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Liebesgrüße aus MesmenienLiebesgrüße aus Mesmenien

Liebesgrüße aus Mesmenien

Roman

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Liebesgrüße aus Mesmenien — Inhalt

Thomas Lagrange ist mit seinen 27 Jahren das, was man gemeinhin einen Versager nennt: Er hat sein Studium abgebrochen und statt sich eine Arbeit zu suchen, verliert er sich lieber in Tagträumen von der hübschen Dozentin, bei der er einige Jahre zuvor Mesmenisch belegt hat. Mesmenien – dieses kleine Stück Erde zwischen Estland und Russland – war ihm dabei herzlich egal. Als eines Tages in der Zeitung ein Mesmenisch-Übersetzer gesucht wird, versucht er sein Glück. Allerdings muss er feststellen, dass seine Sprachkenntnisse schwächer sind, als er dachte. In seiner Not erfindet er den Roman einfach neu. Und ehe er sichs versieht, steckt er mitten in einem Abenteuer, das sein ganzes Leben auf den Kopf stellt ...

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.08.2018
Übersetzt von: Anja Rüdiger
352 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06103-2
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.08.2018
Übersetzt von: Anja Rüdiger
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97997-9

Leseprobe zu »Liebesgrüße aus Mesmenien«

I

Zwei Uhr morgens

 

Eine merkwürdige Uhrzeit, um mit der Jobsuche zu beginnen, aber ich kann nicht schlafen, warum also sollte ich nicht gleich loslegen? Als Erstes steuere ich den Kühlschrank an, um mir ein Bier zu holen. Oha, draußen ist vermutlich keine einzige Wolke am Himmel, denn das Mondlicht reicht aus, um die ganze Wohnung zu erhellen, ohne dass ich das Deckenlicht einschalten muss. Umso besser, da ich überhaupt keine Lust habe, die fleckigen Küchenwände zu betrachten.

Sandrine hat recht. Der Raum braucht unbedingt einen frischen Anstrich. [...]

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I

Zwei Uhr morgens

 

Eine merkwürdige Uhrzeit, um mit der Jobsuche zu beginnen, aber ich kann nicht schlafen, warum also sollte ich nicht gleich loslegen? Als Erstes steuere ich den Kühlschrank an, um mir ein Bier zu holen. Oha, draußen ist vermutlich keine einzige Wolke am Himmel, denn das Mondlicht reicht aus, um die ganze Wohnung zu erhellen, ohne dass ich das Deckenlicht einschalten muss. Umso besser, da ich überhaupt keine Lust habe, die fleckigen Küchenwände zu betrachten.

Sandrine hat recht. Der Raum braucht unbedingt einen frischen Anstrich. Genauso wie sie recht hat, dass die Duschkabine im Badezimmer erneuert, die Toilettenspülung repariert und die Regale im Wohnzimmer endlich befestigt werden müssen. Sie hat es schon eine ganze Weile lang nicht mehr erwähnt, aber sie hat diese spezielle Art, dezente Blicke in die entsprechende Richtung zu werfen oder gewisse Bemerkungen zu machen, um mich daran zu erinnern. Und natürlich werde ich alles gewissenhaft erledigen. Wenn ich in meinem übervollen Terminplan mal fünf Minuten Zeit dafür finde!

»Au!«

In dem Moment, als ich mich nach vorn beuge, um mein Bier aus dem Flaschenregal des Kühlschranks zu holen, bohrt sich ein Glassplitter in meinen großen Zeh, und mein Blut tropft auf den Fußboden. Ich brauche gar nicht erst zu fragen, wo das Ding herkommt, denn der verdammte Splitter stammt garantiert von dem Glas, das mir gestern beim Abwasch heruntergefallen ist. Und genau dieses Glas war der Grund für den Streit mit Sandrine. Na ja, es war kein richtiger Streit. Es ist unmöglich, mit Sandrine mal richtig zu streiten. Sie kann nichts dafür, in dieser Hinsicht ist sie irgendwie blockiert. Selbst wenn man den Grund des Jahrhunderts vorweisen kann, um einen heftigen Streit vom Zaun zu brechen, bei dem so richtig die Fetzen fliegen, läuft es bei ihr immer auf ein ernstes und vernünftiges Gespräch hinaus, an dessen Ende ich mich jedes Mal total schuldig und erbärmlich fühle. Und zurzeit drehen sich die ernsten und vernünftigen Gespräche, die wir führen, generell um meine berufliche Zukunft. Oder, genauer gesagt, um meine nicht existente berufliche Zukunft.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

»Was ist passiert?«

Sandrines verschlafene Stimme dringt aus dem Schlafzimmer.

»Nichts. Schlaf weiter.«

Dumpfer Schmerz pulsiert in meinem Zeh, und ich humple ins Badezimmer, um meinen verletzten Fuß zu verarzten. Eine heikle Angelegenheit, die eine Gelenkigkeit erfordert, über die ich nicht verfüge. Mehr schlecht als recht umwickle ich den blutenden Zeh mit einem Stück Mullbinde, die ich mit einem Heftpflaster befestige.

Ich hatte vor, den Computer einzuschalten, um die Webseiten mit den Stellenanzeigen durchzugehen, doch jetzt hat mich der Mut verlassen. Stattdessen lasse ich mich aufs Sofa fallen und blättere mich durch die Sportzeitung, wozu ich gestern nicht die Zeit gefunden hatte. Zum Glück ist das Risiko, darin auf eine Stellenanzeige zu stoßen, relativ gering. Ich schaue mir die aktuellen Fußball-, Tennis- und Rugbyergebnisse an, und meine Lider werden schwer. Als ich die Zeitung auf den Couchtisch lege, fällt mir die neueste Ausgabe von 20 Minutes ins Auge, die Sandrine aus der Metro mitgebracht hat. Automatisch werfe ich einen Blick hinein, um mich davon zu überzeugen, dass auch dieses Käseblatt keinen Anzeigenteil hat, doch – welche Überraschung! – ein paar sind doch darin. Und als ich eine davon lese, durchfährt es mich wie der Blitz:

 

Gesucht Übersetzer vom Mesmenischen ins Französische.

Sehr gute Bezahlung.

 

Gefolgt von einer Telefonnummer.

