Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Blick ins Buch
LivLiv

Liv

Roman

Download Cover
Hardcover
€ 22,00
E-Book
€ 18,99
€ 22,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 3-4 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 18,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Liv — Inhalt

Der junge Franz streift mit seiner Clique durch das überbordende Berlin der 1920er Jahre und ist hin- und hergerissen zwischen den ungeahnten Möglichkeiten und den Gefahren einer Stadt im Rausch. Liv reist wie viele junge Israeli durch die Welt. Sie hat ihren Militärdienst allerdings nicht bereits absolviert, sondern flieht vor ihm – und einem unerträglichen Gefühl der Enge – ins Ausland. Während ihrer Reise erobert sie einen neuen Kontinent: Sie wird zu einer Social-Media-Ikone, deren Posts viele Tausende lesen. Zwischen Liv und Franz liegen beinahe 100 Jahre, aber sie gehen wie Geschwister durch dieselbe Welt. Beide suchen nach einer Perspektive abseits der Euphorie ihrer Epochen, nach Autarkie in der Masse. Kevin Kuhn stellt sich den drängenden Fragen unserer Zeit und zeigt uns überraschende Wege durch die Fremde, die längst zu unserer Wirklichkeit geworden ist.

 

Erschienen am 01.09.2017
496 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-8270-1272-2
Erschienen am 01.09.2017
496 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7924-4

Leseprobe zu »Liv«

Liv : Eins  

 

Im Transitbereich eines Flughafens, viel Glas und Beton, der Rest Weiß. Den Blick starr nach vorne oder auf die Geräte in ihren Händen gerichtet, huschten die Reisenden in Eile umher, hoben die Köpfe erst in letzter Sekunde, um voreinander auszuweichen. Jemand hatte sich ein Nackenkissen an den Hals geklemmt und lehnte sich im Gehen weit vornüber, als laufe er gegen einen starken Wind an. Ein Paar schlenderte in einfarbigen Trainingsanzügen Richtung Gate, überall waren in Erwartung des Strandes Flip Flops zu sehen. Eine junge Frau mit [...]

weiterlesen

Liv : Eins  

 

Im Transitbereich eines Flughafens, viel Glas und Beton, der Rest Weiß. Den Blick starr nach vorne oder auf die Geräte in ihren Händen gerichtet, huschten die Reisenden in Eile umher, hoben die Köpfe erst in letzter Sekunde, um voreinander auszuweichen. Jemand hatte sich ein Nackenkissen an den Hals geklemmt und lehnte sich im Gehen weit vornüber, als laufe er gegen einen starken Wind an. Ein Paar schlenderte in einfarbigen Trainingsanzügen Richtung Gate, überall waren in Erwartung des Strandes Flip Flops zu sehen. Eine junge Frau mit Pumphose und sonnengebräunter Haut zog einen Schweif fingerdick verfilzter Haarsträhnen hinter sich her. Ab und an durchbrach eine klar artikulierte Stimme den konstanten Geräuschpegel: Die Reisenden sollten wachsam sein.

Liv hatte sich aus dem Strom ausgeklinkt und stand in der kurzen Schlange vor einem auf Superfoods spezialisierten Café: Acai Bowls, rohe Säfte und Powerbars versprachen einen Energieschub, Fabriklampen und Metallspinde simulierten eine Industrieatmosphäre. Liv beobachtete die Vorbeilaufenden. Alles erschien ihr wie ein unendliches Netz aus verwobenen Wegen, die sich nur kurz kreuzten oder frontal aufeinander zuliefen, von Gängen und Laufbändern gebündelt, sodass sie für eine Teilstrecke nebeneinanderher führten, nur um an der nächstens Gabelung wieder auseinander zu stieben.

Sie ging die Liste kaltgepresster Gemüsesäfte durch und holte dabei ihr mattschwarzes Smartphone aus der Gesäßtasche. Wenn sie die Finger spreizte, passte es genau in ihre Hand. Sie wischte eine Raute, um den Bildschirm zu entsperren, sogleich wurde ihr das freie Wi-Fi angezeigt. Sie musste verifizieren – indem sie eine Zahl aus einem verschwommenen Foto herauslas und eintippte –, dass sie ein Mensch war.

