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Madame ist leider verschieden

Madame ist leider verschieden

Ein Paris-Krimi

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Madame ist leider verschieden — Inhalt

»Spannend und atmosphärisch.«

Ein rätselhafter Tod auf dem Eiffelturm, der umstrittenen Attraktion der Pariser Weltausstellung des Jahres 1889: Eine der vielen Besucherinnen haucht dort, in luftiger Höhe, ihr Leben aus. Der Buchhändler Victor Legris wird ungewollt zum Zeugen und schließlich zum Ermittler. Denn es gibt noch weitere Opfer, die stets einem mysteriösen Bienenstich erliegen. Und jedes Mal ist Victor dem Tatort nicht fern …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzt von: Gaby Wurster
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96881-2

Leseprobe zu »Madame ist leider verschieden«

Paris reckt seinen Turm
Wie eine große, scheue Giraffe,
Den Turm,
Der, bei Einbruch der Nacht,
Die Geister fürchtet.

 

Pierre Mac Orlan, So war Paris

 

Für Etia und Maurice,
Jaime und Bernard,
Jonathan und David
und Rachel.

 

12. Mai 1889

 

Ein Vorfall im Vorfeld

 

Gewitterwolken zogen über das Brachland zwischen dem Pariser Stadtwall und dem Güterbahnhof von Batignolles. Auf der großen Fläche standen vereinzelt Grasbüschel, es stank nach Kloake. Zwischen Wagenladungen von Sperrmüll ebneten Lumpensammler mit ihren Forken eine Flut von Abfällen und [...]

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Paris reckt seinen Turm
Wie eine große, scheue Giraffe,
Den Turm,
Der, bei Einbruch der Nacht,
Die Geister fürchtet.

 

Pierre Mac Orlan, So war Paris

 

Für Etia und Maurice,
Jaime und Bernard,
Jonathan und David
und Rachel.

 

12. Mai 1889

 

Ein Vorfall im Vorfeld

 

Gewitterwolken zogen über das Brachland zwischen dem Pariser Stadtwall und dem Güterbahnhof von Batignolles. Auf der großen Fläche standen vereinzelt Grasbüschel, es stank nach Kloake. Zwischen Wagenladungen von Sperrmüll ebneten Lumpensammler mit ihren Forken eine Flut von Abfällen und wirbelten Staubwolken auf. Aus der Ferne näherte sich ein Zug und wurde nach und nach größer.
Eine Horde Jungen rannte über die Hügel und schrie: » Da kommt er ! Da kommt Buffalo Bill ! «
Jean Méring richtete sich auf, stemmte die Fäuste in die Hüften und drückte das Kreuz durch, um seine Rückenschmerzen zu lindern. Die Ausbeute war gut: ein Stuhl mit drei Beinen, ein Schaukelpferd, aus dem die Füllung quoll, ein alter Schirm, das Schulterstück einer Uniform, eine Waschschüssel mit Goldrand. Er drehte sich zu Henri Capus um, einem kleinen, dürren Männchen mit ausgebleichtem Bart. » Ich geh mir die Rothäute ansehen. Kommst du mit ? «, fragte Méring, während er seine Weidenkiepe schulterte.
Er nahm den Stuhl, ging um die Reisewagen der Agentur Cook herum und mischte sich unter die Schaulustigen, die sich zuhauf am Bahnhof versammelt hatten – Arbeiter, Kleinbürger und Leute aus den gehobenen Schichten, die mit der Droschke gekommen waren.
Mit einer Rauchfahne und unter Volldampf pfeifend, fuhr am Bahnsteig eine Lokomotive ein, gefolgt von einer endlosen Wagenreihe. Direkt vor Jean Méring hielt ein offener Waggon, in dem sich Pferde mit zerzausten Mähnen aufbäumten. Braun gebrannte Männer mit zerbeulten Filzhüten und Indianer mit bemalten Gesichtern und Federschmuck lehnten sich aus den Türöffnungen. Es gab ein Gedränge. Plötzlich fuhr sich Méring mit der Hand in den Nacken – ihn hatte etwas gestochen. Er wankte zur Seite, taumelte und stieß gegen eine Frau, die ihn zurückschubste und einen Saufkopf schimpfte. Seine Beine gaben nach, der Stuhl glitt ihm aus der Hand, Méring sank auf die Knie und fiel vornüber zu Boden, herabgezogen vom Gewicht seiner Kiepe. Er wollte noch den Kopf heben, aber er war zu schwach. Gedämpft drang Henri Capus’ Stimme zu ihm durch: » Was hast du denn, Kumpel ? Warte, ich helf dir. Was ist denn los mit dir ? «
Ein Röcheln entfuhr Mérings Kehle, er konnte gerade noch stammeln: » Bie-ie-ne … «
Seine Augen tränten, sein Blick verschwamm. Er wunderte sich, wie er mit seinen strammen Einsdreiundsiebzig in kürzester Zeit so schlaff werden konnte wie ein Lappen. Er spürte seine Glieder nicht mehr, seine Lunge kämpfte um einen Hauch Luft, und in einem letzten klaren Geistesblitz wusste er, dass er nun sterben würde. Er unternahm noch eine letzte Anstrengung, sich ans Leben zu klammern, dann ließ er los und glitt in die Tiefe, immer weiter und weiter hinunter. Das Letzte, was er sah, war ein blühender Löwenzahn zwischen den Pflastersteinen – gelb wie die Sonne.

