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Meine ferne SchwesterMeine ferne Schwester

Meine ferne Schwester

Judith Lennox
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Roman

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Meine ferne Schwester — Inhalt

London, 1938: Während Rowan von einer Party zur nächsten treibt, arbeitet ihre jüngere Schwester Thea hart, um später studieren zu können. Trotz aller Unterschiede stehen sich die beiden sehr nahe, vor allem seit jenem tragischen Unfall in ihrer Kindheit, bei dem ihre Mutter starb und Rowan Thea das Leben rettete. Doch Thea merkt, dass ihre Schwester ihr nie die ganze Wahrheit über den Unfall erzählt hat, ein Geheimnis überschattet ihre Beziehung. Erst als der Zweite Weltkrieg ausbricht und sie in große Gefahr geraten, bahnt sich die Wahrheit ihren Weg – und Thea erfährt von der Schuld, die seit damals auf Rowan lastet.

Wer „Das Winterhaus“ und „Die Mädchen mit den dunklen Augen“ geliebt hat, wird diesen Roman nicht mehr aus der Hand legen können!

„Judith Lennox verbindet große Gefühle und Historie zu einem mitreißenden Gesellschaftsporträt. Wundervoll!“ Freundin

„Neben romantischen Liebesgeschichten erzählt Judith Lennox immer auch von den Läufen der Zeit, den Wandlungen der Gesellschaft und dem Durst nach Freiheit und Eigenständigkeit der Frauen.“ Buchkultur

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 04.01.2021
Übersetzt von: Mechtild Ciletti
496 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-407-3
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€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 04.01.2021
Übersetzt von: Mechtild Ciletti
532 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99712-6
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Leseprobe zu „Meine ferne Schwester“

Teil 1

Wetterumschwung

1937–1939


1

Dezember 1937

Patrick hatte zur Cocktailparty der Manninghams nicht mitkommen wollen. Verärgert schob Rowan die Absage ihres Mannes auf den Streit, der sich am Morgen beim Frühstück mit weichen Eiern und Toast zwischen ihnen entzündet hatte. Er wünschte, dass sie schon am Heiligen Abend zu seinem Vater nach Guildford reisten, während sie den Besuch so lange wie möglich hinausschieben und erst am ersten Feiertag fahren wollte. Sie war dann ohne Patrick mit ihrer gewohnten Clique losgezogen, den Charlburys, den Wiltons [...]

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Teil 1

Wetterumschwung

1937–1939


1

Dezember 1937

Patrick hatte zur Cocktailparty der Manninghams nicht mitkommen wollen. Verärgert schob Rowan die Absage ihres Mannes auf den Streit, der sich am Morgen beim Frühstück mit weichen Eiern und Toast zwischen ihnen entzündet hatte. Er wünschte, dass sie schon am Heiligen Abend zu seinem Vater nach Guildford reisten, während sie den Besuch so lange wie möglich hinausschieben und erst am ersten Feiertag fahren wollte. Sie war dann ohne Patrick mit ihrer gewohnten Clique losgezogen, den Charlburys, den Wiltons und den Vaughans – nicht zu vergessen Nicky Olivier, der, in Hochform an diesem Abend, von einem halben Dutzend Bewunderern umgeben in seinem Polstersessel Hof hielt und über die Gastgeber spottete.

Etwas abseits im großen, mit scharlachroter Tapete ausgeschlagenen Salon mixte Davey Manninghams Butler alkoholreiche Cocktails, die im Hinblick auf Weihnachten mit einem stachligen Ilexzweiglein dekoriert waren. Auf dem Klavier klimperte jemand Weihnachtslieder, Düfte von Nelke und Orange hingen in der Luft, und im offenen Kamin knisterten Apfelholzäste. Die Frauen trugen Kleider in Smaragdgrün, Eau de Nil, Türkis, Orange und Babyrosa.

Jemand sagte: »Mrs Scott, wie reizend!«, und als Rowan, die auf einem der voluminösen Sofas saß, den Blick hob, erkannte sie Simon Pemberton, einen Cousin ihrer besten Freundin, Artemis Wilton. Sie war ihm früher schon auf Bällen und in Konzerten begegnet und murmelte jetzt eine kurze Begrüßung.

