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Marktplatz der Heimlichkeiten

Marktplatz der Heimlichkeiten

Roman

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Marktplatz der Heimlichkeiten — Inhalt

Der neue Roman der Schweizer Bestsellerautorin von »Aufräumen«

Das Medienhaus eines Schweizer Verlages ist ein Marktplatz, hier werden Geschichten verkauft über alles, was draußen läuft in der Welt. Was drinnen läuft, in den Menschen, die hier arbeiten, bleibt jedoch täglich ungesagt: Sven hat einen falschen Titel, Josette ein Verhältnis mit mit dem Chef, Iris kokst, Annakatharina treibt ab, Stevie klaut seltsame Dinge, Walter hört Stimmen, und Postino von der Hauspost leidet an Weltweh. Angelika Waldis deckt behutsam die Geheimnisse auf und bewirkt, dass man zum Schluss auch das boshafte Ekel und die dumme Schnepfe irgendwie ins Herz schließt. 

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.12.2016
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30948-6

Leseprobe zu »Marktplatz der Heimlichkeiten«

1


Die Eibennadeloption. 
Flug nach Aserbaidschan. 
Das Leben ist ein Geschenk
Tino Turrini, Hauspost
Irgendwann nimmt er sich das Leben. Das hat seine Mutter immer gedacht, er weiß das, er hat ihre vorsichtigen Fragen nicht überhört. Nun, mittlerweile ist er achtundvierzig, und er lebt noch.

Tino Turrini, genannt Postino.


Es ist zehn vor sieben in der Früh, als er am Warenhaus Jel-moli vorbeifährt, spätestens um sieben Uhr muss er an der Ar-beit sein. Er blickt in die kleine Querstraße und versucht sich vorzustellen, wie sich das Mädchen gefühlt hat, als [...]

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1


Die Eibennadeloption. 
Flug nach Aserbaidschan. 
Das Leben ist ein Geschenk
Tino Turrini, Hauspost
Irgendwann nimmt er sich das Leben. Das hat seine Mutter immer gedacht, er weiß das, er hat ihre vorsichtigen Fragen nicht überhört. Nun, mittlerweile ist er achtundvierzig, und er lebt noch.

Tino Turrini, genannt Postino.


