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Mit der FlutMit der FlutMit der Flut

Mit der Flut

Roman

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Mit der Flut — Inhalt

Finkenwerder bei Hamburg, 1923: Paul ist fast noch ein Junge, als er sich als blinder Passagier auf einen Überseedampfer nach New York schleicht. In der neuen Welt will er sein Glück suchen, denn der elterliche Obsthof ist ihm schon lange zu klein und zu eng. In Brooklyn gelingt es ihm Fuß zu fassen, und als er Antonina kennenlernt, deren Familie aus Sizilien eingewandert ist, scheint er ein neues Zuhause zu finden. Doch um seinen größten Traum zu verwirklichen und Arzt zu werden, muss Paul zurück zu seiner Familie nach Deutschland - und betritt im Jahr 1937 ein Land, das er kaum wiedererkennt. Damit wird auch Antoninas Liebe zu ihm auf eine härtere Probe gestellt, als sie es sich je hätte träumen lassen. Agnes Krup erzählt, inspiriert vom bewegten Leben ihres Großonkels, eine so dramatische wie faszinierende deutsche Familiengeschichte.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 02.10.2017
544 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05842-1
€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erscheint am 01.03.2019
544 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31409-1
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 02.10.2017
544 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97766-1
»Das NDR Buch des Monats Dezember.«
NDR

Leseprobe zu »Mit der Flut«

Prolog New Paltz, Anfang September 1969

»Bella!«

Paul blickte vom Schreibtisch auf. Aus dem Erkerfenster sah er die Jagdhündin über die Wiese toben; mit ihrem braunweiß gescheckten Fell verschwand sie fast in den Büschen, in denen sie nach dem Ball suchte, den Spunk geworfen hatte. Das Mädchen rannte ihr nach, lachend und rufend.

Er musste unwillkürlich lächeln. Spunk war kein rechtes Mädchen mehr, eine junge Frau schon, gewissenhaft und ehrgeizig in ihren Studien und ihrer Arbeit in seiner Praxis. Aber abends, wenn sie mit Bella über das Feld [...]

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Prolog New Paltz, Anfang September 1969

»Bella!«

Paul blickte vom Schreibtisch auf. Aus dem Erkerfenster sah er die Jagdhündin über die Wiese toben; mit ihrem braunweiß gescheckten Fell verschwand sie fast in den Büschen, in denen sie nach dem Ball suchte, den Spunk geworfen hatte. Das Mädchen rannte ihr nach, lachend und rufend.

Er musste unwillkürlich lächeln. Spunk war kein rechtes Mädchen mehr, eine junge Frau schon, gewissenhaft und ehrgeizig in ihren Studien und ihrer Arbeit in seiner Praxis. Aber abends, wenn sie mit Bella über das Feld stromerte, erwachte der Wildfang in ihr, der sie während ihrer Kindheit gewesen sein musste.

Im Wartezimmer erklangen Stimmen. Er hörte, wie die Vordertür geöffnet und wieder geschlossen wurde; Schritte näherten sich, und Antonina steckte den Kopf zur Tür herein. »Mrs. Altmeyer war die Letzte für heute«, sagte sie. »Natürlich hatte sie wieder ihr Scheckheft vergessen. Mrs. Badeker hat ihr eine Rechnung ausgestellt; sie ist auch schon gegangen. Brauchst du noch etwas?«

Ohne sich umzudrehen, schüttelte Paul den Kopf. »Lass nur. Ich gehe noch ein paar Patientenkarteien durch.«

»Dann bereite ich das Abendessen vor.« Leise zog Antonina die Tür hinter sich zu, und er wusste, dass sie jetzt durch den kurzen Flur in den alten Teil des Farmhauses ging.

Als er hören konnte, wie Antonina in der Küche zu rumoren begann, ließ er Mrs. Altmeyers Karteikarte sinken und zog die unterste Schublade in seinem schweren Schreibtisch auf. Unter ein paar vergilbten Ausgaben eines medizinischen Journals holte er einen Stapel Briefe hervor, etliche davon auf dünnem Luftpostpapier geschrieben und zum Teil noch in hellblauen Umschlägen. Einige waren getippt, viele – seine eigenen – in einer raschen, weit nach rechts fliehenden Handschrift geschrieben, die er nach all den Jahren kaum selbst mehr entziffern konnte.

Er konnte nicht glauben, dass Antonina die Briefe über Jahrzehnte aufbewahrt hatte; nur durch Zufall hatte er sie gefunden, als er vor ein paar Wochen auf dem Dachboden für ein neues Dachfenster Maß genommen hatte. Er hatte das schöne Augustwetter ausnutzen wollen, um das Spunk gleich nach ihrer Ankunft vor zwei Jahren gegebene Versprechen, die Bodenkammer für sie auszubauen, endlich einzulösen. Dafür hatte er seinen uralten Koffer beiseiteschieben müssen, der neben einem kaputten Ventilator unter den Dachsparren stand. Er hatte nicht gewusst, dass der Koffer überhaupt noch existierte – es war eigentlich der Koffer seines Bruders Johann aus dessen Zeit am Lehrerseminar in Uelzen. Paul hatte sich gewundert, wie schwer er war, und das Maßband beiseitegelegt – er störte sich ohnehin noch immer an den ungenauen amerikanischen Maßen mit Zoll- und Fußbreiten, aber sein altes deutsches Metermaß war an jenem Tag nicht zu finden gewesen. Mit den Händen hatte er über das Leder des Koffers gestrichen, das mit der Zeit rau und brüchig geworden war. Die Kofferschlösser waren festgerostet, und er hatte ein paar Tropfen aus dem kleinen Ölkännchen in seinem Werkzeugkasten benötigt, bis sie aufsprangen. Auch der gestreifte Baumwollstoff, mit dem die Innenseite des Koffers gefüttert war, war brüchig und an einigen Stellen eingerissen. Darauf lagen Stapel um Stapel von Papieren. Es waren Briefe, die Antonina mit ihren Schwestern gewechselt hatte, dann Briefe von seinen Nichten, Hella und Spunk, sogar noch von Lisa. Da waren Johanns Briefe in seiner eckigen, etwas vorsichtigen Handschrift, in grüner Tinte. Da waren seine eigenen aus längst vergangenen Zeiten, sorgsam mit einem Band umwunden, der letzte Brief, den er Antonina je geschrieben hatte, obenauf. Zwanzig Jahre lag das Datum zurück, seither waren sie nie mehr getrennt gewesen. Mit dem Daumen war Paul durch den Stapel seiner eigenen Briefe gefahren: Ja, die Briefe, die Johann während des Krieges getippt und in seinem, Pauls, Namen geschickt hatte, waren auch darin. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf über seinen fürsorglichen, eigenwilligen Bruder. Er fand Weihnachtskarten in der steilen strengen Handschrift seiner Mutter, dünne hellblaue Luftpostseiten eng gefüllt mit dem letzten Klatsch der Finkenwerder Nachbarn, Briefe eines italienischen Verehrers, von dem er nichts gewusst hatte. Zollbescheinigungen, die Abschrift eines Telegramms, die Rechnung für Antoninas Schiffspassage von 1947, eine alte Quittung von Gage & Tollner. Austern hatten die Gäste an jenem Abend gegessen und billigen Champagner getrunken.

