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Monsieur weilt nicht mehr unter uns

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Ein Paris-Krimi

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Monsieur weilt nicht mehr unter uns — Inhalt

Paris, 1892: Terroristische Anschläge erschüttern die Stadt, überall im Land werden regierungsfeindliche Truppen bekämpft. Als wäre das nicht schon genug Aufregung für Victor Legris, der eine kleine Buchhandlung in Saint-Germain-des-Prés führt, wird dann auch noch in die darüberliegende Wohnung seines Teilhabers Kenji Mori eingebrochen und ein Kelch gestohlen, den Kenji einst von seinem Freund John Cavendish geerbt hatte. Hat der unbekannte Herr mit Melone, der sich vor kurzem in der Buchhandlung nach Kenjis Adresse erkundigt hatte, etwas mit dem Einbruch zu tun? Offenbar kannte er Cavendishs Schwester. Als Victor Legris erfährt, dass besagte Lady Pebble vor wenigen Tagen ermordet wurde, vermutet er einen Zusammenhang und begibt sich auf eine Spurensuche, die ihn bis nach Schottland führt.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzer: Gaby Wurster
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96884-3

Leseprobe zu »Monsieur weilt nicht mehr unter uns«

Vorwort



Paris, den 27. März 1892

Die Trinité-Kirche hatte gerade acht Uhr geschlagen. Plötzlich erschütterte eine fürchterliche Explosion das Viertel. In der Rue de Clichy wackelte ein fünfstöckiges Wohngebäude auf seinem Fundament, das Treppenhaus stürzte vollständig ein, die Fensterscheiben barsten.

Die Druckwelle ließ seinen Körper beben. Sein Gehirn sagte ihm: Das ist die Apokalypse. Die Straße begann sich vor seinen Augen zu drehen. Der Staub fuhr ihm beißend in die Nase. Doch mehr noch als dieser scharfe Geruch setzte ihm die Erinnerung an ein [...]

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Vorwort



Paris, den 27. März 1892

Die Trinité-Kirche hatte gerade acht Uhr geschlagen. Plötzlich erschütterte eine fürchterliche Explosion das Viertel. In der Rue de Clichy wackelte ein fünfstöckiges Wohngebäude auf seinem Fundament, das Treppenhaus stürzte vollständig ein, die Fensterscheiben barsten.

Die Druckwelle ließ seinen Körper beben. Sein Gehirn sagte ihm: Das ist die Apokalypse. Die Straße begann sich vor seinen Augen zu drehen. Der Staub fuhr ihm beißend in die Nase. Doch mehr noch als dieser scharfe Geruch setzte ihm die Erinnerung an ein früheres Ereignis zu, das er lange verdrängt hatte. Es war der Nachhall dessen, was vor langer Zeit geschehen war. Ein Omen.

Unerschütterlicher Glaube an die Hand Gottes, die Achtung der Schrift, die Furcht vor den Sakramenten ließen ihn vor seinem geistigen Auge seinen Tutor sehen, der streng den Zeigefinger zum düsteren Himmel erhob. Da war es wieder – immer brummte er dieselben Worte:

»Da entstand ein gewaltiges Beben. Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand, und der Mond nahm die Farbe des Blutes an … Wer sich der Ketzerei hingibt, erntet Verdammung! Tut Buße! Buße!«

Glasscherben lagen auf dem Straßenpflaster. Ein alter Mann hatte sich in den Rinnstein gesetzt, er zitterte am ganzen Leib. Eine Frau mit zerlumpten Kleidern und von Gips staubigem Haar schrie. Schon kamen die ersten Rettungsleute.

Das Zimmer war eine Zuflucht in der Nacht, beruhigend, bequem, geschützt von holzverkleideten Wänden. Auf seinem Schreibtisch warf die Lampe mit dem hellen Schirm Regenbogen auf eine Wasserkaraffe. Eine Hand zog das Tintenfass heran. Die Stille wurde nur vom Schaben der Feder durchbrochen, die minutiös Auf- und Abstriche auf dem karierten Papier zog.