 

Mesmenien. Jener Flecken Erde, der noch weniger Leuten bekannt ist als Bhutan oder Belize und den man kaum als »Staat« bezeichnen mag. Jener Schandfleck, jener zwischen Russland und Estland eingeklemmte Furunkel, für den mir keine objektivere Beschreibung einfällt. Angenommen, das Glas, das mir aus der Hand gefallen und auf dem Küchenfußboden zersprungen ist, wäre die ehemalige Sowjetunion. Dann wäre die größte Scherbe das heutige Russland. Die zwei, drei weiteren größeren Teile wären die Ukraine, Weißrussland oder Kasachstan, und die kleinsten Scherben wären Litauen, Lettland und Estland. Und dann gibt es noch ein paar winzige Splitter, derart heimtückisch, dass sie mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Splitter, die sich in den kleinen Rillen im Fußboden verstecken, um sich dann um zwei Uhr morgens in den großen Zeh eines unschuldigen Biertrinkers zu bohren. Und dieser winzige Glassplitter, das ist Mesmenien: unsichtbar, hinterhältig und gemein. Mesmenien ist das hässlichste Land der Welt. Wenn man dort ist, bekommt man das Gefühl, dass Mensch und Natur sich dazu verschworen haben, jegliche Schönheit auszumerzen: Eine nicht näher zu bestimmende Vegetation in einem einheitlichen Kackgrün wächst auf einer nicht näher zu definierenden Landschaft, die weder eben noch bergig ist. Im Herbst welken die Blätter an den Ästen, ohne vorher die schöne rote oder goldgelbe Farbe anzunehmen wie an allen anderen Orten. Im Winter fällt der Schnee vom gräulichen Himmel und überzieht alles mit einem deprimierenden staubgrauen Schleier. In den Städten gibt es ausschließlich enge, gerade Straßen, die von eckigen grauen Betonklötzen gesäumt sind. Die großen schwarzen Türen und die kleinen quadratischen Fenster wirken wie die heimtückischen Gesichter der Bösewichte aus den Schwarz-Weiß-Filmen der Fünfzigerjahre. Die Passanten schlendern nicht, sie marschieren mit eiligem Schritt, während das Abwasser die Gehsteige entlangrinnt und einen ekelhaften Gestank verbreitet.

Dabei bin ich selbst noch nie in Mesmenien gewesen und kenne es weder aus einem Film noch von Fotos her. Dass ich dieses Land überhaupt beschreiben oder irgendwelche Aussagen über sein Aussehen oder seine Bewohner treffen kann, verdanke ich allein Malislowna Jerona.

Mali. Wie viele Tage, wie viele Stunden habe ich nicht mehr an sie gedacht? Ich höre noch immer ihre tränenerstickte Stimme, wenn sie von dem Elend in ihrem Heimatland erzählte. Es genügte, ihren Beschreibungen der Landschaft, der Städte und Dörfer zuzuhören, um zu wissen, dass man dort niemals, für kein Geld der Welt, auch nur einen Fuß hineinsetzen wollte. Sie selbst war von dort geflohen, weil sie all die Hässlichkeit nicht mehr ertragen konnte.

Malislowna Jerona unterrichtete Mesmenisch an der Sorbonne, als ich mich auf meinen Abschluss in Literaturwissenschaften und Russistik vorbereitete. Sie hatte diese Stelle dank eines internationalen Austauschprogramms erhalten, dessen Ziel es war, die neuen baltischen Kulturen zu fördern. Es gab Stimmen, die schon allein die Existenz dieses Programms kritisierten, mit der Begründung, dass die Kosten den wissenschaftlichen Beitrag bei Weitem überstiegen. Wie die meisten Studenten, die vom Anblick der Dozentin in ihren kurzen Röcken verzaubert waren, konnte ich mich diesem Argument nicht anschließen, das ich für kleinlich und reaktionär hielt. Wie konnten wir in dieser Zeit, da wir gemeinsam das »Europa von morgen« erschufen, jenen Ländern, die zwischen dem Einfluss Russlands und dem Drang nach Unabhängigkeit hin- und hergerissen waren, die helfende Hand verweigern? War es denn nicht unsere Pflicht als Einwohner Europas den Einwohnern der ganzen Welt gegenüber, uns ihrer Kultur, ihrer Sprache, ihrer Lebensart zu öffnen, darin einzutauchen und sie zu jeder sich bietenden Gelegenheit zu fördern? War es nicht unsere Pflicht, unseren bescheidenen Beitrag dazu zu leisten, dass diese junge, hübsche Mesmenin, die aus ihrem fernen Land zu uns gekommen war, um uns an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, zu unterstützen?

Wie oft hatten Richard und ich abends in irgendeiner Bar darüber gesprochen, während wir versuchten, unsere Befürchtungen mit dem billigen Alkohol, den wir uns leisten konnten, zu betäuben. Die Angst, dass jene Bettnässer, die an der Universität das Sagen hatten, uns unsere Lieblingsdozentin wegnehmen würden, saß tief, und im Geiste entwarfen wir bereits die Petition, die wir auf den Weg bringen würden. Wir feilten an dem Aufruf, auf die Straße zu gehen, falls es tatsächlich zum Äußersten kommen würde.

Zunächst war es nicht viel mehr als ein Zeitvertreib gegen Ende unserer allzu alkoholgeschwängerten Nächte, und für Richard ist es dabei geblieben. Ich jedoch hatte mich der Sache ganz und gar verschrieben. Nach und nach wurde Mademoiselle Malislowna zum Ziel all meiner Wünsche. Ich träumte jede Nacht von ihr, ich dachte jede wache Minute an sie, ich sah ihre Gestalt an jeder Straßenecke, hörte ihre Stimme an jedem öffentlichen Ort.

Mit der Zeit besuchte ich jeden Kurs, den sie unterrichtete, nicht nur den, für den ich eingeschrieben war und der nur eine mickrige Wochenstunde umfasste. Ich vernachlässigte die anderen Fächer, die anderen jungen Frauen; von Richard einmal abgesehen, sogar meine Freunde. Ich war regelrecht von ihr besessen und voller Bewunderung für die Ernsthaftigkeit, mit der sie uns ihre Sprache näherbrachte. Sie konnte nicht viel älter als wir, ihre Studenten, gewesen sein, vielleicht zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt, und dennoch wusste sie bereits, was es hieß, »professionell« zu arbeiten. Es gab kein Wörterbuch Mesmenisch-Französisch oder Französisch-Mesmenisch, kein Lehrbuch der mesmenischen Grammatik, überhaupt kein mesmenisches Buch für Anfänger. Das Mesmenische ist im Grunde keine eigene Sprache, es ist eher ein Dialekt oder eine Mundart einer Handvoll degenerierter Landbewohner. Dennoch gab Mademoiselle Malislowna alles, um uns die Grundlagen des Mesmenischen einzubläuen. Man musste nur die Türme von Fotokopien sehen, mit denen sie jede Woche zum Unterricht kam. Dabei orientierte sie sich an den für den Deutsch-, Englisch- oder Spanischunterricht existierenden Lehrmethoden und erstellte für uns ständig umfangreiche Arbeitsblätter mit Nomen, Adverbien, Adjektiven und Verbkonjugationen sowie komplexen Grammatikregeln. Die französische Sprache fiel ihr schwer, weshalb sie auf Mesmenisch mit uns redete und dabei ihr Bestes gab, es für uns deutlich zu artikulieren, und komplizierte Sätze zwei- oder dreimal wiederholte. Wenn wir nach mehreren Versuchen dennoch nicht verstanden, zermarterte sie sich das Gehirn, wie sie das, was sie uns sagen wollte, am besten pantomimisch darstellen konnte. Was das anging, konnten die Gegner jenes Austauschprogramms sagen, was sie wollten, aber sie war jeden Cent ihres Gehalts wert.