Aus einem kartonverstärkten Briefumschlag schüttelte er eine Handvoll Fotos. Da war er, in Turner-Weiß, in strammer Aufstellung mit seiner Riege auf der hölzernen Promenade von Coney Island. Ein koloriertes Bild von den Rimis, Antonina und ihre Schwestern in umständlichen Sonntagskleidern und Hüten mit den streng blickenden Eltern, die jeder eine Hand auf Savys Schultern gelegt hatten, ihr einziger Sohn, noch ein Kind. Das Porträtfoto von Antonina im Abendkleid, das aus der Zeit stammen musste, in der sie sich kennengelernt hatten. Wie sie darauf strahlte! Es war an den Ecken arg angestoßen; er hatte es jahrelang mit sich herumgetragen im Krieg damals und in der Gefangenschaft. Und ein Abzug des Bildes von Antonina im dunklen Badeanzug, am Strand, mit den Füßen im Wasser, auf dem sie versucht hatte, keck zu lächeln.

Vorsichtig, still, zog er mit dem Finger auf dem Foto die Konturen von Antoninas Körper in ihrem Badeanzug nach. Er schämte sich. Alles, alles schien sie aufgehoben zu haben, ihr ganzes Leben und auch seines, während er ihre Briefe nach dem Lesen meist achtlos fortgeworfen hatte. Falls er sie überhaupt gelesen hatte. Manche hatte er beantwortet; viele nicht. Es waren so viele gewesen über die Jahre. Sie hätten nicht alle in den kleinen, abgeschabten Koffer gepasst, aus dem er in den vergangenen Wochen Bündel für Bündel heimlich in sein Sprechzimmer hinuntergetragen hatte, um sie durchzusehen. Wie weit das alles zurückzulag. Wie viel er verpasst hatte. Er hatte seine Eltern nicht sterben, seine Brüder nicht älter werden, Spunk nicht aufwachsen sehen. Hatte es sich gelohnt für sein neues Leben in diesem weiten, wilden Land? Er seufzte. Warum hatte er seine Familie nicht zumindest öfter besucht? Bald würde es zu spät sein; ihrer aller Zeit war endlich.

Ein Abendwind kam von den Höhen herunter und nahm etwas von der drückenden Hitze des Spätsommertages; die weißen Halbgardinen bewegten sich im Wind. Tagsüber hielt Antonina sie geschlossen, der Privatsphäre der Patienten wegen, sagte sie, obwohl das Fenster auf den Garten führte. Aber abends, wenn er im Sprechzimmer allein war, schob Paul die Gardinen zur Seite, um über das weite Feld auf das Mohonk-Massiv sehen zu können. Sein Feld; es zog sich bis zum Fuß des mächtigen Felsrückens. Er liebte den Ausblick, besonders wenn die Abendsonne ihren weichen Schimmer über die steil aufragenden Steinwände fallen ließ. Er liebte sein Stück Land, alle sechzig Morgen. Am Wochenende würde er noch einmal mähen müssen, nach all dem Regen wuchs das Gras selbst so spät im Jahr noch nach.

Eine Tür fiel scheppernd ins Schloss, Bellas Krallen klickten über den Linoleumboden, das Radio wurde angedreht. Paul verzog das Gesicht. An diese Musik würde er sich nie gewöhnen, falls man diesen Krach überhaupt Musik nennen konnte. »Spu–«, begann er zu rufen, doch dann besann er sich. Er würde ihr nicht sagen, dass sie das Radio leiser stellen sollte. Seine Nichte war so heiter, seit sie vor ein paar Wochen auf diesem grässlichen Musikfestival gewesen war, ausgelassen geradezu. Wie sehr er sich freute, sie hierzuhaben, einen jungen Menschen in dem alten Farmhaus, das für ihn und Antonina zu groß und zu still gewesen war, trotz des Hundes. Als sie vor ein paar Jahren zu ihnen gezogen war, hatte Spunk ein Stück der alten Welt mitgebracht, und dennoch schien sie sich müheloser in die neue Welt einzufügen, als es ihm je gelungen war.

Jetzt riss sie die Tür zum Sprechzimmer auf. »Onkel Paul! Du denkst doch daran, dass Simon gleich zum Abendessen kommt?«

Simon? Verflixt, das hatte er völlig vergessen. Spunk hatte einen Verehrer, den sie ihm und Antonina vorstellen wollte. Vielleicht war sie deshalb jetzt immer so gut gelaunt. Angeblich spielte der junge Mann Gitarre, wahrscheinlich auch diese Krach-Musik, er war es, mit dem Spunk auf dem Festival gewesen war. Aber immerhin kam er aus Hamburg und war Tischler. Das stimmte Paul versöhnlicher.

»Natürlich denke ich daran«, behauptete er, schloss rasch die Schublade und stand vom Schreibtisch auf. Während er Spunk in die Küche folgte, hörte er draußen ein Motorengeräusch näher kommen, Reifen, die auf dem Schotter der Einfahrt knirschten. Er seufzte leise. Motorrad fuhr Simon also auch, und bestimmt hatte er eine dieser unmöglichen Lederjacken an. Beim Abendessen würde er ihn sich in aller Ruhe ansehen. Wenn der junge Mann etwas taugte, konnte er ihm vielleicht am Wochenende beim Mähen helfen.