Heute Morgen zerriss mir der Lärm die Ohren, er erschütterte mich bis ins Mark. Der Zorn Gottes erschallt wieder. Das Rudel der Wölfe im Schafspelz sät Lügen und Unsicherheit im Weinberg des Herrn. Ich war dort. Mir drehte es den Magen um, ich dachte, mir platze das Gehirn. Ein gleißender Blitz blendete mich. Der Himmel kam auf uns hernieder. Tausend Hämmer schlugen auf meinen Kopf. Gott erinnerte mich an meine Aufgabe. Ich empfinde ein Gefühl des Triumphes, denn mein Gott ist derjenige, der den Menschen und alle Dinge auf der Erde nach seinem Ebenbild erschaffen hat, und er hat mir sein Vertrauen geschenkt. Seit ich entdeckt habe, was sich da zusammenbraut, ist es meine Pflicht zu handeln. Ich bin der Arm Gottes, ich werde mein Ziel erreichen. Niemand wird je wieder in den Besitz dieser Gotteslästerung kommen. Ich werde die äußersten Mittel anwenden. Die Menschheit ist auf die schiefe Bahn geraten, daher muss ich die Spreu vom Weizen trennen, das habe ich geschworen. Herr, wappne deinen Gesandten!

 

 

1. Kapitel

Schottisches Hochland, 5. April 1892

Taby lag mit ausgefahrenen Krallen auf einem niedrigen Buchenast auf der Lauer und spähte in das Gebüsch, wo eine Waldmaus hineingehuscht war. Dicke weiße Wolken jagten über den Himmel, getrieben vom Nordwind, der die Bäume des Parks peitschte. Ein roter Mond, immer wieder von Wolken verschleiert, erleuchtete schwach die Landschaft. Taby tat sich schwer, das nebelumhüllte Heidekraut auszumachen, in das sich seine Beute verkrochen hatte. Hinter einem Ahornwäldchen zeichnete sich auf einer Anhöhe der Landsitz Brougham Green ab wie ein Wachtposten, der ohne Unterlass die Straße von Crescent Dogall überwachte, die sich am Fuß der öden Hügel entlangschlängelte.

Siamkater Taby fuhr mit der feuchten Tatze über seinen schwarz gemusterten Kopf und drückte sich fest an die Baumrinde. Dort, hinter einem Fächer aus Farnkraut, war eine dunkle Silhouette aufgetaucht. Er sprang. Gerade als er das zarte Geschöpf mit dem Maul schnappen wollte, erschütterte ein dumpfes Beben die Erde. Die Vibrationen überraschten ihn, er hielt kurz inne – was seine Beute auch gleich ausnutzte, um zwischen zwei Felsen zu verschwinden. Enttäuscht brach Taby seine Jagd ab. Er richtete sich zu voller Größe auf und schärfte seine Krallen an einem Baumstamm, dann ging er zurück zum Weg, lässig schlendernd wie ein Herr, der seinen Verdauungsspaziergang macht. Auf einmal tauchte ein Riesending vor ihm auf, von wildäugigen Pferden mit vereinten Kräften gezogen. Panisch erklomm Taby den Wipfel einer Zwergeiche und beobachtete, wie das vierrädrige Monstrum auf das Portal von Brougham Green zufuhr.

Mit zitternden Ohren und die Nase voll vom Geruch der Pferde wartete er, bis sein Herz wieder regelmäßig schlug. Als er sich in Sicherheit glaubte, verließ er vorsichtig seinen Zufluchtsort. Doch ein neuerliches Beben ließ ihn verharren. Hinter einer Kurve des Crescent Dogall kam ein Reiter hervor. Taby fauchte und machte einen Buckel, das Pferd brach aus, eine Peitsche knallte und verfehlte nur knapp das Auge des Siamkaters, der tief ins Unterholz rannte.

Jennings hatte vergessen, das Feuer neu zu bestücken. Lady Fanny Hope Pebble saß am Fenster und wollte gerade an der Klingelschnur ziehen, da ließ sie der Anblick einer Victoria-Kutsche, die den Hauptweg heraufkam, in ihrer Bewegung innehalten. Wer könnte zu so später Stunde noch kommen? Seit dem Tod von Lord Pebble empfing sie keine Besucher außer Doktor Barley und Reverend Anthony, und diese kamen stets am Morgen. Sie zog ihr Umschlagtuch über ihrer mageren Brust zusammen und beschloss, selbst ein paar Scheite in den Kamin zu werfen. Ein leises Miauen zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Taby, dieser kleine Lump! Wie er sich so an die Fensterscheibe drückte, wirkte er mit seinen schillernden Pupillen und seinem dreieckigen verzerrten Köpfchen wie ein Wasserspeier. Kaum machte Lady Pebble das Fenster einen Spaltbreit auf, hüpfte er auch schon auf ihren Schoß und entriss ihr mit seinen Tatzen, die über ihren Rock streiften, einen leisen Schrei.

