Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zähMadame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh

Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh

Wie ich in Paris kochen lernte, ohne dabei jemanden umzubringen

Download Cover
Taschenbuch
€ 9,99
E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
Lieferzeit 3-4 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh — Inhalt

„Ich kann nicht kochen“, war für Sigrid Neudecker lange ein Bekenntnis, für das man sich nicht schämen muss. Bis sie nach Paris zieht. Schnell merkt sie: Mit klumpigen Soßen und Muffins à la Beton macht man im Land der Haute Cuisine wenig Eindruck. Was dann folgt, ist ein kalorienreiches Malheur nach dem anderen, bis die Köchin wider Willen schließlich den Dreh mit Coq au vin, Boeuf und Béchamel raus hat – und die Nummer vom Sushiservice nicht mehr braucht. Nebenbei lernt sie, wieso einem die Pariser immer im Weg stehen, wie man in der Métro sein tägliches Fitnesstraining erledigen kann und warum auf französischen Märkten nicht nur die Ware etwas fürs Auge ist ...

Erschienen am 12.11.2013
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30395-8
Erschienen am 12.11.2013
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96319-0

Leseprobe zu »Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh«

Kapitel 1

Wie ich versuche,
unsere ersten Gäste umzubringen

 


In dem Moment, als ich das Esszimmer betrete, weiß ich, dass ich gerade dabei bin, einen riesigen Fehler zu begehen. Eine innere Stimme sagt noch warnend zu mir: » Tu es nicht!« Doch ich kann nicht mehr anhalten. Ist ein Ozeandampfer erst einmal in Bewegung, benötigt er ja auch ein paar Kilometer zum Bremsen. Ich nähere mich langsam dem Esstisch, der Marmorboden ächzt unter meinen Füßen, ich sehe, wie sich die Augen unserer Gäste vor Schreck weiten, je näher ich komme. Ich setze meine Ladung [...]

weiterlesen

Kapitel 1

Wie ich versuche,
unsere ersten Gäste umzubringen

 


In dem Moment, als ich das Esszimmer betrete, weiß ich, dass ich gerade dabei bin, einen riesigen Fehler zu begehen. Eine innere Stimme sagt noch warnend zu mir: » Tu es nicht!« Doch ich kann nicht mehr anhalten. Ist ein Ozeandampfer erst einmal in Bewegung, benötigt er ja auch ein paar Kilometer zum Bremsen. Ich nähere mich langsam dem Esstisch, der Marmorboden ächzt unter meinen Füßen, ich sehe, wie sich die Augen unserer Gäste vor Schreck weiten, je näher ich komme. Ich setze meine Ladung so sanft wie möglich auf dem Tisch ab, kontrolliere noch schnell, wie stark er sich durchbiegt, und sage dann so fröhlich, wie meine Atemnot es mir gestattet: » Voilà, eine typisch österreichische Biskuitroulade!«
Stille. Bis der diplomatischste aller Ehemänner sagt: » Sieht toll aus! Ich hol mal die Säge. «
Wir waren erst vor Kurzem nach Paris gezogen. Es war die erste Soirée, die wir für unsere neuen französischen Freunde gaben. Bis dahin war alles reibungslos verlaufen. Wir hatten literweise Crémant eingekühlt, an Oliven für den Aperitif gedacht, der Gatte hatte wie üblich mindestens drei Rotweine dekantiert, die alle älter waren als ich, und – was das Wichtigste war – er hatte gekocht. Er kann das nämlich. Als Entrée gab es eine köstliche Rote-Bete-Suppe, als Hauptgang seine Spezialität, Königsberger Klopse. Ich war fürs Dessert zuständig.
Unsere Gäste waren begeistert: Fabien, ein PR-Manager, der uns die Ankunft in Paris erleichterte, indem er uns all seinen Freunden vorstellte; Adeline und Robert, sie Abteilungsleiterin bei einer Bank, er im Finanzministerium tätig. Sie alle hatten schon einmal ein paar Jahre in Deutschland gelebt, was immer von unschätzbarem Vorteil ist, wenn ich mit meinem Französisch wieder einmal gegen die Wand fahre. Was allerdings auch bedeutet, dass man ihnen nichts vormachen kann.
Zu dem Monster, das ich ihnen gerade auf den Tisch gestellt habe, kann ich beim besten Willen nicht sagen: Das soll so sein! Dies hier ist keine typisch österreichische Biskuitroulade, sondern die XXL-Version einer Tschernobyl-Mutation. Was ich unseren Gästen soeben vorgesetzt habe, ist schlicht ein Anschlag auf ihr Leben. Wäre ich mit einer entsicherten 38er vor ihnen gestanden, sie hätten nicht ängstlicher blicken können.
Unsere Freunde sind alle zu höflich, um mich das spüren zu lassen, aber die Reste, die noch eine halbe Stunde später auf ihren Tellern liegen, sprechen Bände. Adeline hat immerhin ein halbes Stück runtergebracht, was ich ihr hoch anrechne. Sie ist eine dieser unglaublich eleganten Französinnen, in deren Anwesenheit ich mich prollig fühlen würde, selbst wenn ich gerade vom Friseur, von der Maniküre und von der Ganzkörper-Epilation käme und ausschließlich Chanel trüge.
