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Meine erste Lüge

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Roman

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Meine erste Lüge — Inhalt

Luca ist kaum zehn Jahre alt, aber was von Waisenhäusern zu halten ist, weiß er genau – die kennt er aus dem Fernsehen und da will er auf keinen Fall hin. Deshalb beschließt er, niemandem zu sagen, dass im Schlafzimmer seine Mutter tot im Bett liegt. Er wird schon zurechtkommen. Schließlich ist er es gewohnt, sich um das meiste selbst zu kümmern, denn Mama war gelegntlich ein bisschen komisch, und einen Vater hat er nicht. So gut es geht versucht er, regelmäßig zu essen und einigermaßen sauber und ordentlich in der Schule zu erscheinen. Eine Zeitlang läuft alles glatt, doch dann gibt es doch ein Problem ... "Man liest „Meine erste Lüge“ in einem Rutsch, mit angehaltenem Atem und immer wieder überläuft es einen kalt, wie den kleinen Helden dieses Romans, der versucht, der leeren Wohnung mit weit geöffneten Fenstern Leben einzuhauchen.“ La repubblica

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 16.04.2013
Übersetzer: Ulrich Hartmann
192 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96163-9

Leseprobe zu »Meine erste Lüge«

Für Greystoke und für seine Brüder

 

An manchen Tagen

 

An manchen Tagen frage ich mich: Was heißt es, Halbwaise zu sein?
Ihr könnt es nicht wissen, weil ihr seid groß.
Ihr habt Eltern, die schon wie Großeltern aussehen, ihr habt eine Wohnung und könnt in alle Zimmer der Wohnung gehen, ihr habt ein Auto, um wegzufahren, ihr könnt so viele Dinge vergessen.
Mama sagt immer: Ich weiß noch. Aber ich bin mir da nicht so sicher; manchmal kommt es mir wirklich so vor, dass sie überhaupt nicht mehr weiß, wie es einem in meinem Alter geht. Das passiert den [...]

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Für Greystoke und für seine Brüder

 

An manchen Tagen

 