 

Teil 1

1920–1928

 

I Finkenwerder, 1920

Das Sonnenlicht malte zitternde Kreise auf das zerkratzte alte Holzpult. Schläfrig zog Paul sie mit dem Finger nach, bis ihn ein plötzliches Quietschen der Kreide aus seinen Gedanken riss. Lehrer Schmidt hatte sich zur Tafel gewandt und schrieb einen Rechengang daran, der Paul längst vertraut war. Er sah auf den etwas verkrümmten Rücken des Lehrers; dann blickte er zum Fenster, das wegen des schönen Wetters offen stand.

Paul zögerte einen Moment. Er hatte schon so oft Ärger bekommen, wenn er einfach aus dem Unterricht verschwunden war. Schon als Kind hatte er das getan. Der alte Matthiessen hatte sein Fehlen meist gar nicht bemerkt, er konnte die Schüler oft nicht auseinanderhalten, weil er vier Klassenstufen gemeinsam unterrichtete. Aber Schmidt, der junge Lehrer der oberen vier Klassen, war aus anderem Holz geschnitzt. Ihm entging nicht viel, und er verstand keinen Spaß. Er prügelte gern und schickte die Jungen in den Schulgarten, wo sie ihre eigenen Ruten schneiden mussten – Paul wählte stets einen alten, trockenen Zweig, der schon nach wenigen Hieben entzweibrach. Viel schlimmer fand er die endlosen Strafarbeiten. Wie er es hasste zu schreiben »An Gottes Segen ist alles gelegen«, in Schönschrift, abwärts mit Druck, aufwärts ohne, zwanzigmal, fünfzigmal, hundertmal.

Manchmal rettete ihn der Vogt aus dem Unterricht, wenn wieder einmal ein Pferdegespann vor der kleinen Fähre scheute, die die Lüneburger Seite der Insel mit Neuenfelde verband. Paul verstand sich auf Pferde und schaffte es immer, das unruhige Gespann auf den wackligen kleinen Kahn zu bugsieren. Und manchmal schickte ihn der Vogt auch zu Doktor Mecklenburg, der seine Praxis in einer vornehmen Villa auf der Nordseite der Insel hatte, wenn der Arzt auf der Lüneburger Seite gebraucht wurde. Wenn eine Nachbarin in den Wehen lag, ein Bauer im Obsthof von der Leiter fiel, das Fieber eines Kindes zu hoch stieg. »Paul Benitt, komm mol rut!«, rief der Vogt meist schon von Weitem, wenn er sich der Schule näherte. Paul ließ sich das nie zweimal sagen.

In ein paar Tagen war das alles vorbei. Am Sonnabend war mit der Schule Schluss, ein für alle Mal. Was konnte Lehrer Schmidt ihm jetzt noch anhaben? Im schlimmsten Fall würde Greta, Pauls Mutter, ihn mit einem Korb Winteräpfel entschuldigen, die sie noch eingelagert hatten.

Leise schob Paul seinen Stuhl zurück, griff nach seiner Jacke und warf sie aus dem Fenster. Er sah, wie sein Freund Jakob Behrens ihm den Kopf zuwandte und grinste. Er nickte zurück und legte den Finger auf die Lippen. Dann stemmte er seine Arme aufs Fensterbrett und sprang mit einem eleganten Seitenschwung seiner Jacke hinterher.

Es war ein ungewöhnlich warmer Tag Ende März, »een van März sien negen Sommerdogen«, wie die alten Finkenwerder sagten; die Kopfweiden entlang der Straße schlugen schon aus. Paul überquerte den Süderkirchenweg, sprang über den Graben und verschwand in den Obsthöfen. Zwei alte Frauen, schwarz gekleidet, die dabei waren, das Kriegerdenkmal von altem Laub und dem Schmutz des Winters zu säubern, sahen ihm misstrauisch nach.

Paul suchte sich eine sonnige Stelle, an der das Gras vom Vorjahr schon einigermaßen trocken war – ein bisschen feucht blieb der Marschboden fast das ganze Jahr über –, und breitete seine Jacke darauf aus. Genau genommen war es die Jacke seines Bruders Hein, an ihn weitergereicht und von der Mutter an mehreren Stellen kunstvoll geflickt. Er legte sich auf den Rücken und verschränkte die Hände unterm Kopf.

Von der Straße drangen die Stimmen der beiden Frauen zu ihm, die die Erde im Beet um das Denkmal lockerten, vorsichtig, um die aufblühenden Krokusse nicht zu beschädigen. Paul fragte sich, wozu sie sich diese Mühe machten, denn es würde doch ohnehin niemand mehr diesem alten, verwitterten Marmorstein Aufmerksamkeit schenken. Der Krieg war lange her, fast fünfzig Jahre, und außerdem würde Ostern das neue Denkmal eingeweiht, für den neuen Krieg, in dem Pauls ältester Bruder, Johann, gedient hatte und auch sein Vater. Ein Foto von den beiden in Uniform stand auf dem breiten Büfett in der guten Stube, aufgenommen im Studio des Fotografen Jan Röper: der Vater, Heinrich, in einem niedrigen Lehnstuhl, Johann hinter ihm stehend, daneben der mittlere Bruder Hein und er selbst, Paul, in einem Matrosenanzug mit kurzen Hosen, neun Jahre alt.

Sie hatten Johann gebeten, bei der Einweihung des Denkmals eine Rede zu halten. Immerhin war er ein hochdekorierter Veteran und ein guter Redner obendrein, fast fertig mit seiner Ausbildung am Lehrerseminar. Aber Johann hatte abgelehnt und sich nicht umstimmen lassen, weder vom Pastor noch vom Vogt noch von Greta, ihrer Mutter. So leise Johanns Stimme auch geblieben war in seinem Widerstand gegen das Ansinnen, Paul hatte deutlich gesehen, wie das Blut gepocht hatte unter dem vernarbten Loch in seiner Stirn.

Paul verzog ein bisschen das Gesicht. Gleich nach Ostern würde er eine Tischlerlehre anfangen, beim alten Wriede hinterm Norderdeich. Johann hatte ihm die Stelle besorgt. Wriedes Geselle Paul Oelkers war vor ein paar Monaten nach Amerika ausgewandert, und Wriede konnte sich keinen neuen Gesellen leisten, nur einen Lehrling. Er würde sich die Sache zwar ansehen, Johann zum Gefallen, hatte Paul für sich beschlossen, aber wenn es ihm nicht gefiel … Er konnte jederzeit den Dampfer nach Hamburg nehmen. Dort lag im Hafen immer ein großes Schiff, auf dem er anheuern könnte, irgendwohin, Hauptsache, weit weg. Er konnte arbeiten; er war groß gewachsen, und obwohl er schmal war – »moger as sien Mudder«, sagte sein Vater immer –, war er kräftig und geschmeidig. Den Turnverein, das stimmte, den würde er vermissen. Aber das war auch so ziemlich das Einzige. In ein paar Wochen würde er fünfzehn Jahre alt, und er war fest entschlossen, die Insel und die Elbe so bald wie möglich hinter sich zu lassen.