 

Le Figaro, 13. Mai 1889, Seite 4

 

–––––

 

RÄTSELHAFTER TOD EINES LUMPENSAMMLERS

 

Ein Trödler aus der Rue de la Parcheminerie starb an einem Bienenstich. Der Vorfall ereignete sich gestern Morgen am Bahnhof von Batignolles bei der Ankunft Buffalo Bills und seiner Truppe. Einige der Anwesenden versuchten vergeblich, das Opfer wiederzubeleben. Den Ermittlungen zufolge handelt es sich dabei um Jean Méring ( 42 ), einen ehemaligen Kommunarden, der nach der Amnestie von 1880 aus der Verbannung in Neukaledonien nach Paris zurückgekehrt war.

 

Hände zerknüllten die Zeitung und warfen sie in einen Papierkorb.

 

Mittwoch, 22. Juni

 

Eingezwängt in ein neues Korsett, das bei jedem Schritt knirschte, ging Eugénie Patinot die Avenue des Peupliers hinunter. Bereits zu Beginn dieses Tages, der anstrengend zu werden versprach, fühlte sie sich erschöpft. Die Kinder hatten sie gedrängt, und sie musste mit Bedauern die kühle Veranda verlassen. Ihr Äußeres mochte zwar den Anschein imposanter Würde erwecken, ihr Inneres jedoch revoltierte – ein unangenehmer Druck auf der Lunge, flauer Magen, ein dumpfer Schmerz in der Hüfte und zu allem Übel auch noch Herzrasen.
» Renn nicht so, Marie-Amélie ! Hector, hör auf zu pfeifen, das ist ungezogen. «
» Aber Tante, wir verpassen noch den Omnibus ! Hector und ich wollen auf dem Oberdeck fahren. Haben Sie auch die Eintrittskarten mitgenommen ? «
Eugénie blieb stehen, sah in ihrer Tasche nach und vergewisserte sich, dass sie die Karten, die ihr Schwager einige Tage zuvor erstanden hatte, auch wirklich dabeihatte.
» Schneller, Tante ! «, drängte Marie-Amélie.
Eugénie warf ihr einen wütenden Blick zu. Dieses Kind brachte sie noch zur Weißglut ! Und Hector war auch nicht viel besser: ein kleiner, launischer Pascha. Lediglich Gontran, der Älteste, war erträglich, vorausgesetzt, er hielt den Mund.
Ein Dutzend Passagiere wartete an der Haltestelle in der Rue d’Auteuil. Eugénie entdeckte Louise Vergne, das Hausmädchen der Le Massons. Sie trug einen Korb Wäsche, die sie vermutlich in die Wäscherei in der Rue Mirabeau brachte. Unablässig wischte sie sich ihr bleiches Gesicht mit einem Taschentuch, so groß wie ein Bettlaken. Eugénie unterdrückte ihren Ärger – dieses Dienstmädchen behandelte sie immer mit unangebrachter Vertraulichkeit von Gleich zu Gleich –, doch hatte sie sich noch nie getraut, diese Frau zu ermahnen, dass sich das nicht schicke.
» Oh, Madame Patinot ! Was für ein Juni ! Man zerfließt ja förmlich vor Hitze ! «
» Das wäre in deinem Fall nicht das Schlechteste ! «, murmelte Eugénie in sich hinein.
» Fahren Sie weit, Madame Patinot ? «
»Zur Weltausstellung. Diese drei kleinen Teufel hier haben meine Schwester angebettelt, dass sie dorthin dürfen. «
» Ach, Sie Ärmste, da haben Sie ja etwas vor sich ! Haben Sie denn keine Angst ? All diese Fremden … «
»Ich will Buffalo Bills Wanderzirkus in Neuilly sehen! Da gibt es echte Rothäute, und die schießen echt mit Pfeil und Bogen ! «
» Es reicht, Hector ! Ach, das ist ja wieder mal reizend – er hat zwei verschiedene Strümpfe angezogen, einen weißen und einen grauen. «
