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Mein Herz ruft deinen NamenMein Herz ruft deinen Namen

Mein Herz ruft deinen Namen

Roman

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Mein Herz ruft deinen Namen — Inhalt

»Wenn das Leben ein Weg ist, so ist es ein Weg, der immer bergauf führt", hat Susanna Tamaro einmal geschrieben. Diese Weisheit muss auch der Held ihres neuen Romans schmerzlich begreifen, als er seine geliebte Frau und ihr gemeinsames Kind bei einem unerklärlichen Unfall verliert. Seit »Geh, wohin dein Herz dich trägt« hat Susanna Tamaro keinen so reichen und berührenden Roman mehr geschrieben. Ein Buch voller Weisheit, Spiritualität und Liebe.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Maja Pflug
224 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30499-3
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.03.2013
Übersetzt von: Maja Pflug
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96156-1

Leseprobe zu »Mein Herz ruft deinen Namen«

1

Ich lebe hier oben und empfange diejenigen, die den Berg heraufsteigen.

Manche haben ein Ziel, andere wandern einfach durch die Wälder. Viele Wege führen herauf, nur einer davon kommt hier vorbei, vielleicht der abwechslungsreichste. Manche gehen einfach weiter, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, andere bleiben neugierig stehen.

» Was ist das hier, eine Berghütte, ein Gasthaus ? «

Sie verstehen nicht.

» Bin ich Ihnen etwas schuldig ? «, fragen sie, wenn ich ihnen außer Wasser auch Wein anbiete.

» Der Preis ist das Geschenk des Gastes «, [...]

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1

Ich lebe hier oben und empfange diejenigen, die den Berg heraufsteigen.

Manche haben ein Ziel, andere wandern einfach durch die Wälder. Viele Wege führen herauf, nur einer davon kommt hier vorbei, vielleicht der abwechslungsreichste. Manche gehen einfach weiter, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, andere bleiben neugierig stehen.

» Was ist das hier, eine Berghütte, ein Gasthaus ? «

Sie verstehen nicht.

» Bin ich Ihnen etwas schuldig ? «, fragen sie, wenn ich ihnen außer Wasser auch Wein anbiete.

» Der Preis ist das Geschenk des Gastes «, antworte ich.

Manche lächeln, bemühen sich zu begreifen; andere trinken rasch aus und gehen, ohne sich noch einmal umzudrehen, als verfolgte sie eine unsichtbare Gefahr.

Zuweilen jedoch kommen die Menschen wieder. Nicht wegen des Berges, sondern wegen dieses Zimmers, in dem das Feuer brennt. Nur wenige geben zu, dass sie extra gekommen sind, die meisten erfinden Ausreden: » Ich kam zufällig vorbei … Ich habe hier in der Nähe Pilze gesucht … Ich wollte auf der anderen Seite aufsteigen, habe mich aber im Weg geirrt … «

Am häufigsten kommen diejenigen zurück, die Wasser und Wein lächelnd angenommen haben. Die, die geflüchtet sind, sehe ich selten wieder, und wenn, verbringen sie mehr Zeit damit, sich zu rechtfertigen. Einer hat mich sogar angeschrien: » Ich habe doch keine Zeit zu verlieren ! «

» Warum sind Sie denn dann gekommen ? «, habe ich ihn gefragt. » An diesem Ort steht die Zeit still. «

Manche dagegen kommen und schütten mir ihr Herz aus.

» Trösten Sie mich, Padre «, hat eine Frau einmal am Ende ihrer Geschichte zu mir gesagt.

» Ich bin kein Pfarrer «, habe ich geantwortet.

Ruckartig ist sie aufgesprungen: » Ja, warum habe ich Ihnen dann das alles erzählt ? «

» Das weiß ich nicht. «

» Womöglich sind Sie ein Betrüger ! «, hat sie im Hinausgehen geschrien.

»  Was hätten Sie denn gewollt ? Was hätte ich denn sein sollen ? «, habe ich geantwortet, aber meine Worte sind an den Brettern der zugeschlagenen Tür abgeprallt.

