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Mein fremdes Herz

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Mein fremdes Herz — Inhalt

Eine Geschichte, so unglaublich wie wahr: Die lang erwartete Herztransplantation rettet Charlotte Valandrey das Leben. Und stellt es auf den Kopf. Denn nicht nur hat Charlotte nach der Operation plötzlich ganz neue Vorlieben und Träume wie aus einem früheren Leben, sie verliebt sich auch in einen Mann, der enger mit ihrem Schicksal verbunden ist, als sie je hätte ahnen können …

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 10.11.2014
Übersetzer: Annette Lallemand
336 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98175-0

Leseprobe zu »Mein fremdes Herz«

Für meine Tochter Tara
und für Anna

 

Paris, November 2005

 

Wieder hatte ich diesen schrecklichen Traum, der mich nicht losließ, mich blendete und beutelte. Es war mitten in der Nacht, als ich schreiend aufwachte. Ich war tot. Endlich.
Ich träumte, dass ein letztes Nachbeben, zwei Jahre nach der Transplantation, meinem Ersatzherzen zum Verhängnis wurde. Ein dritter Infarkt, der entscheidende, the big one. Alles kann man eben nicht überleben.
Zu Beginn meines Traums machte alles noch Sinn. Der lähmende Schmerz im Brustkorb, der auf den ganzen Arm [...]

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Für meine Tochter Tara
und für Anna

 

Paris, November 2005

 

