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Blick ins Buch

Mein Sohn und der Berg

Unser Abenteuer in Norwegens Natur

Hardcover
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Mein Sohn und der Berg — Inhalt

Wie der Vater, so der Sohn

August ist sieben Jahre alt, als sein Vater Torbjørn Ekelund ihn erstmals auf eine große Tour in die Natur mitnimmt. Mit Rucksack und Zelt laufen sie durch magische Kiefernwälder und über felsige Pfade. Ihr Ziel: der Gipfel des Styggemann südwestlich von Oslo. Dabei folgen sie den Spuren eines kleinen Jungen, der 122 Jahre zuvor auf der Route verschwunden ist. Ekelund sucht nach einer Erklärung, was damals passiert sein könnte. Gleichzeitig beobachtet er mit Neugier und Faszination, wie spielerisch sein Sohn sich durch die Landschaft bewegt und mit welcher Ausdauer er Herausforderungen meistert. Ein berührender Text über die Kompromisslosigkeit der Elemente, unsere Verbundenheit mit ihnen und die besondere Beziehung zwischen Vater und Sohn.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 19.03.2019
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
160 Seiten, Halbleinenband
EAN 978-3-89029-504-6
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 19.03.2019
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
144 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99285-5

Leseprobe zu „Mein Sohn und der Berg“

Mein Sohn heißt August. Dieses Buch handelt von ihm und von einer Wanderung, die wir in dem Sommer unternommen haben, als er sieben wurde. Wir nannten sie Expedition. Wir wanderten durch eine einsame Berglandschaft, nur er und ich. Alles, was wir brauchten, trugen wir mit uns. Zelt und Schlafsäcke, Liegematten und Ausrüstung, schwere Rucksäcke voller Proviant. Das Gelände war hügelig, und das Wetter war schlecht. Wir begegneten so gut wie niemandem.

Das Gebirge, in das wir gingen, heißt Skrim. Es liegt unmittelbar südlich von Kongsberg und gilt als [...]

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Mein Sohn heißt August. Dieses Buch handelt von ihm und von einer Wanderung, die wir in dem Sommer unternommen haben, als er sieben wurde. Wir nannten sie Expedition. Wir wanderten durch eine einsame Berglandschaft, nur er und ich. Alles, was wir brauchten, trugen wir mit uns. Zelt und Schlafsäcke, Liegematten und Ausrüstung, schwere Rucksäcke voller Proviant. Das Gelände war hügelig, und das Wetter war schlecht. Wir begegneten so gut wie niemandem.

Das Gebirge, in das wir gingen, heißt Skrim. Es liegt unmittelbar südlich von Kongsberg und gilt als kleinste zusammenhängende Gebirgslandschaft Norwegens. Es hat eine Fläche von dreiunddreißig Quadratkilometern, große Teile davon stehen unter Naturschutz. Das Gelände ist von zahlreichen Erhebungen durchzogen. Die ganze Zeit geht es bergauf und bergab, was das Wandern recht anstrengend macht. Das eigentliche Skrim-Massiv, die höchste Erhebung der Gegend, besteht aus mehreren hohen Gipfeln. Der höchste davon heißt Styggemann und liegt 872 Meter über dem Meer. In einem größeren Zusammenhang betrachtet, ist er nicht sehr hoch, doch in dieser Landschaft wirkt er wie ein wuchtiger Koloss.
Das Ziel der Expedition bestand darin, den Gipfel des Styggemann zu besteigen. Für einen Erwachsenen ist er eine normale Tagesetappe von dem Ort entfernt, an dem wir losgingen – sofern man den kürzesten Weg wählt. Wir aber wollten nicht den kürzesten Weg nehmen. Wir wollten nach Lust und Laune umherstreifen, uns dabei so viel Zeit nehmen, wie wir brauchten, unser Lager aufschlagen, wenn es Abend würde, und am nächsten Tag weitergehen.
Für August war die Expedition ein Abenteuer. Im Zelt schlafen, ein Lagerfeuer entfachen, im Gebirge herumklettern und Stöckchen schnitzen – das Leben in der Wildnis, in seiner reinsten Form. Für mich war es das auch, aber ich hatte noch einen weiteren Beweggrund. Es gab etwas, das ich herausfinden wollte. Etwas, das mich lange Zeit beschäftigt hatte und das ich nicht aus dem Kopf bekam.
Es war eine Geschichte, auf die ich zufällig gestoßen war. Sie handelt von einem Jungen, der sich vor über hundert Jahren in diesem Gebirge verlaufen hatte. Sein Name war Hans Torske. Er war sechs Jahre alt, als er spurlos verschwand. Ungefähr so alt wie August jetzt.
Die wenigen schriftlichen Quellen, die ich fand, gaben seine Geschichte nur spärlich wieder. Ich dachte an ihn von morgens bis abends. Ein kleiner Mensch in der großen Natur. Ich konnte ihn nicht vergessen.


