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Lucy im Himmel

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Lucy im Himmel — Inhalt

Als Nadja und Salim kinderlos bleiben, entschließen sie sich zur Adoption. Sie warten lange, bis man Nadja eines Tages auf dem Amt ein Kind anbietet, das könne sie gleich mitnehmen. Doch kein wohlriechendes, zartes Etwas wird ihr in den Arm gedrückt – Netanel steht da, dreizehn Jahre alt, geht schweigend neben ihr her, sitzt stumm im Bus. Ein bleicher verschlossener Junge, der nicht isst und nicht spricht und sich am liebsten in der Krone des Feigenbaums versteckt. Bis Nadja ihn unter der Dusche von strawberry fields singen hört und ihm Erdbeeren gibt. Die isst er, und unter dem alten Anhänger im Hof singt er ein Lied vom yellow submarine …

Daniella Carmis Roman wohnt ein seltener Zauber inne. Sie erzählt eine Geschichte, die in der arabischen Welt Israels angesiedelt ist, eine Geschichte der anderen, der Träumer und der Schweigsamen. Eines der schrägsten, unkonventionellsten Bücher aus Israel, ein Buch, dessen Humor und entwaffnende menschliche Wärme zu Herzen gehen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.08.2013
Übersetzer: Anne Birkenhauer
144 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7683-0

Leseprobe zu »Lucy im Himmel«

Hätten Nonnen heutzutage eine etwas höhere Moral, wäre
das alles vielleicht nicht passiert. Denn, was hat mir letztlich
gefehlt, um schwanger zu werden? Dieses eine Hormon: Pergonal.
»Wenn Sie das nicht von Natur aus haben«, erklärte mir der
Arzt, »können wir es Ihnen besorgen, man findet es im Urin
jeder Frau. Nur sauber muss er sein, ich meine rein. Nicht von
einer Frau, die die Pille oder allerlei Hormone schluckt.«
»Und wo findet man so eine Frau?«, fragte ich ihn.
»Im Kloster«, sagte er.
Als ich aber zwei Wochen später wegen der Spritze wiederkam,
sagte er, [...]

