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Lost Girls – Was kostet ein Leben?Lost Girls – Was kostet ein Leben?

Lost Girls – Was kostet ein Leben?

Kriminalroman

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Lost Girls – Was kostet ein Leben? — Inhalt

Als die Freundinnen Charlie und Amy nicht nach Hause kommen, beginnt für ihre Familien ein wahrer Albtraum. Eine SMS lässt wahr werden, was alle befürchteten: Die zwei neunjährigen Mädchen wurden entführt. Nur das Paar, das den höchsten Betrag zahlt, wird seine Tochter wiedersehen. Das andere nicht. Längst tickt die Uhr für Detective Inspector Kim Stone und ihr Team, doch die Täter sind ihr immer einen Schritt voraus. Von Stunde zu Stunde verringert sich die Chance, die beiden unversehrt zu ihren Familien zurückzubringen. Stone gibt ihr Äußerstes, um den Fall zu lösen. Sonst muss eines der Kinder den höchsten Preis für ihr Versagen zahlen – sein Leben.

 

 

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 02.11.2017
Übersetzt von: Elvira Willems
512 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06098-1
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 02.10.2017
Übersetzt von: Elvira Willems
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97824-8

Leseprobe zu »Lost Girls – Was kostet ein Leben?«

Prolog
Februar 2014
Emily Billingham versuchte, durch die Hand, die auf ihrem Mund lag, zu schreien.
Die Finger, die auf ihren Unterkiefer drückten, waren dünn, aber stark. Emily zwängte einen Laut heraus, doch der prallte an seiner Haut ab. In dem Versuch, sich zu befreien, riss sie den Kopf nach hinten. Ihr Schädel schlug auf etwas Hartes, eine Rippe.
»Hör auf damit, du dämliches kleines Flittchen«, sagte er und schleifte sie rücklings mit.
Das Pochen in ihren Ohren war so laut, dass es seine Worte beinahe übertönte. Sie spürte ihr Herz hart gegen den [...]

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Prolog
Februar 2014
Emily Billingham versuchte, durch die Hand, die auf ihrem Mund lag, zu schreien.
Die Finger, die auf ihren Unterkiefer drückten, waren dünn, aber stark. Emily zwängte einen Laut heraus, doch der prallte an seiner Haut ab. In dem Versuch, sich zu befreien, riss sie den Kopf nach hinten. Ihr Schädel schlug auf etwas Hartes, eine Rippe.
»Hör auf damit, du dämliches kleines Flittchen«, sagte er und schleifte sie rücklings mit.
Das Pochen in ihren Ohren war so laut, dass es seine Worte beinahe übertönte. Sie spürte ihr Herz hart gegen den Brustkorb schlagen.
Wegen des Stoffs über den Augen konnte sie ihre Umgebung nicht sehen, doch sie spürte den Kies unter den Füßen.
Jeder Schritt brachte sie weiter von Suzie fort.
Noch einmal bäumte Emily sich auf. Sie setzte die Oberarme ein und versuchte, sich von ihm wegzustemmen, doch er zog sie bloß noch näher an sich heran. Sie wollte sich seinem Griff entwinden, doch seine Arme packten noch fester zu. Sie wollte nicht mit ihm gehen. Sie musste sich befreien. Sie musste Hilfe holen. Ihr Daddy wüsste, was zu tun war. Ihr Daddy würde sie beide retten.
Sie hörte eine Tür knarren. O nein, der Lieferwagen.
Sie brachte die Kraft auf zu schreien. Sie wollte nicht noch einmal in den Lieferwagen.
»Nein … bitte …«, weinte sie und wand sich in seinem Griff.
Er trat ihr fest in die Kniekehle.
Ihr Bein gab nach, und sie stolperte nach vorn, doch sie ging nicht zu Boden, weil er eine Handvoll Haare packte.
Ihre Kopfhaut brannte, und Tränen schossen aus ihren Augen.
In einer einzigen Bewegung warf er sie in den Laderaum und schlug die Tür zu. Es hörte sich genauso blechern an wie vor ein paar Tagen, als sie zu Fuß auf dem Weg zur Schule gewesen war.
Ihr Klassenzimmer kam ihr jetzt sehr weit weg vor. Ob sie ihre Freunde je wiedersehen würde?
Der Lieferwagen setzte eilig zurück, sodass sie nach vorn geschleudert wurde. An ihrem Hinterkopf explodierte der Schmerz wie ein Feuerwerk.
Sie wand sich, um sich aufzurichten, doch der Lieferwagen fuhr so schnell, dass sie auf die Seite geworfen wurde.
Ihre Wange krachte auf den Holzboden des Fahrzeugs, das mit hohem Tempo dahinbretterte. Sie zuckte vor Schmerz zusammen, als ihre nackte Wade über einen Nagel schrammte und das Blut ihr warm über den Knöchel rann.
Suzie würde ihr sagen, sie solle stark sein. Wie damals, als sie sich beim Sport das Handgelenk verstaucht hatte. Suzie hatte ihre andere Hand gehalten und ihr Kraft ins Herz geflößt und ihr gesagt, es würde alles gut werden. Und sie hatte recht gehabt.
Doch diesmal hatte sie nicht recht gehabt.
»Ich kann das nicht, Suzie, es tut mir leid«, flüsterte Emily, als ihre Tränen zu Schluchzern wurden. Sie wollte tapfer sein für ihre Freundin, doch das Zittern, das in ihren Beinen angefangen hatte, wanderte jetzt durch ihren ganzen Körper.
Sie zog die Knie ans Kinn, um sich ganz klein zu machen, zu einer winzigen Kugel, doch das Zittern wollte nicht aufhören. Sie spürte, wie sich zwischen ihren Oberschenkeln ein Tropfen Urin löste. Das Tröpfeln wurde zu einem Rinnen, das sie ebenfalls nicht aufzuhalten vermochte.
Ein verängstigtes Schluchzen löste sich von ihren Lippen, und Emily betete darum, dass das Martyrium bald endete.
Und dann hielt der Lieferwagen abrupt an.
»Bitte M…Mummy, komm und hol mich«, flüsterte sie, als sich unvermittelt eine unheilvolle Stille auf sie herabsenkte.
Sie lag mit dem Rücken an der Tür, reglos. Das Zittern hatte ihre Glieder gelähmt. Sie hatte keine Kraft mehr, sich gegen ihn zu wehren, und wartete einfach, was als Nächstes geschah.
Wie ein Kloß saß ihr die Angst im Hals, als ihr Entführer die Tür öffnete.