An manchen Tagen frage ich mich: Was heißt es, Halbwaise zu sein?
Ihr könnt es nicht wissen, weil ihr seid groß.
Ihr habt Eltern, die schon wie Großeltern aussehen, ihr habt eine Wohnung und könnt in alle Zimmer der Wohnung gehen, ihr habt ein Auto, um wegzufahren, ihr könnt so viele Dinge vergessen.
Mama sagt immer: Ich weiß noch. Aber ich bin mir da nicht so sicher; manchmal kommt es mir wirklich so vor, dass sie überhaupt nicht mehr weiß, wie es einem in meinem Alter geht. Das passiert den Erwachsenen oft.
Die Schlimmsten sind die, die sich über deine Spiele hermachen und nicht mal wissen, wie man spielt. Sie wollen gewinnen und sie können überhaupt nicht verlieren. Wenn es anfängt, dir Spaß zu machen, fällt ihnen ein, dass sie was Dringendes zu erledigen haben … Sie haben ihr Auto oder ihr Kind irgendwo gelassen, wo es nicht bleiben kann.
» Tut mir leid, Schatz, aber jetzt muss ich wirklich los. « Noch schlimmer sind die, die dich nicht beachten und sich mit Mama im Schlafzimmer einschließen.
»Wir gehen nach hinten und unterhalten uns ein bisschen. «
Sie sagen, sie müssen reden, aber ich weiß genau, dass sie Sex machen, weil sie ganz sachte den Schlüssel im Schloss umdrehen und ganz wenig sprechen, und manchmal wimmert Mama und macht »pssst!«
Mama denkt, dass ich nichts mitbekomme, weil ihr Zimmer am Ende vom Flur ist. Aber nun ist klar, dass ich immer achtgeben muss, damit ich weiß, was los ist. Ich setze das Ohroskop ein. Das ist wie ein Periskop, aber man nimmt es für die Ohren und versucht, die Kleinigkeiten mitzukriegen. Das Ohroskop ist kein richtiges Instrument, sondern eine ziemlich spezielle Haltung, man hört dann ganz von allein mehr. Über mich sagen alle, was für ein sensibler Junge ich bin. Ich weiß auch nicht, ob das ein Kompliment ist oder nicht. Sie behaupten es zwar mit einem Lächeln, aber etwas Trauriges hinter diesem verständnisvollen Lächeln sagt mir, dass sie gar nichts kapiert haben. Ich trainiere das Sensibel-sein, da stellen die Antennen sich von ganz allein auf.
Ich habe gelernt, dass die Kleinigkeiten mehr sagen als die Dinge selbst, und wenn du auf die Kleinigkeiten achtgibst, kannst du die Erwachsenen überzeugen, dass alles in Ordnung ist. Sie glauben dir, weil die Kleinigkeiten bei dir alle stimmen.
Falsche Kleinigkeiten sind: ungekämmte Haare, schmutzige Hefte, Bücher mit Eselsohren, Schrammen und schwarze Fingernägel, schmutzige Wörter.
Die Erwachsenen haben es besonders mit den schmutzigen Wörtern. Meistens sind die Wörter, die die Erwachsenen schmutzig finden, nicht dieselben wie meine.
»Du sollst keine Schimpfwörter in den Mund nehmen. «
»Das sind keine Schimpfwörter, es stimmt einfach nur. «
Arschgesicht ist der Beweis dafür. Wenn einer wirklich ein Gesicht hat, das wie ein Arsch aussieht, mit dieser Ritze zwischen den Nasenlöchern und Haut so rosa wie Nonnenschlüpfer, ist das nicht meine Schuld.
Auch »Schweinsdreck« sage ich ziemlich gerne, das ist irgendwie beruhigend. Es ist, als würde man zweimal hintereinander »wie eklig, wie eklig« sagen, oder so wie Hundekacke auf dem Bürgersteig. Die vom Nachbarshund zum Beispiel ist riesengroß, da wunderst du dich und ekelst dich gleichzeitig, so richtig Schweinsdreck eben. Aber wenn man so was wie »Zicke« sagt, dann ist das wie Niesen, wenn dich seit einer halben Stunde die Nase juckt. Eine Zicke ist so eine wie Antonella, nur dass das klar ist. Sie sieht klasse aus, hat blonde, lange, glatte Haare und Grübchen, wenn sie lächelt, aber sie lächelt dich nie an, als ob du Schweinsdreck wärst. Oma hat mich auch immer in die Backen gekniffen, damit ich Grübchen kriege.
