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Miss MinotaurusMiss Minotaurus

Miss Minotaurus

und der Huf der Götter

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Miss Minotaurus — Inhalt

Selbst im modernen magischen Amerika ist man nicht gegen die guten alten Götter und ihre Spielchen gefeit. Dies müssen auch die Jugendlichen Helen und Troy erfahren, die von einem machthungrigen Burger-Gott zuerst verflucht und dann auch noch auf eine Odyssee geschickt werden - epische Zyklopenkämpfe, verzauberte Orte und mysteriöse Rätsel inklusive ... Verfolgt von einer Bande spießiger Ork-Biker cruisen Helen und Troy geradewegs ins Verderben. Denn was sie nicht umbringt, macht den dunklen Gott, der sie beauftragte, stärker. Und der hat nichts anderes als den Untergang Amerikas im Sinne ...

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzt von: Karen Gerwig
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28040-2
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzt von: Karen Gerwig
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96980-2

Leseprobe zu »Miss Minotaurus«

Kapitel eins

 

Dass es einer gewissen Ironie nicht entbehrte, wenn ein Minotaur in einem Burgerladen arbeitete, war Helen bewusst. Aber sie brauchte einen Sommerjob. Hätte sie sich angestrengt, hätte sie wahrscheinlich etwas Besseres finden können, doch es waren nur noch ein paar Monate, bis das College losging. Wozu also die Mühe?
Zum Glück war Mr. Whiteleaf da ziemlich cool. Er ließ sie keine Burger wenden und stellte sie auch nicht mit ­einer Reklametafel an den Straßenrand, wie sie befürchtet hatte. Normalerweise bediente sie die Kasse, und wenn [...]

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Kapitel eins

 

