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Liebespaarungen

Roman

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Liebespaarungen — Inhalt

Lawrence ist ein ganz besonderer Mensch, klug, geistreich, verlässlich. Ein Leben ohne ihn kann Irina sich nicht vorstellen. Auch an dem Abend nicht, an dem sie mit ihrem gemeinsamen Freund Ramsey ausgeht. Aber nach einem leidenschaftlichen Kuss mit Ramsey beginnt für Irina plötzlich ein neues Leben. Und mit Ramsey verändert sich vieles, mit ihm wird Irina zu einer anderen Frau. Das Leben mit Lawrence, das Leben ohne diesen Kuss, wäre vorhersehbarer gewesen. Oder? Beide Geschichten sollten erzählt werden – nur um zu erfahren, was gewesen wäre, wenn …

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzt von: Monika Schmalz
592 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31214-1
€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 01.06.2010
Übersetzt von: Monika Schmalz
592 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-25886-9
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 26.09.2014
Übersetzt von: Monika Schmalz
592 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96981-9

Leseprobe zu »Liebespaarungen«

Was als Zufall begonnen hatte, war zur Tradition geworden: Am sechsten Juli sollten sie mit Ramsey Acton an seinem Geburtstag essen gehen.

Fünf Jahre zuvor hatte Irina zusammen mit Ramseys damaliger Frau, Jude Hartford, an einem Kinderbuch gearbeitet. Jude hatte das Treffen angeregt. Sie schien unbedingt einen Abend zu viert ausmachen zu wollen, um ihrer Illustratorin ihren Mann Ramsey vorzustellen. Oder, nein – »meinen Mann, Ramsey Acton«, hatte sie gesagt. Irina vermutete, dass Jude auf jene ermüdend feministische Weise stolz darauf war, nicht den [...]

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Was als Zufall begonnen hatte, war zur Tradition geworden: Am sechsten Juli sollten sie mit Ramsey Acton an seinem Geburtstag essen gehen.

Fünf Jahre zuvor hatte Irina zusammen mit Ramseys damaliger Frau, Jude Hartford, an einem Kinderbuch gearbeitet. Jude hatte das Treffen angeregt. Sie schien unbedingt einen Abend zu viert ausmachen zu wollen, um ihrer Illustratorin ihren Mann Ramsey vorzustellen. Oder, nein – »meinen Mann, Ramsey Acton«, hatte sie gesagt. Irina vermutete, dass Jude auf jene ermüdend feministische Weise stolz darauf war, nicht den Namen ihres Mannes angenommen zu haben.

Aber es ist nun mal schwierig, Ignoranten zu beeindrucken. Als sie mit Lawrence damals im Jahr ’92 das bevorstehende Abendessen besprach, wusste Irina zu wenig, um zu erwähnen: »Ob du’s glaubst oder nicht, Jude ist mit Ramsey Acton verheiratet.« In dem Fall hätte sich Lawrence vielleicht ausnahmsweise auf seinen Economist-Kalender gestürzt, anstatt zu nörgeln, dass sie diesen Pflichttermin doch dann wenigstens in die frühen Abendstunden legen könne, damit er rechtzeitig zu Hause sein würde, um NYPD Blue zu gucken. Ohne zu ahnen, dass sie im Besitz zweier Zauberworte war, mit denen sich seine prinzipielle Abneigung gegen Geselligkeiten überwinden ließe, hatte Irina stattdessen zu Lawrence gesagt: »Jude will mir ihren Mann vorstellen, Raymond, oder so ähnlich.«

Als sich aber das Datum, das sie vorschlug, als der Geburtstag jenes »Raymond oder so ähnlich« entpuppte, beharrte Jude darauf, dass der Abend zu mehreren noch viel lustiger würde. Nach seiner Rückkehr in den Junggesellenstand ließ Ramsey zumindest so viel über seine Ehe durchblicken, dass sich Irina zusammenreimen konnte: Nach ein paar Jahren waren die beiden nicht mehr in der Lage gewesen, sich fünf Minuten am Stück miteinander zu unterhalten. Jude hatte die Gelegenheit am Schopf gepackt, ein tristes, schweigsames Abendessen zu zweit zu umgehen.

Was Irina ein Rätsel war. Ramsey hatte in der Runde immer einen recht netten Eindruck gemacht, und das eigentümliche Unbehagen, das Irina selbst jedes Mal in seiner Gegenwart befiel, würde doch sicherlich nachlassen, wenn man mit dem Mann verheiratet wäre. Vielleicht hatte Jude es toll gefunden, ihre Kollegen mit Ramsey zu beeindrucken, war aber selbst nicht beeindruckt genug.

Zudem hatte Judes erschöpfende Fröhlichkeit immer einen seltsam hysterischen Unterton und kam ohne das Vierer-Gremium nicht recht in Schwung. Dabei lachte sie wirklich viel, auch über ihre eigenen Bemerkungen. Es war ein zwanghaftes, ablenkendes Lachen, mehr aus Anspannung denn aus Humor geboren, ein Trick zur Maskierung und somit ein wenig unaufrichtig. Dennoch war ihr Bestreben, einem offenbar tief empfundenen Leiden tapfer zu trotzen, mitleiderregend. Ihr kurzatmiger Frohsinn weckte in Irina genau das Gegenteil – das Bedürfnis, nüchtern zu bleiben, mit tiefer, ruhiger Stimme zu sprechen, und sei es nur, um unter Beweis zu stellen, dass es durchaus akzeptabel war, ernst zu sein. Wenn sich Irina also gelegentlich an Judes Benehmen störte, fand sie sich in deren Gegenwart zumindest selbst nett.

Der Name von Judes Mann hatte Irina zunächst nichts gesagt, zumindest nicht bewusst. Dennoch, als Jude an jenem ers- ten Geburtstag in den Savoy Grill stürzte und Ramsey neben ihr herglitt, durchzuckte Irina beim Blick in die graublauen Augen des groß gewachsenen Mannes ein Schlag, wie bei dem kurzen Kontakt zweier unter Strom stehender Drähte, was sie damals als ein visuelles Wiedererkennen deutete und später – sehr viel später – als ein Wiedererkennen einer ganz anderen Art.

 

 

Lawrence Trainer war kein prätentiöser Mann. Er hatte zwar einen Forschungsauftrag bei einem renommierten Londoner Thinktank, war aber in Las Vegas aufgewachsen und unerbittlich amerikanisch geblieben. Er war nicht als Erstes losgelaufen, um in den örtlichen Cricketverein einzutreten. Aber immerhin war sein Vater Golflehrer; er interessierte sich also von Haus aus für Sport. Trotz seiner misanthropischen Ader, die schuld daran war, dass er sich lieber alte Polizeiserien im Fernsehen ansah, als mit wildfremden Leuten essen zu gehen, war er ein Mensch mit kultureller Neugier.

So hatte Lawrence schon in der Anfangszeit des gemeinsamen Londoner Exils eine Faszination für Snooker entwickelt. Da Irina diesen sehr britischen Zeitvertreib immer für eine undurchschaubare Variante von Billard gehalten hatte, mühte sich Lawrence, ihr klarzumachen, dass Snooker viel komplizierter und viel eleganter sei als das plumpe Spiel mit der 8er-Kugel. Neben dem etwa 1,80 mal 3,60 Meter großen Snookertisch nahm sich ein amerikanischer Billardtisch wie ein Kinderspielzeug aus. Snooker war eine Sportart, die nicht nur Geschicklichkeit erforderte, sondern strategisches Denken, und die frühen Profis hatten gelernt, bis zu einem Dutzend Stöße im Voraus zu planen und räumliche und geometrische Fertigkeiten zu entwickeln, vor denen jeder Mathematiker den Hut ziehen würde.

Irina hatte Lawrence in seiner Begeisterung für Snookerturniere im Fernsehen nicht gebremst, denn das Spiel strahlte eine angenehme Ruhe aus. Das gläserne Klackern der Bälle und das Prasseln höflichen Applauses waren ungleich beruhigender als die Schüsse und Sirenen der Polizeiserien. Die Kommentatoren sprachen kaum lauter als im Flüsterton und mit weichem, regionalem Akzent. Ihr Vokabular war voller Andeutungen, ohne direkt schmutzig zu sein: ein langer Stoß, sanfte Berührung, eine Rote lochen, an die Schwarze kommen. Obwohl es traditionell ein Sport der Arbeiterklasse war, herrschten beim Snooker Umgangsformen, wie man sie eher mit dem Adel in Verbindung brachte. Die Spieler trugen Weste und Fliege. Man fluchte nicht; Wutanfälle konnten den Spieler sogar Punkte kosten. Anders als das rowdyhafte Publikum beim Fußball, ja sogar beim Tennis – einst Tummelplatz für Snobs, in jüngster Zeit jedoch auf Crash-Derby-Niveau gesunken – verhielten sich die Zuschauer eines Snookerspiels mucksmäuschenstill.

Alles in allem bot Snooker also einen angenehmen Hintergrund, vor dem Irina neue Kinderbuchillustrationen konzipieren oder den Saum der Wohnzimmergardine nähen konnte. Nachdem sie dank ihres geduldigen Nachhilfelehrers einen gewissen Sinn für das Spiel entwickelt hatte, schaute Irina gelegentlich hoch, um einen Frame zu verfolgen. Mehr als ein Jahr, bevor Jude ihren Mann namentlich erwähnte, war Irina auf einen der Spieler auf dem Bildschirm aufmerksam geworden.

Hätte sie darüber nachgedacht – was sie nicht getan hatte –, wäre ihr aufgefallen, dass er nie einen Titel geholt hatte. Dennoch schien sein Gesicht immer wieder in den Endrunden der meisten ausgestrahlten Turniere aufzutauchen. Er war älter als der Großteil der anderen Spieler, die eher um die zwanzig waren; mit einigen wenigen strengen Falten in seinem länglichen, facettenreichen Gesicht konnte er aber höchstens knapp über vierzig sein. Selbst für eine Sportart mit so strikter Etikette war er ein auffallend disziplinierter Spieler, er hielt sich vollkommen gerade. Denn die Korrektheit der Spieler war bis zu einem gewissen Grad auch nur aufgesetzt; vielen Spielern wuchs ein Bierbauch, und schon mit dreißig sahen ihre Gesichter verbraucht aus. Bei einem Präzisionsspiel wie diesem kam es häufig vor, dass Oberarme schlaff und Oberschenkel dick wurden. Dieser eine Spieler aber war schmal gebaut, mit eckigen Schultern und schlanken Hüften. Er trug immer das klassische, gestärkte weiße Hemd, eine schwarze Fliege und eine charakteristische perlmuttfarbene Weste – sein Markenzeichen vielleicht –, die mit weißer Seide durchwebt war, eine filigrane Arbeit, die Irina an ihre eigenen Zeichnungen erinnerte.

Als sie im Savoy Grill miteinander bekannt gemacht wurden, erkannte Irina Ramsey nicht als den Mann aus dem Fernsehen. Er war aus dem Kontext gerissen. Lawrence, der für Namen, Gesichter, Daten und Statistiken ein geniales Gedächtnis hatte, konnte ihre anhaltende Verwirrung schnell ausräumen. (»Wieso hast du mir nichts gesagt?«, hatte er gerufen. Es war einer der seltenen Tage, an denen Lawrence Trainer als Bittsteller auftrat.) Beim Namen »Ramsey Acton« klappte sofort eine Akte auf über einen Mann, der offenbar eine Ikone des Spiels war, auch wenn er eine Art Relikt aus der Vorgängergeneration darstellte. Sein Spitzname »Swish« – dem amerikanischen Basketballsport entlehnt – war eine Huldigung an seine Fähigkeit, so sauber einzulochen, dass der Objektball nicht einmal die Ränder der Tasche berührte. Er war bekannt für seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit; er war ein impulsiver Spieler. Seit fünfundzwanzig Jahren war er Profi und dadurch berühmt geworden, dass er fünfmal im Finale gespielt hatte und kein Mal Weltmeister geworden war. (1997 waren es schon dreißig Jahre und sechs Finalspiele – und immer noch kein Titel.) In Sekundenschnelle war Lawrence mitsamt seinem Stuhl an Ramseys Seite gerückt, und die beiden verfielen in ein ausgelassenes Duett, das keinen Dritten duldete.

Irina beherrschte die Grundregeln: Man musste abwechselnd einen roten Ball und einen bunten Ball versenken. Versenkte rote Bälle blieben versenkt; versenkte Farben kamen zurück auf den Tisch. Waren alle Roten abgeräumt, mussten die Bälle in einer vorgeschriebenen Reihenfolge versenkt werden. Lawrence dagegen kannte die abgelegensten Regeln des Spiels. Während er also salbungsvoll einige berüchtigte Respotted Blacks zitierte, verpasste ihm Swish einen eigenen Spitznamen: Anorak-Man. »Anorak«, im wörtlichen Sinn eine unmodische Windjacke, war außerdem ein verbreiteter Ausdruck für Trainspotter, Flugzeugspotter und alle, die die Namen der ersten zehn Dartspieler der Weltrangliste auswendig lernten, anstatt sich um ein eigenes Leben zu bemühen. Doch die leicht abschätzige Titulierung war eindeutig liebevoll gemeint. Und zu Lawrences Zufriedenheit sollte es bei dem Namen bleiben.

Irina hatte sich ausgebootet gefühlt. Lawrence hatte schon immer eine Tendenz, die Dinge an sich zu reißen. Irina hätte sich als zurückhaltend, ja sogar still bezeichnet, schlimmstenfalls als unscheinbar. Jedenfalls kämpfte sie ungern um Gehör.

Als Irina und ihre Freundin an diesem Abend einen Blick austauschten, verdrehte Jude die Augen himmelwärts, eine Geste, die um eine Spur gehässiger war als ein nachsichtiges So sind sie halt, die Jungs. Jude hatte ihren Mann in den Achtzigern während ihrer Journalistenphase kennengelernt, als sie für das Magazin Hello! einen Promotion-Artikel schreiben musste und Ramsey mehr oder minder ein Pin-up-Star war; bei dem Interview hatten sich die beiden betrunken und waren im Bett gelandet. Allerdings war aus Judes anfänglich spärlichem Interesse an Snooker ein Desinteresse an Snooker geworden, das schließlich in eine regelrechte Aversion mündete.

Lawrence schenkte der Frau, von der er als »seiner Frau« zu sprechen pflegte, die zu heiraten er sich aber nie die Mühe gemacht hatte, nicht die geringste Beachtung; Ramsey dagegen war besser erzogen. Er rückte den Stuhl in Irinas Richtung und verwahrte sich für den Rest des Abends gegen jede weitere Fachsimpelei. Er lobte ihre Illustrationen für Judes neues Kinderbuch und sagte: »Erste Sahne, deine Bilder. Haben mich echt beeindruckt.« Vor allem weil er mit so leiser Stimme sprach, war der starke Südlondoner Akzent ein wenig gewöhnungsbedürftig. Er hatte eine Art, Irina anzusehen, und zwar nur Irina, wie sie es schon lange nicht mehr erlebt hatte, und, ehrlich gesagt, er machte sie damit nervös, ja verwirrte sie. Für eine erste Begegnung war sein Verhalten etwas übertrieben, nicht direkt anmaßend, aber irgendwie dann doch. Im Smalltalk war Ramsey jedenfalls eine Niete. Sobald sie das Gespräch auf den Parteitag der Demokraten oder John Major lenkte, verstummte er einfach.

Diskret übernahm Ramsey die Rechnung. Der Wein, und es war reichlich geflossen, war nicht billig gewesen. Aber Snookerprofis verdienten nicht schlecht, und Irina beschloss, kein schlechtes Gewissen zu haben.

An diesem ersten Geburtstag, seinem zweiundvierzigsten, hatte er einen wirklich netten Eindruck gemacht. Dennoch war sie erleichtert gewesen, als der Abend vorbei war.

 

 

Irina und Jude arbeiteten zusammen an einem zweiten Kinderbuch – der unverhohlen manipulative Ton ihres ersten Projekts, Ich räum so gern mein Zimmer auf!, hatte Eltern begeistert und Kinder entsetzt und für recht gute Verkaufszahlen gesorgt. Und so etablierte sich die Viererrunde und wurde mehrmals im Jahr wiederholt – was für Londoner Verhältnisse oft war. Für diese Zusammenkünfte war Lawrence übrigens immer zu haben, und er benahm sich von Anfang an, als wenn er Ram- sey, von dem er seinen britischen Kollegen gern und oft erzählte, gepachtet hätte. Irina hatte ihre Snookerkenntnisse zwar geringfügig vertieft, aber mit Lawrences enzyklopädischem Wissen konnte sie nicht mithalten und versuchte es auch gar nicht erst. Stillschweigend kam man überein, dass Irina mit Jude und Lawrence mit Ramsey befreundet sei, wobei Irina sich fragte, ob sie dabei nicht vielleicht den Kürzeren gezogen hatte. Jude ging ihr ein wenig auf die Nerven.

Auch das Essen, mit dem das zweite Jahr ihrer unbändigen Viererabende begann, fand an Ramseys Geburtstag statt. Zwei Geburtstage hintereinander genügten, um die Sache zur Regel zu erheben.

Weil es ihr unangenehm war, dass Ramsey jedes Mal an seinem eigenen Geburtstag die Rechnung übernahm, hatte Irina im vierten Jahr, im Juli ’95, darauf bestanden, ihrerseits den Abend auszurichten. Sie war in Experimentierlaune gewesen und hatte selbst gemachte Sushi-Platten gereicht – für die Ramsey, wie sie inzwischen wusste, eine Schwäche hatte. Anders als bei den kostbaren Restaurantportionen, bestehend aus drei Bissen Thunfisch und einem Blatt Plastikgras mit Zacken, blieb neben den großzügigen Platten mit Handrolls und Makis auf ihrem Esstisch in Borough kaum noch Platz für die Teller. Sie stellte sich vor, dass Ramsey sicherlich andauernd gefeiert wurde, und sorgte sich, dass sie mit ihrem vorsichtigen Vorstoß in die japanische Kochkunst seinen kulinarischen Gewohnheiten nicht gerecht werden würde. Stattdessen aber war er von ihren Bemühungen so überwältigt, dass er den ganzen Abend kaum ein Wort herausbrachte. Er war so verlegen, dass es Irina peinlich war, ihn in Verlegenheit gebracht zu haben, wodurch die Befangenheit, die ihre wenigen direkten Wortwechsel auszeichnete, noch schlimmer wurde, und Irina war heilfroh um die beiden anderen als lärmende Pufferzone.

Ja, und dann kam letztes Jahr. Sie und Jude hatten sich richtig gestritten und den Kontakt abgebrochen. Jude und Ramsey hatten sich noch mehr gestritten und die Ehe beendet. Sieben Jahre waren für eine Ehe zwar nicht lang, bedeuteten aber für die Betroffenen unglaublich viele gemeinsame Abende, und bestimmt hatten sie es nur deswegen so lange miteinander ausgehalten, weil Ramsey so viel unterwegs war. Wäre es nach Irina gegangen, hätten sie ihre lose Freundschaft mit Ramsey Acton an diesem Punkt versanden lassen können. Sie hatten sich nichts zu sagen, und sie fühlte sich in seiner Gegenwart nicht wohl.

Aber Lawrence war wild entschlossen, diesen B-Promi aus dem deprimierenden Kreis derjenigen zu retten, mit denen man irgendwann einmal befreundet war, inzwischen aber, oft aus keinem vertretbaren Grund, keinen Kontakt mehr hatte. Trotz seines Abstiegs in der Weltrangliste gehörte Ramsey noch immer zu den Snookergrößen. »Außerdem«, sagte Lawrence, »der Mann hat Klasse.«

Da Irina selbst zu schüchtern war, musste Lawrence bei ihm anrufen, um ihn zum Essen einzuladen. Irina hatte die Hoffnung, dass Ramsey ablehnen würde. Aber nein, nach dem Telefonat verkündete Lawrence, dass Ramsey sofort zugesagt habe, und fügte hinzu: »Er scheint wohl gerade etwas einsam zu sein.«

»Er rechnet doch hoffentlich nicht wieder mit einer Sushi-Platte«, sagte Irina besorgt. »Ich will ja nicht knauserig wirken, nachdem er uns so oft eingeladen hat. Aber die hat viel Arbeit gemacht, und ich wiederhole mich ungern.« Irina war eine stolze und passionierte Köchin, die sich niemals zu Salatherzen aus der Tüte hätte hinreißen lassen.

»Nein, er hat betont, dass du dir nicht so viel Arbeit machen sollst. Und denk auch an mich«, sagte Lawrence, der den Abwasch besorgte. »Letztes Jahr war die Küche ein Schlachtfeld.«

Insofern fiel die Kost für Irinas Begriffe eher schlicht aus: geschnetzeltes Wild in Rotweinsoße mit Shiitakepilzen und Wacholderbeeren, ein bewährtes Gericht für Notfälle. Ramsey aber war genauso überwältigt wie im Jahr zuvor. Diesmal fragte sich Irina allerdings, ob es wirklich nur das Essen war, das den Gast in solche Begeisterung versetzte. Sie hatte, vielleicht um einer Mahlzeit, die sie schon mehrere Male gekocht hatte, eine neue Note zu verleihen, ein ärmelloses Kleid aus dem Schrank gezogen, das sie schon seit Jahren nicht mehr angehabt hatte. Das Teil war wohl ganz hinten im Schrank gelandet, weil die Träger – wie sie jetzt wieder feststellte – etwas zu lang waren und ihr ständig herunterrutschten. Die weiche blassblaue Baumwolle mit Latexanteil schmiegte sich über ihre Hüften; der Saum war so hoch, dass sie ihn sich jedes Mal beim Hinsetzen über die Oberschenkel ziehen musste. Sie hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war, in derart provokanter Aufmachung vor einem frisch geschiedenen Mann herumzuspringen. Das Reh war es jedenfalls nicht, das den ganzen Abend Ramseys Blicke auf sich zog.

Zum Glück hatte Lawrence offenbar nichts davon mitbekommen. Was ihm dagegen auffiel, war, dass Ramsey nicht nach Hause gehen wollte. Selbst bei Snookerikonen war Lawrences Lust auf Geselligkeit begrenzt, und als es zwei Uhr schlug, hatte Ramsey sie reichlich überstrapaziert. Schwungvoll räumte er den Tisch ab und spülte am anderen Ende des Flurs unter Poltern das Geschirr. Vorwurfsvoll krachten die Töpfe aus Richtung der Küche, und Irina saß mit Ramsey alleine da und suchte panisch nach Gesprächsstoff. Jedes Mal, wenn im Wohnzimmer endlich der Ball ins Rollen kam, spazierte Lawrence munteren Schrittes herein, um den Tisch abzuwischen und Kerzenwachs abzukratzen, ohne Ramsey eines Blickes zu würdigen. Ramsey sah geflissentlich über das unhöfliche Benehmen seines Gastgebers hinweg und schenkte noch einmal Wein nach. Erst nach drei Uhr morgens, und auch nur widerwillig, nahm er seinen Queuekoffer und ging.

Daher hatten sich die drei das ganze letzte Jahr kein einziges Mal getroffen, fast als hätten Irina und Lawrence so lange gebraucht, um sich von jenem Abend zu erholen. Aber Lawrence hegte keinen Groll und stimmte Irina zu, dass Ramsey zwar sehr elegant Snooker spiele, in gesellschaftlichen Dingen aber eher unbeholfen sei. Überdies war Lawrence durch Freikarten zu sämtlichen Turnieren der folgenden Spielsaison für den versäumten Schlaf mehr als ausreichend entschädigt worden.

 

 

Es war wieder Juli. Aber dieses Jahr war alles anders.

Vor wenigen Tagen hatte Lawrence aus Sarajewo angerufen, um sie an Ramseys bevorstehenden Geburtstag zu erinnern. »Ach so, ja«, hatte sie gesagt. »Stimmt. Hatte ich ganz vergessen.«

Irina ärgerte sich über sich selbst. Sie hatte den Geburtstag keineswegs vergessen, und es war albern, so zu tun als ob. Schon bei den kleinsten Abweichungen von der Wahrheit Lawrence gegenüber fühlte sie sich betrübt, entfremdet, ja sogar ängstlich. Lieber würde sie sich beim Lügen erwischen lassen, als mit einer Lüge davonzukommen und mit der schrecklichen Vorstellung leben zu müssen, dass Lügen möglich war.

»Und, meldest du dich bei ihm?«, fragte er.

Seitdem sie wusste, dass Lawrence zu einer Konferenz zum Thema Nationenbildung nach Bosnien fahren und erst am Abend des siebten Juli zurückkommen würde, zerbrach sich Irina in dieser Sache den Kopf. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Du bist doch der, der sich mit Ramsey so gut versteht.«

»Ach, ich glaube schon, dass er dich nett findet.« Lawrences Tonfall suggerierte Mäßigkeit, ja sogar Vorbehalte, im Sinne von »ganz nett, aber nicht mehr«.

»Aber er ist immer so komisch. Ich habe keine Ahnung, worüber wir uns unterhalten sollten.«

»Vielleicht über die mögliche Abschaffung der Vorschrift, dass die Spieler bei Snookerturnieren Fliege tragen müssen? Wirklich, Irina, du solltest ihn anrufen, und sei es nur, um abzusagen. Wie viele Jahre haben wir –«

»Fünf«, sagte sie betrübt. Sie hatte mitgezählt.

»Am Ende ist er gekränkt. Vor meiner Abreise hab ich ihm auf die Mailbox gesprochen und ihm gesagt, dass ich dieses Jahr in Sarajewo bin. Aber ich hab erwähnt, dass du in London bist. Wenn du unbedingt willst, könnte ich ihn von hier aus anrufen und sagen, dass du doch noch mitgekommen bist.«

»Nein, tu’s nicht. Wegen solcher Kleinigkeiten zu lügen finde ich schrecklich. Ich ruf ihn an.«

Sie rief ihn nicht an. Stattdessen rief sie Betsy Philpot an, die für Random House das Kinderbuch von Jude und Irina lektoriert hatte und auch Ramsey ein wenig kannte. Seit einigen Jahren ohne gemeinsames Projekt, hatten sich Betsy und Irina von Kolleginnen zu Vertrauten entwickelt. »Sag mir, dass du und Leo am Sechsten Zeit habt.«

»Wir haben am Sechsten keine Zeit«, sagte Betsy, die keine Freundin überflüssiger Worte war.

»Verdammt.«

»Und weswegen?«

»Ach, wegen Ramseys Geburtstag, da haben wir doch immer was zusammen gemacht. Aber Jude ist inzwischen Geschichte, und Lawrence ist in Sarajewo. Nur ich bin hier.«

»Na und?«

»Ich weiß, das klingt jetzt eitel, und es könnte auch alles nur Einbildung sein. Aber ich frage mich schon seit Längerem, ob Ramsey nicht – ob er nicht ein Auge auf mich geworfen hat.« Sie hatte es noch nie ausgesprochen.

»Er kommt mir eigentlich nicht vor wie ein reißender Wolf. Nichts, womit du überfordert wärst. Aber wenn du nicht willst, dann lass es halt.«

Für Betsy, ebenfalls Amerikanerin, war alles immer ganz einfach. Tatsächlich hatte es etwas eigentümlich Grausames, mit welcher Ruhe und Geradlinigkeit sie Dinge anging, die anderen Mühe machten. Nachdem sich Jude und Irina überworfen hatten, hatte sie ihr mit kurzem, gehässigem Schulterzucken geraten: »Wenn du mich fragst, hast du sie ohnehin nie gemocht. Leg die Sache zu den Akten.«

Irina war keineswegs stolz darauf, wie sie mit ihrem Dilemma umging, nämlich gar nicht. Während des Countdowns zum sechsten Juli versprach sie sich jeden Morgen, Ramsey am Nachmittag anzurufen, und jeden Nachmittag, ihn am Abend anzurufen. Doch selbst bei Nachteulen muss man gewisse Anstandsregeln einhalten, und nach elf Uhr abends warf Irina kopfschüttelnd einen Blick auf ihre Armbanduhr und nahm sich vor, am nächsten Tag gleich als Erstes anzurufen. Aber er war sicherlich Langschläfer, überlegte sie beim Aufstehen, und das ganze Spiel ging wieder von vorne los. Der Sechste war ein Samstag, und am Freitag erkannte sie, dass er mit nur einem Tag Vorlauf so offensichtlich schon verplant wäre, dass ein Anruf in letzter Minute vielleicht unhöflicher wirken würde, als die Sache ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Auch gut. Auf diese Weise würde sie Ramsey Acton nicht alleine anschweigen müssen. Einer Welle der Erleichterung folgte ein Rinnsal Trauer.

Freitag kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon. Um diese Uhrzeit konnte es nur Lawrence sein, sodass sie den Hörer abnahm und sagte: »Sdrawstwui, milyj!«

Nichts. Kein »Sdrawstwui, milaja moja!«. Es war nicht Lawrence.

»… Tut mir leid«, sagte jemand mit unklarem britischem Akzent nach einem kurzen Moment der Verlegenheit. »Ich wollte eigentlich mit Irina McGovern sprechen.«

»Nein, tut mir leid«, sagte sie. »Ich bin’s, Irina. Ich dachte nur, es wäre Lawrence.«

»… Heißt das, ihr beiden schnattert zu Hause auf – was war’n das, Russisch?«

»Na ja, Lawrence spricht grauenhaft Russisch, er kriegt gerade genug zusammen, um … in Moskau käme er nie allein zurecht, aber zu Hause sprechen wir ein bisschen, na ja, als eine Art Geheimsprache … für Zärtlichkeiten«, fuhr sie aufs Geratewohl fort. »Oder für kleine Witze.«

»… Mann, das ist ja süß.« Er hatte sich noch immer nicht zu erkennen gegeben. Inzwischen war es zu peinlich, nachzufragen, wer eigentlich dran sei.

»Lawrence und ich haben uns nämlich kennengelernt, weil ich ihm damals in New York Russischstunden gegeben habe«, warf Irina hastig ein, dann zögerte sie. »Er war an der Columbia und arbeitete an seiner Doktorarbeit zum Thema Rüstungskontrolle. Damals hieß das, dass man zumindest ein bisschen Russisch können musste. Heute wäre das ja eher Koreanisch … Aber Lawrence ist überhaupt nicht sprachbegabt. Er war der schlechteste Schüler, den ich je hatte.« Bla-bla-bla. Wer war das überhaupt? Obwohl, sie hatte eine Theorie.

Leises Glucksen. »Auch süß … irgendwie.«

»Also«, sagte Irina und trat zwecks Entlarvung des Anrufers die Flucht nach vorne an. »Wie geht’s dir?«

»… Na ja, kommt ganz drauf an. Ob du morgen Abend was vorhast oder nicht.«

»Wie könnte ich«, sagte sie kühn. »Ist doch dein Geburtstag.«

Wieder ein leises Glucksen. »Du warst dir nicht sicher, wer dran ist, stimmt’s? Bis gerade eben.«

»Wieso auch? Komisch, eigentlich – aber ich glaube, ich habe in all den Jahren kein einziges Mal mit dir telefoniert.«

»… Stimmt«, sagte er verwundert.

»Wir haben uns immer über Jude verabredet. Und dann, nachdem ihr getrennt wart, über Lawrence.«

Nichts. Ramseys Sprechrhythmus am Telefon war synkopisch, und als Irina fortfuhr, redeten plötzlich beide gleichzeitig. Sie verstummten. Wenn ein einfaches Telefonat schon eine solche Tortur war, wie sollten sie dann jemals einen Abend überstehen?

»Ich bin deine Stimme am Telefon nicht gewohnt«, sagte sie. »Du hörst dich an, als wärst du am Nordpol. Mit so einem selbst gebastelten Spielzeug aus Pappbechern und Drachenschnur.«

»… Du hast ’ne schöne Stimme«, sagte er. »So tief. Vor allem, wenn du russisch sprichst. Sag doch mal was. Auf Russisch. Egal was.«

Natürlich hätte sie irgendeinen Satz abspulen können; sie war zweisprachig aufgewachsen. Doch die Bitte machte sie nervös, und sie musste an Telefonsex denken, ein Pfund pro Minute – Wichsnummern, wie Lawrence immer sagte.

»Kogda my s wami rasgowariwajem, mne kashetsja tschto ja golaja«, sagte sie und presste mit dem freien Arm ihre Brüste zusammen. Zum Glück lernte niemand mehr Russisch heutzutage.

»Und, was heißt das?«

»Du hast gesagt, das sei egal.«

»Sag’s mir trotzdem.«

»Ich habe dich gefragt, was du denn morgen Abend machen willst.«

»Hm. Ich glaub, du willst mich hochnehmen.«

Aber was war denn nun wirklich mit morgen Abend? Sollte sie ihn einladen, weil er sich doch so gern von ihr bekochen ließ? Schon bei dem Gedanken, alleine mit Ramsey in der Wohnung zu sitzen, wurde sie hysterisch.

»Soll ich«, schlug sie verzweifelt vor, »für dich kochen?«

Er sagte: »Lieb von dir. Ich würd aber lieber mit dir ausgehen.«

Irina war so erleichtert, dass sie sich in ihren Sessel plumpsen ließ. Dabei riss sie an der Telefonschnur, und der Apparat krachte zu Boden.

»Was ist’n das für’n Lärm?«

»Mir ist das Telefon runtergefallen.«

Er lachte, etwas lauter und runder diesmal, und zum ersten Mal im Verlauf dieses stockenden Telefonats empfand sie sein Lachen als befreiend. »Heißt das ja oder nein?«

»Es heißt, ich bin ungeschickt.«

»Ich hab dich noch nie ungeschickt gesehen.«

»Du siehst mich ja auch nicht oft.«

»Ich seh dich nicht oft genug.«

Diesmal blieb Irina stumm.

»Ist schon ein ganzes Jahr her«, fuhr er fort.

»Lawrence kann aber leider nicht mitkommen.« Das wusste Ramsey, aber sie hatte das Bedürfnis, seinen Namen ins Spiel zu bringen.

Lionel Shriver

Über Lionel Shriver

Biografie

Lionel Shriver, geboren 1957 in Maryland, USA, lebt mit ihrem Mann, dem Jazzmusiker Jeff Williams, in London und Brooklyn. Ihr in 25 Sprachen übersetzter Roman »Wir müssen über Kevin reden« wurde mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Auch ihr um ein Gedankenspiel kreisender Roman...

Pressestimmen

Ostsee Zeitung

»Kurzweilig, mit Lebensweisheiten und einem Hauch Erotik angereichert, sorgt der Roman auf zwei Leseebenen für Unterhaltung.«

Brigitte

»Packend, witzig, rührend – und man lernt viel über Frauen, Männer, die Liebe und das Leben.«

Frankfurter Allgemeine

Englische Literatur in Bestform!

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