» Da kommt er, Tante ! Er kommt ! «
Gezogen von drei trägen Pferden, machte die Linie A am Gehsteig halt. Hector und seine Schwester eilten aufs Oberdeck.
» Man kann dir unter den Rock gucken ! «, rief Hector.
» Mir doch egal ! Hier oben ist es toll ! «, gab das Mädchen zurück.
Eugénie saß neben Gontran, der ihr keinen Millimeter von der Seite wich, und dachte, dass man die schlimmsten Momente des Lebens doch wahrlich in öffentlichen Verkehrsmitteln verbrachte. Sie verabscheute es, aus dem Haus zu gehen, allein und verloren zu sein wie ein Herbstblatt im leisen Windhauch.
»Haben Sie sich ein neues Kleid geleistet?«, fragte Louise Vergne.
Die hinterhältige Anspielung hörte Eugénie sehr wohl aus dieser Frage heraus. »Ein Geschenk meiner Schwester «, antwortete sie kurz angebunden und strich ihr scharlachrotes Seidenkleid glatt, das sie umspannte wie die Haut einer prallen Lyonerwurst.
Dass ihre Schwester das Kleid schon zwei Sommer getragen hatte, erwähnte sie nicht, stattdessen mahnte sie säuselnd: » Passen Sie auf, meine Gute, sonst verpassen Sie noch Ihre Haltestelle. «
Nachdem sie diese aufdringliche Person nun zum Schweigen gebracht hatte, öffnete sie ihr Portemonnaie und zählte ihre Barschaft. Sie war froh, den Omnibus genommen zu haben und nicht die Droschke. Mit dieser Ersparnis konnte sie ihr Geldpolster vergrößern, und dies lohnte das Opfer.
Louise Vergne stand auf, steif wie eine beleidigte Anstandsdame. » Wenn ich Sie wäre, würde ich meine Handtasche verstecken. Wie es scheint, sind alle Taschendiebe von London aufs Pariser Marsfeld umgezogen«, sagte Louise noch, bevor sie ausstieg.
Gontran füllte sogleich das entstandene Schweigen: »Haben Sie gewusst, dass man in den Werkstätten von Levallois-Perret 18 000 Einzelteile vorgefertigt hat, die dann nur 200 Arbeiter auf der Baustelle zusammengefügt haben ? Man hat vorhergesagt, dass er zusammenbricht, wenn er 228 Meter überschreitet, aber er hat gehalten. «
Die Schleusen sind geöffnet, dachte Eugénie. »Wovon sprichst du ? «
» Na, von dem Turm natürlich!«
» Sitz aufrecht und putz dir die Nase – du hast da einen Fleck. «
» Wenn man ihn auf Rollen woanders hintransportieren wollte, müssten ihn zehntausend Pferde ziehen«, fügte Gontran hinzu und rieb sich die Nase.
Hector und Marie-Amélie sprangen die Treppe vom Oberdeck herunter. » Wir sind da, seht doch ! «
Am anderen Seine-Ufer ragte der bronzefarbene Turm von Gustave Eiffel in den Himmel wie ein riesiger, goldgekrönter Laternenpfahl. Von panischer Angst erfasst, suchte Eugénie nach einem Vorwand, um nicht dort hinaufsteigen zu müssen, doch sie fand keinen. Sie legte eine Hand auf ihr rasendes Herz: »Wenn ich das überlebe«, gelobte sie, »bete ich in Notre-Dame-d’Auteuil fünfzig Vaterunser. «
Der Omnibus hielt vor dem Trocadéro-Palast, der aussah wie ein Gaskessel mit Minaretten. Ganz unten, hinter dem grauen Band des Flusses mit seinen vielen Booten, erstreckte sich auf fünfzig Hektar das Weltausstellungsgelände.