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Hätten Nonnen heutzutage eine etwas höhere Moral, wäre
das alles vielleicht nicht passiert. Denn, was hat mir letztlich
gefehlt, um schwanger zu werden? Dieses eine Hormon: Pergonal.
»Wenn Sie das nicht von Natur aus haben«, erklärte mir der
Arzt, »können wir es Ihnen besorgen, man findet es im Urin
jeder Frau. Nur sauber muss er sein, ich meine rein. Nicht von
einer Frau, die die Pille oder allerlei Hormone schluckt.«
»Und wo findet man so eine Frau?«, fragte ich ihn.
»Im Kloster«, sagte er.
Als ich aber zwei Wochen später wegen der Spritze wiederkam,
sagte er, man habe nicht genug von dem reinen Urin
gefunden.
»Niemand versteht das so richtig«, sagte ich zu Salim, meinem
Mann, »vielleicht sind Klöster heute ja auch nicht mehr
das, was sie früher mal waren. Man sollte meinen, dass die
Nonnen ihrem geliebten Bräutigam die Treue halten und ihren
Körper fürs ewige Leben aufheben. Aber so läuft das wohl
nicht mehr. Vielleicht gibt es doch Entwicklungen, die wir in
unserem arabischen Dorf verpassen.«
»Und bis es so weit ist mit dem ewigen Leben«, sagte Salim,
»wollen sie vielleicht doch schon ein bisschen den Himmel auf
Erden. Lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube …«
Ich war jedenfalls schon siebenunddreißig, und so beschlossen
Salim und ich, ein Kind zu adoptieren.
Drei Jahre standen wir auf der Warteliste, und drei Jahre lang
haben wir nichts von denen gehört. Eines Tages haben sie uns
zu sich bestellt. Sie erzählten etwas vom Kind einer jungen
Frau aus Galiläa und einem Mann aus der Westbank, der keine
Aufenthaltserlaubnis bekam. Danach haben sie Salim und
mich wochenlang verhört. Und dann diese Formulare! Ein
ganzer Berg lag da auf dem Tisch, nur mit unseren Lebensläufen.
Aber als ich lange Zeit nach all den Verhören eines Morgens
wieder einmal zum Adoptionsamt gefahren war, sagen
sie mir: »Hier ist ein Kind, das können Sie sofort mitnehmen,
Frau Yassin, allerdings nur als Pflegekind. Sonst lassen wir die
Sache gleich wieder fallen.«
Spannung liegt in der Luft. Irgendwas kommt bei mir
durcheinander. Ich weiß nicht, was. Ich sehe, wie sie mir einen
Koffer in die Hand drücken. Aber von dem Baby ist weit
und breit nichts zu sehen. Ich will fragen, frag aber nicht. Drei
Wohlfahrtspflegerinnen sitzen da, sie sagen kein Wort. Dann
lassen sie aus irgendeinem Zimmer einen Jungen kommen,
und ohne mir auch nur einen Moment Zeit zu geben, ihn anzuschauen,
sitzen wir schon im Bus – er und ich und der Koffer.
Während der ganzen Fahrt bedrückte mich sein Schweigen.
Ich hatte sogar Angst, ihn anzuschauen. Erst als wir
durch eine Allee fuhren, in der die lila Blüten der Bäume den
Bus streiften, erst da habe ich einen ersten Blick gewagt.
Seine Schultern waren noch schmal, und ich muss sagen,
sein Körper sah ein bisschen aus wie ein Stängel. Vielleicht
hatte er kürzlich einen Schub getan, denn er wusste anscheinend
nicht, wohin mit seinen Händen. Dann hielt der Bus
in unserem Dorf, aber der Junge – nichts. Rührt sich nicht.
Schaut aus dem Fenster. Bewegt nur die Finger, klimpert in
der Luft, als schwebe da ein Klavier.
Ich sage seinen Namen, tippe ihm auf die Schulter. Der Fahrer
schaltet den Motor ab, kommt nach hinten und schaut ihn
an. Der ganze Bus schaut ihn an. Ich glaube, mir läuft gleich
die Seele aus. Keine Ahnung, wie er dann doch irgendwann
aufgestanden und ausgestiegen ist.
Ich öffne das Gittertor zu unserem Hof. Salim lehnt ein
paar Meter weiter mit dem Rücken an der Wand. Ich trage
den Koffer hinein, der Junge mir hinterher.
Salim erstarrt auf
der Stelle. Nur seine Zigarette zittert.
Und der Junge läuft hin und her. Schlenkert die ganze Zeit