Wieder hatte ich diesen schrecklichen Traum, der mich nicht losließ, mich blendete und beutelte. Es war mitten in der Nacht, als ich schreiend aufwachte. Ich war tot. Endlich.
Ich träumte, dass ein letztes Nachbeben, zwei Jahre nach der Transplantation, meinem Ersatzherzen zum Verhängnis wurde. Ein dritter Infarkt, der entscheidende, the big one. Alles kann man eben nicht überleben.
Zu Beginn meines Traums machte alles noch Sinn. Der lähmende Schmerz im Brustkorb, der auf den ganzen Arm übergreift und die Finger versteift, dieses mir brutal in den Leib gerammte Schwert, dann das Zusammensacken, als löse mein Körper sich auf, das schwarze Loch, das schrille Jaulen des Martinshorns, das mir immer Gänsehaut verursacht, wie wenn jemand mit quietschender Kreide über eine Tafel fährt.
Dann die Hektik auf der kardiologischen Intensivstation. Blitzschnell wird mein noch zuckender Körper mit Röhrchen und transparenten Lanzen gespickt. Um mich herum ein Wall von Bildschirmen, von Monitoren, die das Leben kontrollieren. Wie am Set einer Fernsehshow. Was drehen wir heute? Deinen Tod. In einer einzigen Einstellung.
Die Tonqualität ist miserabel, dieses ewige Piepen geht mir auf die Nerven. Blutrote Zahlen blinken auf. Dann wird das Kreischen der Apparate noch schriller, das Signal dafür, dass nichts mehr nach Plan läuft. Immer wieder fliegen die Flügeltüren auf, wie in einem schäbigen Westernsaloon, ein unablässiges und schwindelerregendes Kommen und Gehen. Ich befinde mich nicht einmal in einem echten Krankenzimmer, da ist kein Fenster, und auf dem Boden sind Plastikplanen ausgebreitet, die jegliche Flüssigkeit auffangen sollen. Kurz mit dem Schwamm drüber, und schon ist alles weg, keine Spur mehr, der Nächste bitte.
Ich bin nicht hier, um zu schlafen, sondern um zu überleben, jetzt und sofort. Letzte Chance für mein Herz.
Hektisches Treiben um mich herum. Diesmal scheint es ernst zu sein.
Der Traum ist merkwürdig und befremdend. Jedes Bild ist von einem hübschen goldenen Schein umkränzt, wie auf den Heiligenbildchen, die ich als Kind wie Schätze sammelte.
Schemenhaft erkenne ich meinen Vater, er steht stumm, wie erstarrt, und Lili, meine langjährige Freundin, hat die Augen voller Tränen. Wir werden doch jetzt nicht weinen! Was geht hier eigentlich vor?
Mein eingenähtes Herz schlägt nur noch 30 Takte pro Minute, dann 29, 28, 27, der Blutdruck fällt. Mein Körper möchte den Eindringling ein für alle Mal verstoßen.
»Gleich ist sie weg!«, brüllt mein Vater plötzlich. »So tun Sie doch endlich was, verdammt noch mal!«
Es ist lange her, dass ich meinen Vater so außer sich gesehen habe. Das tut gut, Papa. Du solltest öfter so brüllen, dich von deinem Herzen, deinem Atem einfach davontragen lassen. Brüll weiter, zeig, dass du mich liebst, trotz allem, was ich dir zumute, und zieh deinen Mantel aus, er ist ja voller Schnee, du wirst dich erkälten.
Mein armer Papa, das Blau seiner Augen wie ausgewaschen, großartig ist er, mein Ken, sein graues Haar schimmert wie der Himmel über seiner Bretagne. Er glaubt noch, dass ich es schaffen werde, mein Papa. So oft schon hat er mich am Rande des Abgrunds gesehen, ein Gespenst meiner selbst, aber dann bin ich doch wiederauferstanden, seine Tochter, der Phönix. Dabei scheint die Sinuskurve meiner Herzschläge auf dem Apparat, den ich im Spiegel über dem Waschbecken entdecke, zunehmend flacher zu werden. Ich erkenne keine präzisen Kurven mehr, kein beruhigendes Auf und Ab. Nein, der weiße Strich, der den Bildschirm in zwei Hälften teilt, bebt nur noch schwach, wie eine uralte Schlange. Also sollte ich einfach die Augen schließen.
»Aber wo ist Tara? Wo ist meine Tochter?!«
Meine Augen haben sich schlagartig wieder geöffnet. Ich suche den Raum ab, aber sie ist nicht da.
»Kinder unter fünfzehn Jahren sind hier nicht zugelassen, Madame. Sie sollten sich ausruhen, nicht mehr sprechen, Sie sind zu schwach.«
Der Ton der gewissenhaften Schwester ist kühl. Dass ich schwach bin, spüre ich ja selbst. Keine Sorge, Madame Pflegerin, ich werde nicht abhauen, um zu joggen, natürlich werde ich mich ausruhen, hier bei Ihnen und für eine lange, lange Zeit. Aber kurz vorher möchte ich noch meine Tochter sehen, können Sie das verstehen, Madame Pflegerin? Haben Sie Kinder? Tara ist fünf, ich würde sie so gern noch mit fünfzehn erleben, und heute pfeife ich auf die Hausordnung.
»Tara? Tara!«