» Komm doch mal her, dann mache ich dir Grübchen wie Cary Grant.«
»Lass mich in Ruhe, ich will keine Grübchen, ich finde Grübchen beschissen.«
Ich laufe um den Tisch herum, stolpere über die Stuhlbeine, verstecke mich hinter den polierten roten Äpfeln in der Obstschale mit den verschiedenen Etagen wie eine Hochzeitstorte.
»Du kriegst mich nicht, alte Hexe.«
»Das sagt man nicht zu seiner Oma, du ungezogener Junge. «
»Hexe, Hexe, morgen verreckt se.«
»Wo hast du so was bloß her?«
Den Erwachsenen gefallen bestimmte Wörter nicht, und inzwischen habe ich gelernt, sie nicht mehr zu sagen, wenn sie dabei sind.
Gefallen tun den Erwachsenen dafür die Wörter Schwiegervater, Schwiegersohn, Servolenkung, Urlaub, Kollege, Kredit, Parodontose und vor allem Wörter, die auf -gie enden: Psychologie, Neuralgie, Nostalgie, Strategie, Allergie.
Mama zum Beispiel leidet an allen Gies zusammen.
Sie sagt, dass die Psychologie ihr nicht hilft, dass die Neuralgie sie um den Schlaf gebracht hat, dass sie mit Nostalgie an einen Mann denkt, der noch ein Mann ist, dass man aber eine Strategie haben müsste, um einen Mann zu finden, der ein Mann ist, oder um mehr Geld zu verdienen, dass mit den Pollen jedes Jahr die Allergie explodiert, dass Impfungen überhaupt nicht helfen.
Ich bin gegen all das geimpft.
Mama jammert immer, und manchmal ist sie wirklich ein bisschen traurig, aber komischerweise, wenn sie ganz ganz traurig ist, hört sie sogar auf zu jammern, sie geht langsam und ruhig durch die Wohnung wie ein Engel, der schmollt. Neulich habe ich sie kurz gesehen, als ich den Flur runterging, die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand halb auf. Sie saß auf dem Bett und zog die Nase hoch, sie hatte rote Augen und geschwollene Lider, ich glaube, nicht wegen der Allergie. Es ist nicht schön zu sehen, dass deine Mama weint, denn du weißt nicht, wie du ihr helfen kannst. Außerdem möchtest du der Einzige sein, der zu Hause weint, wenn ihm danach ist, denn du bist ja noch nicht groß, also kannst du, auch wenn es dich selbst ärgert, noch manchmal weinen, du darfst das, denn deine Freunde tun es auch. Ich beneide meine Schulkameraden, die einfach losheulen können, wenn ihnen danach ist. Bei mir geht das nicht, denn Mama ist so traurig, dass ich nicht trauriger als sie sein kann. Sonst ertrinken wir noch. Und wir haben keinen Papa, der uns rettet wie so ein Feuerwehrmann, der einen bei Anschlägen aus der Gefahrenzone trägt, ein Papa vom Typ Papa aus der Werbung. Wir sind immer ein bisschen in Gefahr.
Mama sagt, dass Papa sich in Luft aufgelöst hat. Wenn sie das sagt, schaut sie nach oben, über meine Schultern hinweg, als wäre die Luft noch da, hinter mir, als sähe sie ein Gespenst, und ich drehe mich spontan um. Aber ich kann nichts entdecken, nur das Bild mit einem aufgewühlten Meer, das über der Couch mit den zerkratzten Lehnen hängt, ein scheußliches Bild, auf dem das Wetter voll scheußlich ist, mit einer gekritzelten Unterschrift unten rechts.
»Es ist impressionistisch«, erklärt Mama, »da geht es um den Eindruck.« Dies hier ist höchstens eindrucksvoll scheußlich.