Adeline verkörpert für mich die typische Pariserin: alles mit Maß und Ziel. Ein, zwei Gläschen Wein, eine überschaubare Portion auf dem Teller ( und mit überschaubar meine ich, dass man sein Gegenüber noch sehen kann ), ein hauchdünnes Stück vom Gâteau au chocolat, weil es ja schließlich um den Geschmack geht und nicht um die Menge. Das soll nicht bedeuten, dass sie nicht genießen kann. Sie ist keine dieser spindeldürren Pariserinnen, die im Restaurant den Teller nach drei Salatblättern zu ihrem Freund schieben und sagen: » Ich kann nicht mehr. « Und dann nach draußen gehen, eine rauchen. Adeline ist das Vorbild, das ich nie erreichen werde.
Deswegen wollte ich ja auch ein leichtes Dessert machen. Leicht und österreichisch. Nicht, dass die Biskuitroulade in Wien erfunden worden wäre, aber hier in Paris habe ich jedenfalls noch keine gesehen. Und leicht ist sie tatsächlich. Also … theoretisch. Biskuitrouladen bestehen aus einem Teig, für den die Eier möglichst schaumig geschlagen werden. Dieser wird dann in einer dünnen Schicht auf ein Backblech gestrichen und gebacken. Vor dem Aufrollen werden sie meist einfach nur mit einer dünnen Marmeladenschicht bestrichen. Kann in Österreich jedes Kind.
Aber wer gibt sich schon mit der simplen Lösung ab? Wir waren zwar erst seit wenigen Tagen Wahlpariser, aber da ich den Großteil dieser Zeit damit verbracht hatte, die Schaufensterscheibe fast jeder Patisserie anzusabbern, wusste ich: In dieser Stadt kommt es auf die äußeren Werte an. Deswegen sind die Vélibs die stylishsten aller europäischen Leihfahrräder ( wenn auch angeblich schlecht zu fahren ), deswegen ist ein Großteil der Pariser immer très chic gekleidet, und deswegen sehen ihre Törtchen und Cremchen immer so aus, als ob man sie besser in einen Rahmen stecken sollte anstatt in den Mund. Eine normale Biskuitroulade also? Wieso nicht gleich Marmeladenbrote?
Ich rührte also eine Himbeercreme an. So eine, wie ich sie in den Auslagen in jedem zweiten Törtchen gesehen hatte. Nicht, dass ich mich sonderlich darum gekümmert hätte, wie die dort ihre Cremes machen. Wer hat schon Zeit für Nebensächlichkeiten?
Meine bestand jedenfalls hauptsächlich aus Schlagsahne. Denn wenn man an Schlagsahne denkt, hat man doch immer » luftig « im Kopf, nicht wahr? Jedenfalls so lange, bis einem nach dem dritten Löffel schlecht ist von dem fetten Zeug. Was man sich wiederum nicht bis zum nächsten Mal merkt. Egal.
Möglicherweise habe ich noch ein wenig Joghurt daruntergemischt, zur Auflockerung. Aber das war genauso möglicherweise auch nur ein frommer Wunsch. Mit dieser Masse bestrich ich den Biskuitteig. Großzügig. Dann rollte ich ihn zu einer Roulade auf. Dann war mir die Außenseite nicht hübsch genug. Dann bestrich ich die also auch noch. Dann das vordere Ende. Dann das hintere. Das Teil nahm immer mehr an Umfang zu.
Man soll ja viel mehr auf sein Bauchgefühl hören. Das nehme ich mir jedes Mal vor, nachdem ich meines wieder einmal ignoriert habe. In diesem Fall sagte mein Bauchgefühl: » Du solltest dieses Monster vor den Augen unschuldiger Franzosen verbergen!« Es sagte: » Geh zur nächsten Patisserie und kauf dort das Dessert, so wie das ohnehin fast alle Pariser machen!« Es sagte: » Tu’s nicht!«
Ich musste meinen Bauch zum Schweigen bringen. Der Rest der Himbeercreme kam da ganz gelegen. Der Bauch brachte an diesem Abend keinen Ton mehr raus, und ich servierte die Biskuitroulade.
Als sich unsere Gäste Stunden später nach zahlreichen Digestifs verabschieden, haben sie gerade einmal ein Viertel des Creme-Ungetüms geschafft. Ich komme mir vor wie ein Kind, das den Erwachsenen stolz Sandkuchen serviert hat. Allerdings einen aus echtem Sand. Und den die Erwachsenen dann, um dem Kind eine Freude zu machen, pro forma mit Löffeln voller Luft » essen «. Die Sandkuchen aus meiner Kindheit sind nie weniger geworden. Meine Biskuitroulade auch nicht wirklich.
Ich räume den kompletten Kühlschrank um, damit sie einen Platz darin findet. Die improvisierte Himbeercreme beginnt langsam an den Rändern einzutrocknen.
Als ich an diesem Abend im Bett liege, den Bauch voll mit köstlichen Königsberger Klopsen und einer Himbeerroulade, die mir bis zum Hals steht, grüble ich lange vor mich hin. Mit übervollem Magen kann man schließlich nicht allzu viel anderes tun, obwohl nach diesem Essen zwei bis drei Marathons durchaus angebracht gewesen wären. Ich grüble und schäme mich dabei immer noch in Grund und Boden. Kurz bevor ich einschlafe, treffe ich eine Entscheidung: So kann das nicht weitergehen.