 

Eugénie machte sich an den Abstieg in die Hölle, ihre Tasche hielt sie fest umklammert, die Augen hatte sie starr auf die Kinder geheftet. Im Sturmschritt lief sie den Hügel von Chaillot hinunter, blind ging sie an den ausgestellten Früchten der Erde vorbei, an den gepeinigten Bonsai-Bäumen des Japanischen Gartens und an dem dunklen Schlund des Pavillons » Reise zum Mittelpunkt der Erde «. Die Fischbeinstäbchen ihres Korsetts schnitten ihr in die Rippen, ihre Füße schrien nach Gnade, doch sie lief im selben Tempo weiter, um es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um so schnell wie möglich wieder flaches Gelände zu erreichen …
Am Pont d’Iéna zeigte sie die Eintrittskarten vor und schob die Kinder unter das Zeltdach. »Hört mir jetzt gut zu ! «, sagte sie scharf. » Wenn ihr euch auch nur einen Zentimeter von mir entfernt, fahren wir sofort wieder nach Hause – und wenn ich sage: einen Zentimeter, meine ich auch einen Zentimeter ! «
Dann wagte sie sich ins Getümmel. Alle Welt drängte sich mit Ellbogeneinsatz vor den bunten Ständen. Ein wogendes Menschenmeer: Franzosen, Ausländer, Schwarze, Weiße, Gelbe. Begleitet von Banjos zogen Minstrel- Sänger, die sonst mit ihren rußgeschwärzten Gesichtern in den Theatern am Londoner Leicester Square die Musik der Südstaatensklaven zum Besten gaben, die Leute in einer Kavalkade mit auf die linke Seine-Seite.
Mit gequältem Trommelfell und wildem Herzklopfen hielt sich Eugénie an Gontran fest, den dieses Tohuwabohu überhaupt nicht beirren konnte. Die Weltausstellung schien von allen Seiten auf sie einzustürmen. Hin- und hergestoßen von fliegenden Händlern, Rikschaziehern aus Tonkin und ägyptischen Eseltreibern, schafften sie es schließlich, sich in die Warteschlange vor dem Südpfeiler des Turms einzureihen.
Jeglichen Willens beraubt schielte Eugénie neidisch auf die jungen, eleganten Menschen, die bequem in Fahrsesseln saßen und sich von Bediensteten mit Schildmützen schieben ließen. »So etwas könnte ich auch gebrauchen … «
» Tante ! Haben Sie das gesehen ? «
Sie hob den Kopf und sah einen Wald aus Eisenträgern und Querstreben, durch die ein Aufzug mitten hindurchfuhr. Da überkam sie der unwiderstehliche Drang zu fliehen, so schnell und so weit sie ihre müden Beine trugen. Durch eine Wand aus Watte hörte sie Gontrans monotone Stimme: » … dreihundert Meter … führen direkt zur zweiten Plattform hinauf … vier Fahrstühle … Otis, Combaluzier … «