Monatelang hatte ich überlegt, wie ich sie ansprechen könnte. Ich wusste nichts über sie, weder wo noch mit wem sie lebte, noch wie sie ihre Freizeit verbrachte. Noch nie war ich ihr im Kino oder in einer Bar in der Nähe der Uni begegnet. Niemals kam sie mit einem Roman oder einer Sporttasche in der Hand zum Unterricht. Ich sah sie mehrmals in Begleitung von ein paar Freunden oder am Arm eines Mannes, jedoch immer eines anderen, woraus ich schloss, dass sie keine feste Beziehung hatte. Und ich war mir sicher, dass ihr der fleißige Schüler, der ich war, der stets in der ersten Reihe saß und sie mit träumendem Blick anschmachtete, durchaus auffiel. Hin und wieder sah sie mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen zu mir herüber, was ich als Ermunterung interpretierte. Und nachdem ich mich zwei Jahre lang damit begnügt hatte, nahm ich eines Tages meinen ganzen Mut zusammen, um nach dem Unterricht alles auf eine Karte zu setzen:

»Entschuldigen Sie, ich würde Sie gern zu einem Kaffee einladen, wenn Sie ein wenig Zeit haben.«

Sie schenkte mir ein charmantes Lächeln und entgegnete mit einem leichten, ihrer mesmenischen Herkunft geschuldeten Akzent:

»Ich nicht denken, dass das ist eine sehr gute Idee.«

Dann gesellte sie sich zu einer Freundin, die beinahe genauso hübsch war wie sie selbst, flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie sich nach mir umdrehten und lachten. Dann sah ich ihnen schweigend nach, wie sie sich entfernten.

Leider war mir das mesmenische Wort für »Miststück« nicht geläufig.

 

Nach diesem Zwischenspiel legte ich mein Studium auf Eis, um mich vollkommen der Pflege meines verletzten Egos zu widmen. Was übrigens keine wirklich spürbare Veränderung meines Lebens mit sich brachte, da ich, abgesehen von den Mesmenischstunden, nur selten eine Vorlesung besucht hatte.

Richard, die treue Seele, tat alles, um mir dabei zu helfen, meine Verzweiflung im Whisky zu ertränken, und zwar so gründlich, dass er noch heute eine Schwäche für dieses bernsteinfarbene Getränk hat. Und eines Abends, als wir bei ihm zu Hause waren und schon so einiges davon zu uns genommen hatten, nahm der Mistkerl mein Handy, um einen Anruf meiner Mutter anzunehmen. Er liebte meine Mutter, liebte es jedoch noch mehr, mich wegen ihrer überaus fürsorglichen Art aufzuziehen. So lachte er sich immer wieder darüber tot, dass sie mich täglich am frühen Morgen anrief, um sicherzugehen, dass mein Wecker geklingelt hatte und ich fleißig studierte. Ich versuchte, Richard das Gerät zu entreißen, allerdings war ich dazu zu betrunken, woraufhin ich mich aufs Zuhören beschränkte. Dabei konnte ich dem Gespräch problemlos folgen, da die schrille Stimme meiner Mutter deutlich zu verstehen war, und es verlief in etwa folgendermaßen:

Richard (mit schwerer Zunge): »Guten Tag, Madame Lagrange, geht es Ihnen gut?«

Meine Mutter (überrascht): »Richard, sind Sie das? Wo ist Thomas?«

Richard (mit schwerer Zunge): »Er sitzt direkt neben mir, allerdings kann er gerade nicht telefonieren.«

Meine Mutter (beunruhigt): »Aber warum? Ist er krank?«

Richard (mit schwerer Zunge und mühsam ein Lachen unterdrückend): »Nein, Madame. Er ist unglücklich.«

Meine Mutter (beunruhigt und überrascht): »Unglücklich? Warum?«

Richard (mit schwerer Stimme flüsternd): »Wegen eines Mädchens, das ihm einen Korb gegeben hat.«

Ich (mit schwerer Zunge in meiner Verzweiflung): »Du bist ein Arsch, Richard, und gehst mir verdammt auf den Sack …«

Meine Mutter (indiskret): »Was hat er gesagt?«

Richard (mit schwerer Zunge und vorwurfsvoll): »Er hat gesagt, dass ich ein Arsch bin und ihm auf den Sack gehe.«

Meine Mutter (nachbohrend): »Wer ist dieses Mädchen?«

Richard (mit schwerer Zunge): »Eine Mesmenin, die so kurze Röcke trägt, dass man sie für Gürtel halten könnte.«

Meine Mutter (schockiert): »Richard, sind Sie betrunken?«

 

Diese Eröffnungen blieben nicht ohne Folgen. Gleich am nächsten Morgen rief meine Mutter erneut an, um mich anzuflehen, zu einem Psychiater zu gehen. Sie könne nicht zulassen, dass ihr einziger Sohn seinen Kummer darüber, von einer Mesmenin im kurzen Rock verschmäht worden zu sein, im Whisky ertränke. Aufgrund ihrer Neigung, alles zu dramatisieren, war sie davon überzeugt, dass ich dieser Femme fatale verfallen war und nun in einer tiefen Depression steckte. Und um ihrem ständigen Drängen ein Ende zu bereiten, erklärte ich mich schließlich bereit, zu Doktor Hardecker zu gehen.

Ich weiß nicht, zu welcher Diagnose Doktor Hardecker kam, als er mich zum ersten Mal sah, jedoch erinnere ich mich noch gut an meine Diagnose über ihn. Ich hatte es mit einem Scharlatan zu tun, der nicht zu der Einsicht fähig war, dass ich in seiner Praxis an der falschen Adresse war. Und da er mir nichts zu erzählen hatte, redete ich über Mesmenien, um unsere totenstillen Sitzungen irgendwie zu füllen. Er hörte mir nicht wirklich aufmerksam zu und schrieb mir dann irgendwelche Rezepte, die ich nicht einlöste. Jedes Mal, wenn ich seine Praxis verließ, war ich ziemlich erleichtert, meinen ersten Eindruck bestätigt zu sehen: Ich hatte es mit einem Scharlatan zu tun.