Dass es einer gewissen Ironie nicht entbehrte, wenn ein Minotaur in einem Burgerladen arbeitete, war Helen bewusst. Aber sie brauchte einen Sommerjob. Hätte sie sich angestrengt, hätte sie wahrscheinlich etwas Besseres finden können, doch es waren nur noch ein paar Monate, bis das College losging. Wozu also die Mühe?
Zum Glück war Mr. Whiteleaf da ziemlich cool. Er ließ sie keine Burger wenden und stellte sie auch nicht mit ­einer Reklametafel an den Straßenrand, wie sie befürchtet hatte. Normalerweise bediente sie die Kasse, und wenn manche Kunden sie seltsam ansahen, bevor sie ihre Bestellungen aufgaben, war das deren Problem, nicht ihres.
Reine Minotauren galten in der heutigen Zeit als selten. Als sie das letzte Mal recherchiert hatte, waren es ­dreizehn dokumentierte Fälle in den letzten hundert Jahren gewesen. Alle anderen waren männlich. Der Zauber oder Fluch oder wie auch immer man es nennen wollte, verfing bei Mädchen normalerweise nicht. Zumindest nicht komplett.
Der letzte weibliche reine Minotaurus – Gladys Hoffman, auch bekannt als »Minotaurus-Minnie« – hatte sich als »stärkste Frau der Welt« einen Namen gemacht und war mit P. T. Barnums fahrendem Museum, Menagerie, Karawane und Hippodrom durch die Welt gezogen. Gladys hatte das Beste aus ihren Umständen gemacht, aber das war 1880 gewesen. Heute sah die Welt anders aus, und Helen hatte weit mehr Möglichkeiten. Das wollte sie zumindest glauben.
Trotzdem war sie immer noch ein zwei Meter dreizehn großes Mädchen mit Hörnern und Hufen, Dutzenden von Fallstudien in verschiedenen medizinischen Fachzeitschriften und ihrer eigenen Wikipedia-Seite. Aber sie hatte gelernt, damit umzugehen.
Die Familie, die jetzt gerade vor ihr stand, blickte sie schon wieder so an. Viele Leute wussten nicht, was sie mit Helen anfangen, in welche Kategorie sie sie stecken sollten. Bürgerrechtsbewegungen hatten für die Orks, Ratlings, Oger und andere »Monster«-Rassen einige Fortschritte erzielt. Aber von Minotauren gab es einfach nicht so viele. Sie machten keine Proteste, keine Sit-ins, hatten keinen großen Moment in der Geschichte, in dem der Rest der Welt in ihnen etwas anderes sehen musste als Anomalien, übrig gebliebene Flüche aus früheren Tagen, die nur in ­wenigen Familien weitervererbt wurden.
Der Vater blinzelte sie an, als wäre sie eine Verräterin ihrer Rasse oder so etwas.
Sie aß nicht mal Fleisch. Nicht, dass ihn das irgendwas anginge.
Helen rieb ihr Armband. Das tat sie immer, wenn sie sich in ihrer Haut unwohl fühlte. Schmuck war bei der ­Arbeit nicht erlaubt, aber Mr. Whiteleaf machte eine Ausnahme, denn das Armband hatte ihr der Arzt wegen ihres Zustands verschrieben.
Das kleine Mädchen starrte sie an. Kinder konnten nicht anders.
»Bist du ein Monster?«, fragte es.
Helen lächelte. »Nein, Süße. Ich bin nur eine verzauberte Amerikanerin.«
Die Mutter zog das Mädchen weg. Helen wollte gerade sagen, dass es ihr nichts ausmache, Kinder nur neugierig seien und es ihr lieber sei, wenn die Leute sie direkt ansprachen, statt so zu tun, als bemerkten sie nichts.
»Tut mir leid«, sagte der Vater.
»Schon gut«, antwortete Helen. »Kinder eben, oder?«
Er bestellte. Sie kassierte, gab ihm sein Wechselgeld und seine Nummer.
»Wir rufen Sie, wenn die Bestellung fertig ist, Sir«, sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln. »Danke, dass Sie bei Magic Burger essen. Wir wünschen Ihnen einen magischen Tag.«
Helen lehnte sich an den Tresen, gestattete es sich aber nicht, sich hängen zu lassen. Die Kasse zu machen, war aus der Fast-Food-Perspektive der würdevollere Job, aber er brachte auch Verantwortung mit sich. Mr. Whiteleaf erwartete nicht viel. Sie musste nur aussehen, als wäre sie glücklich, hier zu sein. Oder wenn schon nicht glücklich, dann doch wenigstens nicht kurz davor, auszustempeln und nach Hause zu gehen.