Die Frau hinter der Theke, die eine Bäckerschürze trug, obwohl es in dem kleinen Café gar keine Möglichkeit zum Backen gab, lächelte, denn in Livs Hand hatte es plötzlich wild zu pingen begonnen, und auf dem Screen ploppte eine Mitteilung nach der anderen auf. Sie zuckte mit der Schulter und zeigte auf den Green Supersoul, der in verschnörkelter Schrift auf einer Tafel angeschrieben stand. Spinat, Gurke, Mangold. Exakt dieselbe Kombination wie nach dem Mittwochsport mit Gila, seit sie entdeckt hatten, dass reichhaltige Ernährung sie noch produktiver machte. Nur herausgefunden, was sie mit dieser zusätzlichen Energie anstellen sollten, hatten sie nicht. Liv gab ihre PIN ein und steuerte dann einen der freien Tische an, gegen dessen Tischbein sie ihren tarnfarbenen Rucksack lehnte.   

Ein Blick auf den Bildschirm: Boarding in 35 Minuten. Sie setzte sich, probierte den Gemüsesaft und fuhr sich mit dem Handrücken über die nun sicher grün eingefärbten Lippen. Ihr Smartphone legte sie neben das Getränk und las sich durch die Mitteilungen, indem sie mit dem Zeigefinger über das Glas wischte, so wie sie über eine unbekannte Hautpartie, vielleicht eine schöne Narbe, streichen würde. Spam, Freunde, News. Viele bezogen sich auf die jüngsten Anschläge in Europa, die eine Flut von Sicherheitsmaßnahmen ausgelöst hatten: strengere Kontrollen und der Einsatz von Schusswaffen an den Grenzen, Bau von temporären Zäunen. Europa war von Angst ergriffen worden, zumindest schwappten von dort Forderungen nach mehr Abschottung und flächendeckender Überwachung in die sozialen Netzwerke. Natürlich gab es auch die üblichen Solidaritätsbekundungen, wurden Profilbilder mit Friedenssymbolen ausgetauscht, trendete das kurze Video einer jungen Frau mit Niqab, die wildfremde Menschen auf einem Pariser Boulevard per Pappschild zu free hugs ermutigte. Gila – noch immer vor allem auf Facebook zu Hause – teilte und likte das, wie 8K andere auch, die diese zyklisch nach jedem Anschlag auftretende Aktion noch immer als likens- oder sogar teilenswert empfanden.   

Liv hasste dieses Blau, sie hasste diese Seite. Doch wie alle hatte sie zu viele Jahre ihres Lebens darin investiert, um es einfach so aufzugeben. Zu viele Versuche unternommen, sich eine neue Identität zuzulegen, zu viele Erinnerungen geteilt, zu viele Momente des Scheiterns, erste öffentliche Beziehungsbekenntnisse, Momente sonnenuntergangsgefärbten Glücks.

Dennoch teilte sie Gilas Link, weil sie wusste, wie sehr diese unter der geringen Reichweite ihrer Posts litt, und dass sie Stunden damit verbrachte, die Dynamik viraler Beiträge zu analysieren. Keine Sekunde später sendete Gila in ihrem Chat einen Smiley.  

Aus der Vogelperspektive schoss Liv ein Foto von ihrem Saft, verstärkte den Kontrast und fügte es in ihren Chat mit Gila ein. Green Supersoul, schrieb sie darunter in die Textblase. Spinat, Gurke, Mangold! Auch kein sonderlich origineller Einfall, musste Liv sich eingestehen. Und schon bereute sie, es überhaupt gepostet und mit einem Ausrufezeichen versehen zu haben. Als ob ihr wirklich etwas an diesem nostalgischen Moment läge. Hasse Nostalgie, das war als Zwölfjährige ihr allererstes digitales Lebenszeichen gewesen. Das Wort »Nostalgie« musste sie von Mutter aufgeschnappt haben, Vater hatte ihr damals beim Einrichten ihres ersten Accounts geholfen. Sie hatte aufgelistet, was sie nicht ausstehen konnte, von den mit Edding bekritzelten Sneakers bis zu diesen blutigen Flecken in ihrer Jeans, und hatte sich damit bei ihren ersten Freunden, die ihre Zimmer mit unzähligen Dingen vollstopften und alles Mögliche sammelten, sehr unbeliebt gemacht. Sie hatte unbeirrt einen Post nach dem anderen veröffentlicht, bis sie irgendwann mehr geliebt als gehasst, und etwas später von ihrem sich vergrößernden Freundeskreis nur noch vergöttert wurde. Sie liebte den Moment, wenn neue Freundschaftsanfragen als winzige Ziffer in dem entsprechenden Icon erschienen. Als Gila ebenfalls zu posten anfing, was sie nicht ausstehen konnte, hörte Liv damit auf. Sie wünschte sich eine Digitalkamera und flutete ihre Timeline die nächsten Monate mit Katzen, die alles andere als lustig in die Kamera blinzelten.        