 

 

Kapitel 2

Wie alles begann

 


Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück sitzen, hole ich tief Luft und verkünde: » Ich werde jetzt kochen lernen. « Der Gatte macht daraufhin ein paar Kaffeeflecken ins Tischtuch und sagt dann: » Das finde ich wunderbar! Mach das! Das wird dir Spaß machen!« Ist er nicht phantastisch? Er würde mich auch unterstützen, wenn ich ihm eines Tages eröffne, dass ich Fallschirmspringen lernen/Spionin werden/ein Buch über unser Sexleben schreiben will. Er hält mich für talentiert, rundum. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem er aus diesem Irrglauben erwacht.
» Macht das nicht Spaß?«, fragt er übrigens öfter. Und zwar immer dann, wenn wir gemeinsam in der Küche stehen und ich ihm helfe. Die Kochkünste des Gatten zu beschreiben, ist nicht einfach. Meistens sind bei ihm alle vier Kochplatten in Betrieb, teilweise doppelt besetzt, sowie zwei Öfen. Ist am Schluss auch nur ein Topf sauber geblieben, hat er sich eindeutig nur ein Butterbrot geschmiert.
Wenn er gekocht hat, könnten wir fast jedes Mal eine neue Küche gebrauchen. Sollten wir jemals ein Haus bauen, wird sie einen Abfluss im Boden haben, damit man sie nach dem Kochen einfach nur abkärchern muss. Aber das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand vollkommen!
Ich hingegen gehöre zu den » Clean-as-you-go «-Menschen. Bevor ich einen benutzten Topf einfach zur Seite schiebe, kann ich ihn gleich in den Geschirrspüler räumen. Ich kriege die Krätze, wenn ich einen Teller auf einen schmutzigen Arbeitstisch stellen muss. Ich empfinde tiefe Befriedigung, wenn die Hintergrundmusik während des Kochens von der Spülmaschine kommt. Vielleicht ist das auch ein Grund, wieso es bei mir bislang nicht so richtig geklappt hat: Für mich ist ein Essen dann gelungen, wenn beim Servieren die Küche bereits wieder tipptopp aussieht. Ich schätze, ich sollte meine Prioritäten neu überdenken.
Der Rekord des Gatten sind zwölf Beilagen für einen einzigen Gang. Er ist jemand, der aus drei Karotten und einem rostigen Nagel ein fünfgängiges Menü zaubern kann. Als wir noch in Hamburg wohnten und ich diejenige war, die abends Zeit hatte, um einkaufen zu gehen, schleppte ich einfach an, was mir im Supermarkt gefallen hatte. Das konnten dann eine Hühnerbrust, drei Stangen Lauch und ein Glas Nutella sein. Oder Kalbskoteletts, Aprikosen und rote Zwiebeln. Gern auch Grillwürstchen, Heidelbeerjoghurt und eine Tube Superkleber.
Wenn er nach Hause kam und ich ihm stolz meine Beute präsentierte, war da immer der Moment, in dem ich Angst hatte, er könnte sagen: » Liebes, bleib jetzt bitte einfach ganz ruhig sitzen. Ich muss kurz telefonieren « Jedenfalls machte er oft ein entsprechendes Gesicht. Doch dann konnte ich jedes Mal beobachten, wie er begann, verschiedene Lebensmittelkombinationen gedanklich hin und her zu schieben, zu vergleichen, wieder zu verwerfen. Sobald es in seinem Kopf zu rattern aufgehört hatte, sagte er meistens: » Ich glaube, ich weiß schon, was ich machen werde!« Und eine Stunde später servierte er mir regelmäßig ein wunderbares Abendessen.
Das mit dem Hin-und-Her-Schieben war für mich immer jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich kann in meinem Kopf Schokolade zu Erdbeeren schieben, weil ich weiß, dass beides eine göttliche Kombination ergibt, seit ich zum ersten Mal in Schokolade getunkte Erdbeeren gegessen habe. Ich könnte mir nie vorstellen, wie, sagen wir, Sesamöl und rote Paprika schmecken würden.
Diese Szene in dem Film Ratatouille, in der Remy, die genial kochende Ratte, seinem verfressenen Bruder Emile zu erklären versucht, wie sich verschiedene Geschmacksrichtungen zu einer wunderbaren Symphonie aus Klängen, Farben und Formen zusammenfinden? Ich bin auf Emiles Seite. Nette Erklärung, aber ich sehe weder Klänge, Farben noch Formen. Mir schmeckt’s einfach.
Ich bin jedoch, bitteschön, in der Küche nicht völlig nutzlos. Nicht dass wir uns da falsch verstehen! Ich bin die geborene Hilfskraft. Ich schaffe dem Gatten den Freiraum, den er für seine Kreativität braucht. Wir tanzen einen Pas de deux in der Küche, der an Eleganz und Effizienz seinesgleichen sucht. Mein Radar für schmutzige, aber nicht mehr benötigte Töpfe ist unbestechlich. Wenn er kocht, nutze ich ebenso geschickt wie unauffällig winzige Lücken in seinen Bewegungsabläufen, um ihm hier das Schneidebrett wegzuziehen, das er nicht mehr braucht, da kurz drüberzuwischen, damit der Rote-Bete-Saft nicht auf den Boden tropft, und dort die labberigen Salatblätter in den Müll zu werfen.
Er ist da möglicherweise etwas anderer Meinung. Vor allem, wenn er die Salatblätter zuvor extra einzeln blanchiert hat, um sie zu füllen.
Oft helfe ich dem Gatten beim Schneiden, Raspeln, Schälen, Schnipseln. Und immer, wenn ich das abfällig als » niedere Dienste « bezeichne, klärt er mich auf und sagt: » Kochen besteht eben zum größten Teil aus Schneiden. « Wenn dem wirklich so wäre, hätte ich mittlerweile meinen ersten Stern.
» Na, macht das nicht Spaß?«, pflegt er vor allem dann zu sagen, wenn er mir besonders fitzelige Aufgaben übertragen hat. Beispielsweise, grüne Bohnen so dünn wie möglich zu schneiden. Der Länge nach. Probieren Sie das einmal, ohne dass Ihnen die verdammten Dinger unterm Messer wegrollen.
Die wunderbaren Gerichte, mit denen er mich verwöhnt, haben mich allerdings nie angesteckt, auch endlich kochen zu lernen. Wozu auch? Wer einen Spitzenkoch zu Hause hat, wird schön blöd sein, sich selbst an den Herd zu stellen. In unserer Ehe herrscht die klassische Rollenverteilung: Er ist für die Küche zuständig, ich für die Technik. Ich baue Ikea-Regale in Rekordzeit zusammen, bin ein As an der Bohrmaschine und lege jeden tropfenden Wasserhahn trocken. Wenn der Drucker kein Papier mehr hat, werde ich ebenso gerufen, wie wenn der Fernseher infamerweise immer noch auf DVD-Betrieb eingestellt ist und das heute journal nicht herzeigen will. Unlängst habe ich uns ein Gewürzregal aus Kabelbindern gebastelt. Mich haben sie als Kind eindeutig zu oft MacGyver sehen lassen.
Diese Aufgabenverteilung war mir eigentlich immer sehr recht. Auf diese Weise bleibt man einander geheimnisvoll und hat sich immer etwas zu erzählen.
» Woher hattest du nur die Idee, den Thunfisch mit dem geräucherten Tee zu würzen, Geliebter?«