„Ich war eine Weile lahmgelegt“, erklärte er, halb über die Armlehne des Sofas gebeugt. „Ein Verwandter von mir war krank und brauchte mich. Die letzten drei Wochen habe ich auf dem Land zugebracht. Es ist eine Erlösung, zurück in der Zivilisation zu sein“, schloss er mit einem theatralischen Schaudern.

Es schmeichelte ihr, dass er ihre Aufmerksamkeit suchte. Von seinem Blick umfasst, spürte sie ein Prickeln angenehmer Erregung, die Ahnung einer Aussicht auf Tröstung und Abenteuer. Simon Pemberton war ein hochgewachsener Mann mit kurz geschnittenem kastanienbraunem Haar und tiefblauen Augen, im Profil wirkte sein Kopf wie der eines noblen römischen Senators: Adlernase, leicht grausamer Zug um den Mund.

„Mögen Sie das Land nicht?“, fragte sie.

Seine Mundwinkel zogen sich abwärts. „Fischen und Jagen sagen mir wenig, und was sonst kann man dort schon unternehmen? Es gibt keine nennenswerten Kunstmuseen in Suffolk, wo mein Onkel lebt, und kaum Gelegenheit, Konzerte zu hören, die nicht absolut amateurhaft sind. Und die Leute, mit denen man dort zu tun hat … Ist es möglich, dass Feld, Wald und Wiese jegliches Konversationstalent ersticken? Oder verkriechen sich vielleicht alle, die nicht mit ihm gesegnet sind, ganz bewusst auf dem Land?“

„Mir fehlt das Land, wenn ich zu lange in der Stadt bin“, sagte Rowan. „Sie nimmt mir die Luft.“

„Und doch leben Sie in der Stadt.“

„Es geht nicht anders. Wegen Patricks Arbeit.“ Ihr Mann war Prozessanwalt, der regelmäßig bei den höheren Gerichten zu tun hatte.

Er setzte sich neben sie. „Mich hat die Ehe nie gelockt. Was hat sie schon zu bieten außer Einengung des Blickfelds und der Möglichkeiten?“

Obwohl ihre Ehe sich als herbe Enttäuschung erwiesen und sie immer mehr das Gefühl hatte, dass Patrick in jeder Hinsicht anders war als sie, ärgerte sie Simons Urteil.

„Sie bietet Sicherheit“, entgegnete sie. In der Rückschau allerdings fragte sie sich, ob sie nicht Sicherheit mit Liebe verwechselt hatte, als sie Patrick geheiratet hatte.

„Ich hatte das Glück, immer in gesicherten Verhältnissen zu leben“, fügte sie hinzu. »Aber bei uns Frauen ist es anders, wir sind von den Männern abhängig. Und Liebe – gibt es die allein in der Ehe? Ganz ehrlich, gibt es sie überhaupt noch in der Ehe, wenn die ersten Momente der Glückseligkeit vorbei sind?«

„Angemessen zynisch.“

„Verzeihen Sie. Stimmt, Zynismus ist billig und hässlich dazu. Sie haben recht, Optimismus kostet mehr Mühe, gerade heutzutage“, sagte sie, da sie vermutete, dass seine Bemerkung sich auf die Nachrichten bezog, die Gräuel des Bürgerkriegs in Spanien und das bedrohliche Umsichgreifen des Faschismus in Deutschland und Italien. „Man hat ja beinahe Angst, die Zeitung aufzuschlagen.“

Schnell und geschickt lenkte er das Gespräch in andere Bahnen. Sie unterhielten sich über zeitgenössische Kunst – er bewunderte Ben Nicholson und Stanley Spencer, für Henry Moore hingegen hatte er nur Verachtung übrig.

Die Kunst abgehakt, wandten sie sich dem Theater zu, während der Pianist The Holly and the Ivy herunterhämmerte. Simon gab vor, jedes interessante Stück in London gesehen zu haben. „Nicht, dass es mehr wären, als sich an den Fingern einer Hand abzählen lassen“, erklärte er. »Das Theater ist ausgebrannt, ein Schatten dessen, was es in seiner Blüte zu Zeiten Edwards VII. war. Im West End gibt es nichts als absolut grässliche Revuen und ordinäre Musicals.«