 

Ich habe nie kapiert, ob Papa echt gestorben ist oder ob er nur für uns in dem Moment, als ich auf die Welt gekommen bin, gestorben ist. Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, ob er sich nicht gerade auf einem Motorrad mit irgendeiner Ersatzmama amüsiert. Aber ich will nicht darauf herumreiten, es scheint mir nicht richtig, meine Nase da reinzustecken. Ich gebe mich mit der offiziellen Version zufrieden, es macht ja auch keinen so großen Unterschied, er ist sowieso nicht da. Ich versuche meistens, das Thema zu wechseln, wie wenn Mama mich nach der Schule fragt oder nach der Klassenarbeit, dann konzentriere ich mich auf einen Zeigefinger und finde ein Häutchen, das man mit den Zähnen abreißen kann, oder einen kleinen weißen Fleck auf dem Nagel, eine kleine Lüge, sagt man bei uns, aber der Doktor sagt, es zeigt an, dass ich Kalziummangel habe. Und das, wo Mama mich immer zwingt, Milch zu trinken.
Sagen wir also, dass ich schon mehr oder weniger immer Waise väterlicherseits bin, und Waise ist übrigens das einzige Wort, das ich hasse und das auch die Erwachsenen hassen. Über Waise sind wir uns einig.
Waise ist in meinem Fall wie ein Mantel, dem ein Ärmel fehlt.
Die Kinder benutzen das Wort Waise als Schimpfwort.
Die Erwachsenen dagegen sagen das Wort Waise, wenn sie es aussprechen, halblaut, wie wenn sie über Krankheiten reden oder über ein Unglück, das zum Glück den anderen zustößt. Es gibt viele Eltern, die beschließen, dass sie aufgeben, es gibt viele Kinder, die einen der beiden nur von Zeit zu Zeit sehen, aber Waise, nein, das ist wirklich übel, es ist, als würde dir ein Stück fehlen, und alle sehen nur dies Stück, das nicht da ist. Du bist nicht das, was du bist, sondern das, was dir fehlt. Wie wenn einer ein Glasauge hat, dann starrst du in das Glasauge, das nichts sieht, und nicht in das gesunde, das dich ganz intensiv anschaut. Halbwaise zu sein ist jedenfalls ein bisschen eine Krankheit, denn es macht dich komisch, und es gibt Sachen, die du ohne einen Vater nicht tun kannst.
Als Mama mir das erste Fahrrad geschenkt hat und mit mir auf den Parkplatz gegangen ist, um mir Radfahren beizubringen, und ich meine ersten drei Runden gedreht und versucht habe, nicht gegen die Stoßstangen der Autos zu stoßen und nicht gegen die Planken aus Beton, und mich trotz der Aufregung angestrengt habe, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, hat der Reifen vorne bei der dritten Runde ein Loch bekommen und psss gemacht, ein Geräusch wie ein furzender Schmetterling.
»Uff, und wer kann jetzt einen Platten flicken?« Ich, mit einem Platten und mit eingezogenem Schwanz:
» Macht nichts, dann gehen wir halt nach Hause. «
Man gewöhnt sich daran, ich bin daran gewöhnt.
Klar, wenn Mama so ist, dass es einem vorkommt, als ob sie nicht die Bohne kapiert, wie man sich fühlt, wenn man das neue Fahrrad nach Hause schieben muss, würde ich alles tun, sie aus dieser Macht-nichts-Blase rauszuholen. In der verkriecht sie sich, sobald sie kann, und hält die Nase hoch in die Luft, als würde die Sache sie nichts angehen oder als gäbe es da oben, über den Häusern, über den Dingen, über den Flachdächern, unter dem Himmel, der eine Farbe wie Bauchweh hat und wo man nie Möwen fliegen sieht, eine Antwort, die Lösung, die wir brauchen: einer, der platte Reifen repariert, ein Flickenladen, nur gerade leider wegen Urlaub geschlossen. Dann könnte ich sie manchmal erwürgen, das schwöre ich, aber nur, wie man so sagt, ich möchte nie und nimmer Vollwaise werden, denn dann sitzt man echt in der Scheiße. Wenn du Vollwaise bist, holen sich dich und stecken dich in ein Heim. Sie legen dir eine Hand auf die Schulter und bringen dich in deine Zelle. Wenn du keinen Vater hast, na ja, aber wenn du beide nicht hast, Mama und Papa meine ich, dann denken sie, es könnte ansteckend sein, also stopfen sie dich in eine Art Krankenhaus, wo alle wie du sind, auch wenn sie genau wissen, dass man nicht wieder gesund werden kann. Sie sperren dich in dieses Krankenhaus ein, und du musst tun, was sie sagen, du hast dein Zuhause nicht mehr, dein Zimmer nicht mehr, du hast nur eine Schweinsdreckkrankheit. Auch deshalb gebe ich auf die Kleinigkeiten acht.
Ich erinnere mich an solche Kinder, aus einem Film, den ich gesehen habe, als ich klein war. Ganz viele Kinder zusammengepfercht in eisernen Feldbetten mit verrosteten Scharnieren wie die im Altenheim oder die im Gefängnis und im Irrenhaus. Wer allein ist, ob alt oder jung, endet, egal jetzt mal warum, immer an solchen Orten, weil sie nicht wissen, wohin mit den einzelnen Leuten, also tun sie sie alle auf einen Haufen und hoffen, dass sie sich Gesellschaft leisten.
Mama, das muss ich zugegeben, versucht ab und zu, mir einen neuen Papa zu beschaffen, aber dann, ich weiß nicht warum, läuft es nie, wie es soll.
»Der Papa ist tot, es lebe der nächste Papa.«
Sie sagt das, wie um sich zu entschuldigen, hebt die Schultern und seufzt, dann verschwindet sie in dem Kragen vom Pullover wie eine Schildkröte in ihrem Panzer, lacht mit hellen und feuchten Augen und umarmt mich mit einer Bewegung, von der man sieht, das sie ihr Mühe macht – als wäre das Heben der Arme ein Gewichtheben, und wenn sie mich umarmt, lädt sie ein bisschen von dem Gewicht auf mich ab. Mama findet den Spruch witzig, und ich weiß, es ist nicht ihre Schuld, wenn man nicht lachen muss.
Gewöhnlich sagt sie dann:
» Wollen wir nicht schlafen gehen ? Ich muss morgen früh aufstehen.«
Der letzte Papa zum Beispiel war eigentlich nett, aber mir gefiel er nicht, weil er einen Bart hatte, der kratzte und wie die Sitze im Zug roch. Er wirkte schmutzig, oder eher als schmutzig wirkte er arm, und wir können keinen heruntergekommenen Papa brauchen. Wenn wir wirklich einen nehmen müssen, dann soll er wenigstens normal sein, damit man sich nicht schämen muss. Ich habe es satt, mich dafür zu schämen, dass ich anders bin.