Von der Nikolaikirche schlug es zwölf Uhr. Paul setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baum. In einer halben Stunde war die Schule aus, dann würde Sinelein wissen, wo sie ihn finden konnte. Womöglich hatte sie sein Verschwinden gar nicht bemerkt; sie saß, als de böbelste in der Klasse, immer am ersten Pult. Sinelein gehörte nicht zu der Sorte, die den Unterricht schwänzte, aber es lohnte sich allemal, unter einem Kirschbaum ein bisschen auf sie zu warten. Er fand einen abgebrochenen Ast am Boden, setzte sich zurecht und zog das Taschenmesser hervor, um für sie ein paar Knöpfe zu schnitzen.

Johann hatte ihm das Messer geschenkt, als er ins Lehrerseminar nach Uelzen zurückgekehrt war, nach seinem langen Aufenthalt im Hospital und in einem Genesungsheim. Paul hatte sich richtig erschrocken – ein so kostbares Geschenk hatte er noch nie bekommen.

»Ich werde Lehrer«, hatte Johann gesagt. »Ich will die Kinder nicht erstechen, sondern ihnen was beibringen.«

»Aber – aber willst du das Messer nicht lieber Hein geben?«, stotterte Paul. »Er ist schließlich älter als ich, und –«

»Das Messer ist für dich«, sagte Johann bestimmt. »Es kann ja unter uns bleiben.«

Nun, vielleicht würde er auch Johann ein bisschen vermissen, wenn er von Finkenwerder wegging. Das Messer jedenfalls liebte er, und er war im Umgang damit in den vergangenen zwei Jahren recht geschickt geworden.

 

Ein Schatten fiel über ihn; dann hielt ihm Sinelein von hinten die Augen zu. Er tat, als wäre er überrascht, und machte ihr Platz auf der Jacke, aber nur so viel, dass sie sich eng an ihn drängen musste, um nicht auf dem marschigen Boden zu sitzen zu kommen. Sie war so hübsch mit ihren dicken weißblonden Zöpfen. Und ihr Hintern hatte sich im Laufe des letzten Schuljahres gerundet, das hatte er wohl bemerkt.

Sie zog ihn am Ohr – sie machte sich immer über seine Segelohren lustig – und deutete auf die Kirschholzknöpfe. »Sind die für mich?«

Paul zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Eigentlich für meine Mutter.«

»Ach, du …« Wieder zog sie ihn am Ohr. »Dabei könnte Mama sie so gut gebrauchen.«

Sineleins Mutter schneiderte. Der Name ihres Vaters würde auf dem neuen Kriegerdenkmal stehen, auf der Seite des Monuments, die die Überschrift »Ypres« trug. Sinelein hatte Paul beigebracht, wie man es aussprach, Ühprrr, nur eine Silbe.

Paul tat, als denke er nach. »Also … macht sie denn was für dich? Ich glaub, an einer Bluse würden die Knöpfe –«

Er starrte auf die Knopfleiste des Kleides, das sie anhatte. Sie war immer besser angezogen als die anderen Mädchen, in dieser Sache verstand ihre Mutter keinen Spaß.

»Ich müsste nur mal sehen, ob sie passen … Durch die Knopflöcher, mein ich.«

Sie ohrfeigte ihn so leicht, wie sie konnte, darauf bedacht, seinen Blick nicht von ihrem Busen fortzulenken. »Paul Benitt, du bist ein Ferkel! Behalt deine dummen Knöpfe! Ick goh no Hus!« Aber sie machte keine Anstalten aufzustehen. »Freust du dich gar nicht auf Sonntag?«, fragte sie nach einer kleinen Weile stattdessen.

Paul grunzte. »Auf die Konfirmation? Ich kann mir was Besseres denken für einen Sonntag. Zum Turnen gehen. Oder mit dem Boot auf die Süderelbe raus, wenn das Wetter hält.«

»Aber das gute Essen, Paul?«, fragte sie. »Und die Geschenke?«

»Eine dumme Tasse!«, sagte er verächtlich, und es tat ihm sofort leid. Er sah die hohe Gedenktasse vor sich, mit Goldrand und mit seinen ineinander verschlungenen Initialen an der Seite: PSB, Paul Simon Benitt. Und dann würde er noch die Uhr seines Großvaters bekommen, die seine Mutter ihm versprochen hatte. Sie hatte ihm auch extrafeine maschinegesponnene Socken im Konfektionsgeschäft von Joost gekauft, am Steendiek.

Sineleins Gabentisch, das wusste er, würde nicht so üppig ausfallen, und eine feine Suppe mit einem Rindsknochen darin, wie seine Mutter sie schon am Freitag ansetzen würde, gab es bei der Schneiderin Pahl sicher auch nicht.

Sinelein lehnte sich an ihn. »Freust du dich wenigstens auf Musik?«

»Auf Musik schon«, lenkte er ein. Alle Konfirmierten gingen am Abend von Palmarum zum ersten Mal nach Musik, so war es immer gewesen. Die Mädchen trafen sich schon vorher, singend und untergehakt zogen sie in Zweierreihen in ihren neuen dunklen Kleidern den Deich entlang, bis sie in Richtung der Landscheide abbogen, auf Külpers Gaststätte zu, die einen großen Tanzboden hatte. Die Jungen trafen sich gleich bei Külper, zusammen mit den Älteren; Pauls mittlerer Bruder Hein und dessen dicker Freund Ludden Hennings standen dort immer gegen den Tresen gelehnt und führten das große Wort, angefeuert vom Kirschschnaps, den ihnen Peter Külper regelmäßig nachschenkte. Wie oft hatten Hein und Ludden ihm auf dem Weg von der Schule nach Hause aufgelauert und ihn verprügelt, einfach nur zum Spaß.

»Mutter hat mir den Rock extra weit gemacht«, sagte Sinelein und richtete sich auf.

»Ich tanz den ganzen Abend nur mit dir«, versicherte Paul. Sinelein würde die Hübscheste von allen sein, und zum Teufel mit Hein und dem dummen Ludden.

Sinelein ging erst eine Stunde später nach Hause, mit sechs perfekt gerundeten Kirschholzknöpfen in der Kleidertasche. Die alten Frauen hatten den Kies um das Denkmal sorgfältig in ein Schachbrettmuster geharkt. Sie eilte quer durch das Muster und trat gegen den Kies, dass er nach allen Seiten spritzte. Paul sah ihr nach. Sinelein, das musste er sich eingestehen, würde er auch ein bisschen vermissen.

 

II November 1923

Am Morgen des dritten Tages, nachdem die Hansa den Hamburger Hafen verlassen hatten, fühlte Paul sich sicher. Jedenfalls hoffte er, dass es Morgen war, in der stockdunklen Besenkammer, in der er sich befand, war das schwer zu sagen.

Er hatte mit angezogenen Knien auf dem Boden der Kammer gelegen, weil es nicht genug Raum gab, seine langen Beine auszustrecken. Schon fünfzehn oder zwanzig Minuten nachdem sie abgelegt hatten, war der Lärm der Maschinen unter ihm fast auf ein Schnurren zurückgegangen, und das Schiff hatte seine Fahrt verlangsamt. Paul wusste, sie mussten gerade das Lotsenhöft passieren, mit Finkenwerder zur Linken, Teufelsbrück auf der rechten Seite, von wo aus jetzt der Patentlotse über die Strickleiter an Bord kletterte. Die Elbe herab war es gemütlich gegangen, und erst nachdem sie die Elbmündung passiert hatten und der Lotse von Bord ging, nahm die Hansa richtig Fahrt auf, nur um dann wieder langsamer den Ärmelkanal zu durchqueren.

Jetzt rollte das Schiff gleichmäßig durch eine Dünung, wie sie sich Paul auf dem Atlantik vorstellte, mit Irland hinter ihnen. Er hatte so viel geschlafen, dass er sich nicht ganz sicher war, ob es Tag oder Nacht war, aber die goldene Taschenuhr seines Großvaters zeigte im schwachen Schein seiner rostigen Taschenlampe neun Uhr. Und dem Betrieb im Vorratsraum nach zu urteilen, der der Besenkammer vorgelagert war, liefen in der Schiffsküche die Vorbereitungen zum Mittagessen; es roch nach Suppe und Motoröl.

Nein, er konnte es in der winzigen Besenkammer wirklich nicht mehr aushalten, die Turnübungen am Regal waren nicht genug für seinen jungen, bewegungshungrigen Körper. Außerdem tat ihm der Kiefer weh und der Kopf von den starken Vibrationen aus dem Maschinenraum. Sein Freund Jakob Behrens, der ihn in Hamburg an Bord geschmuggelt und ihm das Versteck gezeigt hatte, hatte nicht übertrieben: Das Schiff zitterte geradezu. Er hatte genug davon. Er musste es wagen.

Im flackrigen Licht der Taschenlampe goss er den verbliebenen Rest Wasser aus der Feldflasche in seine hohle Hand und spritzte es sich ins Gesicht und in die Haare; mit dem Zeigefinger bürstete er sich notdürftig die Zähne und aß den letzten Apfel. Er hatte schon die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen, denn die Taschenlampe hatte sein Vater aus dem Krieg mitgebracht, die Feldflasche gehörte Johann. Beides hatte er zu Hause, vom Hof am Osterfelddeich, aus dem Werkzeugschuppen genommen. Auch den kleinen Koffer hatte er mitgehen lassen, den Johann benutzt hatte, solange er in Uelzen am Seminar war. Aber Johann unterrichtete mittlerweile seit fast drei Jahren in Finkenwerder und war wieder auf dem Hof der Eltern eingezogen. Seither hatte er den Koffer kein einziges Mal gebraucht.

Paul faltete die Wolldecken zusammen, die ihm Jakob aus einem Schlafraum der Dritte-Klasse-Passagiere besorgt hatte, auch die Zeitung, die er ihm zur Unterhaltung zugesteckt und die ihm als Tischtuch für seine frugalen Mahlzeiten gedient hatte: ein Dutzend Herbstprinz aus der letzten Ernte, ein Brot, ein Kanten Speck, ein paar Bündel dreut Fisch, getrocknete Schollen, mit Johanns Taschenmesser in Stremel geschnitten. Dass die Botschafter der Siegermächte die Militärkontrolle wieder verstärken wollten, dass dieser Clown, der in München zu putschen versucht hatte, in seinem Festungsgefängnis noch einmal vernommen worden war und dass niemand nach der Währungsreform Geld hatte – all das konnte ihm jetzt wirklich egal sein. Deshalb ging er ja weg aus Finkenwerder: um Arbeit zu finden, die es in Wriedes Tischlerei am Norderdeich nicht gab. Nein, die Nachrichten waren gerade interessant genug, daran das schmierige Messer abzuwischen.

Schließlich nahm er das frische Hemd aus dem Koffer, das er sich für diesen Moment aufgespart hatte, kämmte sein Haar glatt nach hinten, zog seine abgetragene Jacke an und fuhr mit der Hand noch einmal über deren Brusttasche, um sich zu vergewissern, dass die Postkarte noch darin steckte, vielleicht sein kostbarster Besitz. Alle drei oder vier Monate war in der Werkstatt vom alten Wriede eine Karte von Peter Oelkers angekommen, Wriedes Gesellen, der vor vier Jahren nach New York ausgewandert war.

»Fifth Avenue« stand auf der Karte, die einen riesigen Palast zeigte. »Das Haus hat 130 Zimmer«, schrieb Peter Oelkers. »Ein Kaiser könnte hier leben, aber es ist nur ein Kaufmann! Sein Urgroßvater war ein Fährmann. Ratet, wer noch in der Fifth Avenue wohnt? Haha!« Den letzten Satz hatte er ganz klein geschrieben, weil auf der Karte kein Platz mehr war, und dann, noch kleiner an die Seite gekritzelt, eine Adresse: P.  Oe., 123 5th Avenue, Brooklyn, New York. Nachdem die Karte ein paar Wochen lang an den Leimtöpfen im Regal der Tischlerei gelehnt hatte, hatte Paul sie heimlich in die Jackentasche gesteckt.

Niemand sah ihn, als er aus der Besenkammer in den Gang trat, der genauso schummrig dalag wie vor ein paar Tagen, als ihn Jakob an Bord geschmuggelt hatte.