1
Black Country – März 2015
Brennender Zorn tobte in Kim Stone. Vom Zündpunkt in ihrem Gehirn schoss er wie elektrischer Strom bis zu den Fußsohlen, um von dort noch einmal durch sie hindurchzujagen.
Wenn ihr Kollege Bryant jetzt bei ihr wäre, würde er eindringlich auf sie einreden, sie solle sich beruhigen. Nachdenken, bevor sie handelte. An ihre Karriere denken, ihren Lebensunterhalt.
Also war es nur gut, dass sie allein war.
Das Pure Gym lag an der Level Street in Brierley Hill und reichte vom Merry-Hill-Einkaufszentrum bis zum Waterfront-Büro-und-Kneipen-Komplex.
Es war Sonntagmittag, der Parkplatz war voll. Sie fuhr ihn einmal ganz ab, entdeckte den Wagen, den sie suchte, und parkte die Ninja dann direkt vor dem Eingang. Sie hatte nicht vor, lange zu bleiben.
Sie trat ins Foyer und näherte sich dem Empfang. Eine hübsche, gebräunte Frau streckte mit einem strahlenden Lächeln die Hand aus. Vermutlich nach Kims Mitgliedskarte. Kim hatte einen anderen Ausweis vorzuzeigen: ihren Dienstausweis.
»Ich bin kein Mitglied, ich müsste kurz mit einem Ihrer Kunden sprechen.«
Die Frau sah sich ratsuchend um.
»Eine polizeiliche Angelegenheit«, sagte Kim. Gewissermaßen, fügte sie im Stillen hinzu.
Die Frau nickte.
Kim studierte den Übersichtsplan und wusste genau, wo sie hinwollte. Sie hielt sich links und fand sich hinter drei Reihen von Geräten wieder, auf denen Leute gingen, walkten und joggten.
Sie blickte an den Rücken von Menschen entlang, die Energie darauf verwandten, nirgendwo hinzugehen.
Die, nach der Kim suchte, trainierte ganz hinten in der Ecke. Das lange blonde, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haar wies ihr den Weg. Die Tatsache, dass sie das Handy vor sich auf dem Display des Steppers liegen hatte, bestätigte es.
Sobald Kim ihre Zielperson gefunden hatte, war sie taub für die Geräusche, mit denen die Menschen hier ihre Glieder bewegten und ausschritten, und blind für die neugierigen Blicke, die sie ihr zuwarfen, weil sie die einzige vollständig bekleidete Person im Raum war.
Alles, was sie interessierte, war die Frau, die mit verantwortlich war für den Tod eines neunzehnjährigen Jungen namens Dewain.
Kim stellte sich breitbeinig vor das Gerät. Der Schock auf Tracy Frosts Gesicht drang durch ihre Wut beinahe zu Kim durch. Aber nicht ganz.
»Auf ein Wort?«, fragte sie, auch wenn es eigentlich keine Frage war.
Für eine Sekunde verlor die Frau auf dem Stepper beinahe den Halt, und das wäre doch zu schade gewesen.
»Wie zum Teufel sind Sie …?« Tracy sah sich um. »Sagen Sie jetzt nicht, Sie haben Ihre Dienstmarke gezückt, um hereinzukommen?«
»Auf ein Wort. Unter vier Augen«, wiederholte Kim.
Tracy steppte weiter.
»Gut, meinetwegen können wir uns auch hier unterhalten«, sagte Kim und hob die Stimme. »Ich sehe die Leute da nie wieder.«
Sie spürte, dass inzwischen schon mindestens die Hälfte der Blicke auf sie gerichtet war.
Tracy stieg nach hinten von dem Gerät herunter und griff nach ihrem Handy.
Kim war überrascht, wie klein die Frau war; sie schätzte sie auf höchstens einen Meter achtundfünfzig. Kim hatte sie noch nie ohne ihre 13-Zentimeter-Stilettos gesehen, egal, wann und wo.
Kim polterte durch die Tür in die Damentoilette und schob Tracy gegen die Wand. Ihr Kopf verpasste den Haartrockner gerade mal um zwei Zentimeter.
»Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?«, schrie Kim.
Eine Kabinentür ging auf, und ein Mädchen im Teenageralter verließ eilig den Raum. Jetzt waren sie allein.
»Sie können mich nicht so …«
Kim rückte ein wenig ab, sodass ein winziger Abstand zwischen ihnen war. »Wie zum Teufel konnten Sie es wagen, die Geschichte zu veröffentlichen, Sie dämliche Kuh? Jetzt ist er tot. Ihretwegen ist Dewain Wright jetzt tot.«
Tracy Frost, Lokalreporterin und widerlichster Abschaum aller Zeiten, blinzelte zweimal, als Kims Worte den Weg in ihr Gehirn fanden. »Aber … meine … Geschichte …«
»Ihre Geschichte hat dazu geführt, dass er jetzt tot ist, Sie dämliche Kuh.«
Tracy wollte den Kopf schütteln. Kim nickte. »O doch.«
