklären.«
»Hier, meine Nummer, rufen Sie mich an.« Sie drückte ihm ihre Visitenkarte in die Hand.
Er verschwand hinter dem Vorhang.
Aimée stand im Schneematsch auf dem Bürgersteig vor dem Krankenhaus. Sie musste etwas tun. Sie konnte nicht zulassen, dass Laure in ihrem Zustand auf der Préfecture vernommen würde. Es musste Indizien auf dem Gerüst geben, die ihre Unschuld bewiesen, es musste eine Möglichkeit geben, diesen Albtraum für Laure zu beenden. Sie zückte ihr Handy und rief ihren Cousin Sébastien an.
»Allô, Sébastien«, sagte sie und sah zum verlassenen Taxistand. »Kannst du mich in zehn Minuten ab-holen?«
»Um mal wieder in den Genuss deiner umwerfenden Gesellschaft zu kommen?«, entgegnete er. »Dé-solé, aber Stéphanie macht gerade ein Cassoulet.«
Stéphanie war seine neue Freundin, die er auf einem Rave kennengelernt hatte.
»Du weißt, dass du mir noch einen Gefallen schuldest?«
Pause.
»Es ist an der Zeit, ihn mir zurückzuzahlen, Sébastien.«
»Schon wieder?« Sie hörte Musik im Hintergrund. »Was soll ich mitbringen?«
»Handschuhe, Bergstiefel, das Übliche. Auf jeden Fall den Werkzeugkoffer in deiner Karre.«
»Brechen wir wie beim letzten Mal wieder irgendwo ein?«
»Es wird dir gefallen. Und vergiss nicht ein zweites Paar Handschuhe einzupacken.«
Manchmal musste man einem Freund oder einer Freundin eben helfen.
Sébastien trug enge orangefarbene Jeans, einen riesengroßen Breton-Pullover und eine weit über die Ohren gezogene schwarze Wollmütze, unter der nur noch der glitzernde Ohrring herausspitzte. Er hatte seine gut eins achtzig hinter das Steuer seines verbeulten Lieferwagens gequetscht, mit dem er sonst Bilderrahmen zu seinen Kunden brachte, und bretterte damit durch die Rue Custine. Aimée neben ihm ließ den Blick über den geschlossenen Käseladen, die Blumengeschäfte und dunklen Cafés an der steilen Straße schweifen. Einst war der Montmartre ein Dorf außerhalb der Pariser Stadtmauer gewesen. Die Pariser waren zur butte gewandert, der »Anhöhe«, um sich auf den bals musettes zu amüsieren, das Leben der Bohème und den Wein zu genießen, auf den hier keine städtische Steuer erhoben wurde. Künstler wie Modigliani und Seurat waren ihnen gefolgt und hatten in Waschhäusern Ateliers eingerichtet, bevor sie bekannt wurden und ihre Bilder hohe Preise erzielten – und bevor der Montparnasse gelockt hatte.
»Voilà«, sagte sie und deutete zum Gittertor des Gebäudes mit den kahlen Bäumen, die sich vor den Lichtern der fernen Place Pigalle abzeichneten.
Die Spurensicherung und die Polizeiwagen waren verschwunden, ebenso Gagnards Citroën. Sébastien, ganz der Pariser, der sich in jede freie Lücke zwängte, parkte neben einem Hydranten.
»Nimm das Werkzeug mit«, sagte sie. »Dann mal los!«
Rue André Antoine 18 war ein helles Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert. Graue Netze am Ge-rüst verhüllten die Fassade, die an die um einen Innenhof gruppierten Nachbargebäude grenzte. Dahinter erhob sich die rotbraune Ziegelmauer einer Kirche. Sie hoffte den Mann befragen zu können, den sie auf den Stufen gesehen hatte. Dort, wo er gestanden hatte, zeichneten sich nur noch schwach Fußabdrücke im Schnee ab.
