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Maestra

Roman

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Maestra — Inhalt

Judith Rashleigh arbeitet für ein renommiertes Londoner Auktionshaus. Als ein gefälschtes Meisterwerk zur Versteigerung steht, hält sie das zunächst für ein Versehen. Doch kaum macht sie den Galeristen auf den Fehler aufmerksam, wird sie gefeuert. Und Judith beschließt, die Hintergründe des millionenschweren Kunstbetrugs aufzudecken, ohne dabei ihre wahre Identität preiszugeben. Ein riskantes Spiel, an dem sie immer mehr Gefallen findet – und zwar so sehr, dass Judith den Spieß umdreht und sich das nimmt, was ihr zusteht. Selbst wenn sie dafür über Leichen gehen muss.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.05.2017
Übersetzt von: Wibke Kuhn
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31109-0
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 10.03.2016
Übersetzt von: Wibke Kuhn
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97501-8

Leseprobe zu »Maestra«

»Kleiner Keks gefällig, Judith?« Unsere Sekretärin Frankie schob mir einen Teller mit schokoladenüberzogenem Gebäck über den Tisch und holte meine Aufmerksamkeit damit zurück zum Meeting. Wir saßen mit Rupert zusammen und hielten eine Besprechung von höchster Dringlichkeit ab – ich, Frankie, unser Chef Rupert, meine Kollegin Laura und Oliver, der hauseigene Grafiker.
»Nein, danke«, flüsterte ich zurück.
Laura bedachte uns mit einem Stirnrunzeln und zog ihren Paschminaschal noch höher über die Verwüstungen, die die ständige Barbados-Bräune auf ihrem [...]

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»Kleiner Keks gefällig, Judith?« Unsere Sekretärin Frankie schob mir einen Teller mit schokoladenüberzogenem Gebäck über den Tisch und holte meine Aufmerksamkeit damit zurück zum Meeting. Wir saßen mit Rupert zusammen und hielten eine Besprechung von höchster Dringlichkeit ab – ich, Frankie, unser Chef Rupert, meine Kollegin Laura und Oliver, der hauseigene Grafiker.
»Nein, danke«, flüsterte ich zurück.
Laura bedachte uns mit einem Stirnrunzeln und zog ihren Paschminaschal noch höher über die Verwüstungen, die die ständige Barbados-Bräune auf ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Zumindest Frankie brachte mir eine sanfte weibliche Solidarität entgegen – im Gegensatz zu Laura, die mich meistens behandelte wie ein unfähiges Hausmädchen.
»Voilà! Hier sind sie«, tönte plötzlich eine helle Mädchenstimme. Eine große Blondine mit kunstvoll zerzauster Frisur legte atemlos einen Stapel neuer Kataloge auf den Tisch.
»Das ist Angelica«, erklärte Laura. »Angelica macht bei uns ein einmonatiges Praktikum. Sie hat gerade das Burghley in Florenz abgeschlossen.«
Wenn Dave da gewesen wäre, hätte ich ihn vielsagend angesehen und die Augen verdreht. Das Burghley bot Seminare in Kunstgeschichte an – für reiche Dummköpfe, die sogar zu faul waren, um auch nur auf eine Pseudouniversität zu gehen. Sie verbrachten lieber ein Jahr im Renaissance-Disneyland und nahmen an, dass sie zwischen ihren Joints vielleicht per Osmose ein bisschen Kultur in sich aufnahmen, und am Ende bekamen sie ein nettes kleines Zertifikat.
»Willkommen bei uns, Angelica«, sagte Rupert freundlich und fuhr sich über den dicken Bauch.
»Es ist so nett von Ihnen, dass ich hier sein darf«, erwiderte sie glücklich.
»Angelica ist mein Patenkind«, fügte Laura hinzu und zwang ihr gebotoxtes Gesicht zu einem strahlenden Lächeln. Das war also die Erklärung. Ich straffte den Rücken.
»So …«, sagte Rupert. »Großes Ereignis heute, meine Lieben. Wir haben einen Stubbs reinbekommen!« Er ließ die Kataloge herumgehen. Sie sahen aus wie edle Programmhefte für eine Oper aus dem achtzehnten Jahrhundert. George Stubbs, verkündete das Cover, »Der Herzog und die Herzogin von Richmond auf der Rennbahn«.
»Wahnsinn!«, quietschte Frankie los, die niemals jemandem den Spaß verderben wollte. »Ein Stubbs!«
Andererseits verstand ich schon, warum sie so begeistert war. George Stubbs war ein für Auktionshäuser höchst lukrativer Maler, der dafür bekannt war, Preise jenseits der zwanzig Millionen zu erzielen. Ich hatte selbst ein gewisses Faible für ihn – er stammte wie ich aus Liverpool und obwohl er sich tatsächlich die Mühe gemacht hatte, Anatomie der Menschen und der Tiere zu studieren, sodass seine Pferdebilder zu den besten gehörten, die das achtzehnte Jahrhundert hervorgebracht hatte, wurde er von der Royal Academy damals als »Sportmaler« abgetan und nie als vollwertiges Mitglied aufgenommen. Ich war neugierig zu sehen, welches von seinen Werken wir da bekommen hatten.
»Ihr solltet das sehr gründlich durchsehen«, warf Oliver ein. »Ich hab eine ganze Weile hart daran gearbeitet.«
Ich blätterte den Katalog rasch durch, doch als ich zur Abbildung des zu versteigernden Gemäldes kam, wurde mir auf einmal ganz kalt. Dieses Bild hatte ich schon einmal gesehen, und es gehörte mitnichten in einen Katalog.
»Entschuldige, Rupert«, sagte ich, »aber ich verstehe das nicht. Dieses Bild hab ich im Januar begutachtet, in einem Anwesen in der Nähe von Warminster.«
»Keine Sorge, dein Gutachten war absolut in Ordnung. Ich hab mir das Gemälde aber lieber selbst noch mal genauer angeguckt. Ich konnte mich ja kaum darauf verlassen, dass meine Praktikantin einen Stubbs richtig identifiziert!«
Ich hatte das Bild richtig identifiziert, weil es kein Stubbs war – und ich war auch keine Praktikantin mehr, was Rupert sehr wohl wusste. Ich hatte hart gearbeitet, um diese Art von Expertengutachten machen zu können.
»Du hast aber gar nicht gesagt, dass …«, versuchte ich erneut.
Rupert unterbrach mich mit einem verlegenen Lachen. »Ich wollte, dass es eine Überraschung ist. Also habe ich …«
»Aber ich war mir absolut sicher«, fiel ich ihm ins Wort. »Ich habe Fotos gemacht.«
»Tja. Das Bild wurde gereinigt, nachdem ich es hergebracht hatte, Judith. Die Details, die du korrekt bemängelt hast, waren allerdings spätere Übermalungen. Hast du irgendein Problem damit?«
»Nein, natürlich nicht.« Ich wusste, dass es nicht klug war, ihm jetzt nochmals zu widersprechen. Also zwang ich mich, schnell eine enthusiastische Miene aufzusetzen. »Das ist ja aufregend!«
Für September war also eine zweiwöchige Ausstellung des Stubbs angesetzt, direkt danach sollte der Verkauf stattfinden. Rupert fand das Bild wichtig genug, um ihm eine eigene Auktion zu widmen. Oliver war der Meinung, dass es vielleicht doch in eine größere Auktion integriert werden sollte. Laura zählte auf, welche Sammler man benachrichtigen müsse. Frankie machte sich Notizen, und ich war noch immer zu schockiert, um mich über die Vorstellung zu amüsieren, welche Gedanken wohl gerade durch die weiten, leeren Ebenen in Angelicas Hirn kullern mochten. Schließlich brachte ich doch noch ein paar pflichtschuldige Fragen vor, zum Beispiel, was die Vorbereitungen für die Schau betraf, damit ich die Mädels von der Veranstaltungsabteilung entsprechend instruieren konnte. Dann warf ich beiläufig die Frage ein, ob heute Nachmittag Bergsteigen im Lager auf dem Plan stehe.
»Ich dachte mir, ich könnte Angelica mit runternehmen, damit sie sich das mal anschauen kann«, schlug ich freundlich vor.

