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Mademoiselle muss heute sterben

Mademoiselle muss heute sterben

Ein Paris-Krimi

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Mademoiselle muss heute sterben — Inhalt

Paris, Ende des 19. Jahrhunderts. Als im IX. Arrondissement eine ganz in Rot gekleidete Mädchenleiche gefunden wird, sieht sich der Buchhändler Victor Legris dazu gezwungen, in einem Todesfall zu ermitteln. Denn es ist ausgerechnet das Briefpapier seiner Buchhandlung, das in dem unweit vom Tatort gefundenen Stöckelschuh steckt. Doch was zunächst wie ein simpler Liebesmord aussieht, führt Victor Legris schon bald bis ins berühmt-berüchtigte Varieté Moulin Rouge.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzer: Gaby Wurster
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96883-6

Leseprobe zu »Mademoiselle muss heute sterben«

Wie immer für unsere Lieben!
Und für Andrée Millet, das Kind vom Montmartre,
Elena Arseneva, Kumiko Kohiki, Solvej Crévelier.
Herzlichsten Dank an Jan Madd.

In den geusndenen Falten der alten Hauptstädte, wo alles, selbst das Grauen, uns verzaubern kann, treibt es mich unwiderstehlich, wunderlich verhutzelten und verführerischen Wesen aufzulauern …

 

Charles Baudelaire

 

1. Kapitel

 

Saint-Mandé, Sonntag, 26. Juli 1891

 

Schnell, die Hände unters Wasser halten und alle Spuren von Konfitüre beseitigen!
Nachdem sie sich hastig die Hände abgetrocknet [...]

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Wie immer für unsere Lieben!
Und für Andrée Millet, das Kind vom Montmartre,
Elena Arseneva, Kumiko Kohiki, Solvej Crévelier.
Herzlichsten Dank an Jan Madd.

In den geusndenen Falten der alten Hauptstädte, wo alles, selbst das Grauen, uns verzaubern kann, treibt es mich unwiderstehlich, wunderlich verhutzelten und verführerischen Wesen aufzulauern …

 

Charles Baudelaire

 

1. Kapitel

 

Saint-Mandé, Sonntag, 26. Juli 1891

 