 

In der Schule halten sie uns eine Menge Predigten darüber, dass wir jeden, der anders ist, akzeptieren sollen: die Kinder aus Nicht-EU-Ländern, die Behinderten, die aus schwierigen Familienverhältnissen, diejenigen, die keinen Schinken essen, diejenigen, die kein blutiges Fleisch essen, diejenigen, die nur Gemüse essen, diejenigen, die nie essen, und diejenigen, die sich immer überfressen, die Fettröllchen an den Knöcheln haben und auf X-Beinen stolpern wie mein Schulkamerad Ciccio Broccolo aus Brindisi. Ich bin einverstanden, ist klar. Aber trotzdem, ich will keinen komischen Papa. Im Fernsehen gibt es nie Papas mit schwarzen Barthaaren, die wie Nägel ins Gesicht geschlagen sind, und auch keine, die als Beruf an den Ampeln Autoscheiben putzen, auch im Sommer in einer Windjacke mit schmierigem Kragen. Warum sollten ausgerechnet wir uns so einen ins Haus holen? Beim letzten hat Mama mir recht gegeben, auch wenn sie oft traurig ist. Mama ist zu schön für so einen, wenn der sie mehr als normal küsste, kriegte sie Ausschlag.
»Es geht nicht um reich, arm, schön, hässlich. Gefühle sind eine komplizierte Sache.«
Aber im Grunde weiß ich, dass wir einer Meinung sind. Die letzten Male, als sie sich ins Schlafzimmer eingeschlossen haben, um zu reden, hat sie nicht mehr gewimmert.
»Warum schaffen wir uns statt einem Papa nicht einen Hund an?«
»Ich bin zu müde für einen Hund.«
»Mama, stell dir mal vor, wie schön, ein Schweinehund, der einen Schweinsdreck macht!«
Ich habe das so gesagt, weil ich wütend war, und sie hat mich komischerweise nicht ausgeschimpft, sondern sogar ein bisschen gelächelt und dabei die rechte Augenbraue hochgezogen, als komme ihr eine Idee.
»Wenn du willst, kannst du zum Geburtstag eine Katze kriegen. «
So haben wir jetzt Blu, einen Kater, der aussieht wie aus einem Comic.
Wir haben ihn Blu genannt wegen seiner Rasse und auch weil Mama Blues mag, ach, der Blues!
»Hör mal zu: Der Blues ist wie Meeresrauschen, mach die Augen zu und lass dich wiegen.«
Blu ist vielleicht kein Hund, aber er ist ein schöner Kater, und auch ihm gefällt Muddy Waters.
»Weißt du, warum sie ihn so genannt haben?«
» Wen ? «
» Muddy Waters. «
» Nee. «
»Weil er als Junge immer im Fluss im Schlamm gespielt hat und immer ganz eingesaut nach Hause kam. «
»Der hatte es gut.«
Weil wir im siebten Stock wohnen und keine Flüsse und Bäume und andere Naturschönheiten um uns herum haben, schärft sich Blu die Krallen an unserer gelben Couch. Aus den Kissen kommen manchmal Federn, und er hält sie für kleine Vögel. Wenn ich ihm Papierkügelchen werfe, bringt Blu sie zurück wie ein Hund, er nimmt Anlauf, rutscht auf dem Fußboden aus – rutscht aus und ist beleidigt, tut so, als wäre nichts, legt dir das Kügelchen auf die Schuhe, das ist lustig. Es ist nur schade, dass ich ihn nicht mit nach draußen nehmen kann, wenn ich ihn an die Leine nehme, wird er ohnmächtig, das ist Narkolepsie, hat der Tierarzt gesagt, wie bei denen, die plötzlich einschlafen, weil plötzlich irgendwas in ihrem Gehirn passiert, aber nichts Schlimmes.
Der Tierarzt ist nett, total freundlich. Er hat große Augen hinter seiner Brille und in den schwarzen Haaren eine weiße Strähne, wie ein Honigdachs, und außerdem mag er Tiere, und aus den Ärmeln von seinem Hemd, die zu kurz sind, schauen lange Haare raus, fein und zart wie bei einem Wolfsjungen.
»Mama, wie findest du den Tierarzt?«
»Was für ein Tierarzt denn, rede kein dummes Zeug, sonst muss ich nachher nicht nur den Gynäkologen wechseln, sondern auch noch den Katzendoktor. «