Während wir durch das Labyrinth der staubigen Kellergänge gingen, erklärte ich Angelica, was es mit dem »Bergsteigen« auf sich hatte. So nannten wir im Jargon des Hauses die Anlieferung von Kunstwerken: Sie mussten auf einem Lattenrost »bergauf« ins Lager gerollt werden. Beim Auspacken konnten so auch rangniedere Angestellte aus nächster Nähe einen Blick auf die Werke werfen, bevor die Experten dazukamen. Es sei wirklich bemerkenswert, erklärte ich, die Meisterwerke auf einer ganz alltäglichen Holzbank liegen zu sehen statt in der feierlichen Atmosphäre einer Galerie. Angelica war ganz vertieft in ihr Smartphone.
»Jaja«, brachte sie nebenbei hervor und fuhr sich mit der Hand durch die blonde Mähne. »Ich hab die Dinger massenweise in den Uffizien gesehen. Zum Beispiel … äh … Branzini?«
»Ich könnte mir vorstellen, dass du Bronzino meinst?«
»Ja, genau.«
Wie erhofft, trafen wir Dave an. Er rollte mit einem Kollegen zusammen gerade zehn Pompeo Batonis für die demnächst anstehende Grand-Tour-Auktion die Rampe hoch.
»Gut siehst du aus, Judith. Gut siehst du aus heute. Hast du einen Neuen?«
»Du bist der Einzige für mich, Dave, das weißt du doch«, flirtete ich zurück.
Ich hatte einen Haufen neuer True-Crime-Romane gekauft und den Bänden ein etwas gebrauchtes Aussehen verliehen. Nachdem ich Angelica vorgestellt hatte, gab ich ihm die Tüte mit den Büchern und behauptete, sie als Restposten im Oxfam-Laden in Marylebone gefunden zu haben.
»Was steht heute auf dem Programm?«, fragte ich. Alles, was Angelica an Konzentration aufbringen konnte, war immer noch bei ihrem Smartphone.
»Batoni in Rom.«
»Italien!«, frohlockte ich. »Toll! Dann hilf ihnen doch beim Ausmessen, Angelica!« Ich gab Dave mit einer kurzen Geste zu verstehen, dass ich währenddessen eine Rauchpause mit ihm machen wollte, und er humpelte mit mir in eine Kellerecke, die mit Zigarettenstummeln übersät war.
Ich informierte Dave schnell über meine Reise nach Warminster. Rupert hatte behauptet, ein Kumpel mit einem Antiquitätengeschäft in Salisbury habe ihn angerufen. Der Freund habe das Bild bei einer Dinnerparty gesehen und sich gedacht, es könnte ein ganz großes Ding sein. Man hatte mich zur Begutachtung hingeschickt, weil Rupert an diesem Wochenende auf der Jagd war. Der Besitzer des Hauses, der sich ohne jede Ironie als »Tiger« vorstellte, erklärte, dass seine Familie seit ungefähr hundert Jahren hier wohne und dass dieses Bild von seinem Urgroßvater gekauft worden sei. Ich stellte nicht allzu viele Fragen, weil Rupert mich strengstens angewiesen hatte, nicht einmal anzudeuten, dass wir der Meinung seien, das Bild könnte kein Original sein.
Ich hatte das Gemälde von der Esszimmerwand genommen und es ans Fenster gestellt, wo das Licht am besten war. Im ersten Moment konnte ich schon erkennen, warum Ruperts Freund so aus dem Häuschen geraten war. Die Komposition war sehr rhythmisch arrangiert, einige Damen, Herren und Stallknechte besetzten den linken Hintergrund und beobachteten drei Pferde, die über die Tiefebene auf den Zuschauer zugaloppierten. Die Pferde waren wunderbar dargestellt, zwei Füchse und ein Rappschimmel, deren Beine in rasender Symmetrie ausgriffen. Die Farben waren gedämpft, wie an einem nebligen Morgen, nur die roten Livreen der Reitknechte wetteiferten mit dem glänzenden Fell der Pferde darin, das Licht einzufangen.
Als ich dann aber etwas genauer hinsah, war ich schon wesentlich weniger beeindruckt von der Zuschauergruppe, die irgendwie leblos und betulich aussah. Sie brachten die ganze Komposition aus dem Gleichgewicht, lenkten von dem anmutigen Rennen der Tiere ab, sodass die Menschen die Leinwand letztlich auf eine Art dominierten, wie sie mir für Stubbs ganz uncharakteristisch vorkam. Zudem war ich verunsichert, weil ich etwas gefunden hatte, was nach einer gar zu eindeutigen Signatur aussah. Ich drehte die Leinwand um, um die Rückseite genauer zu betrachten. Am Rahmen klebte ein kleines Schildchen mit dem Namen »Ursford & Sweet« – eine Londoner Galerie, die es schon seit geraumer Zeit nicht mehr gab. Auf dem Aufkleber standen auch der Titel Der Herzog und die Herzogin von Richmond beim Galopprennen und die Jahreszahl 1760. Zögerlich drehte ich das Gemälde wieder um. Hinter den Figuren auf dem Bild befand sich ein Schild mit der Aufschrift »Newmarket«. Stubbs war der beste Pferdemaler seiner Zeit, vielleicht sogar aller Zeiten, doch soviel ich wusste, hatte er nie an der Rennbahn in Newmarket gemalt.
Zum Glück hatte ich einen catalogue raisonné mitgebracht, das aktuellste Kompendium sämtlicher bekannter Stubbs-Werke. Ich blätterte die Bilder durch, bis ich eine andere Darstellung des Herzogs und der Herzogin fand, bei der sie das Training in Goodwood verfolgten. Auch dieses Gemälde war von 1760. Es bestand durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Gesichtern. Ich nahm an, das hatte Rupert überzeugt, obwohl die Ähnlichkeit eher epochen- als personenbedingt schien. Wahrscheinlich hatte Stubbs seine Gönner auch in Newmarket gemalt – obwohl der Katalog nichts dergleichen erwähnte, geschweige denn die Existenz des Bildes, das ich da vor mir hatte.
Ein neu entdeckter Stubbs wäre eine Sensation gewesen und hätte auch einen Riesenprofit versprochen, deswegen ließ ich das Bild mit Bedauern genau fotografieren und gab in meinen Notizen eine detaillierte Zusammenfassung meiner Beobachtungen. Ganz am Schluss legte ich meine eigene Meinung dar, dass es nämlich kein Stubbs sondern die Malübung eines Zeitgenossen war.
»Das ist total komisch, Dave. Ich habe es im Januar als ›Schule von‹ identifiziert, und jetzt im Sommer taucht es als echter Stubbs wieder auf – und der Hinweis auf Newmarket ist plötzlich weg. Rupert behauptet zwar, das sei eine der Übermalungen gewesen, die bei der Reinigung entfernt wurde, aber die Signatur befindet sich auch an einer anderen Stelle.«
»Was sagtest du, woher kommt das Bild?«
»Der Besitzer meinte, sein Urgroßvater habe es gekauft. Es trug ein Schild von Ursford & Sweet in der Bond Street. Die gibt es schon seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr.«
»Na ja, aber du hast gesagt, das Bild stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert, oder?«
»Ja.«
»Dann muss es Ursford ja auch irgendwo gekauft haben.«
»Wenn wir darüber etwas wüssten, hätte Rupert es sicherlich längst im Katalog vermerkt.«
»Und … das Andere Haus?« In den beiden führenden Auktionshäusern in London war es tabu, den Namen des Konkurrenten im Munde zu führen – wie bei Oxford und Cambridge.
»Es könnte natürlich auch ein Privatverkauf gewesen sein, aber die Chance ist groß, dass es die Konkurrenz war.« Ich seufzte. »Allerdings würde es ewig dauern, bis wir die Genehmigung bekommen, ihre Archive durchzugehen.«
»Na ja, also … Ich hab da einen Kumpel in deren Lager der Alten Meister. Der kann dich jederzeit ins Archiv lassen. Das wäre gar kein Problem. Könntest du heute in deiner Mittagspause machen. Aber warum bist du eigentlich so hinter der Sache her?«
»Ich weiß nicht. Es würde mir einfach gegen den Strich gehen, wenn uns da ein Fehler unterläuft.«
Ich konnte Dave nicht sagen, dass ich mich plötzlich in Miss Marple verwandelt hatte, weil ich glaubte, endlich einen Weg gefunden zu haben, mir die verdiente Anerkennung zu verschaffen: indem ich meine Vorgesetzten davor bewahrte, durch einen sehr öffentlichen Irrtum ihr Gesicht zu verlieren. Ich war ganz aufgeregt und malte mir meine grandiose Enthüllung beim nächsten Meeting aus. Vielleicht würde es im Haus sogar ein Lunch zu meinen Ehren geben oder eine echte Beförderung – um zu zeigen, dass ich mehr war als nur irgendeine Assistentin. Es wäre die Chance, aus den richtigen Gründen Erfolg zu haben, nämlich aufgrund von Talent und Fleiß. Eine Chance zu beweisen, dass ich gute Arbeit leisten konnte.