Häufig fragen mich die Leute im Sommer, wenn sie meine Schafe sehen: » Verkaufen Sie Käse ? Diesen ­guten, echt biologischen ? «

» Ob er gut ist, weiß ich nicht «, antworte ich, » aber wenn Sie wollen, können Sie ihn probieren. «

Sie nehmen es übel, wenn ich sage, dass ich ihn zu meinem persönlichen Gebrauch herstelle. Zum Trost biete ich ihnen an, dass sie ein Stück mitnehmen dürfen.

» Gern, danke «, antworten viele, » aber ich bezahle es. «

» Das ist nicht nötig. «

» Ich möchte aber. «

» Gut, wenn es Sie glücklicher macht … «

» Sie sind doch kein Hirte. «

» Wenn ich bei den Schafen bin, bin ich ein Hirte. «

» Ja, gut, aber Sie leben nicht davon. «

» Wenn ich den Käse esse, lebe ich davon. «

» Und was machen Sie, wenn Sie nicht Hirte sind ? Was arbeiten Sie ? «

» Ich stelle die Sachen her, die ich zum Leben brauche. «

»  Ist das alles ? «, wundern sie sich. » Das ist doch keine richtige Arbeit ! « Andere lächeln: » Sie Glück­licher ! Wie gern würde ich auch hier oben leben ! «

Wenn man weitab von der Welt wohnt, zieht man leicht die Phantasien verletzlicher Menschen an.

In der ersten Zeit gab es einen Rentner, der häufig heraufkam. Mit schnellem Schritt näherte er sich, und er sprach ebenso schnell. Er grüßte nicht und betrat nie das Haus. Sobald er mich sah, rief er: » Ich weiß, was Sie sind, Sie sind ein Perverser, der hier oben lebt, um seine Orgien zu feiern ! Ich falle nicht darauf herein, o nein, ich nicht ! Warum sondert sich jemand ab, wenn er kein Schwein ist ? Normale Männer haben Ehefrauen und Kinder, sie leben nicht im Wald und lauern auf Opfer ! Schämen Sie sich, Sie Schwein ! «, rief er und verschwand dann wieder im Wald, begleitet vom Dämon seiner Zwangsvorstellungen.

Anfangs konnte ich dieses ständige Bedürfnis nach Definitionen nicht ertragen. Wenn es kein Adjektiv, kein Nomen gibt, um dich irgendwo einzuordnen, existierst du nicht. Dann habe ich mich daran gewöhnt und verstanden, dass dieses Klassifizieren zum Wesen des Menschen gehört. Wenn ich weiß, wer du bist, weiß ich, wie ich mich dir gegenüber verhalten muss, wenn du aber ein Mensch ohne Bindungen bist und keine feste Rolle hast, weiß ich nicht mehr, was ich denken soll. Du bist nackt. Und Nacktheit ist ein Stein des Anstoßes.

Wir haben alle eine Definition, die uns erlaubt zu leben, und diese Definition ist unser Floß, dank dessen wir im Sturm der Tage nicht untergehen und ohne wahnsinnig zu werden bis zur Mündung gelangen.

2

Liebe Nora, gestern hat es zum ersten Mal richtig geschneit.

Am Nachmittag bin ich hinaus in den Wald gegangen. Der Schnee verändert alles, die Natur ist wie verzaubert. Auch ein ganz nahes Geräusch scheint von weit her zu kommen. Mehr als die Geräusche wird plötzlich deren Nachhall wahrnehmbar und all das geheimnisvolle Leben seiner Bewohner. Hier sind zwei Hasen hintereinander hergerannt, dort ist ein Eichhörnchen vorbeigesprungen, da, unter der Kiefer, ist ein Marder stehen geblieben und dann zurückgelaufen.

Überall sind Spuren, die Tierspuren und meine. ­Einen Augenblick lang habe ich mir vorgestellt, neben meinen wären auch die deinen.

Erinnerst du dich an unsere erste große Bergtour ? Auf einer Hochebene kurz vor den Geröllfeldern unterhalb der Gipfel hatten wir das Zelt aufgestellt – ein schweres, von meinen Ersparnissen gekauftes tschecho­slowakisches Zelt. Rund um uns standen Bergkiefern und weite Flächen voller Rhododendron. Es war September. Anstatt zu schlafen, verbrachten wir die Nacht mit Reden. Es war Vollmond, und der Himmel war sternenklar. Im ersten Morgengrauen wolltest du hinaus. Dir war, als hättest du den Schrei eines Adlers ­gehört, du wolltest nicht die Gelegenheit verpassen, den ersten Adler deines Lebens zu sehen.