„Sie mögen keine Musicals?“

„Wer mit einem Funken Intelligenz mag die schon?“

„Ich liebe sie. Und das Kino? Gehen Sie ins Kino?“

„Nie wieder. Ich war einmal dort und fand es fürchterlich.“

Sie lächelte. „Vielleicht haben Sie sich den falschen Film angesehen?“

»Das glaube ich nicht. Diese schlechte Luft, der Gestank von billigen Zigaretten und Dienstmädchenparfum … diese geballten Horden mit ihrem Popcorn und ihrem Eis. Und die Banalität der Geschichte auf der Leinwand – es war unerträglich.«

„Ich gehe gern allein, am Nachmittag.“ Simon war so überzeugt von sich und seiner Meinung, dass Rowan sich eine kleine Provokation nicht verkneifen konnte. „Es hat so etwas herrlich Dekadentes.“

„Und das gefällt Ihnen? Ich verabscheue diese Leute, die nach Dekadenz um ihrer selbst willen streben und so tun, als genössen sie es, sich in irgendwelchen heruntergekommenen Kaschemmen mit kreischender Jazzband herumzutreiben, weil sie glauben, das mache sie interessanter.“

„Du meine Güte!“ Sie warf ihm einen belustigten Blick zu. „Muss ich jetzt Jazzmusik und Nachtlokale auf die Liste der Dinge setzen, die Sie nicht mögen?“

„Es ist doch wahr! Was ist dieses dumme Zeug im Vergleich mit einer Arie aus der Zauberflöte … oder einem Gemälde von Velazquez? Oder der Szene in Giselle, wenn die Ballerina über die Bühne zu schweben scheint wie das Geistwesen, das sie spielt?“

Rowan kannte selbst diese Momente, da einem der Atem stockte. Auch sie bewunderte Intensität und Leidenschaft und verachtete das Oberflächliche und Halbherzige. Die Ernsthaftigkeit, mit der er gesprochen hatte, machte ihn ihr sympathischer.

„Sie meinen das Erhabene“, sagte sie. „Aber das sind seltene und flüchtige Momente. Und in der Zwischenzeit müssen wir heiter bleiben.“

„Aber Sie werden mir doch zustimmen, dass das Wohlfeile und Oberflächliche uns herabzieht. Es trübt unseren Blick für das wahrhaft Schöne, und was bleibt uns dann noch?“ Seine dunkelblauen Augen blitzten amüsiert. »Ich gebe es zu, ich kann Schönheit nicht widerstehen. Was glauben Sie, warum ich mich hier mit Ihnen unterhalte, Mrs Scott, obwohl wir doch offenbar wenig gemeinsam haben?«

Herzklopfen. „Sie sind ein Schmeichler.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich schmeichle nie. Wenn es um Schönheit geht, bin ich immer ehrlich. Zum Beispiel sollten Sie nicht diese Farbe tragen. Dieser Blauton nimmt Ihrem Haar das Feuer. Sie sollten Rot tragen. Frauen mit rotblondem Haar schrecken immer vor Rot zurück. Sie fürchten den Aufeinanderprall der Farben. Aber das ist ein Irrtum. Sie sähen grandios aus in einem Venezianisch-Rot. Wie eine Flamme, eine hohe, schimmernde Flamme. Ah, ich sehe schon, ich gehe Ihnen zu weit.“ In seinem Ton lag keine Spur von Bedauern.

„Keineswegs“, entgegnete sie und fügte leichthin hinzu: „Ein praktischer Tipp in Modefragen ist immer hilfreich.“

Sie plauderten noch eine Weile, dann lud er sie zum Abendessen ein. Rowan war klar, dass sie im Begriff war, einen gefährlichen Weg zu beschreiten, als sie das Haus der Manninghams und ihre Freunde verließ, aber das konnte sie nicht aufhalten.

Im Simpson’s in the Strand dinierten sie in einem dunkel getäfelten Raum mit reich verzierter Stuckdecke, und Rowan fragte Simon nach seinen Weihnachtsplänen.

„Ich bleibe zu Hause“, sagte er. „Zu Weihnachten verreise ich nie, diese Familienfeiern mit schreienden Säuglingen und kreischenden Kindern finde ich unerträglich. Zum Mittagessen kommen ein paar gute Freunde, Familienmuffel wie ich, und den Abend werde ich mir mit Samuel Johnsons Essays bei einem guten alten Portwein vertreiben. Ich freue mich schon sehr darauf. Und Sie, Rowan?“ Sie waren wie von selbst dazu übergegangen, einander mit Vornamen anzureden.