»Helen.«
Erschrocken zuckte sie zusammen. Mr. Whiteleaf erschien manchmal wie ein Geist. Der kleine, blasse Elf war ein paar Jahrhunderte über seine besten Jahre hinaus. Das mittlere Alter war bei Elfen nicht hübsch anzusehen, denn sie wurden in sehr kurzer Zeit von großen, majestätischen Gestalten zu kleinen, kugelbäuchigen Wesen mit Hornhautverkrümmung. Und dann mussten sie noch sechs oder sieben Jahrhunderte als krumme alte Männer auf ­dieser Erde herumwandeln, während ihnen grüne Haarbüschel aus den hängenden Ohren wuchsen. Aber Mr. Whiteleaf war ein guter Chef.
Wenn er sich nur nicht immer so an sie anschleichen würde.
Sie bog den Hals, um zu ihm hinabzuschauen. Da sie sehr groß war und er sehr klein, reichte er ihr nicht mal bis zur Brust.
»Hallo, Sir«, sagte sie.
Er rückte seine Brille zurecht. »Zeit für den Feierabend.«
Sie warf einen übertriebenen Blick zu der Uhr an der Wand, als hätte sie sie eben erst bemerkt und nicht schon die Minuten gezählt. »Ja, Sir.«
Whiteleaf sagte: »Ich will dir wirklich keine Umstände machen, Helen, aber würde es dir etwas ausmachen, heute länger zu bleiben? Ich brauche noch Hilfe, um den Laden mal gründlich zu putzen. Es gibt Gerüchte, dass morgen eine überraschende Gesundheitsinspektion stattfinden soll. Ist doch kein Problem, oder?«
»Nein«, erwiderte sie.
»Hervorragend. Dann sehen wir uns gegen halb elf?«
»Klar doch, Mr. Whiteleaf.«
Durch die plötzliche Verpflichtung hatte sie jetzt anderthalb Stunden nichts zu tun. Es war gerade lange genug, um lästig zu werden, aber nicht so lange, dass es sich lohnte, nach Hause zu gehen, die Arbeitsklamotten auszuziehen, ein bisschen zu faulenzen und dann wiederzukommen. Sie schnappte sich einen abgelaufenen Salat (die waren umsonst) und ging in den Pausenraum.
Troy saß dort. Sie mochte ihn. Er war lässig, klug, gut aussehend und hatte einen tollen Körper. Damit hätte er eigentlich nervig sein müssen, aber in einer Welt, in der die meisten Leute mit Troys Gaben diese als Freibrief für Arroganz genutzt hätten, schien er zu wissen, wie gut er es hatte. So war er immer fröhlich, freundlich und hilfsbereit. Jederzeit nett zu allen. Er war zu gut, um wahr zu sein, aber unter den Milliarden von Leuten da draußen musste es ja einen oder zwei perfekte geben.
Lächelnd nickte er ihr zu.
Sie nickte zurück. Dabei überlegte sie, wie viele Mädchen wohl für eine solche Chance töten würden. Allein mit ihm. Er mit einem großen E, aber nicht auf blasphemische Art. Obwohl man von Halbgöttern in seinem Familienstammbaum munkelte.
In Gegenwart von Jungen war Helen nie nervös. Einer der Vorteile ihres Zustandes war, dass sie von Anfang an wusste, wo sie stand. Sie betrachtete ihre Figur gerne als kurvenreich. Wie Marilyn Monroe. Nur dass die Herren Blondinen bevorzugten, nicht braunes Fell mit weißen Flecken. Bisher hatte sie auch noch keine High Heels gefunden, in die ihre Hufe gepasst hätten. Troy war groß und hatte breite Schultern. Sie war größer, und ihre Schultern waren ein kleines bisschen breiter. Und dann war da noch die Sache mit dem Kuhkopf.
Kurz gesagt, sie verkniff sich Schmetterlinge im Bauch, weil sie wusste, dass sie absolut keine Chance bei Troy hatte – selbst wenn er nicht von vornherein so selten Single gewesen wäre.
»Hey, hat Mr. Whiteleaf dich auch gebeten, länger zu ­arbeiten?«, fragte sie.
Troy sah von seinem Buch auf. »Hat nichts gesagt. ­Warum? Braucht er Hilfe?«
Sie setzte sich, öffnete den Salatbecher aus Plastik und rammte ihre Plastikgabel mit wenig Erfolg in den welken Salat. Damit es einigermaßen funktionierte, hätte die Gabel schärfer oder der Salat knackiger sein müssen.
»Wohl nicht«, sagte sie.
»Scheibenkleister.« (Er fluchte auch nicht.) »Und ich hätte das Geld wirklich brauchen können.«