Ich folgte dir, und wir setzten uns auf einen Felsen. Der Raubvogel erschien fast sofort. Mit ausgebreiteten Schwingen segelte er im klaren Licht jener eiskalten Morgenröte und wiederholte ab und zu seinen Schrei. Dann stieg er plötzlich, den Aufwind nutzend, steil nach oben und entschwand unseren Blicken. Daraufhin umarmtest du mich fest, mit eisiger Nase und kältesteifen Händen, während hinter den prächtigen Gipfeln die ersten Sonnenstrahlen leuchteten.

» Gibt es ein › für immer ‹ ? «, fragtest du mich.

Ich drückte dich noch fester an mich. Durch die Schichten von Unterhemden, Pullovern und Wind­jacken hindurch spürte ich warm und lebendig deinen schmalen Körper.

» Es gibt nur das › für immer ‹ «, erwiderte ich.

Die Nacht hier oben ist jetzt hingegen schwarz wie Tinte, sie verschluckt alles, die Bäume verschwinden, der Horizont zum Tal löst sich auf, der Stall verschwindet, der Schlitten, der Lattenzaun um den Gemüsegarten. Die Formen verwischen sich, und die Geräusche klingen anders. Die Rotkehlchen, die Amseln, die Elstern und die Krähen ziehen sich ins vereiste Gezweig zurück. Im Stroh drängen sich die Lämmer an die Mutterschafe und hören auf zu blöken, nur der Atem – zwei kleine Atemwölkchen – verbindet sie, und ein leichter Dunst steigt auch aus ihrem Fell auf, es dampft in der Luft, wie der Boden im März, wenn der Schnee schmilzt und der Himmel alles erwärmt. Die Nacht hat ihre Bewohner, und die sind gesichtslos. Der beharrliche Ruf der Eule, der dringliche Schrei des Käuzchens. In der Ferne hört man ab und zu das einsame Heulen der Wölfe, dazwischen das trockene Kläffen der Füchse rund um die Häuser. Wenn dann das Dunkel allmählich weicht, hallen über den vereisten Boden das Getrappel der Hirsche und das laute Röhren, das die Paarung ankündigt.

In der ersten Morgendämmerung stelle ich Wasser auf dem Ofen auf und gehe dann mit dem heißen Krug in den Schafstall. Die Schafe liegen alle noch dicht aneinandergedrängt im Stroh, um sich zu wärmen. Sie leben seit Jahren bei mir, und jedes hat einen Namen, sie erkennen meine Stimme schon von Weitem und beantworten meine Rufe mit sanftem Blöken. Die Lämmer – mit noch makellosem Fell – ruhen eingerollt zwischen den Beinen ihrer Mütter und stupsen sie mit der Schnauze an, worauf die Mütter ihnen den Kopf lecken. Später, wenn ich ihnen die Tür öffne, purzeln sie hinaus, rennen wie wild herum und klettern im Spiel immer wieder auf einen Schubkarren, der umgedreht mitten im Hof liegt.

Mit dem heißen Wasser, das ich aus dem Haus mitgebracht habe, bringe ich die Eisschicht auf der Tränke zum Schmelzen, dann fülle ich die Krippe mit Futter. Die Tiere sind noch schläfrig und wirken nicht sonderlich interessiert. Also setze ich mich auf den Melkschemel und bleibe still ein bisschen bei ihnen.

Irgendwo huscht eine Maus durchs Stroh, und ein fröstelnder Hausrotschwanz schaut zum Fenster herein. Die Scheiben sind ganz vereist, und mein Atem bildet Dampfwölkchen, genau wie bei den Schafen.

Hier unter den Tieren zu sein schenkt mir große Ruhe. Das Stroh und die Wärme vermitteln mir ein Gefühl der Fürsorge und des Vertrauens.