Offiziell hatte ich nur eine Stunde Mittagspause, aber sie ließ sich leicht überziehen, weil die anderen Kollegen von British Pictures es für ihr Recht hielten, drei Stunden zu nehmen, und so machte ich mich auf den Weg zur New Bond Street.
»Sind Sie Mike? Daves Freund? Ich bin Judith Rashleigh. Vielen Dank, dass Sie mir das erlauben. Es ist gerade ein bisschen stressig bei uns.«
Ich musste lächeln, als ich das Taschenbuch sah, das aus der Gesäßtasche von Mikes Jeans ragte: Zerschmettert: Die wahre Geschichte einer liebenden Mutter. Ein untreuer Ehemann und ein kaltblütiger Mord in Texas.
»Ich kann Sie reinlassen, aber dann muss ich Mittagspause machen, und wenn Sie irgendjemand fragen sollte, warum Sie keinen Genehmigungsschein von der Direktion vorweisen können, habe ich nichts damit zu tun, klar?«
»Natürlich. Wir sind Ihnen wirklich dankbar. Wie gesagt, wir sind im Moment ein bisschen hektisch unterwegs. Vielen Dank noch mal.«
Das Archiv unseres großen Rivalen war in einer wunderschön getäfelten Galerie mit Ausblick auf das teure Pflaster der Savile Row untergebracht. Sie hatten leider noch nichts digitalisiert, und als ich die langen Reihen schwerer Bücherregale entlangschritt, die bis ins frühe achtzehnte Jahrhundert zurückgingen, konnte man sich des Gedankens nicht erwehren, dass selbst das leistungsfähigste Computerhirn bei der Aussicht auf ein solches Chaos zu einer Pfütze zerschmelzen würde. Es arbeiteten noch ein paar andere Personen im Archiv, die meisten in meinem Alter: Praktikanten und Assistenten, die endlich in die Mittagspause gehen wollten. Keiner von ihnen nahm Notiz von mir.
Also gut: Wenn die originale Datierung des Gemäldes von 1760 korrekt war, lagen etwa hundertfünfzig Jahre zwischen dem Zeitpunkt seines Entstehens und dem Schließen der Galerie Ursford & Sweet im Jahre 1913, die ungefähr 1850 aufgemacht hatte. Es war also nur logisch, dort zu beginnen und sich dann weiter voranzuarbeiten.
Glücklicherweise benutzte man in diesem Archiv dasselbe System wie bei uns, also begann ich mit den Indexkarten, die jeweils ein Gemälde enthielten – oft mit einem Foto, dazu Details zu Verkaufsdatum und Preis. Ich fand viele Stubbs-Verkäufe, doch keine der Beschreibungen passte auf das Gemälde, das ich bei Mr Tiger gesehen hatte. Es gab auch einige Klassifikationen als »Schule von Stubbs«, also Bilder aus derselben Epoche im Stil des genannten Malers, die aber nicht unbedingt von der Hand des Künstlers stammen mussten. Fünf davon waren auf die Zeit zwischen 1870 und 1910 datiert. Eines davon trug den ID-Code ICHP905/19, was bedeutete, dass es bei der Important-Country-House-Pictures-Auktion 1905 unter den Hammer gekommen war, bei der dieses Bild als neunzehnter Posten versteigert worden war. Bingo.
Ich ging schnell zurück zu den Regalen, fasste mit beiden Händen die Griffe der mit »1905–1906« beschrifteten Reihe und schob sie zur Seite. Sie bewegten sich auf Rollen, und es kostete mich einige Kraft, sie so weit zu bewegen, dass ich zu der Stelle vordringen konnte, die ich brauchte. Rasch schob ich mich zwischen die Regale und ging die Reihe entlang, bis ich vor 1905 stand und »Important Country Houses Pictures« suchen konnte.
Und da war es. Eigentum eines Grafen: Der Herzog und die Herzogin von Richmond beim Galopprennen. Verkauft an W. E. Sweet, Esq., Zuschlag bei 1300 Guineen. Der Verkäufer war der Graf von Halifax gewesen, schätzte ich, damals eine der umfangreichsten Stubbs-Sammlungen des Landes. Vor allem hieß das aber eines: Der Stubbs war höchstwahrscheinlich doch echt. Ich konnte nicht anders, ich war auf perverse Art enttäuscht. Mein großartiger Plan, Rupert vor einer katastrophalen Fehlzuschreibung zu bewahren, war ein Rohrkrepierer. Wenigstens konnte ich nach meiner Recherche ein paar nützliche Informationen über die Herkunft des Bildes mitnehmen. Das würde Rupert sicher auch gefallen.
Auf dem Rückweg ging ich an der Burlington Arcade entlang, schaute in die Schaufenster der edlen Kaschmirläden und des Ladurée-Macaron-Geschäftes. Aber irgendwie ließ mich die Geschichte nicht los. Dreizehnhundert Guineen waren damals eine ganz schöne Summe, doch in der Aufregung über den Stubbs vorhin hatte niemand die Höhe des Limits erwähnt. Ich musste an den Katalog denken, bei dem die Zahl diskret auf der Rückseite vermerkt war: 800 Tsd. Das war … absurd wenig. Absoluter Unfug. Wenn das Bild ein Original war, und danach sah es aus, warum sollte Rupert dann bereit gewesen sein, einen so geringen Minimalpreis anzusetzen?