Dewain Wright hatte in der Wohnsiedlung Hollytree gelebt. Ungefähr drei Jahre lang war der Teenager Mitglied einer Gang gewesen, der Hollytree Hoods, und er hatte rausgewollt. Die Gang hatte Wind davon bekommen und ihn niedergestochen und einfach liegen lassen. Sie hatten gedacht, sie hätten ihn umgebracht, doch ein Passant hatte Herz-Lungen-Wiederbelebung gemacht. Kim war hinzugezogen worden, um wegen versuchten Mordes zu ermitteln.
Ihre erste Order hatte gelautet, die Tatsache, dass er noch lebte, außer vor seiner Familie vor jedem geheim zu halten. Ihr war klar gewesen, dass die Gang, wenn sich das in Hollytree herumsprach, einen Weg finden würde, ihn endgültig kaltzumachen.
Die halbe Nacht hatte sie auf einem Stuhl neben seinem Bett gesessen und gebetet, dass er der Prognose trotzen und selbstständig atmen würde. Sie hatte seine Hand gehalten und ihm etwas von ihrer eigenen Energie eingeflößt, damit er die Kraft fand zurückzukommen. Der Mut, den er bewiesen hatte, indem er versucht hatte, sich dem Schicksal zu widersetzen und seinem Leben eine andere Richtung zu geben, hatte etwas in ihr angerührt. Sie hätte gern die Gelegenheit gehabt, den mutigen jungen Mann kennenzulernen, der zu dem Schluss gekommen war, dass das Leben in einer Gang nichts für ihn war.
Kim beugte sich vor und durchbohrte Tracy mit den Augen. Es gab kein Entrinnen. »Ich habe Sie gebeten, die Geschichte nicht zu veröffentlichen, aber Sie konnten einfach nicht widerstehen, was? Es ging Ihnen nur darum, die Nase vorn zu haben, stimmt’s? Gieren Sie so sehr danach, Aufsehen bei den überregionalen Zeitungen zu erregen, dass Sie dafür das Leben eines Jungen wegschmeißen?«, schrie Kim ihr ins Gesicht. »Also, ich hoffe um Ihretwillen, dass man auf Sie aufmerksam wird … denn hier ist kein Platz mehr für Sie. Dafür werde ich sorgen.«
»Es war nicht wegen …«
»Natürlich war es Ihretwegen«, wütete Kim. »Ich weiß nicht, wie Sie herausgefunden haben, dass er noch lebt, aber jetzt ist er tot. Und diesmal ist es wahr.«
Verwirrung zeichnete sich auf den Gesichtszügen ihres Gegenübers ab. Die dämliche Kuh wollte etwas sagen, fand aber keine Worte. Kim hätte ihr sowieso nicht zugehört.
»Sie wissen, dass er aussteigen wollte, ja? Dewain war ein anständiger Junge, der nur versucht hat, nicht zu sterben.«
»Das kann nicht meinetwegen sein.« Allmählich kehrte die Farbe in Tracys Gesicht zurück.
»O doch, das war es, Tracy«, versetzte Kim mit Nachdruck. »An Ihren schmutzigen kleinen Hacken klebt das Blut von Dewain Wright.«
»Ich habe nur meine Arbeit getan. Die Welt hatte ein Recht, es zu erfahren.«
Kim trat näher.
»Ich schwöre bei Gott, Tracy, dass ich keine Ruhe gebe, bis der einzige Job, den Sie noch bei einer Zeitung kriegen, der ist, sie morgens auszu…«
Das Klingeln ihres Handys unterbrach sie mitten im Wort.
Tracy nutzte die Gelegenheit, um sich ein Stück zurückzuziehen.
»Stone«, meldete sich Kim.
»Ich brauche Sie auf dem Revier. Sofort.«
Detective Inspector Woodward war kein besonders herzlicher Chef, aber normalerweise nahm er sich doch wenigstens die Zeit für einen knappen Gruß.
Kims Gehirn fing an zu rattern. Er rief sie am Sonntagmittag an, nachdem er darauf bestanden hatte, dass sie den Tag freimachte. Und er war schon stinksauer über irgendetwas.
»Ich bin unterwegs, Stacey. Bestell mir einen trockenen Weißwein«, sagte sie und legte auf. Falls ihr Chef sich wunderte, warum sie ihn gerade Stacey genannt hatte, würde sie es ihm später erklären.
Unter keinen Umständen würde sie in Hörweite der verachtenswertesten Reporterin, der sie je begegnet war, durchblicken lassen, dass sie soeben einen dringlichen Anruf von ihrem Chef bekommen hatte.
Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder steckte sie bis zum Hals in Schwierigkeiten, oder sie hatten einen neuen Fall. Weder beim einen noch beim anderen Szenario wäre es gut, wenn dieser Abschaum von einer Reporterin es mitbekäme.
Sie wandte sich noch einmal Tracy Frost zu. »Glauben Sie bloß nicht, es wäre vorbei. Ich finde einen Weg, um Sie für das bezahlen zu lassen, was Sie getan haben. Das verspreche ich Ihnen«, sagte Kim und öffnete die Tür zum Flur.
»Das wird Sie Ihren Job kosten«, rief Tracy hinter ihr her.
»Tun Sie sich keine Zwang an«, warf Kim ihr über die Schulter zu. Ein Neunzehnjähriger war in der Nacht zuvor gestorben. Für nichts. Es waren nicht gerade ihre besten Tage.
Und sie hatte das Gefühl, dieser würde noch viel schlimmer werden.