»Seit wann brauchst du Geld?«, fragte sie. »Ich dachte, deine Eltern sind reich.«
»Ich spare für ein Auto. Mein Dad will mir keins kaufen, weil er findet, ich sollte lernen, Verantwortung zu ­tragen.«
»Arbeitest du nicht als Freiwilliger im Obdachlosenheim? Und im Altenzentrum? Und im Tierheim? Und warst du nicht Abschiedsredner und Abschlussballkönig?«
»Dad findet, ich könnte es noch besser machen.«
»Tja, wenn dein Dad das sagt, wie könnte ich dann widersprechen? Ich sehe, du bist ein junger Mann, der dringend Charakterformung nötig hat.« Sie schob sich ein paar Salatblätter in den Mund und warf eine Kirschtomate hinterher. »Was lieste da?«
»T. S. Elliot«, sagte er.
Dass er Gedichte las, war für Helen beinahe skurril. Es war, als versuchte er, spontan auf eine höhere Ebene des perfekten Jungsdaseins aufzusteigen, in eine geheime Dimension einzudringen, geboren aus der philosophischen Vereinigung von Aristoteles und Bravo-Redakteuren.
Er fing ihr Lächeln auf.
»Was? Magst du ihn nicht?«
»Hab ihn nicht gelesen«, erwiderte sie.
»Du hast ihn nicht gelesen? Einer der hervorstechenden Poeten des zwanzigsten Jahrhunderts, und du hast ihn nicht gelesen?«
»Das ist aber nicht der Typ, der alles kleinschreibt, oder?«
»Das ist E. E. Cummings.«
»Mein Fehler.«
Er schob das Buch über den Tisch. »Soll ich es dir leihen?«
Sie schob es zurück. »Nein, danke.«
Er tat überrascht.
»Ich mag keine Gedichte«, sagte sie. »Ich weiß, ich sollte, weil ich ein Mädchen bin und so. Ich hab’s auch versucht. Ehrlich. Aber abgesehen von Dr. Seuss ist das nicht so mein Ding.«
»Ich fand den Lorax immer ein bisschen moralisierend.«
»›Brenn die Erde nicht nieder‹ fand ich als Ratschlag ­eigentlich immer eher einleuchtend als moralisierend«, antwortete sie.
Troy kicherte. »Tja, ich würde ja zu gern noch bleiben und über die metaphorischen Implikationen von Der Grinch mit dir plaudern, aber ich hab noch was vor.«
»Blut spenden, Kätzchen retten, vor scharenweise anbetenden jungen Damen davonlaufen«, sagte Helen.
»Ich möchte dich darauf hinweisen, dass ich Kätzchen nur am Wochenende rette. Wir sehen uns, Hel.«
Federnden Schrittes verließ er den Raum, ein Adonis in Jeans. Sie war froh, dass sie nicht fünftausend Jahre früher geboren war, wo sie sich, statt Freunde zu werden, vermutlich in einer Arena auf Leben und Tod hätten bekämpfen müssen.
Sie versuchte den Gedichtband zu lesen, aber es gab ihr nichts. Sie versteckte sich im Pausenraum und sah in den winzigen Fernseher, weil sie nicht beim Abschließen helfen wollte. Whiteleaf würde sie holen, wenn es Zeit zum Putzen war. Das dachte sie zumindest, aber um Viertel nach elf war immer noch alles ruhig.
Helen streckte den Kopf in die Küche. Die Lichter brannten, doch der ganze Rest war ausgeschaltet. Keine Spur von den anderen Mitarbeitern. Ihre Hufe klapperten auf den Fliesen. Weil es im Magic Burger so still war, kam ihr das besonders laut vor. Die Stille war unheimlich.
Die Tische und Stühle im Gastraum, die nicht am Boden festgeschraubt waren, hatte man zur Seite geschoben, und an ihrer Stelle standen nun Kisten mit gefrorenen Hamburger-Patties.
Hinter ihr ergriff Whiteleaf das Wort. »Hallo Helen.«
»Oh, hi Sir. Ist das normal, dass die Burger so hier draußen liegen?«
Er lächelte und rückte seine Brille zurecht. »Ist schon in Ordnung.«
»Machen wir die Kühltruhe sauber?«, fragte sie.
Er hob einen kleinen Zauberstab mit einem blauen Steinbrocken am Ende hoch. »Geh da rüber!«
»Zum Fleisch?«
Whiteleaf runzelte die Stirn. »Verdammt, das Ding ist wohl allmählich abgenutzt. Gerade mal zweihundert Jahre alt, aber sobald die Garantie abgelaufen ist …« Er schüttelte den Zauberstab, bis ein winziges Glühen in dem Stein aufleuchtete.
»Geht es Ihnen gut, Mr. Whiteleaf?«