Als ich ins Büro zurückkam, war nur Frankie da, die einen riesigen Käsetoast von einem fettigen Laden in der Crown Passage kaute. Wie üblich war es draußen feucht, und ich merkte, dass die Jacke, die sie über den Stuhl geworfen hatte, stark nach Labrador roch. Dafür mochte ich sie nur noch mehr.
»Sag mal, Frankie, weißt du noch, wo du die Notizen hingetan hast, die ich vor ein paar Monaten aus Warminster mitgebracht habe?«, fragte ich. »Die Recherchen zu dem Stubbs?«
»Die dürften beim Material zu den bevorstehenden Auktionen sein. Rupert ist so begeistert!«
»Ja, ja, natürlich. Ich wollte nur ganz kurz noch mal draufschauen.«
Franki griff hinter sich und nahm einen Ordner, den sie durchblätterte, doch sie schüttelte den Kopf. »Nein, die sind hier nicht drin. Nur Ruperts eigene Notizen und die Fotos nach der Reinigung. Soll ich noch mal schauen?«
»Nein, ist nicht weiter wichtig. Sorry, ich wollte dich nicht beim Mittagessen stören.«
Irgendetwas irritiert mich immer mehr an dieser Geschichte. Ich schlug eine Telefonnummer nach und ging in die schmuddelige Bürotoilette, um zu telefonieren. Mrs Tiger nahm ab. Ich hatte sie bei meinem Besuch nicht kennengelernt, denn sie war bei ihrer Schwester in Bath gewesen.
»Hier ist Judith Rashleigh. Ich war vor ein paar Monaten bei Ihnen in Warminster. Ihr Mann war so nett, mir Ihr Pferdebild zu zeigen.«
»Ach, das Vergnügen war ganz auf unserer Seite. Was kann ich für Sie tun?« Sie klang auf eine nette Art gesprächig.
»Sie sind bestimmt sehr glücklich über die Zuschreibung.«
»Nun ja, im Grunde haben wir immer schon gewusst, dass es kein echter Stubbs ist. Der Käufer hat uns trotzdem einen guten Preis gezahlt.«
»Der Käufer?«
»Der Mann, der zu uns gekommen ist.«
»Ach, natürlich«, sagte ich rasch. »Rupert.«
Mrs Tiger zögerte. »Nein, ich glaube, so hieß er nicht.«
»Oh.« Ich versuchte, ganz beiläufig zu klingen. »Sorry, da habe ich mich geirrt. Na ja, ich wollte nur sichergehen, dass Sie unsere Kontaktdaten haben, für den Fall, dass Sie noch andere Gegenstände haben, die wir für Sie prüfen sollen. Wir halten gerne den Kontakt.«
»Ja, das ist schön, und danke nochmals, dass Sie uns netterweise die andere Galerie vorgeschlagen haben.«
»Das ist … ähm … gar nicht der Rede wert.« Es fiel mir immer schwerer, meine Verwirrung zu verbergen. »Ich möchte Ihre Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen, aber können Sie sich zufällig an den Namen des Mannes erinnern, der Sie besucht hat?«
»Nein. Warum?« Ihre Stimme bekam einen argwöhnischen Unterton.
Ich murmelte schnell irgendetwas im unverständlichsten Fachjargon, bedankte mich und legte auf. Dann blieb ich auf der Toilette sitzen, um nachzudenken.
Mrs Tiger hatte bedauernd zugegeben, dass ihr Bild kein echter Stubbs sei. Sie hatten es verkauft und waren zufrieden, einen anständigen Preis dafür bekommen zu haben. Trotzdem verkauften wir jetzt genau dieses Bild – als echten Stubbs.
Ich ging zurück an meinen Platz und warf einen Blick in den Katalog. Das Bild wurde dort, den Gepflogenheiten entsprechend, als »Eigentum eines Gentleman« gelistet.
Ich hatte bisher natürlich angenommen, dass dieser »Gentleman« Mr Tiger sei, aber anscheinend war er es doch nicht. Das Bild war falsch zugeschrieben worden, also musste die Person, die seine Echtheit entdeckt hatte, der geheimnisvolle Mann sein, der es den Tigers abgekauft hatte und es jetzt über uns verkaufen wollte. Pech für die Tigers, obwohl ich nicht so dumm sein würde, es ihnen zu erzählen. Wenn der Mann ihnen etwas vorgemacht hatte, war das nicht unsere Sache – er war offenbar seiner Intuition gefolgt und hatte ein hübsches Sümmchen dafür hingelegt. Jetzt strich er seine Belohnung ein. Trotzdem kam mir immer noch irgendwas faul vor. Und vor allem: Welche Rolle spielte Rupert bei der ganzen Sache?
Ich war nervös, seltsam ängstlich. Ich hatte ein ungutes Gefühl, das mich nicht verließ, auch nicht, als Rupert schließlich gegen drei ins Büro zurückkam. Er hatte offenbar mal wieder ein ausgiebiges Mittagessen genossen und murmelte irgendetwas von einem anschließenden wichtigen Meeting bei Brooks, einem der alten Londoner Gentlemen’s Clubs, der seinen Mitgliedern bekanntermaßen ein ruhiges Plätzchen bietet, damit sie am Nachmittag ein Nickerchen in der Bibliothek halten können.
»Dann bis morgen«, sagte Rupert auf dem Weg nach draußen.