Schnell, die Hände unters Wasser halten und alle Spuren von Konfitüre beseitigen!
Nachdem sie sich hastig die Hände abgetrocknet hatte, betrachtete Mademoiselle Bontemps sehnsüchtig den Teller voller Erdbeer- und Mokkatörtchen, Eclairs und Meringuen. Sie widerstand der Versuchung und schloss ihn in der hintersten Ecke des Schranks ein. »Heute Abend, wenn alle schlafen …«, dachte sie. Sie bauschte ihr Kleid über dem Reifrock, den sie noch immer trug, als sei sie zwanzig, und ging mit raschelnden Schritten in den Salon zurück, wo ihr Besucher sich gerade die Handschuhe überzog.
»Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat, Monsieur Mori«, sagte sie kokett, »ich dachte, ich hätte einen Wasserhahn tropfen gehört.«
»Auch ich hörte ganz deutlich Wasser rauschen«, gab der Mann, ein piekfeiner Japaner, zurück.
Er setzte einen schwarzen Seidenzylinder auf, der perfekt zu seinem Zweireiher und seiner gestreiften Hose passte, und bemühte sich dann, seinen Gehstock aus dem Schirmständer zu ziehen, der mit einem Wirrwarr aus Rüschen verziert war. Überhaupt war der ganze Salon voller Rüschen. Sie schmückten Vorhänge, Sitzbezüge, die mit Nippes überladenen Regale und sogar das Kleid der Hausherrin. Wie kleine Wellen, die sich in der Brandung kräuseln, liefen sie über die gesamte Einrichtung, und der elegante Asiate schien unter Seekrankheit zu leiden, während er gegen die wogenden Stoffe ankämpfte. Mit einem Seufzer gelang es ihm schließlich, seinen Stock an sich zu nehmen.
»Wo ist denn Ihre Patentochter?«, fragte Mademoiselle Bontemps.
»Iris ist mit ihren Freundinnen auf den Rummel gegangen. Doch ich schätze dieses Flanieren inmitten des gemeinen Volkes nicht.«
»Die Jugend braucht Zerstreuung.«
»Das Vergnügen geht der Reue voraus – so wie der Schlaf dem Tode.«
»O Monsieur, das ist schön, aber traurig!«
»Ich bin nicht heiterer Stimmung, ich mag Trennungen nicht besonders. «
Er tat, als würde er die Spitze seines Gehstocks inspizieren, mit der er nervös auf den Teppich klopfte.
»Ich verstehe Sie«, säuselte Mademoiselle Bontemps, während sie die Schleifchen am Schirmständer unauffällig wieder gerade zog. »Aber nun denn, Monsieur Mori, die zwei Monate werden schnell vorüber sein.«
»Ich werde Ihnen Iris’ Badekostüm und den Sonnenhut am Donnerstag bringen lassen. Sie wollen noch immer am nächsten Montag aufbrechen?«
»So Gott will, ja, Monsieur Mori. Jesus Christus, das wird eine Expedition! Zum ersten Mal nehme ich die jungen Mädchen mit ans Meer. Sie sind ganz außer sich vor Aufregung. Ich musste vier Eisenbahnabteile reservieren, stellen Sie sich das vor! Zusammen mit der Köchin und den beiden Zimmermädchen sind wir sechzehn Personen. Diese Reise kostet ein Vermögen! Und wenn man länger als sechs Wochen verreist, kann man nicht einmal mehr den billigeren Ausflugstarif in Anspruch nehmen. Früher fuhren wir einfach nach Saint-Cyr-sur- …«
»… Morin. Ich weiß, ich weiß«, grummelte der Japaner sichtlich gereizt.
»Aber was soll man machen? Die Zeiten ändern sich, man spricht nur noch von Tourismus, von Stränden, vom Baden ! «
»Lassen Sie Iris unter keinen Umständen unbeaufsichtigt ins Wasser gehen.«
»Wo denken Sie hin! Meine Mädchen werden sich keinen Zoll weit aus dem abgesperrten Bereich entfernen. Ich habe einen Bademeister engagiert.«
»Behalten Sie ihn im Auge – vor allem, wenn er attraktiv ist. «
»Ach, Monsieur Mori, ich wache über meine Kleinen wie eine Glucke …«
»… über ihre Küken. Ich weiß, ich weiß. Könnten Sie mir eine Droschke kommen lassen?«
»Sofort, Monsieur Mori. Colas! Colas! Wo ist dieser Bengel nur wieder? Der Sohn des Gärtners, ein Taugenichts«, erklärte sie und betrachtete sich dabei in einem mit dicken Engelchen verzierten Wandspiegel. Sorgfältig zupfte sie zwei schwarz gefärbte Locken an der Seite ihres Mondgesichts zurecht. Ein Junge mit griesgrämiger Miene kam herein, auf einem Strohhalm kauend.
»Wie kommt der denn daher? Man könnte meinen, er trage seine Kleider verkehrt herum!«, rief Mademoiselle Bontemps aus. »Hol eine Droschke – und beeil dich! Monsieur wartet. «
Kaum stand der Junge draußen auf der Chaussée de l’Étang, streckte er dem massiven Bürgerhaus die Zunge heraus, an dessen Eisentor das Schild hing:
Institut C. Bontemps
Privates Mädchenpensionat

 

