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Mann in FlammenMann in Flammen

Mann in Flammen

Roman

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Mann in Flammen — Inhalt

John Lock ist nicht nur nach Indien gefahren um der leisen Verzweiflung seines Lebens in England zu entkommen, der Bedeutungslosigkeit seiner Arbeit oder auch nur dem Geheimnis, das er sich nicht getraut seiner Frau zu erzählen. Nein, er ist auch nach Mumbai gekommen, um einem einzigartigen Mann seine Hilfe anzubieten. Bibhuti Nayak ist Inhaber mehrerer Weltrekorde. Er hat sich auf das Ertragen extremer Martern spezialisiert und ist darüberzu einer kleinen Berühmtheit geworden. Sein nächstes und letztes Vorhaben: 50 Baseballschläger sollen an seinem Körper zerbrochen werden. John will ihm bei diesem hochriskanten Rekordversuch assistieren und wird in Bibhutis ungewöhnliche Familie aufgenommen. Er begegnet Tischtennis spielenden Mönchen, einem furchtlosen siebenjährigen Kampfsport-Krieger und einem alten Mann, der auf den Monsun wartet, damit der ihn hinfort spült. John lernt mehr über Leben und Tod und all ihre Zwischenstufen, als er je zu träumen gewagt hätte.

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzt von: Robin Detje
400 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1282-1
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzt von: Robin Detje
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7947-3

Leseprobe zu »Mann in Flammen«

1

Ich teile mir die Zelle mit einem fertigen Typen in einem T-Shirt, auf dem »Welcome to Fabulous Las Vegas« steht. Er kommt von irgendetwas runter, das sein Leben verändert hat, und die Tragödie seiner Rückkehr in die wirkliche Welt steht ihm ins Gesicht geschrieben wie ein müdes Gebet. Sein Blick ist leer und flackert. Er weiß, dass ich ganz knapp davor war, einen Menschen umzubringen. Das strahle ich aus, und es macht ihn nervös.

Ich sage dem Inspektor, dass ich noch wohin muss.

»Wohin denn?«

»Ich muss nach Hause. Ich muss sterben. Ich habe nicht [...]

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1

Ich teile mir die Zelle mit einem fertigen Typen in einem T-Shirt, auf dem »Welcome to Fabulous Las Vegas« steht. Er kommt von irgendetwas runter, das sein Leben verändert hat, und die Tragödie seiner Rückkehr in die wirkliche Welt steht ihm ins Gesicht geschrieben wie ein müdes Gebet. Sein Blick ist leer und flackert. Er weiß, dass ich ganz knapp davor war, einen Menschen umzubringen. Das strahle ich aus, und es macht ihn nervös.

Ich sage dem Inspektor, dass ich noch wohin muss.

»Wohin denn?«

»Ich muss nach Hause. Ich muss sterben. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Sie wissen, dass ich unschuldig bin. Lassen Sie uns raus, wir wollen einfach nach Hause.«

Der Inspektor flucht leise und schmutzig und blättert die Zeitung um.

»Du musst sterben?«, fragt mein Zellengenosse.

»Stimmt genau.«

Als er das hört, kommt er ran und ist ganz Ohr. Ich kann seinen Klamotten den Kampf anriechen. Irgendwie weiß ich, dass für ihn jeder Tag ein Kampf ist, den er nicht gewinnen kann. Sein Atem ist heiß und süßlich, und ich brauche einen Drink.

»Ich muss auch sterben«, sagt er. Ganz jung sieht er aus, als er das sagt. Er hat etwas Verschwörerisches in der Stimme, das finde ich ein bisschen eklig.

Er hält die Arme aneinander, als würde er Handschellen tragen. Die Innenseiten seiner Unterarme sind zerstochen und böse zugerichtet. Ohne jede Scham erzählt er mir, dass er Heroin drückt. Es bringe ihn um, sagt er, aber er könne nicht damit aufhören.