» Ach, das war doch ganz naheliegend. Verrate du mir lieber, wie du es geschafft hast, dass wir nun die Funksprüche der ISS empfangen können, Geliebte!«
» Mit Kabelbindern, mein Schatz. Einfachen Kabelbindern. Ein paar habe ich noch übrig. Aus denen bau ich uns morgen schnell noch einen Balkon. «
Ich hätte ewig so weitermachen können.
Zugegeben, ich fühlte mich hin und wieder ein bisschen minderbemittelt, wenn ich Gäste allein bewirten musste und ihnen lediglich eine perfekt zusammengestellte Auswahl meiner besten Konservendosen präsentieren konnte. Immerhin waren meine Kuchen höchst beliebt. Oder sagen wir: Ein Kuchen war sehr beliebt. Aber schon, wenn ich einen simplen Nudelsalat machen sollte, stieß ich an meine Grenzen. Nachdem mir nie jemand das Grundprinzip einer Marinade beigebracht hatte, schüttete ich immer alles hinein, was nicht bei drei im Kühlschrank war. Es war kein schöner Anblick.
Dem Gatten machte das nie etwas aus. Wenn er tatsächlich eines Abends zu fertig nach Hause kam, um noch zu kochen, bestellten wir eben Sushi. Das geschah selten genug. Denn im Gegensatz zu mir entspannt er sich beim Kochen. Wo ich mir drei Folgen West Wing reinziehe, wenn ich abschalten will, steht er eine Stunde lang in der Küche, saut sie von oben bis unten ein und kommt als neuer Mensch wieder heraus.
Ich hingegen pflege in der Küche meinen Wortschatz zu erweitern: Hier in Paris wohnen wir gegenüber von einem Kindergarten. Sobald die Erzieherinnen sehen, dass ich mir eine Kochschürze umbinde, schließen sie sofort alle Fenster. Dabei sind wir gerade erst vier Wochen hier.
Paris. Stadt der Liebe. Stadt der Lichter. Stadt des Genießens. Als der Gatte das Angebot bekam, für einige Zeit die Frankreich-Berichterstattung seiner Zeitung zu übernehmen, erbat er sich ein paar Tage Bedenkzeit. Nicht seinetwegen, er wäre von der Redaktion am liebsten direkt zum Flughafen gefahren. Doch wir hatten zu Beginn unserer Beziehung ausgemacht, alle Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Weshalb er mich erst einmal nach unserer gemeinsamen Entscheidung fragen wollte.
Für mich war Paris eine Stadt wie jede andere. Das erste Mal war ich vor rund zehn Jahren hier, als ich ein Interview mit Ricky Martin machen durfte. In irgendeinem Safe muss noch das Tonband herumliegen, auf dem er am Ende des Gesprächs zu mir sagt: » Give me a kiss. « Gerüchte, dass Ricky kurz danach beschlossen hätte, schwul zu werden, sind allerdings eine böswillige Unterstellung. Er trug schon damals breite Lederarmbänder.
Weder Herr Martin noch die Stadt machten einen großen Eindruck auf mich. Ich kann mich nur erinnern, für das Interview im noblen Plaza-Athénée-Hotel hoffnungslos underdressed gewesen zu sein. Vermutlich eine unbewusste Reaktanz-Haltung gegen das Klischee der Modestadt Paris. Ich blieb jedenfalls nur wenige Stunden, flog wieder zurück und verschwendete keine weiteren Gedanken an diese Stadt.
Mein zweiter Besuch erfolgte bereits mit dem damals Noch-nicht-Gatten. Unser romantisches Wochenende begann meinerseits mit einem Kapitalsturz über die Stufen des Gare de l’Est, weil ich ihm beweisen wollte, wie locker ich mein Köfferchen selbst tragen konnte und was für eine eigenständige, hilfsunbedürftige Frau ich war. Er kaufte mir daraufhin drei Paar Schuhe, weil meine Lieblingssandaletten Opfer meiner Eigenständigkeit geworden waren. Als Ersatz für mein völlig zerstörtes Ego führte er mich in ein Restaurant, in das ich mich gleich zu Beginn haltlos verliebte, als man mir ein kleines Schemelchen neben meinen Stuhl stellte. Für meine Handtasche.
Dafür musste ich allerdings das Essen bezahlen. Des Gatten Kreditkarte hatte den Schuheinkauf nicht überlebt.
Paris war für mich also eine Stadt von durchaus lebensbestimmenden Ereignissen. Das Paris-Fieber, von dem viele gebeutelt werden, sobald sie zum ersten Mal den Eiffelturm sehen, war mir jedoch fremd. Ich finde nämlich Wien ähnlich schön. Außerdem sprechen die Leute dort wenigstens so, dass man sie versteht.
Allerdings fallen einem auf die Frage » Wollt ihr für einige Zeit in Paris leben?« keine wirklich guten Gegenargumente ein. Wir trafen also die gemeinsame Entscheidung, Pariser zu werden. Das taten wir, ohne auch nur ein einziges Wohnungsinserat gesehen zu haben. Himmel, wie naiv wir damals waren …
Die Monate vor unserem Umzug verbrachten wir mit Wohnungssuche und Französisch-Lernen, beides nicht wirklich gut für die Moral. Wir begannen, uns auf TV5 Monde französische Nachrichten anzusehen. Nach der ersten Sendung blickten wir uns gegenseitig fassungslos an und sagten: » Merde. «
Wir begannen, Wohnungsannoncen im Internet zu lesen. Nach den ersten blickten wir uns gegenseitig fassungslos an und sagten: » Oh mon dieu!«
Die Mieten in Paris verstoßen gegen jedes Menschenrechtsgesetz. Nach ein paar Tagen Internetrecherche sagte ich zum Gatten: » Vielleicht sollten wir statt nach einer Wohnung lieber nach einer netten Brücke suchen. Die könnten wir uns gerade noch leisten. «
Wir nutzten einen beruflichen Termin in Paris, um dort vier Tage lang potenzielle Wohngegenden zu besichtigen. Unser Freund Alain-Xavier Wurst, gebürtiger Pariser mit deutschem Vater, hatte uns zuvor auf einem riesigen Stadtplan jene Gegenden angezeichnet, die für ihn infrage kämen. Seine Klassifikationen reichten von » nett, aber teuer « über » nett, aber sehr teuer « bis zu » nett, aber unerschwinglich «. Er war uns eine große Hilfe.
Wir fuhren mit der Metro kreuz und quer durch die Stadt, marschierten ganze Arrondissements ab, strichen bestimmte Quartiers von der Liste, merkten uns die Straßennamen von besonders netten Vierteln und hatten nach vier Tagen zwei Kilo weniger auf den Rippen. Dabei hatten wir auch schon erste potenzielle Lieblingsrestaurants gecastet.
Zurück im Internet stellten wir fest, dass man sich in Paris schnell entscheiden muss. Die Wohnungen werden nämlich erst dann angeboten, wenn der Vormieter schon längst ausgezogen ist. Nichts mit drei Monaten Planungsfrist, wie man das in zivilisierten Ländern wie, sagen wir, Resteuropa macht. Nein, man besichtigt eine Wohnung, gibt sein Bewerbungsdossier ab, erhält eine Woche später den Zuschlag und darf ab dem nächsten Monatsersten bereits Miete zahlen.