»Schau auf den Zauberstab!«, sagte er. »Fühle, wie seine Macht über deine Gedanken kommt, deinen Willen betäubt, dich all deines Widerstands beraubt!«
Hellen machte einen Schritt rückwärts. »Das wird jetzt irgendwie komisch. Ich glaube, ich sollte lieber gehen.«
Er warf den Zauberstab beiseite. »Na gut. Dann machen wir es eben auf die weniger subtile Art.« Er griff unter die Theke und zog ein Schwert heraus. Sie verstand nichts von Waffen, aber es sah wie ein aufwendig gearbeitetes Breitschwert mit in die Klinge eingravierten Runen aus. Es glühte nicht, schimmerte aber irgendwie.
Angst bekam sie nicht. Ein Vorteil davon, größer und stärker als fast alle anderen zu sein war, dass sie ein gewisses Vertrauen in ihre Fähigkeit entwickelt hatte, mit körperlicher Gewalt umzugehen. Doch gerade, weil sie größer und stärker als alle anderen war, war sie nie in einen Kampf geraten. Falls wirklich mal jemand sie angriff, würde sie vermutlich erstarren. Sie war nicht resistent gegen Schwerter. Und die Klinge konnte in den richtigen Händen einigen Schaden anrichten. Aber Whiteleaf war ein gebrech­liches kleines Wesen, das die Waffe kaum zu halten vermochte. Er brachte es jedenfalls nicht fertig, sie über ihr Knie zu heben, was bedeutete, dass er ihr vielleicht die Schienbeine einkerben konnte, was vermutlich schmerzhaft, aber nicht sonderlich lebensbedrohlich werden würde.
»Tut mir sehr leid, Helen.« Seine Arme zitterten, und er klang jetzt schon erschöpft. »Aber wenn sich der Verlorene Gott in dieser Welt manifestiert, muss er eine Opfergabe bekommen. Bevorzugt eine von Natur aus magische Jungfrau. Und du bist die Einzige, die ich finden konnte, die …«
»Wie kommen Sie darauf, dass ich Jungfrau bin?«, fragte sie.
Whiteleaf ließ das Schwert sinken. Die Spitze kratzte eine Scharte in den Fliesenboden.
»Oh, verdammt. Warte. Du bist gar keine Jungfrau?«
»Das hab ich nicht gesagt. Ich habe nur gefragt, wie Sie darauf kommen, ich wäre eine.«
»Es … ich glaube, ich … bin einfach davon ausgegangen, dass du eine bist.«
»Warum gehen Sie davon aus?«
Er kaute kurz auf seiner Unterlippe. »Na ja, du bist eine sehr verantwortungsvolle junge Dame. Das ist eine der ­Eigenschaften, die ich an dir schätze.«
Sie funkelte ihn böse an. »Es liegt an meinem Aussehen, nicht wahr?«
Whiteleaf schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Du bist eine ausgesprochen attraktive junge Dame. Ehrlich!«
Sie bewegte sich auf ihn zu. Er hob das Schwert ein paar Zentimeter vom Boden.
»Das habe ich nicht nötig«, sagte sie. »Ich kündige.«
»Du kannst nicht kündigen«, erwiderte er. »Ich brauche dich. Für das Opfer.«
Sie nahm ihr Namensschild ab und legte es auf den Tresen. »Ich habe noch nie jemanden aufgespießt, Mr. Whiteleaf. Aber in Ihrem Fall denke ich darüber nach.«
Die Lampen des Magic Burger flackerten, und ein tiefer, gutturaler Schrei hallte in der Mitte des Raums wider. Der Duft von brutzelndem Fleisch erfüllte das Restaurant, als die Kisten mit Hamburger-Patties in Flammen aufgingen. Das Hackfleisch fiel zu einem Berg von braunrosa Kuhfleisch zusammen und formte einen riesigen zähneknirschenden Mund.
»Endlich, endlich!«, rief Whiteleaf. »Er ist zu uns zurückgekehrt!«
Helen musterte die unförmige Fleischgottheit.
»Sie verehren einen Hamburger-Gott?«
Whiteleaf seufzte. »Er ist kein Hamburger-Gott. Er ist ein Gott, der sich momentan in einem Avatar manifestiert, der aus praktischen Gründen zufälligerweise aus Hamburger-Fleisch besteht. So, wir haben nicht viel Zeit. Deshalb musst du dich selbst in seinen Schlund werfen. Ich versichere dir, es wird schnell und ziemlich schmerzfrei vor sich gehen.«
»Nein.«
»Du hast leider keine Wahl, Helen.« Er kam auf sie zu. »In meiner Jugend war ich ein nicht zu unterschätzender Krieger.«
Sie benutzte eine Hand, um ihn niederzudrücken. Er fiel auf den Hintern. Sein Schwert klapperte auf den Boden. Das Geräusch zog die Aufmerksamkeit des Hamburger-Gottes auf sich. Er bewegte sich mit den unsicheren Schritten seiner krummen Gliedmaßen in ihre Richtung.
Helen bereute sofort, den alten Elf niedergeschlagen zu haben. Er hatte vor, sie zu opfern, und das war eine echt miese Aktion. Aber er war harmlos, und sie hätte besser damit umgehen können.
Mühsam rappelte er sich auf. Seine Knie sahen nicht gut aus, es war ein quälender Anblick. »Bitte, du musst es tun. Wenn der Gott sein Opfer nicht bekommt, kann er sich auch nicht sammeln und wird mir nie den geheimen Befehl geben. Ich habe zu lange gewartet, um diese Gelegenheit jetzt verstreichen zu lassen.«
»Tut mir leid, Mr. Whiteleaf. Ich werde mich nicht für den Mindestlohn von einem Monster fressen lassen.«
Sie wollte ihm aufhelfen. Er stach mit einem Metzgermesser nach ihr, das er hinter dem Rücken versteckt hatte. Die Klinge schnitt ihr über den Unterarm. Der Schnitt war zwar nur oberflächlich, weckte aber eine Wut in ihr. Vielleicht war es die Wunde. Oder vielleicht auch etwas, das tief in ihrer Minotauren-Identität verborgen lag, das kollektive Gedächtnis der unsäglichen Angst und des Leids von Milliarden von Rindern.
Sie packte ihn am Kragen und hob ihn in die Luft.
»Lass. Das. Messer. Fallen.«
Er gehorchte. Klappernd fiel es neben dem Breitschwert auf den Boden.
»Du verrückter alter Mann«, sagte sie. »Es würde dir recht geschehen, wenn ich dich deinem eigenen Hamburger-Gott opferte.«
Er zitterte. Seine Füße baumelten schlaff. »Aber es ist nichts Persönliches! Nur eben, mein Gott erscheint bloß alle dreihundert Jahre, und das ist sehr wichtig für mich.«
Der Verlorene Gott schlurfte langsam im Gastraum herum. Wenn dieses blinde und unbeholfene Ding etwas über die Götter aus alten Tagen aussagte – kein Wunder, dass sie überwiegend vergessen waren. Er knabberte eine Tischkante an.
Die Glastür schwang auf, und Troy kam herein. Er brauchte nur einen Blick, um zu sehen, dass etwas nicht stimmte.
»Hel?«
Sie hatte noch nicht herausgefunden, wie der Gott die Welt wahrnahm, aber da war etwas an Troy, das seine Aufmerksamkeit weckte. Der Fleischberg bewegte sich mit matschigen Geräuschen in seine Richtung.
»Troy, verschwinde von hier!«, sagte Helen.
Doch es war zu spät. Der Gott öffnete den Mund, und heraus schoss eine Zunge aus demselben Fleisch. Sie wickelte sich um Troys Bein und zog ihn auf die Kiefer zu. Mit einem gellenden Schrei klammerte er sich an einen am Boden verschraubten Tisch.
Sie dachte nicht nach. Dafür war keine Zeit. Ganz sicher hatte sie dieses Szenario nie in Gedanken durchgespielt. Aber aus einem Instinkt heraus ließ sie Whiteleaf fallen und packte das Schwert. Ein Sprung und ein Schlag hackten den Zungententakel durch. Der Gott kreischte und wich zurück.
Das Fleisch, das sich um Troys Bein gewickelt hatte, zuckte und peitschte. Sie zogen daran, und schließlich brach das fettige Fleisch in ihren Händen auseinander. Doch es bewegte sich weiter und kroch wie lebendiger Rotz an ihren Armen hinauf.
Der Gott griff an. Helen trieb das Schwert tief in den klumpigen Körper des Monsters. Die Klinge blitzte auf, und das Ding wich zurück. Es spritzte, warf Blasen, quietschte und schwankte ziellos durch die Gegend, bis es mitten im Raum zu einem rauchenden Haufen zusammenfiel.
»Was zum Henker war das?«, fragte Troy.
»Ein Gott aus alten Tagen«, antwortete sie. »Aber ich glaube, jetzt ist er tot.«
Whiteleaf rannte zu den körperlichen Überresten seines geknickten Gottes hinüber. »Was hast du getan? Du hast ihn vernichtet! Jetzt muss ich noch einmal dreihundert Jahre warten! Hast du eine Ahnung, wie ärgerlich das ist?« Er steckte die Hände in das Hackfleisch, zog sie wieder ­heraus und starrte finster auf das ranzige Fleisch. »Ihr seid gefeuert. Beide.«