»Ich brauche es zu dringend. Ich habe versucht aufzuhören, aber das ist sehr schwierig. Mein Bruder ist auch an Heroin gestorben. Er war neunzehn. Ich bin zweiundzwanzig. Ich bin schon zweimal gestorben, aber immer wieder aufgewacht. Als mein Bruder gestorben ist, war ich auf dem College. Ich wollte Ingenieur werden. Jetzt lebe ich auf der Straße. Ich klaue und bettele. Manchmal verkaufe ich Bücher, aber die Konkurrenz ist zu groß, die Arm- oder Beinamputierten verkaufen immer am meisten, weil die Kunden Mitleid mit ihnen haben. Ich bin bloß ein Junkie. Mit mir hat keiner Mitleid.«

Ich möchte ihm eine Hand auf die Schulter legen, aber dann ziehe ich sie schnell wieder zurück, weil ich nicht aufdringlich wirken will. Ich weiß selbst nicht, warum mir so wichtig ist, dass er mich für einen guten Menschen hält, mit einem Gespür für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen.

»Das Leben ist sehr hart. Gott hat mich vergessen. Ich weiß, dass ich ihn enttäuscht habe. Deshalb hört er mir nicht mehr zu. Andere Leute brauchen seine Hilfe dringender. Sie haben sie verdient.«

Sein Lächeln ist entwaffnend. Völlig unberührt von dem Selbstmitleid, dem ich mich unterworfen hatte.

Ich sage ihm, dass Gott ihn nicht vergessen habe. Und bin überrascht, dass ich es sogar glaube. Aber eigentlich dürfte es mich nicht überraschen, nach allem, was geschehen ist. Ich glaube zwanglos an Dich, wie an ein Kochrezept, das man geerbt hat. Du bist nun mein Brot. Seltsam, wie mein Geschmack für Dich aufgelodert ist, wie ein Feuer in einem stickigen Zimmer.

Der Junge schlingt die Arme um sich selbst und zittert wie ein begossener Pudel. In den kleinen Erschütterungen und dem Fußaufstampfen ist noch das Kind zu sehen, das er einmal war.

Er will Geld von mir. Bloß genug für eine Nacht Trost, wenn er hier rauskommt. Morgen kauft er sich dann neue Bücher und zieht wieder los. Der Monsun ist fast vorbei, und viele Sachen sind weggespült worden. Er weiß, dass er sie sich nicht zurückholen kann. Bloß genug für eine Nacht Trost.

Ich könne ihm nicht helfen, sage ich. Gott werde ihm beistehen, sage ich, und dass er die Hoffnung nicht aufgeben dürfe.

Er legt sich auf die Betonbank, rollt sich fest zusammen, mit dem Rücken zu mir. Ich lausche auf Anzeichen für einen Wutausbruch, aber nach kürzester Zeit atmet er tief und wird ganz ruhig. Ich mache mir schon lange keine Gedanken mehr darüber, was andere Menschen träumen.

Eine Stunde vergeht, und Du bist bei mir. Die Welt, die Du für mich erschaffen hast, sei wunderschön, sagst Du, und werde es auch, nachdem ich sie verlassen habe, noch lange sein.

Was ist mit Erdbeben und Vulkanausbrüchen?, frage ich.

Größtenteils auch wunderschön, sagst Du. Und was sie an Schrecken bringen, geht vorbei, damit die Schönheit neuen Platz hat, ihr Hochamt abzuhalten. Gras sprießt aus der Asche, aus den Gerippen steigen Vögel auf.

Die Schrecken, die ich gebracht habe, sind noch frisch, und ich hoffe, dass mir vergeben wird, bevor ich sterbe. Ich erlaube mir ein Lächeln. Ich werde Indien vermissen und den Regen auf meiner Haut.