»Du Teufelsbrut, was schnurrst du denn so? Normalerweise bist du doch nicht so verschmust. Hast du dich mit den Hunden des Wilddiebs gebalgt? Pst! Sei still, damit ich etwas hören kann … Jennings führt jemanden herein.«

In einer himmelblauen Livree mit Kniehose, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen, die gepuderten Haare im Nacken mit einem breiten schwarzen Band geknotet, sah Jennings aus wie einem Hogarth-Gemälde entsprungen. Erstaunt über diese Aufmachung, folgte ihm Antoine du Houssoye in einen Salon voller staubiger Möbel, mit Ritterrüstungen und einer großen Bibliothek. Ohne ein Wort machte Jennings auf dem Absatz kehrt.

»Was für ein Empfang!«, maulte Antoine du Houssoye. »Hier erfriert man ja! Wer ist nur auf die Idee gekommen, die Gastfreundschaft der Schotten zu preisen? Jedenfalls ist ihr Geiz nicht nur ein Mythos. Kein Feuer, selbst bei dieser Kälte!«

Im blassen Schein eines Kerzenleuchters, den der Diener dagelassen hatte, entzifferte er die Titel der gebundenen Ausgaben in den Regalen. Bibeln, Messbücher, theologische Abhandlungen. Er zuckte mit den Schultern, zog ein Notizbuch aus der Tasche seines Überrocks und schrieb schnell:

Jetzt bin ich hier und werde endlich herausfinden, ob die Spur, die mir der Himmelssohn von Surabaya angezeigt hat, die richtige ist. Könnte es sein, dass ich schneller bin als D.? Wenn ja, dann kann ich als Erster einen Beweis für die Existenz dieses …

Er brach ab, denn er dachte über etwas nach, das ihm am Abend zuvor im Hotel Balmoral eingefallen war: Wo war sein kostbares Notizbuch abgeblieben, das er auf Java geführt hatte? Hatte er es verlegt?

»Nein, es muss ganz hinten in einer Schublade meiner Truhe sein, oder in meinem Reise-«

Eine verborgene Tür öffnete sich, eine zierliche Dame in einem rosafarbenen Musselinkleid und einer altmodischen hohen Haube trat ein. Antoine fühlte sich in alte Zeiten zurückversetzt. Dieses zerbrechliche Persönchen musste bestimmt unter der Herrschaft George III. das Licht der Welt erblickt haben. Mit einer Stimme, die wie das Zischen eines Wasserkessels klang, verkündete sie, Lady Pebble geruhe nun, ihn zu empfangen. Sie nahm den Kerzenleuchter und ging, ohne sich nach Antoine umzudrehen, durch eine lange, düstere Diele, wo er eine Reihe Porträts von Menschen mit mürrischen Mienen erkennen konnte. Er blickte nach oben und sah eine eindrucksvolle Galerie, zu der eine monumentale Treppe hinaufführte, die die kleine Frau mit der Haube so flink emporstieg wie ein Eichhörnchen. Antoine du Houssoye heftete im Halbdunkel seinen Blick auf den rosa Fleck des Musselinkleids und erklomm unsicheren Schritts und bemüht, nicht zu stolpern, die Stufen, bis er vor einer zweiflügeligen Tür stand, die gerade geöffnet wurde.

Er betrat ein Boudoir, erhellt vom tanzenden Widerschein eines lodernden Feuers, mit Chippendale-Möbeln und altem Porzellan. Es bildete den Rahmen für einen Rollstuhl: Darin saß eine Dame und streichelte eine Siamkatze, die sich auf ihren Schoß gekuschelt hatte. Auf einem runden Tischchen brannte neben einem Stapel aus Büchern und Zeitschriften eine Petroleumlampe. Die Dame entließ die Kammerzofe und drehte langsam ihren Rollstuhl herum. Antoine du Houssoye war verunsichert beim Anblick dieses kantigen, bleichen Gesichts, dessen letzte Kräfte sich in den Augen konzentrierten. Der Blick der Frau hatte sich in den seinen gebohrt, und er hatte das Gefühl, sie würde die Tiefen seiner Seele ausloten. Nachdem sie ihn lange gemustert hatte, blinzelte sie, und ein Lächeln spielte um ihren runzligen Mund. Sie bedeutete ihm vorzutreten. Ihr ausgemergelter Körper war in eine schwarze Spitzenbluse, einen Wollrock und ein Umschlagtuch mit Rankenmuster gehüllt. Ein Tuch mit Ajourstickerei, die eine Blumengirlande darstellte, bedeckte ihr Haar, ein Samtband hielt eine große Perle, die zwischen ihren Augenbrauen hing. Ihre Finger gruben sich in den Pelz der Katze. Die Frau sah aus wie ein Basrelief der buddhistischen Tempelanlage von Borobudur auf Java.

Neugierig taxierte Lady Pebble diesen sehnigen, gebräunten Mann. Sein getrimmter Bart und sein spitzer Schnurrbart erinnerten sie an den Helden ihrer Jugendromane, den Musketier d’Artagnan. Sie sah sich selbst: jung, schön, begehrenswert am Arm dieses verführerischen Herrn, doch gleich schob sich das Bild des beleibten Lord Pebble darüber, Gott hab ihn selig.

Das ist lächerlich!, sagte sie sich. Er ist vierzig, du bist fünfundsechzig, er könnte dein Sohn sein. Du bist längst verwelkt, benimmst dich aber wie ein junges Mädchen!

»Ich empfange nur selten«, sagte sie. »Im Gedenken an meinen verstorbenen Bruder will ich Ihrem Begehr jedoch stattgeben. Fassen Sie sich bitte kurz.«

Sie drückte sich gemessen und in gutem Französisch aus. Sie hatte ihn nicht aufgefordert, sich zu setzen, und so trat er von einem Bein aufs andere.

»Wie ich Ihnen in meinem Brief bereits mitgeteilt habe, komme ich aus …«

»Das weiß ich, und ich fürchte, ich muss Sie leider enttäuschen. Dieser Gegenstand ist nicht mehr in meinem Besitz. Als Universalerbin habe ich gemäß den Verfügungen meines Bruders alles den Museen gestiftet … Was hast du denn, Taby?«

Der Siamkater hatte sich versteift und starrte aufs Fenster. Ein Windstoß hatte ihm einen unerwarteten feindlichen Geruch in die Nase geweht. Er sprang aufs Fenstersims, blickte starr in die Dunkelheit hinaus, während seine Ohren sich drehten und versuchten, den Eindringling zu lokalisieren. Er machte eine längliche Gestalt aus, die sich an einen Mauervorsprung neben dem bleiernen Fallrohr klammerte, das von der Dachrinne hinunterführte. Ängstlich lief er zum Kamin und versteckte sich. Lady Pebble schloss daraus, dass die Ratten zurückgekommen waren und sie Jennings damit beauftragen müsste, sie auszurotten.

»Wo war ich stehen geblieben?«

»Sie haben den Museen alles gestiftet.«

»Ach ja, die Museen. Die zahlreichen Berichte, die mein Bruder verfasst hatte, und seine Herbarien gingen an wissenschaftliche Institute. Die privaten Stücke habe ich seinen engsten Freunden zukommen lassen.«

»Wissen Sie noch, wer den Gegenstand bekommen hat, den ich in meinem Brief erwähne? Es ist von größter Wichtigkeit«, betonte Antoine du Houssoye.

»Selbstverständlich weiß ich, wer der Begünstigte ist. Er lebt in Paris, Sie können versuchen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ich habe Ihnen hier seine Adresse notiert.«

Sie reichte ihm einen Umschlag und zog an der Klingelschnur.

»Meine Zofe wird Sie hinausbegleiten, Monsieur.«

Er verabschiedete sich – hin und her gerissen zwischen einem Hochgefühl bei dem Gedanken, dass seine Suche sich jetzt dem Ende näherte, und Enttäuschung. Er hatte gehofft, auf Brougham Green nächtigen zu können, nun aber müsste er auf diesen schrecklichen Straßen nach Edinburgh zurückreiten.

Leb wohl, schöner d’Artagnan!, dachte Lady Pebble, als sie wieder zum Kamin rollte. Was willst du denn mit diesem scheußlichen Ding anfangen? Johnny hat mir gesagt, dass es Unglück bringt, dabei hat er doch gar nicht an solche Albernheiten geglaubt. Mein armer Johnny-bonny, so früh von uns gegangen …

Sie verlor sich in der Betrachtung der Flammen, in denen sich eigenartige Figuren abzeichneten. Mit aufgestellten Haaren und funkelnden Pupillen sah Taby, wie sich hinter dem Fenster eine dunkle Gestalt auf das Sims heraufzog – erst schwarz behandschuhte Hände, dann ein Oberkörper, Beine, ein Fuß … Lautlos landete sie auf dem Teppich und ging auf Lady Pebbles Rücken zu. Taby sah den perlmutternen Schimmer eines Revolverlaufs, dann zerriss ein Schuss die Stille. Mit einem heiseren Miauen kroch der Siamkater flach unter eine Kommode.