die Hände. Und auch wenn er am Hoftor stehen bleibt, hebt er
den Blick nicht. Er steht davor, als wären die Eisengitter mindestens
mit Edelsteinen besetzt.
Salims Gesicht ist verschlossen. Nur seine Brille schwitzt.
Ich laufe rein und raus, fliehe vor der Stille. Bringe dem Jungen
einen Krug Wasser mit Zitronenscheiben. Bringe Salim
einen Kaffee, stelle Tomaten, Lebanee-Käse und Fladenbrot
auf den Tisch und einen Topf Reis, es ist ja schon Mittag. Aber
Salim setzt sich mit dem Rücken zum Tisch, raucht eine Zigarette
nach der anderen und schaut den Jungen noch nicht einmal
an. Na schön. Ob er hinschaut oder nicht, der Junge läuft
sowieso weiter auf und ab und schlenkert die Hände.
Ich rufe ihn, er soll sich an den Tisch setzen. »Netanel«
heißt er. Ich rufe ihn bei seinem Namen, da macht er noch
größere Schritte und geht noch weiter weg. Bis zum Mandarinenbaum.
Dessen Blätter untersucht er, als hätte er noch
nie im Leben einen Baum gesehen.
Auch wir rühren das Essen nicht an. Salim umklammert
seinen Kaffeebecher und wärmt sich die Hände. Dabei ist es
im Hof heiß wie in einem Taboon-Ofen.
Ich beziehe das Klappbett in dem Zimmer, das für das Baby
bestimmt war. Salim hatte ein Poster von einem Disneyfilm
aufgehängt. Stattdessen hänge ich eine feine Bleistiftzeichnung
von den Bergen des Libanon auf. Und den bunten Teppich
ersetze ich durch eine Strohmatte, damit er sich nicht wie
ein Baby vorkommt.
Salim sitzt im Hof und schweigt. Ich rufe Netanel, aber es
sieht nicht so aus, als ob er mich höre. Wenn ich hier schon einen
tauben Jungen habe, dann habe ich jetzt auch noch einen
stummen Mann.
Schließlich gehe ich zu dem Jungen hin. Ich lege ihm ein
Handtuch über die Schulter, da ist er für einen Moment ganz
da, sieht mich und läuft hinter mir her. Ich zeige ihm die Dusche
und mache den Koffer auf.
Nach der Dusche kommt er in einem hellen Trainingsanzug
mit rotem Ball auf der Brust heraus, und ich frage ihn, ob er
nicht hungrig ist. Er geht einfach an mir vorbei, wirft einen
kurzen Blick in die beiden Zimmer. Und als er das Klappbett
im Kinderzimmer sieht, legt er sich drauf und schläft ein. Und
draußen ist noch heller Tag.
Ich betrachtete ihn. Sein schlafendes Gesicht so arglos. Unter
dem Haar, das in die Stirn fällt, ragt eine goldene Locke
auf, wie bei einem Küken.
Zwei Tage waren vergangen, und der Junge hatte noch nichts
gegessen. Er hat auch mit keinem von uns gesprochen. Lief
nur hin und her und schlenkerte die Hände. Immer wieder
fragte ich ihn, ob es etwas gäbe, was er gern hätte. Einmal hob
er beide Arme ganz hoch und ließ sie auf einen Schlag fallen,
als ahme er nach, wie der Regen fällt, oder einen Wasserfall.
Aber er schaute uns nicht in die Augen. Und er murmelte
Worte, die keiner verstand.
Beim Adoptionsamt haben sie mir nichts über seine Herkunft
gesagt. Vielleicht ist er nicht von hier. Ich dachte mir:
Mich würde es nicht wundern, wenn er überhaupt taub ist.
Am dritten Tag musste ich wieder zur Arbeit. Ein Glück,
dass Salim im Hinterhof unter dem Wellblechdach seiner sogenannten
Werkstatt zugange war, denn Netanel lief im Hof
auf und ab und schaute noch nicht einmal auf, als ich das Tor
hinter mir zuzog.
Als ich zurückkam, sah ich ihn im Mandarinenbaum. Den
Kopf in den Blättern, als ob sein Körper aus dem Stamm herauswuchs.
Ich brachte Obst in den Hof, Feigen und gekochte Lupinensamen.
Ich machte eine Packung Kekse auf und fand auch
noch ein paar Sesam-Leckereien. Aber er trabte auf seiner
festen Bahn, als sei ich gar nicht da. Bis zum Tor und wieder
zurück, mit einem kurzen Halt am Mandarinenbaum.
Ich sagte zu Salim: »Dass er nichts isst, macht mir Sorgen,