Wer wird ihr denn sagen, dass ich sie liebe, wenn man sie nicht zu mir lässt? Dass ich, wenn ich heute sterbe, trotzdem immer da sein werde, für sie, in ihr, über ihr. Als Schmetterling mit hauchzarten Flügeln, der sich ihr auf die Schulter setzt, oder als eine dieser hübschen rot lackierten Schnecken, die sie so gern in der Hand hält, oder als schwebender Drache hoch über dem Strand, weißt du noch, meine Tara? Immer werde ich über dir, in deinem Himmel schweben. Aber wer wird dir sagen, dass ich dich liebe? Du, Papa? Wirst du es ihr ins Ohr brüllen, so wie vorhin? Ich verlasse mich auf dich. Sie muss es wissen, für immer und ewig, verstehst du? Mir blieb keine Zeit, es ihr noch zu sagen, bevor man mich holte, ich erinnere mich an nichts mehr, nur an den Schmerz und das Gejaule des Martinshorns.
»Jetzt das Dobutamin. Maximaldosis! Keine Elektroschocks, wir warten ab. Mehr können wir momentan nicht machen.«
Der diensthabende Kardiologe wirkt nervös, irgendwie ratlos. Sein Hals schwenkt mechanisch von Monitor zu Monitor, sein Blick verrät, dass man nichts mehr für mich tun kann.
»Achtung! Wir sind kurz vor dem Crash!«, ist die Botschaft, die ich von der gerunzelten Stirn des hübschen Doktors ablese.
Dieses Dobutamin ist ein tolles Zeug, so etwas wie legales Crack, und es ist nur den Stammgästen der Intensivstation vorbehalten. Oh ja, gebt mir Dobutamin, eine prima Idee! Hat sofort einen Wahnsinnseffekt. Ein chemischer Elektroschock, nach dem man sich sofort, und leider nur vorübergehend, energiegeladen, wirklich super fühlt. Dobutamin verwandelt einen Sterbenden in Speedy Gonzales.
Die Dosis muss gewaltig sein, blitzartig reißt es mir die Augen auf, und schon kann ich loshaspeln: »Geht schon besser, verdammt, ja, ’s geht besser! Alles in Ordnung, Papa? Würdest du bitte Tara holen? Ich weiß, es ist noch früh, aber du kannst sie ruhig wecken. Ich möchte sie sehen, mit ihr sprechen. Alles okay, Lili? Du heulst doch nicht etwa? Tu das bloß nicht vor Tara! Und vor mir auch nicht, das macht mich nur depressiv. Ich habe Lust auf Carambar und Cola. Bitte, Papa. Und eigentlich doch auch auf Jogging. Aber wie ist das Wetter? Es schneit? Ach, schade. In Moonboots vor sich hin zu traben ist idiotisch. Dieser Arzt ist wirklich umwerfend! Hast du gesehen, Lili? Hast du seine Augen gesehen, seine Hände? Bitte, bitte, Herr Doktor, noch ein bisschen Dobutamin, nicht für mich, für unsere Lovestory. Noch einmal eine Liebesnacht kurz vor dem Tod. Ein schöner Abgang. Im Bett sterben, das ist mir ja recht, aber nicht allein. Ist dir schon aufgefallen, Lili, dass die Kardiologen auf der Intensivstation immer gut aussehen? Nein? Doch, das kannst du mir glauben. Bestes Casting. Sie nehmen immer diese Athleten, wie in den Serien, damit alles etwas reizvoller aussieht. Ich frage mich bloß, warum diese sexy Docs mich immer in so jämmerlichem Zustand sehen müssen, mit wachsbleichem Teint unter diesem fahlen Neonlicht, im Hemdchen aus Acryl, die Haare platt gedrückt vom Kopfkissen … Pssst … da kommt er wieder!«
Das Problem beim Dobutamin ist natürlich, dass das Herz eine solche Schockbehandlung nicht lange aushält, das Leben mag Tricksereien nicht so recht.
»Wir setzen das Dobutamin jetzt ab und kontrollieren, ob sich Ihr Zustand stabilisiert hat.«
»Sind Sie sicher, Herr Doktor? … Gefalle ich Ihnen etwa nicht?«
»Wir haben keine andere Wahl.«
Pech. Das war also mein letzter Aufreißversuch, mein letztes Verführungslächeln.
Kein Dobutamin mehr, kein Sprit mehr. Ein brutaler Stopp. Mein Herz fällt in sein normales Tempo zurück, es ist abgenutzt, erschöpft. Mein Körper regt sich nicht mehr, wird kraftlos, löst sich auf. Ich schlafe ein, gleite davon.
Eigentlich ein recht angenehmer Zustand. Ich spüre, wie die Hand meines Vaters meine immer eisiger werdenden Finger drückt. Du entfernst dich von mir, Papa, alles rückt ab von mir. Dieser hässliche Raum hier dehnt sich aus, wird endlos größer, ich aber schrumpfe. Ich fühle mich winzig, wie ein Baby, wie ein Insekt, und dann nichts mehr. Ein paar erstickte Schreie höre ich noch, dann wird aus dem schrillen Ton der Apparate ein permanentes Murmeln. Ich erlösche in einem endlosen und fernen Piep. Keine abgehackten Geräusche mehr, kein pulsierendes Blut mehr in meinen Venen, kein zartes Rosa mehr auf der Haut, das Leben erlischt. Ein letztes sanftes Streicheln von Papas Hand. Dann ist Schluss. Vorhang zu.
Ich starb im Alter von 37 Jahren in Paris, frühmorgens unter einem noch nachtschwarzen Himmel, aus dem silbriger Schnee fiel.

