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Mein Körper ist so unsozial

Mein Körper ist so unsozial

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Mein Körper ist so unsozial — Inhalt

Ilse Gräfin von Bredow widmet sich dem Abenteuer Alter und lässt uns mal lustig, mal eher bitter, aber immer amüsant, an ihren Einsichten und Erfahrungen teilhaben. Im vertrauten, wunderbar leichten Ton erzählt sie von Herzenswünschen, körperlichen Beschwerden und enger werdenden Lebenskreisen, aber auch, wie ihr das Gedächtnis immer öfter Streiche spielt. Eine charmante, warmherzige und lustige neue Bredow.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 09.03.2015
192 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30582-2

Leseprobe zu »Mein Körper ist so unsozial«

Sie denken, mit zunehmendem Alter wird das Leben vielleicht nicht leichter, aber ruhiger und friedlicher. Vergessen Sie’s! Die Zeit vergeht in immer schnellerem Sauseschritt, und wir Alten keuchen hinterher, damit wir wenigstens einigermaßen mit dem uns mehr oder weniger aufgezwungenen technischen Fortschritt mithalten können und nicht am Ende alles durcheinanderbringen, so dass die Eier in der Tiefkühltruhe landen, aus deren Innerem die Nationalhymne zu hören ist, wenn wir den Deckel heben, deren Text wir aber leider vergessen haben. Während es sich [...]