 

London, Donnerstag, den 7. April

Iris taten die Füße weh, aber sie traute sich nicht, es Kenji zu sagen. Seit einer halben Stunde wanderten sie in einer eisigen Brise zwischen den Grabstätten auf dem Friedhof von Highgate umher. Schließlich blieben sie vor einem sehr schlichten Grabstein aus Rosenmarmor mit eingravierten goldenen Lettern stehen.

Daphné Legris

1839–1878

Requiescat in pace

Kenji Mori war nicht auf die Gefühle vorbereitet, die ihn überfluteten. Seine Augen füllten sich mit Tränen, seine Schultern zitterten. Schnell drehte er sich um und nahm den Zylinder ab, den er sich während seiner Aufenthalte in London zu tragen zwang. Er sah Daphnés zierliche Gestalt in der Buchhandlung am Sloane Square wieder vor sich, als er lediglich der Gehilfe ihres Gatten gewesen war. Wieder durchlebte er ihre platonische Liebe, das verstohlene Lächeln, die seltenen Berührungen ihrer Hände. Sechs, sieben Monate nach Monsieur Legris’ Tod hatte sich Daphné ihm hingegeben. Ihre heimliche Liebschaft, gekrönt von Iris’ Geburt, hatte zehn Jahre gedauert.

Verstohlen wischte er sich die Tränen ab und sah seine Tochter stolz an, die, in ihrem Umhang fröstelnd, Rosenblüten aufs Grab streute. Er dachte, dass Iris’ eigenwillige Schönheit das Band fortleben ließ, das ihn mit Daphné geeint hatte: »In ihr vereinen sich Orient und Okzident. Ich will, dass sie glücklich wird, dass sie eine glänzende Zukunft vor sich hat.« Hätte Kenji gewusst, dass Iris genau in diesem Augenblick an einen ganz bestimmten blonden, leicht buckligen Jungen dachte, der in seiner eigenen Buchhandlung angestellt war, wäre er nicht nur enttäuscht, sondern regelrecht wütend gewesen.

»Warum wurde Mutter nicht in Kensal Green bei ihrer Familie beerdigt?«

»Wir haben uns in Highgate wegen der frischen Luft und des Blicks auf London immer sehr wohlgefühlt. Wir hatten den Traum, hier ein Haus zu kaufen. Daphné hat den Dichter Samuel Taylor Coleridge verehrt, der hier in der Nähe in der Kapelle einer Schule beigesetzt wurde. Als wir einmal hier spazieren gingen, musste ich ihr schwören, dass ich sie, sollte sie vor mir sterben, auf dem Nordfriedhof unterbringen würde – unterbringen, so nannte sie es.«

Die Mausoleen an der Egyptian Avenue im alten Westteil des Friedhofs, über die die dunklen Flammen der Zypressen wachten, erinnerten ein wenig an den Friedhof Père-Lachaise in Paris. Vor der letzten Ruhestätte des Chemikers Michael Faraday machten sie eine kurze Pause, dann gingen sie weiter in den Ostteil zu Mary Ann Evans’ Grab, besser bekannt unter dem Namen George Eliot.

»Du solltest Die Mühle am Floß lesen«, sagte Kenji.

»Du weißt doch, dass ich nicht so gern lese«, gab Iris zurück. – Außer Josephs Fortsetzungsroman, dachte sie bei sich.

Herrje! Ihr Vater blieb schon wieder stehen. Sie las:

Karl Marx

1818–1883

»Der Sohn eines Anwalts, der zum Protestantismus konvertiert ist, nachdem es nicht ratsam war, im Preußen Friedrich Wilhelms III. Jude zu sein.«

»Ein Freund von dir?«, fragte sie und versuchte, ein Lachen zu unterdrücken.

Kenji zuckte zusammen – sie hatte dasselbe Lachen wie Daphné!