Das zumindest ist der theoretische Ablauf. Er scheitert gern schon am Bewerbungsdossier, das in Paris nicht nur die international üblichen Bestandteile wie Gehaltszettel, Kontoauszüge und Zahnbefund der Großmutter enthalten muss, sondern auch gern eine Bestätigung des aktuellen Vermieters, dass man immer brav seine Miete gezahlt hat, eine Strom- oder Telefonrechnung, die hier den Zweck eines Meldezettels erfüllt, sowie eine französische Bankverbindung. Die Bankverbindung bekommt man natürlich nur mit französischer Adresse. Die französische Adresse bekommt man nur mit Bankverbindung.
Wir fanden eine Bank, die auch unsere deutsche Stromrechnung als Nachweis unserer Existenz gelten ließ. Und wir fanden ein Appartement, das nur das Dreifache unserer Hamburger Wohnung kostete. Weshalb es auch nicht weiter ins Gewicht fiel, dass wir es bereits zwei Monate vor unserem Umzug anmieten mussten.
Wir zogen am 1. August ein, was sich bald sowohl als Fluch als auch als Segen herausstellen sollte. Im August ist Paris nämlich komplett leer, nur behelfsmäßig aufgefüllt mit Touristen, die sich aber großteils brav in ihren zugewiesenen Habitaten aufhalten. Insofern war es nicht so tragisch, dass die Umzugsfirma kein Halteverbot vor unserem Haus beantragt hatte. Die Straßen waren so gut wie auto- und menschenleer.
Der Fluch zeigte sich bereits nach unserer ersten Nacht im neuen Heim. Um sechs Uhr morgens wachte ich durch ein Tropfgeräusch im Schlafzimmer auf. Die neu installierte Klimaanlage leckte. Sie tropfte so ausgiebig auf den neu verlegten Holzfußboden, dass der sich zu kleinen Mittelgebirgen aufwarf und der Gatte bald bergauf gehen musste, wenn er aus dem Bett stieg. Wir stellten das größte Tupperware-Gefäß, das wir auf die Schnelle in den Kartons finden konnten, unter das Gerät, riefen unseren Vermieter an und hinterließen eine Nachricht.
Einige Nächte später wachte ich wieder auf. Diesmal war es allerdings knallender Donner, der mich aus dem Bett holte. Als ich durch die Wohnung ging, um zu kontrollieren, ob wir auch alle Fenster geschlossen hatten, stieg ich in etwas Nasses. Und hörte wieder Tropfgeräusche. Die neu eingebauten Velux-Fenster waren undicht. Wir hinterließen dem Vermieter eine etwas dringlichere Nachricht.
Mittlerweile hatten wir außerdem festgestellt, dass einige der neu eingebauten Steckdosen nicht funktionierten. Was, retrospektiv betrachtet, vielleicht auch ganz gut war, weil wir uns nicht so leicht elektrisieren konnten, wenn wir bis zu den Knien im Wasser durch die Wohnung wateten.
Wir hatten auch noch kein Internet. Bestellt hatten wir es, in guter deutscher Manier, selbstverständlich schon von Hamburg aus. Allerdings hatte ich irgendwo irgendetwas zu unterschreiben vergessen, weshalb wir in Paris zurück auf Start mussten. Immerhin wurde uns der Besuch des Technikers für die folgende Woche versprochen – eine Rekordzeit, wie wir später erfahren sollten. Der Techniker kam auch, sah sich unsere Wohnung an, erklärte, dass man das Kabel erst durch ein Loch vom Treppenhaus in die Wohnung legen müsste, dies jedoch nur von einem anderen Kollegen ( dem mit der Lizenz zum Bohren?) erledigt werden könne, und verschwand. Beim nächsten Termin kam – niemand. Angeblich waren wir nicht zu Hause. Möglicherweise hatte der Technikexperte zwar geschnallt, dass unsere Türklingel nicht funktionierte, wollte aber nicht klopfen. Zu analog.
Beim dritten Termin kam wieder der Kollege von der Woche zuvor und stand fünf Minuten grübelnd in unserem Wohnzimmer, bis er sagte: » Hier war ich doch schon einmal?«
Der Gatte und ich wechselten einander ab mit Verzweifeltsein. Einen Tag durfte er, dann wieder ich. Nach dem dritten fehlgeschlagenen Internet-Termin beschloss ich, meine Nerven mit einem Schaumbad in unserer frisch eingebauten Badewanne zu beruhigen.
Als ich bis zum Hals im Schaum lag, hörte ich wieder Tropfgeräusche. Neben der Wanne bildete sich eine immer größer werdende Pfütze. Der Überlauf war nicht angeschlossen. » Mir reicht’s!«, schrie ich, während ich aus der Wanne sprang. » Ich packe meine Koffer! Ich will zurück nach Deutschland, wo alle Steckdosen funktionieren, wo die Fenster dicht sind und wo ich ein richtig heißes Bad nehmen kann. Denn ich darf dir hiermit mitteilen, dass wir in dieser verdammten Stadt maximal lauwarm baden können. Die Idioten haben nämlich einen zu kleinen Boiler eingebaut. «
Der Gatte tat das einzig Richtige, was man in einer solchen Notsituation tun konnte. Er öffnete eine Flasche Wein. Ich sollte besser sagen, er öffnete die tägliche Flasche Wein. Dieses Land ist eine konstante Attacke auf die Nerven, aber es weiß auch, womit man sie wieder beruhigen kann. » Bald ist September «, sagte er mit seiner Nehmen-Sie-die-Waffe-runter-wir-können-über-alles-reden-Stimme. » Da kommen sie alle zurück aus dem Urlaub. Dann machen sie unsere Wohnung wieder heil. «
» Und dicht?«
» Und dicht. «
» Und mit Strom?«
» Ja, auch mit Strom. «
» Und werde ich dann endlich heiß baden können?«
Er zögerte. Für technische Fragen war bislang immer ich zuständig gewesen. » Zur Not koche ich dir eine heiße Suppe «, sagte er dann und füllte mein Glas nach.
» Ich will lieber deine Bouletten «, schmollte ich. » Die hast du mir schon lange nicht mehr gemacht. «
» Abgemacht, morgen bekommst du Bouletten. Oder «, er grinste mich an wie ein Erwachsener, der einem Kind ein Hustenbonbon als Belohnung verkaufen will. » Oder du machst sie für uns. In Wirklichkeit sind die kinderleicht. «
» Du weißt doch «, sagte ich, noch immer nicht mit dieser Stadt versöhnt, » ich kann nur Desserts. «
Am nächsten Tag kamen zwei vife Jungs von der Internetfirma, erkannten nach einem Blick in unseren Sicherungskasten, dass nirgends gebohrt werden musste, und schlossen uns innerhalb weniger Minuten ans Internet an. Und das nach lediglich vier Rendezvous, wie man in Frankreich etwas euphemistisch zu jeder Art von Verabredung sagt, egal, ob mit dem Liebhaber oder dem Zahnarzt. Wir waren endlich wieder vollwertige Menschen.
» Was für eine Odyssee!«, stöhnte der Gatte bei der abendlichen Flasche Wein. » Zwei Wochen hat das jetzt gedauert!«, antwortete ich, immer noch ein wenig fassungslos. » Kann man sich das vorstellen? Aber wenigstens haben wir das Gröbste überstanden. «
Wir hatten ja keine Ahnung.