 

 

Weltrekord Nummer 1: 43 Tritte in die ungeschützte Scham in anderthalb Minuten (1998)

2

Mein Erst-Weltrekord gelang mir auf Anhieb zu Hause bei meinem damaligen Arbeitgeber und wichtigen Freund Rajesh Battacharjee, damals im Ort ein hoch angesehener Geschäftsmann und Angehöriger der Gemeindeverwaltung. Er war einer der vier Unterstützer, die gemeinsam mit dreien meiner Schüler alles in die Wege leiteten; ihre außergewöhnliche Entschlossenheit und ihre gemeinsame Lebenseinstellung hatten ihnen den Job eingebracht. Alles war sehr experimentell, ein nie da gewesener Rekordversuch; es war mir deshalb eine Ehre, den Versuch auf meine ganz eigene Weise auszurichten – mein Dank gilt den guten Menschen von Limca für ihre Gewogenheit und ihr Verständnis.

Ich wählte für meinen Erstrekord den Schamtritt, weil Gefährlichkeit und großes erforderliches Geschick dafür sorgen würden, dass er auf viele Jahre unangefochten blieb (dies hat sich bis heute als richtig erwiesen, da ich bis zu dem Tag, da ich dies schreibe, auf diesem Gebiet unübertroffen geblieben bin). Wer höchste Ziele anstrebt, muss die Arme bis an die äußerste Grenze ausstrecken, das habe ich von Kindertagen an geglaubt. Meine Frau war nicht überzeugt, aber ich war nicht zu bremsen. Ich hatte schon meinen Sohn bekommen, Shubham, der damals sechs Monate alt war, insofern war meine Familie komplett. Wenn ich also invalid werden sollte, wäre es kein Unglück. In der Trainingsphase entwickelte ich das ultimative Erfolgsrezept: Vier abwechselnd zutretende Unterstützer kamen auf eine Frequenz von einem Tritt alle zwei Sekunden oder öfter, und ich war überzeugt, dies würde für eine respektable Endsumme genügen. Rajesh Battacharjee war der führende Zutreter, weil er in der Gemeinde ein wichtiger Mann war und auch den Veranstaltungsraum und die Erfrischungen stellte.

»Mit deinem Training bist du klar im Vorteil«, erklärte er mir. »Dies wird die ideale Bühne für die Talente, mit denen der Allmächtige dich gesegnet hat.«

Seine Worte leuchteten mir sofort ein. Es war schon immer mein tiefster Wunsch gewesen, Weltbester einer großen Disziplin zu werden, wie es nur mir gelingen konnte. Viele Jahre hatte ich überall nach einem Weg gesucht. Dann folgte ich einem merkwürdigen Impuls und erwarb ein Exemplar des Guinness-Buches der Rekorde. Ich fand es zufällig während meiner ersten einsamen Monate in Mumbai in der Auslage eines Straßenhändlers am Marine Drive – ich war aus meinem Heimatort Cuttack in die große Stadt gekommen, mit ehrgeizigen Plänen, mir einen Namen zu machen, zur Ehre meiner Lieben, die ich zurückgelassen hatte. Jede freie Minute verbrachte ich auf seinen Seiten und suchte nach Inspiration und Erlösung von der Mühsal meiner Buchhaltertätigkeit in der Kühlturmproduktion in Rajesh Battacharjees Everest-Engineering-Fabrik. Aber alle dort verzeichneten Rekorde kamen mir vor wie ein Witz. Besonders die von meinen indischen Landesgenossen aufgestellten: längster Bart. Längste Fingernägel. Dauerpfahlsitzen. Höchste Anzahl überlebter Schlangenbisse. Nichts entsprach meinem Wunsch, ganz neue Wege einzuschlagen. Ich wollte auf nie da gewesene Weise Eindruck machen, und als Rajesh Battacharjee im dritten Jahr meiner Beschäftigung in Mumbai den Tritt in die Scham als unerprobten Leistungsbereich erwähnte, schien mir dies ein Musterbeispiel für meine Ziele zu sein. Ich war nicht mehr so aufgeregt gewesen, seit ich als Junge in meinem Heimatdorf die Freunde im Liegestützwettbewerb besiegt hatte. Damals schon hatte ich gewusst, dass ich zu Großem bestimmt war, und dieses Mal war das Gefühl noch hundertmal stärker. Als ich die Augen schloss und in mich ging, erschien mir ein herrliches Feuer, und aus seinen Flammen trat BB Nayak hervor, die Arme zur Siegerpose erhoben, mit der Medaille des Weltrekordhalters um den Hals.