Es ist zehn vor sieben in der Früh, als er am Warenhaus Jel-moli vorbeifährt, spätestens um sieben Uhr muss er an der Ar-beit sein. Er blickt in die kleine Querstraße und versucht sich vorzustellen, wie sich das Mädchen gefühlt hat, als es vom Jelmoli-Restaurantbalkon sprang. Er lockert die verkrampften Hände an der Lenkstange, sie zittern ein bisschen. In der NSZ hatte gestanden, das Mädchen sei tot gewesen – eine Fehlmel-dung, die in der nächsten Ausgabe korrigiert wurde. Nicht tot, nur verletzt. Knochenbrüche. Wer die Fehlmeldung zu verant-worten hatte, wurde von der Redaktion vornehm verschwiegen.
Wie immer ist die Spatzenbande im Gebüsch vorm Hauptpor-tal. Man sieht sie nicht, man hört sie nur. Seit zwei Stunden ist es hell, und die Leuchtschrift ist immer noch an: NeoMedia. Er hat sich noch nicht an den neuen Namen seiner Firma gewöhnt. Ich arbeite bei der NSZ, sagt er nach wie vor, bei der Neuen Schweizer Zeitung. Manche Leute glauben dann, er sei Redaktor oder so was. So wie er aussieht, könnte das stimmen. Kurzer Rossschwanz, randlose Brille, eher auf der bleichen Seite. Es ist nicht schwierig, so auszusehen wie die Redaktoren, die meisten kommen recht zerknautscht daher. Die Spatzenbande flirrt hoch, als er kurz rüttelt an einem Zweig, dann taucht sie wieder ins Blattgewirr und fährt mit dem nervösen Getschilpe fort.
Er winkt zum Portier rüber, aber der sieht ihn nicht, weil er gerade in seine Hausjacke schlüpft. Sonst hätte er bestimmt zurückgewinkt. Der ist immer nett, der Martaler, zieht mit der Hausjacke ein Hausgesicht an. Portier Urs Martaler, von Beruf Nettseier, ist keiner, der extra wegschaut, wenn man winkt.
Ich arbeite bei der NSZ, sagt Postino, wenn jemand fragt. In der Hauspost, müsste er noch sagen, aber das lässt er weg. Seit elf Jahren, könnte er noch sagen, aber das lässt er auch weg. Er zieht den Rollladen hoch wie jeden Morgen und sieht den Eibenbusch wie jeden Morgen. Es ist ein magerer Busch, im Herbst, mit den roten Beeren, wirkt er etwas besser, aber jetzt ist er einfach nur jämmerlich, kaum zu glauben, dass er giftig ist. Hundert Gramm Nadeln und fünf Minuten reichen für ein Pferd, hat er gelesen. Er würde die Nadeln nicht kauen, sondern einen Absud machen, das ginge sogar hier in der Hauspost, mit dem Wasserkocher, den er seit Jahren im Schrank hat. Auf dem Schrank steht «Tino Turrini», der Schrank lässt sich abschließen, was er im Schrank hat, geht niemanden was an. Herr Turrini, so nennen ihn nur ein paar wenige. Die meisten duzen ihn, aber er heißt nicht mehr Tino, sondern Postino, das hat sich der Chefkorrektor ausgedacht. Ihm ist es recht. Er ist nie gern Tino gewesen, hat seiner Mutter den Namen übel genommen.
Die Postsäcke stehen schon da, lehnen aneinander wie un-förmige graue alte Weiber, gleich fangen sie an, miteinander zu flüstern und zu kichern. Er packt sie und leert sie auf dem gro-ßen Sortiertisch aus. Nun geht’s ans Verteilen. Zweimal täglich bringt er die Post in die verschiedenen Abteilungen, zweimal holt er sie, zu den Redaktionen geht er viermal, dort sagt meistens keiner mehr danke. Bis vor ein paar Jahren waren sie in der Hauspost noch zu zweit, dann nahmen die Mails zu und die Briefe ab, und der Bruggisser musste gehen, er war achtundfünfzig und wurde vorzeitig pensioniert. Jetzt hat er einen Kiosk und einen Lungentumor, dabei hat er gar nicht viel geraucht. Zum Rauchen hat er sich immer über die Fensterbank geschwungen und sich draußen neben den Eibenbusch gestellt. «Du brauchst eine Frau», hat er jeweils zu Postino gesagt, wenn der auf die Frage «Wie geht’s» bloß die Schultern hob. «Du brauchst eine Frau, wenn du den Moralischen hast. Die wischt dir den Moralischen weg wie Kacke vom Kinderpo. Frauen kön-nen das.»
Postino wusste, was Bruggisser mit dem «Moralischen» meinte, nämlich einen schmerzlichen Gefühlsschub, der wieder vergeht wie eine wetterbedingte Himmelsverdunkelung. Aber das ist es nicht, was Postino hat, wenn er bloß die Schultern hebt. Postino weiß selber nicht, was es ist, was er hat. Er hat noch nie eine Bezeichnung gelesen, die auf ihn zutrifft. «Ich habe Weltweh», würde er am ehesten sagen, wenn ihn jemand fragte. Aber erstens fragt ihn niemand, und zweitens würde er sich seiner Antwort schämen. Weltweh, so was Blödes. Gibt’s gar nicht. Und doch ist es immer da, wie ein großer blauer Blut-erguss vorne auf der Brust.
Heute geht Postino als Erstes in die Chefetage, genannt Walhalla, auch Teppichetage, obschon es da längst keine Tep-piche mehr gibt, sondern teures gebleichtes Eichenparkett. Hier residieren der Verwaltungsratspräsident, der CEO, der Medi-enchef und der Gesamtverlagsleiter. Postino war noch nie in einem dieser Büros, er hat die Post bei Nastja abzugeben. Ihr Büro ist offen, sie kommt meist spät, Postino legt die Briefe der Größe nach und Kante auf Kante gebündelt neben ihr Telefon und schaut sich derweil ein wenig um, an ihren Wänden hängen immer wieder andere Bilder, «Kunst ist mein Leben», sagt sie, überhaupt macht sie sich wichtig, das hört Postino aus den Bemerkungen der anderen Walhalla-Sekretärinnen heraus. Aber er hat nichts gegen Nastja, sie ist freundlich und lacht viel, sie lässt ihn zuschauen, wenn sie sich die Lippen schminkt, dunkelrot. Er weiß, wo sie ihr Schminkzeug verwahrt und wo den Weißwein, den sie ungekühlt trinkt und in Mengen. «Was machen Sie hier?», fragt jemand unter der Tür, und Postino dreht sich verlegen um, als hätte man ihn bei einem Diebstahl ertappt. Es ist der CEO, der ihn fragend anschaut, in T-Shirt und Radlerhose, Postino hat gehört, dass er frühmorgens immer mit dem Velo kommt und sich dann duscht und so umzieht, wie man ihn kennt: dunkelblauer Anzug, gestreiftes Hemd. «Ich bin von der Hauspost», sagt Postino und zeigt auf den Briefberg und sieht, dass der CEO extrem dicke Oberschenkel hat. «Tino Turrini», sagt Postino, «guten Morgen», worauf der CEO das Kinn hebt und aus der Türöffnung verschwindet. War das nun ein Gruß, das Kinnheben, oder was? Postinos Sympathie für den CEO ist weg. Ein billiges Sätzchen wie «Ach, Herr Turrini» könnte ein Konzernchef doch wohl noch zustande bringen, auch wenn er noch nicht geduscht ist.
Postino zieht seinen Postwagen durch die Korridore und stellt sich vor, es sei ein Reisekoffer, manchmal hilft das, wenn ihn alles anscheißt. Sag nicht «anscheißen», sag lieber «an-gurken», findet seine Mutter. Das Anscheißen könne sich leicht in einen entsprechenden Dauerzustand verwandeln, und den werde man nicht so einfach wieder los. Angurken sei punktuel-ler. Ach je, was die immer sagt. Postino stellt sich also vor, er ziehe seinen Koffer hinter sich her, er sei im Flughafen und müsse zum Gate, A41 oder so, dort wird er erfahren, wohin er fliegt. Er wünscht sich ein Land, wo man eigentlich nicht hin-fliegt, weil es ein schwieriges Land ist, keins, das mit Frohmut gepflastert ist und die Heiterkeit in der Verfassung hat. Maure-tanien oder vielleicht Weißrussland, dort würde er beweisen, was für ein einfallsreicher Mensch er ist, er, Tino Turrini, was für ein Lebenskünstler, kein Held, das nicht. Er biegt um die Ecke zum Gate A41. Alicante direkt! Nein, da bleibt er lieber hier. «Postino!», ruft jemand, «gib her.» Es ist die Thalmann, die, wie sie sagt, seit einer halben Stunde auf ihre Post wartet, sie reißt ihm das Bündel Briefe aus der Hand. Zwetschge, denkt Postino. Zum Glück darf ich immer noch denken, was ich will. Ziege. Zecke. Sumpfgurke.
Das Beste auf der Tour ist das Reinschauen bei Hansemann, der heißt tatsächlich so, Fred Hansemann, Einkäufer Büromate-rial, er hat ein winziges Büro für sich allein, eine Besenkammer, mit einem Fenster zum Luftschacht. Oft hat er Hansemann gar nichts zu bringen, dann klopft er trotzdem und sagt: «Heute nichts.» «Komm rein», sagt Hansemann, «schau dir das an!», und zeigt auf den Bildschirm. Hansemann sammelt Fotos von eigenartigen Tieren und sieht sie sich an, wenn er von den Heft-klammernbestellungen und den Sichtmäppchenretouren genug hat, er schaut sich ein Tier an, so wie sich andere einen Schluck Kaffee genehmigen. Heute hat er ein bleiches langes Ding auf dem Schirm, Vollbildgröße, «ein Grottenolm», sagt Hansemann, «schau dir das an!» Der lebe im Dunkeln, sagt er, in Tropfstein-höhlen, möge ganz kaltes Wasser und einen lehmigen Gewäs-serboden zum sich Einwühlen. Weil sich Postino nicht gebüh-rend entsetzt, sagt Hansemann noch, der Grottenolm habe funktionslose Augen, die seien unter der Haut verborgen. «Dann weiß er wenigstens nicht, wie er aussieht», sagt Postino, «ist doch immerhin etwas. Und sich Einwühlen ist auch nicht übel.» «Das nennt man positiv denken», sagt Hansemann, «trotzdem: Möchtest du so leben?» Postino lacht. Er weiß nicht, wie er leben möchte. «Die werden hundert Jahre alt!», ruft Hansemann noch, als Postino bereits die Tür hinter sich schließt.
Er muss sich beeilen, er hat noch zwei weitere volle Post-wagen, und die ganze Vertriebs- und Finanzabteilung ist noch nicht bedient. Er wartet vor dem Lift und macht sich zum Grü-ßen fertig, als der PR-Chef und sein Vize aussteigen, aber die beachten ihn gar nicht. Vielleicht haben sie funktionslose Au-gen. Postino ist froh um sein altes Schimpfwort, zweisilbig mit Loch.
Er freut sich auf die Gerlind von der Honorarbuchhaltung, aber sie ist nicht da. «Ihr Mann ist tot», sagt das Lehrmädchen und merkt gleich, dass das etwas unfein geklungen hat. «Er ist verschieden», sagt sie, ist damit aber auch nicht ganz zufrieden, und so zeigt sie auf die aufgeschlagene NSZ: «Hier steht’s.» Postino hat nicht gewusst, dass die Gerlind einen Mann hat oder hatte. Elf Jahre lang hat er sie von Montag bis Freitag zweimal täglich gesehen, aber das vom Mann hat er nicht gewusst. Sie hat ihm einfach Gebäck angeboten und etwas vom Wetter gesagt oder von den Druckern, die nie richtig funktionieren, und sie hat immer so schön gelächelt dazu, darum hat er eigentlich gedacht, dass er sie kennt. Sie hat ihm in der Kantine auch zugewinkt, und einmal hat sie sich zu ihm gesetzt, und er hat sich gewundert, dass sie ihr riesiges Schnitzel aufgegessen hat, und jetzt hat sie also einen Mann, und der ist tot. «Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass mein geliebter Ehemann Rolf Schwaller verschieden ist.» Mitarbeitende der NSZ brauchen nichts zu zahlen für Todesanzeigen ihrer Angehörigen, auch die Danksagungen sind gratis. Postino möchte nicht gern am Schalter der Inseratenannahme sitzen und die trauernden Angehörigen beraten, ob das Inserat kursiv oder halbfett oder mit Lilienzweig daherkommen soll. Zum Glück muss er da nicht hin, die holen ihre Post selber. «Was machen wir jetzt?», sagt er zum Lehrmädchen. «Ich bräuchte eine Unterschrift von der Gerlind für den Eingeschriebenen.» Das Lehrmädchen hebt fragend einen Stift, Postino nickt, und sie schreibt langsam und deutlich Annakatharina Hirsbrunner neben seinen Daumen. Er hat keine Ahnung, warum ihn das fröhlich macht.
Er macht sich wieder auf durch die Korridore zu einem Gate, B59 oder so, Aserbaidschan wär gut, oder Ossetien, ein Land, wohin man allein hinfährt und keinesfalls mit einer Begleiterin, er hätte ja gar keine. Annakatharina Hirsbrunner, möchten Sie mit mir nach Aserbaidschan fliegen? Nein, würde sie mit ihren deutlichen Buchstaben schreiben. Dann würde sie kurz inne-halten, weil ihr das kurze Nein etwas unfein vorkäme, und würde noch ihre lange Unterschrift hinzusetzen. Ein einziges Mal hat Postino eine Freundin gehabt, da war er gerade vom Gym-nasium geflogen. Er zog zu Hause aus und wohnte bei Cont-essa, er führte ihre Hunde aus, und sie führte ihn ins Sexualle-ben ein. Sie war doppelt so alt wie er, und seine Mutter sagte, was für eine Schande. Contessa war mal mit einem richtigen Conte verheiratet gewesen und hatte eine Portion vornehmes Getue beibehalten, so wünschte sie sich, dass Postino einen Blazer mit Goldknöpfen trug, wenn er sich zu ihr an den Tisch setzte. Außerhalb der Mahlzeiten durfte er auch nackt in der Wohnung herumlaufen. Postino denkt gern an Contessa, auch wenn er weiß, dass sie inzwischen tot ist, er stellt sich vor, dass sie zu ihm wieder sagt: Tino, aus dir wird was, ich spür’s. Das hat sie mehr als einmal gesagt. Ihr Busen war so groß, dass Postino die eine Hälfte des Büstenhalters wie eine Kappe über den Kopf ziehen konnte. Wenn er so um sie herumtanzte, konnte sie sich kranklachen. Manchmal seufzte sie und sagte, «mein Busen zieht mich in die Tiefe, halt mich fest», dann musste sich Postino hinter sie stellen, mit beiden Händen ihre Brüste hochstemmen und eine Zeitlang so verweilen. Wer sie dann echt in die Tiefe zog, war ein Betrüger, dem sie nach Australien folgte. Er knöpfte ihr alles ab, was sie besaß, und ließ sie danach in Adelaide sitzen. Der Flug von Gate B59 geht nach Düsseldorf, nichts für Postino und Schluss mit dem Fantasieren, er eilt Richtung Personalabteilung, Human Resources heißt das heute, das Briefbündel liegt ihm schwer auf dem Arm, das sind größtenteils Bewerbungsschreiben, sie stinken vor Hoffnung, und die meisten werden im Shredder landen. Er kennt das Geräusch, das der Shredder macht. Ich muss froh sein um meinen Scheißjob, denkt er, muss ein munterer Pösteler sein, der sich eigentlich schon längst mit einem Eibennadelabsud hätte umbringen wollen. Manchmal, wenn er aus dem Fenster der Hauspost schaut, stellt er sich ein großes Pferd vor, hell mit ein paar schmutzigen Flecken, es läuft geradewegs auf den Eibenbusch zu und beginnt, Nadeln zu rupfen. Schau auf die Uhr, sagt das Pferd und fällt nach fünf Minuten tot um.
Zeit für eine Pause. Er holt den Wasserkocher aus seinem Schrank, das Kaffeepulver und die in der Toilette abgefüllte Wasserflasche. Er könnte auch in der Kantine einen Kaffee trinken, aber nur stehend, sitzend würde er zu unbeschäftigt wirken. Die Säcke mit der neuen Post, die er noch vor Mittag verteilen muss, stehen schon da. Diesmal sehen die Säcke aus wie verhüllte Bären. «Ihr könnt warten», sagt Postino, und drückt gerade eine Menge gezuckerter Kondensmilch aus der Tube, als Kurt hereinplatzt. «Mach mir auch einen», sagt Kurt, «ich hab jetzt dann gleich einen Schwächeanfall.» Kurt Bättig ist Hauswart, ein Schrank von Mann, ein Schrank, der strikt verschlossen bleibt. «Die machen mich heute wieder mal fertig, ich soll überall gleichzeitig sein und subito.» Postino holt einen zweiten Becher und drückt den Rest der Tube aus. Dann packt Kurt die Tube und quetscht mit seinen großen Händen noch mal mindestens elf Zentimeter Milch hervor. «Hast du’s gehört?», sagt Kurt. Nein, Postino hört nie etwas von Wichtigkeit. Er ver-mutet, dass er für wichtige Mitteilungen nicht wichtig genug ausschaut. «Die bauen zweihundert Stellen ab», sagt Kurt. Dass Postino zusammenzuckt, merkt er nicht. Er zeigt mit einem Finger voller Kondensmilch zur Decke. «Dabei wird da oben gescheffelt wie noch nie.» Das weiß Kurt von der Nastja. Die Nastja hat ihn vorhin herbeigepfiffen und ihm gezeigt, wie er das Walhalla-Sitzungszimmer für heute Abend herrichten soll. «Was ist heute Abend?» «Medienpreisbekanntgabe.»
«Herr Turrini, Sie arbeiten doch bei der NSZ», hat seine Hausmeisterin kürzlich gesagt, «ich hätte ein spannendes Thema für Sie: Die Hirsche in der Stadt! Oder sind es Rehe?» Auf jeden Fall sehe man sie neuerdings in den Parkanlagen am Stadtrand. Und die Polizei wolle das nicht dulden. Das sei doch eine Schweinerei, das sei doch ein Thema für die NSZ. «Oder, Herr Turrini?» Postino wird sich hüten, einen Redaktor über ein Stadtrandreh zu informieren. Postino mag die Redaktoren nicht sonderlich, manche grüßen nur flüchtig oder gar nicht, wenn er mit seinem Postwagen durch den Korridor kommt. Dabei würde er, Postino, eine perfekte Reportage über Stadtrandrehe zu-stande bringen, er hat schon immer gut geschrieben, und dass er aus dem Gymnasium flog, hatte nichts mit seinen Begabun-gen zu tun, ja, das würde er zustande bringen – eine medien-preisverdächtige Reportage über die scheuen Rotbraunen am Stadtrand …
«Was ist. Etwas ist», sagt Kurt. Postino zieht die Schultern hoch. Kurt streckt wieder den Finger zur Decke. Ob ihm Postino helfen könne, die Tische zu verschieben da oben. «Ich hab zu tun», sagt Postino und zeigt auf die verhüllten Bären. Da legt Kurt gebetsmäßig seine Pranken aneinander. Also gut, nickt Postino. Wieder mal ich.
Er macht sich an die verhüllten Bären, und während des Briefesortierens wird ihm kalt vor Angst. «Die bauen zweihun-dert Stellen ab.» Was, wenn er einer der zweihundert ist? Be-stimmt ist er das. Die werden die Hauspost umbauen, reihen-weise Regale mit Postfächern aufstellen, offene und ver-schließbare, so eine Art Ställe für Riesen- und Zwergkaninchen, und die einzelnen Abteilungen schicken dann ihre Unterbe-schäftigten her, um die Ställe zu putzen. Postinos Postwagen werden auf dem Müll landen und Postino auf dem Arbeitsamt. Aber niemand wird ihn mehr haben wollen, einen Achtundvier-zigjährigen ohne Schulabschluss, ohne Berufsangabe. Fertig. Eibennadel-absud. Postino öffnet das Fenster, um die kalte Angst mit warmer Juniluft zu verjagen, als ihm einfällt, dass ja jemand die Post in die Postfächer legen muss, bevor sie geholt werden kann – 
er zum Beispiel. Er kann das. Er kann Ad-ressen lesen und hat zwei Hände, er raucht nicht, stinkt nicht, hat kein Vorstrafenregister, und Schweizer ist er auch. Bloß, in einer Stunde ist das Verteilen erledigt. Das schafft auch jemand, der ohnehin hier arbeitet, der Portier Martaler oder das Lehrmädchen Anna-katharina Hirsbrunner. Das war’s dann also. Die Wohnung wird er aufgeben und wieder bei seiner Mutter einziehen müssen. Und dass ihn das angurkt, wird sie nicht hören wollen. Das Leben ist ein Geschenk, wird sie sagen, das weißt du doch, Tino.