Er ging zum Rathausplatz, wo eine Musikkapelle spielte.
Ein Mann um die zwanzig, gut aussehend und von geschmeidiger Statur, löste sich vom Stamm einer Edelkastanie und folgte ihm auf dem Fuße. Der Junge wollte gerade zum Droschkenstand vor der Gare de Saint-Mandé hinübergehen, da packte ihn jemand an der Schulter.
»Ach, Sie sind’s, M’sieu Gaston! Sie haben mir einen Schrecken eingejagt. «
»Das hat ja gedauert!«
»Die Herrin hat mich nicht gehen lassen.«
»Hier, überbring das, du weißt, wem«, sagte der Mann und gab ihm einen Zettel.
» Und wie soll ich sie finden ? Sie sind alle auf dem Rummel. Haben Sie die vielen Leute gesehen?«
»Das ist dein Problem. Los, Junge, beweg dich!«

 

»Sieh dir den an – wie hübsch er ist in seiner Uniform mit den Tressen und Orden!«
»Wenn man all dieses Blech mag … Er ist so rot im Gesicht, dass man meinen könnte, er platze gleich. Der Kleine, der in seine Trompete bläst, gefällt mir besser. Wie ernst er aussieht mit seinem Stiernacken und dem dicken Bauch ! «
Zu Fuße eines Podests stand ein Dutzend junger Mädchen in hellen Kleidern und bestaunte die Blaskapelle der städtischen Feuerwehr. Das Mädchen, das ein Auge auf den Kerl in der Uniform geworfen hatte, eine Bohnenstange mit einem Hut, der sich unter lauter Kirschen bog, warf ihrer Kameradin, einem Pummelchen mit Löckchen wie ein frisch getrimmter Pudel, einen strengen Blick zu.
»Du bist wirklich vulgär, Aglaé. Wie ein Krämermädchen! Und zu allem Übel bist du auch noch ohne Hut ausgegangen ! «
»Das liegt an meinem Erbgut. Mein Vater ist Kaufmann. Nicht alle haben das Glück, die Nichte eines Marquis zu sein, der an der Börse spekuliert.«
»Scher dich zum Teufel!«
Ohs und Ahs erschallten zu den Klängen des Kampflieds Alsace et Lorraine, das die begeisterte Menge mitsang:

 

Wohl habt ihr dieses Land germanisieren können,
Unsere Herzen aber werdet ihr nie gewinnen!

 