„Wir sind am ersten Feiertag immer in Guildford beim Vater meines Mannes und meiner Schwägerin Elaine.“ Ihr graute schon jetzt vor ihnen – dem gebrechlichen alten Mann mit seiner unablässigen Nörgelei und ihrer Schwägerin, der verbitterten alten Jungfer, die ihn betreute. Schwere Speisen, stickige Räume und Langeweile.

„Meine jüngere Schwester Thea kommt auch“, fuhr sie fort. Die sechzehnjährige Thea lebte noch bei ihrem verwitweten Vater, der für Weihnachten nichts übrighatte. Er ging über die Feiertage lieber fischen oder bergwandern mit einem alten Freund namens Malcolm Reid, einem Sonderling, der abgelegen in den schottischen Highlands lebte und den sie nie kennengelernt hatten.

„Danach fahren wir drei zu Silvester nach Glasgow“, fügte sie hinzu.

„Ich habe gehört, dass in Schottland Silvester vielerorts mit mehr Trara gefeiert wird als Weihnachten.“

„Ja, das stimmt. Haben Sie Familie, Simon? Ach ja, den Onkel in Suffolk.“

„Denzil verbringt die Feiertage auch am liebsten allein für sich in seinem Haus Ashleigh Place. Es ist vielleicht das schönste kleine Herrenhaus in England.“

„Ah, da haben wir wieder die Schönheit!“

„Ja, ich bin ihr verfallen.“ Sein Blick saugte sich an ihr fest. Ein ungeschickterer Mann hätte vielleicht irgendein abgedroschenes Kompliment angehängt. Er tat es nicht und rief damit nervöse Spannung bei ihr hervor und das Verlangen nach mehr.

Sie fragte, ob Ashleigh Place schon lange in seiner Familie sei.

„Nein, keineswegs, Denzil war fünfundzwanzig, als er es einem Verrückten abkaufte, einem krankhaften Selbstdarsteller, der gern Theateraufführungen veranstaltete. Vorher gehörte es einer alteingesessenen Familie, den Gardiners, die es langsam verfallen ließen. Denzil restaurierte Ashleigh Place. Es war ein gewaltiges Unternehmen, sein Lebenswerk. Man möchte es heute nicht glauben, da er so schlecht beisammen ist, aber als er noch jünger war, strotzte er vor Kraft und Energie.“

„Sie haben ihn gern, nicht?“

Er lächelte. „Ja. Abgesehen von Denzil gibt es kaum jemanden in meiner Familie, mit dem ich freiwillig meine Zeit teilen würde. Ich habe eine Schwester, Anne, die mit einem Spießer namens Edwin verheiratet ist. Sie hat zwei Kinder. Henry ist ein wackerer kleiner Bursche. Ich werde ihm einen Walnusskuchen von Fullers für seine Süßigkeitendose schicken. Meine Nichte Zorah ist ein eher schlichtes Gemüt. Was, meinen Sie, wäre das richtige Weihnachtsgeschenk für sie?“

„Wie alt ist sie denn?“

„Ich weiß nicht genau. Fünf oder sechs.“

Rowan überlegte. „Buntstifte vielleicht? Ich habe als kleines Mädchen mit Begeisterung gemalt.“

„Und malen Sie noch?“

„Heute? Selten. Unser Haus ist sehr klein, da ist kein Platz für Malsachen. Oh, ich weiß, nichts als Ausreden.“ Sie seufzte. „In Wirklichkeit fällt mir einfach nichts mehr ein, was ich malen könnte. Glauben Sie, dass einem die Einfälle ausgehen, wenn man alt wird?“

„Na, alt sind Sie nun wirklich nicht.“

„Ich bin dreiundzwanzig. Manchmal fühle ich mich alt.“ Dreiundzwanzig kam ihr uralt vor. Sie war knapp neunzehn gewesen, als sie von Glasgow nach London gegangen war. Es schien ihr eine Ewigkeit her zu sein. Sie erinnerte sich, wie aufgeregt sie gewesen war, mit welcher Glut sie den neuen Möglichkeiten entgegengefiebert hatte, die auf sie warteten, wie sehr sie die Streifzüge durch die Stadt geliebt hatte.