»Ich werde Weltbester im Schamtreten werden«, erklärte ich mit tiefem Ernst.

»Jawohl, BB, das wirst du!«, stimmte Rajesh Battacharjee mir zu, und wir fielen einander kameradschaftlich beglückt in die Arme. Ich wollte mit Volldampf voraus.

Die Trainingsphase war ein rechter Spaß. Es begann damit, dass Rajesh Battacharjee und ausgewählte Schüler sich überwinden lernten, um mir in die ungeschützte Scham treten zu können. Anfangs war ihre Angst, mich zu verletzen, groß, und ich musste ihnen mit zahlreichen Zusicherungen Mut machen. Jedes Mal, wenn sie zutraten und ich nicht zusammenbrach, ging es ihnen ein wenig besser dabei, bis zum vollen Krafteinsatz ohne Hemmungen. Danach lief alles ganz glatt. In den ersten paar Tagen hatte ich Schmerzen, was ich aber vor ihnen geheim hielt, um mir ihre Besorgnis zu ersparen. Nachdem ich meine Atmung angepasst und eine längere Meditationseinheit in mein Aufwärmtraining eingebaut hatte, war es für alle ein Vergnügen. Die Resultate wurden immer besser, und ich konnte ohne böse Folgen immer mehr Tritte aushalten, bis zu zwanzig in Folge. Als dieser Meilenstein erreicht war, war ich mir sicher, dass ich den Erfolg in der Tasche hatte.

 

Dann ein schwerer Rückschlag, als die Guinness-Leute dem Event ihre Anerkennung verweigerten. Eine verhängnisvolle Nachricht, die mich erst zwei Wochen vor dem großen Tag erreichte – was mich, wie man sich leicht vorstellen konnte, zum Wirbeln brachte, und mich erfüllte tiefe Sorge, all die gründliche Vorbereitung könnte umsonst gewesen sein. Im Brief wurde auseinandergesetzt, es handele sich um einen extremen Ansatz, und man wolle mich nicht darin bestärken, mir möglicherweise selbst Schaden zuzufügen. Da dies eine Organisation von weltweitem Ansehen war, respektierte ich ihre Entscheidung, obwohl es mich seelisch sehr mitnahm.

»Das ist vielleicht ein Zeichen, deinen Kurs zu ändern, bevor es zu Verletzungen kommt«, sagte meine Frau. »Du kannst andere Rekorde brechen, wenn dein Drang danach groß bleibt, und sie sind weniger gefährlich.«

Natürlich hörte ich nicht auf ihre Meinung, denn sie war albern. Wir waren damals noch recht frisch verheiratet, und sie wusste nicht, wie stark ich an solche großen Momente glaubte. Ich konnte mein neues Lebensziel so wenig aufgeben wie ein Fisch das Schwimmen. »Es gibt eine andere Lösung«, sagte ich. »Wenn die Leute von Guinness diesen Rekord nicht anerkennen, hole ich mir die Unterstützung von Limca. Die werden nur zu gerne an Bord kommen, da bin ich mir sicher.«

Falls es Ihnen nicht vertraut ist, das Limca-Buch der Rekorde enthält nach Guinness die größte Sammlung – und was es noch besser macht, der Zugang ist exklusiv auf Leistungsträger meines Landes beschränkt. Außerdem ist Limca offener für aufstrebende Rekordbrecher und will die Kunde von der indischen Exzellenzbereitschaft in alle Ecken der Welt tragen. Subito hatte ich ihre volle Unterstützung – der Rekord war wieder in greifbarer Nähe! Noch eine Woche intensiven Trainings, dann war ich so weit, den ersten Riesenschritt in meine Traumzukunft zu setzen.