Abends wartete die leere Wohnung auf mich. Nachdem ich mich durch den Haufen von Fahrrädern, Helmen und Schuhen gekämpft hatte, die ständig unseren Flur blockierten, entdeckte ich auf dem Küchentisch eine Schachtel, auf die ein Zettel mit der Aufschrift »Judy« geklebt war. Sie enthielt einen riesigen rosa Keramikbecher mit Hasenohren. Auf dem Zettel stand: »Sorry, ich hab mir deine Tasse geliehen und sie aus Versehen zerbrochen. Ich hab dir diese als Ersatz gekauft!« Meine Mitbewohnerin hatte noch einen Smiley dazugemalt, diese blöde Fotze.
Ich schaute in den Abfalleimer. Dort lagen die Scherben meiner Tasse und Untertasse – ein perfektes Villeroy&Boch-Stück in Absinthgrün, das ich zwei Wochen lang in einem Schaufenster in der Camden Passage angeschmachtet hatte. Sie hatte vierzig Pfund gekostet, aber darum ging es nicht. Darum ging es einfach nicht.
Ich hoffte, wir könnten vielleicht Sekundenkleber in der Schublade der grässlichen pseudoviktorianischen Küchenanrichte haben, aber der Griff klemmte, und ich trat daraufhin so heftig gegen den Fuß dieses Scheißschranks, dass er einfach abbrach. Die Anrichte sackte zur Seite, wodurch das ganze billige Scheißporzellan in die Brüche ging. Es folgten ein paar stille Minuten, und nachdem ich mich beruhigt hatte, dauerte es eine geraume Weile, den ganzen Müll wieder aufzuräumen.