Der Wind hatte sich etwas gelegt. Von irgendwoher kam das leise Ächzen einer Schaukel. Die dünne Schneeschicht auf den Autos, die jetzt dort geparkt waren, wo die Fahrzeuge der Spurensicherung ge-standen hatten, ließ darauf schließen, dass die Polizei bald aufgebrochen sein musste, nachdem man Aimée weggeschafft hatte. Gott sei Dank hatten Haussmanns Abrissbirnen vor dem Viertel haltgemacht. Würde man die Gebäude abreißen, würde unweigerlich der Boden aufbrechen. Der Untergrund war durchzogen mit Stollen und Hohlräumen wie ein Gruyère-Käse – sagte man jedenfalls. Was Aimée nie in den Kopf wollte, schließlich war doch der Emmentaler für seine Löcher berühmt. Erwarb man in der Ge-gend eine Immobilie, erhielt man dazu immer auch ein Gutachten über den Zustand des Gebäudes. Die letzte geologische Begutachtung aber war im Jahr 1876 vorgenommen worden, wie ein Freund ihr mit-geteilt hatte.
Sie klingelte bei der Concierge und zog den Reißverschluss ihrer Jacke auf, unter der sie einen blauen Overall trug, den Sébastien ihr mitgebracht hatte. Auf den Briefkästen für das Obergeschoss waren keine Namen angebracht. Kurz darauf kam ihnen eine Frau in einem weiten Kamelhaarmantel entgegen, den sie mit einem Dior-Gürtel geschlossen hatte, dazu trug sie schwarze Gummistiefel. Zwischen Daumen und Zeigefinger hatte sie ein Zigarillo geklemmt.
»Sagen Sie mir nicht, Sie haben die Leiche vergessen«, herrschte sie die beiden an und blies Aimée qualmenden Rauch ins Gesicht.
Erschreckt wich Aimée zurück und umklammerte ihre Werkzeugtasche fester.
»Wir sind wegen der Schlösser gekommen«, sagte Aimée.
»Aber da waren doch schon welche hier!«
Aimée klopfte sich auf der Matte den Schnee von den Stiefeln. »Haben die auch die Fenster und die Dachluke gesichert?«
»Soweit ich weiß, ja.«
»Aber wir sollen die hinteren Fenster machen. Da sind sie noch nicht fertig geworden.« Sie deutete auf Sébastien. »Wir haben erst noch ein paar Teile aus dem Laden holen müssen.«
»Was meinen Sie?«
Aimée verfluchte die Concierge und ihre Fragen.
»Tiens … hat man Ihnen das nicht gesagt … die hinteren Fenster haben einen speziellen Schließme-chanismus.«
Die Concierge seufzte. »Die Wohnung steht leer. Die oberen Stockwerke werden renoviert.«
»Bon, fahren wir eben wieder«, sagte Aimée und drehte sich zu Sébastien um. »Dann können Sie ja dem Commissaire erklären, warum Schnee durchs Fenster geweht wird und der Parkettboden sich wellt. Die neuen Mieter werden begeistert sein.«
Die Frau starrte auf ihren Daumen und schob die Nagelhaut nach hinten. »Die oberen Stockwerke stehen seit gut einem Monat leer.« Sie zuckte mit den Schultern. Die Gentrifizierung machte auch vor dem Viertel nicht halt. »Aber stören Sie mir nicht den alten Trottel im Erdgeschoss. Der kriegt sich sowieso schon nicht mehr ein wegen des Trubels heute Abend.« Die Concierge drückte ihr Zigarillo in einem lee-ren Blumentopf aus. Dann gab sie Aimée einen kleinen Schlüsselbund. »Das ist der Türschlüssel. Ich werde nicht auf Sie warten.«
»Wir finden schon allein raus«, sagte Aimée und nickte Sébastien zu, der den Werkzeugkasten aufnahm.