 

Diese letzte Woche war die Zeit des Nägelkauens. Nicht nur, dass ich zusätzlich zum harten Trainingsplan in der Fabrik viel zu tun hatte, auch meine Frau war keine große Hilfe. Zur Vermeidung von Ehekrach musste ich auf das Tritttraining zu Hause verzichten und konzentrierte mich stattdessen ganz auf allgemeines Krafttraining und längere Meditationsrunden. Nur wenn sie nicht da war, bat ich einen meiner Freunde, mir in die Scham zu treten, um mir zu bestätigen, dass ich noch standhalten konnte und die Trainingsdisziplin sich ausgezahlt hatte. Dann stand der große Tag vor der Tür. Ungehört verhallte ein letzter Appell an meine Frau, zu kommen und mich zu unterstützen, sie blieb mit dem Kind daheim. Dieser Abfuhr ungeachtet begab ich mich voller Zutrauen und innerem Frieden an den Veranstaltungsort. Es war ein herrlicher sonniger Tag, der Allmächtige war bei mir, und ein gutes Ende war vorherbestimmt.

 

Ein großer Teil meiner Freunde, Schüler und Kollegen hatten sich im Heim von Rajesh Battacharjee versammelt, um mich bei meinem Eintreffen mit wärmsten Worten der Ermutigung zu begrüßen. Amrit Battacharjee, Bruder von Rajesh, in dessen Auftrag Geschäftsführer des Everest-Audio-Video-Vertriebs, fungierte als offizieller Kameramann zwecks Aufnahme des allentscheidenden Videomaterials für die offizielle Anerkennung, obwohl der graue Star ihn quälte. Mein Schüler Vijay Two übernahm die Fotokamera (ich hatte damals vier Schüler namens Vijay, und spaßeshalber hatte ich sie durchnummeriert, um Verwechslungen zu vermeiden). Mein ältester Schüler Gopal Dutta, den ich seit der ersten Karatestunde in meinem Ortsverein »Navi Mumbai Sports Association« trainiert habe und der im Alter von fünfundsiebzig Jahren der vertrauenswürdigste Kandidat für diese Rolle war, übernahm die offizielle Zählung. Er war sehr niedergeschlagen, weil ich ihn nicht in die Runde der Treter aufgenommen hatte – es fehlte ihm meiner Einschätzung nach nicht an Kraft, sondern am nötigen Schwung in den Beinen –, aber als ich ihm die zentrale Bedeutung der Zählerrolle vermitteln konnte, war er voll und ganz dabei. In den letzten Tagen vor dem großen Ereignis wohnte er dem Training bei, um seine Zählmethode vervollkommnen zu können – alle waren seiner Meinung, es sei am besten, jeden Tritt mit einer klaren Abwärtsbewegung der Hand zu markieren, dazu mit verbaler Bestätigung, damit die Kamera alles zu Verifikationszwecken aufzeichnen konnte – und wir sechs fühlten uns einander eng verbunden.

Am Tag des Versuchs waren wir eine gut gedrillte Truppe. Die Treter standen einander nicht mehr im Weg, es gab keine Kabbeleien mehr, und alle Tritte wurden mit gleicher Spannkraft ausgeteilt – wir hatten das ganze Programm unter Kontrolle, und unser strahlendes Lächeln nach jedem Training war der Beweis dafür.

Zurück zum großen Tag. Vier Treter und ich bereiteten uns mit Dehnübungen vor, mit einer Meditationseinheit und der Aufnahme von Wasser. Die Zuschauer, die sich in der Enge drängten und auch aus Rajesh Battacharjees Haus zusahen, wo seine Frau für alle Besucher Mangos und Limetten vorbereitet hatte, übermittelten letzte Unterstützerbotschaften. Das Gefühl der Liebe war allumfassend. Ich entkleidete mich bis auf die Unterhose, um Welt und Kamera zu zeigen, dass ich mir nicht heimlich Schutzkleidung umgeschnallt hatte. Auch gab ich eine kurze Erklärung ab und verkündete, dass keine Betäubungsmittel zum Einsatz gekommen waren und mein Verhalten ganz dem eines ehrenhaften und passionierten Sportsmanns entsprach. Dann leerte ich meinen Geist von allen Äußerlichkeiten. Nahm die Bereitschaftshaltung ein. Die vier Treter stellten sich wie festgelegt im Kreis um mich auf, alle in idealer Distanz zu mir, um einen glatten Ablauf zu gewährleisten. Gopal Dutta hatte die beste Position zur Erfüllung seiner Pflichten eingenommen. Alles war am richtigen Ort.