2
Kim parkte die Ninja hinter dem Polizeirevier Halesowen.
Die West Midlands Police war für fast 2,9 Millionen Einwohner zuständig, denn in ihren Bereich fielen die Städte Birmingham, Coventry und Wolverhampton sowie das Black Country.
Sie war in zehn örtliche Polizeieinheiten unterteilt, zu denen auch Kims in Dudley gehörte.
Kim kam beim Büro im dritten Stock an. Sie klopfte, trat ein und erstarrte.
Ihre Überraschung rührte nicht daher, dass neben Woody die eindrucksvolle Gestalt seines Chefs, Superintendent Baldwin, saß.
Nicht einmal daher, dass Woody ein Polohemd trug statt seines normalen weißen Hemds samt Schulterstücken mit Polizeiabzeichen.
Sie beruhte darauf, dass Kim schon von der Tür aus die Schweißperlen auf der karamellfarbenen Haut seines Schädels sehen konnte. Seine Angst konnte sich nirgends verbergen.
Jetzt machte sie sich wirklich Sorgen. Sie hatte noch nie erlebt, dass Woody schwitzte.
Vier Augen ruhten auf ihr, als sie die Tür schloss.
Sie war sich nicht bewusst, dass sie irgendetwas getan hatte, was die beiden so verärgert haben konnte. Superintendent Baldwin kam aus dem Hauptquartier der West Midlands Police, dem Lloyd House in Birmingham. Sie hatte ihn schon oft gesehen. Im Fernsehen.
»Sir?«, sagte sie und richtete den Blick auf den einzigen Mann im Raum, der ihr etwas bedeutete. Es war unmöglich, ihren Chef anzusehen, ohne auch das gerahmte Foto seines zweiundzwanzigjährigen Sohnes im Blick zu haben, der eine Marineuniform trug. Zwei Jahre nachdem das Bild aufgenommen worden war, hatte Woody seinen Leichnam von der Marine zurückbekommen.
»Setzen Sie sich, Stone.«
Sie trat vor und setzte sich auf einen einzelnen Stuhl, der verlassen mitten im Raum stand. Jetzt sah sie von einem zum anderen und suchte nach einem Hinweis. Die meisten Gespräche zwischen Woody und ihr fingen damit an, dass er das Bedürfnis verspürte, seinen Antistressball zu erwürgen. Doch der lag vorn auf seinem Schreibtisch. Normalerweise war das ein beruhigendes Zeichen dafür, dass zwischen ihnen alles gut war.
Er blieb auf dem Tisch liegen.
»Stone, heute Morgen hat es einen Vorfall gegeben: eine Entführung.«
»Bestätigt?«, fragte sie sofort. Oft gingen Menschen verloren und wurden innerhalb weniger Stunden wiedergefunden.
»Ja.«
Sie wartete geduldig ab. Selbst bei einer bestätigten Entführung war Kim sich nicht sicher, warum sie vor dem DCI und seinem Chef saß.
Zum Glück hatte Woody nichts für überflüssige Spielchen oder Spannung übrig, er kam also gleich zur Sache.
»Es geht um zwei kleine Mädchen.«
Kim schloss die Augen und atmete tief durch. Ah, jetzt begriff sie, warum sie vor ihrem Chef und dem Chef ihres Chefs saß.
»Wie beim letzten Mal, Sir?«
Sie war zwar vor dreizehn Monaten nicht an den Ermittlungen beteiligt gewesen, doch bei der ganzen West Midlands Police hatte es niemanden gegeben, den der Fall kaltgelassen hatte. Viele Kolleginnen und Kollegen hatten sich an der Suche nach den Mädchen beteiligt.
Kim wusste eine ganze Menge über den alten Fall, doch die bedeutsamste Tatsache kam ihr sofort in den Sinn.
Eines der Mädchen war nicht zurückgekehrt.
Woody holte sie wieder in die Gegenwart zurück. »Wir sind uns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sicher. Auf den ersten Blick erscheint es so. Die beiden Mädchen sind beste Freundinnen und wurden das letzte Mal im Old-Hill-Freizeitzentrum gesehen. Eine der Mütter hätte sie um halb eins abholen sollen, aber ihr Wagen ist nicht angesprungen.
Beide Mütter haben um zwanzig nach zwölf eine SMS bekommen mit der Bestätigung, dass die Entführer beide Mädchen haben.«
Inzwischen war es gerade mal Viertel nach eins. Die Mädchen waren vor nicht einmal einer Stunde verschwunden, doch wegen der eingegangenen SMS fragte man nicht bei Freunden und Nachbarn nach. Es bestand keine Hoffnung, dass die Mädchen einfach losgezogen waren. Die Mädchen wurden nicht vermisst, sie waren entführt worden. Es war ein Fall.
Kim richtete den Blick auf den Superintendenten.
»Was ist beim letzten Mal schiefgelaufen?«
»Verzeihung?«, fragte er überrascht. Er hatte offenkundig nicht erwartet, direkt angesprochen zu werden.