„Ich bin sechsunddreißig“, sagte Simon, „und ich fühle mich nicht älter als an dem Tag, als ich aus der Schule kam.“

Aus einem kurzen Gespräch mit Artemis, bevor sie ihren Mantel geholt hatte, wusste Rowan, dass Simon ledig war und es nicht nötig hatte zu arbeiten. „Sie haben es gut.“ Sie neigte den Kopf zur Seite. „Sie können ein Leben führen, wie es Ihnen passt.“

„Finden Sie das verwerflich, oder sind Sie neidisch?“

„Keines von beiden. Glaube ich jedenfalls.“

Er lachte. „Was war das dann? Ein schottisch-puritanisches Naserümpfen?“

„Fühlt man sich nicht ziemlich … ziellos, um nicht zu sagen, orientierungslos, wenn man den ganzen Tag nichts zu tun hat, als sich zu vergnügen?“

„Nein, es ist sehr angenehm. Warum versuchen Sie es nicht einmal?“ Sie wollte etwas entgegnen, schwieg aber, als er mit den Fingerspitzen ihr Handgelenk berührte. „Sie werden doch jetzt nicht so banal sein und mir erzählen, dass Sie einen Haushalt und einen Ehemann zu versorgen haben, Rowan? Das wäre wirklich enttäuschend.“

Er hob die Finger von ihrer Hand, doch seine Berührung schien einen Abdruck hinterlassen zu haben wie in weichem Ton. Sie sollte aufstehen und gehen, dachte sie, eine Verabredung vorschützen oder vorgeben, Patrick warte auf sie – irgendetwas.

Doch sie blieb, wo sie war. „Jeder hat Pflichten. Selbst Sie müssen doch welche haben.“

„Jeder tut so, als hätte er Pflichten, aber die meisten Leute sind wie ich, sie tun nur das, was ihnen in den Kram passt. Ich rede natürlich von meinesgleichen. Das Leben der unteren Schichten ist zwangsläufig eingeschränkt. Man kann natürlich auf lange Sicht planen. Ich habe meine Gründe dafür, die Unbilden des ländlichen Suffolk zu ertragen.“

„Die Schönheit.“

„Richtig.“ Er sah sie forschend an. „Und ich vermute, Sie, Rowan, nehmen Ihre häuslichen Pflichten und die gesellschaftliche Routine hin, weil … weil Sie sie befriedigen.“

Bei ihrer Heirat vor drei Jahren hatte sie gemeint, es müsse ein Leichtes sein, einen Haushalt zu führen, weil so vieles, was dazugehörte, belanglos und ständige Wiederholung war. Ja, es war belanglos und immer nur mehr desselben, aber es kostete, wie sich gezeigt hatte, auch Zeit und Kraft. Sie hatte gelernt, alles unter einen Hut zu bringen, die Einkäufe im Lebensmittelgeschäft, beim Gemüsehändler, beim Fleischer und beim Fischhändler, die Wäscheabgabe und die Tageshilfe. Sie konnte inzwischen recht passabel kochen; Gwen, ihre Köchin, hatte ihr die Zubereitung verschiedener kleiner Gerichte gezeigt, die sie an Gwens freien Abenden für Patrick und sich auf den Tisch brachte. Von ihren Freunden wurde sie als amüsante und originelle Gastgeberin geschätzt. Und doch ertappte sie sich immer häufiger bei der Frage: und nun? Wo konnte sie ein Ventil finden für den Tatendrang, der sie umtrieb, für die innere Unruhe, die es ihr unmöglich machte, abends mit einem Buch oder einer Handarbeit still im Haus zu sitzen? Nichts als immer wieder die gleichen Einkaufslisten, die gleichen geselligen Abendessen die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre?

„Wohl kaum“, entgegnete sie mit einem kleinen Lachen.

Er zündete zwei Zigaretten an und reichte ihr eine. „Oder“, sagte er gedämpft, „Sie ertragen es für Ihren Mann, den Sie lieben.“

„Er liebt mich nicht“, sagte sie und bedauerte augenblicklich ihre Offenheit. Wenn er wusste, dass sie nicht begehrt wurde, würde vielleicht sein Interesse an ihr schwinden.