 

In meinem Traum wuchsen die Bilder so schnell wie Treibhauspflanzen und prallten in völlig anarchischen Montagesequenzen gegeneinander.
Auch bei meinem Begräbnis war ich dabei. Das war um einiges lustiger. Der Pfarrer steckte in einer schwarzen Lederjacke und war wie Madonna in ihren Anfängen überall mit Kruzifixen gespickt. Meine Großtante Babette reiste vom Paradies an. Wie üblich, in tadelloser Haltung. Sie schien merkwürdig glückselig. Die Musik war gut, alles, was ich mag, die gute alte Zeit: Téléphone, Indochine, Blondie, die Stones und ein Prélude von Chopin, gespielt von meiner wiederauferstandenen Mutter, hinreißend in einem duftenden veilchenfarbenen Kleid. Wie ein Engel lächelte sie mir zu, und ich streckte ihr die Arme entgegen, kriegte sie aber nicht zu fassen.
Das Dumme war nur: Kein Mensch schien traurig zu sein. Schon eigenartig, so ein fröhliches Begräbnis. Ich fürchte, ich werde ihnen nicht fehlen. An die lächelnden Gesichter erinnere ich mich genau.
Die meisten Anwesenden kenne ich nicht, sind das meine Fans? Das gefällt mir. Die Kirche ist brechend voll, das macht mich glücklich. Man hat mir einen schönen weiß glänzenden Sarg ausgesucht, schlicht, stilvoll, eine gute Wahl. Geschnitzte Eiche und goldene Griffe kann ich nicht ausstehen. In der Filmwelt altert man nicht, da gilt nur alles oder nichts. Auch sterben darf man, wie ich in dieser Nacht.
In der ersten Reihe entdecke ich ein Neugeborenes, allein, ein bizarrer rosa Säugling. Er sitzt da, splitternackt, mit geschlossenen Augen. Unter der durchsichtigen Haut kann ich das Blut in den winzigen Venen zirkulieren sehen. Kein Mensch achtet auf dieses Kind, es hält sich abseits von allen, nur ich scheine es zu sehen. Gespenstisch.
»Schauspielerin Charlotte Valandrey ist heute Morgen in Paris an einem Herzinfarkt verstorben. Dem breiten Publikum wurde sie im Alter von sechzehn Jahren durch den Film Rouge Baiser bekannt. Beim Berliner Filmfest 1986 erhielt sie den Silbernen Bären für die beste weibliche Darstellerin. Unter anderem wird man sich an Charlotte als stürmische Journalistin in der beliebten Fernsehserie Les Cordier, juge et flic erinnern. In ihrer Autobiografie enthüllte sie, seit ihrem 17. Lebensjahr HIV-positiv gewesen zu sein und mit 34 Jahren eine Herztransplantation überlebt zu haben. Sie war Mutter einer kleinen Tochter …«
Ich hefte meinen Blick auf das kaum merklich geneigte Gesicht der hübschen Nachrichtensprecherin Claire mit dem blond gesträhnten Haar. Sie liest vom Teleprompter ab, und ihr Blick zeigt jene subtile Mischung aus unverbindlicher Anteilnahme und liebenswürdiger Teilnahmslosigkeit, wodurch jede Nachricht akzeptabel wird. Ich kommentiere jedes ihrer Worte und wünsche mir, dass sie mich hören könnte. »Aber nein, Claire, ich bin nicht tot, es ist nur ein Albtraum!« Ich versuche sie zu unterbrechen, aber vergeblich, sie spult ihren Text artig ab. Ein Infarkt? Ich würde eher von einem Erschöpfungszustand des Herzens sprechen. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die so intensiv liebte, dass sie ein neues Herz brauchte und dann noch eines. Sind nicht aller guten Dinge drei? Diesmal offenbar nicht.
Danke, liebe Claire, dieses Scheusal von HIV beim Namen genannt zu haben. Ehren wir die Toten, die dieses Virus jeglicher Abwehr beraubte, würdigen wir all jene, deren Krankheit man verschweigen musste. Ich empfinde keine Scham, bin eher stolz auf meinen Kampf. Wie Tausende andere habe ich nichts weiter verbrochen, als mich einfach der Liebe hinzugeben. Sagen Sie das!