»Also wirklich, das reicht! Hört auf, euch zu zanken!«
Aufgebracht trennten die Freundinnen die beiden Mädchen, indem sie mit ihren Sonnenschirmen dazwischengingen. Währenddessen nutzten zwei Internatsschülerinnen – eine zierliche Brünette in einem blauen und eine üppige Blondine in einem krapproten Kleid – das Gedränge und verschwanden in der Menschenmenge. Außer Atem blieben sie vor den Schiffschaukeln stehen.
»Die beiden sind abscheulich«, meinte die Blondine mit Bestimmtheit. »Sich in der Öffentlichkeit streiten! Wie Fischweiber ! «
»Kommst du mit schaukeln, Élisa?«, fragte die Brünette, fasziniert von den schwingenden Schiffsgondeln.
»Also wirklich, Iris, du bist vollkommen verrückt! Wir haben gerade erst gegessen. Und dann hat man uns bei dieser Hitze auch noch Erbsensuppe vorgesetzt! Die alte Ziege hat die Erbsen wohl im Sonderangebot gefunden.«
»Wie du willst. Ich jedenfalls gehe schaukeln«, erklärte Iris und stellte sich entschlossen neben eine der Schiffschaukeln, die gerade frei wurden.
Bevor Élisa sie zurückhalten konnte, wurde Iris von einem Jungen in Hemdsärmeln auf die Sitzbank geschoben und sogleich angeschubst. Iris saß verkrampft da, mit einer Hand ihr Hütchen festhaltend und mit der anderen ans Gestänge geklammert, während der Junge die Schaukel immer kräftiger anstieß.
Élisa versuchte, den Flugbewegungen ihrer Freundin zu folgen, aber als Iris sich aufrichtete und die Knie beugte, um mehr Schwung zu bekommen, wandte sie sich klopfenden Herzens ab und tat so, als würde sie sich für einen Muskelprotz interessieren, der eine Hantel stemmte, auf der zwei lachende Liliputaner saßen.
» Mamsell Lisa ! «
Sie fuhr herum. Colas legte den Finger an die Lippen und steckte ihr einen Zettel zu.
»Der ist von dem Burschen, der Ihnen schon mal geschrieben hat«, flüsterte er. »Er hat gesagt, Sie sollen sich sputen, denn es sei eine einzigartige Gelegenheit, die so bald nicht mehr wiederkommt. Ich habe mich schwergetan, Sie zu finden, und bin spät dran. Die Droschken sind alle besetzt, der Chinese und die Herrin werden sicherlich wütend sein. «
»Wo ist er?«
Sie bemerkte die ausgestreckte Hand und legte eine Münze hinein.
»Er versteckt sich«, rief der Junge und lief davon.
Élisa vergewisserte sich, dass Iris noch immer schaukelte, und flüchtete unter die Markise eines Verkaufsstandes für Zuckerzeug. Mit aufgekrempelten Ärmeln hängte der Händler dicke, glänzende Stränge aus grüner und rosaroter Zuckermasse an einen Haken. Berauscht vom Duft des karamellisierten Zuckers, verfolgte ein Grüppchen Lausbuben mit der Nase am Tresenrand jede seiner Bewegungen. Élisa faltete den Zettel auseinander. Sofort erkannte sie die ungeübte Handschrift, hob den Kopf und strahlte den Händler an. Endlich würden ihre Hoffnungen wahr werden! So weit sie zurückdenken konnte, hatte sie immer geahnt, dass das Schicksal etwas Außergewöhnliches für sie bereithielt, verlor aber so langsam die Geduld, denn sie war nun schon siebzehn, und das tägliche Einerlei im Pensionat Bontemps war alles andere als aufregend. »Wenn das noch lange so geht, sterbe ich vor Langeweile«, dachte sie jeden Morgen.
Doch jetzt war vor etwas mehr als einem Monat der Fremde in ihr Leben getreten. Élisa hatte noch nie mit ihm gesprochen, aber er hatte eine derartige Bedeutung erlangt, dass sie sogar von ihm zu träumen begann. Zuerst war er nur ein ganz normaler junger Mann gewesen, dem sie begegnete, wenn Mademoiselle Bontemps und ihre Zöglinge ihren Spaziergang am Seeufer machten. Er schlenderte stets gleichgültig an ihnen vorüber, nie blickte er ein bestimmtes Mädchen an. Dennoch war nach einer gewissen Zeit jede der jungen Frauen davon überzeugt gewesen, dass der Mann nur ihretwegen da sei. Auch wenn sie sich niemals gegenseitig den heimlichen Wunsch anvertraut hätten, von ihm beachtet zu werden. Wie sollte man auch zugeben, dass man sich von diesem so extravagant gekleideten Bohemien angezogen fühlte? Eines Abends im Juni hatte er Élisa dann eine Nachricht zukommen lassen. Nachdem das Licht gelöscht war, hatte sie sich ans Fenster ihres Zimmers gestellt und im Schein einer Gaslampe gelesen:

 

Sie sint die Schonste. Ich liebe Sie. Gaston.

 

Dreiundzwanzig genauso knappe und orthografisch dürftige Mitteilungen waren auf diese Erklärung gefolgt. Élisa bewahrte sie liebevoll auf und versteckte sie unter dem Kaminsims. Gaston hatte zwar nicht das Zeug zu einem romantischen Briefeschreiber – seine Sätze beschränkten sich auf die Grundregeln der Grammatik: Subjekt, Prädikat, Objekt, manchmal ein Superlativ und vor allem Liebe, Liebe und noch mal Liebe –, aber Élisa war zutiefst gerührt von seiner Beharrlichkeit, wenn sie sich auch nicht traute, ihm zu antworten. Dieses Mal hatte er sich noch übertroffen – eine Meisterleistung für einen Mann, der sich normalerweise so kurz und bündig ausdrückte!

