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Mehr als mein Leben

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Roman

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Mehr als mein Leben — Inhalt

»Sara Rattaro schreibt, wie in Actionfilmen geschossen wird. Mitten ins Herz.« Elle

Viola hat den besten Mann der Welt: Er ist ihr treu ergeben und kümmert sich rührend um die gemeinsame Tochter Luce. Von außen betrachtet das perfekte Familienidyll. Nur Viola weiß, dass das Glück auf Lügen erbaut ist. Es kommt der Tag der Wahrheit. Der Tag, an dem Luce auf einer Party mit Drogen experimentiert und mit Organversagen ins Krankenhaus eingeliefert wird. Sofort will Carlo eine seiner Nieren spenden, doch bei einem Test stellt sich heraus, dass dies nicht möglich ist. Denn Carlo ist nicht Luces biologischer Vater. Mit der Enthüllung konfrontiert, erzählt Viola die herzzerreißende Geschichte ihres Doppellebens, ihrer Lügen, ihrer Schuldgefühle. Und entschließt sich zu einer Tat, mit der sie der verzweifelten Liebe zu Tochter und Ehemann ein Denkmal setzen wird.

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 01.10.2013
Übersetzer: Gaby Wurster
192 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96392-3

Leseprobe zu »Mehr als mein Leben«

An diesem Abend

Mein Telefon klingelte zehnmal. Ich ließ es läuten, bis sich die Mailbox einschaltete. Beim letzten Anruf hast du eine abgeschnittene, aber verständliche Nachricht hinterlassen. Deine Stimme zitterte, während ich ein paar Kilometer entfernt in den Schlaf sank.

Es war ungefähr zwei Uhr nachts. Mir schien fast, ich könnte dich hören, wie du dieser ausdruckslosen Stimme antwortest: »Komm sofort!« Wer weiß, was du dachtest, als du die Hand ausgestreckt und im Dunkeln nach mir gesucht hast? – Du warst erstaunt, nicht meine gewohnte Wärme zu [...]

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An diesem Abend

Mein Telefon klingelte zehnmal. Ich ließ es läuten, bis sich die Mailbox einschaltete. Beim letzten Anruf hast du eine abgeschnittene, aber verständliche Nachricht hinterlassen. Deine Stimme zitterte, während ich ein paar Kilometer entfernt in den Schlaf sank.

Es war ungefähr zwei Uhr nachts. Mir schien fast, ich könnte dich hören, wie du dieser ausdruckslosen Stimme antwortest: »Komm sofort!« Wer weiß, was du dachtest, als du die Hand ausgestreckt und im Dunkeln nach mir gesucht hast? – Du warst erstaunt, nicht meine gewohnte Wärme zu spüren, denn meine Seite des Bettes war leer. Du wählst meine Handynummer. Nichts. Du schlüpfst in die Hose, die auf dem Sessel liegt, und probierst es noch einmal. Wieder nichts. Du ziehst T-Shirt und Schuhe an und läufst mit dem Autoschlüssel in der Hand zur Tür. Während du die Treppen hinunterläufst, rufst du noch zweimal an, erst im fünften Stockwerk, dann im zweiten. Nichts.

Im Wagen drückst du aufs Gas und fährst durch unsere Stadt. »Verdammt, wo zum Teufel steckst du?«, brüllst du. Du brauchst mich – und nicht nur du; aber ich habe dafür gesorgt, dass ich unauffindbar bin. Auf dem Parkplatz des Krankenhauses versuchst du es wieder und fragst dich, wie es sein kann, dass ich das Klingeln nicht höre. Mit dem Handy am Ohr gehst du durch den Park und klammerst dich an die Hoffnung.

Vor einer Krankenschwester bleibst du stehen und sprichst mir auf die Mailbox: »Ich bin im Krankenhaus. Komm bitte!« Dann drückst du mich weg.

Wer weiß, ob es sich so anfühlt, von einer Klinge getroffen zu werden? Wer weiß, ob man sich selbst mit Abstand betrachten kann, wenn man blutet, weil einem etwas das Fleisch zerrissen hat? Ich atmete scharf ein, nachdem ich deine Stimme gehört und begriffen hatte, dass es dieses Mal nicht leicht sein würde, meine Abwesenheit zu erklären. Das Handy ging mir in der Hand aus. Warum hast du nicht gesagt, in welchem Krankenhaus du bist? Was soll ich jetzt tun? Ich zog mir etwas über und rannte davon wie eine Diebin. Ich hatte alles dabei, alles, was mir gehörte, nahm ich mit, zusammen mit den Schuldgefühlen und der Angst. Ich würde mich im Wagen vollends anziehen, hier kennt mich niemand.

Ich steckte den Zündschlüssel ins Schloss und ließ den Motor an, ohne zu wissen, wohin ich fahren sollte. Ich kam mir vor wie eine Vierzehnjährige, die sich eine schlechte Lügengeschichte ausgedacht hat und nun nicht weiß, wie sie mit den Folgen umgehen soll.

Sollte ich nach Hause fahren und hoffen, dort eine Nachricht vorzufinden, oder von einem Krankenhaus zum nächsten ziehen und beten, dass ich Glück hätte?

Ich versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, und fuhr intuitiv dorthin, wo ich meinte, dich zu finden. Ich nahm das Handy und wollte es einschalten, aber nach dem ersten Piep kam ein zweiter, enervierenderer Ton, der nach dem endgültigen Aus klang. Ich sah mich um. Selbst wenn ich eine Telefonzelle fände, hätte ich keine Telefonkarte. Als ich die dritte blinkende Ampel überfuhr, kamen mir die Tränen. Wie ferngesteuert fuhr ich an einen bestimmten Ort, den wahrscheinlichsten Ort.

Es war noch immer dunkel und kalt.

Über mir schläft die Stadt. Über mir und meiner Reise, den Schuldgefühlen und der Angst, die mir langsam über die Haut streicht.

Warum bist du im Krankenhaus? Ich höre deine Stimme in meinem Kopf: »Ich bin im Krankenhaus. Komm bitte!« Was du wohl gedacht hast, als ich nicht geantwortet habe? Du verlierst nie die Kontrolle, ich bin die Fehlbare. Du bist der ruhende Pol, ich die Wankelmütige.

Ich wusste, dass du da sein würdest. Ich wusste es einfach. Instinkt, Intuition, ein Funken Scharfsinn oder einfach Glück hatten mich an den richtigen Ort geführt.

Vor der Metallschranke des Krankenhauses blieb ich stehen und ließ mich von einem Rettungswagen mit laufender Sirene überholen. Ich legte den ersten Gang ein und folgte ihm. Nach ein paar Metern sprang mir etwas Vertrautes ins Auge: dein Auto vor dem Eingang. So wie du geparkt hattest, nahmst du zwei Plätze ein – du warst in aller Eile ausgestiegen. Ich fragte mich, wieso.

Wenn du mit dem eigenen Wagen gekommen warst, konnte dir also nichts Schlimmes zugestoßen sein.

Ich nannte einer Krankenschwester erst meinen, dann deinen Namen und hoffte, sie würde gleich begreifen und mir sagen, wohin ich mich wenden müsse.

Sie sagte, ich solle im Zimmer nebenan warten. Ich sah sie an, und kurz wünschte ich mir, dieses Warten würde ewig dauern. Ich strich meine Kleider glatt und setzte mich auf die Stuhlkante.

Ich starrte den Getränkeautomaten an, ein rotes Lämpchen zeigte an, dass der koffeinfreie Kaffee aus war. Der Mülleimer quoll über von zusammengeknülltem Papier und schmutzigen Plastikbechern. Langsam wurde ich nervös. In Ungewissheit zu warten füllte meinen leeren Kopf mit beunruhigenden Bildern. Bei jedem Geräusch, bei jeder Stimme, jedem Klingeln des Telefons schnellte ich auf die Beine wie eine Feder. Eine Liege mit einem verletzten Jungen wurde an mir vorbeigeschoben, ich fragte mich, wie alt er wohl war. In Luces Alter? Ich sprang auf.

Ich zittere. Von außen sieht man es nicht, aber ich zittere. Im Inneren zittern meine Knochen, mein Blut, die Lymphen und der Großteil der Zellen. Jeder Teil meines Körpers steht auf einem anderen wie bei einem Kartenhaus. Wie lange kann ich mich noch auf den Beinen halten?

Ich blickte zu Boden, dann zur Tür. Ich musste warten. Ich musste ruhig bleiben. Du warst verschwunden, aber ich wusste, dass du irgendwo in diesem Betonkasten sein musstest, und ich hatte Angst vor dem Moment, in dem ich dich sehen würde, denn dann wäre alles anders. Wir wären nicht mehr »Ich mit dir«, sondern »Ich und du«.