Vielleicht habe ich dir das nie gesagt, aber Tiere zu ­haben war als Kind mein erster Wunsch. » Wenn ich groß bin, habe ich einen Stall «, sagte ich eines Morgens zu meinen Eltern. Plötzlich wurde es still im Zimmer – gewöhnlich wünschen sich die Kinder ­Autos, Flugzeuge, oder sie träumen von Heldentaten. » Möchtest du Bauer werden ? «, fragte mein Vater verblüfft. Meine Mutter sah mich ratlos an: » Einen Stall mit einer Kuh ? «

» Ja, mit einer Kuh und einem Kalb und auch mit Schafen. « Meine Eltern sind nie mehr auf das Thema zurückgekommen, und auch ich habe den Wunsch angesichts der geringen Begeisterung, die er hervorrief, nur noch in der Stille meines Herzens weiter ­gehegt.

Ich erzählte ihnen nicht, dass ich eines Tages, als ich mit dem Fahrrad auf dem Land um das Haus der Großeltern herumstreunte, aus Neugier in ein Gebäude hineingegangen war, das ich für eine Ruine hielt, und dann plötzlich vor einer Kuh stand. Offenbar hatte sie wenige Stunden vorher ihr Junges bekommen; zu ihren Füßen, mit den noch verträumten Augen dessen, der aus einer anderen Welt kommt, lag das Kälbchen. Als die Kuh mich sah, schnaubte sie hörbar, als wollte sie sagen: Bleib, wo du bist, näher dich meinem Kleinen ja nicht; du kannst ihn anschauen, aber rühr ihn nicht an. Ihr Blick war nicht drohend, eher majestätisch, stolz, entschieden. Sie hatte feuchte Nüstern, Augen mit langen Wimpern – schwarz, glänzend und tief.

Nur wir drei waren dort, doch es schien, als hätte sich unter unseren drei Blicken das ganze Universum versammelt, als wäre die Zersplitterung meines Lebens einen Moment lang aufgehoben.

Da waren Staunen und Verwunderung und Kraft.

Ein Geschenk, Fürsorge und Wärme.

Da waren die Fragen und die Antworten, alle gesammelt in einem einzigen Hauch.

Deshalb hatte ich bei der Heimkehr mit der Naivität meiner zehn Jahre siegessicher verkündet, dass ich einen Stall wollte.

Wie viel von mir habe ich dir nie gesagt ! Wir waren so jung, so voller Begeisterung für die Zeit, die wir erlebten. Es gab die Gegenwart – die Zeit unserer Liebe – und die Zukunft, die das sein sollte, was wir uns in den kommenden Jahren gemeinsam aufbauen würden: die Arbeit, die Wohnung, die Kinder, immer bestrebt, die Welt besser zu machen, als wir sie vorgefunden hatten. Alles, was hinter uns lag, war bedeutungslos, wir waren uns sicher, dass unsere Leidenschaft und unsere Liebe jedes Hindernis überwinden würden.

Es gefiel dir, unser Leben mit einem Wasserlauf zu vergleichen. » Jetzt sind wir ein Gebirgsbach «, sagtest du, » springen ungestüm zwischen Felsblöcken, bilden Wasserfälle, und unser Plätschern und Rauschen hallt von den Gipfeln bis ins Tal. Eines Tages jedoch werden wir Flüsse in der Ebene sein – ruhig, breit und träge –, und wir werden gar keine Geräusche mehr machen außer dem Rascheln, das der Wind erzeugt, wenn er durch die Weiden streicht. «

» Wird das langweilig sein ? «, fragte ich.

» Nein, ganz natürlich. «

Nachts im Bett, den Blick auf die Decke geheftet, spielten wir daher oft: » Welcher Fluss möchtest du sein ? « » Möchtest du die Dora Baltea sein ? «, fragte ich, und du strampeltest die Decke weg und riefst: »Nein ! Die Dora Baltea nicht ! « Sie schien dir zu klein, zu bescheiden, und auch die Vorstellung, in den Po zu münden, fandest du schrecklich. » Ich will kein Zufluss sein «, sagtest du. » Ich will ein Fluss sein, der ­direkt ins Meer fließt. «

Deine Leidenschaft war der Amazonas. Du konntest Stunden damit verbringen, mir die außergewöhnliche Tierwelt zu schildern, die dir im Vorbeifließen begegnete: Schmetterlinge, Papageien und die rosafarbenen Delfine, die deinen Lauf flussaufwärts schwammen.

Mein Wunsch, die Wolga zu sein, ließ dich dagegen wohlig schaudern. » Wie kannst du nur ! Da gibt es doch nur Steppen, Schnee und Eis. « Dann necktest du mich: » Vielleicht, weil du in Wirklichkeit ein eiskalter Typ bist. «

» Hättest du lieber einen afrikanischen Fluss ? «, erwiderte ich, indem ich dich umarmte.

Nur einmal, als ich dir den Timavo vorschlug, sahst du mich finster an. » Nein, der Timavo nicht ! Das ist ein Karstfluss. Sachen, die verschwinden, mag ich nicht. «

» Ich auch nicht. Aber warum sollte ich überhaupt verschwinden ? «

» Na, vielleicht, weil ich langweilig bin «, hast du ­lachend geantwortet.

» Du bist es, die mich eines Tages satthaben wird. « Ich wusste genau, dass ich keinen Funken Phantasie besaß.

»  Alle Männer sind langweilig «, stöhntest du. » Das wissen wir seit Adam und Eva. Und je älter sie werden, umso langweiliger werden sie. «

» Und dann ? «

» Ich werde es einfach nicht zulassen. «

» Und wenn ich sonntags im Radio Fußball höre, während wir Hand in Hand spazieren gehen ? «

»  Dann laufe ich tausend Meilen weit weg, bin kein Fluss mehr, sondern Dampf. Eines Morgens wachst du auf und findest an meiner Stelle nur das leere Flussbett. «

In den langen, einsamen Wintern habe ich mich oft gefragt, wie die Welt um mich herum wäre, wenn du sie noch mit deinen Augen sehen würdest. Als ich sagte: » Ich bin langweilig «, sagte ich die Wahrheit. Du warst für mich wie ein Schlangenbeschwörer, du spieltest, und ich kam aus dem Korb hervor. Doch ohne deine Musik wurden meine Gedanken eng wie die ­eines Reptils.

Deine Phantasie konnte noch das banalste Ereignis in etwas Wunderbares verwandeln. Ich dagegen hatte von jeher einen forschenden Blick. Anstatt die Realität mitzugestalten, stürze ich mich lieber hinein, wühle in der Erde, grabe, bewege mich schnüffelnd und tastend voran in dem Versuch herauszufinden, was sich unter der Banalität der Tage verbirgt. Aus diesem Grund war ich wohl auch ein guter Arzt. Deshalb bin ich vielleicht sogar hier oben nie wirklich allein, die Gedanken leisten mir Gesellschaft, indem sie alles mit der Akribie eines Insektenforschers sezieren.

Zwischen zwei Bäumen erahne ich dort unten im Tal die Nacht der Menschen. Einige Häuser klettern die Ausläufer des Berges hinauf – kleine Lichter, die in der Dunkelheit leuchten, gelegentlich durchkreuzt von den Scheinwerfern der Autos. Weiter unten werden die Lichter dichter, mischen sich mit den Straßen­laternen. Geräusche dringen aus der Nacht der Menschen nur wenige herauf. Ein Hupen, ein Bremsenquietschen, ein ferner Widerhall von Glockenschlägen. Im Winter könnte ich die Wochentage allein an den heraufkommenden Tönen unterscheiden. Fünf Tage lang verstummt das unstete Brummen der Autos bei Einbruch der Dämmerung, Samstag und Sonntag ­dagegen nimmt es nach dem Abendessen zu – gekrönt von gelegentlichem Aufheulen der Motoren – und dauert bis zum Morgengrauen. In Autos gezwängt, fahren die Menschen in die Diskotheken und Lokale der Ebene. Sich amüsieren – das ist mittlerweile wohl der einzige Imperativ der Freizeit.