Und genau das erklärte ich auch eines Tages seiner Sprechstundenhilfe, einer hübschen, molligen jungen Dame, die mich jedes Mal strahlend anlächelte, wenn ich ihr für ihren betrügerischen Chef einen Scheck überreichte, und mich fragte:

»Fühlen Sie sich nach der heutigen Sitzung etwas besser, Monsieur Lagrange?«

Und so antwortete ich ihr irgendwann mit genauso strahlendem Lächeln aus tiefster Seele:

»Ihr Chef ist ein Vollidiot.«

»Also bitte, so etwas sagt man doch nicht, Monsieur Lagrange! Beim nächsten Mal läuft es sicher wieder besser.«

»Aber mir geht es gut, das ist nicht der Punkt. Ich meine, dass Ihr Chef eine Null ist.«

»Er hat einen schwierigen Beruf, wissen Sie?«

»Dem will ich nicht widersprechen, ich will einfach nur sagen, dass er vollkommen unfähig auf seinem Gebiet ist. Das würden andere Leute ohne Medizinstudium viel besser machen. Sie zum Beispiel, ich bin mir sicher, dass Sie viel besser in der Lage wären, anderen Menschen zuzuhören.«

Ich hatte dies ohne jegliche Hintergedanken gesagt, nur weil mir dies gerade durch den Kopf ging, doch ich hatte voll ins Schwarze getroffen. Sandrine, denn die junge Frau war Sandrine, errötete vor Freude und verschlang mich mit den Augen. Ohne unbescheiden zu sein, meine ich sagen zu können, dass sie sich in diesem Moment unsterblich in mich verliebte.

Bei mir dagegen konnte von Verliebtheit keine Rede sein. Jedenfalls nicht so, wie ich mich in Mali verliebt hatte. Bei ihr hatte ich ein heftiges Sehnen verspürt, das mich innerlich verbrannte. Sandrine dagegen hatte eine therapeutische Wirkung auf mich. Ich war der Halsschmerz, sie die Gurgellösung. Ich war der Sonnenbrand, sie die schmerzlindernde Salbe. Und das Ganze lief folgendermaßen ab: Worüber auch immer ich sprach, beispielsweise über meine Enttäuschung wegen Mali oder mein gescheitertes Studium, der bewundernde Blick, mit dem Sandrines große Augen mein verletztes Ego umschmeichelte, übte eine anästhesierende Wirkung auf mich aus. Was mich nach und nach, ohne dass ich es merkte, in eine gewisse Abhängigkeit trieb. Sie war meine Droge, von der ich immer stärkere Dosen benötigte, sodass ich sie eines Tages, aus einem plötzlichen Impuls heraus, zum Essen einlud.

 

Von da an vereinbarte ich mit Doktor Hardecker immer den letzten Termin des Tages, um anschließend den Abend gemeinsam mit ihr zu verbringen. Wenn ich ihr dann mein Herz ausgeschüttet hatte, erzählte sie ein wenig von sich, von ihrem allzu geregelten Leben, ihrer Familie, ihren beiden Freundinnen. Recht schnell wurde mir klar, dass sie sehr introvertiert und wegen ihrer rundlichen Figur voller Komplexe war. Das war nicht schwer zu erkennen, so wie sie ihre Figur stets unter weiten Pullovern und langen Röcken versteckte. Ich wollte sie beruhigen, ihr erklären, dass ihr hübsches Gesicht und ihre vollen Lippen durchaus einen gewissen Charme ausstrahlten, jedoch fand ich nicht die richtigen Worte. Daher küsste ich sie eines Abends, als wir uns voneinander verabschiedet hatten, einfach. Und die Beziehung zu diesem einfachen, netten Mädchen hatte etwas derart Natürliches, Beruhigendes, dass ich drei Monate später bei ihr einzog und von da an nicht mehr zu Doktor Hardecker ging.

 

Seitdem sind vier Jahre vergangen. Und nun sitze ich hier, um zwei Uhr morgens, und lese zum zehnten Mal jene Anzeige mit der fremd wirkenden Syntax (Gesucht Übersetzer vom Mesmenischen ins Französische. Sehr gute Bezahlung). Und wie eine strunzdumme Motte, die der Versuchung nicht widerstehen kann, sich an einer heißen Petroleumlampe die Füße zu verbrennen, weiß ich in diesem Moment bereits, dass ich mich nicht zurückhalten kann, diese verdammte Nummer anzurufen.

 

 

II

Am nächsten Morgen

 

Ich wache auf, als ichhöre, wie die Tür ins Schloss fällt; Sandrine ist zur Arbeit aufgebrochen. Jeden Morgen folgt sie einem festen Ritual, dessen Rhythmus vom Fernsehprogramm bestimmt wird. Während der Sieben-Uhr-dreißig-Nachrichten trinkt sie, auf dem Sofa sitzend, ihren Kaffee, geht anschließend duschen und putzt sich bei der Wettervorhersage um sieben Uhr fünfundvierzig die Zähne. Während sie sich anzieht und schminkt, hört sie die Nachrichten ein zweites Mal. Dann wuselt sie ein bisschen herum, räumt ein paar Dinge auf und liest noch einmal die Post vom Vortag, während sie eine Sendung namens Nachrichtenblock verfolgt. Und schließlich verlässt sie exakt um acht Uhr fünfundvierzig das Haus, um pünktlich um neun in der Praxis zu sein.

Sie arbeitet noch immer bei Doktor Hardecker, und der Ausbeuter verlangt von ihr, pünktlich auf die Minute zu sein, um die Praxis aufzuschließen, während er selbst sich, wie Sandrine mir erzählt hat, Verspätungen von bis zu einer Stunde erlaubt.

Im Halbschlaf denke ich noch einmal an unsere Auseinandersetzung vom Vorabend. Wie in letzter Zeit immer häufiger hat sie angedeutet, dass ich mehr erreichen könnte, als bei McDonald’s zu arbeiten, dass es für mich an der Zeit sei, im Leben voranzukommen, eine richtige Arbeit zu finden, in der ich meine Fähigkeiten entfalten könne. Und damit hat sie eindeutig recht: Ich kann unmöglich mein ganzes Leben lang diesen Scheißjob machen, ganz abgesehen davon, dass ich ihr ständig auf der Tasche liege, auch wenn sie so taktvoll ist, das niemals zu erwähnen. Doch wie kommt man an einen richtigen Job, wenn man keine richtige Ausbildung vorzuweisen hat?

Genau aus diesem Grund habe ich in der vergangenen Nacht nicht schlafen können. Ich muss unbedingt etwas tun, mir irgendetwas suchen, um aus dieser Misere herauszukommen. Und nun diese Anzeige. Die mögliche Rückkehr nach Mesmenien. Das schwarze Loch, das mich anzieht, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Ich muss nur aufstehen, um denjenigen anzurufen, der diese mysteriösen Zeilen verfasst hat: Gesucht Übersetzer vom Mesmenischen ins Französische. Sehr gute Bezahlung.

Allerdings erlaube ich mir, davor noch fünf Minuten auszuruhen, was ich nach der anstrengenden Nacht, die ich hinter mir habe, durchaus verdiene.

Schließlich reißt mich die Müllabfuhr, die durch die Straße rumpelt, rücksichtslos aus dem Schlaf. Elf Uhr siebenunddreißig. Scheiße! Jetzt gilt es, keine Minute mehr zu verlieren. Ich muss unbedingt an diesem Tag noch herausfinden, was sich hinter der seltsam formulierten Anzeige verbirgt. Ich glaube, ich habe gerade von Mali geträumt. Jedenfalls steht sie mir wieder lebhaft vor Augen. Ich denke an ihre Stimme, ihren Akzent und kann nicht anders, als mir vorzustellen, dass sie es ist, die das Telefongespräch entgegennehmen wird. Also wähle ich die Nummer. Doch die männliche Stimme, die sich daraufhin meldet, hat mit meiner ehemaligen Dozentin nichts zu tun, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich enttäuscht oder erleichtert bin. Wahrscheinlich beides.

 

»Hallo?«

»Guten Tag. Ich heiße Thomas Lagrange, und ich rufe wegen der Anzeige in 20 Minutes an.«

»Du sprechen Mesmenisch?«

 

Er hat angefangen zu flüstern, als fürchte er, bei etwas Verbotenem ertappt zu werden, und soweit ich das bei seinem Akzent richtig verstanden habe, hat er das Verb nicht korrekt konjugiert. Das Ganze erscheint mir äußerst dubios, und mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass ich das Gespräch auf der Stelle beenden sollte. Doch ich höre nicht darauf.

»Dashi.«

Das heißt »Ja« auf Mesmenisch. Auf diese Art will ich zeigen, dass ich der Richtige für die Aufgabe bin, was ich jedoch sofort bereue, denn falls der Mann nun auf Mesmenisch weiterreden sollte, wird er sehr schnell merken, dass meine Sprachkenntnisse eher rudimentär sind.

»Du können sofort kommen? Du am Schreibtisch vorn nichts sagen, nur nach Sergeï fragen.«

Er beugt die Verben tatsächlich nicht, aber immerhin spricht er Französisch. Ich möchte zu gern wissen, warum ich am Empfang nichts sagen soll (denn mit »Schreibtisch vorn« ist sicher der Empfang gemeint). Allerdings erscheint mir die Frage zu indiskret, um sie am Telefon zu stellen, weshalb ich mich darauf beschränke, nach der Adresse zu fragen. Er nennt mir die des Kulturinstituts für neue baltische Staaten im siebzehnten Arrondissement. Von mir aus ist das genau auf der anderen Seite der Stadt. Wir wohnen im dreizehnten Arrondissement, ganz in der Nähe der Praxis, in der Sandrine arbeitet – und des McDonald’s, wo ich derzeit jobbe. Was bedeutet, dass ich mir abschminken kann, pünktlich zur Nachmittagsschicht zurück zu sein. Was soll’s, dann hat Martial, der zweiundzwanzigjährige rothaarige, picklige Schichtführer, der es gerade mal auf eine Körpergröße von eins fünfundsechzig bringt und das arroganteste Arschloch auf dem Planeten ist, einen Grund mehr, sein Maul aufzureißen.

Nach zweifachem Umsteigen in der Metro und einem fünfminütigen Fußmarsch stehe ich vor dem Kulturinstitut für neue baltische Staaten. Auf dem Fenster ist in halbkreisförmig angebrachten weißen Buchstaben »KIfnbS« zu lesen, und darunter sind ein paar Bücher ausgestellt: Hochseefischen an der estnischen Küste, Landwirtschaft in Litauen, Der Zusammenbruch der Sowjetunion. Drinnen kann ich ein paar an den Wänden angebrachte Landkarten erkennen. In der Mitte des Raums sitzt eine junge Frau hinter einem eleganten Schreibtisch aus glänzendem Holz, bei dem es sich zweifellos um den von Sergeï erwähnten »Schreibtisch vorn« handelt. Wäre ich zufällig an diesem Gebäude vorbeigekommen, hätte ich gedacht, ein Reisebüro vor mir zu haben. Jedenfalls wirkt das Gebäude durchaus sauber und ordentlich, was mich überaus beruhigt. Ich öffne die Tür.

»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«

Die junge Dame, deren Namensschild sie als Anna ausweist, lächelt professionell.

»Guten Tag, ich bin mit Sergeï verabredet.«

Sie wirkt leicht überrascht, greift jedoch gleich nach dem Telefonhörer, wählt eine Nummer und spricht schnell in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Die Antwort ist kurz, und sie legt wieder auf.

»Bitte hier entlang. Es ist die zweite Tür links.«

Ich trete in den Flur, klopfe an die genannte Tür und trete ein, ohne eine Antwort erhalten zu haben.

»Du Thomass? Komm rein. Du machen Tür zu.«

Der Mann, der mich empfängt, ist um die vierzig, blond und hat ein breites, schwitzendes blaurotes Gesicht. Als er aufsteht, um mir die Hand zu schütteln und sich zu versichern, dass die Tür auch wirklich zu ist, bemerke ich, dass er einen Kopf größer ist als ich, einen dicken Bauch und lange, dünne Beine hat, die ihm etwas Spinnenhaftes verleihen. Neben ihm komme ich mir ungefähr so dick vor wie eine halbe Pommes von McDonald’s. Das erste Wort, das mir bei seinem Anblick in den Sinn kommt, ist »Mafia«. Der positive Eindruck, der mich beim Betreten des Gebäudes überkommen hat, ist dahin, und mein Misstrauen regt sich wieder.

»Ich Sergeï. Wir uns setzen und reden, ja?«

Sein Gesicht wird einen Augenblick lang von einem Lächeln erleuchtet, das ihm ein beinahe kindliches Aussehen verleiht. Doch gleich darauf wirkt er wieder ernst und Furcht einflößend. Ich setze mich ihm gegenüber ganz nach vorne auf die Stuhlkante.

»Habe ich vorhin mit Ihnen telefoniert?«

Ich habe wohl etwas laut geredet, da er erschreckt mit den Augen rollt und einen Finger an den Mund legt, wobei er ein etwas kindliches »Psst« hören lässt.

»Du nicht laut reden, die anderen uns nicht hören dürfen.«

Er seufzt und lässt sich dann in seinen Schreibtischsessel sinken.

»Also, du sprechen Mesmenisch? Nicht viele sprechen Mesmenisch. Wie kommen?«

Ich mühe mich ab, sein Französisch zu verstehen, da sich zu seinem Akzent noch die Konjugationsfehler gesellen. Dennoch sage ich mir, dass sein Französisch sicher besser ist als mein Mesmenisch.

»Ich habe an der Universität zwei Jahre lang Mesmenisch gelernt. An der Sorbonne. Ich habe Russistik studiert, und Mesmenisch war mein Wahlfach. Ich habe keinen Lebenslauf mitgebracht …«

»Nein, nein, nicht nötig Lebenslauf.«

Er lacht und macht eine wegwerfende Handbewegung, um seine Verachtung für offizielle Dokumente zu verdeutlichen.

»Ich nur wollen wissen, ob du gut Mesmenisch sprechen.«

»Also, ehrlich gesagt, beherrsche ich es nicht wirklich fließend. Ich kann es gut lesen und schreiben, aber wir haben kaum mündliche Übungen gemacht, und seit der Uni hatte ich keine Gelegenheit mehr, praktische Erfahrung zu sammeln.«

Das sage ich, um die drohende Gefahr abzuwenden, dass er auf Mesmenisch weiterredet. Alles andere wird sich später ergeben.

»Ich spreche auch nicht Mesmenisch. Ich kommen aus Estland. In Estland man nicht lernen Mesmenisch. Mesmenisch sein sehr schwere Sprache.«

Ich bemühe mich, mir meine Erleichterung nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. Seit ich auf die Anzeige geantwortet habe, habe ich mich vor einem Vorstellungsgespräch in einer Fremdsprache gefürchtet. Außerdem scheint die Tatsache, dass er mir spontan eine derartige Information über seine Person enthüllt hat, darauf hinzuweisen, dass er nichts zu verbergen hat. Offensichtlich ist er doch kein Mafiamitglied. Der erste Eindruck kann ja bekanntlich täuschen, sodass durchaus die Chance besteht, dass das, was er anzubieten hat, trotz seines verdächtigen Aussehens legal und offiziell ist. Was bleibt, ist das Problem der Übersetzung an sich, aber mit ein wenig Zeit ist es mir noch immer gelungen, mich irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Und nun bin ich neugierig, was er von mir erwartet.

»Könnten Sie mir etwas mehr über die Arbeit sagen, die Sie anzubieten haben?«

Anstatt einer Antwort kramt er ein paar Minuten hastig in einer Schublade herum, um schließlich ein vergilbtes, an den Ecken leicht verknicktes Papierbündel herauszunehmen, das er zwischen uns auf den Schreibtisch legt.

»Mesmenien sein baltisches Land, ja? KIfnbS fördern Kultur baltischer Staaten, und Übersetzung aus dem Mesmenischen sein Förderung. Also du übersetzen Buch und verdienen zweitausend Euro, ja?«

Er hat seine Worte geflüstert, sodass ich den Eindruck habe, an einem gefährlichen Komplott beteiligt zu sein. Ich weiß nicht, was ich von der Sache halten soll, daher greife ich nach dem Manuskript, das er in meine Richtung geschoben hat, und blättere es flüchtig durch. Kein Titel, kein Autorenname, auch keine anderen Angaben. Das Ganze ist handgeschrieben, vieles ist gestrichen, alles auf Kyrillisch, mit blauer Tinte. Obwohl ich kein Grafologe für Kyrillisch bin, hätte ich wetten können, dass es sich um die Schrift eines jungen Mädchens handelt. Beim Durchblättern fallen mir mehrere Vornamen ins Auge: Chlobak, Maria und weiter hinten Petrowna. Ich riskiere es, daraus auf das Genre des Werks zu schließen.

»Das ist ein Roman, oder?«

»Ja, ja, mesmenische Literatur.«

Schon wieder ändert er sein Verhalten. Jetzt scheint er es eilig zu haben, mich loszuwerden. Der Mann ist wirklich äußerst sprunghaft. Er macht nicht unbedingt den Eindruck, zu einer kriminellen Organisation zu gehören, aber wie soll ich mir da sicher sein? Schließlich mangelt es mir an Vergleichsmöglichkeiten. Allerdings handelt es sich eindeutig um eine äußerst dubiose Angelegenheit, und eine kleine rationale Stimme rät mir, die Finger von der Sache zu lassen. Und wieder höre ich nicht auf sie.

»Du können übersetzen? Gut bezahlt. Zweitausend Euro. Zweihundert Euro sofort.«

Ich nehme das Angebot an. Zwar bin ich nicht besonders stolz darauf, aber der Gedanke an das leicht verdiente Geld setzt sich gegen den gesunden Menschenverstand durch. Sergeï nimmt zwei Hunderteuroscheine aus seinem Portemonnaie und übergibt sie mir zusammen mit dem Papierstoß.

»Du passen gut auf, ja? Kein anderes Exemplar.«

»Wir könnten schnell eine Kopie davon machen, wenn Sie möchten.«

Er rollt beunruhigt mit den Augen.

»Nein, nein, nein. Keine Kopien hier im KIfnbS. Gefährlich, hier kopieren. Und Kopierer im Geschäft nebenan sein kaputt, also keine Zeit, woanders hinzugehen. Du passen einfach gut auf, ja?«

Der Typ ist eindeutig verdächtig oder nicht besonders helle. Wieso sollte Kopieren gefährlich sein? Ob er Angst hat, dass der Kopierer in die Luft fliegt, wenn er danebensteht? Und wenn der Kopierer im Geschäft nebenan kaputt ist, würde sein Chef ihm nicht die Möglichkeit geben, woanders hinzugehen? Es ist sicher noch nicht zu spät, das Ganze abzusagen, aber der Gedanke an das Geld ist zu verlockend. Also zucke ich zum Zeichen meines Einverständnisses mit den Schultern.

»Du können das in drei Wochen machen?«

Ein Blick auf meine Uhr sagt mir, dass es vierzehn Uhr vier ist. Ich bin so spät dran, dass ich ihm alles versprechen würde. Wir tauschen unsere Handynummern aus, und nach einem letzten Händedruck und gegenseitigem Schulterklopfen stürze ich aus dem Büro. Die junge Frau am Empfang sieht mich ganz offen neugierig an, als ich vorbeisprinte, und fragt sich sicher, was Sergeï und ich zu besprechen hatten. Vielleicht sollte ich ihr von dem Auftrag erzählen und sie um ihre Meinung bitten, aber ich habe keine Zeit zu verlieren. Also reiße ich mit einem minimal höflichen »Auf Wiedersehen« die Tür auf und eile davon.

 

Während ich zur Metrostation renne, überlege ich verzweifelt, welche Entschuldigung ich meinem Schichtführer präsentieren könnte. Mich krank zu melden steht außer Frage, das geht inzwischen nur noch mit ärztlichem Attest, ansonsten setzt es eine Abmahnung. Es auf die öffentlichen Verkehrsmittel zu schieben geht auch nicht, denn er weiß, dass meine Wohnung nur fünf Minuten Fußweg von der McDonald’s-Filiale entfernt liegt. Das Beste wird wohl sein, erst gar keine Ausrede zu erfinden und mich einfach diskret hinter die Theke zu schleichen in der Hoffnung, dass dem dummen Sack meine Abwesenheit noch nicht aufgefallen ist.

Martial. Kein Wunder, dass das Militärgericht auf Französisch »court martial« heißt! Ohne ihn wäre mein Job bei McDonald’s ganz erträglich. Wenn er nicht da ist, komme ich mit Alice und Farid und den anderen eigentlich ganz gut klar. Aber Martial ist nun mal der Boss, und allein seine Anwesenheit reicht aus, um die Stimmung zu vermiesen. Sein Problem ist sein Frust. In jeglicher Hinsicht, vor allem aber in intellektueller. Er ist für fünf Kassierer und ein halbes Dutzend Küchenhilfen verantwortlich. Außer mir an der Kasse sind da Kevin, der Psychologie studiert, Stéphane, ein Student der Politikwissenschaften, Alice steht kurz vor dem Abschluss in Informatik, und was Mélanie macht, habe ich vergessen, aber auch sie studiert. Für Martial, der wegen nicht vorhandener Hirnmasse noch keine Uni von innen gesehen hat, sind diese Leute so was wie die Krone der Schöpfung. Man könnte ihn bedauern, ihm einen Minderwertigkeitskomplex attestieren, in seiner Kindheit nach Gründen für sein Verhalten suchen, doch auch eine gründliche Psychoanalyse wird die Diagnose nicht ändern: Er ist einfach ein gemeines Arschloch. Sogar Sandrine, die normalerweise für alles und jeden eine Entschuldigung findet, ist, was das angeht, meiner Meinung. Natürlich ist er darüber hinaus auch noch sexuell frustriert. Er hat so ziemlich jedes weibliche Wesen in unserem Fast-Food-Tempel angegraben und hat jedes Mal eine Abfuhr kassiert. Ich habe ihn sogar einmal dabei erwischt, dass er Alice ziemlich bedrängt hat, als sie gerade in der Umkleide war. Sofort habe ich mich auf ihn gestürzt und diesen Widerling gefragt, was das solle. Die kleine Ratte hat sich gleich losgerissen und ist mit eingezogenem Schwanz abgezogen. Seitdem habe ich bei Alice einen Stein im Brett und einen Feind mehr auf dieser Welt, der echt nachtragend ist. Und das führt nur zu einem Schluss, nämlich dass ich mir, wenn ich seinen täglichen Demütigungen ein Ende setzen will, einen neuen Job suchen muss.

 

Ich erreiche die McDonald’s-Filiale mit einer Verspätung von vierundfünfzig Minuten. Wie geplant, schleiche ich mich so schnell wie möglich an meinen Arbeitsplatz und versuche mich möglichst unsichtbar zu machen. Doch gerade als ich glaube, es geschafft zu haben, höre ich am anderen Ende des Ganges eine Stimme:

»Weißt du eigentlich, wie spät es ist? Das ziehe ich dir von deinem Lohn ab. Und beim nächsten Mal gibt es eine Abmahnung!«

Alice neben mir lächelt schief, um mir zu zeigen, dass es ihr leidtut. Normalerweise macht sie alles, was sie kann, um meine Verspätungen zu decken, was ihr diesmal, wie es aussieht, nicht gelungen ist. Ich lächle zurück, um ihr deutlich zu machen, dass es nicht so schlimm ist. Ohne Martial, diesen Vollidioten, auch nur eines Blickes zu würdigen, mache ich mich an die Arbeit.

 

Als meine Schicht zu Ende ist, gehe ich noch kurz in der Pizzeria an der Ecke vorbei und bestelle zwei Vier-Käse-Pizzas zum Mitnehmen.

Normalerweise erfordert Sandrines Diät etwas mehr Umsicht. Gleich zu Beginn unseres Zusammenlebens habe ich eines ihrer größten Geheimnisse entdeckt. Sie litt damals nicht an einer Bulimie im eigentlichen Sinne, doch ihre Ernährung schwankte von einem Extrem ins andere. Mit leerem Magen war sie imstande, ein komplettes Glas Schweineschmalz mit einem Klumpen Butter auf einem ganzen Laib Brot in weniger als einer Stunde zu verschlingen. Doch sobald sie satt war, stöhnte sie über ihr Übergewicht und ihre ausladenden Körperformen. In dem Moment brachte es gar nichts, ihr zu versichern, dass ihre Figur hervorragend zu ihr passe, denn dann war sie für rationale Argumente absolut unempfänglich. Also nahm ich die Sache in die Hand: Ich las sämtliche Bücher über fettarme Ernährung und verbannte durch Kohlenhydrate verursachte Kalorien von unseren Tellern. Und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: In wenigen Monaten verlor sie fünf Kilo Gewicht, von denen sie gedacht hatte, sie für den Rest ihres Lebens auf den Hüften mit sich herumschleppen zu müssen. So war ich zu ihrem kulinarischen Helden geworden, einer Art Jiminy Grille in Ernährungsfragen, ihrem kulinarischen Gewissen.

Demnach sind diese Pizzas eindeutig ein Verstoß gegen unsere Essgewohnheiten, aber ich weiß, dass sie diese kleine Abweichung von der Regel genießen wird, und ich will, dass sie guter Laune ist, wenn ich ihr von der Übersetzung erzähle.

 

Als ich nach Hause komme, döst Sandrine auf dem Sofa vor dem Fernseher vor sich hin. Unsere Wohnung ist zu klein für einen richtigen Essbereich, sodass wir im Allgemeinen an dem niedrigen Couchtisch essen. Das ist der Vorteil, wenn man ein altes, abgenutztes Ikea-Sofa hat: Man kann hemmungslos darauf herumkrümeln und muss sich keine Gedanken um irgendwelche Flecken machen.

Ich lege die Kartons mit den noch warmen Pizzas auf den Tisch, drücke Sandrine einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und lasse mich neben ihr aufs Sofa fallen.

»Hallo, alles klar?«

»Alles klar. Und bei dir?«

Kein Wort über unseren Streit vom Vorabend, also auch kein Vorwurf wegen des zerbrochenen Glases. Obwohl es sich um ein Kristallglas aus dem Service handelte, das ihre Mutter ihr zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt hat, doch Sandrine ist nicht der Typ, der sich in nutzlosen Nörgeleien ergeht – eine Eigenschaft, die ich sehr schätze, wenn ich an all die Gelegenheiten denke, die es dazu gegeben hätte. Es ist auch nicht ihre Art, sofort wieder auf das Thema meines beruflichen Werdegangs zu sprechen zu kommen. Sie bevorzugt den Angriff mit der Krabbentaktik, die darin besteht, durch immer wieder eingestreute Anspielungen ihr Ziel zu erreichen. Das ist eine Methode, die mich durchaus beeindruckt, doch jedes Mal, wenn ich sie darauf hinweise, fühlt sie sich auf den Arm genommen. Und im Moment kann von einem Krabbenangriff keine Rede sein, denn sie hat nur Augen für die Pizza, die vor ihrer Nase steht.

»Mhmmmmmm. Das hättest du nicht tun sollen!«

Doch das sehnsüchtige Leuchten in ihren Augen spricht eine andere Sprache. Ich gehe in die Küche, um zwei Teller und Besteck zu holen.

»Wie war dein Tag?«

»Nichts Besonderes. Drei neue Fälle und sonst die üblichen. Ach ja, und die Merciers. Wobei ich nicht glaube, dass Bertrand ihre Beziehung retten kann.

Sandrine nennt Hardecker beim Vornamen, also »Bertrand«, was mich ziemlich nervt, vor allem wenn wir zu zweit auf dem Sofa sitzen. Denn so habe ich das Gefühl, er könnte jeden Moment der Weinflasche entsteigen, die vor uns steht, so wie Aladins Geist aus der Wunderlampe. Nur dass er ein böser Geist ist und sich nur zeigt, um uns den Abend zu verderben. Ich tue mein Bestes, mir meine Genervtheit nicht anmerken zu lassen, und höre mit einem Ohr auf die aktuellen Ereignisse im Leben des Ehepaars Mercier, jene unbedeutenden Leiden, die sie nach jeder Sitzung bei Hardecker auch bei Sandrine abladen.

»Und wie war dein Tag?«

Endlich hört sie auf, mich mit den Nichtigkeiten ihres Alltags zu quälen. Ich schlinge das letzte Stück Pizza hinunter und springe dann, nervös und unsicher, ins kalte Wasser.

»Es gibt Neuigkeiten. Ich habe einen Job gefunden.«

»Was? Und das sagst du erst jetzt!«

Sie hat aufgehört zu essen und sieht mich aufgeregt und begeistert an.

»Versprich dir nicht zu viel davon, es ist kein richtiger Vollzeitjob. Es geht um eine Übersetzung. Zweitausend Euro bekomme ich dafür.«

»Eine Übersetzung? Was für eine Übersetzung?«

»Ein mesmenischer Roman.«

»Oh.«

Nun hält sich ihre Begeisterung in Grenzen. Für sie signalisiert alles Mesmenische Gefahr. Schließlich weiß sie in allen Einzelheiten über das Bescheid, was ich mit Malislowna nicht hatte, und in ihrer Beunruhigung schwingt Eifersucht mit. Wobei sie sich absolut keine Sorgen machen muss. Zwar google ich ihren Namen regelmäßig, gehe die Liste der Dozenten für Sprachwissenschaften an der Universität Paris-IV durch, durchforste alle Webseiten, auf denen von Mesmenien die Rede ist, und suche sogar im Telefonverzeichnis für ganz Frankreich. Doch bisher: nichts. Es ist also durchaus möglich, dass sie in ihr Heimatland zurückgekehrt ist, aber darum geht es ja im Augenblick gar nicht.

Das, womit ich mich gerade befassen muss, ist Sandrines misstrauischer Blick. Denn auch wenn ich ihn durchaus nachvollziehen kann, passt er mir ganz und gar nicht. Sofort fühle ich mich in die Defensive gedrängt und beschließe, nichts von mir zu geben, was ihre Zweifel an meinen übersetzerischen Fähigkeiten und an meiner neuerlichen Beschäftigung mit Mesmenien nähren könnte.

»Ich habe den Job angenommen, weil er gut bezahlt ist.«

»Woher willst du das wissen? Hat der Verband der mesmenischen Übersetzer dir die aktuellen Tarife mitgeteilt?«

»Ich weiß es einfach. Jedenfalls im Vergleich zu meinem Lohn bei McDonald’s.«

Sie verzieht skeptisch den Mund.

»Mhm … ich nehme an, dass es Übersetzer aus dem Mesmenischen nicht gerade wie Sand am Meer gibt …«

Ich werfe ihr einen Blick zu, der sie eilig das Thema wechseln lässt.

»Wie bist du an den Job gekommen? Du machst das nicht schwarz oder so?«

»Eine Annonce in der 20 Minutes von gestern. Ja, soweit ich weiß, ist alles legal.«

Natürlich muss ich ihre Fragen beantworten, aber ich fasse mich so kurz wie möglich. Ich bleibe bei den Fakten, ohne Sergeï und den seltsamen Eindruck, den ich nach unserem Gespräch hatte, zu erwähnen. Ich nehme jedoch das Manuskript, das er mir gegeben hat, heraus und zeige es Sandrine, damit sie einen Eindruck von der Arbeit bekommt, die mich erwartet.

»Schau, es ist nicht besonders dick.«

»Und du kannst das auch wirklich übersetzen?«

Tja, das ist die Frage. Denn sie bezieht sich eindeutig nicht auf meine Sprachkenntnisse. Wenn ich sie jetzt reden lasse, wird sie mir einen ausschweifenden Vortrag über die Angespanntheit und die Beunruhigung halten, die eine erneute Beschäftigung meinerseits mit Mesmenien bei ihr auslösen. Dabei geht es nicht nur um mich, auch nicht um unsere Beziehung, ihre Beunruhigung bezieht sich mehr auf sie selbst. O nein, sie sorgt sich nicht wirklich darum, dass ich Mali wiederfinden und mich erneut in sie verlieben könnte. Ihre Befürchtungen sind viel komplexer, viel verrückter. Die Wahrheit ist, dass sie sich von Beginn unserer Beziehung an als meine Retterin, mein Schutzengel gefühlt hat, als die gute Fee, die mich aus dem Elend gerettet hat, um mir ein Heim zu bieten, ein geregeltes Leben, in dem es kein Mesmenien gibt. Meine Mutter, meine ganze Familie und sogar Richard unterstützen diese Theorie. Sandrine hat diese Rolle mit der ihr eigenen Bescheidenheit angenommen, doch ich weiß, wie stolz sie in ihrem tiefsten Inneren darauf ist. Sie liebt diese Tatsache beinahe genauso sehr wie mich, und sie ist nicht bereit, sich von einer dämlichen Übersetzung diesen Triumph rauben zu lassen!

Ich seufze. Denn ich habe nicht die Absicht, an diesem Abend eine Grundsatzdiskussion über dieses sensible Thema vom Zaun zu brechen. Schließlich haben wir bereits am Vorabend gestritten, und ich habe einfach nicht die Kraft für ein erneutes Scharmützel. Daher entgegne ich mit entschiedener Stimme, ohne einen Einwand zuzulassen:

»Ich habe keine Ahnung. Aber ich muss es versuchen.«

Fabienne Betting

Über Fabienne Betting

Biografie

Fabienne Betting, 1962 geboren, studierte an der Elitehochschule École polytechnique in Paris. Anstatt Ingenieurin zu werden, nahm sie einen Job im Bereich Medizintechnik an – und begann zu schreiben. Ihre Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet. Mit »Liebesgrüße aus Mesmenien« legt sie ihren...

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