 

Verlassen Sie Ihre Freundinen, erfinden Sie was, und komen Sie unten an die Böschunk hinter dem Pont de la Tourelle. Ich liebe Sie. Gaston.

 

Würde sie es wagen, Iris allein zu lassen und zu diesem Rendezvous zu eilen? Iris würde sich sicherlich Sorgen machen und Mademoiselle Bontemps Bescheid geben. Sie brauchte eine Ausrede! Ein Schwindelanfall? Sie könnte behaupten, sie hätte sich unwohl gefühlt. Das war immerhin nicht komplett gelogen. Ihr war ganz heiß, der Kopf drehte sich ihr, sie sah sich mit neuen Augen, mit den Augen Gastons. Er fand sie schön, er liebte sie!
Es wurde langsam dunkel, auf dem Rummel wurden die Lampions angezündet, die Schausteller redeten auf die Besucher ein.
»Zehn Centime, zwei Sou! Soldaten bezahlen nur fünf Centime ! «
Die Posaunen pfiffen im Takt zu den schrillen Tönen der Blechbläser, den Drehorgeln und Trommelschlägen. Ein Clown in Strumpfhosen hockte auf einem Fass und verkündete grölend, das beste Spektakel finde bei Nounou statt, der berühmten Flohdompteuse. Ein paar Meter weiter schwangen zwei müde Ballerinas in Paillettentrikots in einer ärmlichen Bauchtanzimitation die Hüften.
»Sehen Sie den sprechenden Geköpften!«
»Waffeln! Wer hat Lust auf meine Waffeln? Die größte Köstlichkeit von Paris!«
»Ein Liebesapfel für Sie, Mademoiselle? Von Amor persönlich geschossen ! «
Élisa schlängelte sich durch die fröhliche Menschenmenge, die sich vor den Jahrmarktständen drängte, und wäre fast mit Aglaé zusammengestoßen, die den Mund voller Krapfen hatte. Der Rummel ließ sie allen Anstand vergessen. Nicht weit von ihr stapfte die fette Mademoiselle Bontemps, geschmückt wie ein Reliquienschrein, auf ein Kuhkarussell zu, auf dem drei ihrer Schülerinnen hockten.
»Edmée! Berthe! Aspasie! Es ist spät. Wo sind die anderen?«, kreischte sie.
Élisa mischte sich in den Strom der Heimgehenden. Vor dem Bahnhof von Saint-Mandé hatte sich eine Menschentraube um einen Straßensänger gebildet, der, begleitet von einer Fiedel, einen derzeit beliebten Gassenhauer herunterleierte:

 

»Mad’moiselle, so hör’n Sie doch,
Ich will Ihnen ein Glas Madeirawein spendieren …«

 

Élisa umrundete den Bahnhof, hastete weiter und konnte gerade noch stehen bleiben, als eine Droschke vorbeifuhr. Sie erkannte Kenji Mori, Iris’ Patenonkel, der sich aus dem Fenster lehnte, und schlich an der Mauer entlang weiter.

 