Noch ein Monat bis Weihnachten. Von hier oben kann ich den großen Kometen über der Hauptstraße des Dorfes mit all den Girlanden weißer Lämpchen davor und dahinter erkennen, die ihn mit anderen Sternen verbinden. Buntes Geflimmer schmückt auch die Häuser, Villen und Bauernhöfe. Tannen blinken im Dunkeln wie verrückt gewordene Ampeln neben mit Lichtern bekränzten Sträuchern, Rosenstöcken oder Apfelbäumen. Wer keine Bäume hat, hängt die Lichterketten an die Balustraden, Gitterzäune und Fensterbretter. Alles, was sonst in diskrete Dunkelheit gehüllt ist, funkelt in diesen Nächten und beleuchtet die ganze Umgebung.

Wenn die Nacht die Nachmittage zu verschlingen beginnt, entdeckt man auf einmal, dass man sich nach Licht sehnt, und so verwandeln sich Täler, Hügel und Felder in das Zeichen dieses Mangels. Immer ­erstaunlichere, grellere Lichter verwandeln die stille ­Atmosphäre des Winters in das fröhliche Bild einer Kirmes.

Was wird eigentlich gefeiert ? Niemand weiß es mehr, niemand erinnert sich daran.

Mehr denn ein Fest scheint es eine Form von Widerstand zu sein. Man trotzt der Dunkelheit, man wehrt sich gegen die geheimnisvolle Nacht, die tief in jedem von uns herrscht, jene Finsternis, die uns früher oder später alle erwartet.

An Frühlings- und Sommertagen ist es leicht, dieses Gespenst zu verbannen. Alles leuchtet. Doch wenn sich die Sonne zurückzieht und sich die Dunkelheit mit ihren Eisfingern herabsenkt, wenn uns diese Finger streifen und an unsere Zerbrechlichkeit erinnern, wird alles schwieriger. Wir sind wie dünne Glaskugeln, der geringste Stoß genügt, damit wir zersplittern. Wie lange braucht es, bis diese Splitter sich wieder in schöne schillernde Kugeln verwandeln ? Wir wissen es nicht, denn in unserer Zeit kann kein Bruchstück wieder Form werden. Also ist das Licht unsere Gesellschaft, unsere Freundin, unser Heilmittel. Daran halten wir uns, bis die Nachmittage schüchtern heller werden, bis die Vögel das winterliche Schweigen durchbrechen und die Luft mit Gezwitscher erfüllen, das schon von Liebesgeplänkel kündet.

Susanna Tamaro

Über Susanna Tamaro

Biografie

Susanna Tamaro wurde 1957 in Triest geboren. Sie ist die Großnichte von Italo Svevo, ihr Talent als Autorin wurde allerdings von Federico Fellini entdeckt. Längere Zeit war sie Dokumentarfilmerin für das italienische Fernsehen, seit dem überwältigenden, weltweiten Erfolg von »Geh, wohin dein...

Medien zu »Mein Herz ruft deinen Namen«

Pressestimmen

L-Magazin

»Eine Liebeserklärung an das Leben selbst, berührend und voller Poesie, mit wunderschönen Bildern.«

Neue Westfälische

»Eine ergreifende Erzählung über tiefe menschliche Gefühle, Liebe und Schmerz. Der italienischen Autorin Susanna Tamaro ist wieder ein sehr berührender Roman gelungen, der den Leser drängt, auf das eigene Leben zu schauen: Was trägt uns im Leben?«

Booksection

»›Mein Herz ruft deinen Namen‹ ist ein zutiefst berührender Roman, ein Roman, der reich an Emotionen, an Farben und Klängen ist und der sich mit essentiellen Themen unseres Lebens befasst ... Mit diesem Buch präsentiert uns Tamaro eine Geschichte voller Spiritualität und tiefer Weisheit, die uns nicht so schnell wieder loslassen wird.«

the cinema in my head Blog

»Susanna Tamaro ist hier ein tiefsinniger und starker Charakter gelungen ... ›Mein Herz ruft deinen Namen‹ ist ein Roman voller Intensität und Gefühl.«

Bibliofeles Blog

»›Mein Herz ruft deinen Namen‹ ist still und leise aber voller Wärme.«

Glarus Nord

»Ein Buch voller Weisheit, Spiritualität, Liebe, und ein wertvolles Geschenk.«

Happinez

»Susanna Tamaro ist ein Kunststück gelungen: Ihr Roman ist nicht bedrückend, traurig und schwer, sondern unglaublich berührend, weise und voller Liebe. Nach fünf Jahren des Wartens: der neue Roman von Italiens erfolgreichster Schriftstellerin.«