Paul stieg die engen Treppen hinauf, versuchte sich zu erinnern, wohin sie führten, lief durch Gänge und kam an andere Treppen. Endlich fand er eine Tür, die sich zum Deck öffnete. Er stieß sie auf, stieg über die hohe Schwelle und zog gierig die frische, feuchtkalte Morgenluft ein. Es nieselte, und niemand war an Deck außer einem Matrosen, der eine lose Plane über einem Rettungsboot neu vertäute. Paul trat auf ihn zu und bat darum, zum Kapitän gebracht zu werden.

 

»Wenn ich meinen Herrn Sohn erwische!«, rief Kapitän Behrens und hieb zornig mit seiner Riesenpranke auf den Schreibtisch. »Der kann was erleben!«

Paul sah zu Boden. »Es ist nicht Jakobs Schuld«, murmelte er. »Er hat nur –«

»Blödsinn!«, rief Behrens. »Das habt ihr Jungens zusammen ausgeheckt, mach mir nichts vor. Ihr mit euren Segeltörns und eurer Turnerei … Ihr seid euch wohl sehr clever vorgekommen, was?«

Paul schwieg und wartete, dass der Sturm vorüberzog. Er befand sich im privaten Arbeitszimmer des Kapitäns, gleich hinter der Brücke. Dort stand er vor Behrens’ Schreibtisch, und der Kapitän lief rastlos die paar Schritte hin und her, die der Raum hinter dem Schreibtisch hergab. Fast ungläubig starrte Paul aus den Fenstern, die das Kapitänszimmer umgaben. Vor ihm, hinter ihm, zu beiden Seiten lag nichts als Grau – graues Wasser, grauer Himmel, grauer Nebel oder graue Wolken dazwischen.

Als Jakob ihn in Hamburg an Bord geschmuggelt hatte, hatte es ihm ebenfalls den Atem verschlagen bei dem Anblick, der sich ihm von den Decks der Hansa bot. Es war Hochwasser gewesen, und das Schiff überragte die Kais wie ein mehrstöckiges Haus. Im Norden hatte sich der Turm des Michels hoch über den Hafen gereckt, davor, weiter unten, die kleinere Gustaf-Adolf-Kirche, an der gerade die Hochbahn vorbeizockelte. Etwas weiter entfernt thronte das neue Tropeninstitut über dem reichlich protzigen Eingang zur Hochbahnstation, den Landungsbrücken und der Kuppel des Elbtunnels. Vor ihm, gen Westen, erstreckte sich die Elbe, und aus dieser erhöhten Perspektive war ihm der Fluss viel breiter, mächtiger erschienen als vom Bord des Dampfers, mit dem Jakob und er an jenem Morgen von Finkenwerder nach Hamburg gefahren waren.

Aber das hier – diese Weite, dieses Nichts … So etwas hatte er noch nie gesehen.

»Was soll ich denn jetzt mit dir machen?« Behrens riss ihn aus seinen Gedanken. Seine Stimme klang schon etwas milder. Paul sah wieder auf seine Hände. Ein Rest grüner Farbe klebte noch an seinem kleinen Finger. Er hatte einen Hochzeitsstuhl bemalt am letzten Tag in Wriedes Werkstatt. Hochzeitsstühle, das war fast alles, was sie machten, hier und da ein paar Fensterrahmen oder Regale, die sie einbauten. Die Leute kauften ihre Möbel nur noch vorgefertigt, »neemoodschen Schiet«, wie Wriede immer brummte. Seit ein paar Jahren kauften die Leute allerdings fast gar nichts mehr, wegen der Inflation. Und für die Hochzeitsstühle brachten die Bauern ihr eigenes Holz mit. Sogar Hennings, der Großbauer von der Wiet, war mit einem Stapel elend weichen Birnholzes aufgetaucht für die Stühle seines Sohns Ludden und dessen Braut, der kleinen mausigen Meta Barghusen von der Aue. Was der dicke Ludden mit der wohl wollte? Wahrscheinlich brauchte sein Vater eine neue Küchenhilfe und wollte den Lohn sparen. Paul kratzte mit dem Fingernagel verstohlen an dem grünen Farbklecks. Nein, in Finkenwerder hatte er nichts mehr verloren.

»Wir haben noch gut acht Tage vor uns«, fuhr Behrens gerade fort, »und du hast bestimmt keinen Pfennig auf der Naht, und du –«

»Ich kann arbeiten«, sagte Paul mutig. »Ich habe nach der Schule eine Tischlerlehre gemacht, bei Wriede, am Norderdeich, und –«

Es klopfte an der Tür, und ein kleiner, sehr korpulenter Mann streckte den Kopf herein. Er trug einen Abendanzug, obwohl es wirklich erst halb zehn am Vormittag war. Paul hatte sich nicht verkalkuliert: Die Uhr, die an die hölzerne Wandvertäfelung geschraubt war, hatte gerade dreimal geglast. Mit seiner Spiegelglatze sah der Mann aus wie ein runder Pinguin, dachte er.

»Wegen des Abendessens, Kapitän«, sagte der Mann. »Mrs. Luckwitz besteht darauf, zu Ihrer Rechten gesetzt zu werden.«

»Kommt nicht infrage!«, bollerte Behrens. »Ich habe Ihnen doch nach der letzten Reise klar gesagt, dass ich nie wieder neben dieser Ziege sitzen will. Und dann besteht sie auch noch darauf, nach dem Essen mit mir zu tanzen.«

»Kapitän, wir sollten aber doch bedenken –«, sagte der Pinguin. »Und wenn ich ein paar Eintänzer hätte …«

»Hören Sie endlich auf mit Ihren Eintänzern! Dies ist ein Passagierschiff, kein Vergnügungslokal!«, rief Behrens. »Genau genommen ist es ein trister, kaputter Überseedampfer für Auswanderer. Warum wir uns überhaupt noch mit diesen paar Kajütpassagieren abgeben, ist mir schleierhaft.«

Paul hatte das Gefühl, sie hätten ihn vergessen, aber jetzt machte der Pinguin einen Schritt auf ihn zu und musterte ihn.