Otis, Combaluzier. Diese fremdklingenden Worte schossen plötzlich auf sie zu wie » Projectil-Waggons « aus einem Roman von Jules Verne, dessen Titel ihr aber gerade nicht einfallen wollte.
» … wer lieber die 1710 Stufen hinaufsteigen will, braucht dazu eine Stunde … «
Jetzt erinnerte sie sich wieder an den Buchtitel: Von der Erde zum Mond … Und wenn nun die Seile rissen ?
»Tante, ich will einen Luftballon! Einen gasgefüllten Luftballon ! Einen blauen ! Geben Sie mir einen Sou, Tante, bitte, bitte, einen Sou ! «
» Eine Backpfeife kannst du haben ! «
Sie fand ihre Beherrschung wieder. Eine arme Verwandte, die aus reiner Nächstenliebe aufgenommen worden war, kann ihren Impulsen schließlich nicht einfach nachgeben. Schweren Herzens gab sie Hector einen Sou.
Gontran las noch immer völlig ungerührt aus dem kleinen Weltausstellungsführer vor: »… im Schnitt zwanzigtausend Besucher am Tag, wobei zehntausend Besucher zur selben Zeit den Turm besichtigen können – … «
Abrupt hielt er inne, als er gewahr wurde, wie ihm der Mann direkt vor ihnen in der Warteschlange einen eisigen Blick zuwarf – ein Japaner mittleren Alters, sehr elegant. Der Mann fixierte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, bis Gontran den Blick niederschlug, woraufhin sich der Mann langsam und zufrieden wieder umdrehte.
Vor dem Schalter überkam Eugénie eine solche Panik, dass sie keine zwei Worte herausbrachte. Marie-Amélie schob sie zur Seite, stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte laut und deutlich: »Bitte vier Billets für die zweite Plattform. «
»Warum so hoch hinauf ? Die erste reicht doch auch«, stammelte Eugénie.
»Wir müssen uns am Figaro-Stand ins Goldene Buch eintragen. Haben Sie das schon vergessen ? Papa will unbedingt unsere Namen in der Zeitung lesen. Sie müssen jetzt bezahlen, Tante. «
Eugénie wurde in den Fahrstuhl und gegen einen Japaner geschubst, in dessen Gesicht sich kindliche Begeisterung spiegelte; sie ließ sich auf eine Holzbank fallen und befahl Gott ihre Seele an. Eine Anzeige, die sie beim Blättern im Journal des Modes gesehen hatte, beherrschte ihr Denken: »Bleichsucht, Eisenmangel, Anämie? Fer Bravais ist da für Sie ! Bei Ermattung und Ermüdung wird Ihr Blut schnellstens wieder frisch und gut: Fer Bravais ! «
»Fer Bravais, Fer Bravais, Fer Bravais«, sagte sie leise vor sich hin.
Rumpelnd setzte sich der Aufzug in Bewegung. Ihr war speiübel, sie sah die roten Drahtmaschen eines großen Käfigs vorüberziehen und dachte noch: Mein Gott, was tue ich hier? In diesem Moment hielt der Fahrstuhl auf der zweiten Plattform in 115,73 Metern Höhe über festem Boden.