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Sie denken, mit zunehmendem Alter wird das Leben vielleicht nicht leichter, aber ruhiger und friedlicher. Vergessen Sie’s! Die Zeit vergeht in immer schnellerem Sauseschritt, und wir Alten keuchen hinterher, damit wir wenigstens einigermaßen mit dem uns mehr oder weniger aufgezwungenen technischen Fortschritt mithalten können und nicht am Ende alles durcheinanderbringen, so dass die Eier in der Tiefkühltruhe landen, aus deren Innerem die Nationalhymne zu hören ist, wenn wir den Deckel heben, deren Text wir aber leider vergessen haben. Während es sich die Bestecke im Kühlschrank zwischen den Apfelsinen gemütlich machen, ist es durchaus möglich, dass wir fertigbringen, unseren kleinen Liebling, den Wellensittich, in die Mikrowelle zu packen, damit er wenigstens einmal im Leben Karussell fahren kann. Sie wissen ja, alles ist möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, denn, was die Phantasie betrifft, sind wir in Hochform, ja, manche unter uns bekommen es sogar fertig, sich ihr Paar Schuhe täglich neu zusammenzustellen: rechter Fuß Pumps, linker Fuß Pantoffel, was die Jugendlichen »supercool « finden. Auch der neu erworbene Fernseher gibt uns unlösbare Rätsel auf, ebenso wie die uns monatelang verwirrende Ankündigung der Umstellung von analogem auf digitalen Empfang. Dazu hätte in meiner Jugend auf dem Lande unsere Nachbarin die Achseln gezuckt und gesagt: »Is mich alles eins. Hauptsache, die Hühner legen.« Allerdings ging es damals, Anfang der dreißiger Jahre, mehr darum, welcher Flagge man den Vorzug geben sollte. Aber hier geht es um zwei Begriffe, die für mich trotz wiederholter Erklärungen in Presse und Fernsehen böhmische Dörfer bleiben. Wenn ich jemand, der mir fachkundig scheint, um Aufklärung bitte, ernte ich ein mitleidiges Lächeln. Doch die dann gütig erteilte Auskunft bringt mich auch nicht weiter. Immerhin habe ich begriffen, dass, wer Kabelanschluss hat, sich um nichts kümmern muss. Und tatsächlich, trotz meines alten Gerätes hat sich für mich nichts geändert.
Ganz anders bei einer Freundin. »Das Erste ist weg«, klagt sie fast schluchzend am Telefon.
»Das ist ja ein Ding«, sage ich in meiner Begriffsstutzigkeit. »Sind die pleite oder was?«
»Sei nicht albern«, sagt meine Freundin unfreundlich. Im Gegensatz zu mir hat sie einen nagelneuen Fernseher, röhrenlos mit Flachbildschirm und Hunderten von Möglichkeiten. Und sie hat ebenfalls wie ich einen Kabelanschluss. Meinen fachkundigen Rat, jemanden zu beauftragen, der ihr den richtigen Kanal einstellt, verhallt. Sie hat aufgelegt. Einen Tag später erzählt sie mir, dass ein Fachmann gekommen und nun alles in Ordnung sei. Aber, wie sie beteuert, hat sie das eine Menge Geld gekostet. Im Laufe der nächsten Tage häufen sich die Hiobsbotschaften. Bei dem einen ist Phoenix unauffindbar, bei dem anderen SAT1. Ich gebe meinem alten Fernseher einen leichten Klaps.
»Siehste«, sage ich, »wie gut, dass ich mir ein Zusatzgerät gespart habe.«
Aber das sind alles Bagatellen gegen das, was uns der Körper täglich bietet, mit dem wir jahrelang sehr viel sorgloser umgegangen sind als jetzt mit all dem technischen Kram. Hat man hier einmal auf den falschen Knopf gedrückt, muss man damit rechnen, dass es für das zwei Jahre alte Gerät kein Ersatzteil mehr gibt. Das ist das Merkwürdige an unserer Zeit. Nur um das Wachstum zu beschleunigen, landet anscheinend alles schnell wieder auf dem Müll. Ganz anders der Mensch, der anscheinend gar nicht alt genug werden kann. Im Gegenteil, die heutige Generation ist darauf aus, uns im Alter noch zu überflügeln und trainiert ihren Körper deshalb schon rechtzeitig dafür, was früher bei uns nicht so in Mode war, und schon gar nicht im Krieg. Kein Wunder also, dass unser Körper am Schluss des Lebens noch einmal so richtig zupackt und damit zeigt, wer hier jetzt der Bestimmer ist.
Während ich meine Hände eincreme, stelle ich plötzlich fest, dass der Zeigefinger der rechten Hand nun ebenso wie der linke den Kopf gebeugt hält und dass der Ringfinger seinen Dienst verweigert, so dass sich meine Ringe nicht mehr abstreifen lassen. Eben noch bin ich forschen Schrittes durch den Park marschiert, da signalisieren mir plötzlich meine Beine, Schluss mit lustig, und zwingen mich, die nächste Bank anzusteuern. Sie empfängt mich nicht gerade freundlich, sondern der Jahreszeit entsprechend äußerst kühl, was wiederum anderes in meinem Körper in Aufruhr bringt. Am nächsten Tag dagegen geben mir die Beine das Gefühl, dass ihnen so etwas wie Schlappmachen völlig fremd ist. Dafür beklagt sich mein rechtes Knie über das flotte Tempo. Doch wie wir wissen, soll man den Tag nicht vor dem Abend loben. Wer heutzutage den Bürgersteig wechseln will, tut gut daran, sich vorher umzudrehen, ob nicht gerade ein Radfahrer zum Überholen ansetzt, der, was das Tempo betrifft, sein Gefährt mit einem Porsche verwechselt. Ich drehe mich also um, und mein Körper lässt mich unerwartet Karussell fahren, so dass ich an einem geparkten Auto Halt suchen muss. Als ich einer Nachbarin, der sich andere Interessierte zugesellen, diese Leidensgeschichte erzähle, sind sofort mehrere Diagnosen und Ratschläge zur Hand, denn schließlich sind wir allesamt durch die vielen medizinischen Berichte in der Presse allmählich selber halbe Ärzte und benutzen fehlerfrei die am schwierigsten auszusprechenden medizinischen Fachwörter. Ich selbst, hier der »Patient«, habe allerdings nicht für möglich gehalten, wie viele Ursachen so ein kleines Missgeschick, wie es mir passiert ist, hat. Ein zu hoher oder ein zu niedriger Blutdruck, die Halswirbel, die Bandscheiben, Rheuma, Arthrose und vieles andere. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Es sind die Jahre. Das Alter kommt nun mal auf seine Weise und für jeden anders. Es ist also müßig, wie man es gerne tut, alle Alten über einen Kamm zu scheren, womöglich noch mit dem Hinweis: »Andere sind viel kränker als du und kommen trotzdem zur Konfirmation, Hochzeit, Taufe« oder zu sonst was. Nur der inzwischen verstorbene Autor Robert Gernhardt hat für mich in seinem Gedicht »Siebenmal mein Körper« den Nagel auf den Kopf getroffen: »Mein Körper ist so unsozial. Ich rede, er bleibt stumm. Ich leb ein Leben lang für ihn. Er bringt mich langsam um.«
Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen, was der Körper im Alter mit uns treibt. Besonders nachts habe ich zum Beispiel manchmal das Gefühl, dass sich sämtliche Organe auf dem Kriegspfad befinden und Dinge tun, die sie sich am Tage nicht trauen.
Aber außer immer zahlreicheren körperlichen Zipperlein wird mit zunehmenden Jahren auch unser Redebedürfnis größer. Deshalb sind wir dankbar, dass in der heutigen Zeit viel Gerede über nichts und alles wieder sehr in Mode ist. Jeder, mich inbegriffen, scheint sich verpflichtet zu fühlen, zu allem, was er hört und sieht, seinen Senf dazuzugeben. Dabei hieß es noch in meiner Jugend – lang, lang ist’s her – »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«. Sobald wir Kinder, wie es hieß, Quasselwasser getrunken hatten, bekamen wir diesen Spruch zu hören. Und wenn meinem schweigsamen Vater unser vieles Geplapper, an dem sich meine Mutter gern beteiligte, zu weit ging, bekamen wir die Geschichte zweier Onkel aufgetischt, die gemeinsam einen Spaziergang durch Wald und Heide machten. Nach einer halben Stunde tiefen Schweigens deutete der eine auf einen Storch, der sich auf einer Wiese die Frösche schmecken ließ, und sagte: »Da ist ein Storch.« Nach einer weiteren halben Stunde, nun bereits auf dem Rückweg, kamen sie wieder an dieser Wiese vorbei, und der zweite Onkel sagte: »Und da steht noch einer.« Zu Hause angekommen, konnten sie gar nicht genug beteuern, wie prächtig sie sich unterhalten hatten. Während mir diese Geschichte einfällt, habe ich gleich wieder die Stimme meiner verstorbenen Schwester im Ohr: »Haste schon mal erzählt.«

Ilse Gräfin von Bredow

Über Ilse Gräfin von Bredow

Biografie

Ilse Gräfin von Bredow wurde 1922 in Teichenau/Schlesien geboren. Sie wuchs im Forsthaus von Lochow in der märkischen Heide auf und besuchte später ein Internat. Während des Krieges war sie im Arbeitsdienst und musste Kriegshilfsdienst leisten. Seit Anfang der Fünfzigerjahre des letzten...

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