 

 

Kapitel 3

Wie ich mir zum ersten Mal
etwas koche

 


Okay, also: Wie hast du kochen gelernt?«
Der Gatte denkt kurz nach: » Ich habe Rezepte nachgekocht. «
» Und dann kann man irgendwann so kochen wie du?«
» Naa jaa, wenn man das, was ich mache, Kochen-können nennen kann. «
» Fang nicht schon wieder damit an! Soll ich dich daran erinnern, was alle unsere Gäste über dein Essen sagen?«
Er hält die Klappe. Für jemanden wie mich, die ich sogar Spaghetti à la Mirácoli vermasseln könnte, ist diese Tiefstapelei ein rotes Tuch. Jedes Mal, wenn er einen durchkomponierten Teller vor mich hinstellt, von dem es nur so duftet, und ich daraufhin pflichtgemäß in Jubel ausbreche, pflegt er zu sagen: » Noch haben wir’s nicht gegessen. «
Er deutet auf das Regal in unserer Küche, auf dem sich zwei Laufmeter Kochbücher drängen. » Ich kann dir ja ein paar heraussuchen, in denen du vor allem die Klassiker findest. Die TimeLife-Serie ist weltberühmt, und da steht einfach alles drin. «
Er holt einen Stapel großer, dünner Bücher heraus, in denen jeweils noch ein kleines Rezeptbuch steckt. Ich fange an zu blättern und blicke ihn dann vorwurfsvoll an. » Da sind keine Bilder drin. «
Er blickt mich etwas verwirrt an.
» Na, wie soll ich wissen, wie das am Ende aussieht, wenn keine Bilder drin sind?«
» Dann lies doch das Rezept!«
Ich lese. » Hühnerbrühe, Kartoffeln, Karotten, Lorbeerblatt, … ich kann mir das nicht vorstellen! Kochen ist doof. Ich will so kochen können wie du. Du kochst ja auch nicht nach Rezept. «
Er gerät in Argumentationsnotstand. Außerdem erkennt er, dass ich kurz davor bin aufzugeben, wie immer, wenn etwas nicht sofort, auf Anhieb und in der ersten Sekunde funktioniert.
» Wieso kochst du nicht erst einmal einen Kalbsfond? Das ist die Grundlage für viele Gerichte, man kann wunderbare Saucen daraus machen, und es ist auch nicht so kompliziert. Im Uecker ist sicher ein Rezept dafür. «
» Aber das kann man ja gar nicht essen. «
Eigentlich steht er bereits seit einer halben Stunde in der Tür, um zu einem wichtigen Termin zu fahren. Er nimmt die Aktentasche in die andere Hand, weil ihm der Griff langsam in die Finger schneidet. » Dann überleg dir doch, was du gerne essen möchtest. Dafür suchst du dir ein Rezept heraus und kochst das. Ich muss jetzt leider wirklich los. Aber ich freu mich schon darauf, was du gekocht haben wirst!« Er küsst mich kurz auf die Stirn und schließt die Wohnungstür schnell hinter sich. Ich bilde mir ein, dahinter ein leises » Puh!« gehört zu haben.
Ich betrachte die lange Reihe an Kochbüchern. Und beschließe, Schokopudding zu machen. Er hat schließlich gesagt, dass ich kochen solle, was ich gerne esse. Außerdem habe ich in Paris noch kein Puddingpulver gefunden, das mit meiner Lieblingsmarke mithalten kann. Wo ist die blöde Globalisierung, wenn man sie einmal braucht?
Nicht, dass wir hier » unser deutsches Zuhause « nachbauen wollen, wahrlich nicht! Wir gehören nicht zu jenen Menschen, die ins entfernte Ausland fahren, dort aber dann bitte auch ihre Weißwurst und ihr Bier haben wollen. Oder deutsche Sauberkeit. Deutsche Pünktlichkeit. Brauchbares Klopapier. Dichte Fenster.
Wenngleich ich an dieser Stelle gestehen muss, erst gestern einen Zettel an unsere Haustür geklebt zu haben, auf dem » Merci de bien fermer la porte!« steht. Die aus dem zweiten Stock lassen sie nämlich immer offen.
Bei Schokopudding darf man jedoch keine Abstriche machen. Schokopudding ist Menschenrecht, und ich konnte schon so manche Krankheits- oder Depressionsattacke durch eine rasche Gabe von drei bis vier Litern Pudding hintanhalten. Dafür habe ich mir vor Jahren extra einen 10-Liter-Kochtopf gekauft. Und ich kann ihn gebrauchen. Unsere Steckdosen führen noch immer keinen Strom. Die Fenster sind auch noch immer undicht, aber immerhin hat es seither keine schweren Gewitter mehr gegeben, obwohl uns die Vorhersagen von Météo France schon einige bange Nächte beschert hatten. Inzwischen weiß ich immerhin, dass man einfach mit dem Gegenteil der französischen Wetterprognosen rechnen muss, dann hat man eine ziemlich sichere Trefferquote.
Unser Vermieter hat nämlich einen Freund, Aziz. Aziz ist gebürtiger Tunesier und darüber hinaus ein Allroundtalent. Das mit dem Tunesiersein ist wichtig und hängt ursächlich mit dem Schokopudding zusammen. Dazu komme ich gleich.
Aziz hat vor unserem Einzug die Renovierungsarbeiten unserer Wohnung organisiert und überwacht. Nun gut, überwacht ist vielleicht nicht das richtige Wort, sonst gäb’s ja Strom. Er ist jedenfalls derjenige, der alle Handwerker beaufsichtigt, Material heranschafft, mich fragt, wie groß ich den noch fehlenden Spiegel im Badezimmer haben möchte, und vorschlägt, eine Satellitenschüssel auf dem Balkon zu montieren. » Da gibt es mittlerweile sehr kleine, dezente, die trotzdem sehr leistungsstark sind «, schwärmt er mir vor. » Ich empfange mit meiner chinesisches Fernsehen!«
Ich wäre schon für einen zusätzlichen deutschen Kanal dankbar, denn das französische Fernsehen besteht lediglich aus grenzdebilen Spielshows mit lebendmumifizierten Moderatoren und dickmöpsigen Assistentinnen sowie Diskussionssendungen, in denen alle gleichzeitig auf einander einbrüllen. Ich beauftrage Aziz also, uns eine Satellitenschüssel zu installieren.
Das war vor vier Wochen. Bis jetzt haben wir immerhin bereits den Badezimmerspiegel. Die Fenster sind theoretisch seit zwei Wochen dicht. Da hatte Aziz nämlich seinen letzten Besuch angekündigt. Aber in Tunesien nimmt man es mit Terminen nicht so genau. Oder mit Absagen. Dass Aziz seit 30 Jahren in Frankreich lebt, bedeutet nur, dass er sich die Unpünktlichkeit der Tunesier bewahrt und sich zusätzlich die Inkompetenz der Franzosen angeeignet hat. The worst of both worlds. Aber er ist charmant, entzückend, und er will uns demnächst zu sich zum Essen einladen. Vielleicht kann ich mir ja dann bei ihm die Haare waschen, unser Wasserdruck ähnelt nämlich chinesischer Tröpfchenfolter. Die kennt er sicher aus seinen chinesischen Fernsehprogrammen.
Hin und wieder schicke ich Aziz eine SMS, um zu fragen, ob er denn vielleicht nächste Woche vorbeizukommen gedenke. Météo France habe strahlenden Sonnenschein versprochen, was nichts Gutes verheißt. Diese SMS werden meistens ignoriert, manchmal aber auch mit einem » Ich komme am Mittwoch vorbei « beantwortet. Ich will nicht allzu deutsch rüberkommen, deshalb frage ich nicht nach Kleinigkeiten wie Uhrzeit oder von welchem Jahr er spricht, und sage alle Termine für die folgenden drei Mittwoche ab. Wer nicht kommt, ist Aziz. Deshalb brauche ich ein gutes Schokopuddingrezept.
Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr packt mich der Ehrgeiz. Sicher, ich könnte mir von meiner Mutter ein paar Packungen Fertigpulver schicken lassen ( den richtig guten gibt es eigenartigerweise nur in Österreich ), aber in meinem Kopf bildet sich langsam die Vorstellung eines wunderbar reichhaltigen, molligen, weich schmeckenden Puddings, mit dem nicht einmal das Pulver mithalten könnte.