 

Victor Legris lehnte am Gitter der ersten Plattform und beobachtete die Ankunft und Abfahrt der Fahrstühle. Sein Kompagnon hatte sich mit ihm an dieser Stelle zwischen dem flämischen Restaurant und der angloamerikanischen Bar verabredet. Die Plattform war voll, die Spannung greifbar; die Damen kicherten nervös, die Herren debattierten lebhaft. Wer bereits zum zweiten Mal hier oben stand, setzte eine blasierte Miene auf. Die Fahrstühle hielten, spuckten ihre Fracht aus, füllten sich wieder und fuhren ab. Eine bunt zusammengewürfelte Prozession zog die Treppen hinauf und hinunter. Victor lockerte seinen Krawattenknoten und öffnete den Kragenknopf. Die Sonne brannte erbarmungslos, er hatte Durst. Mit dem Hut in der Hand drängte er sich zum Souvenirgeschäft. Ein blauer Luftballon streifte ihn an der Stirn, eine Piepsstimme ertönte: » Aber wenn ich es euch doch sage: Es war ein Cowboy ! Er hat sich gleich nach uns im Goldenen Buch eingetragen, er kommt aus New York ! «
Victor beobachtete die beiden Jungen und das Mädchen, die ihre Nasen an der Scheibe platt drückten.
» Ist das schön ! Diese Brosche mit dem Eiffelturm ! Und die Fächer und die bestickten Taschentücher … «
»Warum glaubt ihr mir denn nie?«, maulte der Kleine mit dem Luftballon. » Ich bin sicher, dass er zu Buffalo Bills Truppe gehört. «
» Jetzt lass uns endlich mit deinem Buffalo Bill zufrieden ! Bewundere lieber diese Aussicht.« Der ältere Junge deutete mit dem Finger zum Horizont. »Man kann bis nach Chartres sehen! Ist euch das eigentlich klar? Hundertzwanzig Kilometer! Hier drüben sind die Türme von Notre-Dame und dort die von Saint-Sulpice. Da hinten die Kuppel des Panthéon. Und das Hospital von Val-de-Grâce in Montparnasse. Das ist toll ! Wir sind wie die Riesen in Gullivers Reisen ! «
» Und was sind diese großen Dinger da, die aussehen wie weich gekochte Eier ? «
»Das Observatorium. Dahinter sieht man Montmarte, wo gerade die Basilika gebaut wird. «
»Sieht aus wie ein Stück Bimsstein«, grummelte der Kleine. »Sag mal, Gontran, wenn ich meinen Luftballon loslasse, fliegt er dann bis nach Amerika ? «
Wie gerne wäre ich so jung und enthusiastisch wie sie !, dachte Victor Legris bei sich. Etwas Aufregenderes werden sie in den nächsten fünfzig Jahren nicht mehr erleben !
Er sah sein Spiegelbild im Fenster des Andenkenladens: ein Mann von mittlerer Größe und schlanker Statur, um die dreißig, abgespanntes Gesicht, dichter Oberlippenbart. » Das soll ich sein ? Warum sehe ich denn nur so abgeklärt aus?« Er ging zum Geländer und blickte hinunter auf die unzähligen Ameisen, die um das Palais der Schönen Künste herumwuselten, sich in der »Straße von Kairo« mit ihrer Kalifenarchitektur drängten, in die kleine Decauville-Eisenbahn einsteigen wollten und in Trauben vor der großen Maschinenhalle standen. Plötzlich hatte er das Gefühl, in eine feindliche Umgebung geraten zu sein.