Ich versuche, mich nicht festzubeißen, sonst ist Mama genervt. Als wir aus der Praxis gehen und nach Fell und Desinfektionsmittel riechen, fühlen wir uns strahlend sauber, alle drei gesund und schön, da bin ich mir sicher. Das letzte Mal war eine Frau im Pelz da, die hatte ein schwarz-gelbes Leopardenmuster in den Haaren. Im Fernsehen habe ich in den Nachrichten gehört, es gibt einen Virus, der breitet sich so aus, hier ein Fleck und da ein Fleck, wie ein Leopardenmuster. Die Frau hat uns ganz böse angeschaut, weil ihr Hund starb, und vielleicht hatte der Virus mit dem Leopardenmuster ihren Ugo befallen, das arme Tier. Die Frau hat mir stumme Vorwürfe gemacht, weil ich habe von dem wackligen Drahtständer mit den Broschüren über das Halten von Tierjungen eine geklaut, Kätzchenleben, aber es ist nicht meine Schuld, wenn ich einen wunderschönen kleinen Kater habe und keinen Hund, der bald stirbt. Es tut mir leid, Frau Leopardenmuster, es tut mir so leid für Sie, und besonders für den Hund, und auch für die Leoparden, die Sie am Leib haben. Blu in seiner kleinen Box schob erstaunt die Schnauze zwischen den Stangen durch, neugierig und erschrocken über die Scheinwerfer der Autos und den Straßenlärm, und hoffte, dass er bald freigelassen würde, wenn schon nicht auf einer Wiese, dann wenigstens bei sich zu Hause. So ist das Kätzchenleben, beklag dich nicht, Blu, schließlich gibt’s welche, denen es schlechter geht.
»Aber der Tierarzt ist sehr tüchtig, oder?«
Ich verstehe, lassen wir es, sonst wird Mama traurig.
Wenn Mama zu traurig wird, bekommt sie Falten auf der Stirn, die so aussehen wie das Muster von Wellen auf so blödem nassem Sand. Aber wenn ihre schlechte Laune vorbei ist, ist es phantastisch. Wir spielen miteinander, tun so, als wären wir Kumpel, kitzeln uns und kämpfen, und bei den Zungenbrechern gewinne ich, bei mir bleibt Blaukraut Blaukraut und Brautkleid Brautkleid, und Fischers Fritz fischt frische Fische, und alle Tiere fliegen hoch, Ziegen, Hühner, Kühe, Leguane und Wasserschweine, hör auf, dir Sorgen zu machen, ich bin da, du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen. Mama und ich lachen wie die Blöden bis spät in die Nacht. Am nächsten Tag hoffe ich, dass es regnet oder schneit oder ein Tsunami kommt, nur um nicht aufstehen zu müssen. Am Morgen glaube ich, ich bin in Ferien, aber der Wecker klingelt ohne Mitleid, schöner Beschiss. Wenn Mama Albträume hat, sagt sie, dass man in dieser Welt nicht mal in Frieden schlafen kann, und das denke ich dann auch. Andere Male sagt sie, dass die Pillen ihr die Träume geraubt haben, dass der Schlaf nur kohlrabenschwarz war. Sie wird wach und ist ganz durcheinander und weiß nicht, wo sie anfangen soll, manchmal macht sie Kaffee ohne Wasser oder ohne Kaffee.
»Sag nichts zu mir, frag mich nichts, ich weiß heute Morgen rein gar nichts.«
Wenn ich aufstehe, stehe ich auf, doch in mir drin bleibe ich liegen. Ich laufe herum, doch innen drin bleibe ich schön mollig warm im Schlaf, in der zweiten Haut vom Schlafanzug, die Poren der Haut sind lauter geschlossene kleine Augen, ich träume von einer riesigen guten Hand, die sie mir alle reibt. Ich wärme mich an mir selbst auf, während die Beine sich kribbelnd zu bewegen beginnen, weil ich natürlich spät dran bin.
» Beeil dich. «
Noch so etwas, das die Erwachsenen dauernd sagen.
»Los, beeil dich, beweg dich, wir sind spät dran.«
Sie sind es, die sich beeilen sollten, ich habe ganz viel Zeit, erklärt denen das mal. Aber weil ich schließlich immer aufstehe und alles mache, weiß ich auswendig, was ich tun muss, das ist wie bei der Nationalhymne: Fratelli d’Italia, l’Italia s’è desta, ich brauche keinen, der mir vorsagt, wie’s weitergeht.