Mein erster Infarkt streckte mich nieder, als ich 34 war. Ist es hinreichend bekannt, dass die bei HIV eingesetzte antiretrovirale Tritherapie gleichzeitig das Herz strapaziert? Wir müssen sie aufklären, diese jungen Leute, die ungeschützten Sex praktizieren, die glauben, dass Aids aus der Mode wäre und es schlimmstenfalls Medikamente gäbe.
Meine ersten Azidothymidin-Bonbons begann ich vor mehr als zehn Jahren zu schlucken, riesige Dinger, die mein Vater mir zerkleinerte und nach denen ich mich stets übergeben musste.
Hätte ich ein neues Herz gebraucht, wenn ich nicht infiziert gewesen wäre? Wieso ist mein Herz so schnell an seine Grenzen gelangt? Ist doch ein bisschen früh für eine Herztransplantation, wenn man erst 34 ist, oder?
Meine Herzen starben an den Nebenwirkungen notwendiger chemischer Präparate und einer Überdosis starker Emotionen. Ich habe mich verausgabt im Leben. Nichts Halbherziges tun, das lag in meiner Natur. Anders konnte ich es nie, mir ging immer alles ans Herz. Nichts glitt an mir ab. Ich bin vom Leben eher geschlagen als verhätschelt worden, vom brutalen, absurden Leben, da gab es Tiefschläge, da gab es Brüche und den stumpf gewordenen Blick meiner sterbenden Mutter. Alles traf mich mitten ins Herz.
Heute endet mein Leben auf halber Strecke, da mich mein Herz abermals im Stich lässt. Nicht stark genug. Nichts scheint meinen Schicksalsschlägen gewachsen zu sein.
Ich war ein eher hübsches Mädchen, mit lebhaft rosigen Lippen und stahlblauen Augen, und feierte schon mit sechzehn Jahren strahlende Erfolge. Eine tolle Zeit. Ich war in Filmen zu sehen, auf Plakaten an jeder Pariser Straßenecke, und zum ersten Mal in einen echten Rocker verliebt, den King meiner Poster. Ich lachte, spielte, wirbelte im Licht und liebte leidenschaftlich und unbekümmert. Doch damit war es bald vorbei.
Ein Vorsorgetest. »Aber wieso denn?« Dann die Mitteilung vom Labor. »Untersuchungsergebnis: HIV-positiv.« Das Entsetzen meiner Eltern: »Zu niemandem ein Wort …« Die Medizin, die nichts für mich tun konnte. »Nein, Madame, es gibt keine Behandlungsmöglichkeit. Ihre Lebenserwartung? Sechs Monate, vielleicht auch mehr, man weiß es nicht …« »Aber ich bin doch erst siebzehn, Herr Doktor, und es geht mir gut.« Naiv, wie ich war, erzählte ich es dem nächstbesten Regisseur. Unverzeihliche Jugendsünde. »Tut mir leid, Charlotte, aber diese Rolle kriegst du nicht, wir können kein Risiko eingehen.« Weder diese noch andere. Doch ich verdrängte es einfach und lebte in totaler Verweigerung der Tatsachen, gab mich dem betäubenden Strudel des Lebens hin. Dann verstarb meine untröstliche Mutter, mein Engel mit kahlem Schädel. Und die Liebhaber ergriffen die Flucht, sobald ich ihnen sagte, ich sei …
Das Azidothymidin, die Tritherapie, kam mir zu Hilfe. »Ihre Viruslast ist nicht mehr nachweisbar. Virusträger bleiben Sie, aber Leben schenken können Sie …« Und daher gibt es mein Töchterchen Tara, mein Wunderkind aus dem Jahr 2000, und es ist HIV-negativ! Das Leben flammte wieder ein wenig auf, die Hoffnung ebenfalls.
Doch mein Herz war angegriffen, irreversibel geschädigt, man musste es austauschen »Eine Transplantation ist Ihre einzige Chance.« Mein Brustkasten wurde zerschnitten, mein Körper verformte sich und erholte sich nur mühsam von diesem massiven Eingriff. Zwei Jahre Wüste, Isolierung, meine erste Autobiografie und die wiedergewonnene Liebe meines Publikums und all diese herzerwärmenden Jutesäcke voller Fanpost. Und immer diese bedrückenden Träume, die eine andere, die nicht ich ist, heimsuchen und die mich in die Geheimnisse des Zellgedächtnisses einweihen. Wer ist da so präsent in mir, dass ich es spüre? Und wieso?