Es ist Mittsommer. Wir schreiben das Jahr 1894. Durch eine weite, einsame Landschaft läuft ein Junge. Zwischen Bäumen und Bergen ist er bloß ein winziger Punkt, ein kleiner Mensch. Es ist heiß. Er trägt kurze Hosen, Hemd und Jacke. Auf dem Kopf eine Mütze. Er hat keine Schuhe.
Der Junge läuft allein. Durch das Dickicht und das Moor. Er erklimmt Felsrücken und steigt über Bäche hinweg. Die Wälder sind düster, der Boden ist feucht und mit Farnkraut und Moos bedeckt. Das Moos dämpft seine Schritte. Das Farnkraut reicht ihm bis zu den Schultern. Er läuft über blank gewetzte Felsen, die wellig sind und warm, beinahe weiß im Licht der Sonne.
Er dreht sich um und blickt über die Landschaft. In der Ferne unten sieht er Holzhäuser, Ackerstreifen und seine Heimatstadt Kongsberg. Dort wohnt er mit seiner Mutter, seinem Vater und seinem älteren Bruder. Früher hatte er noch drei weitere Geschwister, aber die sind alle gestorben. Der Vater und der Bruder sind in der Stadt geblieben, nur der Junge und seine Mutter haben sich zum Almhof aufgemacht. Die Mutter leidet an Tuberkulose. Sie braucht Ruhe und frische Luft, deshalb sind sie dort hingegangen.
Der Junge hat heute Geburtstag. Oder war das gestern? Er weiß nicht mehr, wie viele Tage vergangen sind, seit er sich verirrt hat. Er ist jetzt sechs Jahre alt. Sie wollten auf dem Hof feiern, sein Bruder hat ein Segelboot aus Holz geschnitzt, das der Junge als Geschenk bekommen sollte. Aber das weiß der kleine Junge nicht, als er dort steht und nach Norden sieht, auf die Bauernhöfe und die Stadt, die Rettung bedeuten.
Er blickt umher. Er weiß nicht, wo er ist. Es ist schon eine Weile her, dass er die Orientierung verloren hat. Er erinnert sich nicht mehr, wo er abgebogen ist oder welche Richtung er eingeschlagen hat. Vielleicht ist er immer geradeaus gelaufen? Vielleicht ist er im Kreis gelaufen? Er kennt sich in dieser Gegend nicht aus, er ist hier nie zuvor gewesen.
Er geht weiter, immer bergauf. Ein Felsgipfel gleicht dem anderen. Die Bäume, die Moore – alles sieht gleich aus. Die Stunden vergehen. Er ist erschöpft. Stillt seinen Durst in einem Bach. Findet ein paar Beeren, die den schlimmsten Hunger lindern.
Es wird dunkler. Der Junge kommt immer höher hinauf. Er läuft weiter. Dreht sich um. Bleibt abermals stehen. Vielleicht weint er. Vielleicht ruft er. Vielleicht ist ihm klar geworden, dass er den Weg nach Hause nicht finden wird.