Selbstverständlich war ich inzwischen ganz entspannt. Ich konnte den Allmächtigen auf meiner Schulter sitzen spüren – er flüsterte mir zu: »Du schaffst es, BB, du schaffst es. Keine Sorge.« Alles würde sich ganz nach seinem Belieben fügen. Ich atmete ein letztes Mal tief durch und gab Gopal Dutta das Zeichen.

»Eins. Zwei. Drei. Lostreten!«, und auf ging es. Rajesh Battacharjee trat als Erster zu. Geradeheraus und feste, wie geprobt. Er traf allerdings leicht daneben, und ich stellte mich in Reaktion darauf etwas breitbeiniger auf. Der nächste Tritt, verabreicht von Nihal Prasad, dem Jüngsten und Eifrigsten der vier, war von großer Anmut. Ich verspürte den erhabenen Aufprall des Fußes und stieß die Luft aus, um mich zu wappnen. Sein Beispiel gab uns allen Auftrieb, und die Tritte drei und vier kamen planmäßig hintereinander – bei Nummer vier verspürte ich eine leichte Anspannung, löschte aber das Gefühl rasch aus dem Bewusstsein. Da war meine Konzentration so vollkommen, dass ich meine Umwelt nicht mehr wahrnahm. Ich richtete mein Augenmerk ganz auf meine Atmung und das Zählen der Tritte, die mich trafen. Ein herrliches Gefühl, als würde ich von einer Welle aus Liebe und positiver Energie getragen.

Meine Unterstützer vollbrachten wahre Wunder, zielten mit großer Präzision und traten blitzschnell zu. Nur Rajesh Battacharjee, in den Kampfkünsten ungeübt und auch von schlechter Kondition wegen schlechter Ernährung und allgemeiner Faulheit, kam nur schleppend hinterher.

»Ich kann nicht mehr«, flüsterte er, Panik in den Augen, mit wabbelnden Beinen wie ein überladener Esel. Ich versuchte, ihm Mut zu machen mit meinem Gesichtsausdruck, aber er rutschte bei dem Versuch, seinen nächsten Tritt anzuschließen, aus und sackte auf dem Boden zusammen.

»Zwanzig!«, rief Gopal Dutta.

»Tut mir leid, BB!«, keuchte Rajesh Battacharjee aus seiner Bauchlage.

Wir Übrigen in der Gruppe wechselten bitterernste Blicke, rissen uns aber rasch wieder zusammen. Die drei Treter rückten zusammen und schlossen die Lücke, die Rajesh Battacharjee gelassen hatte. Wir machten weiter, immer auf Anschluss, kein Patzer würde uns den Weg zum Ruhm verstellen.

»Weiter, BB!«, rief ein wohlmeinender Schaulustiger.

Gern preschte ich voran, auf einen hohen Endstand hin. Die Tritte kamen in schöner Regelmäßigkeit.

»Dreißig! Einunddreißig!«

»Weitermachen!«

Hinreißend war nun das Muster der Tritte, die Summe der besten Möglichkeiten dieser Welt sammelte sich in meiner Scham. Jeder Aufprall war schöne Machtbezeugung des Allmächtigen zur Belohnung härtester Maßnahmen – ich wollte nicht aufhören. Ich fing an, den Sound jedes Kicks mitzusummen, ich zählte mit, Freude in der inneren Stimme.

»Sechsunddreißig! Siebenunddreißig!«, rief Gopal Dutta, dessen Stimme nun wie aus weiter Entfernung zu mir drang, wie Meeresrauschen.

Ich wusste, dass ich schon Rekordbrecher war, wollte aber immer noch weiter, bis an die äußerste Grenze meines Geistes und meiner körperlichen Möglichkeiten. Die Zeit war wie ein kleines Vögelchen, das mir in der Hand saß, dessen Flügel mir über die Finger strichen und das keine Anstalten machte davonzuflattern; es fühlte sich dort sehr wohl.