»Nein, ein Freund der Arbeiterklasse. Der Stein, den er ins Rollen gebracht hat, zieht noch immer Kreise. Mir ist er vor allem sympathisch wegen seiner Antworten auf einen Fragebogen, den ihm seine Töchter 1865 vorgelegt haben:

›Ihr Lieblingsmotto?‹

›De omnibus dubitandum – an allem ist zu zweifeln‹ …

›Ihre Lieblingsbeschäftigung?‹

›Wühlen in Büchern‹ …«

»Bücher, Bücher, immer geht es nur um Bücher!«, empörte sich Iris, als sie auf der Aussichtsplattform stand, wo man einen herrlichen Blick auf die Stadt hatte. Die Kuppel der St Paul’s Cathedral wölbte sich wie ein dicker Pilz. Iris stellte sich vor, ein Heißluftballon zu sein und über die Felder zu schweben, die aussahen wie ein gelb-grün zusammengefügtes Schachbrett. Kenji brach in ihre Träumereien ein und erklärte schulmeisterlich:

»Vierzehn Meilen von Westen nach Osten, acht von Norden nach Süden. In London leben mehr Katholiken als in Rom, mehr Iren als in Dublin und mehr Schotten als in Edinburgh.«

»Du übertriffst selbst noch den Baedeker! Wer als Letzter bei der Archway Tavern ankommt, muss ein Pfand einlösen«, rief sie und stürzte mit einer Hand am Hut los.

»Nein, Iris! Warte!«

Außer Atem und brummig holte er sie ein, als sie einem Omnibus winkte.

»Ich würde gern mit der Untergrundbahn fahren. Wir steigen in Islington aus.«

Das war ein Befehl. Resigniert ließ sich Kenji auf einen Fensterplatz fallen und versuchte, sein Alter und seine Erschöpfung zu vergessen.

Sie waren mit einem Aufzug zum Bahnsteig hinuntergefahren, und Iris hatte den Eindruck gehabt, in einen Bergwerksschacht einzutauchen. Rotwangig vor Vergnügen konnte sie es sich gerade noch verkneifen, in Jubel auszubrechen – im Waggon der City and South London Railway, wo sie die Blicke der Männer auf sich zog. Das schmeichelte Kenjis Eitelkeit, er war aber auch von Zärtlichkeit erfüllt, denn seine Tochter benahm sich wie ein kleines Kind.

Ich bin verliebt, ich bin jetzt eine Frau!, dachte sie. Am Tag unserer Abreise hat er mich viermal geküsst! Mittlerweile müsste er den Brief bekommen haben, den ich an der Victoria Station aufgegeben habe. Ob er wohl rot wird? Als ich ihm gesagt habe, dass ich ihn reizend finde, ist er ja so was von knallrot geworden!

»Wir können in der Denman Street aussteigen und am Piccadilly Circus eine Droschke nehmen«, schlug sie ihrem Vater vor.

Sie winkte ein zweisitziges, nach vorne offenes Hansom-Taxi heran. Die Karosserie hing zwischen zwei großen Rädern, der Kutscher saß erhöht hinter dem Verdeck. »Sloane Square!«, rief Kenji nach wie vor gereizt durch die hintere Öffnung.

Der Anblick der Buchhandlung wühlte schmerzhafte Erinnerungen in ihm auf. Ganz deutlich sah er den äußerst korpulenten Monsieur Legris vor sich – mit dem Stock in der Hand drohte er seinem Sohn Victor, der sich hinter seiner Mutter versteckte. Was für einen unbedeutenden Fehler hatte der Junge denn begangen? Nur Kenji hatte keine Angst vor dem Buchhändler. Er verstand es, ihn mit einem selbst erdichteten Sprichwort zu besänftigen, das er kühl von sich gab, etwa: »Von dem Großen Brand von London ist keine Asche mehr übrig.« Und dann gab Monsieur Legris klein bei …

»Hat sich der Laden verändert?«, fragte Iris.

»Er wurde neu gestrichen, und die Schaufenster …«

Er hielt inne und lauschte einem Zeitungsverkäufer, der die Schlagzeilen hinausschrie:

»Scotland Yard befragt noch immer das Personal von Lady Fanny …«

Der Name verlor sich im Lärm einer Kutsche.

»… die auf ihrem Landsitz Brougham Green ermordet wurde. Nach dem Unbekannten, der ihr am Abend der Tat einen Besuch abgestattet hat, wird gefahndet …«

»… die Schaufenster haben kleinere Scheiben«, beendete Kenji seinen Satz.