Ich habe zwei Kinder, eine zehnjährige Tochter und einen Sohn, der sieben ist. Sie waren einmal Babys, hilflose Geschöpfe, die kaum an Menschen erinnerten. Sie konnten weder laufen noch sprechen. Sie waren außerstande, sich selbst zu versorgen, und abhängig von jemandem, der sich um sie kümmerte.
Nun sind sie groß. Sie können schon viel und lernen immer mehr dazu. Und doch halte ich sie immer noch für hilflos. Ich fürchte mich vor allem, was ihnen zustoßen könnte, vor den überall lauernden Gefahren. Deshalb tue ich alles Erdenkliche, um sie zu beschützen. Die ganze Zeit, jeden Tag. Ich weiß, dass sie Freiheit brauchen, um lernen zu können. Dass wir ihnen Raum für eigene Erfahrungen geben müssen, damit sie ihr Leben zu einem späteren Zeitpunkt allein meistern können. Sie werden nicht immer Kinder sein. Sie werden älter, werden zu Erwachsenen wie wir. Eines Tages bekommen sie vielleicht selbst Kinder. Dann beherrschen sie die Welt, und es werden andere sein, die lernen.
Das alles weiß ich.
Und doch wache ich über sie.
Ich kann nicht anders.

Auch ich war einmal Kind. Jemand passte auf mich auf und erzog mich. Manchmal blicke ich auf mein Leben zurück und frage mich, was mich zu dem gemacht hat, der ich bin. Die Wertvorstellungen meiner Eltern, die Umgebung, die Freunde, die Schule und die Zeit, in der ich aufwuchs.
Ich erinnere mich an all das. Gleichwohl gibt es etwas, das sich daraus hervorhebt und aus heutiger Sicht bedeutender erscheint als alles andere: Ich lernte, mich in der Natur zurechtzufinden. Und mir wurde vermittelt, dass die Natur einen Wert an sich darstellt. Schon früh im Leben hat sich dieses Verständnis in mir verfestigt. Ich begriff, dass die Natur wichtig ist für die Menschen und dass sie sich im positiven wie im negativen Sinn auf unser Leben auswirkt. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur nahm in der Weltsicht meiner Familie einen zentralen Platz ein. Die Natur schafft die Bedingungen für alles Leben, auch für unser eigenes. Wir sind von der Natur abhängig – nicht nur als Nahrungsquelle, sondern auch, weil sie Perspektiven eröffnet, weil sie die Quelle für Erfahrungen, Freiheit und Freude ist. Die Natur kann sanft sein, sich aber auch gnadenlos zeigen. Und vor allem: Sie verlangt Respekt.
Zu Beginn war mein Verhältnis zur Natur intuitiv und ohne Worte. Später konnte ich es besser einordnen – es hatte etwas mit Identität zu tun, also dem, was am ehesten beschrieb, wer ich war. Ich war jemand, der sich gern in der Natur aufhielt. Dort fühlte ich mich zu Hause. Ich hatte das Gefühl, dass ich das Leben in der Natur beherrschte, dass ich es verstand und auf eigenartige Weise damit verbunden war. Doch ich wurde älter, und im Laufe der Jahre vergaß ich all das oder schob es in den Hintergrund. Es musste Dingen weichen, die ich zu jener Zeit für wichtiger hielt und die vielleicht auch wichtiger waren.

