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Lied des ZornsLied des Zorns

Lied des Zorns

Thriller

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Lied des Zorns — Inhalt

Deutschland im Visier von Terroristen – und nur eine Frau kann sie stoppen

Die ehemalige Elitesoldatin Wiebke Meinert ist erschüttert, als sie vom Mord an ihrer Schwester erfährt: Saskia stirbt bei einer Autoexplosion. Sie war Geheimagentin und einer gefährlichen Verschwörung auf der Spur. Was hatte sie herausgefunden? Wer war hinter ihr her? Von einem Kontakt beim Verfassungsschutz erfährt Wiebke, dass es eine akute Terrorwarnung gibt – und die Uhr tickt! Um den Anschlag zu verhindern, muss sie zurück in ihr altes Leben. Stoppt sie die Täter, findet sie garantiert Hinweise auf die Mörder ihrer Schwester. Wiebke wurde ausgebildet, um zu töten. Sie hat keine Angst vor ihren Gegnern. Und sie mag es nicht, wenn man ihr Vorschriften macht …

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 06.04.2020
432 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06211-4
€ 3,99 [D], € 3,99 [A]
Erschienen am 06.04.2020
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99567-2
„Fahnert erzählt spannend und flüssig.“
Die Presse
„Autor Mark Fahnert ist Polizist mit dem Spezialgebiet politisch und religiös motivierte Delikte. Sein Krimi gibt spannende Einblicke.“
3sat „Kulturzeit“
„(Mark Fahnert) weiß, wovon er schreibt.“
hr2 Kultur „Krimi mit Mimi“
„Mark Fahnert erschafft mit Wiebke Meinert eine faszinierende Protagonistin, die ebenso wie seine anderen Charaktere absolut glaubwürdig ist. Neben der actionreichen Spannung merkt man ›Lied des Zorns‹ die weitreichenden Fachkenntnisse an, die Fahnert besitzt.“
Podcast „Krimikiste“
„James Bond als weibliches Zwillingspaar“
Buchkultur

Leseprobe zu „Lied des Zorns“

Prolog

Im Thalys, 12:26 Uhr MESZ

Khaled Haj Mohamad hatte in seinem Leben nur noch eine Sache zu erledigen. Bei diesem Gedanken zog sich sein Magen zusammen. Er schmeckte bittere Galle auf der Zunge. Es ist das Richtige, beruhigte er sich. Es muss getan werden. Khaled wischte sich mit den Händen übers Gesicht. Die Haut fühlte sich seltsam taub an, als würde er eine Maske tragen. Die Maske eines einfachen Reisenden. Er blickte sich im Großraumabteil um. Die Frau, die ihm in der Vierergruppe gegenübersaß, hatte sich tief in die roten Polster des Sitzes [...]

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Prolog

Im Thalys, 12:26 Uhr MESZ

Khaled Haj Mohamad hatte in seinem Leben nur noch eine Sache zu erledigen. Bei diesem Gedanken zog sich sein Magen zusammen. Er schmeckte bittere Galle auf der Zunge. Es ist das Richtige, beruhigte er sich. Es muss getan werden. Khaled wischte sich mit den Händen übers Gesicht. Die Haut fühlte sich seltsam taub an, als würde er eine Maske tragen. Die Maske eines einfachen Reisenden. Er blickte sich im Großraumabteil um. Die Frau, die ihm in der Vierergruppe gegenübersaß, hatte sich tief in die roten Polster des Sitzes gedrückt. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete gleichmäßig. Auf der anderen Seite des Mittelgangs starrten die Reisenden entweder auf ihre Mobiltelefone oder nach draußen.

Ich werde sie aufwecken. Ich werde alle aufwecken.

Khaled beugte sich vor und holte die Kopfhörer aus der braunen Ledertasche zwischen seinen Füßen. Auf dem Handy suchte er sich ein Musikstück aus, lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Er lauschte der melancholischen Männerstimme. A cappella, wie alle Naschids. Das Lied erzählte vom wunderschönen Heimatland der Muslime. Von den klaren Flüssen, den majestätischen Bergen. Es erzählte vom Leid der Menschen, von den ermordeten Kindern. Von den Bombenangriffen. Vom Krieg.

Und das Lied erzählte noch von etwas anderem: Siehst du, was die Ungläubigen uns angetan haben? Siehst du, was sie tun? Spürst du den Schmerz in deinem Herzen, die Wut in deinem Bauch? Steh auf, Krieger des wahren Gottes. Steh auf!

Ich stehe auf.

Plötzlich spürte Khaled eine Berührung. Er öffnete die Augen und blickte in ein jugendliches Gesicht. Der Mann trug Schirmmütze und Uniform.

Ich bin ein einfacher Reisender, dachte Khaled und atmete durch. Ruhig bleiben. Er schaltete das Naschid ab und zog die Kopfhörer von den Ohren.

„Le billet, s’il vous plaît“, sagte der Schaffner.

Was hat er gesagt? Khaleds Mund wurde trocken. In seiner Brust brannte eine unangenehme Hitze. Was ist, wenn er etwas bemerkt hat? Ich sehe doch aus wie ein Student. Oder wie ein einfacher Reisender.

„Le billet, s’il vous plaît.“

Am Klang der Worte erahnte Khaled, dass der Schaffner noch mal das Gleiche gesagt hatte.

Er weiß nicht, was ich vorhabe, entschied Khaled. Meine Verkleidung ist gut.

„Donnez-moi votre billet, s’il vous plaît.“ Die Stimme des Schaffners klang nun genervt.

Khaled zuckte mit den Schultern.

Der Schaffner blies die Wangen auf. „Ticket. Billet. Fahrschein.“

Ticket? Khaled nickte. Er holte den Koran aus der Ledertasche. Den Fahrschein hatte er zwischen die Seiten gesteckt. Er reichte dem Schaffner das Papier. Dieser nickte kurz und gab es Khaled zurück. „Bon voyage.“

Khaled blickte aus dem Fenster. Die Landschaft verschwamm in der Geschwindigkeit des Thalys. Was für eine schnelllebige Zeit. Wie können diese Menschen nur so leben? Allah hat so viel erschaffen, doch niemand beachtet die Schönheit. Nichts ist von Dauer. Khaled fühlte sich, als ob er da war und gleichzeitig schon wieder weg. Sein und Verschwinden. Ein Stück Holz in einem reißenden Strom. Unaufhaltsam auf den gewaltigen Wasserfall zutreibend. Er wird zerschellen und kann nichts dagegen tun.

War es das, was ihm vorherbestimmt war? Hatte Allah für ihn diesen Weg geplant? Allahu akbar. Gott ist groß. Und wer war er, dass er solche Fragen stellte? Der Weg war zu gehen. Khaled musste ihm nur folgen. Das Gute an Schienen ist, dass man nicht so leicht vom Weg abkommen kann. Und er durfte nicht vom Weg abkommen. Er musste standhaft bleiben, den Weg bis zum Ende gehen. Khaled schluckte. Der Speichel blieb ihm im Hals stecken. Die Flasche neben ihm auf dem Sitz war bereits leer. Er würde durstig ins Paradies einziehen müssen. Aber dort wird es Wasser im Überfluss geben. Und Jungfrauen. Ganz für ihn allein.

Das jedenfalls hatte Abu Kais versprochen. Doch jetzt muteten diese Worte wie Fantastereien an. Wie aus einer anderen Welt. Das Bild eines unvollendeten Fußballtores kam Khaled in den Sinn. Es sollte auf dem staubigen Platz schon längst die verbeulten Blechdosen ersetzt haben, doch es stand immer noch in seiner Werkstatt. Er hatte es nach der Arbeit für die Kinder seines Dorfes gezimmert. Weiß gestrichene Pfosten, nur das Netz fehlte noch. Nicht ganz perfekt, denn nur Allah beherrschte Perfektion. Das Netz hatte er nicht mehr fertig bekommen.

Er strich sich durch die Haare. Seine Hände zitterten.

Ein Gong ertönte, gefolgt von einem Rauschen und der rauchigen Frauenstimme, die schon die letzten Bahnhöfe angesagt hatte. Ein wohliger Schauder huschte über Khaleds Haut. Wie sie wohl aussieht? Vor seinem inneren Auge formte sich das Bild einer Frau, und je länger er über dieses Bild nachdachte, desto mehr ähnelte es Saida, seiner großen Liebe. Er starrte auf seine Hände. Sie wird es nie erfahren.

Allah erschuf die Erde und dann die Engel. Ganz zum Schluss erschuf er den Menschen. Ihm erteilte er eine ganz besondere Aufgabe: Der Mensch muss auf die Erde und ihre Bewohner aufpassen. Er soll sich die Schönheit und Vollkommenheit immer wieder bewusst machen. Und Allah erschuf die Frau, damit der Mann sich jeden Tag an der Schönheit und Vollkommenheit der Schöpfung erfreuen kann. Doch wahre Schönheit ist dort, wohin das Herz einen trägt.

„Bientôt, nous atteindrons la gare centrale de Cologne. Merci d’avoir voyagé avec Thalys“, drang aus dem Lautsprecher. „In Kürze erreichen wir Köln Hauptbahnhof. Wir danken Ihnen, dass Sie mit dem Thalys gereist sind.“

Khaled schloss fest die Augen und atmete tief ein. So lange, bis er glaubte, ersticken zu müssen. Ein Kribbeln huschte über seine Schultern, breitete sich über die Brust in den Bauch aus. Das Gefühl von tausend Hornissen im Magen ließ Khaled zusammenzucken. Es ist egal. Alles ist egal.

Gleich ist es so weit.

Er beugte sich vor, sein Blick fand den alten Koffer, den er unter dem Sitz verstaut hatte. Blauer Kunststoff. Verziert mit Aufklebern von Städten und Sehenswürdigkeiten. Orte, die er niemals besucht hatte. Die er niemals besuchen würde.

Das Kribbeln wurde unerträglich. Er konnte nicht mehr sitzen. Beim Aufstehen stieß er mit dem Knie gegen die Beine der Frau, die ihm gegenübersaß. Sie schreckte hoch. Khaled hob entschuldigend die Hände.

„Eadhar“, sagte er. Entschuldigung.

„Nichts passiert“, sagte die Frau auf Arabisch.

»Sie können …?« Khaled überschlug in Sekundenschnelle in Gedanken, was er auf der Reise alles gesagt hatte. Habe ich mich verraten? Aber dann wäre sie schon längst … Das Naschid! Zu laut? Nein. Und selbst wenn, jetzt ist es egal. Niemand wird mich aufhalten. Sein und Verschwinden. Zwei Pole, die mit voller Wucht zusammenstoßen würden. Zur gleichen Zeit am selben Ort.

„Wundert es Sie, dass ich Arabisch kann?“

Khaled schüttelte den Kopf. Er hatte keine Lust, sich zu unterhalten.

Sie runzelte die Stirn. „Geht es Ihnen nicht gut? Sie schwitzen ja.“

Khaled wischte sich mit der Hand über die Stirn. Trotz der kalten Luft, die von der Klimaanlage ins Abteil geblasen wurde, glänzte seine Handfläche im Licht.

Er versuchte ein Lächeln. „Vielleicht habe ich was Falsches gegessen?“

„Soll ich den Schaffner rufen?“

„Nein, nein. Alles in Ordnung. Ich mache mich nur kurz frisch.“ In der Ledertasche fand er eine Parfümflasche. Abu Kais hatte wirklich an alles gedacht. Khaled sprühte die Handflächen ein und betupfte dann seine Wangen. Das Parfüm kühlte die Haut. Es roch nach Zedernholz und Olive, nach gegerbtem Leder mit einem Hauch Rose. Ein erdiger Geruch.

Heimat. Khaled dachte an Syrien, dachte an sein Dorf, das von den Ungläubigen zerstört worden war. Und dann spürte er die Wut, die sich in seinem Körper ausbreitete und sich in feste Entschlossenheit verwandelte. Ich will gut riechen, wenn ich ins Paradies einziehe.

Die Frau beäugte ihn. „Ist wirklich alles in Ordnung?“

Nein, ist es nicht. Khaled ließ die Hand in die Hosentasche gleiten und fühlte das Metallröhrchen. Der Zünder. Das Metall hatte die Wärme seines Körpers angenommen.

Khaled nickte und drehte sich von der Frau weg. Sie hatte etwas bemerkt. Ganz sicher. Ein Blick aus dem Fenster verriet, dass sie kurz davor waren, in den Bahnhof einzufahren. Mehrere Gleise nebeneinander und ein gewölbtes Dach, daneben die zwei Türme der Kathedrale. Khaled hatte sich die Silhouette eingeprägt. Wenn der Zug hielt, sollte es geschehen. Nur noch wenige Sekunden. Khaleds Lippen bebten. Seine feste Entschlossenheit bekam Risse. Angst sickerte heraus. Todesangst. Ich werde sterben. „Sei mir gnädig, Allah, und sieh, was ich für dich tue. Welches Opfer ich für dich bringe“, murmelte Khaled tonlos. „Gleich werde ich im Paradies sein. Inschallah.“

Mit dem Daumen strich er über den Auslöser, dann hielt er inne. Sein Herz blieb stehen. Khaled schloss die Augen. Jetzt!

„Was machst du da?“ Die helle Stimme eines kleinen Mädchens drang durch den Nebel zu Khaled durch. Gedanklich hatte er die Brücke vom Diesseits zum Jenseits beinahe überquert. Nur noch ein paar Schritte. Dann bin ich in der Ewigkeit. Dann zählt nichts mehr. Keine Wut, kein Hass, keine menschliche Emotion. Nur noch die Liebe zu Allah.

Khaled musste sich anstrengen, die Augen zu öffnen. Es fühlte sich an, als wäre sein Bewusstsein schon mit der Ewigkeit verwoben. Das Mädchen war höchstens acht Jahre alt. Sie trug ein dunkelblaues Kleid mit glitzernden Schneeflocken darauf. Und Minnie-Maus-Ohren auf dem Kopf.

Eine kleine Prinzessin. Ihr Lächeln stach Khaled ins Herz. Er senkte den Blick zu Boden. Der Zünder in der Hand fühlte sich plötzlich falsch an.

Kann es Allahs Wille sein, ein Kind zu ermorden?

Khaled blickte wieder in das Gesicht der kleinen Prinzessin.

Wäre meine und Saidas Tochter auch so schön gewesen? Plötzlich hatte er ein brennendes Gefühl in den Augen. Nein, sie wäre viel schöner gewesen. So wunderschön wie ihre Mutter. Und ich hätte sie beschützt, weil Allah will, dass die Menschen die Schönheit und Vollkommenheit der Schöpfung schützen.

Das Mädchen lächelte immer noch.

„Shukran djazilan“, sagte Khaled. Herzlichen Dank.

Er lächelte zurück.

Das Gute an Schienen ist, dass man nicht vom Weg abkommen kann. Aber es gibt auch Weichen.


Sieben Tage zuvor

„Wer durch die Ausführung von Terroranschlägen tötet, hegt Gefühle der Verachtung für die Menschheit und manifestiert Hoffnungslosigkeit gegenüber dem Leben und der Zukunft.“
Johannes Paul II. (1920–2005)



Kapitel 1

Stockholm, 19:48 Uhr MESZ

Das Autotelefon klingelte. Ihr Chef rief auf der abhörsicheren Leitung an. Bevor Saskia Meinert das Gespräch annahm, schaltete sie den Spoofjammer ein, der ihr GPS-Signal zusätzlich verschleierte. Heimlichkeit gehörte zu ihrem Job, sie war ihre Lebensversicherung.

„Ich wollte hören, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist“, sagte André Böhm.

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich treffe mich nicht das erste Mal mit einer Kontaktperson.“

»Darum geht es nicht. Einsätze außerhalb der Bundesrepublik sind immer gefährlich, und außerdem … es sind besondere Umstände.«

„Die ich im Griff habe.“

„Sicher?“

Er sorgt sich wirklich. Saskia unterdrückte ein Grinsen. „Völlig sicher“, erwiderte sie. „Ich bin gleich am Zielort.“

„Viel Glück.“

„Werde ich nicht brauchen, aber danke.“ Sie beendete das Gespräch und lenkte den Ford auf die Djurgårdsbron. Kurz vor dem Wegweiser zum Vasa-Museum sah sie den Mann. Er lehnte gegen den knorrigen Stamm eines Baums und tat so, als würde er den Stadtplan studieren. Saskia hielt vor dem Zebrastreifen an und ließ eine Gruppe lärmender Kinder die Straße überqueren. Die Lehrerin nickte ihr kurz zu.

Ihr blieb wenig Zeit, um den Mann genauer zu betrachten. Schwarze Haare, durchtrainierte Statur, dunkle Lederjacke, Jeans, schwarze Stiefel. Kampfstiefel. Das erkannte sie sofort. Die trugen Spezialeinheiten auf der ganzen Welt. Säurefeste Sohle. Extrahoher Schaft, für einen besseren Stand und zum Schutz der Knöchel. Sie blickte dem Mann ins Gesicht und sah seinen eiskalten Blick.

Hinter ihr hupte es. Sie schreckte auf und schaute in den Rückspiegel. Ein Bus, der weiterwollte. Die Kinder hatten die Straße längst überquert. Saskia hob zur Entschuldigung die Hand und beschleunigte. Im Vorbeifahren schaute sie noch einmal zu dem Mann hinüber. Er lächelte ihr zu. Es war ein schiefes Lächeln, kalt und ohne Emotion. Wie ein Versprechen: Ich komme dich holen.

Sie fuhr noch einige Meter weiter, bevor sie den Ford am Straßenrand parkte und ausstieg. Wie konnten die mich finden? Der Mann war wegen ihr hier. Natürlich. Doch an dem Baumstamm stand nun niemand mehr. Habe ich mich getäuscht? Natürlich nicht. Touristen tragen keine Kampfstiefel. Sie presste die Lippen aufeinander. Warum hatte er sich gezeigt? Das war gegen jede Regel. Die Schatten zeigen sich nicht, es sei denn, sie können das Ziel ausschalten. Instinktiv blickte sie zu den Dächern hoch, suchte nach einer verräterischen Reflexion, nach dem roten Aufblitzen eines Laservisiers. Da war nichts. Trotzdem suchte sie weiter. Es muss eine Warnung gewesen sein. Sonst wäre es nicht so auffällig gewesen. Leute wie die machen keine Fehler.

Dieser Gedanke schnürte ihr die Kehle zu.

Plötzlich war da eine Berührung an ihrem Rücken. Saskia wirbelte herum, die Hände halb erhoben, die Finger ausgestreckt und angespannt. Der breitschultrige Mann machte einen Schritt nach hinten. „Sachte, sachte. Ich wollte dich nur überraschen. Ehrlich.“

„Dogan.“ Sie entspannte sich.

„Hast du den Teufel höchstpersönlich gesehen? Du bist so blass um die Nase. Nicht, dass es dir nicht steht.“

„Ich habe für Witze keine Zeit. Da war jemand.“

Dogans Gesichtszüge verhärteten sich. „Bist du sicher?“

Saskia nickte. „Woher wissen die, wo ich bin?“

„Viele Möglichkeiten gibt es nicht.“

Er hatte recht. Ihr Termin war geheim. Es musste einen Maulwurf geben. Saskia blickte auf die Armbanduhr. Noch zehn Minuten.

„Mach du dein Ding. Ich kümmere mich um diesen Jemand“, sagte Dogan. „Und mach dir keine Sorgen. Solange du sie siehst, wollen sie dir nur Angst einjagen.“

„Da bin ich aber beruhigt.“ Saskia spürte, wie sich Druck in ihrer Brust aufbaute. Das hatten sie geschafft. Sie hatte Angst.

Dogan zwinkerte ihr zu, ein Lächeln huschte über seine Lippen. „Wie sieht dein Verfolger aus?“

„Lederjacke, Jeans, Kampfstiefel. Durchtrainiert. Kaukasisches Aussehen. Vielleicht Tschetschene. Oder Georgier. Jedenfalls aus der Ecke.“

„So genau kannst du das bestimmen? Es könnte doch auch ein Türke gewesen sein, oder?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich sehe den Unterschied zwischen einem Türken und einem Tschetschenen.“

„Und? Was bin ich?“

„Kurde.“

„Woher weißt du das?“

„Steht in deiner Personalakte. Und wenn du dich nicht beeilst, wirst du mir hinterher nicht vorwerfen können, dass ich einen Tschetschenen nicht von einem Aserbaidschaner unterscheiden kann.“

Dogan grinste. „Und wo hat der Typ gestanden?“

„Zweihundert Meter entfernt.“ Sie zeigte in Richtung Vasa-Museum.

Ein knappes Nicken, dann setzte sich Dogan in Bewegung. Saskia schaute auf die Uhr. Noch acht Minuten. Hoffentlich lohnte sich das hier. Als sie wieder zur Straße blickte, war Dogan verschwunden. Wie ausradiert. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. Er war ihr eigener Schatten. Bewege dich so, als würdest du einen Verfolger abschütteln wollen. Bewege dich unvorhersehbar. Sei effizient und schnell. Aber unauffällig. Sie hatte diese Techniken Tausende Mal geübt. Die Ausbilder hatten ihr diese Techniken mindestens doppelt so viele Mal eingebläut. Und trotzdem war sie darüber verwundert, wie schnell Dogan verschwunden war. Er war extrem gut. Saskia wusste nicht mehr genau, wie sich Sicherheit anfühlte. Dafür hatte sie den falschen Beruf. Aber in diesem Moment fühlte sie etwas, das möglicherweise dem Gefühl von Sicherheit ziemlich nahe kam. Sie wusste aber auch, dass dieses Gefühl trügerisch sein konnte.

Tödlich.

Sie erreichte die Cirkus Arena. Ein imposantes Gebäude mit rotem Kuppeldach und gelber Fassade. Die Front wurde von den riesigen Sprossenfenstern dominiert. Auf den breiten Stufen, die zum Eingang führten, standen Frauen in Abendkleidern und Männer in Anzügen. Sie redeten in verschiedenen Sprachen durcheinander. Russisch. Französisch. Deutsch. Saskia erklomm die Stufen und blieb vor einer Klapptafel stehen. Darauf war das Porträt eines grauhaarigen Mannes mit seriösem Blick zu sehen. Professor Liebknecht. Darunter der Titel: Terroristen sind Soldaten. Warum die westlichen Mächte den Terror nicht als Verbrechen, sondern als Krieg verstehen müssen. Er stellte heute sein neues Buch vor. Ungewöhnlich, fand Saskia, aber Liebknecht hatte sicher seine Gründe, warum er die Premierenlesung als Deutscher in Schweden arrangiert hatte. Sie ging zum Eingang. Ein Mann in blauer Pagenuniform hielt ihr die Tür auf. Dahinter lag ein Saal mit gläserner Kuppel.

„Ihre Eintrittskarte bitte“, sagte die kleine Frau auf Englisch.

„Selbstverständlich.“ Saskia griff in ihre Handtasche und zeigte der Frau die bunt bedruckte Pappe.

„Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

Saskia folgte den Wegweisern zum Zuschauerraum. Rote Sessel. Dunkles Holz. Die Bühne. Hier wurde sonst Don Giovanni oder Carmen aufgeführt. Liebknecht hatte es wirklich geschafft.

Der Zuschauerraum füllte sich. Das Geschwätz vermischte sich zu einem unverständlichen Brei. Wie Buchstabensuppe.

Ihr Mobiltelefon brummte. Dogan hatte ihr eine Telegram-Nachricht geschickt.

In der Sonne ist kein Schatten mehr.

Das bedeutete, dass er den Mann nicht mehr lokalisieren konnte. Was nicht bedeutete, dass der nicht noch in der Nähe war. Und wenn er hier ist? Ihr Blick huschte über die Zuschauerreihen. Er würde mit der Lederjacke und den Kampfstiefeln in der feinen Gesellschaft auffallen.

Der letzte Gong ertönte. Kurz darauf wurde das Licht gedimmt. Scheinwerfer zogen die Aufmerksamkeit zur Bühne. Der Zuschauerraum lag nur noch im Halbdunkel. Und wenn es zwei sind? Einer, der draußen auffällt, um mir meinen Schutzengel zu nehmen, und der andere hier drin? Zwischen den Anzugträgern? Saskia waren mehrere Fälle bekannt, bei denen die Zielperson in der Öffentlichkeit ausgeschaltet worden war. Im Halbdunkel eines Kinos oder während einer Theateraufführung. Wenn die Aufmerksamkeit aller auf der Bühne war. So wie jetzt. Solche Mordanschläge hatten eine besondere Würze. Sie zeigten dem Feind, dass man überall zuschlagen konnte und er niemals in Sicherheit war, nicht mal unter Zeugen. Und schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Saskia drehte sich um. Hinter ihr saß ein älteres Ehepaar. Vielleicht um die siebzig. Außerdem ein junger Mann mit Hornbrille und eine Frau in Saskias Alter. Das ältere Ehepaar schloss sie als mögliche Angreifer aus. Bleiben nur der Nerd und die frustrierte Mittdreißigerin.

Es wurde still im Zuschauerraum. Gelegentlich war ein Räuspern zu hören. Sie wandte sich zur Bühne. Ein kleiner Mann im grauen Anzug ging zum Rednerpult, legte einen Papierstapel vor sich und klopfte gegen das Mikrofon. Das Geräusch wurde von den Lautsprechern im ganzen Zuschauerraum verteilt. Er drückte auf ein Gerät. Das Cover von Liebknechts Buch wurde auf die Leinwand projiziert. Jetzt hörte sogar das gelegentliche Räuspern auf.

„Guten Tag, meine Damen und Herren. Auch wenn Sie sicher wissen, wer ich bin, möchte ich mich trotzdem vorstellen. Zum einen hat meine Mutter mich gut erzogen, und zum anderen, und das ist ein sehr egoistischer Zug von mir, komme ich so in den Redefluss. So bekämpfe ich das Lampenfieber, müssen Sie wissen.“ Er machte eine kleine Redepause. „Mein Name ist Karl Liebknecht, und ich möchte Ihnen heute exklusiv mein neues Buch vorstellen: Terroristen sind Soldaten. ›Eine kühne Behauptung‹, werden Sie sagen. ›Politisch nicht korrekt‹, werden Sie schreien. ›Woher nimmt er die Arroganz?‹, werden Sie denken. Alles richtig.“ Liebknecht hob die Hände, als würde er mit einer Waffe bedroht. „Aber gerade in der heutigen Zeit muss es Menschen geben, die sich trauen, die Wahrheit auszusprechen. Es muss Menschen geben, die den steinigen Weg gehen. Zur Sicherheit der freien Bürgerinnen und Bürger unserer westlichen Nationen. Und glauben Sie mir, es werden nicht Ihre gewählten Volksvertreter sein, die diesen Weg gehen. Es werden die Journalisten und Sachbuchautoren sein. Menschen wie ich.“

Was wusste Saskia über Professor Liebknecht? Achtundsiebzig. Deutscher. Unverheiratet. Heimlichen Liebschaften mit verheirateten Frauen nicht abgeneigt. Ein Minuspunkt als Quelle, weil er dadurch erpressbar war. Aber auch eine Möglichkeit, an ihn anzudocken. In Heidelberg geboren. Stammt aus einer Beamtenfamilie. Einzelkind. Studierte Journalismus in London und Washington. Promovierte in Mailand. Arbeitete als Auslandskorrespondent für renommierte Nachrichtenagenturen. Zuletzt angestellt bei EuNeWW. European News World Wide, dem aktuellen Zentrum der medialen Macht. Spricht neben Deutsch fließend Arabisch, Russisch, Englisch, Italienisch und Spanisch. Sechs Sprachen. Liebknecht hatte schon vor der Flüchtlingskrise 2015 davor gewarnt, dass sich auf diesem Weg unkontrolliert Terroristen in Europa einnisten könnten. Er hatte aber auch davor gewarnt, dass rechte Kräfte mit dieser Krise Politik machen könnten. Liebknecht hatte mit dieser Weissagung recht behalten.

„Aber wie konnte es dazu kommen?“, fragte der Professor laut ins Mikrofon.

Saskia spürte, wie sich Unbehagen in ihr ausbreitete. Liebknecht war hochintelligent. In ihren Akten wurde er Zielperson Onestone genannt. Es war schon schwierig genug gewesen, verdeckt an ihn heranzutreten. Und noch schwieriger, die Legende aufrechtzuerhalten, bis er davon überzeugt war, seine Informationen gefahrlos weitergeben zu können. Saskia durfte jetzt keinen Fehler machen. Sie konzentrierte sich wieder auf das, was auf der Bühne geschah. Das Unbehagen musste warten.

Sie hatte nur diese eine Chance.

„Wie konnte der internationale Terrorismus zu einer so großen Bedrohung werden? Zum Schreckgespenst unserer Zeit?“

Der Beamer projizierte das Bild eines Mannes mit schwarzem Bart, weißem Turban und Camouflagejacke auf die Leinwand. Der Mann hatte mahnend den Zeigefinger erhoben.

„Kennen Sie diesen Mann noch?“ Wieder eine kurze Pause. „Ich verrate Ihnen nicht, wer das ist, denn ich bin sicher, Sie wissen es längst. Er ist verantwortlich für den Terroranschlag auf das Word Trade Center am 11. September 2001. Ein Wendepunkt. Davor und danach gab es viele terroristische Anschläge. Und es wird auch in Zukunft weitere geben, aber Nine-Eleven stach brutal in das Herz der westlichen Zivilisation. Sie glauben mir nicht? Machen wir einen Test.“ Das Bild auf der Leinwand zeigte nun den zerstörten Innenraum eines Zugwaggons. „Am 07. Juli 2005 gab es eine Serie von Selbstmordanschlägen auf die Londoner U-Bahn. Hierbei kamen sechsundfünfzig Menschen ums Leben, mehr als siebenhundert Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Zu diesem Zeitpunkt fand der G-8-Gipfel in Schottland statt. Der Anschlag ging später als Seven-Seven in die Geschichte ein. Das sind alles Umstände, die dazu geeignet wären, dieses Ereignis in unsere Köpfe einzubrennen. Aber jetzt kommt meine Frage: Was haben Sie an diesem Tag gemacht?“

Liebknecht lief auf der Bühne auf und ab. Offensichtlich wartete er, bis es im Zuschauerraum unruhig wurde, dann stellte er sich wieder ans Rednerpult.

„Sehen Sie? Sie wissen es nicht. Ich weiß es auch nicht mehr. Aber wo waren Sie am 11. September 2001? Ich weiß es noch genau. Ich war zu Hause in Bonn. Ein Bekannter klingelte. Er sagte, dass Amerika mit Raketen angegriffen worden sei. Als ich den Fernseher einschaltete, stürzte das zweite Flugzeug gerade in den Südturm. Ich war fassungslos.“

Auf der Leinwand erschien das bekannte Bild der zwei brennenden Türme.

„Dieser Angriff, und ich sage bewusst Angriff und nicht Terroranschlag, ist nur mit dem Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas vergleichbar. Noch lebende Zeitzeugen wissen bis heute, was sie an diesem Tag gemacht haben.“ Liebknecht breitete die Arme aus. „Sie werden mir also zustimmen, dass der Angriff auf das World Trade Center eine Zäsur der Zeitgeschichte war. Ein Wendepunkt. Der internationale Terrorismus rückte stärker in das Bewusstsein der Menschen. Aber was ist das, Terrorismus? Gibt es eine einheitliche Definition? Was müssen wir tun, um den Terrorismus zu bekämpfen? Kann ich überhaupt etwas bekämpfen, das ich nicht verstehe?“ Wieder eine dieser schweren Pausen. „Bevor ich Ihnen Auszüge aus meinem Buch vorlese, möchte ich mit Ihnen eine Reise in die Vergangenheit machen. Zu den Ursprüngen des Terrorismus. Ich möchte, dass Sie wissen, wovon wir reden.“

Der Projektor zeigte ein anderes Bild. Eine Guillotine. Saskia runzelte die Stirn. Was hatte eine Guillotine mit Terrorismus zu tun?

»Sie fragen sich, was eine Guillotine mit unserem Thema zu tun hat, richtig? Um ehrlich zu sein …« Liebknecht blickte zur Leinwand hoch. »Keine Ahnung … Doch, natürlich. Natürlich hat das etwas mit unserem Thema zu tun. An was erinnert Sie die Guillotine? Richtig. An die Französische Revolution von 1789 bis 1799. Und wer ist einer der bekanntesten Protagonisten dieser Zeit?« Das Bild wechselte und zeigte das gezeichnete Porträt eines Mannes. Saskia dachte zuerst, das Bild zeige Mozart. Die hellen Haare, die Frisur. „Das, meine Damen und Herren, ist Maximilien de Robespierre. Dieser Mann deklarierte 1793 ein Regime de la Terreur. Eine Schreckensherrschaft. Jeder, der verdächtig war, Gegner der Revolution zu sein, wurde hingerichtet. Ganz nebenbei, es erwischte auch Robespierre. Aber warum erzähle ich Ihnen das? Ganz einfach: Dies ist das erste Mal, dass wir belegbar dem Begriff Terror begegnen. Vorher gab es dieses Wort nicht, jedenfalls nicht belegt.“

Auf der Leinwand wechselte das Bild. Nun waren wieder die brennenden Türme des World Trade Centers zu sehen.

„Was haben Robespierre und sein Regime de la Terreur mit dem Angriff auf das World Trade Center zu tun?“ Liebknecht räusperte sich. „Rein gar nichts. Dennoch ist es wert, dieser Sache etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als man für den Konsum eines YouTube-Videos benötigt.“ Liebknecht zeigte auf das projizierte Bild. „Das Regime de la Terreur war straff organisiert und hatte ein großes Ziel, nämlich die Schaffung einer neuen Gesellschaftsform. Kennen Sie das? Wahrscheinlich, denn diese Grundzüge zeichnen auch moderne islamistische Terrorzellen aus. Man findet dies auch bei den Itschkeriern, bei der PKK oder beim Nationalistischen Untergrund und ähnlichen Gruppierungen.“

Saskias Nackenhärchen stellten sich auf. Sie spürte etwas. Eine Bewegung. Einen Luftzug. Sie wirbelte herum und starrte den jungen Mann mit der Brille an. Der hob abwehrend die Hände.

„Przepraszam“, flüsterte er. „Sorry.“

Saskias Herz raste. Sie leckte sich mit der Zungenspitze über die Oberlippe. Ihr Atem kam stoßweise. Der Mann beugte sich nach vorne und hob das Papier auf, das vor ihm auf dem Boden lag.

Beruhige dich, mahnte sie sich. Dem ist nur ein Blatt runtergefallen. Sie werden dich nicht umbringen. Du hast etwas, das sie haben wollen. Etwas von Bedeutung. Ihr Herz raste trotzdem weiter. Schweiß lief ihren Rücken hinab. Sie versuchte, sich wieder auf das zu konzentrieren, was Professor Liebknecht sagte.

„Es geht darum, eine Bedrohung zu bekämpfen. Da reicht es nicht, bloß festzustellen, dass eine straff organisierte Gruppe Terror verbreitet, um eine neue Gesellschaftsform zu erschaffen. Das wäre zu einfach und zu allgemeingültig.“ Liebknecht schüttelte die Hand, als hätte er sich gerade verbrüht. „Sonst hätte so manche Partei Ärger und wäre von den Maßnahmen der Anti-Terror-Gesetze der EU betroffen. Natürlich muss alles definiert werden, auch der Terrorismus.“ Liebknecht machte wieder eine dieser Pausen. Der Beamer projizierte eine sich drehende Weltkugel an die Leinwand. „Eine Welt, ein Terrorismus? Was glauben Sie, wie viele Definitionen für Terrorismus gibt es?“

Der Professor wartete. Im Publikum entstand Unruhe. Ein Murmeln hier, ein Flüstern da. Liebknecht verschränkte die Arme hinter dem Rücken.

„Sie da. Mit der schwarzen Krawatte und dem weißen Hemd. Was glauben Sie, wie viele Definitionen es gibt?“

Saskia verstand die Antwort des Mannes nicht, die gesprochenen Worte verloren sich in dem großen Saal. Aber Liebknecht lachte und schüttelte den Kopf.

„Ein guter Versuch, junger Mann.“ Er ging ein Stück zur Seite. „Und Sie? Was sagen Sie, werte Dame?“

Auf unhörbare Worte folgte ein Kopfschütteln.

„Und Sie?“ Liebknecht legte den Kopf schief. „Sie haben aber einen gewagten Modestil. Kombinieren einen schicken Anzug mit Tactical Boots.“

Tactical Boots? Saskia wurde heiß und kalt. Sie versuchte, von ihrem Sitz aus einen Blick auf den Mann in der ersten Reihe zu erhaschen. Aufgrund des gedimmten Lichts war das allerdings unmöglich. Doch er war es, ganz sicher. Er war ihr hierher gefolgt. Saskia wog ihre Optionen ab. Sie könnte aufstehen und gehen. Aber das zöge Aufmerksamkeit auf sie. Einfach sitzen bleiben, aber dann wäre sie mit ihrem potenziellen Mörder in einem Raum. Dann entschied sie sich für eine dritte Option. Sie schrieb Dogan eine Nachricht. Es dauerte nur Sekunden, bis die Antwort auf ihrem Display zu lesen war.

Bist du sicher?

Saskia biss sich auf die Unterlippe. Sehr sicher. Wäre ein zu großer Zufall.

Kannst du raus?

Weiß nicht. Würde auffallen.

Die wissen längst, wo du bist.

Ein Nashorn im Porzellanladen. Wie beruhigend. Aber was ist mit ZP Onestone? Ich muss ihn treffen.

Der Kontakt kann sicher auch später hergestellt werden.

Nein.

Wie immer im Leben zählte der erste Eindruck. Heute und hier sollte ihr erstes Treffen stattfinden. Wenn sie das platzen ließ, gäbe es mit ziemlicher Sicherheit keine zweite Chance. Allein schon deswegen nicht, weil der Professor sich selbst dabei in Lebensgefahr brachte. Und damit wären die Informationen verloren.

Kannst du reinkommen?, schrieb Saskia.

Ohne Eintrittskarte?

Kannst du draußen auf mich warten?

Ich fahre den hellblauen Volvo.

Saskia steckte das Mobiltelefon weg. Ruhig bleiben, wachsam sein. Sie schaute wieder zur Bühne. Den Mann mit den Tactical Boots konnte sie immer noch nicht erkennen. Aber Liebknecht stand noch vor ihm. „Na ja. Wir wollen hier nicht in eine Diskussion über Modegeschmack verfallen. Ich hatte Sie ja gefragt, ob Sie sich vorstellen können, wie viele Definitionen von Terrorismus im Umlauf sind. Was glauben Sie?“

Der Mann antwortete laut. Er sprach … Saskia überlegte … eine Mischung aus Russisch und Türkisch. Vom Kaukasus, kam ihr in den Sinn.

Liebknecht schüttelte den Kopf. „Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Es sind nicht weniger als zweihundertdreizehn Definitionen. Interessant ist, dass sich der Begriff Terrorismus nicht nur von Epoche zu Epoche und von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheidet, sondern häufig auch innerhalb einer Nation unterschiedlich belegt ist. Nehmen Sie beispielsweise die Vereinigten Staaten: Das FBI definiert einen Terroristen anders als das US-Verteidigungsministerium oder die Homeland Security. Und natürlich unterliegt die Definition einem ständigen Wandel. Je nachdem, welcher Machthaber an der Spitze steht. Und wer will sich schon gerne selbst als Terrorist sehen?“ Liebknecht zwinkerte. »Warum reite ich darauf rum?, werden Sie sich fragen. Es ist doch egal, wie die Definition ist. Es sind doch nur Worte auf Papier. Ich sage Ihnen …« Liebknecht hämmerte die Faust auf das Rednerpult. „Es ist sogar immens wichtig! An dieser Definition hängen Taten. Wie läuft denn der Ernstfall ab? Als Allererstes haben die Politiker die Hosen voll. Bloß nichts falsch machen. Sonst werde ich nicht gewählt. Dann wird geschaut, was überhaupt passiert ist. War das ein Terroranschlag? Oder war das ein Bandenkrieg innerhalb der Organisierten Kriminalität? Muss ich etwas tun? Nein. Zum Glück, denn ich weiß nicht, was ich tun soll. Sollen die anderen doch lieber die Fehler machen.“ Liebknecht atmete tief ein. „Der Terrorismus verschwimmt zu einem diffusen Gebilde, das man nicht treffen kann. Und was man nicht treffen kann, kann man auch nicht bekämpfen. Es ist aber immens wichtig, den Terror zu bekämpfen, denn der Terror zeigt der Welt in vielfältiger Weise seine Fratze.“

Das Bild auf der Leinwand wechselte wieder zu einem Porträt.

»Das, meine Damen und Herren, ist Carlo Piscane. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte er die Theorie der ›Propaganda der Tat‹. Diese Theorie hatte höchstwahrscheinlich den meisten Einfluss auf die folgenden Generationen von Bombenlegern und Attentätern. Piscane ging davon aus, dass Gewalt unabdingbar dafür ist, Aufmerksamkeit zu erregen und das Allgemeininteresse auf eine Sache zu bündeln. Wir erinnern uns …«

Auf der Leinwand war nun ein Video zu sehen. Ein Mann kniete. Mehrere maskierte Männer standen hinter ihm. Es wurde etwas gesagt. Arabisch, stellte Saskia fest. Plötzlich hatte einer der Männer eine Machete. Er schlug zu. Es dauerte kurz, bis das Blut aus der Wunde spritzte. Der Mann schlug noch einmal zu. Und noch einmal. Dann schnitt er den Kopf ab.

„Die Theorie ist über hundertfünfzig Jahre alt, funktioniert aber bis heute.“

Liebknecht wartete, bis sich die Unruhe bei den Zuschauern gelegt hatte, dann sprach er weiter. „Nur wenige Jahrzehnte nachdem diese Theorie entwickelt worden war, machte sich eine Terrororganisation daran, die Propaganda der Tat in die Praxis umzusetzen. Die Narodnaja Wolja verübte gezielt Anschläge gegen Vertreter des Zarentums.“

Nun war auf der Leinwand das Bild einer Kutsche zu sehen. Daneben stand ein Mann in Uniform. Ein anderer rannte mit einer Bombe in der Hand und hassverzerrtem Gesicht auf ihn zu.

„Dieses Attentat im Jahre 1881 war ein kritischer Erfolg. Zar Alexander der Zweite wurde getötet. Zumindest versuchten die Mitglieder der Narodnaja Wolja kein unschuldiges Blut zu vergießen. War es absehbar, dass Unbeteiligte zu Opfern würden, brachen die Terroristen den Anschlag ab. Anders bei der irischen Terrororganisation Clan na Gael Ende des 19. Jahrhunderts. Da waren Zivilisten bewusst Ziel der Anschläge. Aber auch auf dem europäischen Festland brodelte es. Die antimonarchische Stimmung nahm gefährliche Züge an. Ein Gebräu aus Hass, Wut und Frustration. Dieses gipfelte in einem Anschlag auf den Großherzog Franz Ferdinand in Sarajewo. Sie wissen sicher, welcher Weltenbrand dann folgte.“

Der Beamer zeigte erst die Ermordung des Habsburgers und dann Schwarz-Weiß-Fotografien von Soldaten in Schützengräben.

»Der Terror wurde wieder zu einem Instrument des Staates. In Russland, Italien und Deutschland übernahmen Kommunisten, Faschisten und Nationalsozialisten die Macht. Diese Männer …« Liebknecht deutete auf die Leinwand, auf der nun Stalin, Mussolini und Hitler zu sehen waren. »… regierten das Volk durch Angst, Gewalt und Brutalität. Ihre Taten brauche ich nicht näher zu beleuchten. Es ist aber interessant zu wissen, dass der separatistische Terrorismus in den letzten Kriegsjahren einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht hat. Einen psychologischen Schritt. Die zionistische Terrorgruppe Irgun wollte die britische Vormachtstellung in Palästina schwächen. Sie verbündeten sich zunächst mit der Kolonialmacht gegen Nazideutschland, richteten ihre Gewalt aber später gegen den ehemaligen Verbündeten. Sie erhängten britische Offiziere. Die Bilder gingen um die ganze Welt. Der Premierminister geriet unter Druck, die Irgun erreichten ihr Ziel. 1947 endete die britische Besatzung.«

Liebknecht leerte das Glas Wasser, das auf dem Rednerpult stand. Sofort erschien eine junge Frau in einem blauen Kostüm und reichte ihm ein neues.

„Das ist sehr freundlich. Danke.“

Ein absoluter Profi. Saskia merkte, dass sie ihm an den Lippen hing, obwohl sie selbst genug über das Phänomen Terrorismus wusste. Aber sie nutzte das Wissen taktisch, während Liebknecht es wissenschaftlich betrachtete.

„Hier haben wir den Beweis dafür, dass ein Terrorakt alleine nicht genügt, um das Ziel zu erreichen. Vielmehr muss die Propaganda der Tat den Medienkonsumenten überall in der Welt zugänglich gemacht werden. Fein säuberlich in schwer verdaulichen Häppchen gereicht. Im Laufe der Zeit gewann die Strategie der bewussten Einbeziehung der Weltöffentlichkeit immer mehr an Bedeutung. Die antikolonialen Kriege auf Zypern und in Algerien waren gespickt mit Terroranschlägen. Den Terroristen war bewusst geworden, dass es weniger brachte, zwanzig Soldaten in der Wüste zu töten, als zu einem günstigen Zeitpunkt drei mitten in der Stadt. Zum Beispiel an einem nationalen Feiertag oder bei einem Großereignis. Wie die Olympischen Spiele 1972 in München.“

Auf der Leinwand war nun ein El-Al-Flugzeug zu sehen, das auf einem staubigen Rollfeld stand. Liebknecht machte wieder eine dieser Pausen. Dieses Mal jedoch länger und schwerer.

„Das, meine Damen und Herren, wird als die Geburtsstunde des modernen Terrorismus bezeichnet.“ Ein Raunen ging durch den Zuschauerraum. Liebknecht lächelte. „Dieses Flugzeug wurde am 22. Juli 1968 auf dem Flug von Rom nach Tel Aviv entführt. Es handelte sich zwar nicht um die erste Flugzeugentführung, aber diese unterschied sich deutlich von den vorangegangenen.“

Statt des Fotos war nun eine Aufzählung auf der Leinwand zu erkennen. Liebknecht las vor. »Vorherige Flugzeugentführungen hatten das Ziel, den Flug in die gewünschte Richtung umzuleiten. Die El-Al-Maschine wurde entführt, um einen Austausch zwischen den unschuldigen Passagieren und inhaftierten Palästinensern zu erzwingen. Durch die Entführung zwangen die Terroristen die israelische Regierung, direkt mit ihnen zu verhandeln. Das war für die Regierung ein undenkbares Szenario. Die Terroristen gehörten zur Volksfront für die Befreiung Palästinas. Die Vorgehensweise erhob diese Gruppierung in den Stand des Modellgebers und Mentors für folgende Terrororganisationen. Es ist allgemein bekannt, dass die Baader-Meinhof-Gruppe zumindest rudimentäre Hilfe von der PLO bekam. Aber …«

Auf der Leinwand waren nun die Gesichter von Jassir Arafat und Abu Bakr al-Bagdhadi zu sehen. „Aber zwischen der PLO und dem Islamischen Staat gibt es einen himmelweiten Unterschied. Es sind zwar beides terroristische Organisationen, aber der PLO ging es darum, ein Stück Land zu besetzen, während der Terror des IS religiös verklärt ist. Und genau hier setzt mein Buch an, aus dem ich Ihnen nach der Pause vorlesen möchte.“

Die Scheinwerfer gingen aus. Es wurde stockdunkel. Saskia blieb das Herz stehen. Jetzt ist der beste Zeitpunkt. Sie duckte sich, doch nichts geschah. Das Licht ging an, der Zuschauerraum war wieder hell erleuchtet. Sie musste sich beeilen. Saskia drängelte sich zwischen den Zuhörern hindurch in die Lobby. Dort standen Damen in blauen Kostümen, die Sekt reichten. Saskia lehnte ab. Ihr Ziel war Professor Liebknecht, und zwar so schnell wie möglich. Immer wieder schaute sie sich um, blickte auf Lackschuhe und Pumps, entdeckte aber keine Kampfstiefel.

Professor Liebknecht sprach gerade mit zwei Männern. Saskia überlegte, ob sie diese kannte. Zumindest der mit der Glatze kam ihr bekannt vor. Aber woher? Es fiel ihr nicht ein.

Die beiden Männer sind eine potenzielle Bedrohung, entschied sie. Deswegen blieb sie in der Nähe stehen und lauschte dem Gespräch.

Der Glatzkopf sagte: „Mit der aktuellen Taktik fahren die Geheimdienste sehr gut. Warum etwas ändern? Kürzlich wurde ein Autobombenanschlag in Amsterdam verhindert.“

Der andere Mann erwiderte: „Die Geheimdienste haben nur zwei Tage gebraucht, um die Terrorzelle zu identifizieren und unschädlich zu machen. Eine hervorragende Leistung, wenn man bedenkt, dass es sich bei den Tätern um atypische Terroristen gehandelt hat.“

Saskia wusste, wovon die Männer sprachen. Und sie wusste auch, dass die Männer keine Ahnung hatten, über was sie sprachen. Atypische Terroristen. Sie schob sich einen Schritt nach vorne, sodass sie Teil der Gruppe um Liebknecht wurde. Die drei Männer blickten sie verwundert an. Saskia schüttelte den Kopf. „Sie gehen fälschlicherweise davon aus, dass Terroristen und vor allem Selbstmordattentäter aus sozial schwachen Gesellschaftsschichten kommen. Ein Selbstmordattentat ist jedoch nicht die Tat eines völlig Verzweifelten. Es ist die Tat eines radikalen Fundamentalisten, dem es eine Ehre ist, zum Märtyrer zu werden. Im verdrehten Islam der religiösen Terrororganisationen ist es die Pflicht eines wahren Gläubigen, den Kampf gegen die Ungläubigen zu führen, auch wenn dieser Kampf im Selbstmord gipfelt. Zwar ist Selbstmord im Islam eine schwere Sünde, doch hierfür gibt es im gut funktionierenden göttlichen Propagandasystem vom Islamischen Staat und anderen Organisationen Erklärungsansätze, die in den Suren des Koran zu finden sind. Selbstmord im Auftrag des Einen Gottes, also zur Bekämpfung der Ungläubigen, ist die höchste Selbstaufopferung. Die Attentäter werden als shahid bata verehrt. Ihnen wird erklärt, dass es Gottes Wille sei, den Selbstmordanschlag zu verüben. Somit wird es eine Fatwa, ein göttliches Gebot.“

Den beiden Männern blieb der Mund offen stehen. Liebknechts Gesicht war deutlich anzusehen, dass er sich amüsierte.

Dranbleiben! Die Chance nutzen, eine zweite bekomme ich nicht. Saskia befeuchtete ihre Lippen. „Dem Selbstmordattentäter winken auch reichhaltige Belohnungen im Jenseits. So fährt er ohne Umschweife ins Paradies und tritt vor Gott. Schon beim ersten Blutstropfen, der beim Anschlag vergossen wird, sind seine Sünden weggewischt. Vor Gott kann er für siebzig Familienangehörige Fürsprache einlegen. Diese Familienmitglieder werden dann vom Jüngsten Gericht befreit. Es ist also kein Wunder, dass die Familienangehörigen eines shahid bata nach einer kurzen Trauerphase feiern, denn ihnen steht der Weg ins Paradies offen. Schlussendlich erhält der Selbstmordattentäter im Paradies eine große Anzahl schwarzäugiger Jungfrauen, die ihm zu Diensten sind. Bei diesen Aussichten ist es nicht verwunderlich, dass viele shahids kurz vor ihrem eigenen Tod das Bassamat al-Farah, das Lächeln der Freude, auf den Lippen haben. Und es ist auch nicht verwunderlich, dass wohlhabende Männer und Frauen dem Zauber dieses Lächelns genauso verfallen wie Männer und Frauen aus den unteren Sozialschichten. Der glücklicherweise vereitelte Anschlag in Amsterdam sollte übrigens durch zwei Ärzte verübt werden.“

Die beiden Männer rückten kaum merklich von Liebknecht ab und mischten sich unter die anderen Gäste. Wahrscheinlich verträgt es ihr Ego nicht, von einer Frau dermaßen vorgeführt zu werden, dachte Saskia.

Professor Liebknecht grinste: „Sie sind eine gut informierte Leserin.“

„Man tut, was man kann. Und Ihr Buch? Kann ich das schon kaufen?“

Liebknecht schüttelte den Kopf. „Ich möchte Ihnen lieber ein Exemplar schenken.“

„Herzlichen Dank. Würden Sie es auch signieren?“

„Selbstverständlich.“ Professor Liebknecht bückte sich und holte ein Exemplar aus dem Rucksack zu seinen Füßen. „Für wen darf ich das Buch signieren?“

„Für mich. Barbara Opitz“, sagte Saskia.

Liebknecht verharrte kurz. Es war nur ein kaum wahrnehmbares Stocken in der Bewegung, doch Saskia fiel es auf. Sie war darauf trainiert, die kleinste Veränderung im Verhalten eines Menschen zu bemerken.

Liebknecht schrieb etwas auf die Titelseite und reichte ihr das Buch. Er schüttelte ihre Hand. Sie spürte etwas. Einen Gegenstand, den er ihr übergab. Einen Schlüssel.

„Ich danke Ihnen für alles. Leider kann ich nicht bleiben.“

„Ich weiß“, sagte der Professor. „Passen Sie auf sich auf.“

In diesem Moment wurde Saskia klar, was Liebknecht für sie getan hatte. Er hatte sie gewarnt. Der Hinweis auf die Tactical Boots, auf das extravagante Outfit. Ihr huschte ein Lächeln über die Lippen. Sie nickte ihm zum Abschied zu und verließ dann schnell, aber nicht zu hastig die Lobby. Dogan wartete draußen auf der breiten Treppe. Die eine Hand steckte unter seiner Jacke. „Hat alles geklappt?“

„Beeilen wir uns.“

Sie liefen zu dem hellblauen Volvo und stiegen ein. Dogan startete den Motor, während Saskia den Schlüssel betrachtete, den der Professor ihr gegeben hatte. Nummer 54 war klein eingraviert. Was öffne ich damit? Könnte ein Schließfach sein. Und wenn ja, wo ist dieses Schließfach? Sie schlug das Buch auf und las die Signatur:

Sie sind in Gefahr.

Dogan fuhr los. Aus dem Augenwinkel sah Saskia, wie der Mann mit den Tactical Boots aus der Cirkus Arena trat. Es war der Mann, der am Baum gelehnt und gelächelt hatte.

„Du musst etwas für mich tun.“ Saskias Stimme war so dünn wie Esspapier. „Ich brauche Hilfe.“

„Aber wem außer mir kannst du noch vertrauen?“

„Meiner Schwester.“ Saskia schluckte. „Ich kann nur noch meiner Zwillingsschwester vertrauen.“


Kapitel 2

Berlin, 10:58 Uhr MESZ

Es klopfte. Wiebke Meinert wachte aus einem unruhigen Schlaf auf. Sie wollte die Augen öffnen, aber ihre Augen wollten nicht wie sie.

„Falsche Tür“, rief sie ins Kissen. Der Schlaf wollte nicht loslassen. Aber wer auch immer an der Tür stand, hatte andere Pläne. Es klopfte erneut.

„Verdammte Scheiße. Was soll das?“ Wiebkes Kopf dröhnte. Sie blinzelte. Die Sonne schien durch das Dachfenster und füllte den kleinen Raum gnadenlos mit Hitze.

Es klopfte ein drittes Mal. Energischer.

Wiebke schälte sich aus dem Bett und rieb sich das Gesicht. Ihre nackten Füße tapsten über den welligen Teppichboden. Sie gähnte, als sie die Tür öffnete.

„Was wollen Sie denn hier?“ Wiebke starrte ihre Nachbarin an.

„Darf ich reinkommen?“ Frau Itzegel faltete die Hände vor der Brust.

Wiebke trat zur Seite. „Haben Sie ein Saunahandtuch dabei?“

Frau Itzegel blickte zu Boden. Sie betrat mit vorsichtigen Schritten die heiße Dachgeschosswohnung, während Wiebke die Tür hinter ihr schloss.

„Was trinken? Außer Eistee und Leitungswasser habe ich aber nichts da.“

Die Nachbarin schüttelte den Kopf. Sie setzte sich auf das Sofa und strich mit der Hand den abgewetzten Stoff glatt. „Es ist etwas passiert“, sagte sie. Ihre Stimme klang dünn und brüchig.

„Und warum kommen Sie zu mir?“

Frau Itzegel blickte sich um. Wiebke störte das, sie hatte nicht aufgeräumt. Auf der Küchenzeile standen die Pizzakartons der letzten Woche. Dazwischen lagen leere Getränkedosen.

„Ich brauche Hilfe“, sagte Frau Itzegel mit noch dünnerer Stimme.

„Dann gehen Sie doch zur Polizei. Aufräumtipps kann ich Ihnen jedenfalls nicht geben.“ Wiebke presste die Lippen aufeinander.

Frau Itzegel schaute Wiebke mit großen glänzenden Augen an. Ihre Mundwinkel bebten. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Dann blickte sie zur Seite und saugte an ihrer Hand. Jetzt bebte ihr ganzer Körper.

Wiebke setzte sich rücklings auf den Küchenstuhl. Sie beugte sich vor und schlang die Arme um die Lehne. Beziehungsprobleme, entschied sie. Ihr Mann ist fremdgegangen. Auch kein gutes Thema für mich. Der Einzige, der in meinen Beziehungen fremdgeht, ist der Partner in meinem Bett. Wiebke schnaubte durch die Nase. „Ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Es geht um Max.“ Dieses Mal hörte sich ihre Stimme erstickt an. Als würde sie mit den Tränen kämpfen.

„Wer ist Max?“

„Mein Sohn. Mein Sohn heißt Max.“

Wiebke dachte nach. Max könnte der junge Mann sein, den sie ab und zu im Hausflur herumschleichen sah. Der mit den abgewetzten Cordhosen und den einfarbigen Polohemden. Sieht immer so aus, als hätte Mami ihn angezogen.

„Und jetzt? Soll ich Ihnen sagen, dass Max ein schöner Name ist?“

Frau Itzegel schwieg. Sie blickte in Richtung Bett.

„Okay“, sagte Wiebke. „Sie haben mich geweckt. Das ist nicht mehr zu ändern. Also, was ist passiert?“ Ich werde diese Frage bereuen.

„Kennen Sie Yannic?“

Wiebke schüttelte den Kopf. Sie interessierte sich nicht für die Nachbarschaft. „Sollte ich?“

„Der ist häufig im Park an der Rostocker Straße. Rappt dort mit seinen Freunden. Hängt ab und terrorisiert die Leute.“

„Und Ihr Sohn wurde auch terrorisiert?“

Frau Itzegel nickte: „Schlimmer.“ Ihre Stimme erstickte. Sie schaute wieder weg und wischte sich übers Gesicht. Die Finger glitzerten im Sonnenlicht.

„Und was wollen Sie jetzt von mir? Soll ich Yannic sagen, dass er aufhören soll? Dass er einen falschen Weg eingeschlagen hat? Beginn eine Ausbildung, die ist der Anfang einer glänzenden Karriere?“

»Sie … Sie haben doch diese Rocker …«

„Das war eine persönliche Sache.“

„Bitte. Ich habe heute das hier bekommen.“ Frau Itzegel reichte Wiebke ein Mobiltelefon.

„Was soll ich damit?“ Wiebke verschränkte die Arme.

„Ich brauche Ihre Hilfe. Dringend.“

Wiebke stand auf und griff nach dem Gerät. Ich werde das bereuen. Ganz sicher. Auf dem Display war ein verschwommenes Bild zu sehen. Sie drückte auf Play und sah eine verwackelte Videoaufnahme. Ein Park. Und ein junger Mann. Cordhosen-Max. „Wie alt ist Ihr Sohn?“

„Siebzehn.“

Sieht aus wie zwölf, dachte Wiebke. Er trug eine kurze Hose und ein gestreiftes T-Shirt. Er hatte Socken an und Sandalen. Er ging im Park spazieren. Das Video hörte auf.

„Ihr Sohn geht draußen spazieren. Wenn Sie das nicht wollen, kaufen Sie ihm eine Spielekonsole.“

„Da sind noch mehr Videos.“

Wiebke klickte weiter.

Max setzte sich auf eine Parkbank. Derjenige, der das Video aufgenommen hatte, näherte sich. Max blickte in die Handykamera. In seinen Augen war Panik zu erkennen. Er hob die Hände.

„Das ist meine Bank“, sagte eine Stimme aus dem Off, gefolgt von einem Kichern. Die Aufnahme wackelte. Mehr als einer, schoss es Wiebke durch den Kopf. Mindestens zwei.

„Tut mir leid. Das wusste ich nicht.“ Max legte so viel Unterwürfigkeit wie möglich in seine Stimme.

Wiebke schüttelte den Kopf.

„Du hast meine Bank benutzt. Ich will Miete.“

Max wurde hektisch. Er kramte einen Geldschein aus der Hosentasche. „Mehr habe ich nicht.“

Jemand riss ihm den Zwanzigeuroschein aus der Hand. Das Video hörte auf.

„Was ist mit Ihrem Sohn los?“

„Er ist ein zarter Junge.“

Wiebke nickte nur. Sie startete das dritte Video. Max kniete auf dem Boden. Die Haare klebten ihm am Kopf. Sein Gesicht war tränennass, die Wangen gerötet. Eine große Hand mit groben, behaarten Fingern kam ins Bild.

„Los. Bettel drum!“ Die Stimme klang amüsiert. Im Hintergrund war lautes Lachen zu hören. „Bettel drum!“ Worte wie Faustschläge.

Max zog Rotz hoch. Er schüttelte den Kopf.

„Du machst es schlimmer, du Wichser. Bettel drum!“

Max ließ die Schultern hängen. Sein Blick wurde leer. Die Unterlippe bebte. „Bitte. Ich möchte noch eine Backpfeife.“

Das Lachen wurde lauter. Die grobe Hand explodierte in Max’ Gesicht. Er kippte zur Seite und blieb zuckend liegen.

„Steh auf, du Wichser.“

Max drückte sich hoch, um noch unterwürfiger zu knien.

Das Video hörte auf. Wiebke reichte Frau Itzegel das Gerät.

„Vielleicht spendieren Sie Ihrem Sohn mal einen Selbstbehauptungskurs. Das könnte nachhaltig helfen.“

„Es gibt noch ein letztes Video.“

Ich weiß nicht, ob ich mir das ansehen will. „Ich habe keine Zeit.“

Mit gesenktem Kopf nahm Frau Itzegel das Gerät zurück. „Ich hab gehofft, Sie würden uns helfen.“ Sie hielt Wiebke das Telefon hin.

„Hören Sie, Frau Itzegel. Mich interessieren Ihre Probleme nicht. Mich interessieren die Probleme hier im Kiez nicht. Ich kann mich nicht darum kümmern.“ Ich bin ein Fremdkörper. Strandgut. Die nächste Welle nimmt mich mit. Woandershin. Vielleicht ist es da besser, vielleicht schlechter. Wobei schlechter kaum noch geht. Aber ich bin hier nur ein Sandkorn unter vielen. Das ist das, was ich will. Das ist der Grund, warum ich in diesem verschissenen Viertel wohne. „Ich brauche keine Freunde hier. Ich will keine Freunde. Haben Sie mich verstanden?“

Frau Itzegel starrte lange zu Boden, dann nickte sie langsam. Sie stand auf und schleppte sich zur Wohnungstür. Sie hielt die Klinke fest, während sie sich noch einmal umdrehte. „Es tut mir leid, Ihre Zeit gestohlen zu haben.“

Die Tür schnappte wieder ins Schloss. Wiebke starrte noch eine Weile auf das zerkratzte Türblatt.

Mark Fahnert

Über Mark Fahnert

Biografie

Mark Fahnert, Jahrgang 1973, ist seit 1990 bei der Polizei. Mehrere Jahre ermittelte er verdeckt als szenekundiger Beamter, bevor er bei der Autobahnpolizei im rasanten Einsatz seinen Dienst versah. Heute befasst er sich mit politisch und religiös motivierten Delikten. Durch seine lange und...

Mark Fahnert im Interview

Was hat dich zu Lied des Zorns inspiriert? Wie kamst du auf diese Geschichte?
Die Idee zu Lied des Zorns ist alt. Im Jahr 2005 habe ich meine erste und einzige Liebeskurzgeschichte geschrieben, die dann auch in einer Anthologie veröffentlicht wurde. Als ich dann mein Belegexemplar bekam, habe ich mich beim Verlag dafür bedankt. So kam ich mit dem damaligen Verlagsleiter ins Gespräch, der meinte, dass ich ein Talent für Thriller hätte. Wir haben dann gemeinsam die ersten Grundzüge der Geschichte entwickelt, die ich dann kontinuierlich weitergeführt habe. Die erste Fassung meines „Terrorismusromans“, so war mein Arbeitstitel, war schon 2008 fertig. Aber ich war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Vor ein paar Jahren habe ich mich dann beruflich verändert. Diese Veränderung gab dann den Ausschlag, die uralte Version meines Romans noch einmal herauszukramen und zu überarbeiten. Inspiration bekomme ich (leider), wenn ich mir die Nachrichten anschaue oder die Zeitung aufschlage.

Was war die größte Herausforderung beim Schreiben?
Die Waage zwischen den Erfordernissen an einen spannenden Roman und der Realität zu halten. Polizeiermittlungen sind nie so, wie sie in den Romanen dargestellt werden. Alles dauert recht lang, man muss viel warten und Geduld aufbringen. Aber das ist etwas, was in der Fiktion nicht abgebildet werden kann, wenn man nicht will, dass die LeserInnen das Buch nach kurzer Zeit zuklappen.

Und was hat am meisten Spaß gemacht?
Figuren nach meinen Vorstellungen entwerfen zu können.

Gibt es reale Vorbilder für deine Figuren?
Ich glaube, dass jede Figur, die in einem Roman auftritt, irgendwo reale Vorbilder hat. Ich beobachte die Menschen um mich herum (Berufskrankheit). Ich schreibe mir Marotten auf, einen speziellen Duft, die Art des Sprechens. Wenn ich dann eine Figur entwerfe, öffne ich meinen Werkzeugkasten und suche mir die Sachen raus, die zur Figur passen. Vielleicht hat Wiebke ein reales Vorbild – aber das verrate ich nicht.

Wann und wie schreibst du am liebsten?
Am liebsten schreibe ich früh am Morgen. Ich stehe extra 5 Uhr auf, damit ich die Ruhe genießen kann.

Wie gehst du bei der Recherche vor?
Für Lied des Zorns habe ich lange recherchiert, bevor ich überhaupt mit dem Schreiben begonnen habe. Wenn ich etwas Spezielles wissen will, dann suche ich im Internet eine Organisation heraus, wo man es vielleicht wissen könnte. Dann schreibe ich eine höfliche E-Mail und stelle meine Fragen. Meist bekomme ich eine Antwort. Sonst besorge ich mir Sachbücher über das Thema, blättere in Magazinen, lese Zeitung, surfe viel im Internet, spreche mit Menschen und stelle viele Fragen.

Welche Bücher haben dich besonders geprägt? Und welche Bedeutung haben Bücher für dich?
Bücher sind mir sehr wichtig. Ich lese sie auch so, dass auf dem Rücken kein Knick kommt. Also immer schön vorsichtig. Es gibt jedoch keine Bücher, die mich besonders geprägt haben. Vielleicht ein wenig die Sherlock Holmes Reihe, weil ich die in meiner Jugend verschlungen habe.

Welches Buch hat dich bis heute besonders geprägt oder beeindruckt?
Es gibt zu viele gute Bücher, als dass mich eins besonders geprägt oder beeindruckt hätte.

Wie liest du am liebsten? Physische Bücher oder digital?
Zum Leidwesen meiner Frau kann ich mich mit eBooks nicht anfreunden. Ich habe zwar so einen Reader, aber ich erwische mich, Gründe zu suchen, warum ich dieses eine spezielle Buch in physischer Form brauche. Und wenn der Grund gut ist, dann gilt der auch für alle anderen Bücher, die ich haben will.

Was tust du, wenn du gerade nicht schreibst?
Wenn ich nicht schreibe, dann spiele ich Ghost Recon auf der Playstation. Meist online mit Freunden. Oder ich bastle, weil ich begeisterter Tabletopspieler bin. Spectre Operations ist mein aktueller Favorit. Aber auch Freebooters Fate oder Saga. Mit meiner Frau schaue ich am Abend sehr gerne Serien. Und ich liebe alte Filme.

Wolltest du schon immer Polizist werden? Kannst du etwas mehr über deinen Job verraten?
Ja, ich wollte schon immer Polizist werden. Was soll ich sagen? Aktuell beschäftige ich mich mit Sachverhalten, die entweder politisch, ideologisch oder religiös motiviert sind. Und ein Großteil meiner Arbeit besteht aus Gefahrenabwehr.

Was halten deine Kollegen davon, dass du ein Buch veröffentlichst?
Die finden es gut. Sie sind schon gespannt, was ich da zusammengeschrieben habe.

Inwiefern hat dein Job dein Buch beeinflusst?
Mein Beruf erleichtert mir die Recherche, da ich viele Dinge, die ich für meinen Brotberuf lesen und wissen muss, auch für meine Bücher taugen.

Angenommen, du könntest einen Tag mit Wiebke verbringen. Was würdet ihr machen?
Spontan ist mir das Wort „Saufen“ eingefallen. Aber ich denke, wir würden gemeinsam irgendwo sitzen, ein Weizen trinken und Käsefondue essen (das ist mein Lieblingsessen). Wir würden quatschen und dann gemeinsam eine Runde Tabletoppen.

Wen magst du lieber – Wiebke oder Saskia?
Jede hat ihre Vorzüge. Jede steht für etwas, das mir im Leben wichtig ist. Ich glaube, ich mag beide gleich.

Weitere Titel der Serie „Wiebke-Meinert-Thriller“

Wiebke Meinert wurde ausgebildet, um zu töten. Sie hat keine Angst vor ihren Gegnern. Und sie mag es nicht, wenn man ihr Vorschriften macht …In seiner Krimireihe lässt Autor und Kriminalhauptkommissar Mark Fahnert die ehemalige Elitesoldatin Wiebke Meinert ermitteln. Spannung und Action, gespickt mit viel Insiderwissen!
Pressestimmen
Die Presse

„Fahnert erzählt spannend und flüssig.“

3sat „Kulturzeit“

„Autor Mark Fahnert ist Polizist mit dem Spezialgebiet politisch und religiös motivierte Delikte. Sein Krimi gibt spannende Einblicke.“

hr2 Kultur „Krimi mit Mimi“

„(Mark Fahnert) weiß, wovon er schreibt.“

Podcast „Krimikiste“

„Mark Fahnert erschafft mit Wiebke Meinert eine faszinierende Protagonistin, die ebenso wie seine anderen Charaktere absolut glaubwürdig ist. Neben der actionreichen Spannung merkt man ›Lied des Zorns‹ die weitreichenden Fachkenntnisse an, die Fahnert besitzt.“

Buchkultur

„James Bond als weibliches Zwillingspaar“

Gießener Allgemeine

„Eine wirklich starke und ungewöhnliche weibliche Krimifigur“

erlesen-Magazin

„Ein Thriller der Extraklasse“

magazin-koellefornia.com

„Erschreckend real wie der Autor die Gefühle des Täters beschreibt. Ein aktuell politisches Buch das neben der Krimigeschichte auch viel über den Terror mitteilt “

Altenaer Kreisblatt

„Besonders beeindruckt hat mich die Tiefe der Figuren. Man taucht in die Gefühlswelt des Attentäters, der den Willen hat, für seinen Glauben zu sterben. Und man leidet fast mit ihm.“

eschborner-stadtmagazin.de

„Ein absoluter Actionthriller der Sonderklasse“

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