»Gehen wir rein?«

»Wozu die Geister der Vergangenheit aufschrecken?«

»Chelsea gefällt mir. Wenn ich nach London ziehe, dann hierher. Oder vielleicht nach Westminster oder Regent’s Park …«

»Deine Mutter und ich haben uns manchmal unter der Zeder im Botanischen Garten von Chelsea in der Nähe des Royal Hospital getroffen. Auch im Lesesaal des Naturkundlichen Museums in der Cromwell Road waren wir gern. Sollen wir hingehen?«

»Ich würde gern meine Einkäufe erledigen. Ich habe Tasha Tee aus dem Stammgeschäft von Twinings an der Strand versprochen. Victor wollte Kataloge der Buchhandlung Quaritch und des Photogeschäfts Eastman, und von dort gehe ich in die Oxford Street, wo ich im Kaufhaus Evans mal die Damentoilette aufsuche. Vater, ich brauche Geld.«

Kenji seufzte. Iris wäre noch sein Ruin. Und wenn nicht sie, dann Eudoxie Allard alias Fifi Bas-Rhin, die, ihres russischen Großherzogs müde, vorigen Monat wieder zu ihm zurückgekehrt war. Er wollte ihr in einem Juweliergeschäft in der New Bond Street ein Schmuckstück kaufen.

Er schätzte die Treffen mit Eudoxie, die ein angenehmes Zwischenspiel und wohltuend für seine männlichen Bedürfnisse waren. Sie hüteten sich wohlweislich, in irgendeiner Form den Alltag in ihre Beziehung Einzug halten zu lassen, und ein jeder gab dem anderen das Beste von sich. Ihr Verhältnis beschränkte sich auf die erotische Seite und behielt daher einen lockeren Charakter, denn Kenjis Herz würde immer Daphné gehören.

»Wir essen um halb sieben im Hotel zu Abend. Danach habe ich im Royal Opera House in Covent Garden eine Loge reserviert. Ich bleibe noch ein wenig hier. Sei pünktlich!«

Iris nickte höflich. Sie verabscheute die Oper und wusste schon im Voraus, dass sie sich zu Tode langweilen würde.

Ich werde von Joseph träumen!, beschloss sie, als sie aufs Oberdeck eines braunen Omnibusses stieg. Und ich werde ihm eine Krawattennadel kaufen.

 

Paris, Freitag, den 8. April 1892, 5 Uhr morgens

Es war ihm zur Gewohnheit geworden, leise aufzustehen und Gabrielles regelmäßigem Atem zu lauschen. Dann nahm er die Kleider, die er am Abend auf einen Sessel geworfen hatte, und zog sich im Bad an, das ans Schlafzimmer grenzte. Dort zündete er eine Petroleumlampe an. So konnte er ungehindert in die Diele gelangen, an deren Ende er einen kurzen Abstecher in die Speisekammer machte, ein Glas Wasser trank und sich eine Scheibe Brot abschnitt. Er schlich ins Treppenhaus und war froh, dass der alte Hund des greisen Mannes endlich das Zeitliche gesegnet hatte und seine Flucht nicht mehr mit seinem Bellen verraten konnte. Vorsichtig stieg er die Steinstufen hinunter, blies die Lampe aus und stellte sie vor die Concierge-Loge.

Ganz leise öffnete er die Tür, damit sie nicht quietschte. Als er den Hof durchquerte, achtete er darauf, dass seine Stiefeletten nicht auf dem Pflaster klackten. Vier große Schritte, und er stand auf der Straße, erfüllt von dem berauschenden Gefühl der Freiheit, das ihn jedes Mal überkam, wenn er sich dem Schoß der Familie entzog.

Zuerst hatten ihn diese gelegentlichen Anfälle von Schlaflosigkeit verärgert, nach und nach aber hatte er diese Unannehmlichkeit so gepflegt, dass sie chronisch geworden war. Die Nacht war sein Reich. Wenn er nicht schlafen konnte, hatte er die Muße, seine Reden zu verfassen und die Recherchen vorzubereiten, die in seinem großen Werk zusammenfließen würden. Doch normalerweise erwachte er nach drei, vier Stunden schlechtem Schlaf im Morgengrauen, und das war auch heute so gewesen. Dann nutzte er die Zeit und schlenderte durch enge Gassen zum Boulevard de Sébastopol, wo er am Tresen einer Schenke einen Kaffee schlürfte, umgeben von Gemüsebauern, die ihre Ware zum Großmarkt Les Halles brachten. Danach nahm er eine Droschke zum Museum.