Am nächsten Morgen war ich früh im Büro und brannte darauf, mit Dave zu sprechen, doch Laura fing mich ab und gab mir eine Aufgabe, an der ich den ganzen Morgen über ungeduldig saß – ich musste die Minimalpreise für Stanley-Spencer-Gemälde herausfinden, um irgendeinem Hedgefondsmanager zu helfen, seine Kapitalertragssteuer zu manipulieren.
In der Mittagspause ging ich endlich ins Lager, doch Dave war nicht da. Ich versuchte es auf seinem Handy und lud ihn auf einen Drink nach der Arbeit im Bunch of Grapes in der Duke Street ein.
Als er wenige Stunden später in den Pub gehumpelt kam – er war zu stolz, um einen Gehstock zu benutzen –, bestellte ich ihm ein Glas London Pride und ein Tonic Water für mich.
»Danke für den Drink, Judith, aber meine Göttergattin wird sich wundern, wo ich bleibe.«
Ich erklärte ihm, dass meine Notizen zu dem Bild verschwunden waren und dass der Stubbs dem Paar in Warminster nicht direkt abgekauft worden war, sondern über einen rätselhaften anderen Käufer, der seine Echtheit erkannt haben soll. Es klang alles ein bisschen vage, aber ich war mir so sicher, dass hier was im Busch war.
»Ich möchte es mir noch mal anschauen, Dave. Das Bild ist doch schon da, oder?«
»Ja. Es ist im Lager.«
»Kommst du mit? Ich weiß nicht mehr, was ich von dem ganzen Gerede über die angeblichen Übermalungen halten soll. Du hast ein besseres Auge als ich.«
Dave senkte die Stimme. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass Rupert eine Fälschung verhökern würde?«
»Natürlich glaube ich das nicht. Aber vielleicht hat er einfach einen Fehler gemacht, und ich möchte nicht, dass hier irgendjemand am Ende blöd dasteht. Das ist alles. Wenn ich gut dabei wegkomme, weil ich ihnen helfe, nicht schlecht dazustehen, dann passt mir das auch ganz gut in den Kram. Außerdem wäre es ja nicht das erste Mal, dass jemand sich bei einer Zuschreibung irrt, oder? Das weißt du doch. Bitte. Zehn Minuten, und dann kannst du mir meinetwegen sagen, dass ich ein Trottel bin, und ich werde die Sache nie wieder erwähnen.«
»Judith, für so was gibt es Experten. Ich brauche … Ich weiß auch nicht. Ich brauche Werkzeuge.«
»Dave. Dir ist doch auch an Echtheit gelegen, oder? Du findest doch auch, dass wir nur echte Stücke verkaufen sollten, oder? Die Ehre des Regiments und so weiter?«
»Wir sollten uns vorher aber wirklich eine Genehmigung einholen.«
»Ich arbeite dort, du arbeitest dort. Wir haben die Ausweise. Ich könnte mir einfach nur ›unsere Werke‹ anschauen, wie Laura immer so schön sagt.«
»Zehn Minuten.«
»Maximal. Komm.« Ich ließ meine Stimme sanfter klingen. »Wir sind doch Kumpels, oder?«
»Na gut, dann schauen wir es uns an.«

Die meisten Angestellten waren schon gegangen. Dave ließ uns mit seinem Code am Hintereingang ins Gebäude. Im Lager mussten wir Taschenlampen benutzen, weil hier zum Schutz der Bilder ewiges Dämmerlicht herrschte. Dave ging geradewegs zum richtigen Stapel und zog das Bild heraus. Ich deutete auf die Stelle, an der nach meiner Erinnerung das Newmarket-Schild gewesen war, und dorthin, wo ich eine veränderte Position der Signatur vermutete.
»Judith, ich kann es nicht sagen. Für meine Augen sieht das wirklich alles in Ordnung aus.«
»Aber genau hier war ein Zeichen. Wie neu ist dieser Lack?«
Unsere Köpfe berührten sich fast, als wir auf die Leinwand starrten und die Fingerspitzen über den leeren Stellen schweben ließen.
»Wenn es gereinigt wurde«, sagte Dave jetzt mit engagierterem Ton, »dann könnte es Spuren auf dem darunterliegenden Bild geben. Wir müssen es unter das richtige Licht legen.«
»Na ja, wir können es doch hinbringen, oder?«
»Und wo war jetzt die Signatur?«
»Ja, wo war sie denn?« Rupert! Es heißt ja immer, dass fette Menschen sich oft erstaunlich lautlos bewegen können.
»Rupert. Hallo. Sorry, wir haben nur …«
»Bitte erklär mir, was du hier machst. Du bist keine leitende Angestellte. Du hast überhaupt kein Recht, hier unten zu sein.«
In Wirklichkeit war das gar keine so große Katastrophe. Ich war nach der regulären Arbeitszeit schon öfter hier unten gewesen. Normalerweise, weil Rupert es mir aufgetragen hatte.
Er wandte sich an Dave, und seine Stimme wurde sanfter. »Was treibt ihr beiden denn hier, hm? Wird es nicht Zeit zum Heimgehen, Dave?«
Dave wirkte beschämt und murmelte: »Guten Abend, Sir.«
Ich fand es schrecklich, dass er Rupert mit »Sir« ansprach. Rupert blieb freundlich und höflich, bis Dave die Stufen hinaufgehinkt war, dann betrachtete er mich eine geraume Weile. Im bläulichen Licht sah er aus wie ein seltsam aufgedunsener El Greco. Ich wusste, dass er mir keine Szene machen würde. Macht ist viel effektiver, wenn sie leise ist.
»Judith, ich wollte schon länger mit dir sprechen. Ich glaube, du passt hier nicht wirklich rein. Ich wollte dir eine Chance geben, aber ich habe im Büro schon mehrfach Klagen über deine Einstellung gehört. Und deine Bemerkungen im Meeting, als wir über den Stubbs gesprochen haben, waren unangebracht und einfach nur impertinent.«
»Ich dachte … Das heißt, ich wollte versuchen … Ich war mir nicht sicher, ob …« Ich stotterte herum wie ein ertapptes Schulmädchen, was meine Wut auf mich selbst nur steigerte. Ich konnte aber trotzdem nicht aufhören.
»Judith. Ich glaube, es wäre besser, wenn du deine Sachen holst und sofort gehst, meinst du nicht?«, fügte er ruhig hinzu.
»Du … feuerst mich?«
»Wenn du es so formulieren willst – ja, ich feuere dich.«
Ich war verblüfft. Statt zu protestieren, statt mich zu verteidigen, fing ich einfach an zu weinen. Absurd. Die ganzen Tränen der Frustration, die ich mir verbissen hatte, blubberten ausgerechnet in diesem Moment über wie ein Geysir und reduzierten mich auf die Rolle der bettelnden Frau. Aber so sollte es doch nicht laufen, oder? Ich versuchte, das Richtige zu tun, das Gute.
»Rupert, bitte, ich habe doch nichts Falsches getan. Wenn ich dir das erklären dürfte …«
»Deine Erklärungen interessieren mich nicht.«
Er ignorierte mich, als wir zum Büro zurückgingen. Ich lief vor ihm her durch die schmalen Korridore und kam mir vor wie eine Gefangene. Dann stand er mit verschränkten Armen neben mir, während ich meinen Krimskrams aus dem Schreibtisch sammelte und in meine Tasche steckte.
»Bist du fertig?«
Ich nickte dumpf.
»Deinen Ausweis bräuchte ich bitte noch. Ich glaube, es ist nicht nötig, jemanden vom Sicherheitspersonal zu bitten, dich hinauszubegleiten.«
Stumm reichte ich ihm die Karte.
»Dann ab mit dir, Judy.«
Ich dachte an die Laufburschendienste, die ich für Rupert erledigt hatte, bei denen ich seine Anzüge vom Schneider und seine gereinigten Hemden abgeholt hatte. Ich dachte an die Anrufer, die ich vertröstet hatte, wenn er nicht in der Arbeit war, an die Überstunden, die ich im der Bibliothek und in den Archiven geleistet hatte – jedes Mal ein Versuch zu beweisen, dass ich härter war, dass ich klüger war, dass ich schneller rennen, mehr aushalten und besser arbeiten konnte. Ich war bescheiden und sorgfältig gewesen. Ich hatte mir nie gestattet zu zeigen, dass ich mich geringschätzig behandelt und ausgeschlossen fühlte. Ich hatte weder Laura noch Oliver oder Rupert merken lassen, dass ich überhaupt die Unterschiede zwischen uns bemerkte. Mein Oxbridge-Abschluss war besser als alles, was sie vorzuweisen hatten. Ich hatte tatsächlich geglaubt, dass ich es mit Zeit und harter Arbeit schaffen konnte, zu ihnen aufzusteigen. Ich hatte mir nie vorgemacht, dass Rupert mich respektierte oder wertschätzte. Aber ich hatte geglaubt, dass ich nützlich sei, dass ich etwas wert sei. Erbärmlich.
»Ich schätze, du gibst Angelica meinen Job?« Es nervte mich selbst, wie larmoyant und bitter das klang.
»Das geht dich nichts an. Bitte geh jetzt.«
Ich schaute ihm ins Gesicht und wusste, dass meines tränenverschmiert war. Ich dachte daran, wie es sich anfühlen würde, aufzuwachen und nicht aufzustehen, um in die Prince Street zu marschieren. Die kühle Eingangshalle, das beruhigende Gefühl der Holzmaserung auf dem Geländer unter meiner Hand.
Das war meine Chance gewesen. Schon möglich, dass ich es nicht sehr weit in die höchsten Kreise geschafft hatte, aber immerhin hatte ich die Pforte passiert. Ich war Teil der Welt gewesen, zu der ich aus tiefstem Herzen gehörte, und jeden Tag hatte ich das Gefühl gehabt, ein bisschen höher zu steigen. Ich dachte daran, wie ich meinen Lebenslauf später an andere Arbeitgeber verschickt hätte und wohin mich das gebracht hätte. Und jetzt hatte ich es versaut. Ich hatte die Kontrolle verloren, ich hatte zugelassen, zu viel zu wollen, war übereifrig gewesen, gedankenlos, dumm, richtig dumm. Ich hatte aufgehört, wütend genug zu sein, war durch die Gegend gestolpert wie ein kleines naives Dummchen, das immer noch glaubt, dass der gute Wille zählt.
Die Wut war immer mein Freund gewesen, und ich hatte sie in der letzten Zeit immer weiter in den Hintergrund treten lassen. Die Wut hatte mir aber über Jahre hinweg den Rücken gestärkt, die Wut hatte dafür gesorgt, dass ich die Kämpfe und die Geringschätzung überlebte. Die Wut hatte mich von meinem schäbigen Schulabschluss an die Universität befördert, sie war meine Stärke und mein Trost gewesen. Einen Moment lang spürte ich die Weißglut in meinem Innersten und sah ein Bild aufblitzen, wie Ruperts blutüberströmtes Gesicht auf seine Tastatur sank. Komm, winkte die Wut mir zu. Komm, nur das eine Mal. Meine schäbige Aktentasche hatte spitze Messingscharniere an den Ecken. Ich stellte mir vor, wie ich damit auf seine Schläfen eindrosch. Aber ich würde sie gar nicht brauchen. Ich konnte den Schmerz in meinen Armsehnen spüren, in meinen Zähnen. Nein, ich wollte ihm an die Kehle springen wie ein tollwütiger Hund.
Er schaute mich an, und eine Sekunde lang sah ich einen Hauch von Angst in seinen Augen aufflackern.
Mehr brauchte ich nicht.