aber noch mehr bedrückt mich, dass er uns nicht in die Augen
schaut. Aber wenn wir beim Adoptionsamt anrufen, dann
überlegen die es sich womöglich noch anders, wie damals bei
dem Baby, und nehmen ihn uns wieder weg …«
Salim trug das Bett hinaus, das er für das Baby gebaut hatte;
zwei Monate lang hatte er dafür Bretter gesammelt, den
Boden gezimmert und mit einer Matratze gepolstert. Tag und
Nacht habe ich ihn schmirgeln gehört, damit sich die Holzstangen
schön glatt anfühlten. Und dann hatte er es hellblau
lackiert.
Da stand er mit dem Bettchen. Er rührte sich nicht. Ich
wollte ihm etwas Liebes zurufen, doch mir kam nichts über
die Lippen.
Zum Schluss ging ich zu ihm, es war, als klebte er an der
Wand. Ich dachte, ich würde gleich mit ihm zusammen erstarren.
Aber dann fing ich mich wieder und lief los Netanel
ein Handtuch bringen.
Er duschte, und ich stand hinter der Tür. Es klang, als flössen
englische Wörter aus der Dusche. Ich begriff, das war
jetzt entscheidend, und rief: »Salim, komm mal schnell!« Er
rührte sich nicht. Na schön, so ist er manchmal.
Ich nahm Salim bei der Hand, aber er zog sie weg und ging
in die andere Richtung. Genau wie damals, als er sich von
mir trennen wollte. Als mein christlicher Vater mich verstieß
und ihm das alles zu viel wurde. Der verstand einfach nicht,
wie ich mit einem Moslem gehen konnte. Damals ist Salim
ein paarmal von mir weggelaufen. Weggelaufen und zurückgekommen.
Plötzlich, ich weiß nicht, was in mich fuhr, ging ich zu ihm
und stieß ihn mit dem Ellbogen. Für mich war er in diesem
Moment Salim, der Wegläufer von damals. Er versteifte seinen
Körper, und ich sah mich, wie ich ihm mit voller Wucht
die Faust auf den Rücken knallte, und erschrak über mich
selbst. Danach kam er mit.
»Sag mir bitte, was der Junge da erzählt«, bat ich ihn an der
Tür, »dein Englisch ist doch besser als meins.«
Er legte sein Ohr an die Tür: »Er singt etwas von Erdbeeren.
Von Erdbeerfeldern.«
»Vielleicht isst er ja Erdbeeren«, sagte ich, »wenn er nur
endlich mit diesem Fasten aufhört – jeder Ramadan ist leichter
durchzuhalten, als was er da veranstaltet.«
»Wer hungrig ist, begnügt sich auch mit trocken Brot,
heißt es nicht so?«, fragte Salim.
»Der Junge hat Angst. Er hat keine Ahnung, was ihn hierher
verschlagen hat.«
»Und wir, haben wir denn eine Ahnung, was uns auf diesen
Planeten verschlagen hat?«, philosophierte er und suchte meinen
Blick, aber mir war nicht nach Lachen zumute.
Es war schon spät, als Salim sich bereitfand, zu einem Cousin
zu gehen, der Erdbeeren anbaute, und für Netanel welche zu
besorgen. Ich dachte mir, er geht jetzt überallhin, bloß um
sich von dem Jungen zu erholen.
Bis zum Morgen kam er nicht nach Hause. Na schön.
Nachts rief er aber von der Polizeiwache an. Sie hatten ihn
beim Erdbeerenpflücken auf dem Hügel festgenommen, denn
jetzt stehen dort die Wohnblöcke des Städtchens. Früher, bevor
die gebaut wurden, hat sein Cousin da Erdbeeren gepflanzt.
Er hat ein Riesenglück gehabt, dass er bei der Polizei so ungeschoren
davongekommen ist. Die waren mit einem Bankeinbruch
im Dorf beschäftigt und haben ihn laufen lassen.
Und er – kein Wort über seine Festnahme. Das Wichtigste
vergisst er sowieso immer zu erzählen. Erst als ich ihn direkt
fragte, gab er zu, den Polizisten nicht gesagt zu haben, dass
er Anwalt ist und seine Kanzlei wegen Auftragsmangel zugemacht
hat. Denn dazu ist mein Salim ja zu stolz.
Ich sagte: »Du wolltest dich wohl ein bisschen von dem
Jungen erholen.«
»Dafür lohnt sich keine Nacht auf der Wache, glaub mir«,
sagte er.
So saßen wir drei schon früh am Morgen im Hof. Netanel
vor seinem Teller, futterte Erdbeeren, und Salim und ich saßen