Drei Punkte zeigten an, dass Gila reagierte. Ein siebensekündiges Video erschien und spielte sich in Endlosschleife ab. Es zeigte den Frishman Beach, an dem gutgebaute Jungs vor anbrandenden Wellen nach Gummibällen hechteten. Matkot, ihr Spiel. Tel Aviv, ihre raketensichere Blase. Gilas Stimme am Ende der Sequenz: »Nichts macht mehr Sinn ohne dich.«

In Gilas Rücken musste sich die provisorisch gezimmerte Strandbar befinden, dort hatte sie zum ersten Mal mit Elam gesprochen. Oder anders: dort hatte sie ihn einen Abend und eine Nacht lang angestarrt. Hier hatte auch er nach den Gummibällen gehechtet, in Endlosschleife, bis plötzlich sein Einberufungsbescheid im Briefkasten gelegen hatte.

Sie trank einen weiteren Schluck und spürte dabei eine Klarheit im Kopf aufsteigen. Ihr Herz wummerte, weil sie wusste, dass die Vertrautheit am Frishman Beach bereits weit hinter ihr lag und sie von nun an, wie all die anderen um sie herum, eine Fremde unter Fremden sein würde.

Sie hatte noch etwas Zeit, öffnete ihre News-App und las die neueste Meldung: Mann von Sicherheitskräften erschossen. Wie ein Bumerang flog sie an ihren Lieblingsseiten vorbei, ihrem Lieblingsblog, der die kuriosesten Tagesfundstücke und Memes zusammentrug, ihrem Familien-Chat, in dem sie sich als online markierte, ihren Social-Media-Accounts. Sie überflog nochmal den Gila-Chat, dann den Chat mit Efrat, die es bis nach Berlin geschafft hatte, den Chat mit Elam, der ihr gerade ein tiefschwarzes Foto gesendet hatte – sein verdunkeltes Zimmer? –, auf dem wirklich nichts zu erkennen war. Sie las britische, dann amerikanische Nachrichten, betrachtete eine Karte Tel Avivs, auf der die neuesten Pop-up-Stores, Street-Food-Vans, Bars und dergleichen gesichtet wurden. Dasselbe in Mexico City, Berlin und Tokio. Sie wischte durch einen linksautonomen Blog, den sie aus einer jugendlichen Sentimentalität noch immer abonniert hatte, und blieb zuletzt auf YouTube hängen, wo sich die neuesten Videos ihrer abonnierten Kanäle untereinander reihten, nur um schlussendlich wieder ihre News-App zu aktualisieren – Mann trug Bombengürtel –, und eine neue Flugkurve begann, in Endlosschleife, atemlos.

[...]

Kevin Kuhn

Über Kevin Kuhn

Biographie

Kevin Kuhn, geb. 1981 in Göttingen, hat Philosophie, Kunstgeschichte und Religionswissenschaften in Tübingen und Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studiert. Seit 2010 ist er Lehrbeauftragter am dortigen Institut. Immer wieder hat Kuhn auch im Ausland gelebt,...

Veranstaltung
Lesung mit Musik
Freitag, 25. Mai 2018 in Hattingen
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Altes Rathaus Hattingen ,
Untermarkt 9
45525 Hattingen
Im Kalender speichern

Pressestimmen

Die Welt am Sonntag

»In Kevin Kuhns Roman ›Liv‹ werden die Zwanzigerjahre zu einer Art Echokammer der Gegenwart. Kuhn setzt darin sehr virtuos eine Parallelaktion in Gang.«

FAZ

»Kevin Kuhn hat einen psychologischen Roman über die metaphysisch obdachlose Digitalgeneration geschrieben. Dies alles im treffend leichten Tonfall als Heldenreise ohne Rückfahrtticket gestaltet zu haben, ist ein reizvolles Kunststück.«

masuko13.wordpress.com

»Kevin Kuhn hat eine berauschend und unglaublich schöne Geschichte über unsere unstillbare Sucht, Informationen miteinander zu teilen, erzählt.«

Kommentare zum Buch

Wie im Rausch
Christoph am 02.09.2017

Ich habe den Roman wie im Rausch gelesen. Zwei unglaubliche Geschichten (von Liv und von Franz), die sich gegenseitig die Bälle zuwerfen. Aber das Ende, das Ende ... wie am Morgen danach. Zerknittert aufgetaucht ...

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden