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Miss Jemimas Journal

Miss Jemimas Journal

Mit Thomas Cook auf der ersten Reise in die Schweizer Alpen

Taschenbuch
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Miss Jemimas Journal — Inhalt

»Dieses Journal hat einen beträchtlichen historischen Wert, und es ist unabhängig davon geistreich und amüsant.« Süddeutsche Zeitung

Eine viktorianische Reisegruppe: Im Sommer 1863 starten im englischen Yorkshire vier junge Männer und vier junge Frauen zur ersten geführten Tour durch die Schweizer Alpen – begleitet von keinem Geringeren als Thomas Cook. Mit Dampfschiff und Eisenbahn gelangen die ungleichen Mitglieder des »Junior United Alpine Club« in die westlichen Alpen, wo sie mit Maultieren, Postkutschen und zu Fuß von Chamonix übers Wallis bis ins Berner Oberland vordringen. Die 31-jährige Miss Jemima Morrell hat darüber mit spitzer Feder und feinstem englischen Humor ein Tagebuch geschrieben. Jahrzehnte verschollen, liegt der vergnügliche Bericht nun auf Deutsch vor.

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 10.08.2015
Übersetzer: Heike Steffen
160 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-40571-3

Leseprobe zu »Miss Jemimas Journal«

Vorwort

Gipfel, Pässe und Gletscher, Führer und Maultiere und eine junge Dame, die alles aufschrieb – eine Spurensuche in der Schweiz

– Von Andreas Lesti

 

Es war ein Sonntag im Mai, als ich mich in der Schweiz auf die Spurensuche nach Miss Jemima Morrell machte. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass es bald Sommer würde in den Alpen – es sollte anders kommen. Unwirtlicher, kälter, abenteuerlicher … aber davon später mehr.

Am Anfang dieser Reise stand ein Dokument: »Miss Jemimas Journal«, das nun endlich auf Deutsch erscheint, flatterte eines [...]

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Vorwort

Gipfel, Pässe und Gletscher, Führer und Maultiere und eine junge Dame, die alles aufschrieb – eine Spurensuche in der Schweiz

– Von Andreas Lesti

 

Es war ein Sonntag im Mai, als ich mich in der Schweiz auf die Spurensuche nach Miss Jemima Morrell machte. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass es bald Sommer würde in den Alpen – es sollte anders kommen. Unwirtlicher, kälter, abenteuerlicher … aber davon später mehr.

Am Anfang dieser Reise stand ein Dokument: »Miss Jemimas Journal«, das nun endlich auf Deutsch erscheint, flatterte eines Nachmittags als angehängte Datei mit einer E-Mail in mein Schreibzimmer. Paul Smith, der Archivar des Reiseunternehmens Thomas Cook, hatte es mir auf meine Anfrage hin, ob er Informationen zur ersten Thomas-Cook-Reise durch die Schweiz habe, zugeschickt. Ich klickte auf die Datei, und meine Überraschung und Faszination waren mindestens so groß wie später jene über den Sommerschnee auf dem Gemmipass. Miss Jemima zog mich mit ihrem Stil, ihrem Humor, ihrer Schärfe und ihrer Ironie innerhalb von Minuten in ihren Bann. Schon allein die Gepäckfrage – zweifellos vor jeder großen Reise eine sehr wichtige Frage – machte mir klar, dass dieses »Journal« ein ganz besonderes Schriftstück über die Alpen ist: Monsieur und Madame Angeville und Mrs Winkworth mögen den Montblanc und die Jungfrau bezwungen haben, die Damen Misses Jemima, Sarah, Eliza und Mary jedoch haben die weltumspannend wichtige Gepäckfrage gelöst und beanspruchen für sich, mit weniger Bagage in die Alpen gereist zu sein als je ein Tourist zuvor (und die Hotelportiers schmeichelten ihnen unwissentlich mit der süßen Frage: »Wo sind Ihre Schachteln?«).

Ich schrieb damals gerade am vierten Kapitel meines Buches Oben ist besser als unten und beschäftigte mich mit den Anfängen des Tourismus in den Alpen. Nachdem Landschaftsmaler und Schriftsteller, Vermesser und Bergsteiger die Berge für sich entdeckt hatten, kam langsam auch ein touristisches Interesse auf, diese viel beschriebene Landschaft mit ihren Gipfeln und Gletschern zu besichtigen. Erst kamen sie auf eigene Faust, bis dann, von Ende Juni bis Mitte Juli 1863, die ersten Pauschaltouristen durch die Alpen reisten. Noch hatte keiner Notiz davon genommen, dass diese eigentümliche Reisegruppe die Zukunft der Schweiz bestimmen würde.

Aber vielleicht noch ein paar Worte zu Thomas Cook: Er war ein Pfarrerssohn aus Leicester und hat schon in den 1840er-Jahren organisierte Reisen nach Schottland, London und Dublin angeboten. Das neue Geschäft lief so gut, dass er 1855 auch Touren auf dem Kontinent organisierte. Aber die Schweiz, das war eine ganz neue Herausforderung: Es gab noch keine Bergbahnen, das Transportwesen ließ zu wünschen übrig, und die Sprache der Einheimischen mochte in den Ohren britischer Bildungsbürger geklungen haben wie das Röhren eines Steinbocks. Man reiste in der Postkutsche, und immer wenn es irgendwo den Berg hinaufging (was in der Schweiz sehr häufig der Fall ist), mussten Träger und Führer angeheuert werden. Kurzum: Eine Schweizreise war damals ein sehr exotisches Abenteuer. Die Cook-Gruppe war am 26. Juni 1863 in London gestartet. Die Teilnehmer der »First Conducted Tour of Switzerland« hatten »Switzerland with cheaptickets to Mont Blanc« gebucht und waren über Paris nach Genf und Chamonix am Montblanc gereist (das ist zwar in den französischen Alpen, aber da wurde damals nicht groß differenziert). Von dort ging es ins Rhônetal, nach Sion und Leukerbad, über die Gemmi nach Interlaken, dann über den Brünigpass und schließlich nach Luzern, von wo aus man sich aufmachte, die Rigi zu besteigen, um auf dem Gipfel den Sonnenauf- oder auch -untergang zu bewundern. Nach drei Wochen brachte die Bahn die Reisenden über Paris zurück nach London. Und dass wir heute so genau wissen, wie sie gereist sind und was sie damals alles erlebt haben, verdanken wir jener jungen und tollkühnen Engländerin: Miss Jemima Morrell. Im Gegensatz zu Thomas Cook, der die Gruppe nach einer Woche verließ, weil seine Geschäfte ihn in London verlangten, hat diese junge britische Dame die ganze Reise von Anfang bis Ende mitgemacht und alles ebenso genau wie bissig notiert. Gleich eingangs vermerkte sie: Die Gefahren der Alpentouristik lassen sich in zwei Kategorien unterteilen, die realen und die imaginierten, und im Rückblick sollte sich erweisen, dass die unseren allesamt zu Letzteren zählten.

Die ersten hohen Berge bewundert sie in Chamonix, am Montblanc, an dessen Flanken die Gletscher bis ins Tal fließen; sie staunt über die Nadelspitzen des Dôme du Goûter, die wie Palisaden vor den Walliser Alpen stehen. Und um ihre Gedanken und Bilder zu relativieren, zitiert sie Ruskin, Wordsworth und Dante, ist aber zugleich tollkühn genug, um 27 Kilometer über den Col de Balme von Chamonix nach Martigny zu laufen. In Martigny verabschiedet sich Mr Cook, und nun fängt die Reise der kleinen Gruppe um Miss Jemima, die sich den ambitionierten Namen »Junior United Alpine Club« gegeben hat, erst richtig an.

Ich begab mich also im Mai nach Leukerbad an den Fuß des Gemmipasses, um genau diesen alpinen Teil ihrer Reise nachzuvollziehen – und um zu sehen, ob heute noch Spuren von Miss Jemima zu finden sind. Von diesem Ort, der heute vor allem dafür bekannt ist, dass er pleite ist, fährt eine Bahn in sieben Minuten hinauf zum Gemmipass und schwebt über einen der außergewöhnlichsten Alpenpfade überhaupt hinweg, der von oben aussieht wie eine schlechte Naht, die die Daubenwand und den ganzen Berg zusammenhalten soll. Die Bahn gab es damals natürlich nicht, und der Fußmarsch flößte angemessenen Respekt ein: Die furchtbare Gewalt dieser Felsen ließ uns, als wir uns unter ihren überhängenden Wänden vorwärtsschoben, erzittern, da sie im Geiste unwillkürlich Gedanken an das Ende und den Untergang der Welt heraufbeschworen.

Oben beginnt die Strecke über den Pass, also die Passage zwischen Gemmibahn und Sonnenbühl, und die muss man auch heute noch zu Fuß gehen. Eigentlich rechnete ich nicht mit Schnee, aber ich hatte schon oft genug Wintereinbrüche im Mai oder auch Juni, Juli, August erlebt, um zu wissen, dass das in den Bergen immer passieren kann. In den Tagen vor meiner Anreise hatte es dort oben so heftig geschneit, dass der Marsch entlang des Sees nicht weniger abenteuerlich war als damals. Das Gehen fühlte sich an, als würde man sich auf einem Steptrainer quälen: Immer wieder versank ich langsam und bis zum Oberschenkel im nassen Schnee. Aber immerhin: Schnee gab es auch am 3. Juli 1863: … zwei Mitglieder des Junior United Alpine Club, die sich einen Vorsprung verschafft hatten, [nahmen uns] mit Schneebällen unter Beschuss und beraubten somit eine ähnliche Kampagne, die wir als Dank für vorangegangene Wohltaten für sie geplant hatten, ihrer Frische. Und was während der folgenden ausgiebig beschriebenen Schneeballschlacht noch passiert, ist so kurios, dass man denken könnte, nun ginge Miss Jemima die Fantasie durch, man nach kurzem Innehalten aber zu dem Schluss kommt, dass dergleichen unmöglich auszudenken ist. Ein … nein, ein Vorwort darf schließlich nicht alles verraten.

Mehr als eine Stunde lang sah ich keinen Menschen, nur die Murmeltiere sprangen neugierig über die Felsen. Dann kehrte langsam die Zivilisation zurück: Erst verhallte zwischen den Felswänden der Schuss eines Jägers, dann stakste eine Gruppe holländischer Wanderführer auf Ausbildungstour durch die Landschaft – und schließlich zeichnete sich das »Berghotel Schwarenbach« ab. Es liegt etwas unterhalb des Daubensees auf 2060 Metern und ist eigentlich kein Hotel, eher eine große Berghütte. Der Wirt, Peter Stoller, ist ein freundlicher Mann mit großer Brille, grauen Haaren und blauen Augen, und wenn nicht viel los ist, erzählt er gerne von der langen Geschichte dieses Hauses. »1742 war es als Zollstation zwischen dem Berner Oberland und Wallis eine der ersten Alpenhütten in der Schweiz«, sagte er. Dann holte er zwei alte, in Leder gebundene Gästebücher und eine Hauschronik aus dem Nebenzimmer. Peter Stoller sagte: »Das ›Schwarenbach‹ war schon damals gerade richtig als Etappenziel – egal, ob man von Kandersteg oder von Leukerbad aus kam.«

Aber das hörte ich schon gar nicht mehr richtig, denn über der geöffneten Chronik kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Gästeliste dieser ganz gewöhnlichen Berghütte liest sich wie die Leseliste eines literaturwissenschaftlichen Seminars: Horace-Bénédict de Saussure, Adelbert von Chamisso, Alexandre Dumas, Edward Whymper, Jules Verne, Guy de Maupassant, Mark Twain, Sir Arthur Conan Doyle und auch Pablo Picasso waren hier. Gästebücher sind leider nur zwei erhalten, eines aus den 1930er-Jahren und eines mit der Aufschrift »1868 bis 1875«. Es enthält lustige Zeichnungen von Lammgeiern und schnapstrinkenden Gipfelstürmern, von Murmeltierflaggen und pfeiferauchenden Gämsen – Einträge englischer Schelme aus dem Jahr 1869. Dann folgen viele Seiten, auf denen mit schönster Tintenschrift mühevoll Reisegruppen aufgelistet wurden. Auch Miss Jemima erwähnt das »Schwarenbach«, aber das Gästebuch aus dem Jahr 1863 gibt es leider nicht mehr, und der Eintrag der ersten Pauschalreisenden bleibt ein Geheimnis der Geschichte.

Schon am nächsten Tag stand die Cook-Gruppe am Staubbachfall im Lauterbrunnental bei Interlaken. Sie waren vom »Schwarenbach« nach Kandersteg gelaufen, mit der Kutsche nach Spiez gefahren und dann mit dem Schiff nach Interlaken gekommen. Und ich folgte ihnen. Der Staubbachfall schießt über die Felskante, und das Wasser spritzt fast 300 Meter durch die Luft; dabei verteilt die Thermik es in alle Himmelsrichtungen. Das Staunen am Staubbachfall gehörte schon zum festen Bestandteil der Bildungsalpenreise im 18. und 19. Jahrhundert. Die Bergregion unter den Bergen Eiger, Mönch und Jungfrau kann man jedoch nicht mehr mit dem Jahr 1863 vergleichen. Heute führen Zahnradbahnen an unmögliche Orte, und auf der Kleinen Scheidegg, immerhin auf 2000 Metern, treffen sich Bahnen aus drei verschiedenen Richtungen. Eine davon ist die Jungfraubahn, die von hier aus noch mal 50 Minuten und fast 1500 Höhenmeter nach oben fährt, zum höchsten Bahnhof Europas, 3454 Meter über dem Meer, »The Top of Europe« genannt.

Oben drängten Reisegruppen kurzatmig aneinander vorbei. Eine davon folgte einem Mann mit einer Thomas-Cook-Fahne. Ein Teilnehmer aus Mumbai erzählte, dass sie gestern in Innsbruck gewesen seien und morgen in Heidelberg sein würden. Sie hatten in Indien »Europe: 15 days, 9 countries«, neun europäische Länder in 15 Tagen, gebucht. Das zeigt nicht nur, wie eine Schweizreise heute funktioniert, es zeigt auch, was die Globalisierung aus dem Unternehmen Thomas Cook gemacht hat. Doch von der Thomas-Cook-Reisegruppe von 1863 fand ich auch hier keine Spur: nicht auf dem Jungfrauenjoch, nicht am Staubbachfall, nicht im Archiv der Pfingstegg-Luftseilbahn in Grindelwald, von wo aus die Gruppe damals hinauf zum Grindelwaldgletscher und zur »Stieregghütte« gewandert war. Doch diese Hütte wurde 2005 durch einen Hangrutsch komplett zerstört. Also wieder nichts. Man schickte mich ins Heimatmuseum in der Dorfstraße, aber auch dort fand ich nichts. Und dann gab man mir Telefonnummern von irgendwelchen Menschen mit irgendwelchen Kenntnissen, die ich dann aber irgendwie nie erreichte. Langsam begann ich, an der Existenz dieser Miss Jemima zu zweifeln. War dieses »Journal« am Ende vielleicht nur ein Marketinggag der Thomas-Cook-Pressestelle? Und zu allem Überfluss schneite es noch immer, als wollte der Schnee die möglicherweise letzten verbliebenen Spuren verdecken.

In einem Chalet gleich neben dem »Schwarenbach« wohnte damals der Bergführer Melchior Anderegg: Er war der erste Bergführer, der 1856 den Altels bestieg, um Mr Hinchlifie von »jenem anderen Alpine Club« zu begleiten. Mit »jenem anderen Alpine Club« meinte Miss Jemima den Londoner Alpine Club, der sechs Jahre zuvor als erste Bergsteigervereinigung der Welt gegründet worden war und zum Vorbild für alle anderen wurde. Einziges Manko: Er war ein reiner Männerclub. Miss Jemimas Vereinigung bestand dagegen aus vier Frauen und drei Männern – man demonstrierte also weibliche Unabhängigkeit. Und das zeigt, dass Miss Jemima auch in emanzipatorischer Hinsicht ihrer Zeit weit voraus war. Ihr Junior United Alpine Club war damals ein Akt der Rebellion. Schade nur, dass er keine große Zukunft hatte. Der Alpine Club dagegen wurde weltbekannt – die ersten Frauen nahm er erst 1974 auf.

Miss Jemima lässt keine Gelegenheit aus, »jenen anderen Club« zu parodieren. Als sie die Gemmi erreichen, schreibt sie im Stil großer Expeditionen heroisch: Gut 2100 Meter, die höchste Höhe, die bis dato vom Junior United Alpine Club bezwungen ward. Und als es um die Frage der Kleidung in den Bergen geht, bringt sie den eher weniger für modische Avantgarde bekannten Alpine Club wieder subtil ins Gespräch: Dem Beirat des J. U. Alpine Club liegt es fern, sich in ungebührlicher Weise über die Rückständigkeit anderer Vereine bezüglich der Anpassung an die jüngsten Neuerungen in der Kunst des Reisens zu mokieren. Dann plädiert sie für das Tragen von Knickerbockern.

Ich reiste weiter zur Rigi, der letzten wichtigen Station von Miss Jemimas Schweizreise. Von Interlaken ging es mit dem Dampfschiff nach Brienz, per Kutsche nach Luzern und per Schiff über den Vierwaldstätter See nach Weggis. Ich fuhr mit der Uri, einem blitzsauberen alten Schaufelraddampfer, über den verwirrend verzweigten See, von dem manche Schweizer sagen, er symbolisiere das Kreuz in der Nationalflagge, und konnte in etwa nachempfinden, wie Miss Jemima gereist war, die ebenfalls vom Schiff aus ihr Tagesziel fokussierte: Gegenüber erhob sich die Rigi in unbewegter Zufriedenheit entweder ob oder trotz ihrer allgemeinen Beliebtheit. Ganz oben auf ihrem Kamm war ein winziger Fleck zu erkennen, ein Haus, das dem Anschein nach kaum groß genug war für einen Zaunkönig, doch zwanzig oder dreißig Wandergruppen wie die unsere beherbergen konnte. Auf diesen Kamm dort oben mussten wir, komme, was wolle, bis Sonnenuntergang gelangt sein.

Mit einem langen Ton aus dem Schiffshorn legte die Uri in Weggis an, und auf einem der gelben Wanderwegweiser stand: »Rigi-Kulm 4 Std. 20 Min.« Wo heute der Wegweiser steht, warteten 1863 Scharen von Trägern mit Pferden auf die Touristen: Wir landeten in Weggis, und wäre jeder Mann, Junge und Maultiertreiber, der sich dort auf uns stürzte, eine Wespe gewesen und jedes Wort ein Stich, Weggis hätte unsere sterblichen Überreste aufnehmen müssen. Wir wurden von den aufdringlichen Gesellen buchstäblich belagert, bedrängt und umkesselt. Doch erst als sie sagen, sie hätten schon den Montblanc bestiegen, können sie sich die Meute vom Hals halten: Damit konnte kein Mann der Rigi mithalten. Was Miss Jemima hier beschreibt, ist schon eine Andeutung darauf, dass die Rigi in den folgenden Jahren ein trauriges Beispiel dafür wurde, wie man es im Tourismus übertreiben kann. Im späten 19. Jahrhundert befanden sich hier neun Grandhotels mit 3000 Gästebetten, und von fast jeder Seite des Massivs konnte man mit einer Bahn hinauffahren, um oben auf einer Art Marktplatz Souvenirs zu kaufen. Die erste Zahnradbahn war 1871 zugleich die erste Bergbahn in den Alpen und hatte all die aufdringlichen Träger ersetzt. Thomas Cooks erste Gäste kamen also einfach acht Jahre zu früh.

Dieser Trubel ist heute schwer vorstellbar. Auf dem einsamen Wanderweg marschierte ich durch bunte Blumenwiesen mit Orchideen, dann durch den Wald, an großen Nagelfluhfelsbrocken vorbei bis zum »Felsentor«, wo ich tatsächlich durch ein riesiges natürliches Portal ging. Der Weg heißt heute Mark-Twain-Weg, und auf verschiedenen Tafeln erinnern Textauszüge daran, dass der amerikanische Autor hier war. Von Miss Jemima jedoch: keine Spur. In Rigi-Kaltbad traf ich auf die Zahnradbahntrasse, die bis nach Rigi-Staffel und weiter zum höchsten Punkt fährt: Rigi-Kulm, wo die Bergdohlen auf dem Geländer der Aussichtsterrasse warteten.

Das »Rigi-Kulm Hotel« ist seit fast 200 Jahren ein besonderes Haus auf der Spitze dieses Berges. 1816 erbaut, zog es schnell die damals sehr modernen Landschaftsmaler an, die die Aussicht samt Sonnenuntergang verewigten und den Ort bekannt machten. Das Spezielle war und ist: Die Rigi ist kein Berg in den Bergen, sondern eher vor den Bergen. Sie erhebt sich auf einer Halbinsel des Sees, ist leicht zu besteigen, und wer es bis zum Gipfel geschafft hat, der sieht fast alle hohen Berge der Schweiz, die sich dahinter aufreihen. Das wollten sie alle sehen, und daher ist die Gästeliste des »Rigi-Kulm« noch imposanter als die des »Schwarenbach«: Goethe und Joseph von Eichendorff waren hier, Carl Maria von Weber und Victor Hugo, Adalbert Stifter, Felix Mendelssohn Bartholdy und Richard Wagner, König Ludwig II. von Bayern und Königin Victoria, Karl May und Mark Twain. Twain war 15 Jahre nach der Cook-Gruppe hier und hat sich sehr amüsant über die Cook-Touristen und den Baedeker lustig gemacht. Miss Jemima und ihre Begleiter gehen nach dem langen Aufstieg erschöpft zu Bett: Wir schliefen in einem oberen Stockwerk des Hotels, ruhig wie ein Adler in seinem Horst, nur dass der Wind seinen frostigen Atem über die schneebedeckten Gipfel blies und prasselnde Salven gegen die Fensterflügel warf, ein sozusagen verbaler Rüffel dafür, dass wir, ihrem Hoheitsgebiet so nah, überhaupt schliefen.

Als draußen die Sonne unterging, hatte Renate Käppeli, die Direktorin des Hauses, Zeit, um über die Geschichte der Rigi, mit der sie sehr gut vertraut ist, zu sprechen. Ich erzählte ihr, dass ich auf den Spuren der ersten Cook-Touristen unterwegs sei, und sie zögerte keine Sekunde, wusste, dass sie 1863 hier gewesen waren, und holte das entsprechende Gästebuch. Im Gegensatz zum »Schwarenbach« war das »Rigi-Kulm« immer schon mehr Hotel als Berghütte, und der Concierge hat die Bücher nur beim Empfang kurz herausgegeben – diese Ordnung sieht man ihnen noch heute an. Ich blätterte durch die Jahre. Am 2. August 1862 waren Besucher aus Rio de Janeiro da, im Juni 1863 eine Gruppe aus Berlin, und dann, am 9. Juli 1863, finde ich sie, genau wie in den Aufzeichnungen von Miss Jemima fein säuberlich aufgelistet: die Teilnehmer der ersten Thomas-Cook-Reise durch die Alpen.

Beschluss

Bei der 21. ordentlichen Mitgliederversammlung des Junior United Alpine Club, die am 14. Juli 1863 in Paris abgehalten wurde, erging einstimmig folgender Beschluss:

Es wird beschlossen,

»Miss Jemima als die Künstlerin der Expedition zu bitten, in der laufenden Saison einen Bericht über die Wanderungen des Clubs zur Aufnahme in dessen Annalen zu verfassen; wobei die Veröffentlichung auf ihre Kosten zu erfolgen hätte. Der Club ist für die Meinungen einzelner Mitglieder nicht haftbar zu machen.«

 

Über Jemima Morrell

Biografie

Jemima Ann Morrell, Jahrgang 1832, wurde als älteste Tochter eines Bankiers in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder William und anderen Bekannten gründete sie als Erwachsene den United Alpine Junior Club. Der Club unternahm kurz danach, im Jahr 1863, die erste...

Pressestimmen

Neues Volksblatt

»Die Alpen der Schweiz erstrahlen durch ihre Augen in einem ganz neuen Licht.«

nomasliteraturblog.wordpress.com

»Ein interessantes Dokument über das Leben in der Schweiz Anno 1863.«

Bücher Magazin

»Geistreich, mit einer guten Portion schwarzem Humor erzählt die Künstlerin von der Expedition ins Berner Oberland.«

Inhaltsangabe

Vorwort von Andreas Lesti

Beschluss 

Dramatis Personae 

Einleitung 

En Route 

Die westlichen Alpen 

Das Berner Oberland 

Paris

Appendix 

Anmerkungen der Übersetzerin

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