Nach der Geburt meiner Kinder dann wurde ich an die Funktion erinnert, die der Natur in unserem Leben zukommt. Nicht unmittelbar danach, denn erst einmal musste ich mich mit anderem beschäftigen. Alles war neu, ich wurde mit Schlafrhythmen, Windeln und Dingen konfrontiert, mit denen ich zuvor nie zu tun gehabt hatte. Aber ziemlich schnell wurde mir dann klar, dass diese kleinen Geschöpfe gern im Freien waren. Es war bemerkenswert: Lange bevor sie laufen konnten, krochen sie begeistert in der Natur herum und griffen mit ihren kleinen Händen nach allem Möglichen, hoben es auf, untersuchten es, steckten es in den Mund, spuckten es wieder aus oder verschluckten es. Stöckchen und Fliegen und Regenwürmer und Steine – es gab nichts, was sie nicht interessant fanden. Für uns Erwachsene, die danebenstanden und zusahen, war deutlich zu erkennen, dass diese Wesensart tief in der Natur der kleinen Menschen verankert lag. Sie mussten es weder lernen noch dazu ermutigt werden. Wir mussten nur die Tür öffnen und sie hinauslassen. Der Rest ergab sich von allein.
Wir waren viel im Freien. Oft direkt hinter dem Haus oder im Garten, im nächstgelegenen Wald oder in der Wochenendhütte am Meer. Die Kinder verlangten nicht viel, bloß Zugang zu einer natürlichen Welt, einem Ort, der nicht von Menschen bearbeitet oder als Spielplatz ausgewiesen war. Etwas, wo sie herumstöbern und was sie auf eigene Faust erforschen konnten.
Und genau das taten sie dann auch. Sie inspizierten die Gegend und erkundeten sie – auf taktile, visuelle oder auditive Weise –, entdeckten alle erdenklichen kleinen und großen Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung. Stundenlang konnten sie sich mit unbedeutenden Fleckchen in der Natur beschäftigen, die einem Erwachsenen gar nicht aufgefallen wären. Und während ich sie beobachtete, erinnerte ich mich daran, dass ich das Gleiche getan hatte, als ich Kind gewesen war. Nichts hatte ich lieber gemacht, als in eine kleine Welt abzutauchen und dort zu verweilen. Einer Ameisenstraße folgen und herausfinden, wo sie endet. Vom Ufer aus Flussbarsche beobachten, diese kleinen Geschöpfe mit den zitternden Brustflossen, die sich im Wasser auf und ab bewegen. Das Einzige, was mich wirklich fesselte, war das, was direkt vor meinen Augen geschah. Es war das Dasein in seiner ursprünglichsten Form.
Aus diesem Grund wollte ich meinen Kindern unbedingt beibringen, auf die Vielfalt, die Prozesse und die Entwicklungen in der Natur zu achten. Es war mir wichtig, dass sie den inneren Zusammenhang zwischen den verschiedenen Bestandteilen der Natur erkannten und ein Verständnis dafür entwickelten, wie diese Bereiche des Lebens voneinander abhängen und aufeinander einwirken. Ich wollte, dass sie begriffen, wie die Natur als Ganzes, als große Maschinerie, alles Leben auf eine Art und Weise lenkt, dass es sich selbst versorgen und erhalten kann.
Es geht dabei um eine tiefe, existenzielle Erfahrung, über die man in der Schule nichts lernen und die man im Internet nicht recherchieren kann. Es geht um Gefühle, die in winzigen, kurzen Augenblicken entstehen; Erlebnisse, die man immer in sich trägt, die mit fortschreitendem Alter an Bedeutung gewinnen und die dazu beitragen, sich als der Mensch zu verstehen, der man ist.
Erkenntnisse, die man vielleicht nie gewonnen hätte, wenn man als Kind nicht mit der Natur vertraut geworden wäre – zum Beispiel, indem man über einen feuchten Waldweg krabbelte und sich dabei Schnecken oder Regenwürmer in den Mund steckte. Oder indem man mit seinem Vater auf Zelttour ging, in dem Sommer, als man sieben Jahre alt wurde.


Das einsame Gebirge zwischen Kongsberg und Skien wird Skrim genannt. Es ist nicht sonderlich hoch, reicht kaum an die tausend Meter heran, ist aber für seine Wildheit bekannt. Spitze, steile Berggipfel durchziehen die endlosen Hochmoore […] Man kann auf einem Gipfel stehen, hinüber zum anderen sehen und dabei denken, dass es einfach sein müsste, dort hinzugelangen. Aber geht man erst einmal los, gerät man fast immer in unerquickliche Schwierigkeiten. Das Gelände zwischen den Gipfeln ist von tiefen Felsspalten und Klüften durchzogen, in der ganzen Umgebung gibt es unendlich viele dunkle Bergseen und heimtückische Moorlöcher, die der Landschaft eine magische und bedrohliche Aura verleihen. Mehr als nur einer hat sich im Laufe der Jahre dort verirrt […] Sogar Jäger und Fischer aus der Stadt, die die Landschaft wie ihre eigene Westentasche kennen, können niemals sicher sein, sich in der Gegend nicht zu verlaufen. Kommen Unwetter und Nebel hinzu, braucht man schon sehr viel Glück, um nicht eine oder mehrere Nächte unter einem Baum oder einem Felsüberhang verbringen zu müssen.
Andreas Eriksen, „Hansemann i Skrim“,Telemark Arbeiderblad, 20. August 1950