Doch er zog die Augenbrauen hoch. „Dann ist er ein Narr.“

„Nein“, entgegnete sie mit Bitterkeit. „Patrick ist alles andere als ein Narr.“

„Aber warum dann?“

Sie antwortete mit einem kurzen Kopfschütteln. Sie wusste nicht, warum Patrick sie nicht begehrte. In ihren Gesprächen klammerten sie das Thema aus. Sie getraute sich nicht, ihn zu fragen, aus Angst, es könnte an ihr liegen. Sie war kalt. Sie wurde älter. Ihr fehlte die erotische Ausstrahlung. Schönheit und Attraktivität waren nicht das Gleiche. Immer häufiger beschlich sie der Verdacht, sie sei einfach nicht liebenswert.

Gedämpfter Tumult an einem anderen Tisch, wo ein Gast zu viel getrunken und die Weingläser umgestoßen hatte, bot willkommene Ablenkung. Kellner eilten mit Tüchern und Kehrschäufelchen hin und her.

„Sie machen so ein trauriges Gesicht“, bemerkte Simon sanft. „Was ist?“

Der Kellner kam und räumte ihre Teller ab. Als er gegangen war, sagte sie: „Als ich Patrick kennenlernte, lebte ich in London, allein. Ich war ziemlich deprimiert … ich hatte gerade eine unglückliche Liebe hinter mir. Bei Patrick hatte ich das Gefühl, dass er mir Halt gibt. Ich brauchte das. Kennen Sie dieses Gefühl, ziellos dahinzutreiben, ohne die geringste Ahnung, welche Richtung man einschlagen soll?“

„Nein.“

Damals, in der ersten Zeit, hatten Patricks Liebenswürdigkeit und Gelassenheit sie angezogen. Ihr selbst fiel Gelassenheit schwer, und sie fand sich nicht besonders liebenswürdig. Aber nach drei Jahren Ehe, in denen der Sex zwischen ihnen, von Anfang an nicht gerade stürmisch, völlig abgeflaut war, machte das Schweigen, in das Patrick sich zurückzog, sie nur noch ängstlich und wütend.

Mit einem feinen Lächeln fügte Simon hinzu: „Tja, ich bin zwar Ästhet und überzeugter Stadtmensch, aber wenn man ein wenig schürft, stößt man zwei Generationen zurück auf eine lange Reihe bodenständiger Bauern aus Hertfordshire. Eigentlich sollte ich jetzt wohl meine Schweine füttern.“

„Gott, da würden Sie sich ja bekleckern, Simon.“ Sie lachte mit einem Blick auf seinen tadellos sitzenden Abendanzug.

„Ja, das ist wahr.“ Er tätschelte ihre Hand, und sie hätte am liebsten die seine ergriffen wie einen rettenden Anker. „Rowan …“ Er senkte die Stimme, während er zart die Innenfläche ihrer Hand streichelte, „ich bewundere schon seit einer Weile Ihren Glanz und Ihr Feuer. Nur die Furcht, darin zu verbrennen, hat mich bis jetzt zurückgehalten.“

Wie sollte man als Frau auf eine solche Erklärung reagieren? Sie war froh, als der Kellner mit der Dessertkarte kam. Sie wollten beide keinen Nachtisch; sie hatte den Appetit verloren, und Simon nahm nie Nachspeisen, wie er sagte. Bei Kaffee und Petit Fours unterhielten sie sich über dies und das, doch Rowan wusste, dass eine Grenze überschritten war und sie sich auf gefährliches Terrain zubewegten – aber nein, er, Mann und Junggeselle dazu, hatte nichts zu fürchten, gefährlich war es nur für sie.

Heißes Verlangen kämpfte mit lähmender Angst. Es war so lange her, dass sie einen Mann begehrt, dass sie überhaupt etwas gefühlt oder gespürt hatte, dass Lust und Vorsicht miteinander gestritten hatten. Ein Schleier hob sich. Sie war sich selbst verloren gegangen, und nun, plötzlich, hatte sie sich wieder von der Asche ihrer Ehe befreit, brach Farbe sich Bahn durch das Grau. Er begehrte sie und machte kein Geheimnis daraus. Sie fühlte sich wieder lebendig.

Draußen auf der Straße schimmerten blass in dunstigem Strahlenkranz die Gaslampen. Sie winkte einem Taxi, aber es fuhr vorbei. Solche Kleinigkeiten können ein Leben wenden, dachte sie später. Hätte das Taxi gehalten, wäre es nie zu diesem Kuss gekommen, diesem erschreckenden und leidenschaftlichen Kuss, den sie besinnungslos vor Lust und Begierde erwiderte.