Er folgte ihr die Treppe hoch, über den ausgetretenen, mit Bronzestangen an den einzelnen Stufen be-festigten roten Läufer. Ein schmiedeeisernes Geländer mit geschwungenen Blattornamenten – sie waren zur Zeit ihrer Entstehung der letzte Schrei gewesen – zog sich die Stockwerke hinauf.
»Was wollen wir denn jetzt hier noch finden, Aimée?«
Sébastien sprach nur ihre eigenen Zweifel laut aus. Trotzdem, sie musste etwas finden, es war wichtig. »Man muss nur lauschen, dann spricht der Tatort zu einem.« Das hatte ihr Vater immer gesagt. Wenn es möglich war, Laures Unschuld zu beweisen, dann musste sie alles dafür tun.
»Zieh deine Latexhandschuhe an«, sagte sie schwer schnaufend und wünschte, sie hätte nicht über die Feiertage das eine oder andere Kilo zugenommen. Sie ließ den Schlüssel in der Tür stecken. »Erst das Dach.«
Es schneite kaum noch. Sébastien und sie streiften sich Skimasken über, dann folgte er ihr nach draußen aufs Gerüst, und von dort stiegen sie aufs Dach, wo sie sich auf die Knie niederließen. Mit etwas Glück würden sie vielleicht etwas finden, was die Polizei übersehen hatte.
»Was suchen wir eigentlich?«, fragte Sébastien.
»Holzsplitter, schwarze Stellen an den Gerüststangen, weggeworfene Feuerzeuge, Zigarettenkippen, Kratzer auf dem Dachblech …«
»Wie im Fernsehen?«
Sie nickte. Sie erwartete nicht viel, aber man konnte ja nie wissen. Laut Concierge stand die Wohnung seit einem Monat leer. Hatte Gagnard deshalb das Treffen mit seinem Informanten hier vereinbart?
Der Turm und das Dach der Kirche erlaubten lediglich den Blick auf das Nachbardach und das dunkle Haus auf der anderen Straßenseite, auf alles andere war die Sicht versperrt. Daher dürfte es, wenn überhaupt, nur wenige Zeugen geben.
Sie bewegten sich leise, geduckt, damit man sie in den Wohnungen des Nachbarhauses nicht bemerkte. In einem der hohen Fenster brannte Licht. Von unten kam ein feines Glühen wie von einer angezündeten Zigarette. Dann verschwand es. War es in ein Loch in der Erde gefallen? Überreste alter Stollen, in denen Gips abgebaut worden war, durchzogen den ganzen Montmartre. Aimée richtete den Blick wieder auf das Dach.
Gut eine halbe Stunde lang krochen sie herum, begutachteten jeden Quadratzentimeter des Gerüsts, inspizierten die Kamine, dazu die Fenster und die Fenstersimse der Mansarde und den schmalen flachen, verzinkten Abschnitt auf dem Dach. Ihre Hände waren nass vom Schnee, aufgerissen vom rauen Putz. Enttäuscht lehnte sich Aimée an einen Kamin.
»Irgendwas gefunden?«, fragte sie Sébastien, der sich über die Dachkante beugte und die Regenrinne durchkämmte.
Er hielt eine Handvoll durchweichter brauner Blätter hoch. »Wegwerfen oder …?«
»Warte.« Sie rückte zu ihm vor und öffnete einen Plastikbeutel. »Rein damit. Was ist das?«
»Laub. Wie dort drüben.« Er deutete in die Rinne, die fast damit überquoll. »Die gehört mal wieder aus-geputzt.«
Sie zog einen grünen Stiel heraus, roch daran. »Frisch abgebrochen, von einer Geranie.«
»Meine Cousine, die Botanikerin!«
Sie verzog das Gesicht. »Ich würde sagen, es gibt hier irgendwo ein Fensterbrett mit Geranienkästen.«
»Und was soll das beweisen?«, fragte er.
Zwischen den dünner werdenden Wolken waren die ersten Sterne zu erkennen.
»Bloß geraten. Könnte doch sein, dass sich jemand aus dem Fenster gelehnt und die Schießerei mitbe-kommen hat.«
»Aber, Aimée, wer hat denn um diese Jahreszeit seine Geranien noch draußen!«
Dem war nicht zu widersprechen. Eine Sackgasse?
Aber mehr hatten sie im Moment nicht.
»Hilf mir hoch, ich will mir das anschauen.«
Sébastien musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um das Seil an der Stützstrebe des Kamins auf dem höher gelegenen Nachbardach zu befestigen. Das andere Ende schlang sich Aimée um die Hüfte und verknotete es.
»Bereit?«, fragte er, lehnte sich gegen die Hauswand und verschränkte die Hände. »Bei drei!«
»Eins–zwei–drei.«
Kühle Luft und eine verdreckte Dachluke begrüßten Aimée, als sie sich auf das angrenzende Dach hievte. Sie hielt sich fest, zog sich dann weiter hoch, bis sie sich direkt vor einem Gaubenfenster befand. Hinter der Scheibe waren mehrere Geranientöpfe zu sehen. Zumindest wusste sie jetzt, wo sie am Morgen ihre Fragen loswerden konnte. Auch wenn sie nichts gefunden hatte, was darauf hinweisen würde, dass nicht Laure, sondern jemand anderes Gagnard erschossen hatte. Trotzdem … irgendetwas musste es geben.
»Ich komme runter«, sagte sie und hielt sich mit einer Hand an der mit Taubendreck überzogenen Dachkante fest, während sie sich mit der anderen an der glatten Wand abstützte.
»Sébastien, kannst du mal die Taschenlampe da hinüber richten?«
»Ein Geschenk von den Taubengöttern?«
Als sein dünner Lichtstrahl die Schornsteinkappe beleuchtete, ging in einem Fenster des Nachbarge-bäudes das Licht an. Sie hörten, wie sich jemand am Fenster zu schaffen machte. »Schnell, Sébastien, ich glaube, wir sollten verschwinden.«
Sie spürte, wie er am Seil zog.
»Wir bekommen Gesellschaft«, sagte er und deutete nach unten. »Die Flics.«
Zwei Wagen hatten in der Straße angehalten, ihre Blaulichter erhellten den schneebedeckten Innenhof. Hatte jemand sie gehört und die Polizei gerufen? Sie spähte um den Kamin, sah über die Dachlandschaft und erkannte, ganz nah, weitere Dachluken, auf denen sich der blasse Mond spiegelte.
»Pack den Werkzeugkasten und komm zu mir hoch«, sagte Aimée.
»Das ist jetzt ein Witz, oder?«
»Beeil dich. Wir können eine Dachluke aufbrechen.«
Sie spürte, wie er am Seil zerrte.
»Wie viele Dachluken siehst du?«, fragte er.
»Drei. Zwei gleich nebeneinander, eine weiter entfernt.«
»Bon. Eine muss über dem Treppenhaus liegen. Ich bin gleich hinter dir.«
Sie stopfte den Plastikbeutel mit dem Geranienstängel in die Overalltasche, hielt sich am Kamin fest und ließ sich auf der anderen Seite nach unten.
Sie landete auf allen vieren und kam auf der glatten Oberfläche ins Rutschen. Panik erfasste sie. Vor ihr war nur noch die Dachrinne, dahinter ging es mehrere Stockwerke nach unten. Verzweifelt versuchte sie sich festzuhalten, bekam schließlich eine Metallkante zu fassen und zog sich wieder hinauf zu dem fla-chen Abschnitt.
Sébastien landete hinter ihr. Keuchend erreichten sie schließlich die entfernteste Luke. Die kalte Luft brannte ihnen in den Lungen.