 

» Tante, halten Sie mal meinen Luftballon ! «
Eugénie Patinot klebte an der Bank wie eine Napfschnecke an ihrem Fels und vermied es, sich zu bewegen. Ohne zu protestieren, ließ sie es zu, dass Hector ihr die Schnur seines Luftballons ums Handgelenk band. Ein leichter Wind bewegte das Fahnengepränge des flämischen Restaurants und machte sie noch mehr schwindeln. Ein Liedvers kam ihr in den Sinn: Der Liebe süßer Schwindelwind bläst auch im Alter blitzgeschwind …
Ihr wurde schlecht.
» Marie-Amélie, bleib bei mir ! «
» Och, das ist ungerecht ! Die Jungs dürfen … «
» Gehorche ! «
Dieses endlose Warten auf der zweiten Plattform, wo die Leute einander angerempelt hatten, um sich ins Goldene Buch einzutragen, hatte sie völlig geschafft. Mit hochroten Wangen und zitternden Händen fragte sie sich, woher sie den Mut nehmen sollte, ein drittes Mal in den Aufzug zu steigen. Linkisch steckte sie eine graue Haarsträhne zurück, die sich unter ihrem Hut gelöst hatte. Jemand setzte sich neben sie, stand wieder auf, stolperte und stützte sich schwer auf ihre Schulter, ohne sich zu entschuldigen. Eugénie stieß einen kleinen Schrei aus – irgendetwas hatte sie in den Nacken gestochen. Eine Biene ? Ganz sicher war es eine Biene! Voller Abscheu schlug sie mit den Armen um sich, sie sprang auf und verlor das Gleichgewicht, ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie schaffte es gerade noch zurück auf die Bank. Langsam wurden ihre Glieder taub, sie bekam Atemnot. Sie ließ sich gegen die Wand sinken. Schlafen. Angst und Erschöpfung vergessen … An der Schwelle zur Ohnmacht erinnerte sie sich an den Satz, den der Pfarrer nach dem Tod ihres Kindes gesprochen hatte: »Das Leben auf Erden ist nur eine Art Vorspiel; so steht es in der Bibel, und die Bibel ist das Buch Gottes. « Sie sah, wie Marie-Amélie wegging und sich im Gedränge verlor, sie hatte nicht mehr die Kraft, das Kind zurückzurufen, so eng war ihr die Brust. Vor ihren tränenden Augen verschwamm die Menschenmenge zu einem wabernden Kreis, der sich um sie schloss und immer näher kam …

 

Vor der angloamerikanischen Bar fächelte sich Victor mit dem Hut Luft zu und suchte in dem Mosaik aus dunklen Überröcken und hellen Kleidern nach seinem Freund Marius Bonnet. Jemand schlug ihm auf die Schulter, er drehte sich um und sah einen kleinen, dicklichen Mann um die vierzig, der seine fortgeschrittene Glatze unter einem schief sitzenden Panamahut verbarg.
»Marius! Hast du den Verstand verloren? Warum müssen wir uns ausgerechnet hier treffen ? Wie kommst du nur auf eine solche Idee ? Diese Nachricht, die du mir hinterlassen hast, war mir ein einziges Rätsel. «
»Hör auf, dich zu beklagen. Von hier oben sieht die Welt ganz klein und unbedeutend aus – das gibt einem Kraft. Wo ist dein Kompagnon ? «
» Er kommt gleich. Also, sag mir jetzt, worum es geht. «
» Wir stoßen auf die fünfzigste Ausgabe meiner Zeitung an. Sie wurde am 4. Mai aus der Taufe gehoben, am Vorabend der Hundertjahrfeier der letzten Einberufung der Generalstände in Versailles. Ich hingegen begnüge mich mit einem dreihundert Meter hohen Turm und habe darauf gezählt, dass ihr mit mir feiert. «
» Schreibst du nicht mehr für Le Temps ? «
» Bei Le Temps habe ich den Griffel hingeschmissen. Seit meinem letzten Besuch in deiner Buchhandlung ist einiges passiert. Hast du unser Gespräch vergessen ? «
»Ich muss gestehen, dass ich deine Pläne nicht ganz ernst genommen habe. «
»Ha, dann kannst du jetzt eine Überraschung erleben, mein Freund ! Ich bin zur Tat geschritten, und dein Kompagnon ist daran nicht unschuldig. «
» Kenji ? «
»Ja. Monsieur Mori hat mich zutiefst getroffen mit seinem Spott über meine Zögerlichkeit. Also habe ich den Sprung gewagt. Du hast den Herausgeber und Chefredakteur des Passe-partout vor dir, einer Tageszeitung mit vielversprechender Zukunft. Außerdem möchte ich dir ein reizvolles Angebot unterbreiten. «
Zweifelnd betrachtete Victor Marius’ pausbäckiges Gesicht. Er hatte ihn vor ein paar Jahren bei dem Maler Meissonier kennengelernt und sich von der Eloquenz des Südfranzosen mitreißen lassen. Marius war ungeheuer schlagfertig, er flocht literarische Zitate in seine Reden ein, er schmeichelte mit seiner vorgetäuschten Naivität Frauen genauso wie Männern, doch er konnte so scharf sein wie ein Rasiermesser und hatte keinerlei Hemmungen, öffentlich auszusprechen, was andere Leute lieber für sich behielten.
» Komm, jetzt lernst du meine Mannschaft kennen. Wir sind nur wenige; das Blatt ist weit von der Achtzigtausender-Auflage des Figaro entfernt – aber Alexander der Große war ja auch ein kleiner Mann. «
Sie bahnten sich einen Weg zu einem Tisch, wo zwei Männer und zwei Frauen über ihren Getränken saßen.
»Kinder, das ist mein Freund Victor Legris, der Buchhändler, von dem ich euch erzählt habe. Ein hochgebildeter Mann, dessen Mitarbeit für uns wertvoll sein wird. Victor, darf ich dir Mademoiselle Eudoxie Allard vorstellen? Meine überaus geschätzte Sekretärin, Buchhalterin, Koordinatorin und … mein Blitzableiter. «
Eudoxie Allard, eine verführerische Brünette mit Schlafzimmerblick, musterte Victor von Kopf bis Fuß, entschied dann, dass er lediglich in beruflicher Hinsicht von Interesse sei, und schenkte ihm ein süßsaures Lächeln.

Claude Izner

Über Claude Izner

Biografie

Claude Izner ist das Pseudonym der Schwestern Liliane Korb und Laurence Lefèvre, beide langjährige Bouquinistinnen mit eigenem Bücherstand am Seine-Ufer in Paris. Sie sind außerdem in der Filmbranche tätig und jede für sich als Schriftstellerin erfolgreich. Ihre gemeinsam verfassten Kriminalromane...

Pressestimmen

Cellesche Zeitung

»Die Lösung der Mordserie wird wie beim Gesellschaftsspiel zusammengepuzzelt und all das bei einem atmosphärisch dichten, sinnlichen Spaziergang ins 19. Jahrhundert.«

Münchner Merkur 

»Ein unterhaltsamer Krimi, der viel Pariser Charme in historischer Kulisse verströmt, besetzt mit liebenswert-kuriosem Personal. Ein Lesespaß nicht nur für Frankophile.«

Ruhr Nachrichten

»Locker-leicht geschrieben.«

Hessische/Niedersächsische Allgemeine

»Der Autor versteht es, den speziellen Charme der vorletzten Jahrhundertwende und dieser Stadt nahezubringen. Ein amüsantes und spannendes Buch.«

Wiener Journal (A)

»Ein Krimi der besonderen Art, wird hier doch die Atmosphäre im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts meisterhaft beschworen.«

Gießener Zeitung

»Es ist ein überbordender Kriminalroman, der seine Leser mit wenigen Sätzen in die Zeit der Weltausstellung in Paris reißt. Ein sinnliches Vergnügen, nicht nur für Frankophile, sondern für alle, die intelligente Krimis mögen.«

Aachener Zeitung

Eine spannende Story, mit prägnant und überzeugend gezeichneten Charakteren. Atmosphärisch dicht und sprachlich treffend.

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