Behrens fing den Blick auf. »Gestatten, dass ich vorstelle – blinder Passagier. Schulfreund meines verkommenen Sohnes. Und das hier«, er deutete auf den Pinguin, »ist Herr Volckmer, unser Chefsteward, dessen größte Sorge es ist, mit welcher Bankiersgattin aus New York oder Philadelphia ich mich beim Abendessen langweile.«

Wieder klopfte es. »Was ist denn jetzt schon wieder?«, brüllte Behrens, während ein hagerer Mann eintrat, der einen schlecht sitzenden Anzug anhatte und eine Brille trug. »Siemens, was gibt es?«

»Die Tür zu meinem Sprechzimmer schließt nicht richtig«, sagte der schmale Mann bitter. »Oder vielmehr die Tür zu der Abstellkammer, die mein Sprechzimmer vorstellen soll. Und auch wenn mir klar ist, dass wir hier an Bord allenfalls Erste Hilfe leisten und Notfälle betreuen können, so verlangt doch ein Minimum an Dekorum und Ethik, dass –«

Behrens verdrehte die Augen.

»Stellen Sie sich vor, Kapitän, es kommt doch einmal einer der Kajütpassagiere in meine Praxis«, fuhr der Mann fort.

Volckmer sah immer noch auf Paul. »Kannst du tanzen?«

Paul nickte verwirrt. In den letzten Jahren waren er und Sinelein bei Musik richtig gute Tänzer geworden – so gut, dass die anderen sich oft an die Seite gestellt und geklatscht hatten, wenn die beiden zur Polka über Külpers Tanzdiele preschten.

»Kapitän«, sagte der Chefsteward und deutete mit seinem Doppelkinn auf Paul. »Ich könnte ihn brauchen.«

»Das fehlte noch!«, rief Behrens. Doch dann überlegte er einen Moment. »Also meinetwegen. Aber vorher müssen wir ein Quartier für dich finden. Volckmer, machen Sie das.«

Paul fiel ein Stein vom Herzen; der Pinguin winkte ihm und wandte sich zum Gehen. An der Tür hielt er inne. »Da wäre noch etwas … Im Rauchsalon – der Barkeeper sagt, ein paar Passagiere hätten sich beschwert. Einige von den Tischchen wackeln, und –«

»Das Medikamentenschapp ist unbrauchbar«, mischte sich der Schiffsarzt wieder ein. »Es lässt sich nicht abschließen. Es ist wirklich unverantwortlich, Medikamente in einem Schrank aufzubewahren, der nicht … Und im Quarantäneraum …«

»Raus!«, brüllte Behrens. »Alle raus!« Dann sah er wieder auf Paul. »Ich glaube«, meinte er, »wir könnten dich tatsächlich brauchen. Tischler, was?«

 

Paul kehrte erst spätabends in die winzige Kajüte zurück, in der ihm Volckmer am Morgen die obere Koje angewiesen hatte. Ihm taten die Füße weh von den Lackschuhen, die ihm der Pinguin zum Tanzen gegeben hatte. Sie waren etwas zu klein und drückten. Erleichtert streifte er sie ab und kletterte auf sein schmales Bett hinauf. Auf der unteren Koje lag ein sorgfältig gefaltetes weißes Nachthemd, aber von dessen Besitzer war weit und breit keine Spur zu sehen.

Das schwache elektrische Licht wurde angeknipst; Paul fuhr erschrocken auf und stieß mit dem Kopf unsanft an die Decke.

»Scho widda so a Neigschmeggder!«, rief eine hohe, heisere Stimme entrüstet. Unter sich sah Paul einen kleinen alten Mann mit einer weißen Kochmütze, der eilig die paar Schritte neben der Koje hin- und herschlurfte, Pauls Koffer zur Seite räumte, seine Jacke auszog und an einen Haken hängte, umständlich sein Bett aufschlug. Als er die Kochmütze abnahm, kam darunter dichtes grau gelocktes Haar hervor, auf dem er ein kleines Käppchen befestigt hatte.

»Imma gemse mia diese junge Leud«, murmelte er. »Na ja, hilfd ja nix«, und er streckte seine Hand in Pauls Richtung aus. »Schmaj Liebreich. Koch der Armen.«

Paul begriff, dass das eine Begrüßung war, auch wenn er sonst kaum ein Wort verstand. »Paul«, sagte er. »Paul Benitt. Ich bin – Tischler hier an Bord.«

Einen Moment lang fühlte er Stolz; Tischler klang so viel besser als blinder Passagier. Dann fiel er todmüde auf seine Koje zurück. Und obwohl er seine langen Beine auch hier nicht richtig ausstrecken konnte und die Schiffsmaschinen die dünne Matratze fast ebenso stark vibrieren ließen wie den Boden der Besenkammer in den Nächten zuvor, war er im Nu wieder fest eingeschlafen.

Morgens früh fuhr Paul in den Overall, den der Vorarbeiter der Schiffswerkstatt ihm gegeben hatte, ein ungewohntes Kleidungsstück aus schwerem Baumwollstoff, aber praktisch, wie er bald herausfand. Die Hansa hatte wirklich bessere Tage gesehen, und es war seine Aufgabe, die Illusion des Luxusdampfers für die wenigen besser zahlenden Passagiere aufrechtzuerhalten. Er leimte lockere Stuhlbeine in die Polstersessel des Cafés in der ersten Klasse, schraubte die schief hängenden Wandlüster in der großen Durchgangshalle wieder fest, schmirgelte und lackierte splitterndes Furnier im Rauchsalon. Die Gemeinschaftsräume der oberen Decks waren halb leer, und auch in diesen breiteren Fluren waren die Teppiche, wo es welche gab, abgetreten. Das Schiff war nicht ausverkauft, obwohl Ballin in der Woche vor der Abfahrt, nach der Etablierung der Rentenmark, die Preise noch einmal drastisch gesenkt hatte. Es schien, dass niemand das Risiko eingehen wollte, Anfang Dezember in New York anzukommen. Zumindest nicht in der dritten Klasse – nicht wegen der Herbststürme, sondern wegen der Quoten. Dutzende von Schiffen bewegten sich in einem atlantischen Wettrennen gleichzeitig auf New York zu, bevor die Quoten erreicht waren und die Einwanderungsbehörde den Immigranten für das Jahr 1923 den Riegel vorschob. Gegen den scharfen Westwind ließ Behrens die Maschinen auf vollen Touren laufen.

In einer Halle hing eine gerahmte Urkunde an der getäfelten Wand, auf der ein großes Passagierschiff abgebildet war, auf hoher See, mit zwei Paaren von Schornsteinen und zwei hohen Masten vorn und achtern. »Der Besatzung der Deutschland in stolzer Anerkennung und zur Erinnerung an die Erringung des Blauen Bandes. Hamburg-Amerika Linie, Juli 1900. Alfred Ballin, Generaldirektor«, stand unter dem Bild.