 

Ich höre ein Geräusch, es klingt wie der Sand in den Ocean-Drums oder als werfe jemand Steinchen auf ein Brett. Das Geräusch wird stärker, und plötzlich fürchte ich, ersticken zu müssen. Ich bin in einer Kiste! Man beerdigt mich! Ich fange an um mich zu schlagen. »Nein! Nein!«
Ruckartig schnelle ich hoch und sitze aufrecht im Bett. Ich heule, kann kaum atmen und taste im Dunkeln nach dem Kabel der Halogenlampe. Das blendende Licht holt mich in die Realität zurück.
»Maman! Ist was?«
Ich presse Tara an mich, die bis eben noch ruhig neben mir geschlafen hatte.
»Nein, doch, es ist nichts.«
Ich küsse sie, kann gar nicht mehr aufhören, sie abzuküssen, zu weinen und zu lachen.
»Ich hab nur geträumt, mein Engel … ich habe geträumt, ich wäre ganz nah bei dir, als Schmetterling, als Käfer, als ein in den Himmel aufsteigender Drache … Immer an deiner Seite, ein fliegendes Herz.«
»Was ist das, ein fliegendes Herz?«
»Das ist Maman im Himmel … Ich erzähl’s dir später, schlaf jetzt weiter …«
Nachdenklich streiche ich über Taras samtig warme Wangen.
Das war am 4. November 2005. Ein besonderes Datum, der Anfang einer ganzen Reihe merkwürdiger Träume, der erste Tag einer seltsamen Reise – und ein Geburtstag: Mein neues Herz wurde zwei Jahre alt.

 

