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Mittsommer bei den Elchen

Mittsommer bei den Elchen

Die schönsten Sommergeschichten aus Skandinavien

Taschenbuch
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Mittsommer bei den Elchen — Inhalt

Die schönsten Sommergeschichten aus Skandinavien

Zu Mittsommer trifft man sich im Norden mit Freunden und Familie, man feiert im Sommerhaus auf dem Land oder auf einer der vielen Inseln vor der Küste. So auch in den hier versammelten Geschichten: Bekannte Autoren aus Skandinavien wie Henning Mankell, Helene Tursten, Marie Hermanson, Håkan Nesser und Katarina Mazetti erzählen von knisternden Begegnungen, stimmungsvollen Mittsommerfeiern und spannenden Verfolgungsjagden. Die schönsten Sommergeschichten aus dem hohen Norden – für die Hängematte, für faule Nachmittage am See oder gemütliche Abende im Ferienhaus.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.06.2017
Herausgegeben von: Holger Wolandt
272 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31097-0

Leseprobe zu »Mittsommer bei den Elchen«

Henning Mankell 

Mattias und seine Töchter 

 

Die Post lag oben am Hang, ein weißes Holzhaus mit steilem Ziegeldach. Im Erdgeschoss befand sich das Postamt, während das Obergeschoss der Vorsteherin des Postamtes als Wohnung diente.

Im Sommer, wenn das weiße Haus mit dem Laubwerk der krummen, rissigen Eichen, die auf dem Vorplatz standen, zu verschmelzen schien, war das Postschild vom Weg kaum zu sehen. Im Winter war der vereiste Kiesweg heimtückisch, vorsichtig setzten die Menschen einen Fuß vor den anderen und stützten sich auf dem Holzzaun ab, der den [...]

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Henning Mankell 

Mattias und seine Töchter 

 

Die Post lag oben am Hang, ein weißes Holzhaus mit steilem Ziegeldach. Im Erdgeschoss befand sich das Postamt, während das Obergeschoss der Vorsteherin des Postamtes als Wohnung diente.

Im Sommer, wenn das weiße Haus mit dem Laubwerk der krummen, rissigen Eichen, die auf dem Vorplatz standen, zu verschmelzen schien, war das Postschild vom Weg kaum zu sehen. Im Winter war der vereiste Kiesweg heimtückisch, vorsichtig setzten die Menschen einen Fuß vor den anderen und stützten sich auf dem Holzzaun ab, der den Weg säumte. Im Frühling und Herbst war der Kiesweg nass und lehmig, die Füße versanken im Matsch, die Schritte wurden schwer, und das weiße Posthaus schien unendlich weit entfernt zu liegen.

Frühmorgens im September müht sich ein weißhaariger Mann den Posthügel hinauf. Er geht diesen Weg jeden Morgen, sechs Tage in der Woche. Er will seine Zeitung holen, der Vorsteherin zunicken, etwas verlegen lächeln und dann denselben Weg zurückgehen, den er gekommen ist. Der Kiesweg trägt ihn hinauf und trägt ihn auch wieder hinunter.

Er geht nun schon viele Jahre diesen Weg. Nicht so lange allerdings, dass es den Anschein haben könnte, er sei schon immer dort gegangen, aber doch so lange, dass man sich nicht mehr so recht erinnern kann, wann er eigentlich mit seinen Postbesuchen begonnen hat.

Es war wohl schon Ende der Fünfzigerjahre, als er seine Fischerkate auf Läskär verkaufte und aufs Festland zog. Damals hat er das alte Schusterhaus gekauft, das an der Straße liegt, die in die Stadt führt, das kleine Haus, das nach dem Tod des alten Melander versteigert worden war.

Einige Jahre später waren sich alle einig, dass er zu früh verkauft hatte. Der Preis, den er für seinen Schärenhof erzielt hatte, erschien jetzt unbegreiflich niedrig, wie ein schlechter Scherz oder eine unverschämte Lüge. Andererseits war er entschuldigt. Wer hätte damals schon ahnen können, was kommen würde? Dass sich ausgerechnet dieser Teil der schwedischen Ostseeschären in ein neues Freizeitreservat für die Oberklasse verwandeln würde, der es in den Stockholmer Schären zu eng geworden war. Alt war er damals schon gewesen, alt und abgearbeitet.