Endlich hatte sie die Böschung erreicht! Sie blickte aufmerksam um sich, sah aber nur Liebespärchen und streunende Hunde. Von wo würde er kommen? Was sollte sie zu ihm sagen? Plötzlich bekam sie Angst. Sie erinnerte sich an den Rat ihrer Mutter: »Kämpfe nicht dagegen an, mein Liebes. Angst ist eine gute Sache, sie erspart uns eine Menge Unannehmlichkeiten ! «
Beim Gedanken an ihre Mutter fühlte sich Élisa hin- und hergerissen zwischen Wut und Mitleid. In den fünfunddreißig Jahren ihres Lebens hatte die arme Frau lediglich ein paar Abenteuer gehabt, ohne auch nur ein einziges Mal die wahre Leidenschaft erlebt zu haben. Von Anfang an war ihr Liebesleben auf die schiefe Bahn geraten, nichts hatte ihren Wünschen entsprochen. Doch Élisa wusste ganz genau, dass sie nicht wie ihre Mutter war. Schon als Kind hatte sie in einem Londoner Internat vor ihren Kameradinnen geprahlt: »Eines Tages wird mein Vater kommen und mich auf seinen Landsitz in Kent bringen. Ich werde einen Lord heiraten, er wird verrückt nach mir sein ! «
Dieser Vater, dessen Namen sie nicht einmal kannte, war nie aufgetaucht.
Eingeschlossen in einer engen Schneise, führten die Eisenbahngleise in der einen Richtung nach Paris, in der anderen zu den östlichen Vororten der Hauptstadt und an die Ufer der Marne, nach Nogent, Joinville und Saint-Maur.
Élisa beugte sich über die Hecke, die am Zaun entlangführte, und beobachtete das Treiben. Züge hatten sie schon immer begeistert, sie beschworen ferne Orte herauf, Begegnungen, Luxus, Freiheit … Die Bahnsteige unten waren schwarz vor Menschen, es wuselte dort wie in einem Ameisenhaufen. Mit träger Neugier fragte sie sich, was wohl passieren würde, wenn sie die Leute mit Kieselsteinen bewarf …
Wie ein mechanisches Spielzeug fuhr in einer Dampfwolke ein Zug aus Vincennes ein. Kaum hatte er angehalten, schwappte die Menschenflut an die Waggons, doch zum großen Verdruss der Wartenden boten die sich öffnenden Zugtüren nur einen Blick auf voll besetzte Abteile. Vergebliches Rennen auf der Suche nach freien Plätzen, Protestrufe, Streitereien. Enttäuscht fanden sich die Ameisen damit ab, auf den nächsten Zug warten zu müssen. Alle außer einem auffälligen Ameisenmännchen mit Zylinder und erhobenem Gehstock. Er war gerade laut schimpfend wieder dort ausgestiegen, wo er kurz zuvor eingestiegen war, gefolgt von seinem Weibchen in malvenfarbenem Kleid und seinem Ameisenkind in kurzen Hosen. Dieses Gewimmel amüsierte Élisa so sehr, dass sie darüber ihr Rendezvous vergaß und sich auf die Zehenspitzen stellte, um alles im Blick zu haben.
Im Schutz einiger wuchernder Äste der Hecke rauchte Gaston eine Zigarette und beobachtete das junge Mädchen. Solche kleinen Hühner hatte er schon viele gerupft, doch so geschickt er auch darin war, ein Mieder aufzuhaken oder einen Unterrock zu zerknittern – dieses Mädchen ließ ihn zögern. Er hatte es mit einem dieser zarten Pflänzchen zu tun, die auf dem Humus der guten Gesellschaft gediehen, eine weiße Haut hatten, makellose Unterwäsche trugen und den Unterschied zwischen einem Weinglas und einem Wasserglas kannten. Wie sollte er sich verhalten? Sollte er sich verbeugen und ihr die Hand küssen? Und dann irgendwelche Gemeinplätze von sich geben, ihr Komplimente über ihr hübsches Gesichtchen und ihre schlanken Fesseln machen? Das konnte er nicht. Er kannte nur einen Weg, sein Verlangen auszudrücken: die Mädchen aufs Kreuz zu legen und mit den groben Zärtlichkeiten zu überschütten, auf welche die Weiber in seinen Kreisen so scharf zu sein schienen. Am Stummel der ersten Zigarette zündete er eine zweite an – der letzte Aufschub vor dem Angriff.