So wäre es.

Ein Arzt kam auf mich zugelaufen, er schien mich zu kennen. Ich hielt den Atem an.

Er nannte Luces Namen.

Es war ein Gespräch, als würde mir brutal die Kehle zugedrückt. Der Augenblick durchfuhr mich von Kopf bis Fuß, schneidend wie ein geschliffenes Messer, gleißend wie ein Blitz.

Ich verdrängte dieses Gefühl. Ich war wegen Carlo hier, nicht wegen Luce. Ich hatte auf seine Nachricht reagiert: »Ich bin im Krankenhaus. Komm bitte!« Was hatte Luce damit zu tun? Der Arzt sah mich erwartungsvoll an, er hatte im Satz innegehalten, weil ich ihm wohl merkwürdig vorkam.

Er fragte mich: »Sind Sie Luces Mutter?«

»Ja, das bin ich … Wo ist mein Mann?«, murmelte ich, während mein Körper sich mit Sägemehl füllte.

Er erklärte mir, was geschehen war, und ich überlegte, ob er es dir mit denselben Worten gesagt hatte. Bei mir waren sie kalt und präzise, aber bei dir sicher nicht – bei dir sind sie das nie.

Du bist das pulsierende Herz, ich der Kopf. Ich werde informiert, du wirst eingeweiht.

Ich wartete weiter. Fremde gingen an mir vorüber, ich sah sie nacheinander durchs Zimmer gehen, folgte ihnen mit dem Blick, Schritt für Schritt, wartete, bis sie wieder verschwunden waren.

Wie betäubt saß ich da und fragte mich, ob du wohl gespürt hast, dass ich hier wartete. Ich hatte wie immer das Bedürfnis, dass du kommen und mich retten würdest.

Wie damals während unseres Marokkourlaubs. Wir waren in einem Suq, ich entfernte mich von dir. Ich war ganz trunken von den intensiven, würzigen Düften auf dem Markt. Meine Nase führte mich auf diesen anderen Weg, in ein Labyrinth aus Eindrücken und Farben, die mich verblüfften.

Ich merkte nicht, wie die Zeit verging, ich betrachtete die Schleier der Frauen und war fasziniert von deren Bewegungen.

Carlo fand mich, als hätte er genau gewusst, wo ich war. Er nahm mich am Arm und drückte mich an sich. »Mach das nicht noch mal. Geh nie mehr von mir weg.« Beim Abendessen erzählte er mir dann, wie er geahnt hatte, was mich abgelenkt haben könnte, und wie er an Menschen, Körben und Verkaufsständen vorbeigerannt war und gehofft hatte, das Herz würde ihm nicht zerbersten, bevor er mich gefunden hätte.

Carlo wusste, wie er mich verlieren konnte, denn er wusste, wohin er gehen musste, um mich zu finden.

Die Sonne ging auf, ich bekam Kopfschmerzen. Ich glaube, ich hatte Angst. Die Zeit verging, und niemand sagte mir etwas, du kamst nicht, und ich wusste nicht, was tun. Ob ich wohl verhindern könnte, dass die Dinge über mir zusammenstürzten, wenn ich reglos hier sitzen blieb?

Wenn ich so tun würde, als wäre nichts? Kann ich aus meinem Leben, aus unserem Leben heraustreten? Was mache ich, wenn sie mir sagen: Es ist schlimm. Muss ich dann weinen? Weinen bis in alle Ewigkeit?

Die Tür des Wartezimmers ging auf, und eine Krankenschwester sagte zu mir: »Kommen Sie bitte mit.«

Langsam stand ich auf, ich hatte das Gefühl, aus Knetmasse zu sein. Ich ging zur Tür, die Krankenschwester hielt sie mir auf. Hinter mir ließ sie sie los, bei dem metallischen Klacken fuhr ich zusammen. Etwas erregte meine Aufmerksamkeit. Es war dein Pullover. Ich erkannte ihn. Er kam mit dir darin auf mich zu. Ich beobachtete dich, du liefst so komisch. Du sahst mich an. Deine Augen in meinen, am Ende des Korridors. Ich blieb stehen und wartete auf dich, während du den Flur entlangliefst. Nun konnte ich fast dein Gesicht erkennen. Die Entfernung zwischen uns nahm schnell ab. Ich stand reglos da, du hobst die Hände. Ich spürte sie, erst an den Schultern, dann am Hals.

Du musst von den Füßen gehoben und an die Wand gedrückt haben. Du tust mir weh. Ich bekomme keine Luft. Nun sind deine Augen in meinen, aber es ist nicht dein gewohnter Blick. Was willst du mit mir machen? Du bist so wütend, dass du mich umbringen könntest, stimmt’s? Du weißt es also.

Ein Weißkittel griff ein und riss mich aus deinen Händen. Ich fuhr mir an den Hals. Ich konnte nicht aufhören zu husten. Ich hatte Tränen in den Augen. Du sahst mich weiter an, während man versuchte, dich wegzubringen.

Du schriest: »Lasst mich! Ich tue ihr nichts! Lasst mich!« Sie ließen dich los, blieben aber dicht neben dir. Du kamst auf mich zu. »Wie konntest du mir das antun? Sag es mir, Viola, wie konntest du?«

In diesem Augenblick fingst du an, mir zu fehlen.

 

Tags zuvor, 7 Uhr 38

Zweiundzwanzig Minuten vor dem Klingeln des Weckers schlug ich die Augen auf. In zweiundzwanzig Minuten kann man durch die ganze Stadt fahren, wenn keine Stoßzeit ist, man kann Eischnee für ein Tiramisu schlagen, man kann ein Gespräch mit jemandem vom Callcenter seiner Telefongesellschaft führen, um seinen Tarif zu wechseln, man kann ein Einschreiben aufgeben, einen Sendersuchlauf bei seinem Fernseher vornehmen, die Geschirrspülmaschine nach einem Essen mit Freunden füllen, sich eine Episode von Sex and the City ansehen, sich die Kurzsichtigkeit weglasern lassen oder ein paar Runden schwimmen. In zweiundzwanzig Minuten kann man seine Stelle kündigen, ein Kind empfangen oder eine komplette Mahlzeit verzehren.

In den zweiundzwanzig Minuten dieses Tages hörte ich die Haustür zweimal zuschlagen. Luce geht immer ein paar Minuten vor ihrem Vater aus dem Haus, ich blieb liegen.

Wie immer schälte ich mich aus den Federn und schlüpfte in die Hausschuhe. Ich band mir die Haare zusammen, setzte die Brille auf und lauschte der Stille im Haus, während ich dem Duft des Kaffees in die Küche folgte – Carlo ließ ihn wie jeden Morgen seit neunzehn Jahren, vier Monaten und ein paar Tagen für mich auf der Kochplatte stehen. Auch der Saft von drei Blutorangen stand da, das Brot lag neben der Marmelade, die er immer kurz vorher aus dem Kühlschrank holte, damit sie nicht zu kalt wäre.

In zweiundzwanzig Minuten hatte jemand ein kleines Wunder vollbracht und die Küche nur für mich hergerichtet.

Jeden Tag, den der Himmel auf die Erde schickte, war ich vollkommen davon überzeugt, dass Carlo mich mehr liebte als sein Leben.

Er hatte mich sogar am Tag der Hochzeit seiner Schwester geliebt. Alles war bis ins kleinste Detail organisiert gewesen: Carlo hatte Luce über Nacht zu seinen Eltern gebracht, damit ich keine Ausflüchte erfinden konnte, um nicht pünktlich in der Kirche zu erscheinen.

Als er aus dem Haus gehen wollte, mich aber noch immer beim Frühstück vorfand, rief er ungläubig: »Liebste, was machst du denn noch im Schlafanzug? Wir sind spät dran … Ich … ich muss meine Schwester zum Altar führen und sollte schon unterwegs sein …«

»Entschuldige, ich habe schlecht geschlafen und habe schreckliche Kopfschmerzen, aber ich werde alles tun, um pünktlich zu sein. Wenn du nicht auf mich warten kannst, dann geh nur allein.«

Er senkte den Blick. Ich hörte ihn flüstern: »Mach, was du willst, aber komm bitte nicht allzu spät.« Nach einer kurzen Pause fügte er in einem ganz anderen Tonfall, ruhig und gemessen, hinzu: »Tu’s für mich, ich bitte dich.« Dabei dachte er an seine Mutter, die sich eine Verfehlung meinerseits nur wünschte!

Ich wartete, bis ich die Tür ins Schloss fallen hörte. Erst als ich sicher war, dass Carlo endlich weggefahren war, zog ich mich an und schminkte mich. Ich behielt die Uhr im Auge, damit ich wusste, wie viel Zeit ich noch hatte. Ich zog Kleid und Schuhe an, nahm meine Tasche und machte mich auf den Weg zur Trauung.

Ohne Eile ging ich die drei Häuserblocks zur Kirche San Nazario hinunter, durchquerte die Grünanlagen, wo Luce früher immer gespielt hatte, blieb am Kiosk stehen und las die Aushänger mit den Nachrichten des Tages. Dann ging ich weiter, aufmerksam wich ich kleinen Pfützen aus, auch wenn die Versuchung groß war, hineinzuspringen und mein neues Kleid zu bespritzen.

Dass es rechtzeitig aufgehört hatte zu regnen, hatte die liebe Nadiria wohl viele Gebete gekostet!

Mit einem Seufzer vertrieb ich die hässlichen Gedanken, die meiner Schwiegermutter galten – der Tag war noch lang.

Den zugesperrten Türen der Geschäfte und den noch geschlossenen Fensterläden überall um mich herum nach zu urteilen, war es wohl ein Ruhetag.

Genau in dem Moment, als die Brautjungfern in lavendelblauen Kleidern alle Gäste in die Kirche baten, kam ich auf dem Vorplatz an.

Alle Gäste außer mir, dachte ich und verlangsamte meine Schritte.

Der Wagen mit Carlo am Steuer fuhr an mir vorbei, ohne anzuhalten. Ich sah ihn hinter der Kirche um die Ecke biegen. Die Braut musste die Kirche als Letzte betreten. Aber hier draußen war auch noch ich.

»Zweite Runde, zweiter Versuch!«, dachte ich und lächelte über meine kleine Gemeinheit.

Kaum hatte ich das Portal passiert, blieb mir die Luft weg, ein wunderbarer Duft schlug mir entgegen. Alles war unvorstellbar schön. Marta hatte ganze Arbeit geleistet.

Eine überwältigende Pracht aus Orchideen, Gladiolen, Callas, Rosen, weißen Lilien und Tuberosen schmückte den Altar und die Kirchenbänke.

Ich wankte auf meinen Absätzen.

Der Schatten meiner Silhouette, umhüllt von einem wunderhübschen, hell elfenbeinfarbenen Kleid (so hell, dass es fast weiß wirkte), fiel durchs Mittelschiff bis ganz nach vorn zur ersten Bankreihe, wo Nadiria mich entsetzt unter ihrer Hutkrempe hervor anstarrte.

Alle erhoben sich, und in diesem Augenblick ertönte der Hochzeitsmarsch, während Marta gerade dabei war, einem feuerroten Bentley zu entsteigen und ihre Hochzeitsschuhe aus Atlasstoff aufs Straßenpflaster zu stellen.

Unter den Klängen Mendelssohn-Bartholdys verschwand die Seligkeit aus Martas Gesicht. Sie ergriff die Hand ihres Bruders, sah ihn wutbebend an und sagte: »Hat sie mir jetzt auch noch meinen Hochzeitsmarsch geklaut? Warum?«

Carlo presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Marta ließ zu, dass eine Träne ihr perfektes Make-up verschmierte.

Während ich um acht Uhr und ein paar Sekunden mein Brot mit Marmelade bestrich, dachte ich noch immer an diesen Tag und an Martas Gesichtsausdruck. Fast fünfzehn Jahre waren seitdem vergangen, aber der Blick, den sie mir an jenem Morgen zugeworfen hatte, als sie durchs Kirchenschiff geschritten war, lebte in meinen Erinnerungen fort. Wenige Meter vor dem Bräutigam war sie stehen geblieben und hatte mich hasserfüllt angesehen. Damals war mir ihre Ähnlichkeit mit Nadiria schlagartig bewusst geworden.

Mit dem Marmeladenglas in der Hand brach ich in Gelächter aus.

Ja, Carlo liebte mich, obwohl seine Mutter immer sagte, ich sei »vollkommen verrückt« und: »Diese Frau wird dein Ruin sein.«

Immer, wenn ich es vergaß, strampelte er sich ab, um Luce abzuholen, und erfand plausible Rechtfertigun-gen, um mich besser erscheinen zu lassen, als ich war.

Carlo liebte mich, wie man eine Kranke liebt. Ohne Fragen zu stellen, ohne etwas zu verlangen, vor allem aber ohne zu merken, dass ich gar nicht krank war.

Er lauschte meinem Schweigen, ohne mich je zu fragen, woran ich dachte.

Carlo und seine Haftnotizen am Kühlschrank: »Ich liebe dich, Kleine.« Denn er betrachtete mich tatsächlich als klein.

Nach dem Frühstück verkroch ich mich wieder unter der Decke. Das liebte ich. Ich lag ein paar Minuten reglos da, dann stand ich erneut auf. Ich ging in dein Zimmer, Luce. In deiner Unordnung – als sei gerade eine Bombe explodiert – erkenne ich mich wieder. Deshalb schaffe ich es nicht, es dir vorzuhalten. Heute Morgen hast du dich geschminkt, ich sehe es an dem Lidschattendöschen, das noch offen steht. Ich habe dich nicht mal gesehen. Du wirst zu deinem Vater ins Bad gegangen sein und ihn gefragt haben, wie du aussiehst: »Pa, soll ich die Haare offen tragen oder lieber einen Pferdeschwanz?« Carlo wird so getan haben, als verstehe er nicht, und scheinbar beiläufig wird er gesagt haben: »Pferdeschwanz. So stören die Haare dich nicht beim Schreiben.«

Das stimmt nicht, Luce. Er hat dich lieber mit Pferdeschwanz, weil er dich mit offenen Haaren sexy findet und sich dafür hasst. Er hat Angst vor den anderen Männern, davor, wie sie dich ansehen und was sie sich vorstellen könnten, wenn du dir mit naiver Hand durch dein langes schokoladenbraunes Haar fährst. Er hat Angst vor dem Sex, den du haben wirst, und davor, was ein anderer mit dir tun wird. Deshalb behandelt er dich wie einen Jungen und hofft, dass du ihm noch eine Weile verbunden bleibst. Er hat Angst, Luce, denn wenn ein anderer Mann in dein Leben tritt, wird ihn das zerreißen.

Als du fünf Jahre alt warst, hast du ihn um eine Schachtel gebeten, in der du alle deine Puppen aufbewahren kannst. Ich wollte sie im Spielwarengeschäft kaufen, aber Carlo bat mich, noch ein wenig Geduld zu haben. Er fertigte sie eigenhändig an: eine kleine Truhe aus dunklem Holz, auf allen vier Seiten war dein Name eingraviert. Du warst so glücklich, dass du selbst darin schlafen wolltest. Ich hatte Angst, in der Nacht könne der Deckel zufallen. Also wiegte dein Vater dich darin, bis du eingeschlafen warst, dann nahm er dich heraus und legte dich ins Bett. »Schläft sie?«, fragte ich ihn. »Hast du die Truhe zugemacht? Ich will nicht, dass sie in der Nacht …« Aber er nickte nur lächelnd, denn er hatte alles im Griff.

Ich habe dich sehr lieb, Luce, aber ich weiß, dass du dich für deinen Vater entscheiden würdest, wenn du zwischen mir und ihm wählen müsstest.

Um acht Uhr neununddreißig war ich voll angezogen und hatte noch eine Minute Zeit. Ich schloss sorgfältig die Tür und ging die Treppen hinunter, während ich in meiner Handtasche den Autoschlüssel suchte. Ich fand ihn nicht, also setzte ich mich auf eine Stufe und sah in Ruhe nach. Ich staunte, ihn immer am selben Platz zu finden. Mit meiner Unordnung kam ich zurecht – Ordnung verwirrte mich.

Sara Rattaro

Über Sara Rattaro

Biografie

Sara Rattaro, 1975 in Genua geboren und aufgewachsen, studierte Biologie und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute als Pharmavertreterin. Ihre Passion fürs Schreiben begleitet sie schon ein Leben lang. »Mehr als mein Leben«, ihr zweites Buch, wurde in Italien zum Überraschungsbestseller....

Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

»Herzzerreißend.«

vonmainbergsbuechertipps.wordpress.com

»Die Story über eine sehr außergewöhnliche Tat beschäftigt einen noch sehr lange. Ein Buch, dass man bis zum überraschenden Ende nicht mehr aus der Hand legen mag. Lesenswert!«

BIZZ!

»Hingebungsvoll und emotionsgeladen schreibt Rattaro mit ›Mehr als mein Leben‹ einen Roman, der nicht mehr zum aus der Hand legen ist.«

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