August war vier Jahre alt, als er zum ersten Mal im Zelt schlief. Wir waren allein, er und ich, an einem regnerischen Tag in der Nordmarka, ein Stück nördlich von Oslo.
Wir gingen nicht weit. Dennoch musste ich ihn über lange Strecken hinweg bis zum Lagerplatz auf den Schultern tragen und über noch längere auf dem Weg zurück. Ab und an kam es vor, dass er selbst laufen wollte. Ich folgte ihm dann durch den grünen Wald und beobachtete, was er tat. Nicht ein einziges Mal lief er einfach nur geradeaus, sondern er rannte hierhin und dorthin. Er las alle lose herumliegenden Gegenstände auf, und davon gab es nicht wenige. Er versuchte, große Bäume umzustürzen oder mitsamt der Wurzel herauszuziehen. Er kletterte auf Felsen, die aus dem Boden herausragten. Er stolperte, fiel hin und stand wieder auf. Er war nicht fähig, Entfernungen abzuschätzen oder seine Kräfte richtig zu bemessen.
Wenn er sich stark fühlte und ihm danach war, rannte er los.
Wenn er nicht mehr konnte, legte er sich hin.
Andauernd beklagte er sich: Er fühlte sich müde, er war nass geworden, ihm war kalt. Als wir am nächsten Tag nach Hause kamen, fürchtete ich einen Moment lang, dass ihn die Unternehmung traumatisiert haben könnte. Aber das war nicht der Fall. In den Monaten danach sprach er ständig von der Übernachtung im Zelt, ohne dabei im Geringsten frustriert zu wirken.
Es schien, als hätte er alles Unangenehme vergessen und nur die schönen Dinge in Erinnerung behalten.
„Ich möchte das noch mal machen“, sagte er.
Und so machten wir es noch mal.
Im folgenden Jahr unternahmen wir weitere Touren mit Übernachtung im Zelt. Alle waren kurz und überschaubar. August feierte seinen fünften Geburtstag, August feierte seinen sechsten Geburtstag. An einem dunklen Herbstabend sagte ich: „Vielleicht sollten wir mal eine richtige Expedition machen, nur du und ich?“
Er erwiderte: „Ja! Wann? Jetzt?“
„Nein, nicht jetzt. Wir müssen bis zum nächsten Sommer warten. Wenn du die erste Klasse hinter dir hast, dann bist du wohl groß genug dafür“, antwortete ich und erklärte ihm, es sei gut, dass es bis zum nächsten Sommer noch eine ganze Weile dauern werde, denn in der Zeit bis dahin müssten wir eine Menge vorbereiten. Wir müssten überlegen, wohin wir fahren wollten. Wir müssten unsere Ausrüstung überprüfen und nachschauen, was wir hatten und was wir noch alles brauchten.
Das sah er genauso.
Ich bat ihn, aufzuschreiben, welche Ausrüstungsgegenstände er schon besaß. Er schrieb MESSER auf ein weißes Blatt, mit dem R verkehrt herum. Das war alles, was er hatte. Ein Pfadfindermesser, das ich ihm in dem Sommer gekauft hatte, als er fünf wurde. Ein Messer mit einer hellen Lederscheide und einem lackierten weißen Holzgriff, dessen Ende rot angemalt war. Das war nicht viel, doch hätten wir vor dreihundert Jahren gelebt, hätte ich vielleicht gedacht, dass es genug sei.
August schien enttäuscht zu sein.
„Jetzt fehlt dir nur noch eine Unterhose, dann hättest du die gleiche Ausrüstung wie Tarzan“, sagte ich.
„Du bist nicht witzig“, gab er zurück.
Er saß auf dem Sofa und schaute auf das weiße Blatt Papier auf dem Tisch vor sich. Ich konnte ihm ansehen, dass er nachdachte, und nach einer Weile fielen ihm weitere Dinge ein, die er bereits besaß. Mit ein wenig Hilfe von mir schrieb er sie auf:

SCHLAFSACK
ANGELRUTE
CROCS
STOCKBROT
WASSERFLASCHE

In den folgenden Wochen schmiedeten wir Pläne. Ich plane gern im Voraus und stelle mir Ereignisse vor, die irgendwann in der Zukunft stattfinden sollen. August hat weder zur Zukunft noch zur Vergangenheit irgendeine Beziehung. Manchmal fragt er mich vielleicht, wie lange es noch bis zum Wochenende dauert oder was wir gestern gemacht haben. Abgesehen davon ist er ein Mensch, der seine gesamte Zeit in der Gegenwart verbringt. Vorausplanungen mag er nicht.