»Hier«, sagte er und gab ihr eine Zange. »Brich das Schloss auf.«
Erstaunt musste sie feststellen, dass die Scheibe bereits eingeschlagen war. Scharfkantige Zacken rag-ten aus dem Rahmen. Vorsichtig fasste sie hindurch und betätigte von innen den Hebel. Mit Sébastiens Hilfe hob sie die Luke an, hielt sich am Eisenrahmen fest und ließ sich nach unten, in der Hoffnung, dass ihre Füße die Leiter fanden, die in solchen Treppenhäusern normalerweise an der Wand befestigt war, und sie nicht in irgendeinem Schlafzimmer landete. Sie ertastete die Leiter und stieg hinunter, bis sie auf einem stockfleckigen Läufer stand. Darauf feuchte Fußabdrücke. Seltsam.
»Schnell, die Tasche«, sagte Sébastien und reichte sie ihr. Er landete elegant auf den Zehenspitzen, und sie standen vor der Eingangstür zu einer chambre de bonne, dem meist im obersten Stockwerk gelege-nen Dienstmädchenzimmer, das hier zu einem Apartment ausgebaut worden war.
»Schau dir die Fußspuren an!«
»Ich hab keine so großen Füße«, sagte er und wollte sie schon mit seinem Stiefel verreiben.
»Lass es. Gehen wir!«, sagte sie.
Sie schlichen die knarrende Holztreppe hinunter, traten durch die Eingangstür aus Glas und fanden sich im Innenhof wieder. Mehrere Türen gingen davon ab. Große grüne Müllcontainer standen neben der Concierge-Loge. Sébastien drückte auf einen Knopf an der Wand, und mit einem Klicken öffnete sich eine Tür im großen, runden Tor.
Sie waren wieder auf der Straße, direkt gegenüber ihrem Wagen.
Sie stiegen ein, Sébastien ließ den Motor an und drehte die Heizung voll auf.
»Und das alles für einen Geranienstängel. Zufrieden?«
»Kann man wohl sagen«, erwiderte sie. »Die eingeschlagene Dachluke hast du schon vergessen!«
Er schüttelte den Kopf, bog um die Kurve und musste am steilen Berg richtig Gas geben.
»Wir haben wahrscheinlich die Fluchtroute entdeckt.«
Heiße Luft strömte aus dem Gebläse und wärmte ihr die eiskalten Beine.
»Fluchtroute?«
»Des Mörders.«


Montagabend, später
Lucien Sarti schloss die Augen. Kindheitserinnerungen wurden wach: das schrille Wehklagen seiner grand-mère, als der wächserne Leichnam seines Onkels auf dem Esstisch aufgebahrt lag. Die Frauen, allesamt schwarz gekleidet wie aufgereihte Krähen, fielen mit ein, während die Männer mit dem Schaft ihrer Gewehre auf den Boden stampften, ein von den Steinwänden zurückhallender, durch und durch gehender Rhythmus. Die vom trockenen Wind herangewehte Traurigkeit, die den Duft von Lavendel und Myrte in sich trug, ließ ihn frösteln.
Solange er zurückdenken konnte, waren Beerdigungen das gesellschaftliche Ereignis im Dorf gewesen. Jenseits der zerfurchten Straße schimmerte in der Ferne das türkisfarbene Meer, dessen Wellen gegen den Granit aufgelassener römischer Steinbrüche schlug. Die Steinquader darin sahen aus, als wären die Römer erst gestern und nicht schon vor vielen Jahrhunderten abgezogen.