Die Ameise mit Zylinder hopste von einem Ende des Bahnsteigs zum anderen, um doch noch einen freien Platz zu ergattern. Élisas Blick glitt nach rechts, aufgeschreckt von einer plötzlichen Bewegung. Sie ahnte, dass gleich eine Katastrophe passieren würde. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie sehen, dass der vom Hin- und Hergerenne der Zylinderameise aufgehaltene Zug im nächsten Moment von einer Wagenkolonne gerammt werden würde, die an eine Lokomotive angehängt war und rückwärts in den Bahnhof einrollte.
Der Aufprall war schrecklich. Der blinde Zug hatte seinem Opfer den Rücken zugekehrt, er fuhr mit voller Wucht und einem fürchterlichen Knall auf und zermalmte es unter seiner Masse, dann stürzte er sich auf die drei letzten Waggons und schlitzte sie auf. Der Schornstein, der aus einem Haufen Eisen herausragte, schrammte über den Bogen des Pont de la Tourelle, der Triebwagen, zerrissen und zu einem unentwirrbaren Knäuel aus Rohren und Achsen verformt, tat seinen letzten Atemzug. Nur wenige Minuten hatten genügt. Das Getöse hallte endlos wider. Erst als es verebbte, hörte man die Schreie.
Ihre Augen auf die verrenkten Körper des Fahrers und des Mechanikers des Zuges geheftet, in den Ohren die gellenden Schreie, konnte Élisa das Gewimmel der vielen Hundert Menschen, die dem Unglücksort entfliehen wollten und die Böschung über der im Dunkeln liegenden Eisenbahntrasse hinaufkletterten, mehr ahnen als sehen. Sie wankte, ihr war, als schwebe sie über den Wolken, als klammere sie sich an eine Schiffschaukel, deren Seile sich gelöst hatten. Inmitten der Turbulenzen begann sie das Bewusstsein zu verlieren, dann versank sie in vollkommener Dunkelheit. Die ersten Flüchtenden hatten bereits die Böschung erklommen und drohten, Élisa zu zertrampeln. Zwei Arme umfingen sie und zogen sie weg.
»Clarissa! Clarissa, wo bist du?«
» Maman ! «
Élisa schlug die Lider auf. Stöhnen und Schreie waren zu hören. Gestalten bewegten sich durch die Nacht, beleuchtet von Fackeln und Laternen. Sie lag auf der Erde, jemand schüttelte sie. Langsam wurde ihr Blick wieder klarer, und ihr benebelter Verstand erfasste unzusammenhängende Informationsfetzen. Wie gern wäre sie wieder eingeschlafen, wie gern hätte sie sich ausgeruht! Aber das ging nicht. Sie versuchte, sich aufzurichten, hatte aber nicht die Kraft dazu. Ein Mann hielt sie an den Handgelenken fest.
»Was ist passiert?«, murmelte sie.
Ihre eigene Stimme schien von ganz weit her zu kommen.
»Keine Angst, ich bin bei Ihnen«, sagte der neben ihr kniende Fremde. »Ich bin’s: Gaston.«
Der Unfall, dachte sie, deshalb liege ich im Gras …
»Gaston … Sind Sie schon lange hier?«
Sie versuchte sich von ihm zu lösen, doch da war nichts, woran sie sich festhalten konnte, und ihre Beine gaben nach. Er fing sie auf und lehnte sie an die Brüstung der Brücke. Die Schreie der Überlebenden mischten sich in das Gejammer der Verletzten, während sich Feuerwehrleute und Freiwillige am Dampfkessel der Lokomotive zu schaffen machten. Die Holzwaggons brannten knisternd und sprühten Funken auf die Bahnsteige, die voller blutiger Pfützen und Trümmer waren. Flüchtende Menschen klammerten sich verzweifelt an die Hecke der Böschung, sie versuchten, Halt zu gewinnen, doch die meisten kamen ins Rutschen und fielen den Hang hinunter.