Landanzeiger

»Eine sensible, einfühlsame und berührende Geschichte, voller Weisheit, Wahrheit und Liebe.«

TV Hören und Sehen

»Sehr bewegend!«

Mittelbayerische Zeitung

»Kein Kitsch – nur große Gefühle«

Bunte

»Spiritualität und Liebe – der Kosmos von Tamaro.«

Brigitte

»›Ein Buch voller Weisheit, Spiritualität und Liebe‹, schreibt der Verlag. Das klingt nach Paulo Coelho, ist aber lange nicht so durchgeknallt und nervig.«

Freundin

»Herzensangelegenheiten liegen Susanna Tamaro einfach. ›Mein Herz ruft deinen Namen‹ ist ebenso berührend wie der einstige Bestseller.«

Nürnberger Zeitung

»Anrührend beschreibt Susanna Tamaro die Unbeständigkeit und Zerbrechlichkeit unserer Existenz. Sie sucht jenseits traditioneller religiöser, philosophischer und spiritueller Wege nach einer möglichen Antwort auf die zuweilen schmerzhafte "condition humaine" - und findet sie in der Liebe.«

Buchmedia Magazin

»Ein Buch voll Weisheit, Spiritualität und Liebe, passend in eine verwirrende, unsichere Gegenwart.«

business lounge WOMAN

»Ein Buch voller Weisheit und Liebe.«

ELLE

»Ein hoffnungsvoller Roman über Liebe und Verlust.«

Bücher

»Trotz aller Tragik vermitteln Ihre Werke ein tiefes Gefühl der Hoffnung. Ihre Bücher sind eine sehr ergreifende und zutiefst berührende Lektüre.«

Belletristik-Couch

»Eine tiefgründige, philosophische Lebensbetrachtung.«

Kommentare zum Buch

Spirituell und philosophisch - ein wundervoller Roman zum Nachdenken!
Janine2610 am 08.10.2014

Völlig sprachlos habe ich das Buch zugeklappt. Was mir dann als erstes in den Sinn gekommen ist: "Unfassbar! Was ist das für ein unglaubliches Buch?" Soviel Lebensweisheit auf so wenigen Seiten hat mich regelrecht "elektrisiert". Der Protagonist Matteo erzählt in diesem Buch nämlich nicht nur von seinem fürchterlichen Schicksalsschlag, den er erlitten hat und davon, wie er die dadurch entstandene, innere Leere und Sinnlosigkeit versucht hat mit Alkohol auszufüllen, sondern auch, wie es ihm schlussendlich gelungen ist, zurück ins Leben zu finden. Dabei hat er so viel lernen und erfahren müssen. Er hat sich verirrt, um sich wiederzufinden. Und irgendwann ist ihm dann auch klar geworden, warum sich seine Frau Nora "zurückgezogen" hat. Diese Erkenntnis hatte für ihn etwas so Befreiendes und Hoffnungsvolles. Und ich bin an den Seiten gehangen und habe mit Matteo mitgelitten, mitgetrauert und mitgeweint. Ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl eine Erkenntnis nach der nächsten zu haben. Dieses Buch ist so berauschend, intelligent, logisch, einleuchtend, erkenntnisreich und philosophisch. So voller Schmerz und Trauer, aber auch voller Liebe und versteckter Hoffnung. Zusammenfassend kann man sagen ist es vor allem eines: Wertvoll!   Auch wenn ich jetzt hier aus dem Loben nicht mehr herauskomme... Ich denke, dass dieses Buch jedes Lob der Welt verdient hat. So ein weises und Hoffnung spendendes Buch mit einem derartig freudigen Ende habe ich nämlich noch nie gelesen. Das Innehalten währenddessen, wenn mir philosophische Sätze untergekommen sind, und das darauf folgende darüber Nachdenken, hat mir klar gemacht, dass das kein Buch ist, das man einfach so mal schnell zwischendurch liest. Zeit und Ruhe sollte man sich also nehmen, dann kann, will und werde ich "Mein Herz ruft deinen Namen" JEDEM empfehlen.

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