An jenem Tag waren er und Marie-Dominique, von niemandem bemerkt, den Bergpfad hochgestiegen; sie wollten weg aus dem Dorf, in dem nur noch die Alten und Gebrechlichen ausharrten und wo, wie in so vielen dieser Dörfer, unzählige Bewohner durch Vendettas ums Leben gekommen waren. In der Nähe einer halb verfallenen Schäferhütte fanden sie eine Höhle. Der Eingang lag in einer Spalte der fast senk-recht aufsteigenden Granitwand, an der Glimmer und Graphit in der kupfernen Sonne funkelten. Jeder Augenblick hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Marie-Dominiques lange, gebräunte Beine mit den blauen Espadrilles. Dann der Streit, den ihr Cousin Giano später mit ihm vom Zaun brach, der ihn be-schuldigte …
»Monsieur Conari, vielleicht wollen Sie so freundlich sein und Ihre Gäste bitten, sich der Reihe nach an-zustellen«, sagte der Commissaire. »Wir wollen die Personalien aufnehmen, dazu haben wir noch ein paar Fragen. Reine Formsache, natürlich.«
Lucien schlug die Augen auf. Er befand sich in Conaris Salon, und Marie-Dominique hielt sich irgendwo in der Menge auf und schmiegte sich nicht an ihn wie damals in der Höhle … Er griff nach seiner Brief-tasche, öffnete sie und geriet in Panik. Er hatte lediglich seine carte orange für den öffentlichen Nahver-kehr dabei, sonst lag nur noch ein verdrecktes Hustenbonbon darin. Seine carte d’identité hatte er ver-gessen. Wer sich nicht ausweisen konnte, durfte nach dem Gesetz verhaftet werden – was aber nur selten geschah. Bei Korsen wie ihm wusste man aber nie. Manchmal wandten die Flics als Vergeltung für separatistische Drohungen die Vorschriften in aller Härte an. In seinem Heimatdorf verschwanden die Männer in den Bergen, wenn sich ein Polizeiauto blicken ließ. Das hätte er jetzt am liebsten auch getan.
Und der Vertrag, von dem Conari gesprochen hatte? Später. Zuerst sollte er sich irgendwo in der Woh-nung verstecken und in aller Ruhe nachdenken. Lucien hielt den Kellner auf, als dieser das nächste Mal vorbeikam. »Compadre, wo finde ich hier die Toiletten?«, fragte er.
Der Kellner zeigte in die Richtung, in der sich auch die Flics aufhielten.
»Es gibt nichts, was ein bisschen näher liegt?«
Der Kellner schien zu verstehen. »Folgen Sie mir!«
Er führte Lucien zu einem Wasserklosett neben der Küche.
Als er wieder aus dem Klo kam, hatte er sich entschieden: Er wollte Monsieur Conari bitten, für ihn zu bürgen.
Draußen aber wurde ihm von Marie-Dominique der Weg versperrt. »Was ist los, Lucien?«
Was los war? Dass sie einen anderen geheiratet hatte, dass er ihre warmen braunen Schultern nicht mehr umarmen konnte? Aber das sagte er nicht. Er suchte nach Worten.
»Marie-Dominique, es gäbe so viel zu sagen … nach so langer Zeit.« Vier Jahre hatte er von ihr ge-träumt, und jetzt klangen seine Worte leer und falsch.
»Lucien, du machst immer noch Musik, das macht mich glücklich.« Ihre Worte, voll von unausgespro-chenen Gefühlen, schwebten zwischen ihnen.
Auf einem der Tische trieb in einer Wasserschale eine Gardenie, auf dem dünnen Diamantarmband an Marie-Dominiques Handgelenk brach sich das Licht. Kerzen flackerten und warfen Schatten auf die moi-rierte Seidentapete an der Wand. Er sehnte sich danach, sie anzusehen, den Rosenduft zu atmen, der sie umgab. Das alte Lied von Tino Rossi aus den Dreißigern kam ihm in den Sinn, »Ô! Corse, Île d’Amour«; das Lied, das an jenem Nachmittag im Radio gespielt worden war.
»Es hat so kommen müssen«, sagte sie, als würde sie seine Gedanken lesen.