Ich mache mich auf eine Recherchetour durchs Internet. Hatte ich schon erwähnt, dass wir endlich Internet haben?
Im amerikanischen Kochblog » smitten kitchen « finde ich ein Rezept, von dem seine Verfasserin in höchsten Tönen schwärmt. Dann muss es ja gut sein.
Sie erhitzt Milch, Maizena, Zucker und ein bisschen Salz im Wasserbad, bis die Masse beginnt, leicht anzudicken. Bei mir dickt aber nichts. Ich gebe ein bisschen mehr Stoff und rühre dann die dunkle Schokolade ein. Ich koste. Urgs, mehr Milch! Von mollig ist da keine Spur! Ich gieße vorsichtig Milch nach, bilde mir fest ein, dass die Masse leicht angezogen hat, und gieße sie in kleine Förmchen.
Bis das kalt ist, sage ich mir, kann ich ja endlich ein bisschen arbeiten! So hatte ich mir das nämlich vorgestellt: Da mein Schreibtisch nicht allzu weit von der Küche entfernt steht, kann ich zu Hause kochen lernen, ohne dabei meine Arbeit zu vernachlässigen. Easy peasy, würde Jamie Oliver sagen.
Ich setze mich vor den Computer und versuche, nicht an Schokopudding zu denken. Zufällig brauche ich ein Glas Wasser aus der Küche – der Pudding ist immer noch heiß. Ich gehe zurück zu meinem Schreibtisch und schreibe den ersten Satz, da bemerke ich ein leichtes Hungergefühl. Schnell ein kleines Brot – der Pudding ist immer noch heiß.
Irgendwie schaffe ich es, meine Neugier zu bezähmen, bis er einigermaßen abgekühlt ist. ( Wir verstehen darunter: bis ein Metalllöffel sich nicht mehr darin verformt. ) Ich greife mir eines der Förmchen – und gieße mir den gesamten Inhalt über die Hose. Dieser » Pudding « ist keinen Deut fester als Milch.
Ich lese das Rezept noch einmal. Verdammte Hacke.
Ohne allzu eingebildet klingen zu wollen, halte ich mich doch für einen mindestens durchschnittlich intelligenten Menschen. Ich kann in ganzen Sätzen sprechen, habe schon einmal eine Universität von innen gesehen und beherrsche den aufrechten Gang seit Kurzem sogar freihändig. Allerdings neige ich fallweise zu besonderer Vertrotteltheit. Zum einen Teil liegt das an einer klitzekleinen Konzentrationsschwäche. Manchmal stehe ich auf, um etwas zu erledigen, habe aber, sobald ich stehe, vergessen, was ich erledigen wollte. Zum anderen Teil liegt das an einer besonders ausgeprägten Form des logischen Denkens. Darauf bilde ich mir tatsächlich etwas ein. Ich denke so unglaublich logisch, dass ich mich dabei oft genug in eine völlige Pattstellung mit mir selbst denke. Wenn Sie mich also einmal irgendwo mit einem angestrengten, aber leeren Gesichtsausdruck stehen sehen, gehe ich vermutlich gerade eine lange Liste von Kriterien durch, die mich am Ende zur einzig richtigen Entscheidung in der Frage führen soll: » Die roten Papierservietten oder die blauen?«
Außerdem leide ich an einer mittelschweren Spezialform der Legasthenie. Im Alltagsleben kann ich Wörter mit denselben Anfangsbuchstaben nicht auseinanderhalten. In Wien gibt es eine U-Bahnlinie, deren Endstationen jeweils mit H beginnen: Heiligenstadt und Hütteldorf. Ich brauche jedes Mal drei Minuten, bis ich weiß, in welche Richtung ich muss. Hier in Paris steht mir jedes Mal der Schweiß auf der Stirn, wenn ich überlege, ob ich nun zum Bäcker oder zum Metzger will: also zur Boulangerie oder zur Boucherie.
Es müssen nicht zwangsläufig die gleichen Buchstaben sein, es reicht, wenn es der gleiche Laut ist. Ich bedanke mich hier regelmäßig mit den Worten » Das ist sehr hübsch von Ihnen!«, weil ich gentil ( nett, sprich: [schontiej] ) und joli ( hübsch, sprich: [scholie] ) durcheinanderbringe.
Was meinem ersten selbst gekochten Schokopudding zum Verhängnis wurde, waren die Wörter tablespoon und teaspoon. Ich hatte nicht drei Esslöffel Maizena verwendet, sondern drei Teelöffel. Was seine Konsistenz hinreichend erklärt.
Ich schütte alles in den Topf zurück, rühre die fehlende Menge Maizena mit etwas Milch glatt, gebe sie dazu und erhitze alles vorsichtig. Ah, das meinen die also, wenn sie sagen: » Die Masse soll leicht andicken. «
Ich wasche die Förmchen aus, fülle Pudding 2.0 hinein und trotte leicht frustriert zurück an meinen Schreibtisch. Diesmal habe ich keine Probleme, mich abzulenken. Nach einem solchen Beweis galoppierender Idiotie ist an Arbeit nicht mehr zu denken. Für Menschen mit meinem Talent zur Blödheit gibt es nur eine Beschäftigung: Computerspiele. So kann ich den geringsten Schaden anrichten.
Sagt mir mein logisches Denkvermögen.
Das Schlimmste an dem Puddingreinfall: Es ist nicht das erste Mal, dass ich die beiden Begriffe verwechsle. Beim letzten Mal hatte ich mich beim Zucker vertan, allerdings umgekehrt: Statt ein paar TEAspoons hatte ich ein paar TABLEspoons in eine Panna cotta geschaufelt. Wer rechnet auch ernsthaft damit, dass in einem Dessert nur vier Teelöffel Zucker sind?
Draufgekommen war ich noch rechtzeitig, als die Crème beim Rührbesenablecken sogar mir zu süß war. Statt mir jedoch, wie in ähnlichen Fällen üblich, zu denken: » Och, das wird schon seine Richtigkeit haben, vielleicht ist es beim Servieren ja nicht mehr so süß «, überlegte ich ausnahmsweise richtig logisch und schüttete sofort alles in die halb fertige Panna cotta, was noch da war: Buttermilch, Sahne, Joghurt – wäre irgendwo noch weiße Wandfarbe herumgestanden, ich hätte für nichts garantieren können.
Und was soll ich sagen? Es war die genialste Panna cotta meines Lebens. Und ich werde sie nie wieder reproduzieren können.
Diesmal sind meine Hoffnungen, zufällig einen neuen Meilenstein in der Geschichte des Schokopuddings erreicht zu haben, eher überschaubar. Nach ein paar Games Bejeweled und einem neuen Highscore ( somit war dieser Tag nicht vollkommen nutzlos ) wage ich mich zurück in die Küche und probiere den Pudding. Joli, äh, gentil. Aber Dr. Oetker kann’s immer noch besser.
Als der Gatte abends nach Hause kommt, schlage ich ihm vor, Sushi zu bestellen. Wenigstens das kann ich.
» Hat nicht so toll geklappt heute?« fragt er vorsichtig, weil er nicht weiß, ob die Bombe noch scharf ist.
» Kochen ist doof. Und ich bin blöd «, antworte ich mit Angela-Merkel-Mundwinkeln.
» Na komm, das war doch erst der Anfang! Was glaubst du, was bei mir alles danebengegangen ist! Du hast Talent fürs Kochen, ich spür das!«
» Das musst du sagen, weil du sonst auf der Couch schläfst. «
» Nein, das meine ich so. Und die Couch ist sehr gemütlich. Vielleicht solltest du das Projekt einfach etwas grundsätzlicher angehen. «
» Mit Wasserkochen? Stimmt, damit habe ich auch schon einmal einen Topf ruiniert. «
» Nein, mit einem Kochkurs. Wir sind in Paris, der Stadt des Genusses! Es würde mich doch sehr wundern, wenn es hier keine Kochkurse gäbe. «
» Da versteh’ ich ja kein Wort. «
» Quatsch, natürlich verstehst du alles. Und wenn nicht, fragst du einfach nach. Wann kommen endlich die Sushi?«