was hier so riecht, ist dünkel, ein mix aus bisschen schwarztee, bisschen le-der, bisschen frischschweiß, bisschen gebügeltes, ja so etwa ~ das wabert ~ wabert durch korridore, durch offene türen ~ am stärksten riecht’s in kultur und ausland: ha! wir sind die mit dem durchblick! ~ die mit dem scharfsinn! ~ die mit der echtoriginalität! ~ sprache: unsere keule! sprache: unser streichelfinger! ha! ~ und was schaut raus? eine langweilige zeitung ~ muss noch mal über meinen text: gift in den schrebergärten ~ ganz nett, hat textchef gesagt ~ aber man spürt den fleiß, hat er gesagt, er lese strebergarten statt schrebergarten ~ nimm den fleiß noch raus, hat er gesagt ~ schreber, streber, eber, er ist der eber, männliches hausschwein, zu schlachten mit bolzenschuss ~ schluss jetzt ~ gibt auch gute gestalten hier ~ postino, lächelt angenehm traurig

 

2


Rohseidene Lümpchen. 
Wichtiges fällt vom Himmel. 
Verlorenes Ei
Nadine Schoch, Stv. Leiterin 
Kantine

Noch nicht mal zehn Uhr morgens – und schon der volle Stress. Nadine ist eine Stunde zu spät zur Arbeit erschienen, weil sich Juri nachts erbrochen hat und vor dem Frühstück noch mal. Danach hat er vor dem Bett gekniet, den Kopf auf der Matratze, das Pyjama voller Kotze, ein Häufchen Kind. Während Jan vor sich hin schimpfte, weil er seine Trainingshose nicht fand, rief sie ihre Mutter an, könntest du vielleicht. Aber Mutter kann nicht, Mutter hat eine Zahngeschichte.
«Jan, hör auf zu jammern, nimm einfach eine andere Hose, bitte, Janusch.» Sie schrie etwas zu laut, Janusch sagte nichts mehr und rannte aus der Wohnung, vom Türeknallen zitterten die Gläser auf dem Küchentisch. Von seinen Rechenaufgaben hatte er gestern Abend die Hälfte falsch gelöst und nicht mehr korrigiert. Nun rannte er also mit falschen Rechnungen und einer falschen Turnhose zur Schule. Sie suchte die Nummer von Gabriela heraus, Gabriela wollte zehn Franken pro Stunde und versprach, um neun Uhr da zu sein. Juri wimmerte, er wollte nicht, dass Gabriela kam, Gabriela sei blöd. Warum? Juri wusste es nicht.
Und jetzt kauert Nadine hinter der Kantinentheke und putzt das Kühlfach für Milch und Kaffeerahm, der Chef ist nervös, weil gleich jemand von der städtischen Gesundheitsinspektion vorbeikommt. Er hat alle Ei- und Selleriebrötchen von gestern in den Müllsack geworfen und den Sack fest zugeschnürt. Die Aufschnittmaschine sei auch nicht sauber, sagt er. «Nadine, mach schon.» Was kann sie dafür, dass das Putzteam so schlecht arbeitet. Sie ist nicht fürs Putzen zuständig, sie ist als stellvertretende Kantinenleiterin angestellt, das muss sie Roland heute noch mal deutlich klarmachen. Roland ist als Chef nicht übel, aber manchmal rastet er aus. «Die Kantine eines Medienunternehmens kann sich verdammt noch mal keinen Rüffel von den Hygienefritzen leisten.» Er reißt ein nicht mehr frisches Handtuch vom Haken und wirft es Nadine vor die Füße. Nadine, mach schon.
Nadine sieht Juris gekrümmten Rücken vor sich, über die Toi-lettenschüssel gebeugt. Das Oberteil ist ihm zu den Schul-tern gerutscht, die Rückenwirbelchen stehen vor, er weint, während er sich erbricht. Hilflos steht sie hinter ihm und kommt sich grob vor, weil sie ihn ins Bad gezerrt hat, als er wieder würgte, damit er nicht noch einmal das Bett vollmacht. Das hat sie in der Nacht frisch bezogen und das verschmutzte Bettzeug auf den Balkon geworfen. Sie kann erst übermorgen an die Waschmaschine ran.
Am liebsten ginge sie über Mittag nach Hause, aber das würde sie mit Hin- und Rückweg eineinhalb Stunden kosten, und das kann sie sich nicht leisten, sie ist erst seit drei Wochen hier, noch in der Probezeit also, und sie hat bei der Anstellung gesagt, das mit der Kinderbetreuung sei gelöst, kein Problem. Und heute, wo Roland so nervös ist wegen dieser Inspektion, kann sie schon gar nicht für eineinhalb Stunden weg. Bis jetzt kennt sie noch keine Frau hier im Betrieb, die zu Hause auch Kinder hat, die sich nachts erbrechen und im Rechnen schlecht sind und aus irgendeinem Grund keinen Freund finden und sich Sonntage lang mit dem Bruder streiten. Hier im Betrieb ist so etwas kein Thema. Man eilt morgens herbei und leistet und liefert und eilt abends davon. Sie ist die nette Nadine Schoch, diplomierte Restaurateurin, und ist dafür da, dass die Gäste sich wohl fühlen, während Roland hinter den Kulissen für Ord-nung sorgt und das Küchenteam oder die Lieferanten an-schnauzt. Roland, der Mann mit Tempo und Motorboot. Kinder hat er nicht, er würde nicht verstehen, warum sie ihm erzählt, Juri zeichne neuerdings immer Leute mit Gewehren und Blut am Kopf. Sie hat ihm gesagt, sie renne jeden Morgen eine halbe Stunde, da hat er anerkennend genickt, er tut selber was für einen schönen Körper, isst kein Brot und bleicht die Zähne. Sie hat ihm nicht gesagt, dass sie nur in der Wohnung herumrennt, von Zimmer zu Zimmer, auf der Suche nach tausend Dingen und Argumenten. Jan, ich kann das Aufsatzblatt nicht finden, vielleicht hast du es in der Schule vergessen, wenn du dauernd etwas vergisst, kann ich dir kein Meerschwein kaufen, du wür-dest vergessen, es zu füttern. Noch bevor sie am Morgen auf-steht, fängt sie im Kopf an zu rennen und nimmt sich vor, alles einzuholen, was ihr davonläuft, damit das Leben so wird, wie es sein muss.
Der Inspektor ist ein freundlicher Mensch, er setzt sich mit Nadine und Roland an einen Tisch und erzählt von einer toten Ratte, die er kürzlich gefunden hat. Nadine sieht, dass Rolands Hand zittert, als er das Formular des Inspektors unterschreiben soll, dass er mit der Linken das rechte Handgelenk festhält, dann geht’s. Wegen der Inspektion sind sie etwas spät dran mit dem Einrichten des Salatbuffets, und ausgerechnet jetzt kommt der CEO mit zwei Gästen an die Theke, aber sie gehen an den Salaten vorbei zum Menü 1, Siedfleisch mit Vinaigrette. Der CEO bildet sich etwas ein auf die neu umgebaute Kantine, von ihm stammt der Name: «Canto», aber niemand nennt sie so, außer Roland. Die Kantine heißt bei den meisten weiterhin Kan-tine, Nadine weiß es vom Hauswart, aber Roland will davon nichts hören. Roland ist ziemlich eitel und Nadine ziemlich schadenfreudig. Sie freut sich, dass der CEO zu Roland Herr Kuster statt Herr Kutter gesagt hat. Der Hirsesalat und der Thunfischsalat heute erinnern sie an das, was Juri auf die Bettdecke erbrochen hat, und obwohl bereits Hochbetrieb ist, verdrückt sie sich in die Küche, um Gabriela anzurufen. Gabriela nimmt nicht ab, wo steckt die bloß, die darf doch Juri nicht alleine lassen. So geht das nicht. Zehn Franken pro Stunde, von wegen. Endlich ist sie dran. Nein, Juri schlafe nicht, nein, Juri weine nicht, nein, Juri spiele nicht. «Wie geht’s ihm denn!», ruft Nadine, noch immer wütend. Er habe einen heißen Kopf. Total heiß. «Ich komme», sagt Nadine. Es ist ein Uhr.
Paolo vom Küchenteam bringt den Topf mit frischer Fleisch-brühe zur Theke und blickt verwundert hoch, als ihn Nadine am Arm fasst. «Wenn der Chef nach mir fragt», sagt sie, «ich bin für eine halbe Stunde weg», sagt sie, «im Personalbüro.»
Juri hat 38,3 Fieber. Gabriela hat ihm Tee gemacht, er hat die Tasse umgestoßen, sie hat ihm einen Butterzwieback gemacht, er hat ihn ihr aus der Hand gehauen. Juris Augen scheinen unter dem Glanz zu schwimmen. Er jault nicht auf, als ihm Nadine ein Zäpfchen einschiebt. Die kleinen Hoden sind rohseidene Lümpchen, die Bauchdecke ist hart und heiß.
Nadine legt sich neben Juri, Kopf an Kopf auf dem Kissen, sie spürt den Geruch seines Fiebers, schal und leicht faulig. «Schlafen», sagt sie. Gabriela steht eine Weile herum, dann verzieht sie sich Richtung Küche. Juri hat die Augen zu, blinzelt, die Ränder der Lider sind himbeerrot. «Schlafen», sagt Nadine. Schlaf ein, ich bitte dich, so richtig ohne Blinzeln, schlaf, damit ich gehen kann, schlaf, bis ich wieder da bin, ich bring dir ein Eis mit, mach dir vor dem Fernseher Fiebersocken, bitte. Ich muss den Einunddreißiger erwischen, sonst haben wir Schwie-rigkeiten, ich und du und Jan, verstehst du. Ich sing dir was vor, bis du schläfst, der Mond ist aufgegangen, das magst du doch immer noch, Juri, mein Heißer.
Sie singt und singt, ohne Ton. Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. Und endlich springt sie an, die Schlafmaschine, ein, aus, ein, aus, ein leichtes Schleifen ganz hinten im Hals, Nadine rollt vorsichtig über die Bettkante zu Boden. Und jetzt nichts wie weg.
Als sie im Bus sitzt, hat sie immer noch den Mond im Kopf, der singt sich von alleine weiter, draußen ist Juni, sanftwarm, grün, Nadine sieht es erst jetzt. Gabriela hat versprochen, bis sechs Uhr zu bleiben, das hat schon mal geklappt, und Roland wird auch irgendwie zu besänftigen sein. «Es hat leider etwas länger gedauert», wird sie sagen, «tut mir leid.» Oder sie wird sich gar nicht erst entschuldigen, sie wird sagen: «Hast du ge-hört, wie der CEO den Wein gerühmt hat?» Das wird den eitlen Roland vergessen lassen, dass seine Stellvertreterin wie vom Erdboden verschwunden war. Schwindeln, flunkern, mogeln, bluffen – wenn sie das nicht könnte, dann hätte sie es nie ge-schafft mit der Arbeit und den Kindern und einem Mann, der ihr immer noch das Leben schwer macht, auch wenn er schon lange ausgezogen ist.
Sie rennt durch die Unterführung, jemand spielt auf einem Cello, schön klingt das, traurig, da unten, wo es keinen Juni gibt. Am Sonntag kann sie einen Ausflug ins Grüne machen, zum Park mit den jungen Wildschweinchen, und die Füße in den Fluss stecken, außer Juri ist immer noch krank und Jan dann auch und sie auch. Besser nicht dran denken, an gar nichts denken ist am besten. Pläne machen ist für die Katz. Ist schon jemals etwas so herausgekommen wie geplant? Nichts Wichtiges auf jeden Fall. Das Wichtige fällt vom Himmel, direkt auf den Kopf. Wenn’s weich ist, hat man Glück.