Kim musterte sein Gesicht, während sein Gehirn eine Antwort formulierte. Polizeiliches Medientraining in Reinkultur. Weder gerunzelte Stirn noch Schweißperlen am Haaransatz. Das überraschte Kim nicht. Unter ihm waren noch etliche Etagen, die im Notfall die Verantwortung und die Schuld tragen würden.
Baldwin sah sie als Antwort auf seine Frage mit starrem Blick an. Eine Warnung, den Mund zu halten.
Sie erwiderte seinen Blick. »Nun, es ist nur ein Kind zurückgekommen, also, was ist schiefgelaufen?«
»Ich glaube nicht, dass die Einzelheiten …«
»Warum bin ich hier, Sir?«, fragte sie, indem sie sich wieder an Woody wandte. Hier ging es um eine doppelte Entführung. Das war eine Sache für die Kriminalpolizei, nicht für das örtliche Revier. Die Leitung so eines Falls wurde in viele verschiedene Teilschritte zerlegt. Man würde nach Hinweisen suchen, Hintergrundrecherchen und Tür-zu-Tür-Befragungen durchführen, Überwachungsvideos sichten und die Presse angemessen informieren. Woody würde ihr niemals die Verantwortung für die Pressearbeit übergeben.
Woody und Baldwin tauschten einen Blick.
Sie ahnte, dass die Antwort ihr nicht gefallen würde. Ihr erster Gedanke war, dass ihr Team abgestellt wurde, um zu assistieren. Ungeachtet ihres Pensums von sexuellen Übergriffen, häuslicher Gewalt, Betrug und versuchtem Mord, mit dem sie sich gerade herumschlugen. Zudem musste noch die Stellungnahme zum Fall Dewain Wright fertiggestellt werden.
»Sie wollen mein Team bei der Suche …«
»Es wird keine Suche geben, Stone«, sagte Woody. »Wir verhängen eine Mediensperre.«
»Sir?«
So etwas hatte es in einem Entführungsfall praktisch noch nie gegeben. Normalerweise hatte die Presse so etwas innerhalb von Minuten spitz.
»Es wurde nichts über Funk durchgegeben, und im Augenblick kommt auch nichts von den Eltern.«
Kim nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Wenn sie sich richtig erinnerte, hatte man dasselbe auch beim letzten Mal versucht, doch am dritten Tag war es durchgesickert. Im Laufe des Tages war das überlebende Mädchen dann gefunden worden – sie war allein am Straßenrand entlanggelaufen. Das zweite Mädchen hatte man nie gefunden.
»Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was …«
»Man hat darum gebeten, dass Sie den Fall leiten, Stone.«
Zehn Sekunden verstrichen, während sie auf die Pointe wartete. Es kam keine.
»Sir?«
»Das ist natürlich unmöglich«, sagte Baldwin. »Sie haben definitiv nicht die nötigen Qualifikationen, um Ermittlungen von einer solchen Größenordnung zu leiten.«
Obwohl Kim durchaus seiner Meinung war, war sie versucht, den Fall Crestwood zu erwähnen, bei dem ihr Team und sie den Mörder von vier Teenagerinnen gefasst hatten.
Sie drehte sich auf ihrem Stuhl so, dass sie nur Woody ansah.
»Wer hat darum gebeten?«
»Eine der Mütter. Sie hat eigens nach Ihnen gefragt, sie will nicht einmal mit jemand anderem reden. Sie müssen hinfahren und die ersten Details aufnehmen, während wir ein Team zusammenstellen. Dann berichten Sie unverzüglich an uns und übergeben die Sache anschließend an den Einsatzleiter.«
Kim nickte zum Zeichen, dass sie das Prozedere verstanden hatte, aber ihre Frage hatte er immer noch nicht ganz beantwortet.
»Sir, können Sie mir die Namen der Kinder und den Namen der Mutter nennen?«
»Charlie Timmins und Amy Hanson sind die Mädchen. Die Mutter von Charlie hat nach Ihnen gefragt. Ihr Name ist Karen, sie sagt, sie sei eine Freundin von Ihnen?«
Kim schüttelte verdutzt den Kopf. Das war unmöglich. Sie kannte keine Karen Timmins, und sie hatte definitiv keine Freundin.
Woody zog ein Blatt Papier auf seinem Schreibtisch zurate.
»Tut mir leid, Stone. Sie kennen die Frau vermutlich eher unter ihrem Mädchenname. Sie hieß früher Karen Holt.«
Kim spürte, wie ihr Rücken starr wurde. Der Name lebte sicher in ihrer Vergangenheit, an einem Ort, den sie nur äußerst selten aufsuchte.
»Stone, Ihre Miene verrät mir, dass Sie diese Frau tatsächlich kennen.«
Kim stand auf, den Blick nur auf Woody gerichtet.
»Sir, ich werde zu ihr fahren und die erste Befragung durchführen, um die Sache dann dem entsprechenden Einsatzleiter zu übergeben, aber seien Sie versichert, dass diese Frau nicht meine Freundin ist.«

3
Kim lenkte die Ninja durch den dichten Verkehr an die Spitze der Schlange. Kaum machte das gelbe Licht Anstalten aufzuleuchten, gab sie Gas und bretterte über die Kreuzung.
An der nächsten Verkehrsinsel touchierte ihr Knie bei fünfundsechzig Stundenkilometern den Straßenbelag.
Sie fuhr nach Süden, hinaus aus dem Herzen des Black Country, das seinen Namen von der neun Meter dicken Schicht aus Eisenerz und Kohle hatte, die hier an verschiedenen Stellen zutage trat.
Früher hatten in dieser Gegend viele Menschen einen landwirtschaftlichen Kleinbetrieb besessen, aber ihr Einkommen als Nagelschmied oder Schmied aufgebessert. Um 1620 herum hatte es im Umkreis von gut fünfzehn Kilometern um Dudley Castle zwanzigtausend Schmiede gegeben.
Die Adresse, die man Kim gegeben hatte, hatte sie überrascht. Sie war nicht davon ausgegangen, dass Karen Holt in einem der schöneren Teile des Black Country leben würde. Ja, sie war ein wenig überrascht, dass die Frau überhaupt noch lebte.
Als sie durch Pedmore fuhr, zog sich die Bebauung immer mehr von der Straße zurück. Die Grundstücke wurden größer, die Bäume höher, die Häuser standen weiter auseinander.
Ursprünglich war es ein Dorf im ländlichen Worcestershire gewesen, doch während des Baubooms zwischen den beiden Weltkriegen war es in Stourbridge aufgegangen.
Sie bog von der Redlake Road in eine Einfahrt, die unter den Reifen des Motorrads knirschte. Während sie bis vors Haus rollte, stieß sie in Gedanken einen Pfiff aus.
Das frei stehende viktorianische Haus, dessen weiße Backsteinmauern aussahen wie frisch getüncht, war von perfekter Symmetrie.
Kim parkte das Motorrad vor einem kunstvollen Eingangsportikus, der zugleich als Unterbau für einen Balkon mit Balustrade diente. Links und rechts der Haustür befanden sich Erkerfenster.
So ein Haus verkündete der Welt, dass man es geschafft hatte. Und Kim konnte nicht umhin, sich zu fragen, was zum Teufel Karen Holt getan hatte, um hier zu leben. Wenn Bryant bei ihr gewesen wäre, hätten sie ihr übliches Spiel – »Schätz den Wert des Hauses« – gespielt, und sie hätte spontan auf nicht weniger als anderthalb Millionen getippt.
Neben einem silbernen Range Rover parkte ein ziviler Vauxhall Cavalier. Ein kurzer Blick in die Runde bestätigte ihr, dass das Haus aus keiner Richtung einzusehen war. Während sie darauf zuging, machte sie sich im Geiste Notizen, die sie demjenigen übergeben würde, den Woody zum Einsatzleiter ernennen würde.
Die Haustür wurde von einem Polizeibeamten geöffnet, den Kim von einem früheren Fall her kannte. Lucas. Sie trat in eine Eingangshalle, die mit ihrem Minton-gefliesten Fußboden protzte. Die Mitte des Raums dominierte ein runder Eichentisch, auf dem die größte Blumenvase stand, die Kim je unter die Augen gekommen war. Zu beiden Seiten der Halle lagen Empfangszimmer, ein eleganter, repräsentativer Salon auf der einen und ein gemütliches Wohnzimmer auf der anderen Seite.
»Wo ist sie?«, fragte Kim den Polizisten.
»In der Küche, Madam. Die Mutter des anderen Mädchens ist auch hier.«
Kim nickte und eilte an der geschwungenen Treppe vorbei. Eine Frau kam ihr auf halbem Weg entgegen. Kim brauchte einen Augenblick, bis sie sich erinnerte, doch auf dem Gesicht ihres Gegenübers zeigte sich das Wiedererkennen unverzüglich.
Karen Timmins hatte kaum noch Ähnlichkeit mit Karen Holt.
Die durchlöcherte Jeans, die sich einst um ihre vielen Kurven geschmiegt hatte, war einer eleganten Hose mit engen Beinen gewichen. Auch die tief ausgeschnittenen, knappen Tops, die kaum ihre Brüste bedeckt hatten, waren verschwunden, stattdessen trug sie einen Pullover mit V-Ausschnitt, der von dem Körper darunter flüsterte, statt ihn laut herauszuschreien.
Die einst blond gefärbten Haare hatten wieder ihr natürliches Kastanienbraun annehmen dürfen und umspielten, modisch geschnitten, ein attraktives, wenn auch kein umwerfendes Gesicht.
Es hatte OPs gegeben. Nicht viele, aber doch genügend, um ihre Züge zu verändern. Kim tippte auf eine Nasenkorrektur. Karen hatte ihre Nase immer verabscheut, und da hatte es wahrlich viel zu verabscheuen gegeben.
»Kim, Gott sei Dank. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Danke.«
Kim ließ zu, dass ihre Hand ganze drei Sekunden gedrückt wurde, bevor sie sie zurückzog.
Neben Karen tauchte eine zweite Frau auf. Das Entsetzen in ihren Augen wich einem Anflug von Hoffnung.
Karen trat zur Seite. »Kim, das ist Elizabeth, Amys Mutter.«
Kim nickte der Frau zu, deren Augen mit Wimperntusche verschmiert waren. Sie hatte die Haare zu einem eleganten, rotbraunen Bob geschnitten, der ihr Gesicht wie ein Helm umrahmte. Sie hatte ein paar Pfund mehr auf den Rippen als Karen und trug eine cremefarbene Chinohose und einen kirschroten Pullover.
»Und Sie sind Charlies Mutter?«, fragte Kim.
Karen nickte eifrig.
»Haben Sie sie gefunden?«, fragte Elizabeth atemlos.
Kim schüttelte den Kopf und ging mit den beiden zurück in die Küche.
»Ich bin hier, um die ersten Details für die …«
»Sie müssen uns helfen, unsere Kinder zu …«
»Nein, Karen, die stellen gerade ein Team zusammen. Ich bin nur hier, um die ersten Details aufzunehmen.«
Karen machte den Mund auf, um zu widersprechen, doch Kim hob die Hand und setzte ein beruhigendes Lächeln auf.
»Ich kann Ihnen versichern, dass für diesen Fall die besten Beamtinnen und Beamten abgestellt werden, die viel mehr Erfahrung mit solchen Fällen haben als ich. Je schneller ich die Details aufnehme, desto schneller kann ich sie weitergeben, damit die Mädchen so schnell wie möglich sicher nach Hause gebracht werden.«
Elizabeth nickte zum Zeichen, dass sie verstand, doch Karen kniff die Augen zusammen. O ja, an diesen Blick konnte sich Kim noch erinnern.
Und genau wie damals, als Teenager, ignorierte sie ihn einfach.
»Sie haben beide eine SMS bekommen?«, fragte sie.
Die beiden Frauen hielten ihr ihre Handys hin. Kim nahm Karens zuerst und las die kalten, schwarzen Worte.
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Kein Grund zur Eile. Charlotte kommt heute nicht nach Hause. Kein Scherz. Ich habe Deine Tochter.