»Vierzig! Einundvierzig!«

Dann atmete die Welt aus. Aller Lärm von außen schoss mir in die Ohren, und das Tageslicht füllte mir die Augen. Wie ein Blitz traf mich der Schmerz, machte mich sehr empfindlich, von der Scham bis in den Bauch und die ganze Länge meiner Beine hinunter. Ich gebe ganz offen zu, dass sich mir ein Schrei entrang, aber es war genauso sehr Jubel- wie Schmerzensschrei.

»Nicht aufhören!«, wies ich meine Schüler an. Ich nahm einen weiteren Tritt von Nihal Prasad entgegen, der eifrig war wie eh und je. Da war der Schmerz schon gewaltig. Einen letzten Tritt konnte ich noch aushalten, bevor ich das Zeichen gab, dass mein Stehvermögen am Ende war, mehr nicht.

»Dreiundvierzig!«, rief Gopal Dutta, und ich brach zusammen, geschockt, verwundert. »Neuer Rekord! Glückwunsch! Höchste Zahl von Tritten in die ungeschützte Scham, Weltrekordbrecher Bibhuti Bhushan Nayak aus Navi Mumbai!«

Lauter Jubel brach aus. Ich blieb auf dem Rücken liegen, mit geschlossenen Augen, nahm die Nachricht von meiner Leistung in mich auf. Als die Schmerzen nachgelassen hatten, konnte ich aufstehen und die Hände meiner Freunde fassen, die sämtlich merklich stolz waren.

»Gut gemacht!«, ertönten von allen Seiten die Glückwünsche.

»Herrlich, herrlich!«, sagte Rajesh Battacharjee. »Mein Freund BB Nayak, Weltrekordmann!«

Ich suchte hinter ihm nach meiner Frau, in der eitlen Hoffnung, sie könnte ihren Zorn überwunden haben und gekommen sein, um Zeugin des wichtigen Augenblicks zu werden. Zu meinem größten Entzücken erspähte ich sie am Fenster, in Rajesh Battacharjees Küche neben dessen Frau, meinen Sohn auf dem Arm. Vorsichtig trat ich ins Haus, um sie und das Kind zu begrüßen, wie der Ast eines Baumes im Sturm bog mein Herz sich unter der Last meiner Liebe zu ihnen. Ich fragte sie, ob sie meinen Erfolg gesehen habe. Ja, sagte sie. Ich fragte sie, ob sie sich für mich freue, und obwohl sie schwieg, fand ich die gewünschte Antwort in ihren Augen, die sich mit Tränen füllten.

Es folgte ein kurzer Moment der Unruhe, als Amrit Battacharjee und Vijay Two ihre Ausrüstung prüften, um sicherzugehen, dass die entscheidenden Aufnahmen gelungen waren. Dann gab Rajesh Battacharjee ein geheimes Zeichen, und bevor ich protestieren konnte, hatte man mich hochgehoben, und ich wurde auf Schultern durch die Straße getragen. In der Aufregung vergaß ich, wie leicht bekleidet ich war, als sie mich die Straße hinauf- und hinunterparadierten wie eine Statue beim Durga-Puja-Fest. Die vorbeifahrenden Autos grüßten mich hupend. Ein tolles Gefühl!

Stephen Kelman

Über Stephen Kelman

Biografie

Stephen Kelman wollte immer schon Schriftsteller werden. Aufgewachsen in Luton, einem Arbeiterviertel im Norden Londons, waren die Voraussetzungen denkbar schlecht. Doch er schaffte das, von dem so viele träumen. Mit seinem ersten Romanmanuskript »Pigeon English« – sorgte er für internationales...

Pressestimmen

GEO Saison

»Nayak gibt es wirklich und Kelman hat ihm, der es partout aus eigener Kraft zu Ruhm und Reichtum bringen will, eine urkomische fiktionale Biografie geschrieben.«

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