links und rechts von ihm. Ich lächelte Salim an.
»Hierfür hat sich die Nacht auf der Wache allemal gelohnt
«, sagte ich, und wir lachten beide.
Am nächsten Morgen arbeitete Salim hinterm Haus an einem
alten Traktor, und Netanel rannte herum und schlenkerte die
Hände. Mittags rief Salim ihn zum Essen, doch Netanel hörte
nicht. Da stellte er ihm eine Schüssel Erdbeeren auf den Tisch
und ging wieder an die Arbeit.
Nachmittags kam er auf die Idee, dem Jungen zu zeigen, wie
man einen Autoschlauch untersucht. Er klopfte von beiden
Seiten auf den Schlauch und pfiff dabei. Netanel kam ab und
zu vorbei und schaute, was sich unter dem Wellblechdach tat.
Salim legte den Reifen in eine Wanne mit Wasser, und als
der Junge ihm dabei zuschaute, war er zufrieden. Doch dann
sah er den Blick des Jungen zum Mandarinenbaum wandern,
und dort flitzten Netanels Augen hin und her, als widerfahre
ihm gerade ein großes Wunder.
»Und was meinst du, warum?«, fragte mich Salim, als er
mir am Abend davon erzählte: »Vor lauter Freude, dass er den
Mandarinenbaum jetzt aus einem neuen Winkel sah!«
Am selben Tag sollte ich bei der Städtischen Sozialstelle auf
dem Hügel, wo ich arbeite, die festangestellte Sozialarbeiterin
vertreten, die in Mutterschutz gegangen war.
Es war das erste Mal, dass sie mich an eine Familie ranließen.
Nach dem Studium habe ich das Praktikum nicht beendet,
und deshalb ließen sie mich bisher nur die Ablehnungsbescheide
an die Familien schreiben, die Sozialhilfe beantragt
haben. Nur Ablehnungen lassen sie mich schreiben. Ich hoffe
ja nur, dass es irgendwo auch eine Frau gibt, die Zusagen
schreibt.
Na schön. Vor mir saß also eine russische Frau. Im Aufnahmebogen
stand ihre Geschichte. Sie wohnt hier im Städtchen,
auf dem Hügel, und heißt Marina. Sie gibt im Gemeindezentrum
ein paar Stunden Klavierunterricht. Ihr Mann hat seine
Arbeit verloren und sitzt deprimiert zu Hause. Auch den Appetit
hat er verloren. Seit der Mann zu Hause ist, hat ihr sechsjähriger
Sohn keine Lebensfreude mehr. Und sie haben auch
noch ein Baby, ein Mädchen.
Die Frau sah müde aus. Ihre Lippen waren zusammengekniffen,
als hätte sie schon Jahre nicht mehr gelächelt.
Ich versuchte mich zu konzentrieren, und wieder begann
der Druck in den Schläfen.
»Redet er, der Mann?«, fragte ich schließlich.
»Früher ohne Ende. Jetzt schweigt er.«
Ich versuchte es so: »Wenn die Kinder im Bett sind – können
Sie sich dann vielleicht ein bisschen zu ihm setzen und
etwas aus ihm herausbekommen?«
»Wir reden nicht viel«, sagte sie und zuckte mit den Schultern.
Ich sagte: »Vom Schweigen zum Schlagen ist der Weg nicht
weit.«
Und sie: »Nein, Gewalt – er nicht.«
»Aber Sie, Sie werden zum Schluss schlagen«, erklärte ich.
»Mich hat schon die Erinnerung an das Schweigen meines
Mannes so verrückt gemacht, dass ich ihm vor zwei Tagen
eine in den Rücken geboxt habe.«
Marina lachte. Sogar Tränen stiegen ihr in die Augen. Da
sah ich, diese Frau hat auch Gesichtszüge.
»Und für den Appetit: Versuchen Sie es doch mal mit Erdbeeren.
« Ich hatte überhaupt nicht nachgedacht, bevor ich
das sagte.
Sie war überrascht: »Was soll ich ihm geben?«
Ich machte die Tüte mit den Erdbeeren auf, die ich vor der
Arbeit für Netanel gekauft hatte, und füllte ein paar in einen
kleinen Beutel, für Marinas Mann.

Daniella Carmi

Über Daniella Carmi

Biografie

Daniella Carmi, 1956 in Tel Aviv geboren, studierte Kommunikationswissenschaften und Philosophie. Sie schreibt Theaterstücke, Drehbücher und Romane und wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt für »Lucy im Himmel« mit dem Ministerpräsidentenpreis für Hebräische Literatur.

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