Kim gab Karen ihr Handy zurück und nahm Elizabeths.
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Amy kommt heute nicht nach Hause. Kein Scherz. Ich habe Deine Tochter.

Angela Marsons

Über Angela Marsons

Biografie

Angela Marsons ist im Black Country, einer von Bergbau und Industrie geprägten Region Englands, geboren und aufgewachsen. Mit ihrer Partnerin lebt sie auch heute noch dort. Sie arbeitete lange Jahre in der Sicherheitsbranche, schreibt seit ihrer Jugend und veröffentliche mehrere erfolgreiche...

Weitere Titel der Serie »Kim-Stone-Reihe«

Detective Inspector Kim Stone, West Midlands Police. Vierunddreißig, tough, schlagfertig, kompromisslos. Nicht immer freundlich, nicht immer fair, nicht immer regelkonform.

Pressestimmen

nisnis-buecherliebe.de

»Hochspannend. Intelligent. Ein perfekter Krimi.«

Freundin

»›Lost Girls. Was kosten ein Leben?‹ von der englischen Autorin Angela Marsons ist ein Stoff, der beim Lesen nicht nur Eltern eine ordentliche Gänsehaut beschert.«

booksection.de

»Marsons versteht es, mit den Ängsten des Lesers zu spielen, ihm immer neue Brocken hinzuwerfen und ihn damit in einen Sog aus Spannung, Angst und Wut zu ziehen.(...)›Lost Girls - was kostet ein Leben‹ ist zweifelsohne Kim Stones bisher gelungenster Fall.«

Kommentare zum Buch

Nice
Ahmad am 21.11.2017

This is a nice post

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