Sie rennt von der Haltestelle zur NeoMedia, im Schatten der Häuser, damit sie nicht ins Schwitzen kommt, munter muss sie aussehen, stressfrei, als wäre sie nur rasch vor der Tür gewe-sen, als hätte sie nur rasch einen Blick auf den grünen Juni geworfen.
Roland ist gar nicht da.
Nur wenige Tische sind besetzt, die Mittagspause ist lange vorbei. Einer sitzt da, den Nadine kennt, Postino, der Post-mann, er schaufelt das Menü 2 in sich hinein, Penne mit Broc-coli. «Später Lunch?», sagt Nadine, und Postino schaut hoch, und weil er Augen macht, wie wenn die Welt gleich nach den Penne unterginge, holt sich Nadine einen Kaffee und setzt sich zu ihm an den Tisch. Postino ist ein hübscher Mensch, dunkles Haar und die Augen ebenso dunkel und tief in den Höhlen und unruhig, zwei Hilferufe von ganz weit, denkt Nadine. «Anstren-gend heute?», sagt sie, worauf Postino den Mund zu einem Lachen verzieht, damit geht von der Hübschheit ein Stück weg, seine Zähne sind spitz und klein. «Anstrengend ist übertrieben», sagt er. «Aber ziemlich was los.» «Ist ja auch ein großer Laden», sagt Nadine, worauf Postino wieder nickt und mit der Zunge die Zähne putzt. «Haben Sie Familie?», fragt Nadine. Postino schüttelt den Kopf und macht weiter mit der Zunge. «Mein Sohn ist krank», sagt Nadine, «der kleinere», und dann erzählt sie alles, was heute ab vier Uhr morgens gelaufen ist, nur den Roland lässt sie aus. Postino hört ihr zu und macht ein Gesicht, als sei er fassungslos, dass Nadine so viel Aufregung überhaupt aushalten kann. Er habe gelesen, frischer Ingwer in heißem Wasser sei gut bei Übelkeit, aber vielleicht habe das Büblein so etwas nicht gern. «Das Büblein», 
sagt er noch einmal und hat wieder diese Augen wie zwei Hilferufe von ganz weit. Dann steht er auf, und Nadine sagt: «An die Arbeit», und Postino sagt: «Man muss froh sein, wenn man sie hat.»
Nadine arrangiert das Kuchenbuffet, vor vier Uhr kommen meistens erneut Gäste, NSZ-Redaktoren und andere, die bis spätabends arbeiten. Sie lässt alle Räume in Etappen gründlich lüften, damit vom Mittagessen nichts mehr zu riechen ist, sie lässt die bereits schlaffen Blumen von den Tischen räumen, und sie schickt den Lehrling zu einem Kontrollgang in die Toiletten. Dann fängt sie an, die Mittagsmenüs samt Getränken abzurechnen. Den Roland bräuchte es nicht, denkt sie.
Auch den Max braucht es nicht, schon lange nicht mehr, im Gegenteil, maxlos ist das Leben leichter. Auch Juri und Jan scheinen Vater Max nicht zu vermissen, und wenn sie das mo-natliche Besuchswochenende oder die zwei vereinbarten Sommerwochen mit ihm verbringen, kommen sie danach wenig begeistert und eher still nach Hause. Nadine wird wütend, wenn sie liest, Jungs müssten einen Vater haben, erst kürzlich war so ein Artikel in Zuhause, Nadine kennt die Redaktorin, eine ältere Blondine, die sich immer dieselben Salate vom Buffet holt und immer mit French Dressing. Blöde Gans, denkt Nadine, was sollen Jungs mit einem Vater, der nie weiß, was er will, der sich für nichts entscheiden kann, egal, ob es um ein Hemd, eine Abzweigung, einen Brotaufstrich oder eine gottverdammte Un-terschrift geht, der minutenlang den Zucker im Tee verrührt, weil derweil Zeit vergeht, Zeit, die nichts von ihm will. Was sollen Jungs mit einem Umstandskrämer, der immer gerade mit sich selbst beschäftigt ist, wenn er ihnen beistehen sollte. Blöde Gans, hat wahrscheinlich selbst gar keine Kinder, oder wenn, dann ein niedliches nickendes Mädelchen, das immer dieselben Salate isst und immer mit French Dressing.
Ich muss Mutter anrufen, denkt Nadine, ich muss sie über mich ergehen lassen, Hauptsache, sie kommt morgen, ich werde ihr das Taxi zahlen, das kostet mich immer noch weniger als einen ganzen Tag Gabriela, und Gabriela ist überfordert. Mutter und Juri lieben sich, und auch mit Jan geht’s. Bist mein Rüpelchen, hat sie letzthin zu ihm gesagt.
Dass Nadine neuerdings im Canto arbeitet, hat Mutter ge-freut. Da kämen bestimmt interessante Gäste, hat sie gesagt. «Lach dir einen an.» Nadine weiß nicht genau, was Mutter meint mit interessant. Weniger lahm als Max vielleicht. Und etwas dümmer. «Ich glaube, er ist zu gescheit», hat Mutter gesagt, als sie Max zum ersten Mal gesehen hat.
Nadine kann es nicht lassen, das Paar zu beobachten, das sich Apfelkuchen geholt und an den Zweiertisch hinter der Säule gesetzt hat. Sie ist sicher, dass die beiden etwas verbindet, was man nicht sehen sollte, ein Streit oder eine Leidenschaft. Sie tun, als trinken sie lauen Tee, denkt Nadine, dabei verbrennen sie sich den Mund. Sie kommen immer nachmittags und bleiben nur kurz. Er hat immer etwas zum Schreiben dabei, einen Stift, einen Block, aber schreiben tut er nicht. Er ist ein Big Shot im Rechtsdienst, hat Roland gesagt, berät den CEO. Wer sie ist, hat Roland nicht gewusst. Sie hat perfekt geschnittenes Schwedenhaar, eine perfekt geschnittene schmale Jacke, perfekt geschnittene Beine. Nadine ist neidisch auf die Unbekannte, nicht weil sie so gut aussieht, sondern weil sie wirkt, als habe sie etwas Aufregendes vor sich, weil sie wippt wie vor einem Sprung. Für Nadine liegen Sprünge nicht mehr drin.
In der Küche kracht etwas zu Boden, der Big Shot schaut kurz auf und dann gleich wieder zur Blonden, vielleicht versenkt er sich in ihre Augen. Ein Tablett mit Besteck war’s, der Lehrling war’s. Nichts kaputt. «Aufheben», sagt Nadine, «nochmals wa-schen.» Eigentlich sollte sie darauf bestehen, dass sich der Lehrling entschuldigt, aber so etwas macht sie ungern. Jeman-den korrigieren macht ihr Mühe. Sie muss sich zwingen, Jan zu sagen, er solle die Ellbogen nicht aufstützen, die Adjektive schöner unterstreichen, die Kauflächen besser bürsten. Jan macht auch immer gleich so ein beleidigtes Gesicht. Juri ist robuster. Er nimmt ihr Geschimpfe nicht übel.
Roland hat ihr die Liste mit den Menüs für morgen bereitge-legt, er hat es ihr übertragen, sie auf die schwarze Tafel beim Eingang zu schreiben, schön und «mit Frauenhandschrift». Diesmal hat er mediteran und Tagesuppe getippt, und sie weiß wie immer nicht, ob sie das korrigieren soll. Denn wenn er merkt, dass sie ihn korrigiert, fühlt er sich gedemütigt und wird sich an ihr rächen, und das will sie nicht riskieren, sie braucht diesen Job, dringend und verdammt noch mal. Wenn sie seine Fehler aber auf die schwarze Tafel überträgt, wie macht sich das für die Kantine eines Medienunternehmens. Irgendwer wird irgendwann Roland darauf hinweisen, dass man Saucison an-ders schreibt, auch Lasange und Limmetten, und dann wird Roland ihr vorwerfen, sie mache zu viele Rechtschreibefehler, das schicke sich nicht für die Kantine eines Medienunterneh-mens. Sie beschließt, von jetzt an seine Menü-Listen zu sam-meln, alle Beweise für seine Fehlleistungen 
müsste sie sammeln, zum Beispiel hat er viel zu viel Hackfleisch bestellt, man hat es schließlich weggeworfen, und die Pilzsauce hat er einfrieren lassen und will sie in Pastetchen wiederverwenden, das geht nicht. Sie wird sich hüten, etwas zu sagen, frühestens in einem Jahr wird die Zeit reif sein, sich um Rolands Stelle zu bewerben und ihn hinauszuekeln. Chefin, das wär’s.
Bis dahin wird sie mit zugehaltener Nase alles gut finden, was Roland an Ideen einbringt, die frisch gepressten Gemüse-säfte, die sofort suppig riechen, die Wasserschälchen mit schwimmenden Dekoblüten, die zu leicht umkippen, die violet-ten T-Shirts fürs Personal, die eine ungut fahle Gesichtsfarbe bewirken. Und das Essen hat keine Linie, ist ein Durcheinander, bisschen Hausmannskost, bisschen Franzosencuisine, biss-chen Falafeldunst. Kulinarisch gesehen ist Roland ein Ei, sagt sich Nadine, während sie die schwarze Tafel vollschreibt, und zwar ein verlorenes Ei.
Heute Abend wird sie Teigwaren kochen, für Juri mit ein biss-chen Butter, für Jan mit viel gebratenen Zwiebeln, das liebt er, und ein klein bisschen Peperoncini-Schärfe. Sie werden vor dem Fernseher essen, «ausnahmsweise», wird sie sagen, dabei tun sie es oft. Sie wird mit Jan Rechenaufgaben machen und wird ganz sanft sein, und sie wird sich zu Juri ins Bett legen, wenn er das will. Eigentlich sollte sie sich die Haare nachfärben, die Farbe hat sie schon gekauft, aber das muss warten, Juri und Jan gehen vor, meine Buben, denkt sie, meine, das werden sie sein, bis ich tot bin.
Sie lässt sich nichts mehr nehmen, von niemandem, der Stolz, den sie an ihren ach so gescheiten Exmann verloren hat, ist mittlerweile ersetzt durch einen neuen Stolz von bester Qua-lität, hat ganz schön viel gekostet. Ihr Leben ist frisch möbliert, mit Wohnung, Arbeit, Kinderhort, wehe, jemand erlaubt sich eine Störung. Sie weiß sich inzwischen nicht nur zu wehren, sie weiß auch anzugreifen. Von Roland wird sie sich nichts gefallen lassen. Sie wird sich allenfalls beschweren beim Personalchef, wird sagen, Roland sei als Chef fraglich, er betatsche das Lehrmädchen oder manipuliere die Abrechnung. 
Irgendeine Gemeinheit wird ihr rechtzeitig einfallen, blöd ist sie nicht, war sie nie. Von jetzt an hat man Nadine Schoch ernst zu nehmen.
Die Schwedenblonde hat dem Big Shot unter dem Tisch die Hand aufs Knie gelegt, Nadine kann es sehen, wenn sie sich vor der Kuchentheke bückt, um das Glas sauber zu wischen. Die Hand wandert beinaufwärts. Der Big Shot reibt sich die Nasenwurzel. Nadine hört die Glocke der nahen Kirche. Noch eine Stunde.