Marina Mander

Über Marina Mander

Biografie

Marina Mander wurde in Triest geboren und lebt und arbeitet als Kommunikations-Coach in Mailand. Sie schreibt Prosa, seit sie denken kann, und veröffentlichte mehrere Erzählungen und Theaterstücke. „Meine erste Lüge“ ist ihr erster Roman. Die Übersetzungsrechte wurden bislang in 10 Länder verkauft,...

Pressestimmen

Märkische Allgemeine

»Eine traurige Geschichte voller Wucht. Und doch so leise und liebevoll.«

Ruhr Nachrichten

»Unglaublich dicht, bedrückend und intensiv.«

Münchner Merkur

»Sprachlich souverän, oft verstörend, manchmal ungewöhnlich mutig und gelegentlich humorvoll.«

Kieler Nachrichten

»Ein interessantes Debüt, das einfühlsam vom inneren Dilemma eines Kindes in einer Extremsituation erzählt.«

SWR 1

»ein kleiner, aber ganz ganz großer Roman«

Neue Westfälische

»Wunderbar geschrieben, herzzerreißend, tragikomisch.«

Schweizer Illustrierte

»Für alle, die intelligente und berührende Romane lieben.«

Wilhelmshavener Zeitung

»Ein bemerkenswertes, sprachlich souveränes Romandebüt. (...) selten ist "gehörte Stille" und eine konfuse kindliche Gefühlswelt eindringlicher formuliert worden.«

Tiroler Tageszeitung

»Grandios.«

buzzaldrins.wordpress.com

»Eine traurige, beklemmende aber auch humorvolle Reise in die Gedankenwelt eines neunjährigen Jungen. ›Meine erste Lüge‹ ist ein starker und berührender Roman und die Autorin erweist sich mit ihrem Romandebüt als eine gekonnte Erzählerin.«

Doppelpunkt (CH)

»Die Autorin folgt feinfühlig und unaufgeregt der Gedankenwelt des Jungen, sodass der Leser sie innerlich inständig darum bittet, den Jungen aus seiner selbst gewählten Isolation zu befreien.«

Ruhr Nachrichten

»›Meine erste Lüge‹ ist keine sentimental-traurige Geschichte, denn sie wird aus der Perspektive des Kindes erzählt - naiv, altklug und nicht ohne tragikomische Momente.«

WDR 5 - Bücher

»Dramatische Geschichte, so raffiniert geschrieben, dass man bei aller Tragik sogar lachen muss.«

Was ist los?

»Großartiger Roman«

Badische Zeitung

»Sätze, leicht und schwebend wie Ascheflocken, die über einem brennenden Herzen tanzen.«

WDR - Frau TV

»Ein unglaublich raffiniertes Buch und eine Autorin, die sich mit ihrer Sprache tief in die Gedanken eines kleinen Jungen eingräbt. (...) Die Idee ist ziemlich gewagt, aber sie funktioniert perfekt.«

Börsenblatt

»Ein grandioser, verzweifelter Roman.«

Frau und Mutter

»Ein kurzweiliges und zugleich auch ergreifendes Buch.«

Eselsohr

»Großartige Literatur, die das Schwere und Leichte benennt, den Tod nicht ausspart und neben jugendlichen Lesern auch Erwachsene begeistert.«

booksection.de

»Ein herzzerreißender und gleichermaßen tragischer und komischer Roman.«

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