Heute ist ein selten schöner Wintertag. Das Licht ist so stark, dass die Pariser Dächer wie eine riesige Alufolie glitzern. Und in meinem Kalender steht nur ein einziger Eintrag: Termin bei meiner Psychotherapeutin.
Ich lehne am Fenster, lasse mich von diesem strahlenden Tag blenden und zögere. Ist es nicht zu schön da draußen, um drinnen zu hocken? Ich könnte doch auch morgen hingehen, den Regen abwarten. Ich habe große Lust, die Stunde zu schwänzen. Ich werd schon eine Ausrede finden, das fällt mir nicht schwer. Kann ja sagen, dass dieser Albtraum so etwas völlig Neues war, dass ich den ganzen Tag wie gelähmt liegen geblieben bin. Aber meine Therapeutin wird mir nicht glauben. Sie wird sagen, ich sei eine gute Schauspielerin, aber ihr Beruf sei es, die Wahrheit aufzuspüren. Sie wird mich demaskieren und es mir übel nehmen, und dann werde ich es mir selbst auch übel nehmen. Sie wird mir drohen, die Therapie zu beenden, weil ich recht häufig Ausreden erfinde, um aus dem festen Rahmen meiner wöchentlichen Therapiesitzungen auszubrechen. Vor allem bei schönem Wetter. Ich liebe die hellen Tage, weil sie mir die Illusion geben, alles sei in bester Ordnung.
Geh hin, Charlotte … Ich rede mir zu, rufe mich zur Ordnung. Wie so manches Mal lasse ich die verschiedenen »Charlottes« in mir miteinander diskutieren, schlüpfe abwechselnd in diese so unterschiedlichen Rollen, diese Wesen, die jederzeit in mir abrufbar sind. So kann ich mal die ängstliche Mutter geben, mal das impulsive kleine Mädchen mit dem aufkeimenden Ego oder die große Liebende, die wie geblendet jeglichen Stolz verliert, oder die abgeklärte, fast schon träge, buddhistisch inspirierte Kreatur. Mein ganz eigener Zirkus, den ich jederzeit abrufen kann.
Konzentrier dich, meine Liebe … Und mach das Fenster zu … Die Frühlingsluft ist zu verführerisch. Die Aussprachen mit meiner Therapeutin tun mir gut. Sie sind meine Zuflucht, ein geräumtes Minenfeld, auf dem man einfach so reden darf, ein von Beurteilung freier Raum. Wenn ich doch immer nur das tun könnte, was mir guttut. Wenn doch alle Menschen einander nur Gutes tun würden.
Ich liebe es, mich jedem festen Rahmen zu entziehen, meine Freiheit so zu leben, wie ich will, und nicht immer so, wie man es von mir erwartet. Aber diesmal … Jetzt ist’s wirklich Zeit, mit der Trickserei aufzuhören und einen Entschluss zu fassen.
Heute werde ich mir Gutes tun, werde gehorchen und offen sein.
Geh zu deiner Therapeutin, Charlotte, und erzähl ihr deinen Traum …

 

In der Praxis von Dr. Claire Blanchot Psychiaterin, Psychoanalytikerin

 

»Bonjour, Charlotte.«
»Bonjour, Frau Doktor … wenn ich ehrlich bin, wäre ich heute beinahe nicht gekommen.«
»Und warum nicht?«
»Einfach so, pardon.«
Ich senke den Kopf und halte inne. Ich werde ihr doch nicht sagen, wie wunderbar hell der Himmel heute ist und dass mein Erscheinen hier manchmal wetterabhängig ist.
»Würden Sie sich bitte noch einen Moment gedulden?«
Wie jedes Mal öffnet sie mir die Tür zum leeren Wartezimmer und lächelt mir mit diesem immer gleichen Wohlwollen zu, das der eigentliche Grund meines Kommens ist. Selbst wenn ich auf die Minute pünktlich bin und kein Mensch mehr in der Praxis ist, lässt sie mich immer ein paar Minuten warten. Das ist angeblich Taktik. Die Patienten sollen erst einmal Druck ablassen können, sich einpendeln zwischen dem Leben draußen und hier drinnen, zwischen dem Bewussten und den Äußerungen des Unbewussten.
Auch die Zeitschriften im Wartezimmer sind sozusagen zeitlos: Kunst, Geschichte, Kochrezepte, keine Tageszeitung, nicht einmal das Starmagazin Voici, aus dem ich erfahren könnte, was meine Kolleginnen momentan tun. Man soll abschalten, sich in eine Dimension begeben, wo sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überlappen. Das Unbewusste kennt keinen Zeitbegriff.
Ich sitze da und betrachte den Raum. Die Wände sind mit Diplomen dekoriert, als wollte man mir sagen: »Vorsicht! Es gibt auch Scharlatane!« Hier kann man alle Berufsbezeichnungen finden, die mit »Psycho-« beginnen. Meine Therapeutin muss ordentlich was draufhaben.
Das Wartezimmer ist, wie die ganze Praxis, in fein aufeinander abgestimmten Beigetönen gehalten, was eine beruhigende, neutrale Atmosphäre erzeugt. Mir gegenüber steht eine neue, majestätische Grünpflanze, die man bestimmt direkt aus dem Dschungel geholt hat; dicke, wie glatt polierte Blätter, die an Fußabdrücke von Nilpferden erinnern. Außer mir das einzige Lebewesen hier. Ich hab einmal gelesen, dass man Pflanzen zureden soll. Ich lese viel. Mich interessiert einfach alles. Und der Artikel schien glaubwürdig. Die Pflanzen hätten ein Gespür für die Befindlichkeit der Lebewesen in ihrer Nähe. Denn uns alle – Tiere, Pflanzen, Insekten – verbinde das gleiche geheimnisvolle und kostbare Gut, das Leben heißt. In Indien gibt es seit Urväterzeiten eine Religion, den Jainismus, dessen Anhänger das Gelübde totaler Gewaltlosigkeit abgelegt haben. Daher kehren sie vor jedem ihrer Schritte den Boden, um sicherzustellen, dass sie keinen auch noch so kleinen Lebensträger, kein noch so winziges Insekt zertreten. So gehen sie auch vor Sonnenuntergang schlafen, um keine Kerze anzünden zu müssen, die einer geblendeten Fliege die Flügel verbrennen könnte. Ich würde gern mal nach Indien fahren. Wenn ich wieder zu Geld komme, in einem anderen Leben.
Gern würde ich meiner neuen Pflanzenfreundin ein paar nette Worte sagen, doch ich fürchte, dass meine Therapeutin mich für verrückt erklären würde, wenn sie mich im lebhaften Zwiegespräch mit ihrer Zimmerpflanze fände. Außerdem habe ich plötzlich das Gefühl, sie sei gar nicht echt … Das glänzt doch viel zu viel. Ich strecke die Hand aus, trete näher an sie heran. Da geht die Tür auf, und ich schrecke zusammen.
»Sie ist echt. Nichts hier ist künstlich. Gefällt sie Ihnen, Charlotte?«
»Ja, schon … Wirklich imposant, so groß wie ich …«
Beinahe hätte ich mich beim Verlassen des Wartezimmers von der Pflanze verabschiedet und muss darüber lachen. Ich bin immer ein wenig angespannt, kurz bevor ich meiner Therapeutin gegenübersitzen und meinen Alltag erzählen muss. Ein bisschen wie Lampenfieber, deswegen lache ich, versuche mich abzulenken, die Konfrontation hinauszuzögern. Ich lege mich auch nie auf die Couch, das ist mir zu klischeehaft. Ich liebe es, den Menschen offen in die Augen zu sehen und in ihrem Blick den Effekt meiner Worte zu erkennen.
»Nuuun …?«
Jede Sitzung beginnt sie mit diesem Wort. Sie dürfte lange gesucht haben nach diesem Schlüssel, der zum Reden verleitet. Leise, gedehnt spricht sie es aus, es ist das längste »Nuuun«, das ich je gehört habe. Es passiert mir, dass ich es unbewusst nachspreche, bevor ich ihr antworte, und dann lächelt sie.
Sie dürfte zwischen fünfzig und sechzig sein, ich kann das Alter von Menschen nie einschätzen, denn ich mag die Zeit und die Jahre nicht messen. Das ist mir nicht wichtig, nicht »signifikant«, wie Claire sagen würde. Ich lebe lieber, als dass ich die Jahre zähle. Claire ist der Vorname meiner Therapeutin und der der hübschen Nachrichtensprecherin aus meinem Traum. Auch die vor mir sitzende Claire ist eine gut aussehende Frau: blasse Augen, das Haar sorgfältig geglättet, elegante Kleidung in Beige, perfekt abgestimmt auf ihre Praxisräume. Allein ihre Anwesenheit tut mir schon gut. Ich fühle mich stärker, wenn sie da ist.

Über Charlotte Valandrey

Biografie

Charlotte Valandrey war in den 80er Jahren der aufsteigende Stern in der Filmwelt. 1986 wurde sie für ihre Rolle in »Rouge baiser« für den César in Cannes nominiert und gewann den Silbernen Bären auf der Berlinale. Dann jedoch erkrankte sie schwer und kämpft seitdem mit ihrem schwachen Herz. Ihr...

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