beten wär schön ~ wenn’s noch ginge ~ so wie früher ~ lieber gott, mach, dass ich auf dem schulweg den rolf nicht antreffe ~ lieber gott, mach, dass es aufhört zu donnern ~ lieber gott, mach, dass ich nicht vorsingen muss ~ hat geholfen, wenn auch nichts genützt ~ jemand müsste mir die daumen halten ~ aber wer, niemand da ~ und wofür, einfach so ~ dass ich gut durchs leben komme ~ irgend so was ~ dass mich herr quindici maggio in ruh lässt ~ dass ich endlich abteilung wechseln kann ~ jaja, weiß schon, volontariatsplatz große chance ~ jaja, undankbar ~ aber freude ist verpufft ~ muss hier immer bloß schreiben, was sonst niemand will ~ niemand will den bösen buchsbaumzünsler ~ niemand will die neuen tramgeleise ~ geleise ~ geh leise ~ geh stille ~ geh stumm ~ geh einfach ~ geh

 

3


Absoluter Komparativ. 
Steig aufs Fensterbrett, spring! 
Toter Ohrwurm
Luca Ladurner, News-
Redaktion


Alle zugeschnitten auf fünfhundert Anschläge, so sollen die Kurznews jetzt daherkommen, dann werden sie wie Memo-ry-Kärtchen neben- und übereinander angeordnet. Das neue Layout ist zwei Monate alt und gefällt immer noch niemandem. Luca ist ein Meister im Kürzen, es fällt ihm nicht schwer, er nagt die Texte ab bis auf das Knöchelchen. Manchmal kürzt er zum Spaß das Editorial des Chefs. Dann bleibt nur noch die Hälfte davon übrig. Und der Text wirkt keineswegs, als ob er friere.
Postino bringt die abonnierten Zeitungen, Süddeutsche, FAZ, klaubt sie aus der Folie, bevor er sie auf den Sitzungstisch legt. Man sagt, Postino sei ein Suizidler, habe es schon ein paarmal versucht, einmal auf dem Uetliberg, in einer Winternacht. Aber wer weiß, ob das stimmt. Man sagt vieles hier im Newsroom. Sicher ist, dass Postino ungewöhnliche Augen hat, zwei Au-genlöcher voll Angst. Die Iris ist dunkelbraun, sag’s genauer, Luca, also gut, sie hat die Farbe von Tannenhonig und rundum ein schwarzes Rändchen wie geschminkt. Die Postinoaugen gäben was her für ein Haiku, aber hier drin ist nicht dran zu denken. Hier drin gilt einer als krank, wenn er nach Lyrik riecht. Hier drin sind fünfhundert Anschläge gefragt.

Wanderer von Mutterkuh angegriffen
In Spilau ob Riemenstalden marschierte ein 56-jähriger Deutscher auf dem markierten Wanderweg durch eine Gruppe grasender Kühe mit ihren Kälbern. Dabei wurde er frontal und unversehens von einer Mutterkuh ange-griffen und heftig vom Weg gedrängt. Die Verletzungen durch die Kuh waren unerheblich, aber der Wanderer stürzte so unglücklich über ein Felsstück, dass er sich ein Bein brach. Er blieb einige Stunden liegen, bis er gefunden und von der Rega abgeholt wurde.

Tankstellenkiosk überfallen
In Zürich-Albisrieden betrat um 23.55 Uhr ein maskierter und bewaffneter Mann den Kiosk der Shell-Tankstelle und verlangte den Inhalt der Kasse. Die beherzte Verkäuferin, die den Laden eben schließen wollte, rannte durch die Hintertür nach draußen. Es gelang ihr, den Mann im Kioskraum einzuschließen, wo er kurz danach verhaftet wurde. Es handelt sich um einen 23-jährigen Schweizer. Er gab an, mit dem Geld hätte er eine tansanische Missionsschule unterstützen wollen.
Luca hackt die Texte in die Tasten. Der Inhalt beschäftigt ihn wenig, nur der Umfang ist wichtig. Was er gar nicht mag: eine Mitteilung verlängern.

Suizid eines Asylbewerbers. Im Auffangzentrum Rotmoos hat sich ein 18-jähriger sudanesischer Asylbewerber aus dem Fenster gestürzt. Abklärungen sind im Gange.
Hundertzweiundsechzig Anschläge. Was macht man damit. Das Auffangzentrum anrufen? Die Polizei? Der Textchef wird abwin-ken, wird sagen: Setz einfach ein bisschen Speck an. Speck. Google-Speck. Angenommen, Rotmoos ist im Berner Oberland und das Auffangzentrum ist kantonal und der Sudan ist eine Republik, dann bringt das höchstens rund fünfzig Anschläge mehr. Besser wär’s, die Mitteilung im Papierkorb verschwinden zu lassen. Aber dann wird eine besorgte Migrationstante umge-hend nachfragen, warum die NSZ solche Meldungen unter-schlägt, und das ist dann an der Redaktionssitzung ein Thema mit Grundsatzdiskussion. Luca hasst Grundsatzdiskussionen. Die sind wie Wassergießen auf den Stein in der Gletschermühle. Der dreht sich und dreht sich und immer in der gleichen Rich-tung.
Es wäre ja so einfach, etwas zu erfinden:

Suizid eines Asylbewerbers
Im bernischen Auffangzentrum Rotmoos hat sich gestern früh ein 18-jähriger Sudanese aus dem Fenster gestürzt. Er fiel drei Stockwerke tief und prallte auf die Steinplatten im Spazierhof. Sein Zwillingsbruder musste den Tod mit ansehen. Die beiden jungen Männer waren als Boots-flüchtlinge in Lampedusa gelandet und später von Schleppern via grüne Grenze ins Unterengadin geschleust worden. Eltern und drei Schwestern sind einem Massaker der südsudanesischen Rebellen zum Opfer gefallen.

Suizid eines Asylbewerbers
Im Auffangzentrum Rotmoos hat sich gestern früh ein 18-jähriger Sudanese aus dem Fenster gestürzt. Die Mitbewohner erwachten, als er etwas aus dem Fenster rief, vermutlich ein Gebet, dann sprang er und schlug auf den Steinplatten auf. Er war barfuß, trug eine rote Trai-ningshose und ein rotes T-Shirt und eine grüne Strick-mütze, in welche die Gehirnflüssigkeit sickerte. In seiner Gesäßtasche fand man ein Foto, das ihn und seinen Zwillingsbruder vor einer gelben Kühlerhaube zeigt.