»Kommen Sie, Mademoiselle«, sagte Gaston entschlossen. »Ich begleite Sie nach Hause, nun müssen wir die Retter ihre Arbeit tun lassen.«
Sie stiegen über die Körper der Männer und Frauen hinweg, die auf dem Gehweg zusammengebrochen waren, bahnten sich einen Weg durch das unablässige Kommen und Gehen der Rettungswagen und erreichten schließlich die Chaussée de l’Étang, wo alle Fenster erleuchtet waren. Dort zog Gaston sie plötzlich in die Deckung der Bäume des Bois de Vincennes. Von Panik gepackt, wollte Élisa sich wehren. Doch er drückte sie wortlos an den Stamm eines Kastanienbaums, presste seinen Mund auf ihren und drückte ihre Lippen schmerzhaft auseinander. In seinem Kuss und auch in seiner Umarmung lag keinerlei Zärtlichkeit, nichts, wovon sie geträumt hatte. Er hielt sie so fest, dass sie sich nicht bewegen konnte. Voller Wut und Angst wollte sie ihn wegstoßen, doch was sie gerade erlebt hatte, hatte ihr jede Widerstandskraft geraubt. Allmählich machte ihre Empörung wachsendem Erstaunen Platz, dann einem ungewollten Hochgefühl. Er wich zurück, und sofort überkamen sie Angst und Schuldgefühle.
»Oh, Gaston, ich bitte Sie – das dürfen wir nicht!«
Er hob ihr Kinn an und zwang sie, ihn anzusehen. Er flüsterte:»Nein, es ist richtig, weil ich Sie liebe.«
Diese Worte fegten den letzten Rest ihrer Zurückhaltung hinweg. Sie schmiegte sich an seine Brust, ihre Lippen gaben nach und erwiderten seine Küsse. Das Geschrei vom Bahnhof verebbte im langsamen Rhythmus der Hände des Mannes, der ihren Körper streichelte und in ihr Wellen der Lust freisetzte.
»Sehen wir uns bald wieder?«, flüsterte er ihr ins Ohr.
»Ja, ich … O mein Gott! Wir verreisen bald.«
» Wir ? «
»Mademoiselle Bontemps und die anderen Mädchen. Bis Mitte September. Nach Trouville.«
» Adresse ? «
» Villa Georgina. «
»Ich werde kommen. Wir werden eine Möglichkeit finden, uns zu treffen. Sie müssen nun nach Hause gehen, Ihre Freundinnen werden sich wohl schon Sorgen machen. Das ist unser Geheimnis, ja? Lieben Sie mich denn ein bisschen ? «
» Oh, Gaston ! «
Er küsste sie auf die Stirn. Sie taumelte über die Straße und konnte nicht umhin, sich mehrmals umzudrehen. Er ließ sie nicht aus den Augen, seine Lippen waren zu einem Lächeln erstarrt.
Als Élisa das Tor hinter sich zugemacht hatte, verschwand Gastons Lächeln wieder. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.
»Das Glück ist auf meiner Seite«, dachte er und ging zum See. »Ein unverhoffter Unfall – und diese romantische dumme Gans hat sich einwickeln lassen!«
Er wusste noch nicht, wie er es anstellen würde, aber eines war sicher: Eine Reise nach Trouville stand an. Sein Auftraggeber wäre zufrieden: Im November würde er seinen Vertrag erfüllen und ihm das kleine Huhn überbringen. Er hob eine Handvoll Kieselsteine auf und machte sich einen Spaß daraus, sie über das schwarze Wasser hüpfen zu lassen.

Claude Izner

Über Claude Izner

Biografie

Claude Izner ist das Pseudonym der Schwestern Liliane Korb und Laurence Lefèvre, beide langjährige Bouquinistinnen mit eigenem Bücherstand am Seine-Ufer in Paris. Sie sind außerdem in der Filmbranche tätig und jede für sich als Schriftstellerin erfolgreich. Ihre gemeinsam verfassten Kriminalromane...

Pressestimmen

Bücherschau

»Ein empfehlenswertes Leseerlebnis.«

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