Vor allen Dingen aber hatte es niemanden gegeben, der den Hof von ihm hätte übernehmen können. Als er Anfang der Fünfzigerjahre plötzlich Witwer war, hatte er mit zwei unverheirateten Töchtern dagesessen. Beide waren etwas seltsam, nicht zurückgeblieben, wie manche sagten, sondern schweigsam und unbeweglich, stumm und grau wie die Felsen der Insel.

Also war ihm eigentlich nichts anderes übrig geblieben, als an den Stockholmer zu verkaufen, der an einem Junitag sein Boot unten am Steg neben dem Bootshaus festgemacht hatte, den Pfad heraufgekommen war, an die Tür geklopft und dann eine Reisetasche mit Hunderterscheinen auf den Küchentisch gestellt hatte. (Dass es bei der Entstehung dieses Reservats wirklich so zuging, dafür sollte die herandrängende Oberklasse in den kommenden Jahren noch viele Beispiele liefern.)

Er behielt nur sein Boot und einige Gerätschaften zum Fischen, ein paar selbst geknüpfte Barschnetze und einige Angeln und zog mit seinen Töchtern aufs Festland.

Der Hof befand sich nicht mehr im Besitz der Familie.

Damals hat er zum ersten Mal seinen Aufstieg zur Post in Angriff genommen, um sich die Lokalzeitung zu holen. Sein Haar war weiß, sein Rücken gekrümmt, aber hinter dem milden, verlegenen Lächeln verbarg sich eine zähe Schicht aus Sturheit, die unerschütterliche Körperkraft eines Fischers und hart arbeitenden Menschen.

Auch an diesem zeitigen Septembermorgen quält er sich die kiesbedeckte Anhöhe hinauf. Die Luft ist kühl, und vom Meer weht ein kalter herbstlicher Ostwind heran. Er trägt sein altes schwarzes Sakko über der Weste und dem grauweißen Hemd. Auf seine altmodische Art ist er immer ordentlich gekleidet. Er starrt auf den Kiesweg, während er geht, niemand weiß, woran er denkt.

Aber an diesem Morgen bekommt er keine Zeitung. Denn ungefähr in der Mitte des Hangs, etwa dort, wo der rötliche Vogelbeerbaum steht, hält er plötzlich inne und fällt um, langsam und widerspenstig wie eine Eiche, die der Säge tausendjährigen Widerstand geleistet hat.

Mit dem Gesicht im feuchten Kies liegt er da. Der ehemalige Hofbesitzer und Fischer Mattias Malm ist tot.

In dem zurückhaltenden Licht des Morgens trägt man ihn in das kleine Haus, das nach dem alten Schuster immer noch Melanders Haus heißt. Die Träger sehen die bleichen Gesichter der Töchter hinter den weißen Gardinen, als sie durch die Pforte auf die Veranda mit der grün gestrichenen Tür zugehen. Die alte graue Hauskatze streicht den Trägern stumm um die Beine.

So starb Mattias Malm seinen handfesten und fast nachdrücklichen Tod. Er wurde auf dem Friedhof neben seiner Frau und seinen Großeltern begraben. Es mochten insgesamt zwölf Personen sein, die dem Begräbnis beiwohnten. Die beiden Töchter standen warm gekleidet dicht beieinander. Vom Meer wehte noch immer der Ostwind heran.

Der Schärenwinter war im Anzug.

 

Im Gemeindehaus gab es anschließend Kaffee. Zwischen den Tassen, den Schnupftabakprisen und den Zigaretten erinnerte man sich.

»Wann ist sein Bruder noch gleich ertrunken?«

»Das ist so lange her, daran kannst du dich unmöglich erinnern. Das war am 31.Dezember1899 südlich von Utklabben.«

»Was hatte er denn auf dem Eis zu suchen?«

»War da nicht etwas mit seinem Hund?«

»Seinem Hund?«

»Ja. Sie hatten doch einen Hund. Der hin und wieder weglief.«

»Wie hieß sein Bruder noch gleich?«

»Nils. Er hieß doch Nils?«

»Was?«

»Hieß nicht der Bruder von Mattias Nils?«

»Natürlich hieß er Nils. Nils und Mattias.«

»Das war wirklich ein seltsamer Tag zum Sterben.«

»Ein Donnerstag ist doch wohl kein ungewöhnlicher Tag?«

»Nein, ich dachte nicht an Mattias. Ich dachte an Nils. Dass er das neue Jahrhundert nicht erlebt hat. Am letzten Tag des 19. Jahrhunderts im Eis einzubrechen.«

»Aber war das nicht am Abend?«

»Es war jedenfalls am letzten Tag. An Silvester 1899. Meine Güte, das ist auch schon wieder vierundsiebzig Jahre her. Damals war ich selbst noch kaum auf der Welt. Aber ich erinnere mich noch deutlich, wie es passierte.«

Mattias’ Töchter sitzen am Tisch. Die jüngere, die Lisa heißt und dreiundfünfzig Jahre alt ist, nimmt ein Konfirmationsfoto aus ihrer Tasche, auf dem auch ihr Vater zu sehen ist. Es wird am Tisch herumgereicht. Einige deuten auf sich, auf ihre Geschwister, auf Freunde oder auf Unbekannte. Sie suchen nach Namen aus der Vergangenheit.

Sie sprechen. Leise, etwas zögernd. Von Mattias.

»Das Boot ist ihm ja im letzten Jahr verrottet.«

»Er hatte vermutlich nicht mehr die Kraft, es instand zu halten.«

»Aber war er denn wirklich nicht mehr angeln?«

»Ihm fehlte wohl einfach die Kraft.«

»Das Boot hatte er selbst gebaut. Diese Art gibt es nicht mehr. Weder solche Boote noch die Leute, die die Boote gebaut haben.«

»Ellström auf Vassö lebt doch noch.«

»Der ist doch wohl zu alt, um noch Boote zu bauen, oder?«

»Sag das nicht.«

»Mattias konnte jedenfalls nicht mehr.«

 

Pressestimmen

Auto BILD Reisemobil

»Der perfekte Schmöker für einen faulen Sommertag auf Lofoten.«

Inhaltsangabe

Henning Mankell                 

Mattias und seine Töchter

 

August Strindberg              

Der Elch des Pfarrers

 

Øystein Lønn                          

Das Kalb im Meer

 

Levi Henriksen                       

Vimmerby

 

Astrid Lindgren                    

Pumpernickel und seine Brüder

 

Marie Hermanson                 

Honigmond

 

Robert Zola Christensen  

Paw und das Grammofon

 

Håkan Nesser                         

Ein gerechter Mensch

 

Helle Helle                            

Nordic Walking

 

Viveca Lärn                            

Sie haben Ihre Skier vergessen!

 

Liza Marklund                      

Wie hoch darf ein Mädchen fliegen?

 

Majgull Axelsson                

Über die Gleise

 

Helene Tursten                     

Ein seltsames Verschwinden zu Mittsommer

 

Inger Edelfeldt                    

Sommer

 

Merethe Lindstrøm             

Der Mann im Gebüsch

 

Jonas Hassen Khemiri          

Unverändert unendlich

 

Ida Jessen                                 

Der Windmühlenmann

 

Åke Edwardson                     

Über der Oberfläche

 

Katarina Mazetti                

Die Bedrohung des Sommers

 

Charlotte Weitze                

Flammen

 

Oline Stig                                 

Nur eine Art Liebe

 

Cecilia Davidsson                

Ohne Geld, ohne Bikini

 

Naja Marie Aidt                     

Karsten in den Sträuchern 

 

Elisabeth Rynell                 

Nordischer Sommer

 

 

Autoren- und Quellenverzeichnis265

 

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