Der Herbst ging in den Winter über. August vergaß die Expedition und vertiefte sich in andere Dinge. Ich vergaß sie nicht, und nachdem er eingeschlafen war, saß ich abends oft am Küchentisch und studierte die darauf ausgebreitete Karte im gelben Licht der Lampe.
Ich zog verschiedene Gegenden in Erwägung.
Hardangervidda.
Femundsmarka.
Børgefjell.
Rondane.
Dann plötzlich kam mir der Skrim in den Sinn. Eine kleine Berglandschaft für einen kleinen Jungen. Genau dort, in dieser Landschaft, sollte unsere Expedition stattfinden.

Ich begann mit den Vorbereitungen und überprüfte die Ausrüstung. Ich schrieb auf, was uns fehlte, und ich besorgte mir Bücher über den Skrim, über die dortige Flora und Fauna, Geologie und Geschichte. Ich hatte eine vergilbte und abgegriffene Landkarte aus den 1970er-Jahren. Sie stammte noch von meinem Vater und war wohl die Karte, die wir benutzt hatten, als ich selbst noch ein Kind gewesen war. Ich suchte nach Landkarten jüngeren Datums und wurde bald fündig.
Die Skrim: Wander- und Loipenkarte war eine farbige Neuauflage der Karte aus den Siebzigern, mit praktischen Informationen und historischen Kuriositäten auf der Rückseite.
Mein Blick fiel auf eine Notiz mit dem Titel „Gedenkstätten“. Etwas weiter darunter stand:

Hans Torske war sechs Jahre alt, als er sich beim Breistul-Almhof, nordwestlich des Styggemann, verirrte. Eine Suche wurde eingeleitet. Ohne Ergebnis […] Erfahrungen aus jüngerer Zeit haben gezeigt, dass Kinder im Zustand der Erschöpfung über ein ungeheures Durchhaltevermögen und einen großen Aktionsradius verfügen. Außerdem neigen verirrte Kinder dazu, sich bergauf zu bewegen – was ihnen möglicherweise ein größeres Sicherheitsgefühl gibt …

Ich sah mir auf der Karte das Gebiet nordwestlich des Styggemann an. Am Fuß des Gebirges, wo die Landschaft abflachte, waren drei Almhöfe eingezeichnet, jeder davon mit einer Handvoll Gebäuden. Einer der Höfe hieß Breistul. Die Luftlinie zwischen dem Breistul-Hof und dem Styggemann betrug nicht mehr als ein paar Kilometer, aber die Höhenlinien auf der Karte zeigten an, dass das Gelände dort stark anstieg und dass es zwischen dem Almhof und dem Berggipfel einen Höhenunterschied von etwa fünfhundert Metern gab.
Irgendetwas geschah damals mit mir. Die Notiz auf der Karte klang so unverzagt, ja beinahe optimistisch, als wäre das Verschwinden eines Kindes etwas Alltägliches, das im Skrim-Gebirge ständig vorkam.
Ich konnte nicht aufhören, an diesen Jungen zu denken. Mich beschäftigte weniger, dass er vielleicht Hunger verspürt oder gefroren hatte, sondern dass er dort ganz allein gewesen war. Ich sah ihn vor mir, klein und verlassen in der Landschaft. Er will nach Hause, weiß aber nicht, in welche Richtung er gehen soll. Er möchte, dass ihm jemand hilft, aber niemand kann ihm helfen, weil niemand weiß, wo er ist.
Er verkörperte eine universelle Bedingung der Existenz: Der Mensch in seiner Winzigkeit trifft auf die vernichtende Überlegenheit der Natur.
Der Junge von der kleinen Notiz verlieh uns allen eine Gestalt.
Und plötzlich bekam die Expedition einen doppelten Sinn.

Torbjørn Ekelund

Über Torbjørn Ekelund

Biografie

Torbjørn Ekelund, Jahrgang 1971, ist norwegischer Journalist und Autor. Er schreibt u.a. für die Tageszeitung Dagbladet und ist Mitherausgeber eines unabhängigen kleinen Buchverlags. So oft es geht, verbringt er seine freie Zeit im Wald. Er hat das Onlinemagazin harvest.as mitbegründet, wo er über...

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