 

Auf der frühmorgendlichen Fahrt durch die froststarren Straßen Londons sah sie zum Fenster des Taxis hinaus. Der Nebel legte verwaschene gelbe Schleier über die Reklamewände, die Gesichter der Menschen auf den Bürgersteigen wirkten wie gefroren, weiß und verzerrt, mit offenen Mündern, von Schatten zerschnitten. Ein Obdachloser, der schlafend in einer Toreinfahrt lag, wurde zu einem leeren Haufen Lumpen und alter Decken. Die dunklen Geschäfte und Büros erinnerten an finster gähnende Höhlen.

Rowan leckte sich mit der Zungenspitze die Oberlippe, die wie wund war. Ihre Euphorie war verflogen, noch nicht Reue gewichen, aber von Trübsinn verdrängt. Ihr graute vor der Heimkehr in die Mallord Street in Chelsea. Sie hatte sich aus einer Laune heraus für das Haus entschieden, verführt von der unkonventionellen Bohemeatmosphäre des Viertels, doch inzwischen hasste sie dieses ehemalige Künstleratelier in seiner ganzen Fipsigkeit und klaustrophobischen Enge. Die Räume waren klein und gedrängt, unten eine Küche mit Spülküche, ein Salon und ein Speisezimmer; oben drei Schlafräume. Die verwinkelte Mansarde mit den schrägen Decken diente als Speicher für die Möbel und den Nippes, den sie von Patricks Großmutter geerbt hatten. Das Gästezimmer, in dem Thea übernachtete, wenn sie zu Besuch kam, lag nach hinten hinaus, mit Blick auf den Hof. Das Schlafzimmer von Rowan und Patrick war vorn. Durch das Erkerfenster, das sie beim Umbau hatten einsetzen lassen, drang Wasser ein, sobald es stärker regnete.

Wenn sie sich jetzt ins Schlafzimmer stahl, würde Patrick tun, als schliefe er. Er würde nicht fragen, wo sie gewesen war, und sie würde nichts sagen. Keiner von ihnen würde die stillschweigende Vereinbarung brechen, die zwischen ihnen bestand und die sie zunehmend als Fesselung empfand. Sie schlichen auf Zehenspitzen um eine Aussprache herum, so wie sie gleich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer schleichen, sich leise ausziehen und abschminken würde, um den Schein zu wahren, dass er schlief.

Man konnte nicht richtig streiten mit Patrick. Wenn sie laut wurde oder weinte, wurde er nur umso passiver und distanzierter. Ihre Auseinandersetzungen entzündeten sich an Nebensächlichkeiten: Sie hatte irgendeinen gesellschaftlichen Termin mit seinen Kollegen vergessen; er hatte noch immer keinen Handwerker für den tropfenden Wasserhahn bestellt. Die Kluft, die Kränkung und Groll zwischen ihnen aufgerissen hatten, ging so tief, dass sie nicht angesprochen werden konnte.

Patrick war schmal und zart, mit hellem Haar, kleinen blauen Augen und fein gezeichneten Zügen, ein auf unaufdringliche englische Art gut aussehender Mann. Er bereitete ihr ein sorgenfreies Leben, seine Freunde konnten sich auf ihn verlassen, und wer in sein Haus kam, wurde mit offenen Armen aufgenommen. Der Vorwurf, es fehle ihm an Lust und Feuer, hätte ihn tief gekränkt, das wusste Rowan. Manchmal bemerkte sie, bevor er sich im Bett von ihr abwandte, Schuldbewusstsein und nackte Scham in seinem Blick. Aber es war nicht nur Mitleid, was sie von einer Konfrontation abhielt. Ein Wort über die Leere ihrer Ehe würde womöglich einer Flut bisher unterdrückter Gefühle und Vorwürfe die Schleusen öffnen.

So kann es nicht weitergehen, schoss es ihr durch den Kopf, während das Taxi durch Chelsea fuhr. Sie und Patrick standen am Rand eines Abgrunds. Heute Nacht hatte sie sich taumeln gefühlt. Simon hatte sie an die Macht der Begierde erinnert, die stärker war als Logik, Verstand und Pflicht. Mit einer tiefen Bitterkeit bereute sie die verlorene Zeit, die dürren Jahre ihrer Ehe.

Als sie in der Mallord Street die Haustür aufsperrte, hatte sie das Gefühl zu schrumpfen, als wollte sie sich den engen Räumen des Hauses und ihrer Ehe anpassen. Im Spiegel in der Diele vergewisserte sie sich, dass ihr Lippenstift nicht verschmiert war. Patricks Papiere lagen unordentlich verstreut auf dem Esstisch. Der von ihr ausgesuchte Weihnachtsbaum war, fand sie, zu groß für den Salon. Sie zog ihre Schuhe aus und ging nach oben.

 

Sie schlief ein paar Stunden. Um sieben weckte Patrick sie, um ihr zu sagen, dass ihre Schwester am Telefon sei.

Und so erfuhr sie von Thea, dass ihr Vater an einer schweren Lungenentzündung erkrankt war. Thea war am 17. Dezember aus dem Internat in Yorkshire für die Weihnachtsferien nach Hause gefahren. Ihr Vater kam am folgenden Tag von einer Geschäftsreise nach Südengland zurück. Er fühlte sich nicht wohl, wurde von Fieber und Husten geplagt, dennoch erlaubte er Thea nicht, den Arzt zu holen. Erst am nächsten Tag, als sein Zustand sich besorgniserregend verschlechtert hatte, setzte Thea sich durch. Der Hausarzt stellte eine Lungenentzündung fest. Ihr Vater sprach auf die Behandlung nicht an. Er litt seit dem Großen Krieg, als er in einen Senfgasangriff geraten war, an einer Lungenschwäche.

Patrick bestellte ein Taxi, das Rowan zum Bahnhof Euston bringen sollte, wo sie den Zug nach Glasgow nehmen wollte. Rowans Hände zitterten, während sie in panischer Angst Blusen und Röcke faltete. Tief im Innern lauerte der Verdacht, dass die Erkrankung ihres Vaters ihre Schuld sei, eine Strafe für die leidenschaftlichen Stunden mit Simon.

Als sie von unten Hupen hörte, sah sie zum Fenster hinaus. Das Taxi war da. Sie klappte ihren Koffer zu und eilte nach unten.

Judith Lennox

Über Judith Lennox

Biografie

Judith Lennox, geboren 1953 in Salisbury, wuchs in Hampshire auf. Sie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen des modernen englischen Gesellschaftsromans und gelangt mit jedem neuen Buch auf die deutschen Bestsellerlisten. Judith Lennox liebt Gärtnern, ausgedehnte Wanderungen, alte Häuser und...

Pressestimmen
Schwäbische Zeitung

„Allerbeste Unterhaltung!“

Cellesche Zeitung

„Mit ihrem flüssigen und gefühlvollen Schreibstil zieht die Autorin die Leser in ihren Bann.“

Tageblatt für den Kreis Steinfurt

„Einfühlsam geschrieben und aus der Sichtweise der einzelnen Charaktere wird man beim Lesen des Buches mitgenommen in die Lebensgeschichte, nicht nur der beiden Schwestern.“

Hörzu

„Charmantes Blaustrumpfdrama“

Mainhattan Kurier

„Der gewohnt flüssige Schreibstil verspricht unterhaltsame Lesestunden.“

Oberländer Rundschau

„Mit ihrem gefühlvollem Erzählstil lädt die Autorin den Leser ein, sich ins vergangene Jahrhundert zu begeben. Judith Lennox versteht es, spannende Charaktere in ihren Romanen erwachen zu lassen und weiß, diese authentisch und eingebettet in historischen Umfeldern ihren Lesern zu vermitteln.“

WDR 5 „Service Hörbuch“

„Die Autorin hat viel zu bieten: Sie beherrscht sämtliche Spielarten des klassischen Gesellschaftsromans, ihre Figuren sind beeindruckend echt und aus Fleisch und Blut. Sie blickt aus wechselnden Perspektiven auf diese Figuren, aber es wird nie unübersichtlich.“

Hörzu

„Ein richtig schöner Kaminschmöker!“

Osterholzer Kreisblatt

„Lennox gelingt es in all ihren Büchern, englische Geschichte anhand von einzelnen Schicksalen darzustellen; erzählte Familiengeheimnisse entwickeln wie Krimis einen Sog, ohne blutrünstig zu sein; und nicht zuletzt sind Romane über Schwestern und ihr Verhältnis zueinander für uns natürlich immer spannend!“

Neue Woche

„Emotional!“

Zeit für mich

„Ein Buch, so spannend, dass man es nicht mehr aus der Hand legt!“

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