In ihren Wohnungen vor der beißenden Kälte geschützt, schlummerten die Bewohner des Enfants-Rouges-Quartiers noch. Im trüben Licht einer Gaslaterne verwandelte sich der Atem des Spaziergängers in weiße Wölkchen. Anschließend zog langsam die Dämmerung herauf, er ging über die feuchten Gehwege der engen Rue Pastourelle und über die milchige Kreuzung der Rue du Temple, die er nur ungern wieder verließ, um sich die Rue des Gravilliers entlangzutasten. Dieses Spiel aus Licht und Schatten erinnerte ihn zwangsläufig an seine einstigen Abenteuer im Herzen des äquatorialen Regenwaldes, wo Sonne und Sterne oft von dichter Flora verschlungen wurden. In der Rue de Turbigo floss das Leben ruhig dahin, und das Portal der Kirche Saint-Nicolas-des-Champs war wie ein Fels, der die Brandung zurückwarf. Auf dem Platz sah man Bauern in blauen Kitteln und Baumwollmützen, begleitet von ihren Frauen mit über der Stirn geknoteten Kopftüchern, auf dem Rückweg von Les Halles, wo sie ihr Gemüse abgeliefert hatten. Sie hatten ihre Pferde ausgespannt und machten sich nun auf in die Rue Greneta, um ihre Karren wieder anzuschirren. Dort herrschte ein fröhliches Treiben, das schwach von den Gaslampen beleuchtet wurde.

Der Mann ging an dem langen Schuppen einer Spielzeugfabrik vorbei, vor der lauter Fuhrwerke standen, da hörte er plötzlich, wie jemand seinen Namen rief. Er blieb stehen, versuchte herauszufinden, woher der Ruf kam, und ging auf die Karren zu. Die Stimme erklang von rechts, sie kam hinter der grauen Masse eines großen Rollwagens hervor. Ein Knall ertönte. Der Mann fuhr sich an die Brust, ein Ausdruck der Fassungslosigkeit huschte über sein Gesicht, seine Beine gaben nach, und er fiel auf Garben von Heu.

Als man ihn hinter einen Stapel Lattenkisten zog und eine Hand in seinem Überrock nach seinem Portemonnaie tastete, war er schon tot.

 

Paris, Freitag, den 8. April, 7 Uhr morgens

Fahles Licht drang zwischen den Vorhängen herein, aus der Ferne hörte man die Geräusche der Stadt. Die Finger, die die Feder hielten, huschten übers Papier:

Die sieben Donner haben sich Gehör verschafft. Ich bin der Gesandte, ich habe die beiden Zeugen beseitigt. Nun muss ich diese Gotteslästerung ausmerzen, bevor falsche Propheten sich ihrer bemächtigen und jene verführen, die das Zeichen des Tieres tragen und sein Bild anbeten.

Der Gesandte legte die Feder weg, schlug sein Heft zu und schloss es im doppelten Boden seines Kleiderschranks ein. Die Wasserkaraffe auf dem Schreibtisch war wie ein Prisma, in dem sich der rosa Schein der Lampe vielfach brach.

Claude Izner

Über Claude Izner

Biografie

Claude Izner ist das Pseudonym der Schwestern Liliane Korb und Laurence Lefèvre, beide langjährige Bouquinistinnen mit eigenem Bücherstand am Seine-Ufer in Paris. Sie sind außerdem in der Filmbranche tätig und jede für sich als Schriftstellerin erfolgreich. Ihre gemeinsam verfassten Kriminalromane...

Pressestimmen

WDR4 Bücher

»Ein humorvoller, origineller Krimi mit vielen kleinen Überraschungen. (...) Die vielen liebevoll beschriebenen Szenen aus dem historischen Paris sind ein Lesevergnügen für sich.«

KrimiKiosk

»Ein historisch wirklich grandios recherchierter und atmosphärisch dichter Roman.«

Kommentare zum Buch

Weitere Titel von Claude Izner
Patricia Haas am 03.11.2014

Lieber Herr Rosenboom, im Frühjahr wird der Titel »Le Leopard des Batignolles« (Der Leopard von Paris) bei uns erscheinen. Herzliche Grüße Patricia Haas vom Piper Verlag

Schade
Hendrik Rosenboom am 23.10.2014

Guten Tag,   Die Bücher von Claude Izner erfreuen sich einer stetig anwachsenden Fangemeinde. Sollte ich deswegen zurecht annehmen, dass schon in naher Zukunft auch die aktuellen Titel ins Deutsche übersetzt werden.   Viele Grüße,   Hendrik Rosenboom 

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