Bestürzt ballte er die Fäuste. »Wie kannst du so was sagen? Du weißt, was zwischen uns war, welche Gefühle ich dir entgegengebracht habe.«
»Meine Familie war dagegen.« Sie sah weg. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. »Mein Vater hat die FLNC immer als das gesehen, was sie war: eine terroristische Vereinigung.«
»Wir waren doch alle dumm, damals, als wir uns denen angeschlossen haben. Aber ich hab nie an ir-gendwelchen Aktionen teilgenommen.«
Was war er für ein Dummkopf gewesen, als er sich mit seinen betrunkenen Freunden angemeldet hatte, weil sie die Hoffnung hegten, Korsika von der französischen Herrschaft befreien zu können. Befreien? Aber nicht durch nächtliche Sprengstoffanschläge, durch Entführungen und Lösegeldforderungen, mit denen Waffen angeschafft werden sollten. Er schüttelte den Kopf. Er wollte, dass sie ihn verstand. »Du hast ja recht. Mir ist das damals nur nicht klar gewesen.«
Marie-Dominique sah ihn wütend an. »Nicht klar gewesen, dass die FLNC verboten und von der Polizei verfolgt wurde? Nachdem du die Insel verlassen hast, hat die FLNC die Wände mit Plakaten zugekleis-tert, auf denen sie gegen die staatlichen Repressionen protestiert hat … und auf den Plakaten war dein Bild abgedruckt.«
»Aber ich hatte mit denen doch nichts mehr zu schaffen. Ich war nur auf einer einzigen Versammlung.«
»Dein Bild war auf den Plakaten«, sagte sie.
Das war also der Grund gewesen, warum seine Mutter ihm eine Fahrkarte für die Fähre nach Marseille in die Hand gedrückt und darauf bestanden hatte, dass er noch in derselben Nacht abreiste. »Ich will nicht auch noch einen zweiten Sohn verlieren«, hatte sie gesagt. Weder wegen einer Vendetta noch wegen der Gendarmen oder des bösen Blicks der mazzera, der Hexe, die oben in den Bergen wohnte. Niemand stellte sich gegen die mazzera, schon gar nicht seine gramgebeugte, verwitwete Mutter, die davon überzeugt war, dass er mit dem bösen Blick belegt worden war. Seine Mutter, die aus Sardinien stammte, wurde von seiner grand-mère auch nach über fünfunddreißig Jahren auf der Insel als »die Fremde« bezeichnet. Sie hatte sein Zögern, seine Argumente, wonach Flucht ein Eingeständnis seiner Schuld sei, nicht gelten lassen.
Er hatte im Hafen von Marseille als Kellner gejobbt, hatte mit dem billigen Equipment eines Freundes als DJ gearbeitet und dabei irgendwie überlebt. Ein Jahr später war er nach Paris gegangen. Er hatte sich Plattenspieler angeschafft und kam damit gerade so über die Runden.
»Ich hab dir Briefe geschrieben und dir erklärt, warum ich gehen musste«, sagte er Marie-Dominique. »Aber sie sind alle zurückgekommen, Annahme verweigert.«
Sie sah weg.
Ein Flic in blauer Uniform kam an ihnen vorbei. Er sah Luciens schwarze Jeans und abgetragene Stiefel. »Kommen Sie mit, das Personal wird in der Küche befragt«, sagte er.
»Aber … er gehört zu unseren Gästen«, warf Marie-Dominique ein.
Der Flic musterte ihn abschätzig. »Natürlich, Madame. Dann kommen Sie bitte in den Salon.« Er ging weiter in die Küche.
Lucien machte sich auf einiges gefasst. Korsen kamen auf dem Commissariat immer in den Genuss einer »Sonderbehandlung«. So wie sein Freund Bruno, der mit einem gebrochenen Arm zurückgekehrt war. Nach den jüngsten Anschlägen durch die Separatisten war die Polizei noch nervöser als sonst. Wenn sie herausfanden, dass er sich nicht ausweisen konnte und seine DJ-Gagen schwarz kassierte, würden sie ihn gleich dabehalten.
Aber wenn er ging, ohne den von Conari angebotenen Vertrag zu unterzeichnen …
»Ich hab meine carte d’identité nicht dabei, Marie-Dominique.« Er sah in den Salon. Conari stand mit Yann Marant inmitten einer Menschentraube und unterhielt sich mit dem Commissaire. Am Tisch mit den Getränken hatte sich eine lockere Schlange gebildet.
»Marie-Dominique«, flüsterte er ihr zu, »ich kann jetzt nicht mit denen reden.«
Sie riss die Augen auf. »Stehst du immer noch auf der Fahndungsliste?«
»Bring mich hier raus, bitte. Rede mit deinem Mann, sag ihm, dass ich den Vertrag morgen unterschrei-be.«
»Aber was, wenn …«
»Ich kann es dir jetzt nicht erklären. Hilf mir!«
»Du hast dich also nicht verändert. Immer läufst du weg, Lucien. Auch jetzt wieder.«
»So ist es nicht. Bitte hilf mir!«
Marie-Dominique schüttelte den Kopf.
Eine Tür in der Holztäfelung ging auf, und ein Mitarbeiter des Catering-Personals trat schwitzend mit einem riesigen Kupferkessel heraus.
Die Tür musste zur Hintertreppe führen.
»Bring Félix nicht in Schwierigkeiten.«
»Warum sollte ich?«
»Du hast immer noch mit den Separatisten zu tun, nicht wahr? Du willst immer noch Korsika ›befreien‹?«
Das war in den letzten zweitausend Jahren nicht geschehen, warum also jetzt? Ihm war das mittlerweile ziemlich egal. Sie hatte ein völlig falsches Bild von ihm. Knapp zweihundertfünfzig Jahre zuvor hatte Pascal Paoli die Herrschaft über den Großteil der Insel errungen, aber statt sich zum König auszurufen, wie es zu der Zeit üblich gewesen wäre, ließ er die Sklaverei abschaffen, ordnete Wahlen an und billigte sogar Frauen das Wahlrecht zu. Unerhörte Ideen zu jener Zeit. Kurz war Korsika eine Demokratie. 1768 aber verkauften die Genueser, de jure noch im Besitz der Insel, Korsika für eine Million Franc an die Franzosen, und Paoli wurde von den französischen Streitkräften gestürzt und seine Armee vernichtet.
Ja, er hatte einmal an ein freies Korsika geglaubt und war der FLNC beigetreten. Aber als er die Ma-fia-Methoden der in zahlreiche Gruppierungen aufgesplitterten Bewegung mitbekam, hatte er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.
»Eigentlich möchtest du doch nur sagen, dass ich nicht hierher passe«, sagte Lucien. »Ich passe nicht in dein Leben, nicht in deine schicke Umgebung.« Er spürte, wie er wütend wurde, und schlug mit der Faust gegen die Tür. »Aber du passt auch nicht hierher, Marie-Dominique. Du magst dich verändert haben, insgeheim bist du aber immer noch dieselbe. Ich gehe. Sag deinem Mann, dass ich mich später bei ihm melde.«
Er stürmte durch die verborgene Tür und warf sie mit einem Knall hinter sich zu.

Cara Black

Über Cara Black

Biografie

Cara Black wurde mit ihren Kriminalromanen um die Privatdetektivin Aimée Leduc in den USA zur Bestsellerautorin. Inzwischen hat sie dreizehn Paris-Krimis geschrieben, die stets in einem anderen Pariser Quartier spielen. Cara Black lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in San Francisco und reist oft in...

Weitere Titel der Serie »Aimée-Leduc-Reihe«

Aimée Leduc, modebewusste Halb-Amerikanerin und Halb-Französin, ist Privatdetektivin in Paris und begibt sich in ihren Fällen stets in höchste Gefahr.

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