L.S. Hilton

Über L.S. Hilton

Biografie

L.S. Hilton wuchs in Nordengland auf, studierte Englische Literatur in Oxford und anschließend Kunstgeschichte in Paris und Florenz. Danach zog es sie nach Key West, New York, Paris und Mailand, wo sie als Journalistin, Kunstkritikerin und Rundfunksprecherin arbeitete. Vor Kurzem ist sie nach...

Weitere Titel der Serie »Maestra«

Sie nimmt sich, was sie will, und nichts hält sie auf ... Judith Rashleigh ist eine Frau mit speziellen Vorlieben und einem Hang zum Mord.

Pressestimmen

barrois.de

»Intelligenter Erotikthriller«

Freundin

»Die Story ist echt gut«

Buchmedia Magazin

»Spannung, Tempo und ein bisschen Kunstgeschichte unterfüttert mit ausgiebigen Sexszenen prägen diesen Thriller rund um eine außergewöhnliche Hauptfigur.«

Buchmedia Magazin (A)

»Ein abenteuerlicher Mix aus Thriller, Erotik, Kunstgeschichte.«

Kommentare zum Buch

Rezension
Franziska am 17.05.2016

L.S. Hilton:   Maestra   Anlass: Wenn ein Buch gerade überall besprochen wird und man sich nicht einig ist, ob das nun großer Mist oder großes Kino ist, muss ich es einfach lesen - ich bekam es bei einer Lesechallenge von www.lovelybooks.de geschenkt.   Inhalt: Judith arbeitet bei einem großen Londoner Auktionshaus und versucht nebenbei angestrengt zu verbergen, dass sie aus einfachen Verhältnissen stammt. Sie eignet sich langsam die Codes und Garderobe der Schönen und Reichen an, während ihr Chef sie schikaniert und schließlich sogar feuert, als sie einer illegalen Aktion von ihm gefährlich nahe kommt. Sie landet daraufhin in der grauen Zone zwischen Edelprostitution und Pseudo-Girlfriend, bringt dabei aus Versehen einen Stammkunden um und dreht völlig durch. Anders kann ich nicht bezeichnen, was die nächsten 200 Seiten beherrscht - haufenweise sehr explizite Sexszenen, die auf mich nicht im mindesten erotisch wirkten, Drogen, noch mehr kaltblütige Morde und viel extrem schöne Mode. Die Mafia und die Finanzpolizei sind hinter ihr her - aber sie hat inzwischen viel elegante Fluchtroutine.   Meinung: Ich finde, es gehört ein FSK18 Aufkleber auf das Buch und Judith war mir bis auf ihren exzellenten Modegeschmack sehr unsympathisch. Verkrachte Existenzen können ja durchaus Charme haben und Mitleid erregen, wie es mir zB mit Gone Girl ging, aber sie war so merkwürdig emotionslos...nein, nichts für mich.   Für wen: Kill Bill Fans mit Hang zu schmutzigem Sex.

Angellika am 13.03.2016

Thriller ist eine unpassende Beschreibung für dieses Buch, da es mehr wie ein Erotikbuch wirkt. Das Cover passt daher eher weniger zum Buch.   Die Geschichte ist langatmig und verliert schnell an Spannung. Man findet mehrere Seiten auf denen perverse Sexhandlungen beschrieben werden. Noch nach einem Drittel des Buches hat es keine Straftat oder Thriller-Begebenheit gegeben. Mir hat vieles in der Geschichte gefehlt. Die psychologischen Hintergründe der einzelnen Personen sind nicht deutlich. Man hat auch bei Judith nicht das Gefühl einer richtigen Person zu folgen. Es sind einfach zu wenig echte Emotionen vorhanden, die nichts mit Sex zu tun haben. Sodass ich mich schlecht in die Charaktere hineinversetzten konnte. Judith Rashleigh arbeitet in einem Auktionshaus, doch ihr Gehalt reicht nicht aus, auch ist sie sehr unzufrieden mit ihrem Leben. So geht sie darauf ein als Hostes zu arbeiten, als sie eine frühere Schulfreundin, Mercedes, trifft. Schnell bekommt sie einen reichen Stammkunden, James. Ihr Leben fängt an ihr zu gefallen. Doch dann verliert sie ihren Job im Auktionshaus. James möchte sie aufheitern und nimmt sie und Mercedes nach Nizza mit. Doch dort verstirbt er, da die Mädchen ihm einen Medikamentenpunsch ins Getränk mischen. Daraufhin begibt sich Judith auf eine Flucht nach Italien. Sie trifft auf Steve, einen reichen Yachtbesitzer. Mit ihm und der Schiffsbesatzung verbringt sie mehrere Wochen auf dem Meer. Steve scheint sich jedoch nicht für sie zu interessieren, doch dies stört Judith nicht dabei auf der Yacht zu bleiben. An James verliert sie kaum einen Gedanken. Als sie einen Kunstbetrug bemerkt, klaut sie das Bild und verkauft es selber. Von dem Geld macht sie sich das Leben schön. Ihr Leben wurde gesäumt von Erotik, Shoppen und kriminellen Handlungen. Wobei die Erotik und das Einkaufen eindeutig die Hauptrolle spielt .

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