»Ich habe schon gekündigt«, sagte Helen.
Troy zog ein paar Servietten aus dem Spender und wischte sich das Hackfleisch von den Händen. »Was zum Geier ist hier los?«
»Ich erklär es dir später. Aber wir sollten wohl die Polizei rufen oder so. Ich bin mir sicher, es ist illegal, Angestellte zu opfern.«
Whiteleaf schrie auf, als sein doch nicht ganz toter Gott knurrte. Er saugte seine Arme ein und verschluckte seinen Oberkörper. Whiteleafs kurze Beine zappelten, während er in die Masse gezogen wurde. Ob sie versucht hätte, ihn zu retten, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, war unwesentlich, denn sein Gott verschlang ihn innerhalb von Sekunden – und am Stück. Er zappelte in dem fleischigen Ding. Ab und zu durchbrach eine Gliedmaße die Ober­fläche, nur um wieder hineingezogen zu werden. Einmal erschien sein Gesicht. Die halbe Haut war weggefressen, und seine Schreie wurden von dem Hackfleisch in seinem Mund gedämpft, bevor es wieder im Inneren verschwand.
»Schnell und schmerzlos, von wegen!«, sagte Helen.
»Ich glaube, mir wird schlecht«, sagte Troy.
Dem Verlorenen Gott spross ein Schädel. Höchstwahrscheinlich Mr. Whiteleafs Schädel. Obwohl das Fleisch abgenagt war, hatte er noch Augen. Diese Augen richtete er auf Helen und Troy, während sich seine Kiefer teilten.
»Ah, das war genau das Richtige. Es geht doch nichts über ein kleines rituelles Opfer, um die Säfte wieder fließen zu lassen. Euer Gott ist erfreut.«
»Das ist leider ein Missverständnis«, sagte Helen. »Wir sind nicht deine Jünger.«
Der Gott sah sich im Raum um. »Tja, ihr seid hier die Einzigen. Jemand hat mich doch gerufen, oder?«
»Ja, Sir. Jemand.«
»Wo ist dieser Sterbliche, damit ich ihn für seine Treue belohnen kann?«
Sie zögerte mit der Antwort. Wenn dieser Gott von der rachsüchtigen Sorte war, würde er die Nachricht vielleicht nicht allzu gut aufnehmen.
Donner grollte, während er ungeduldig auf ihre Antwort wartete.
Sie sagte: »Du … na ja … du hast ihn irgendwie … ge­fressen.«
Der Gott krümmte seinen Fleischberg. »Ach, verdammt. Das ist peinlich. Wenn ich Wangen hätte, würden sie jetzt erröten.« Er blickte sich wieder um. »Also seid ihr hier die Einzigen?«
»Ja, Sir«, sagte Helen.
»Und keiner von euch verehrt mich?«
»Nein, Sir«, antwortete sie.
Ein Schauder ging durch das Fleisch des Gottes. »Kaum wird man mal ein paar tausend Jahre verbannt, schon geht die ganze Sache den Bach runter! Verdammte Götter und ihre kleinkarierten Fehden!«
»Die Verwechslung tut uns schrecklich leid«, sagte Troy, während sie sich langsam in Richtung Tür schoben, »aber wir müssen dringend weg …«
»Kein Grund, sich zu entschuldigen. Ist nicht eure Schuld. Aber ihr könnt mir trotzdem helfen. Zwei starke, junge sterbliche Exemplare.«
Der Gott richtete den Blick auf sie, und sie erstarrten unter seiner übernatürlichen Macht.
»Ihr seid besser als nichts.«

Über A. Lee Martinez

Biografie

A. Lee Martinez wurde mit seinen fantastischen Romanen zum Star der humorvollen Fantasy. Er lebt in Dallas, Texas, wo er schreibt, jongliert, Videospiele spielt und Zeitreisen unternimmt. Vielleicht ist er ein Geheimzauberer (das wäre allerdings geheim), und es könnte sein, dass er Gartenarbeit...

Pressestimmen

Ruhr Nachrichten

»Martinez schafft es auch in seinem zehnten Roman wieder, vom ersten Satz an zu begeistern. Humorvoll geschrieben zieht das Schicksal der sympathischen Hauptfiguren den Leser in seinen Bann«

testmania.de

»Die bildhafte Sprache beflügelt die eigene Vorstellungskraft und lässt die Figuren lebendig werden. (...) Das perfekte Buch, um dem Alltag zu entfliehen und den gewissen Humor für die eigenen Grenzen zu entdecken.«

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