Suizid eines Asylbewerbers
Im Auffangzentrum Rotmoos im Berner Oberland bedau-ert man den unerklärlichen Tod des 18-jährigen Ali Akba. Fröhlich sei er gewesen, sportlich und ein guter Esser. Der Zentrumsarzt habe vorgängig keinerlei Anzeichen einer seelischen Verstimmung erkannt. Ali Akba und sein Bruder Ria hätten die Geranien des Zentrums betreut, prächtige Blütenreihen auf drei Stockwerken. Ferner hät-ten sie den Spazierhof sauber gehalten. Beschäftigung sei im Riethof ein wichtiger Faktor.
Luca erschrickt, schon Viertel nach zehn. Um elf muss er im Seefeld sein und die alte Frau interviewen. Hastig löscht er die Asylbewerber-Variationen und schickt die restlichen Kurznews ins Korrektorat, sieben Stück, das sollte reichen, im Layout haben sie noch welche im Vorrat. Er hört seinen Magen. Schon wieder ist er ohne Frühstück aus dem Haus gegangen, Sandra macht ihm immer was zurecht, und er setzt sich auch hin und trinkt ein paar Schlucke Kaffee, sieht, wie Sandras beängstigend großer Bauch an der Tischplatte anstößt, sieht, wie sie mit Daumen und Zeigefinger Milchfetzen aus der Tasse fischt, und dann bringt er einfach nichts runter. Aber das war schon immer so, schon seine Mutter hat vergeblich versucht, ihm am Morgen etwas zu verabreichen.
Das Kind kommt in acht Wochen. Seit acht Monaten ist er angestellter Redaktor. Für acht Tausender netto. Acht, acht, acht. Will er das eigentlich? Wollen ist ein großes Wort. Soll, muss, darf, mag er das eigentlich? Wollen, sollen, müssen, dürfen, mögen sind als Modalverben zu bewerten, wenn sie in Verbindung zu einem Infinitiv ohne zu stehen. Wozu hat er bloß so was Unnützes gelernt. Er wollte doch nur in den Sprachgar-ten eingelassen werden und ungestört mit den Wörtern spielen. Nun, statt mit den Wörtern wird er mit dem Kind spielen, auf dem Vierquadratmeterbalkon mit Seesicht. Was für ein Glück du hast, Luca, hat seine Mutter gesagt.
Was für ein Glück.
Immer, wenn der Kleeberger im Seefeld wieder ein Haus kauft, macht die NSZ einen Beitrag zur «Seefeldisierung». Das Quar-tier geht kaputt, alte Mieter werden rausgeworfen, Schi-cki-mickiläden und Luxuswohnungen nehmen überhand, der Kleeberger ist rücksichtslos. Luca überlegt sich im Tram, was er die alte Frau fragen wird. Mach’s persönlich, hat der Textchef gesagt, so wie das KIS – Klaus Ivo Saner – so schön macht. KIS, die Edelfeder, liegt zur Zeit mit einer Schädelfraktur im Universitätsspital. Luca soll, muss, darf im Ressort Stadt für ihn einspringen. Mach’s persönlich.
Wie lange, Frau Manz, leben Sie denn nun im Seefeld. Wie lange gedachten Sie noch zu bleiben. Wann beabsichtigten Sie zu sterben.
Hatten Sie mal einen Mann, Frau Manz. Hatten Sie mal einen Liebhaber, Frau Manz. Beabsichtigen Sie, sich nochmals einen Liebhaber zuzulegen, Frau Manz.
Sind Sie in dieser Wohnung zur Welt gekommen. Können Sie sich an Ihre Geburt erinnern. Gibt es überhaupt etwas, woran Sie sich erinnern.
Wie viel Stufen hat Ihre Treppe. Wie viel Miete zahlen Sie. Wie viel Sternlein stehen noch.
Die Mietervereinigung hat Frau Manz als Interviewpartnerin vorgeschlagen, hat gemailt, Frau Manz sei eine ältere Dame und im Seefeld tief verwurzelt. Seltsam, dass eine ältere Dame jünger ist als eine alte Dame, aber Luca weiß, dass älter ein absoluter Komparativ ist, das heißt, ein Komparativ, der implizit mit dem Gegenpol vergleicht. Wozu hat er bloß so was Unnützes gelernt. Was bringt man einer älteren Dame mit. Was einer alten Dame. Bringt ein Journalist überhaupt etwas mit. Wird ein Stück Johannisbeertorte schon als Bezahlung von Informationen angesehen.
Frau Manz wohnt im dritten Stock und hat vor der Tür einen Regenschirmständer, ein Schuhschränkchen und darauf eine Topfpflanze mit grün-weiß gemaserten Blättern sowie ein Paar Gesundheitssandaletten. Herrn Kleeberger würde das nicht ge-fallen. Luca klingelt, und noch während des Klingeltons macht sie schon die Tür auf. Bestimmt hat sie dahinter gewartet. Luca stellt sich vor, und Frau Manz sagt «Hä?», von einem Gespräch um elf Uhr weiß sie nichts. Aber dann winkt sie ihn doch herein, weil in der Küche der Wasserkessel pfeift, und Luca folgt dem Geräusch ihrer Schlappen durch den dunklen Korridor. Er ist wütend auf die Neue im Sekretariat, wie heißt sie schon wieder, sie kann nicht sagen, «Frau Manz erwartet Sie», und die sagt dann «Hä?».
Im Wohnzimmer gibt es wieder diese grün-weißen Pflanzen auf braunen Möbeln und eine Sitzgruppe mit Salontisch, darauf zwei Gläser und eine Flasche Orangina und Kekse in einer Schale. Das sieht nun so aus, als habe Frau Manz doch jeman-den erwartet. Luca lässt sich auf dem Sofa nieder und Frau Manz auf einem Lehnstuhl, wo sie höher sitzt und somit auf ihn herabschaut. «Bitte nehmen Sie», sagt sie und greift zu einem Keks, und auf Lucas Frage, seit wann sie denn schon in dieser schönen Wohnung lebe, sagt sie «fünfunfünzg» und speit Kekskrümel über den Tisch. Zwei bleiben auf Lucas Aufnahmegerät liegen, und er weiß nicht, ob der sie gleich wegwischen oder damit warten soll.
Frau Manz ist klein, weißhaarig und dünn, nur der Bauch ist dick, so als hätte sie einen Ball unter die Bluse geschoben. Sie war gelernte Fleischverkäuferin, der Mann Versicherungsfiliallei-ter, seit fünfzehn Jahren ist er tot, eines Morgens tot im Bett, da drüben, der Sohn lebt in Münsingen, geschieden, die war nichts wert, die Frau, früher hatten sie einen Opel Kadett, und der Mann hatte ein Terrarium mit Echsen. Luca sieht die Zehen von Frau Manz, gelb, krumm und rissig schauen sie vorne aus den Schlappen. Sie hat immer Ordnung gehabt in der Wohnung und das Treppenhaus geputzt, wenn sie an der Reihe war, jetzt zahlt sie dreißig Franken für die Reinigung, ein Portugiese macht das. Frau Manz steckt, während sie redet, immer wieder den Mittelfinger ins Ohr, schüttelt ihn und schaut ihn danach an. Sie schiebt die Schale mit den Keksen näher an Luca heran. «Wollen wir das Fenster ein bisschen öffnen», sagt Luca und atmet gierig die Stadtluft ein, den Duft nach Kerosin und warmem Asphalt, hier drin riecht’s nach faulem Leben, und Frau Manz riecht nach Frau Manz. Plötzlich graust ihn alles so, dass er sich hastig verabschiedet und blindlings das vom Portugiesen geputzte Treppenhaus hinabstolpert.
Was ist das Leben für eine traurige Sache, alle diese Leben. Lohnt sich das Leben als Frau Manz? Lohnt sich das Leben als Echse von Herrn Manz?
«Wie war’s?», fragt der Textchef. «Geht so», sagt Luca und macht sich ans Schreiben. Er hat in seinem Heißhunger viel zu hastig zu Mittag gegessen, dann noch der Weißwein, nun stößt ihm alles auf, er muss sich angewöhnen, maßvolle Mahlzeiten langsam einzunehmen. Einspeicheln, hat seine Mutter immer gesagt, der Mund von Frau Manz fällt ihm ein, die nassen Lip-pen voller Krümel.

Ihre Augen glänzen, wie fiebrig vom langen Leben. Isa-bella Manz ist allein, der Mann schon lange gestorben, der Sohn schon lange weggezogen. Sie blicken aus den Fotorahmen auf der Kommode. Frau Manz ist achtzig Jahre alt, ist das, was man eine ältere Dame nennt, weißhaarig und zierlich. Und wenn sie auch nur einfache Kekse anbietet, ist sie doch ganz die aufmerksame Gastgeberin. Seit fünfundfünfzig Jahren lebt sie im Haus Maigasse 4 im Zürcher Seefeld, drei Zimmer, Küche, Bad. Als junge Frau ist sie hier eingezogen, und als alte Frau möchte sie hier sterben. «Ach», sagt sie, «wenn Sie wüssten, wie das
Was für ein braves Gelaber. Mach’s persönlich, hat der Textchef gesagt.
Das Telefon klingelt, Margret ist dran, sie mache heute Nachmittag Fotos vom Haus Maigasse, ob er nochmals mit-komme. Nein, er hat genug gesehen. Ob sie, sagt Margret, auf irgendetwas Spezielles achten solle. Nein, ihm ist nichts aufge-fallen. «Bis nachher», sagt er, «und nimm eine Nagelschere mit.»
Das Telefon klingelt erneut, Raimund vom Layout ist dran, er habe zwei Texte vom Suizid eines Asylanten erhalten, er habe jetzt nur den mit den Geranien verwendet, oder hätte er den mit dem Gebet nehmen sollen? «Keinen!», schreit Luca. «Bitte, wirf sie weg! Die stimmen beide nicht.» Warum er sie dann erhalten habe, fragt Raimund unfreundlich. Luca entschuldigt sich, «mein Fehler», sagt er, und ob er sich drauf verlassen könne, dass der Asylant nicht erscheine. «Ich sag’s dem Kuno, der hat die Seite gemacht», sagt Raimund noch unfreundlicher.
Luca ist über sich selber entsetzt. Statt alle drei Texte zu lö-schen, hat er in der Eile nur einen gelöscht. Hoffentlich macht dieser Kuno, was Raimund ihm sagt, Luca kennt den Kuno nicht. Er legt die Hände vors Gesicht und seufzt tief. «Luca, ist was?», ruft eine Frauenstimme, Kristin von der Kultur. Luca versucht zu lachen und erzählt von den drei Texten über einen einzigen Asylanten. «Schreib noch einen vierten», sagt Kristin, «zum Abgewöhnen. Zum Beispiel auf Lyrisch.»

Suizid eines Asylbewerbers
Der Himmelsrand schon eingefärbt, der Tag noch neu, jetzt lassen sie zu Hause die Ziegen aus dem Kral, im Sudan, im Südan, im Süden, im Barfußland. Steig aufs Fensterbrett, spring! Im Auffangzentrum wirst du aufge-fangen, der Tod streckt die Arme aus, geranienrot flattern seine Ärmel. Spring, dann darfst du bleiben, im Rotmoos, im blutroten Moos, weich wirst du liegen, immer 18 Jahre alt. Flieg! Die jungen Ziegen machen Kapriolen. Der Morgen ist warm dort unten.
Luca mailt den Text an Kristin, die sich umgehend bedankt und schreibt, sie gehe jetzt Kaffee trinken im Canto. Ist das eine Einladung? Soll er die Frau-Manz-Geschichte liegen lassen und der schönen Kristin nachrennen? Die Manz hat Zeit bis morgen Mittag, die Kristin nicht.
Sie sitzt bereits an einem Zweiertisch und lacht ihn an. «Ist hier noch frei», sagt Luca. «Schön, dein Suizid», sagt sie, «man möchte grad sterben.» So sieht sie allerdings nicht aus. Alles an ihr glänzt, die Augen, Lippen, Zähne und Hunderte von kleinen, hellen Locken. «Wie macht man solche Haare?», fragt Luca. «Man hat sie halt», sagt sie und schiebt Kuchen zwischen die Glanzzähne, und Luca schaut gebannt, ob sie beim Weiterreden Krümel speit. Aber nein. Sogar ihre Stimme hat einen Glanz, kommt ganz leicht und glatt daher. «Du könntest mich auch fragen, wie macht man solche Beine, solche dicken Waden, solche Fleischsäulen. Man hat sie halt.» Sie lacht, als Luca unter den Tisch schaut. «Nichts zu sehen», sagt sie, «nur Hosen», und dann will sie wissen, wie das ist im Newsroom, und wie Luca da hingeraten ist, wo er doch eigentlich ein Künstler sein möchte, oder sieht sie das falsch. Er hat doch Ambitionen, oder etwa nicht. «Hast du denn welche?», fragt Luca und möchte gerne mit allen Fingern in das helle Haargewuschel greifen. «Stimmt’s, dass du verheiratet bist», fragt Kristin. Luca nickt, und Kristin sagt «schade». Aber Kaffee trinken dürfe er trotzdem, sagt Luca. «Und das», fragt Kristin, «darfst du das auch», und nimmt seine Hand, legt sie auf den Rücken und streicht langsam über die Innenfläche, vom Handgelenk bis zu den Fingerspitzen. «Noch mal», sagt Luca, und Kristin tut’s noch mal, und Luca wundert sich, dass die Decke nicht einstürzt. Dann streckt sie die Hand aus, und er streicht drüber, einmal, zweimal. Die Decke stürzt noch immer nicht ein. «Spring, dann darfst du bleiben», sagt Kristin.
Wieder vor dem Bildschirm, als Luca zum Schreiben ansetzt, merkt er, dass ihm Flügel gewachsen sind, alles fällt leichter, Frau Manz eilt in Schlurfschlappen über die Zeilen, und ein Abschnitt saugt den nächsten an.

«Wenn ich hier rausmuss», sagt Isabella Manz, «muss ich ins Heim. Eine andere Wohnung, die ich bezahlen kann, finde ich nicht mehr.» Sie füllt dem Gast, ohne zu zittern, das Glas auf. «Und im Heim wäre ich viel alleiner. Ich weiß, wie ich aussehe, nämlich so, dass man nicht mehr mit mir redet. Aber das ist mir egal.» Sie sei nicht auf andere Leute angewiesen, sie koche, sie räume auf, sie gieße die Topfpflanzen. Und sie pflege sich. Sie wolle nett aussehen, wenn sie ins Jenseits eintrete, wo der Mann auf sie warte. Sie hat noch immer die Terrarien, in denen der Mann Echsen hielt, jetzt hat sie Kunststoff-blumen reingestellt. «Ich will kein anderes Leben», sagt sie, «ich brauche keine frische Luft.»
Laut der Immobilienfirma von Heinrich Kleeberger, der die Liegenschaft zu kaufen beabsichtigt, ist kein Abriss vorgesehen, es sind umfassende Renovationen geplant. Zu umfassend für Isabella Manz.
Wenn Luca nach Hause kommt, wird Sandra ihn ins Kinderzim-mer führen, weil sie die Vorhänge fertig genäht hat, blaue mit gelben Pferdchen, passend zur Bettdecke und zum Kissen und zum Wärmeflaschenüberzug, sie wird sagen, was findest du, und dann wird sie ihm neue Vornamen vorlegen und wird sagen, was findest du. Vanessa, Filippa, Tess. Lars, Jens, Lionel. Was findest du. Aylin, Janna, Salome. Balz, Nils, Luzius. Was findest du.
Luca ist es leid, diese Namensucherei. Seit Monaten geht das so, und er ist so mürbe, dass er keinen Einwand mehr hätte gegen Brunhilde oder Exuperantius. Sie werden sich bei Gemüseeintopf gegenübersitzen, und Sandras Hände werden auf ihrem Bauch liegen wie Galileos Hände auf dem Erdball, und Luca wird von Frau Manz erzählen, von ihren Fußnägeln und dem nassen Fleck hinten auf ihrem Kleid und dem toten Ohrwurm zwischen den Keksen, wird aber nichts davon sagen, dass er dem Layouter aus Versehen erfundene Texte gemailt hat, und dass er mit allen Kräften hofft, dass sie nun endgültig gelöscht sind und dass nicht morgen doch noch einer davon auf der Seite 6 der NSZ erscheinen wird, und er wird sich mit dem Gemüseeintopf beeilen, damit er den Fernseher einschalten kann, weil er dann nicht mehr reden muss, sondern nur noch an Kristin denken darf.

angenommen, ich laufe hier weg, was kann ich dann ~ servieren vielleicht ~ putzen ~ touristen in der stadt rumschieben ~ da, schauen sie: die chagallfenster, von da hat er sich in die tiefe gestürzt ~ da, schauen sie: der letzte raddampfer, wird ausschließlich mit eichenholz befeuert ~ da, schauen sie: die augenklinik, weltweit empfohlen für schlitzaugenkorrektur ~ will hier weg ~ ist öde ~ öde wie eine passstraße im november ~ dann also: der buchsbaumzünsler ~ seine raupen raupen den buchsbaum aus, ja, schon klar, blödeln geht nicht ~ in allen gärten brennt’s, der buchsbaumzünsler zünselt ~ ja, schon klar, nicht lustig ~ und zünseln ist schweizerisch ~ aber was, bitte sehr, stand in chefredaktor zibungs politkolumne? in kairos bot-schaft wird gezünselt! ~ man könnte ihn feuern, den zibung

Angelika Waldis

Über Angelika Waldis

Biografie

Angelika Waldis, 1940 in Luzern geboren, schlug nach dem Studium der Anglistik und Germanistik eine journalistische Laufbahn ein. Zusammen mit ihrem Ehemann Otmar Bucher gründete sie die Jugendzeitschrift »Spick« und leitete das mehrfach ausgezeichnete Magazin bis Ende 1999. Für ihre Erzählung...

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