»Dasselbe Schiff«, hatte sein Freund Jakob erklärt, als er Paul in Hamburg an Bord gebracht hatte. »So schnell fährt der alte Kahn heute nicht mehr. Sie haben ein paar Schornsteine runtergenommen, und die Maschinen sind unmöglich, wenn die aufdrehen, rutschen oben im Salon die Tassen vom Tisch, weil alles so zittert.«

Was Paul aus eigener Erfahrung nur bestätigen konnte. Er rieb sich den Unterkiefer, während er sich durch den Bauch des Schiffes zu Doktor Siemens’ winzigem Sprechzimmer vortastete. Dort verbrachte er, das musste er sich eingestehen, seine besten Stunden an Bord. So gern er auch tanzte und so sehr es ihm gefiel, dass ihm Kapitän Behrens und der Chefsteward anerkennend Beifall klatschten – er tanzte nicht so gern mit ältlichen, in Seide gehüllten Frauen, die sich näher an ihn schmiegten, als Sinelein es je getan hatte. Nein, seine besten Stunden verbrachte er mit dem verdrießlichen, hageren Schiffsarzt, der ihm genau zugesehen hatte, wie er das Türscharnier und das Schloss zur Schiffsapotheke in kurzer Zeit repariert hatte.

»Du hast geschickte Hände, was?«, sagte Doktor Siemens.

»Tischler«, murmelte Paul.

»Ich hätte – da gibt es noch –«, sagte der Arzt vage. »Komm morgen wieder.«

Paul kehrte daraufhin in das winzige Sprechzimmer des Arztes zurück, wann immer er dazu Gelegenheit hatte. Siemens ließ ihn die Erste-Hilfe-Kästen überall an Bord inspizieren – von denen nur ungefähr die Hälfte überhaupt existierte –, und obwohl die Hallen und Salons der Oberdecks leer wirkten, warteten bald jeden Tag etliche Passagiere im Flur auf die Sprechstunde, in abgetragenen ärmlichen Kleidern, mit Kindern an der Hand oder auf dem Arm. Paul würde sie in den Salons nicht zu sehen bekommen, erklärte Siemens, sie seien in den Schlafräumen der dritten Klasse untergebracht und hätten ihre eigenen Speiseräume. Aber Paul schienen diese Menschen die wahren Reisenden zu sein. Anders als die fülligen, parfümierten Matronen beim Tanztee bewegten sie sich auf ein Ziel zu, eine Zukunft. Wie er selbst. Er konnte es kaum erwarten, nach seinen Tischlerarbeiten in den kleinen Behandlungsraum zurückzukehren und dem Arzt zu helfen, ihnen die Überfahrt ein wenig zu erleichtern.

Gegen Seekrankheit hatten sie wenige Mittel. Aber Paul maß Fieber und Blutdruck und suchte kranke Kinder nach Pusteln von Masern, Röteln oder Windpocken ab. Er lernte, einen verstauchten Fuß korrekt zu verbinden und die Symptome einer Gehirnerschütterung zu erkennen. Ein älterer Mann erschien mit einem gebrochenen Handgelenk, später ein Junge mit blutigem Gesicht; beide waren in der zunehmenden Dünung des frühwinterlichen Atlantiks eine der engen Treppen hinuntergestürzt. Siemens wies Paul an, mit ein paar Stichen die Platzwunde am Kinn des Jungen zu nähen. Pauls Hand zitterte, aber er sah seine Mutter vor sich, ihre feinen Handarbeiten, die gestickten Kopfkissenbezüge und Tischdecken, die mit winzigen Stichen geflickten Hemden. Er dachte an die feinen Beitel und Eisen, die Feilen, Stählen und Hobel, mit denen er Rahmen und Schubladen zusammengefügt, Schranktüren und Stuhllehnen ziseliert hatte. Vorsichtig tasteten seine Finger über das Gesicht des Jungen, so wie sie in den vergangenen Jahren über das geschmirgelte Holz getastet hatten, an dem er arbeitete. Aber die Haut des Jungen, der ergeben die Augen geschlossen hatte, war glatter und wärmer als jedes Holz, weich und voller Leben. Er wischte mit einer Jodtinktur das Blut fort und setzte die feine Nadel an. Als er fertig war, schlug ihm das Herz bis zum Hals, und der Arzt nickte ihm anerkenn

Agnes Krup

Über Agnes Krup

Biografie

Agnes Krup ist seit dem Studium in Hamburg und Tübingen als Verlagslektorin, Agentin für Autoren und Literaturscout tätig. Geboren in Finkenwerder bei Hamburg lebt sie seit 1994 in New York. »Mit der Flut« ist ihr erster Roman.

Medien zu »Mit der Flut«

Pressestimmen

NDR

»Das NDR Buch des Monats Dezember.«

Lübecker Nachrichten

»Der Roman gibt spannende Einblicke in bewegte Zeiten und Schicksale. Und er regt dazu an, über eigene Ansprüche an das Leben nachzudenken.«

Hamburger Abendblatt

»›Mit der Flut‹ ist alles andere als ein süßlicher Hamburger Heimatroman. Die Romantik darin ist schwer angeschlagen. Die Wünsche und Hoffnungen der Figuren prallen auf eine oft unerbitterliche Realität. Und doch zeigt sich in diesem Familienpanorama im Breitwandformat die ewige Bewegung des Lebens, in der jeder die Chance hat, und seien die Umstände auch noch so widrig, die eigene Scholle zu verlassen (…).«

Brigitte "Bücher Spezial"

»Agnes Krup, (...) hat ihr Romandebüt ›Mit der Flut‹ nach der Geschichte ihres Großonkels geschrieben. Das macht dieses Buch besonders, man spürt das echte Leben, das die beschriebenen Orte und Protagonisten erfüllt hat.«

Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide

»Inspiriert vom bewegten Leben ihres Großonkels erzählt Agnes Krup eine bewegende norddeutsche Familiengeschichte.«

rtv

»Dramatisch.«

Emotion

»Agnes Krup hat die wahre Geschichte ihres Großonkels fein und farbig nachkoloriert.«

News - Das Magazin

»Ein fesselnder Familienroman, für den man etwas Zeit und Ruhe einplanen sollte.«

Kommentare zum Buch

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