Sigrid Neudecker

Über Sigrid Neudecker

Biographie

Sigrid Neudecker ist zwar gebürtige Österreicherin, doch statt Kaiserschmarrn und Tafelspitz brachte ihre Mutter ihr nur den Umgang mit der Bohrmaschine bei. Wenn sie nicht gerade ihre Küche in Schutt und Asche legt, schreibt sie für Die Zeit und Zeit-Online.

Pressestimmen

Nassauer Tagesblatt

»Eine witzige Mischung von kulinarischen Themen und ihrer Zeit in Paris.«

Falter (A)

»Großartig.«

www.kochundback.at

»Ein im wahrsten Sinne des Wortes köstliches Buch, (...) das nicht nur jede Menge Humor beinhaltet, sondern auch Trost, wenn einmal selbst etwas danebengeht.«

Main Echo

»Witzig, pointiert und voller Selbstironie. (...) Egal ob Hobbykoch oder Küchenverweigerer, das Buch ist eine heitere Lektüre.«

Falter (A)

»Dieses amüsante Buch stellt so etwas wie eine Einführung in die französische Lebenskunst dar - von der Fähigkeit zu genießen bis zu jener, trotz kulinarischer Genüsse schlank zu bleiben.«

schoener-denken.de

»Merci et santé, Frau Neudecker, kochen und schreiben Sie weiter!«

Laura

»Äußerst amüsanter Erfahrungsbericht aus Paris.«

Das Neue Blatt

»Mit viel Humor und Selbstironie.«

Ganze Woche (A)

»Unterhaltsam.«

Rondo (Der Standard)

»Lustig.«

Profil (A)

»So laut beim Lesen zu lachen pflege ich allenfalls bei der Lektüre von David Sedaris.«

Lippische Landes-Zeitung

»Sigrid Neudecker schreibt sympathisch und mit viel Selbstironie über ihre Küchen-Abenteuer.«

Format (A)

»Lustig.«

weinreporter.net

»Ungemein süffig geschrieben. (...) Frau Neudecker hat Humor und Sprachwitz, kann schreiben und das Grosse im Kleinen erkennen.«

Wienerin

»Von köstlichem Witz.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Kapitel 1

Wie ich versuche, unsere ersten Gäste umzubringen

Kapitel 2

Wie alles begann

Kapitel 3

Wie ich mir zum ersten Mal etwas koche 

Kapitel 4

Wie ich meinen ersten Kochkurs überlebe

Kapitel 5

Wie ich Bœuf bourguignon zu hassen lerne

Kapitel 6

Wie wir einmal pünktlich zum Essen kommen

Kapitel 7

Wie ich auf dem Markt ein Erweckungserlebnis habe

Kapitel 8

Wie ich meinen zweiten Kochkurs überlebe

Kapitel 9

Wie ich lerne, Kochblogs zu misstrauen.Und Kochbüchern ebenso

Kapitel 10

Wie ich mich dank Paul Bocuse nichtmehr als Tusse fühle

Kapitel 11

Wie ich dem Gatten beibringe, dass ich so nicht arbeiten kann

Kapitel 12

Wie ich zig Male versuche, ein Huhn nicht zu Stroh zu kochen

Kapitel 13

Wie ich einmal Zwiebeln kaufe

Kapitel 14

Wie ich versuche, Tafelspitz zu kochen

Kapitel 15

Wie ich eigentlich eh schon kochen kann

Kapitel 16

Wie ich mit Gérard Depardieu Ratatouille koche

Kapitel 17

Wie ich eigentlich immer alles richtig mache

Kapitel 18

Was ich bisher gelernt habe

Kapitel 19

Wie ich mir mein Gulasch ertanze

Kapitel 20

Wieso ich mir das alles überhaupt antue

Kapitel 21

Wie ich mir an Schokopudding die Zähne ausbeiße

Kapitel 22

Wie ich langsam Licht am Horizont sehe

Kapitel 23

Wie ich mit Freud Brot backen lerne

Kapitel 24

Wie ich noch einmal versuche, Tafelspitz zu kochen

Dank

Blogroll

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden