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Libellenfänger

Libellenfänger

Thriller

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Libellenfänger — Inhalt

Nicht einmal ihre engsten Freunde wissen, dass die 17-jährige Ricky Mayer im Gefängnis zur Welt kam und dort mit ihrer inhaftierten Mutter ihre Kindheit verbringen musste. Am liebsten würde Ricky ihre Vergangenheit vergessen. Doch als ihre Mitschülerin Antonia auf mysteriöse Weise stirbt, aktiviert sie ihre Kontakte zur Unterwelt. Bald ist sie sicher – Antonia wurde umgebracht. Aber was bedeuten die Libellenflügel, die seit Antonias Tod überall auftauchen? Ausgerechnet sie bringen Ricky schließlich auf eine heiße Spur – und damit tappt sie dem Mörder genau in die Falle …

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98021-0

Leseprobe zu »Libellenfänger«

Leseprobe

 

 

Sie war ein herrliches Geschöpf, ein Stück des Himmels. Doch sie hatte den Fehler gemacht, sich fangen zu lassen. Die Libelle wand sich in seiner Hand und schlug vergeblich mit den Flügeln, er spürte die Vibration an den Fingern. Er dachte gar nicht daran, loszulassen. Stattdessen hielt er sie näher vor die Augen, betrachtete sie genau. Groß war sie, fast so lang wie sein Zeigefinger, und ihr Körper hatte ein grün-schwarzes Muster, das wie aufgemalt wirkte. Fast zu perfekt. Doch am besten gefielen ihm ihre schimmernden Flügel.

Noch einmal [...]

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Leseprobe

 

 

Sie war ein herrliches Geschöpf, ein Stück des Himmels. Doch sie hatte den Fehler gemacht, sich fangen zu lassen. Die Libelle wand sich in seiner Hand und schlug vergeblich mit den Flügeln, er spürte die Vibration an den Fingern. Er dachte gar nicht daran, loszulassen. Stattdessen hielt er sie näher vor die Augen, betrachtete sie genau. Groß war sie, fast so lang wie sein Zeigefinger, und ihr Körper hatte ein grün-schwarzes Muster, das wie aufgemalt wirkte. Fast zu perfekt. Doch am besten gefielen ihm ihre schimmernden Flügel.

Noch einmal sah er sich um. Dann riss er der sich krümmenden Libelle die ersten beiden Flügel aus. Sie knisterten ein wenig, waren aber fest genug, um nicht kaputtzugehen. Jetzt kamen die auf der anderen Seite dran. Wie praktisch, dass Libellen nicht nur zwei Flügel hatten, sondern gleich vier – eine gute Beute. Er brauchte noch einige davon, um sie ihr zu geben. Ihr. Der Einen.

So, und nun weg mit dem Vieh. Er warf die flügellose Libelle ins Gras des Hofs.

Sie lebte noch.

 

 

Vor meinen Füßen glänzte etwas auf dem Boden des Schulflurs. Schon wieder ein Libellenflügel. Wie kamen die Dinger nur hier herein? Ich bückte mich, um den Flügel aufzuheben, und betrachtete ihn. Wie schön er schimmerte. Irgendwie kam es mir falsch vor, ihn einfach auf dem Boden liegen zu lassen, wo jeder auf ihn drauftreten konnte. Vorsichtig legte ich ihn auf den Glaswürfel, in dem die fleischfressenden Pflanzen wuchsen. Jetzt sah es ein bisschen so aus, als hätten sie Beute gemacht.

Dann ging ich die Treppe hinunter zu unserem Fernsehstudio und vergaß den Flügel wieder. Heute sollten die Moderationen für die nächste KidsNews-Sendung aufgezeichnet werden, und ich war sowieso schon spät dran.

Von außen sah das Studio aus wie ein ganz gewöhnlicher Klassenraum, nur dass »nec.tv« auf einem Schild neben der Tür stand. Drinnen erinnerte nichts mehr an Unterricht, das Studio wurde auch vom ganz normalen Lokalfernsehen genutzt. Ich ging an der bunt verzierten, schallgedämpften Sprecherkabine vorbei, in der wir Texte für die Sendung einsprechen konnten, ohne dass uns der Schulgong die Aufnahme versaute. Auf der linken Seite ging es zu den Schnittplätzen, und dort hatte auch unser Mediencoach Nele – eine ehemalige Fernsehredakteurin – ihren Schreibtisch mit gleich vier Bildschirmen darauf. Wie üblich hatte sie das Fenster weit aufgerissen, obwohl es draußen zwölf Grad waren und sie nur ein »Guns’N’Roses«-T-Shirt trug. Neben ihr stand eine Schale mit Erdnüssen. Ständig futterte Nele irgendetwas, und trotzdem war sie dünn wie ein Gepard. Meine beste Freundin Kriss hatte die Theorie, dass Nele die Kalorien sofort verbrannte und dadurch nie fror.

An einem der anderen Plätze saß Antonia; sie arbeitete so konzentriert am Schnitt eines Beitrags, dass sie nicht einmal aufblickte, um mich zu begrüßen. Aber ich erkannte sie trotzdem an ihren langen blonden Locken, die ihr so malerisch über den Rücken fielen wie einem Model in der Shampoo-Werbung. Sie war eins dieser Mädchen, nach denen die Jungs sich umdrehten, doch nie ließ sie sich anmerken, was sie davon hielt. Gerade beugte sich unser Betreuungslehrer Herr Bogenstetter über sie, deutete auf den Monitor, erklärte irgendetwas.

Ich sagte nur kurz Hi und bog nach rechts ab, zum eigentlichen Studio. Es roch anders dort drinnen als in den restlichen Räumen, irgendwie technisch. Tageslicht gab es keins, ein deckenhoher blauer Vorhang vor den Fenstern versperrte unerwünschtem Licht den Weg. Vorsichtig bahnte ich mir den Weg an dem Kabelgewirr und den großen Kameras vorbei. Am Ton- und Bild-Mischpult saßen schon zwei andere Leute aus der Zwölften: Deborah, die sich mit einem kleinen Schminkspiegel die Augenbrauen zupfte, und Marek im schwarzen T-Shirt und Jeans. Deborah schnaubte, als sie mich sah. »Ah. Endlich. Hättest du nicht ein kleines bisschen früher kommen können? Wir haben echt Besseres zu tun, als auf dich zu warten!«

»Sorry«, meinte ich verlegen und warf meinen Rucksack in eine Ecke. »Ich bin auf dem Weg hierher in was Ekliges getreten und musste das erst mal vom Schuh abkratzen …«

Marek grinste, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch seine azurblauen Haare. »Woran merkt man, dass Ricky sich nähert?«, fragte er. Um sogleich selbst die Antwort zu liefern: »Am Klang ihrer Fake-Entschuldigungen.«

»Haha«, sagte ich. Marek hielt sich für einen tollen Komiker.

»Können wir jetzt endlich?«, fragte Yannic, der an der Kamera stand, und reichte mir das Ansteck-Mikro. Er musste sich zu mir hinunterbeugen, denn er war nicht umsonst in der Basketballmannschaft der Schule. Ich schob mir den Sender in die Hosentasche, zog das Kabel unter meinem Top durch und clipste mir das Mikro an den Ausschnitt. Yannic beobachtete mich mit offenem Mund, aber das hatte nichts zu bedeuten – seine Unterlippe hing oft ein wenig herunter, was ihn nicht gerade intelligent aussehen ließ.

Dann stellte ich mich hinter das silberne Moderationspult; die richtige Position war durch Klebeband auf dem Boden markiert. Marek war schon dabei, meine Moderationstexte, die ich vor ein paar Tagen geschrieben hatte, in den Teleprompter der Kamera zu laden. Jetzt brauchte ich den Text nur noch abzulesen, während ich nett in die Linse lächelte.

Mit einem lauten Zong gingen die Scheinwerfer an. Von einem Moment auf den anderen brannte von allen Seiten blendend helles Licht auf mich herab. Sofort wurde es ein paar Grad wärmer, die Lampen heizten die Luft im Studio richtig auf.

»So, kann losgehen«, sagte Deborah. »Ricky, magst du vielleicht meinen Kamm leihen? Ganz ehrlich, deine Haare sehen heute nicht so toll aus.«

Ich fühlte, wie mein Gesicht noch heißer wurde. »Äh, ja, gib mal her.«

»Ach lass doch, dieser Vogelneststil ist gerade total trendy«, behauptete Marek fröhlich. Ich verdrehte die Augen und ging zum Spiegel, um meine hellbraunen Locken in Form zu bringen. Dann konnte es endlich losgehen. Yannic wirkte schon ziemlich genervt, dabei konnte er froh sein, dass er nicht vor der Kamera stehen musste, denn sein mausfarbener, wischmoppartiger Haarschopf sah aus, als könne man ihn nur noch mit einer Schafschermaschine in den Griff bekommen.

»Drei … zwei … eins … los«, verkündete Deborah.

Ich lächelte in die Kamera. »Hallo und herzlich willkommen bei den KidsNews im Oktober. Heute haben wir …«

»Stopp!«, rief Deborah vom Regiepult aus. »Du musst ein bisschen lockerer werden. Im Moment kommt das noch nicht gut rüber.«

»Ich bin total locker«, behauptete ich mit zusammengebissenen Zähnen. O Mann, warum hatte ich ausgerechnet Deborah als Produzentin erwischt? Sie wollte Sängerin werden, wirkte aber zu steif vor der Kamera, deshalb moderierten normalerweise Antonia oder ich. Deborah machte nur ab und zu die Buchtipps. Wenn sie einen guten Tag hatte, konnte Deborah unglaublich freundlich sein, aber auch dann traute ich ihr ehrlich gesagt nicht über den Weg. Denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass – wenn man sich von dieser Freundlichkeit einlullen ließ und ihr irgendetwas anvertraute – sie das später sehr wahrscheinlich gegen einen verwenden würde.

Wir fingen noch mal von vorne an, und irgendwie schafften wir es, ein paar gute Takes in den Kasten zu kriegen. Deborah verabschiedete sich, sie wollte noch irgendetwas erledigen. Als sie weg war, entspannte ich mich wieder. Völlig durchgeschwitzt fädelte ich das Mikro unter meinem Top hervor. Schülerfernsehen konnte ganz schön anstrengend sein.

Schließlich steckte Herr Bogenstetter den Kopf durch die Tür. »Und? Alles klar gegangen mit der Aufnahme?«

»Alles bestens, Ricky ist die geborene Moderatorin«, behauptete Marek, und Yannic war nett genug, nicht zu widersprechen. Er sagte gar nichts, kramte nur in seinem uralten, abgewetzten Rucksack nach einem Energydrink, hob kurz die Hand zum Gruß und schlurfte davon zur Cafeteria. Antonia blieb da, sie arbeitete immer noch mit der Schnittsoftware.

Herr Bogenstetter schwenkte einen Zeitungsausschnitt. »Ach übrigens, ich hätte ein mögliches Thema für die nächste Sendung. Jugendliche im Gefängnis. Wie fühlt man sich da, wie ist der Tagesablauf und so weiter. Was meint ihr?«

Mein Magen zog sich zu einem kalten, schmerzenden Klumpen zusammen. »Find ich jetzt nicht so spannend«, sagte ich schnell und betete, dass Marek nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen würde.

Marek blickte mich kurz an, dann zuckte er glücklicherweise die Schultern. »Schlagen Sie’s auf der nächsten Redaktionssitzung vor. Mal sehen, was die anderen sagen.«

Jetzt konnte ich nur hoffen, dass die anderen dagegen waren. Am Donnerstag war die nächste Redaktionssitzung.

Sollen sie den Beitrag doch drehen, versuchte ich mir einzureden. Wird dir bestimmt nichts ausmachen. Du brauchst dabei ja nicht mitzumischen. Aber es wirkte nicht, mir war immer noch unwohl zumute. Das ganze Thema war zu nah an mir dran, viel zu nah.

Aber das wusste keiner in der Schule. Nicht meine beste Freundin Kriss. Auch nicht der Direktor. Wirklich keiner. Es ging niemanden etwas an, wo ich herkam.

Meine erste Erinnerung waren Schlüssel: Das Geräusch von Schlüsseln, die im Schloss einer Metalltür gedreht wurden. Ich war als Kind fasziniert von Schlüsseln. Wer sie hatte, konnte bestimmen. Meine Mutter besaß keinen, und deshalb musste sie das tun, was die Bestimmerfrauen sagten. Jeden Abend kehrten wir in unsere beiden kleinen Zimmer zurück, dann drehte sich von außen der Schlüssel im Schloss. Anschließend brachte mich meine Mutter ins Bett, und früh am nächsten Morgen wurden wir alle geweckt, und die Tür wurde aufgeschlossen.

Es dauerte eine Weile, bis mir auffiel, dass alle Fenster vergittert waren. Es gab kein einziges Fenster ohne Stäbe davor. Ich fragte meine Mutter, wofür die gut sein sollten, aber an die Antwort kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war mein Opa, der es mir genauer erklärte, als ich so etwa drei oder dreieinhalb war. »Die Gitter sind dafür da, dass niemand raus kann«, erklärte er in seiner nüchternen Art. »Es ist nun mal ein Gefängnis, ein Ort, an dem schlechte Menschen eingesperrt werden, damit sie niemandem mehr schaden können.«

An den Schock konnte ich mich noch genau erinnern. »Schlechte Menschen? Aber wir wohnen doch da, Mama und ich! Und wir sind doch keine schlechten Menschen.«

Aber mehr bekam ich aus Opa nicht heraus – er kniff den Mund zusammen und schwieg, während wir nebeneinanderher gingen. Schon waren wir am Eingangstor, und Opa durfte nicht mit rein. Er kniete sich vor mich und umarmte mich wortlos, dann blickte er mir nach, während ich hineinging. Durch all die vielen Türen, hinter denen Mama auf mich wartete.

Das Klappen der Tür rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich war bei nec.tv und hatte völlig verpasst, dass Marek sich verabschiedet hatte. Meine Freundin Kristina, genannt Kriss, lugte durch die Tür und wedelte mit der Hand. »Hey, Ricky! Von wem träumst du gerade?«

»Sag ich nicht«, gab ich zurück und fühlte, wie meine gute Laune ganz langsam zurückkehrte. Kriss behauptete von sich, dass sie wie ein Nilpferd aussehe, was leider zutraf, ihre runde Gestalt erkannte man schon von Weitem. Was dagegen nicht zutraf, war, dass ich deswegen mit ihr befreundet war, obwohl ich seit Jahren Nilpferdfiguren sammelte. Kriss war einfach tausendmal netter als Deborah, Marek und Yannic zusammen, und wir waren völlig auf einer Wellenlänge. Nur dass Kriss sich leider nicht für das Schülerfernsehen interessierte, wahrscheinlich wollte sie mich nur abholen.

»Hast du gesehen, was ich gepostet habe? Du bist die Einzige, die noch nicht geantwortet hat«, fragte sie vorwurfsvoll.

Facebook war nicht so mein Ding, ich hatte zwar eine Seite, schaute aber nicht oft rein. »Äh, nö, was hast du denn geschrieben?«

»Wer heute Abend mitgeht in die Disco. Die meisten sind dabei. Was ist mit dir?«

»Ja, klar, okay«, sagte ich, und dann fragte ich spontan in Richtung des Schnittpults: »Antonia? Kommst du auch mit?«

Antonia drehte sich halb um und strich sich eine Locke aus dem Gesicht. »Ich gehe auch … aber ein bisschen später. Mit jemandem.«

Es hatte keinen Sinn nachzufragen, wer denn dieser Jemand war. Wenn man Antonia zu viel fragte, lächelte sie verlegen und zog sich bei nächster Gelegenheit zurück. Ich fand es erstaunlich, dass jemand wie sie eine so gute Moderatorin war. Vor der Kamera war sie aufgeschlossen und fröhlich, so als könne sie vor diesem dunklen Auge aus Glas diejenige sein, die sie in Wirklichkeit war. Oder war sie einfach nur eine gute Schauspielerin?

Was auch immer – jedenfalls mochte ich sie. Obwohl sie so gut aussah, war sie völlig unzickig. Einmal hatte sie mich bei einer extrem fiesen Matheklausur gerettet, indem sie unseren Lehrer abgelenkt und mir währenddessen das Heft zum Abschreiben hingeschoben hatte. Einfach so. Sie hatte gemerkt, dass ich in Schwierigkeiten war, und mir geholfen, obwohl wir nicht mal befreundet waren. Später hatte sie mir angeboten, mir die Aufgaben zu erklären, und nach ein paar Treffen mit ihr hatte ich es nicht mehr nötig gehabt abzuschreiben. Seltsam – obwohl ich Antonia dankbar war, hatte ich nicht das Gefühl, sie zu kennen. Vielleicht hätten wir Freundinnen werden können, aber sie ließ niemanden an sich heran, auch mich nicht.

Antonia schien fertig zu sein mit ihrer Arbeit am Schnittpult, sie stand auf und nahm ihre Tasche. »Ciao, bis morgen«, sagte sie, und schon war sie weg.

Kriss wandte sich wieder mir zu, in ihren Augen blitzte die Neugier. »Jetzt sag mal, an wen hast du gedacht vorhin? An Timo?«

»An niemanden hab ich gedacht«, gab ich zu und versuchte zu lächeln.

Mein Liebesleben hatte in diesem Jahr stark zu wünschen übrig gelassen. Nach ein paar total schönen Wochenenden zusammen in München hatte Timo mir vor ein paar Wochen erklärt, dass Fernbeziehungen der letzte Mist seien und er in Zukunft einfach nur mit mir befreundet sein wolle. Seine Gefühle für mich hatten sich verflüchtigt, noch während ich damit beschäftigt gewesen war, Geld für den nächsten Besuch bei ihm zusammenzukratzen. Wie betäubt hatte ich das gerade gekaufte Zugticket storniert und mir für das Geld eine neue Jeans gekauft. Ein echter Frustkauf.

Sie passte noch nicht mal richtig.

Tanzen zu gehen würde mir guttun. Ich verabschiedete mich von unserem Mediencoach und machte mich mit Kriss auf den Weg in die Cafeteria.

»Mist, ich hab mein Geld vergessen!«, stöhnte Kriss und kramte in ihrer mit Buttons übersäten Khaki-Umhängetasche. »Oder verloren, keine Ahnung, ich glaube, heute Morgen hatte ich es noch …«

»Wird schon wieder auftauchen, bis dahin leihe ich dir was«, sagte ich. Keine Ahnung, wie Kriss es ständig schaffte, irgendetwas zu verlieren, zu verlegen oder versehentlich zu zerstören. Sie war einfach die geborene Vollchaotin.

An einem der hinteren Tische saßen Deborah und Antonia, ich winkte ihnen zu und quatschte dann weiter mit Kriss. Sie hatte gerade mal wieder Liebeskummer, was daran lag, dass sie sich ständig in jemanden verknallte, der nichts von ihr wissen wollte.

Ich tröstete sie, so gut ich konnte. Antonia und Deborah waren längst gegangen, als Kriss sich endlich überzeugen ließ.

»Na ja, ich glaube, du hast recht, ich sollte ihn besser vergessen.«

Wir verabredeten uns für die Disco, dann ging Kriss nach Hause und ich noch bei der Schulbibliothek im ersten Stock vorbei, um ein Buch abzugeben. Außer der Bibliothekarin war niemand mehr da, und auf dem roten Sofa am Eingang waren ausnahmsweise mal jede Menge Plätze frei. Auch in den Regalen stöberte niemand mehr; doch dann fiel mir auf, dass jemand hinter den Regalen an einem der kleinen Tische am Fenster saß. Bewegungslos, die Ellenbogen auf die Knie und den Kopf in eine Hand gestützt. Es war Antonia. Ganz allein. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Sie wirkte nachdenklich … und furchtbar einsam. Mir fiel auf, dass sie an der Hand blutete. Was war ihr denn da passiert? Sie hatte noch kein Pflaster drübergeklebt.

»Hi«, sagte ich munter, aber sie antwortete nicht, hatte sie mich überhaupt gehört? Wahrscheinlich störte ich gerade. Aber irgendetwas an der Art, wie sie dasaß, machte mich stutzig. »Alles okay mit dir?«, hakte ich nach.

»Schlechte Gedanken vertreiben Engel«, sagte Antonia leise und schaute zu mir hoch. Ihr Blick war abwesend, als sehe sie mich gar nicht richtig. »Um sie zu rufen, muss man ganz ruhig sein im Inneren. Aber manchmal ist das furchtbar schwer.«

»Engel? Was für Engel?«

»Ja. Genau. Das frage ich mich auch«, sagte Antonia bitter.

Schon tat es mir leid, dass ich so begriffsstutzig reagiert hatte. Aber als ich den Mund öffnete, um irgendeine möglichst einfühlsame Frage zu stellen, stand Antonia abrupt auf. »Ich muss jetzt los«, sagte sie und ging mit schnellen Schritten davon. Verwirrt blickte ich ihr nach.

Dort, wo sie gesessen hatte, lag ein Libellenflügel auf der Fensterbank.

Dorian, Mareks älterer Bruder, nahm uns mit zum Tanzen, er wohnte in der Nähe von Kriss und mir. Etwas widerwillig hatte er sich dazu überreden lassen, für uns Aufsicht zu spielen, denn das bedeutete eigentlich, dass er keinen Alkohol trinken durfte. Meist genehmigte sich Dorian in solchen Fällen trotzdem ein Bier, aber selten mehr als das, weil er sehr an seinem Führerschein hing. Der größte Nachteil des ganzen Deals war, dass Dorian in seinem alten schwarzen Golf die ganze Fahrt über Heavy Metal hörte, und zwar so laut, dass ich spüren konnte, wie die Karosserie vibrierte. Aber das war der Preis für die Mitfahrgelegenheit.

»Hast du deinen Ausweis mitgenommen?«, fragte ich Kriss vorsichtshalber. Sie kramte in ihrer Tasche, ächzte und rannte noch mal zurück nach Hause. Nächstes Jahr wurden wir beide achtzehn, dann hatte dieses Elend mit der Aufsicht Gott sei Dank ein Ende.

Ich kletterte ins Auto und stopfte mir ein paar Taschentuchstücke in die Ohren, während Marek, Simon und Celine versuchten, sich ebenfalls auf die Rückbank zu quetschen. Es ging nur, indem Celine sich auf Simons Schoß setzte, was den beiden aber nichts ausmachte, da sie schon seit der Grundschule zusammen waren. Sie schafften es tatsächlich, sich so anzuschnallen.

Marek musste so nah neben mir sitzen, dass unsere Oberschenkel und Arme sich berührten. Aus irgendeinem Grund fiel mir ein, dass ich ihn neulich am späten Abend dabei gesehen hatte, wie er eine Altpapiertonne durchwühlte. Keine Ahnung, was er dort gesucht hatte. Immerhin schien er das mit den Mülltonnen nicht regelmäßig zu machen, jedenfalls roch er gut nach Pfirsich-Shampoo. Ein bisschen ungewöhnlich für einen Jungen, aber trotzdem angenehm.

Marek beachtete mich nicht und unterhielt sich mit seinem Bruder. Als Kriss zurückkam und sich keuchend auf den Vordersitz warf, ließ Dorian den Motor aufheulen. Ich wurde in die Polster gedrückt, als der Golf nach vorn schoss, und Celine lehnte sich gegen Simon, während er seine Arme um sie schlang.

Als wir uns auf dem Parkplatz des Jupiter aus dem Auto zwängten, sah ich, wie ein engelsgleiches Wesen mit blonder Lockenmähne auf die Eingangstür zustrebte – Antonia. Ein dunkelhaariger junger Mann hielt ihre Hand. »Schaut mal«, sagte Celine, und wir beobachteten schweigend, wie der Mann ihr die Eingangstür aufhielt.

»Sieht aus wie ’n Student«, brummte Marek.

Celine hob die Augenbrauen. »Wo hat sie den denn her?«

»Sie steht halt auf ältere Typen«, sagte Simon und blickte Antonia nach, bis die Metalltür des Clubs hinter ihr zufiel. Sein Gesicht wirkte seltsam dabei, irgendwie hart, aber das lag vielleicht nur am Licht. »Ist natürlich praktisch wegen der Aufsicht.«

Wir setzten uns in Bewegung.

In Coburg gibt es coolere Clubs als bei uns in der Gegend um Neustadt, aber das Jupiter ist ganz okay. Wir zeigten beim Türsteher unsere Aufsichtsbescheinigungen und unsere Personalausweise vor, dann holten wir uns an der Bar etwas zu trinken. Noch war es auf der Tanzfläche fast leer. Auf einer der leuchtenden Stufen am Rand sah ich Yannic, unseren Kameramann, mit ein paar anderen Leuten zusammensitzen. Er schaute nicht zu uns hinüber, und ich war nicht sicher, ob er uns gesehen hatte. Bei ihm hätten wir vermutlich auch mitfahren können; er war etwas älter als wir und hatte schon den Führerschein.

Celine und Kriss blödelten herum, aber ich hörte nur mit halbem Ohr zu, während ich mich umsah. Ich mochte das bunte, flirrende Halbdunkel des Clubs, aus irgendeinem Grund fühlte ich mich wohl darin. Verborgen vor der Welt. Mir war danach zumute, gleich loszutanzen, doch ich blieb mit den anderen sitzen und beobachtete, wie die Lichtflecken von der Discokugel über den Boden wanderten, über die Wände, über uns.

Der DJ legte einen Song von David Guetta auf, und einige Leute begannen zu tanzen. »Bei dem Beat kann ich einfach nicht stillsitzen«, quietschte Kriss. »Los, komm, Ricky!«

Wir gingen auf die Tanzfläche und legten los. Kopf abschalten und einfach bewegen. Mein weißes Top leuchtete im Schwarzlicht, der Beat durchströmte mich, kribbelte in meinem Magen. Jemand trat mir auf den Fuß, einen Moment lang kam ich aus dem Takt, dann war ich wieder drin.

Ein Song folgte dem nächsten, mir wurde immer wärmer, Schweiß lief mir über Stirn und Hals. Zeit für eine Pause. Ich sah mich nach Kriss um, aber die tanzte gerade wild, und es wirkte nicht so, als wolle sie demnächst aufhören. Auf der anderen Seite des Raumes sah ich Antonia auf dem Klo verschwinden, gefolgt von Celine. Gerade als ich ihnen hinterhergehen wollte, rief jemand: »Hey, baby, tanz mit mir!« Marek packte mich an den Händen und zog mich zurück ins Geschehen. Mareks Tanzstil wirkte ein bisschen wie ein Stammestanz aus der Südsee, er spreizte die Finger, verzog sein Gesicht zu einer Fratze und hüpfte herum. War es ihm gar nicht peinlich, so uncool zu tanzen? Nein, war es nicht, und das wirkte irgendwie ansteckend. Übermütig machte ich mit und spiegelte seine Bewegungen, bis ich wirklich nicht mehr konnte.

Es war inzwischen ein Uhr nachts und richtig voll; man kam zwar noch halbwegs zur Theke durch, aber es dauerte, bis man drankam. Gierig schüttete ich die Apfelschorle in mich hinein, meine Kehle war völlig ausgetrocknet. Hinter mir hörte ich Antonias Stimme: »He! Pass doch auf!« Wahrscheinlich hatte jemand sie angerempelt. Ihr Freund reichte ihr ein Bier, und sie prosteten sich zu. Aus der Nähe sah er noch älter aus, mindestens wie fünfundzwanzig. Er war einer dieser glatten, gutaussehenden Typen, wie man sie in Werbespots und Modekatalogen sieht.

Ich versuchte nicht, mich mit den beiden zu unterhalten, dafür war es sowieso viel zu laut. Stattdessen stürzte ich mich zurück auf die Tanzfläche, gerade lief das traumschöne »Set Fire to the Rain« von Adele. Wieso hatte der DJ das aufgelegt? Passte nicht so richtig in eine Disco. Aber den Leuten schien es zu gefallen, und auch Antonia tanzte schon wieder mit langsamen, fließenden Bewegungen – sie wirkte völlig versunken, eingetaucht in den Song.

But there’s a side to you

that I never knew, never knew,

All the things you’d say

they were never true, never true,

And the games you’d play,

you would always win, always win

But I set fire to the rain,

watched it pour as I touched your face …

Doch dann geriet Antonia aus dem Takt – und ich spürte zum ersten Mal, dass etwas ganz und gar nicht stimmte in dieser Nacht.

 

 

Mitten in einer Drehung stockte Antonia, ihr Körper schien zu erstarren. Einen Moment lang hielt sie sich noch zitternd aufrecht, und im bunten Licht der Scheinwerfer sah ich, dass ihre Augen weit aufgerissen waren. Dann brach sie zusammen.

Erschrocken hörte ich auf zu tanzen, und auch ein paar andere Leute hatten gemerkt, was geschehen war, und blieben stehen. Jemand rief irgendetwas, doch es ging in der Musik unter. Antonia lag verdreht auf dem Boden, ihre Augen waren halb geöffnet. Ich kniete mich neben sie, um uns herum ein Wald aus Beinen. Wenigstens waren die Leute ein wenig zurückgewichen, sodass keiner auf uns trat. Aber sie standen alle nur da und glotzten.

»Antonia!«, rief ich und rüttelte sie. Was hätte ich dafür gegeben, jetzt einfach einen der Schulsanitäter ausrufen lassen zu können. Verzweifelt versuchte ich mich daran zu erinnern, was ich in meinem Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gerade gelernt hatte. Wie sollte ich überhaupt ihren Puls fühlen? Hier vibrierte doch alles! Ich versuchte es trotzdem, aber ich fand die richtige Stelle einfach nicht. Und es war so dunkel, verdammt, ich konnte kaum etwas erkennen! Grünes und violettes Licht spielte über Antonias reglosen Körper. Warum machte nicht mal jemand das Licht an und die Scheißmusik aus?

»Die ist ohnmächtig!«, schrie mir jemand überflüssigerweise ins Ohr. Marek. Er hockte neben mir und berührte Antonia vorsichtig an der Schulter. »Wahrscheinlich der Kreislauf. Ist ja ganz schön warm hier drin.«

»Besser, wir bringen sie erst mal an den Rand, bevor jemand auf sie drauftritt«, schrie ich zurück. Marek packte sie an den Schultern, ich nahm ihre Füße, und zusammen schleiften wir Antonia so schnell und vorsichtig wie möglich an den Rand der Tanzfläche. Sie fühlte sich sehr leicht an, leicht wie ein Kind. Vielleicht hätte ich sie sogar alleine tragen können. Einer ihrer schwarzen Ballerinas fiel ihr vom Fuß und blieb irgendwo liegen – egal, sie konnte ihn ja später suchen, wenn sie wieder aufgewacht war. Wenn er nicht einfach zertrampelt wurde. Schon tanzten viele Leute wieder.

Wir betteten Antonia auf eine der bunt erleuchteten Stufen am Rand der Tanzfläche. Jemand reichte mir eine Jacke, die ich ihr unter den Kopf schob. Mir fiel ein, dass ich sie jetzt in die Stabile Seitenlage bringen musste, damit sie nicht an ihrer Zunge erstickte. O Mann, wie ging das noch mal? Ach so, ihren Arm an die Seite klemmen und sie dann herumwälzen, Kopf überstrecken und so weiter. Ich war ziemlich stolz auf mich, als ich es geschafft hatte, und froh, dass Antonia dabei nicht von der Stufe heruntergefallen war.

Ihr Lover starrte betroffen auf Antonia herab, hockte sich dann neben sie und strich ihr zögernd über die Haare. Er schien keine Ahnung zu haben, was er tun sollte. Kriss und Celine standen ebenfalls hilflos herum; Celine hatte einen Becher Wasser geholt – wozu, um Antonia damit die Stirn zu kühlen? Inzwischen hatte sich auch einer der Türsteher durch die Menge gearbeitet. Als er Antonia sah, nickte er und zückte sein Handy. »Kommt ab und zu vor so was. Ich ruf den Notarzt. Hat sie Ecstasy genommen? Oder sonst einen Mist?«

Marek schüttelte den Kopf. »Nee, auf so was steht sie nicht.«

In diesem Moment fiel mir auf, dass Antonias Brust sich nicht hob und senkte. Ihr Körper war viel zu starr.

Der Schreck durchfuhr mich eiskalt. Ich hielt meine Wange vor ihren Mund, versuchte ihren Atem zu spüren. Nichts. Schnell legte ich die Hand flach auf ihren Brustkorb. Nichts! Keine Bewegung. »Scheiße, sie atmet nicht!«, brüllte ich Marek zu.

»Bist du sicher?« Er beugte sich über Antonia und sagte dann ebenfalls: »Scheiße!«

Wir mussten sie reanimieren. Reanimieren. Reanimieren. Die Worte kreisten in meinem Kopf wie eine Endlosschleife. Marek half mir, Antonia wieder auf den Rücken zu wälzen. Instinktiv streckte ich die Arme, legte die Hände kreuzweise übereinander und drückte kräftig auf Antonias Brustkorb. So hatte es der Kursleiter uns gezeigt, so hatten wir es geübt. War das die richtige Stelle? War genau hier ihr Herz?

»Jetzt beatmen! Zweimal, glaube ich!«, schrie ich Marek zu, und vorsichtig öffnete er Antonias Mund, hauchte ihr seinen Atem ein.

Dreißigmal drücken. Zweimal beatmen. Antonias Lunge füllte sich, leerte sich wieder. Füllte sich, leerte sich. Mechanisch wie ein Blasebalg. Sonst reagierte ihr Körper nicht. Bässe wummerten wie der Herzschlag eines Riesen durch den Club, aber Antonias Herz wollte einfach nicht. War sie tot? War es sinnlos, was wir taten?

»Vielleicht machen wir irgendwas falsch«, keuchte Marek.

»Ich weiß doch auch nicht! Keine Ahnung!« War denn keiner hier in der Disco, der mehr von so was verstand als wir? Wann kam der Notarzt endlich? Irgendetwas Nasses lief über meine Wangen, tropfte auf Antonias T-Shirt. Dunkle Flecken auf dem hellen Violett. Vor meinen Augen ein verschwommenes Geflimmer. Dann hörte auch die Musik auf, und es wurde hell.

Irgendwann merkte ich, dass Marek beim Beatmen wirklich etwas falsch machte. »Du musst ihr die Nase zuhalten, glaube ich! Sonst kommt die Hälfte der Luft doch gleich wieder heraus!«

»Oh«, sagte er erschrocken. »Okay.«

Wir machten weiter, Marek und ich. Dreißigmal drücken, zweimal beatmen. Dreißigmal, zweimal. Meine Handflächen schmerzten schon. Aber wir konnten nicht aufhören. Wenn wir aufhörten, war alles vorbei. Ich merkte, wie ich selbst in dem Takt atmete, den ich Antonia aufs Herz presste. Jedes Mal dachte ich, sie hätte sich bewegt, aber Antonia reagierte immer noch nicht. Sie lag da wie eine Puppe. Warum wachte sie nicht auf? Warum atmete sie nicht? Verdammt, sie musste doch atmen!

Und dann waren auf einmal Männer in rot-gelben Jacken neben uns, schoben uns weg, übernahmen rasch und professionell die Wiederbelebung. Antonia wurde auf eine Tragbahre gehoben, bekam eine Beatmungsmaske über Mund und Nase. Zwei andere Sanitäter packten an, trugen sie fort.

Marek und ich drängten uns hinter ihnen her, hinaus in die kühle Nachtluft. Blaulicht flackerte über das Gebäude der Disco, über die Autos, über die Wiesen. Einer der Männer, auf deren Jacke »Rettungsdienst« stand, fragte mich: »Wie heißt das Mädchen? Wissen Sie, wer sie ist?«

»Antonia Kreisler«, stammelte ich. »Aus Neustadt. Darf ich mit? Ich …«

»Leider nein.« Er war schon dabei, in den Wagen zu klettern. Die Hecktüren knallten zu, der Wagen fuhr ab, und ein paar Sekunden später war wieder alles ruhig vor der Disco. So als sei nie etwas geschehen. Nur still war es, sehr viel stiller als sonst hier. Das Motorengeräusch war schon verklungen, und von unten kam kein Laut, sie hatten die Musik nicht wieder angemacht. Über uns glänzte der Sternhimmel. Es war, als seien wir nur rausgegangen, um kurz mal frische Luft zu schnappen. Außer uns war in dieser Gegend kein Mensch unterwegs, die Umgebung bestand nur aus Feldern und Wiesen.

»Was ist überhaupt passiert? Was ist denn jetzt mit Antonia?« Kriss wirkte völlig aufgelöst. »Wir müssen hinterherfahren, schnell! Mann, wo ist denn dieser verdammte Dorian?«

Aber ich konnte nicht antworten, nur den Kopf schütteln. Auch Antonias Lover war nirgendwo in Sicht, vielleicht hatte er sich schon verdrückt. Marek stand neben mir und blickte stumm dem Rettungswagen hinterher. Er schnorrte sich von irgendjemandem, der gerade vorbeiging, eine Zigarette, steckte sie sich an und stieß den Rauch durch die Nase aus. Ich sah, dass seine Hände zitterten. »Die hatten bestimmt einen Defibrillator im Wagen«, sagte er schließlich. »Um das Herz wieder in Gang zu bringen.«

Mechanisch nickte ich. »Ja. Ganz bestimmt.«

»Ist ja auch nicht weit bis in die Klinik. Paar Minuten. Mehr nicht.«

»Ja.« Meine Kehle fühlte sich so eng an, dass nichts anderes mehr hindurchpasste als dieses eine Wort.

»Hätte nicht gedacht, dass ich das so bald brauchen würde.« Marek sog an seiner Zigarette, ein glühender Punkt in der Dunkelheit. »Diesen ganzen Erste-Hilfe-Kram.«

Ich nickte stumm.

»He, seit wann rauchst du eigentlich, Marek?«, fragte Celine erstaunt und schmiegte sich enger in Simons Umarmung.

Marek antwortete nicht, stattdessen sah er zu mir hinüber. Dann warf er seine Zigarette auf den Boden und trat sie mit dem Absatz aus, strich sich noch einmal durch die blauen Haare und blickte sich um. »Wo ist eigentlich Dorian? Besser, wir fahren heim. Nach Tanzen ist mir nicht mehr so zumute.«

Nein, danach war wohl niemandem mehr zumute. Auf dem Parkplatz hatte sich eine leise redende Menge gesammelt; ein paar Leute hatten sich gegen die herbstlich kühle Nachtluft die Arme um den Körper geschlungen. Auch ich fröstelte in meinem knappen Top; meine Jacke hing noch unten an der Garderobe.

Wir waren gerade dabei, uns wieder in den Golf zu zwängen, als Dorian »Da kommen die Bullen!« hervorstieß. Ein Polizeiauto war auf den Parkplatz eingebogen und hielt so, dass niemand mehr hinausfahren konnte. Also stiegen wir alle wieder aus und warteten ab, was jetzt geschehen würde.

»Was bedeutet das?«, fragte Celine verwirrt. »Warum denn die Polizei?«

»Ist doch klar«, sagte Simon. »So ein seltsamer Unglücksfall, den müssen sie untersuchen.«

Gleich darauf traf noch ein zweites Polizeiauto ein. Einige Beamte sperrten die Disco mit rot-weißen Bändern ab, andere nahmen sich systematisch die Besucher vor, ließen sich Namen, Wohnort und Geburtsdatum nennen. So wie die anderen kramte ich meinen Personalausweis hervor. Die Jungs aus unserer Schule wurden schon befragt. Ich sah, wie Yannic auf mich und Marek deutete. Ein Polizist bewegte sich in meine Richtung. »Sie haben das Mädchen erstversorgt?«, fragte er mich, nachdem ich ihm meine Personalien gegeben und unterschrieben hatte, dass ich nichts gegen die Aufzeichnung meiner Worte hatte. »Können Sie mir berichten, was passiert ist?«

Frierend nickte ich und erzählte, wie Antonia gestürzt war, wie Marek und ich sie an den Rand getragen, wie wir gemerkt hatten, dass sie nicht mehr atmete. Aufmerksam hörte mir der Polizist zu, ließ mich in sein Diktiergerät sprechen und stellte hin und wieder ein paar Detailfragen. »Sie haben weitgehend richtig reagiert«, stellte er schließlich fest. »Können Sie mir sagen, welche Personen sich an diesem Abend im Umkreis des Mädchens aufgehalten haben?«

Mein ganzer Körper verkrampfte sich. Das hätte er nicht gefragt, wenn es Antonia inzwischen wieder gut ginge. »Sie ist tot, nicht wahr?«, fragte ich leise.

Er zögerte. »Über solche Dinge darf ich keine Auskunft geben. Vielleicht können wir erst einmal klären, wer alles …«

»Okay, okay!« Am liebsten hätte ich ihn angeschrien. Mühsam riss ich mich zusammen und versuchte, mich an alles zu erinnern, ganz genau zu erinnern. Nach und nach bekam ich zusammen, wen ich wann in ihrer Nähe gesehen hatte. Antonias Studenten-Lover, dessen Name ich nicht kannte, sie hatten sich an der Bar zugeprostet. Celine und Antonia waren gleichzeitig im Klo gewesen. Und ich hatte eine ganze Weile in ihrer Nähe getanzt.

»Können Sie sich erinnern, wer noch an der Bar saß, während Antonia dort etwas trank?«, fragte der Polizist nüchtern, aber ich schaffte es nicht mehr, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. »Bitte«, sagte ich und fühlte, wie Tränen in meine Augen drängten. »Sagen Sie es mir endlich. Was ist mit Antonia?«

Als er mich ansah, wurde sein Blick etwas weicher. Sicher konnte er sich denken, dass wir uns gekannt hatten, vielleicht sogar befreundet gewesen waren. »Es ist leider nicht gelungen, sie wiederzubeleben.«

Um mich herum drehte sich alles. Die Sterne flackerten wie kaputte Lampen. Ich spürte, wie jemand den Arm um mich legte. Kriss. Wir umklammerten einander, als würden wir sonst einfach in Stücke brechen. Irgendwann versuchte ich mir Tränen und Rotz aus dem Gesicht zu wischen – mit einem uralten Taschentuch, das ich in meiner Hosentasche fand. Es fiel mir aus der Hand, und ich suchte hilflos auf dem Boden danach, die Augen fast blind vor Tränen.

»Lass doch liegen den Mist!«, sagte Dorian, er lehnte an seinem Golf, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Aber ich schüttelte den Kopf. Wenn die Polizei da war, konnte man keinen Müll auf den Boden werfen, das ging nicht, um Himmels willen. Hier waren doch überall Polizisten, war Dorian das nicht klar?

»Hier, nimm«, sagte Simon schließlich genervt und drückte mir ein frisches Taschentuch in die Hand. Dann legte er den Arm schnell wieder um Celine.

Der Beamte, der mich befragt hatte, sprach jetzt in ein Handfunkgerät. Inzwischen waren noch weitere Polizeiwagen eingetroffen, wahrscheinlich brauchten sie Verstärkung, um all die Leute zu befragen, die in der Disco gewesen waren. Ein anderer Polizist sprach gerade mit Marek.

Irgendwann waren wir alle vernommen worden und stiegen wieder in den Golf. Auf dem Rückweg gab es kein Heavy Metal, und Dorian hielt sich an jede Geschwindigkeitsbegrenzung. Wir schwiegen alle, nur Kriss weinte noch immer, ihr Schluchzen klang schrecklich laut im Inneren des Autos. Irgendwann stellte Dorian das Radio an.

Celine und Simon wirkten wie versteinert. Marek dagegen schien eher wütend zu sein. »Holy Shit, wie kann das denn sein? Wie zum Teufel kann das sein, dass ein gesundes, sportliches Mädchen, das nichts von miesen Chemikalien hält, einfach so tot umfällt? Einfach so?«

»Woher willst du denn wissen, ob sie gesund war?«, fragte Dorian. »Gibt doch tausend Sachen, die einen umbringen können. Zum Beispiel eine Ader, die im Gehirn platzt. Herzinfarkt und so weiter.«

Simon wischte Celine die Tränen von der Wange, dann tippte er sich an die Stirn. »Herzinfarkt? In ihrem Alter? Quatsch.«

»Wir kennen sie nicht gut genug, um zu wissen, ob sie Drogen genommen hat«, meinte ich. Eigentlich hatte keiner von uns Antonia richtig gut gekannt, zwar mochten wir sie alle ganz gerne, aber niemand war richtig eng mit ihr befreundet gewesen. Auch ich wusste nicht viel über sie, nur dass ihre Eltern nicht gerade arm waren, dass Antonia ein eigenes Pferd hatte und dass sie bei Schulaufführungen meistens Klavier spielte.

Marek sagte nichts mehr. Er schwieg einfach und starrte aus dem Fenster.

Erst als ich schon wieder daheim war, fiel mir ein, dass ich dem Polizisten nichts von dem seltsamen Gespräch mit Antonia in der Bibliothek erzählt hatte.

 

 

Dorian setzte mich daheim ab, und Kriss umarmte mich noch einmal lange, bevor die anderen weiterfuhren. Ich schloss die Wohnung auf und blieb im dunklen Flur neben der Garderobe stehen. Der Geruch nach alten Teppichen und Möbelpolitur hing in der Luft. Inzwischen war es halb vier Uhr nachts, und aus dem Schlafzimmer konnte ich meine Großmutter schnarchen hören. Sollte ich sie und Opa wecken, ihnen erzählen, was geschehen war? Nein, irgendetwas in mir sträubte sich dagegen. Es war schlimm genug, was mit meiner Mutter los gewesen war, das hatten sie nie richtig verkraftet.

Ohne mich auszuziehen oder das Licht anzuschalten, ging ich in mein Zimmer und setzte mich aufs Bett. Es war nicht ganz dunkel; unter unserer Wohnung in der Eisfelderstraße ist ein Reisebüro, und der bunte, leuchtende Werbewürfel, der mitten aus der Fassade ragt, wirft einen schwachen Schein durch mein Fenster. Schwer zog sich die Müdigkeit durch meinen ganzen Körper, aber ich wusste, dass ich jetzt nicht schlafen konnte. Ich starrte ins Halbdunkel und fühlte, wie der Atem in meinen Körper hinein- und wieder hinausströmte. Wie kostbar er war, dieser Atem, und doch hatte ich nie wirklich auf ihn geachtet. Aber es war ja vorher auch nie jemand gestorben, den ich kannte.

Wie hatte sich Antonia gefühlt bei diesem letzten Tanz? Hatte sie gemerkt, dass etwas nicht stimmte? Hatte sie Schmerzen gehabt? Hatte sie geahnt, dass ihr Leben gleich vorbei sein würde? War sie wütend gewesen? Oder traurig? Aber vielleicht war alles zu schnell gegangen. Schnell. Das war angeblich gut, weil man nicht so viel spürte. Aber Antonia hatte sich nicht einmal verabschieden können …

Würde sie jetzt noch leben, wenn wir irgendetwas anders gemacht hätten? Ich hätte im Internet unter dem Stichwort Erste Hilfe nachsehen können oder in den Kursunterlagen. Aber ich hatte zu viel Angst davor. Also blieb ich sitzen.

Ob ihre Eltern es schon wussten? Ja, bestimmt, die Polizei hatte sie sicher verständigt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ihnen jetzt zumute war, und lautlos strömten mir wieder Tränen über die Wangen. Angezogen ließ ich mich auf dem Bett zurücksinken und blickte an die Decke.

Als ich die Augen aufschlug, war es hell, das Zifferblatt meines Weckers zeigte zehn Uhr, und jemand beugte sich über mich, eine Gestalt mit glatten, schneeweißen Haaren, die das Gegenlicht zum Leuchten brachte. Ich zuckte zusammen, und erst im zweiten Moment erkannte ich das runde, zerfurchte Gesicht meiner Oma. »Ricarda, was soll das denn? Mit Kleidern schlafen! Hast du etwa so viel getrunken?«

Unwillkürlich richtete ich mich auf und fühlte mich irgendwie schuldbewusst. »Nein, hab ich nicht«, murmelte ich, und dann kamen die Gedanken an Antonia zurück und stürzten auf mich herab wie Betonklötze. Tot. Wie eine Puppe auf dem Boden. Ihre Augen halb offen, stumpf.

Auf einmal war mir schlecht. Ich blieb auf dem Bett sitzen und stützte den Kopf in die Hände. Die zwanzig Nilpferdfiguren meiner Sammlung beobachteten mich vom kleinen Regal aus, und auf einmal kamen sie mir furchtbar kindisch vor.

»Du wirst doch nicht etwa krank?« Meine Oma blickte mich vorwurfsvoll an, ließ dann den Blick durch mein Zimmer schweifen, runzelte die Stirn und rückte einen Ordner mit Schulsachen zurecht, den ich am Freitag einfach auf meinen Schreibtisch geworfen hatte.

Manchmal kann ich meine Mutter verstehen. Sie ist aus ihrer Familie geflohen, weil sie einfach nur noch wegwollte, sie hat es nicht mehr ausgehalten. Meine Oma hat es sich schon oft vorgeworfen, dass sie und Opa zu streng waren damals. Dass vielleicht all das Schreckliche nicht passiert wäre, wenn meine Mutter nicht so früh ausgezogen wäre. Diesen Selbstvorwürfen habe ich es zu verdanken, dass ich am Wochenende bis zwei Uhr ausgehen darf.

»Komm rüber, iss was«, rief meine Oma aus der Küche. Sie und Opa sind fast achtzig – diese Generation ist irgendwie der Meinung, dass Liebe durch den Magen geht.

Am liebsten hätte ich mich wieder hingelegt und wäre im Bett geblieben, den ganzen Tag lang, die ganze Woche, den ganzen Monat. Aber es hatte keinen Sinn. Ich klemmte mir ein paar frische Sachen unter den Arm, schlurfte ins Bad, kletterte in die Dusche und versuchte an gar nichts zu denken, während das lauwarme Wasser auf mein Gesicht prasselte. Aber es nutzte nichts. Als ich mich abtrocknete, überfiel es mich wieder. Musik braust durch den Club. Buntes Licht auf ihrem Körper. Mit beiden Händen presse ich auf die Stelle, an der hoffentlich ihr Herz ist. Immer wieder, so kräftig ich kann.

Ich versuchte, mir die nassen Haare durchzukämmen, aber meine Hand zitterte zu sehr. Ganz von selbst krochen Tränen aus meinen Augen. Wenn ich sie wegwischte, kamen neue nach. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mich wieder beruhigt hatte und mich aus dem Bad hinaustraute. Meine Locken waren schon fast getrocknet.

Natürlich hatten meine Großeltern längst gefrühstückt, sie standen meist um sechs Uhr auf. Auf dem Küchentisch wartete vorwurfsvoll ein einsamer Teller, daneben ein Messer, eine Serviette – gelb, mit Blumenmuster – und ein Glas mit Orangensaft. Dazu Johannisbeerkonfitüre, Nussnugatcreme und zwei Scheiben Käse, sorgfältig in Frischhaltefolie verpackt. Schon tausendmal habe ich meiner Oma gesagt, dass ich mir mein Zeug lieber selbst hole und sie nicht alles so hinstellen soll, aber es nützt nichts.

Ich gab mir wirklich Mühe, machte mir sogar ein Brot und versuchte einen Bissen herunterzuwürgen. Es klappte nicht. Damit es nicht auffiel, dass ich das Brot in den Müll geworfen hatte, zog ich eine Bananenschale und einen gebrauchten Kaffeefilter darüber. Zum Glück bekam ich wenigstens den Orangensaft hinunter.

Ich wollte nur noch weg. Kurz überlegte ich, ob ich zu Kriss gehen sollte. Doch ich spürte, dass es jemand anderes war, den ich jetzt brauchte. Valentina. Die Frau, deren Namen ich in dieser Wohnung nicht nennen durfte.

Meine Oma saß in ihre fliederfarbene Strickjacke gehüllt im Wohnzimmer, sie las ein Promi-Klatschblatt.

»Ich gehe noch kurz zu Kriss«, log ich.

»Wann bist du zurück?«

»So etwa zum Abendessen.« Tür zu, und ich war draußen. Mit dem Regionalzug waren es nur ein paar Minuten bis nach Coburg, zu Valentina. Sie lebte im ersten Stock einer rotgelben Backsteinvilla – jedenfalls meistens. Manchmal schaute sie auch in ihrem Haus in Frankfurt, ihrem Apartment in New York oder in ihrer Wohnung in Moskau vorbei. Wenn ich sie fragte, was sie dort gemacht hatte, lächelte sie nur und sagte mit ihrem russischen Akzent »Bisness«, Geschäfte.

Während ich auf den Zug wartete, versuchte ich bei Marek anzurufen. Einfach, um zu hören, wie es ihm ging nach letzter Nacht. Auf einmal war mir das wichtig, und ich wusste nicht einmal, wieso. Ich hatte ihn noch nie angerufen, und es war eigentlich mehr Zufall, dass ich seine Handynummer gespeichert hatte.

Nur seine Mailbox sprang an. Schlief er noch? Ich zögerte und überlegte, ob ich ihm eine Nachricht hinterlassen sollte. »Hey, Marek … hier ist Ricky«, sagte ich schließlich. »Alles klar bei dir? Meld dich mal, okay?« Meine Handynummer hatte er, weil wir hin und wieder zusammen gedreht hatten; er war einer der besten Kameraleute von nec.tv.

Bei diesem Stichwort fiel mir ein, dass am Nachmittag eigentlich ein Dreh geplant gewesen war für unser Ungewöhnliche-Berufe-Special, Antonia hätte moderieren sollen. Irgendwie schaffte ich es, Herrn Bogenstetter anzurufen und ihm Bescheid zu geben, dass der Dreh nicht stattfinden würde. Zum Glück konnte ich ihm auf die Mailbox sprechen, ich wollte jetzt nicht mit ihm reden.

Aber dafür umso dringender mit Valentina.

Vom Bahnhof waren es nur ein paar Minuten Fußweg bis zu ihr. Kaum hatte ich geklingelt, riss sie schon die Tür auf und strahlte, als sie mich erkannte. Sie sah aus wie Schneewittchen lange nach Ende des Märchens, mit Mitte fünfzig: cremehelle Haut, die sich nicht mehr gegen Falten wehren konnte, lange Haare, die glänzten wie poliertes Ebenholz, korallenrote Lippen. Nur dass Schneewittchen wahrscheinlich keinen so breiten Mund gehabt hatte. Vermutlich hätte sie auch kein dunkles Kostüm und Designer-Hausschuhe aus Paris getragen.

Am liebsten wäre ich ihr gleich in die Arme gefallen, aber sich über die Türschwelle hinweg zu begrüßen bringt Unglück – sagte zumindest Valentina. Erst als ich sicher im Flur angekommen war, in dem es nach sibirischem Zedernöl duftete, bekam ich Küsse auf beide Wangen. »Ricky! Wie schön, dass du da bist, Liebes, ich mach dir einen Tee, ja?«

»Brauchst du nicht, ich habe keinen Durst«, sagte ich – und schon wieder liefen mir Tränen über die Wangen, keine Ahnung, wo die auf einmal hergekommen waren. Erschrocken nahm mich Valentina in die Arme und gab beruhigende Geräusche von sich, bis ich mich nach einer Ewigkeit schließlich ausgeheult hatte. Dann fragte sie: »Was ist passiert?«

In Valentinas mit Büchern vollgestopftem Wohnzimmer stammelte und stotterte ich die ganze Geschichte heraus, während Valentina sich in den schwarzen Ledersessel mir gegenüber setzte und konzentriert zuhörte, ohne mich zu unterbrechen. Sie hielt nur meine Hand dabei und tätschelte sie zwischendurch mitfühlend. Schließlich seufzte sie schwer. »So jung! Mein armer Arkadi war ja auch nicht alt, aber immerhin sechzig. Wie mutig von dir, Ricky, dass du versucht hast, das Mädchen zu retten.«

»Wahrscheinlich habe ich es verpatzt, sonst wäre sie ja nicht gestorben«, sagte ich bitter. »Wenn ich früher gemerkt hätte, dass sie nicht atmet …«

»Jerunda!«, sagte Valentina streng; ich wusste, dass das Unsinn hieß. »Die anderen, die dort waren, hätten es nicht besser gemacht als du. Njet! Eher schlechter. Und jetzt … willst du wirklich keinen Tee?«

Ich gab nach, denn inzwischen hatte ich tatsächlich so etwas wie Durst und Hunger. Vielleicht, weil ich mich jetzt ein bisschen besser fühlte. Es beruhigte mich irgendwie, meinen Magen knurren zu hören. Lebendig. Ich fühlte mich lebendig. Mein Leben ging weiter. Aber Antonia würde niemals älter werden als siebzehn. Sie würde für immer siebzehn bleiben, nie studieren, heiraten, Kinder bekommen … Scheiße, jetzt heulte ich schon wieder.

Valentina zog mich an der Hand in die Küche und drückte mich sanft auf einen der Stühle, dann machte sie sich daran, den Tee – ihre Spezialmischung mit einem Hauch Minze – zuzubereiten. Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Augen und sah ihr zu. Dabei fiel mein Blick auf ein Bild im Silberrahmen, es zeigte einen jungen, dunkelhaarigen Mann, der kühn in die Ferne blickte. »Wie geht es Seri?«, fragte ich Valentina, eigentlich mehr um mich abzulenken.

Valentinas Sohn, der eigentlich Sergej hieß, war genauso alt wie ich und ging in ein unglaublich teures Internat in der Schweiz. Früher hatten wir oft zusammen gespielt – damals, in der Mutter-Kind-Abteilung der JVA Aichach. Es war nicht immer leicht gewesen, ihn als Freund zu haben, denn er wollte ziemlich oft Auto oder Monsterjäger spielen, worauf ich selten Lust hatte. Außerdem wurde er meist furchtbar wütend, wenn ihm etwas nicht in den Kram passte. Aber es gab in der Abteilung nur wenige Kinder, die ungefähr in meinem Alter waren, die meisten anderen waren noch zu jung oder Babys und für mich uninteressant. Also spielte ich mit Seri, auch später noch, als Valentina und meine Mutter schon entlassen worden waren – manchmal musste ich allerdings lange betteln, bis meine Mutter es erlaubte.

»Sergej hat sich überlegt, dass er in Moskau und den USA ein Wirtschaftsstudium machen will«, berichtete Valentina. »Aber da wird er sich tatsächlich anstrengen müssen, ob ihm das klar ist?«

Sie drückte mir eine Tasse Tee in die Hand, aber irgendwie schaffte ich es, die Hälfte davon zu verschütten. »Oh, sorry«, sagte ich verlegen und wollte aufstehen, um einen Lappen zu holen. Doch Valentina kam mir zuvor. »Nitschiwo, nitschiwo«, macht nichts, sagte sie, wischte die braune Lache auf, bis der Küchenboden wieder fleckenlos glänzte, und wusch sich dann gründlich die Hände. Meine Oma hätte es nicht gerne gehört, aber beim »Diebespack«, wie sie Valentina nannte, war es sauberer als bei uns daheim.

Ich wusste natürlich, dass Valentina einen mehr als guten Draht zur Russenmafia hatte, aber es machte mir nichts aus. Ihr Lebensgefährte Arkadi musste eine ziemlich große Nummer in diesem Geschäft gewesen sein. Ich wusste, dass Valentina ihm hin und wieder behilflich gewesen war. Sie war mit eineinhalb Millionen Euro in bar an der Grenze zur Schweiz erwischt worden und hatte sich freundlich geweigert, Auskünfte darüber zu erteilen, woher das Geld stammte. Zu diesem Zeitpunkt war Arkadi schon schwer herzkrank gewesen, und weder er noch seine hervorragenden Anwälte hatten es geschafft, Valentina rauszupauken. Sie hatte damals drei Jahre ohne Bewährung bekommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie darüber gejammert hatte – sicher war sie mit erhobenem Kopf aus dem Gerichtssaal gestelzt, auf High Heels, mit denen andere Frauen keinen Meter hätten laufen können.

Weil sie sich nie von ihrem kleinen Sohn getrennt hätte, verbrachte Valentina die drei Jahre in der Mutter-Kind-Abteilung. Sie mochte mich von Anfang an, hatte sie mir erzählt, aber quasi adoptiert hatte sie mich erst später … nach dieser Sache mit Seri und der anderen Mutter. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, vielleicht weil es so ein Schock war. Die Mütter saßen im großen Raum zusammen, und wir kletterten auf dem kleinen Spielhaus mit Rutsche herum, also muss es wohl am Nachmittag gewesen sein. Plötzlich hörte ich Schreie und sah, dass eine Frau mit einer Gabel in der Faust herumfuchtelte und etwas in einer fremden Sprache brüllte. Seri kam aus dem Spielhaus und schaute interessiert zu, er kam gar nicht auf die Idee, dass es gefährlich sein könnte. Aber mir gefiel das alles nicht, und als die Frau auch noch auf Seri zustürzte, packte ich ihn an der Hand und zerrte ihn ins Spielhaus. Dann versuchte die Frau, Seri herauszuziehen und mit der Gabel zu stechen, aber wir drückten uns in eine Ecke. Irgendwann schaffte es Valentina, die brüllende Frau auf den Boden zu werfen, und endlich kamen die Bestimmerfrauen und brachten die verrückte Mutter weg.

Valentina dankte mir tausendmal oder sogar noch öfter. Und sie versprach mir, immer für mich da zu sein, wenn ich sie brauchte.

Sie hat ihr Versprechen gehalten, und das, obwohl sie und meine Mutter inzwischen keinen Kontakt mehr hatten, ich glaube, meine Mutter wollte nicht ständig an ihre Zeit im Gefängnis erinnert werden.

Manchmal fragte ich mich, ob Valentina nur wegen mir nach Coburg gezogen war, denn so toll war es dort schließlich nicht, jedenfalls im Vergleich mit New York oder Moskau. Dass ihr eigener Sohn im Internat lebte und nur in den Ferien daheim war, schmerzte Valentina, doch es war Arkadis letzter Wunsch, dass Seri eine erstklassige Ausbildung bekommen sollte.

»Dieses Mädchen …«, kam Valentina nachdenklich auf Antonia zurück. »Wie war sie? Hatte sie ein starkes Herz?«

Ich wusste, dass sie das nicht im medizinischen Sinne meinte. Valentina stellte öfter mal kryptische Fragen, und auch diesmal brachte sie mich damit zum Nachdenken. »Nein, ich glaube nicht. Sie war … verträumt manchmal. Leicht zu verunsichern. Einmal hat unser Englischlehrer vor der Klasse an ihrem Akzent herumgemeckert, und sie war den ganzen Tag lang niedergeschlagen.«

Valentina hob eine ihrer perfekt gezupften Augenbrauen. »Ha! Was er wohl über meinen sagen würde? Ich bin särrr stolz auf meine russische Akzent!« Doch sie wurde schnell wieder ernst. »Gab es etwas, was Antonia auf dem Herzen hatte?«

Mir stockte der Atem. »Denkst du, sie könnte absichtlich …? Dass sie sich selbst …?«

»Das habe ich nicht gesagt«, konterte Valentina. »Ich habe nur gefragt, ob sie etwas auf dem Herzen hatte.«

Ich versuchte zu überlegen. Doch das war nicht ganz leicht, meine Gedanken kehrten immer wieder zurück zu diesen Momenten in der Disco … Antonia fällt, verschwindet zwischen den Tanzenden … ihr verdrehter Körper liegt ganz still … Stopp!, befahl ich mir verzweifelt und schaffte es schließlich, meine Gedanken zu der Zeit davor zurückzuzwingen. Antonia war nett, aber zurückhaltend gewesen. Es war schwer zu sagen, was in ihr vorgegangen war. Eine beste Freundin hatte sie nicht gehabt, in der Pause stand sie mal hier, mal dort, manchmal war sie auch allein gewesen und hatte sich im Glaspavillon in irgendein Buch mit pastellfarbenem Umschlag vertieft.

»Ich weiß nicht, ob sie etwas auf dem Herzen hatte«, musste ich zugeben. Aber dann fiel mir ein, was ich schon wieder vergessen hatte … diese Begegnung in der Bibliothek. Antonia hatte bedrückt gewirkt und etwas über Engel gemurmelt … ich strengte mein Gedächtnis an, und es ließ mich nicht im Stich. »Schlechte Gedanken vertreiben Engel«, hatte sie gesagt. Und dass es schwer sei, sie zu rufen, wenn man im Inneren nicht ruhig sei.

Plötzlich hatte ich Angst, Antonias Worte zu vergessen. »Hast du einen Block und einen Stift?«, fragte ich Valentina. »Ich muss dringend was aufschreiben.« Valentina fragte nicht lange, brachte mir einfach einen Kuli und einen Notizblock. Ich kritzelte so genau wie möglich auf, woran ich mich noch erinnerte. Plötzlich fiel mir auch wieder ein, dass sie an der Hand geblutet hatte. Und auf einmal hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache. Auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut.

Valentina bemerkte es. »Na, es sieht aus, als hätte dich ein Geist berührt, mein liebes Mädchen!«

Das traf es gut. Als ich Valentina berichtete, was Antonia gesagt hatte, runzelte sie die Stirn. »Kann sein, dass mehr dahintersteckt.«

Wir sahen uns an und dachten das Gleiche. War Antonia ermordet worden? »Aber … wer tut so etwas? Warum? Und wie?« Ich konnte nicht länger sitzenbleiben, ich musste irgendetwas tun. Tief in Gedanken versunken stand ich auf und spülte meine Teetasse ab, bevor mir einfiel, dass Valentina eine hypermoderne Spülmaschine ihr Eigen nannte. »Dieser Begleiter. Der so aussah wie ein Student. Keiner von uns hat ihn vorher schon mal gesehen. Was ist, wenn er ihr K.O.-Tropfen in den Drink gemischt hat?«

Valentina nickte langsam. »Oder aber Antonia war irgendjemandem im Weg. Oder es war Rache. Muss gar nicht mal sie selbst betreffen. Kann sein, dass ihr Vater in irgendetwas verwickelt war. Aber wory w’sakone waren anscheinend nicht beteiligt.«

Sie sagte das alles so nüchtern, dass ich stutzte. Mir fiel wieder ein, dass ein Mord in ihrer Welt vielleicht nicht mal etwas Besonderes war. Den Begriff wory w’sakone kannte ich schon, er bedeutete wörtlich übersetzt »Dieb im Gesetz«. So nannten Valentinas Freunde sich selbst; sie taten nicht einfach, was sie wollten, sondern folgten einem Ehrenkodex, ihrem eigenen »Gesetz«.

»Stimmt – sie töten ja keine Frauen, oder?«, meinte ich.

»Keine Frauen, keine Kinder«, sagte Valentina entschieden. »So was geht gar nicht.«

Auf einmal musste ich wieder an diesen Libellenflügel denken, den ich bei Antonia bemerkt hatte, und daran, dass ich solche Flügel in letzter Zeit öfter in der Schule gesehen hatte. Wahrscheinlich hatten sie überhaupt nichts zu bedeuten … oder hatte Antonia sie etwa gesammelt? Als Glücksbringer zum Beispiel?

Valentina schnaubte, als ich es erwähnte. »Schätzchen, in was für einer Welt lebst du eigentlich? Wohl eher waren die Dinger eine Warnung oder eine Todesbotschaft von demjenigen, der sie umgebracht hat. Mörder hinterlassen manchmal Zeichen bei ihren Opfern, noch nie was davon gehört?«

Schockiert blickte ich sie an. In diesem Moment klingelte mein Handy. Ich schaute nach, wer anrief, und erwartete halb, dass es Marek war. Doch die Nummer gehörte meinen Großeltern. Verdammt. Da musste ich rangehen. »Ja?«

Meine Oma war dran. Sie verlor keine Zeit mit Begrüßungen. »Ricarda? Es ist besser, du kommst jetzt heim.«

»Was ist passiert?«, fragte ich schwach, obwohl ich es gar nicht hören wollte.

In der Stimme meiner Oma klirrte das Eis. »Das kann ich dir sagen, Ricarda. Gerade war die Kriminalpolizei da und wollte dich sprechen.«

 

 

Wie sich herausstellte, waren die Beamten schon wieder gegangen und hatten die Nachricht hinterlassen, dass ich zur Dienststelle der Kripo Coburg kommen sollte. »Ich bin mit Kriss nach Coburg gefahren – ich komme einfach direkt hin, das geht schneller«, schlug ich vor und war erleichtert, als meine Oma zustimmte. »Wir nehmen den nächsten Zug und treffen uns am Eingang«, sagte sie. Ich konnte förmlich hören, wie sie den Hörer aufknallte.

In meinem Inneren breitete sich das Eis immer weiter aus, kroch durch meine Adern und ließ mich langsam erstarren. Wieso wollte mich die Kripo sprechen? Eigentlich hatte ich doch alles ausgesagt, gestern Nacht schon. Das konnte es nicht sein. Hatte ich irgendetwas falsch gemacht, als ich Antonia helfen wollte? Vielleicht war ich verantwortlich für ihren Tod?

Die Kriminalpolizeiinspektion war ein wuchtiges, rötliches Gebäude, zum Glück kam man ganz gut zu Fuß hin. Doch als ich die breite Treppe hochstieg, die zwischen gepflegten Hecken hindurch zum Eingang führte, stellten sich meine Füße an wie wilde Pferde. Sie wollten in eine andere Richtung gehen, laufen, rennen, aber ich zwang sie, eine Stufe nach der anderen zu nehmen. War ich völlig bescheuert, dass ich überhaupt freiwillig herkam? Was war, wenn ich gleich jetzt und hier verhaftet wurde?

Blödsinn, sagte ich mir trotzig. Wieso sollte ich verhaftet werden? Antonia ist einfach umgekippt, das war nicht meine Schuld!

Doch es half nichts, ich bekam kaum noch Luft. Vielleicht verdächtigen sie mich trotzdem. Vielleicht, weil sie herausgefunden haben, wer ich bin. Die Tochter einer Mörderin am Tatort, das kann doch kein Zufall sein, oder?

Meine Großeltern waren noch nicht da, und ich versuchte noch einmal, Marek anzurufen. Aber er ging nicht ran, und diesmal sprach ich nichts auf die Mailbox. Es war schon zwei Uhr nachmittags, so lange schlief er bestimmt nicht. Wo war er? Ich schaute sicherheitshalber doch mal wieder bei Facebook vorbei. Dort fand ich eine neue Nachricht von Kriss vor, in der sie fragte, ob alles okay sei, und eine von Celine. Schnell schrieb ich Kriss zurück, dass ich gleich noch mal vernommen werden würde, und weil sie gerade online war, kam zurück: Der Hammer! Wieso???

Keine Ahnung, schrieb ich zurück und vertippte mich dreimal dabei.

Zehn Minuten lang wartete ich vor dem Eingang der ehemaligen Kaserne, dann kamen meine Großeltern; sie mussten sich wirklich beeilt haben. Meine Oma trug wie meist eine steinfarbene Hose und darüber eine bunte Bluse; sie klammerte sich an ihre Handtasche, als wimmele es vor der Polizeiinspektion von Taschendieben. Mein Opa hinkte mit finsterer Miene neben ihr her und musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. »Ein totes Mädchen«, sagte er, auch er sparte sich eine Begrüßung. »Wieso hast du uns nichts gesagt?«

Immerhin, sie wussten es schon, ich musste nichts mehr erzählen. Ich zuckte die Schultern. »Es … war alles noch zu frisch.«

Meine Oma kniff die Lippen zusammen und sagte nichts mehr. »Also, gehen wir rein«, knurrte mein Opa und stieß die große Eingangstür auf. Drinnen meldeten wir uns an, wurden von einem Beamten abgeholt und in den zweiten Stock geführt. Es war ein anderer Polizist als gestern, dieser hatte blaue Augen, dichte, buschige Augenbrauen und ein schiefes Lächeln.

Mein Blick klebte am grau-beigen Bodenbelag. Er glänzte wie frisch geputzt, und meine Schuhe quietschten ein wenig darauf. Aus den Zimmern, an denen wir vorbeigingen, hörten wir Beamte telefonieren und Tastaturen klappern, es war erstaunlich voll hier am Wochenende – drehte sich das alles um Antonia?

Der Beamte führte uns in ein schlichtes Büro, setzte sich hinter einen Computer und bat uns mit einer Handbewegung, ebenfalls Platz zu nehmen. Mein Blick schweifte über Akten, Wälzer mit Gesetzestexten, Ordner, die aussahen wie Sammlungen von Vorschriften. Schon wieder hatte ich Mühe zu atmen, die Luft schien nicht mehr durch meine Lunge zu passen. Durchs Fenster konnte man die Veste Coburg sehen, aber sie anzustarren half mir auch nicht weiter.

»Kriminalhauptkommissar Dietze«, stellte der Polizeibeamte sich vor. Er schien etwas erstaunt, dass nicht meine Eltern mich begleiteten, sondern meine Großeltern. Aber er fragte nicht nach. Stattdessen holte er ein Diktiergerät hervor, und wieder musste ich eine Einwilligungserklärung unterschreiben. Als ich ihm den Stift zurückgab, trafen sich unsere Blicke, und in diesem Moment erkannte ich ihn. Die Augenbrauen brachten mich auf die Spur. Ich hatte ihn schon einmal gesehen, wenn auch nur auf einem Foto. Es gehörte zu einem vergilbten Pressebericht über eine Frau, die ihren Ehemann erstochen hatte und von Polizeibeamten zu einem Gerichtstermin begleitet wurde. Ich, damals noch »ihre kleine Tochter Ricarda (2 Monate)«, wurde zwar im Text erwähnt, war aber nicht im Bild.

Dietze merkte, dass ich ihn anstarrte, und blickte mich fragend an. Irgendwie schaffte ich ein verkrampftes Lächeln, aber Dietze wandte sich schon wieder seinem Computer zu. »Tut mir leid, wir müssen noch mal Ihre Personalien aufnehmen, gestern hat Sie ja ein anderer Beamter vernommen«, sagte er höflich, und irgendwie brachte ich ein Nicken zustande. Wusste er, wer ich war? War ich deswegen hier? Ich hatte nicht das Gefühl, dass er mich irgendwie bedeutungsvoll ansah. Mit etwas Glück war ich für ihn eine ganz normale Schülerin, eine von Hunderten jungen Neustädterinnen. Aber was war, wenn er meinen Namen hörte, würde er sich dann erinnern?

»Ich heiße Ricarda Mayer«, sagte ich heiser, und als er mein Geburtsdatum und meine Adresse wissen wollte, antwortete ich wie ein Automat. Falls Dietze etwas auffiel, ließ er es sich nicht anmerken, und langsam entspannte ich mich wieder. Nein, ihm fiel nichts auf, er konzentrierte sich ganz auf Antonia, die kein Mädchen mehr war, sondern nur noch ein Fall, mit dem man sich befassen musste. Schon oft war ich froh gewesen über meinen Allerweltsnamen, aber noch nie so sehr wie jetzt. Er war wie ein Schutzschild, der mich vor Blicken und Fragen beschützte. Ein grauer Schleier, den ich über mich ziehen konnte, wenn ich mich unsichtbar machen wollte.

Jetzt ging die eigentliche Vernehmung los. »Sie haben bei der Befragung in der Nacht angegeben, dass Sie lange in Antonia Kreislers Nähe getanzt haben – war sie topfit, oder hat sie gesagt, dass ihr schlecht sei oder so etwas?«

Er stellte noch viele Fragen, etwa wie sich Antonias älterer Begleiter verhalten habe und auch darüber, wie Antonia in der Schule so war, ob sie Feinde gehabt hatte, und allmählich entspannte ich mich wieder. Es ging hier nicht um mich. Gott sei Dank. Wie hatte ich jemals auf die dämliche Idee kommen können, ich solle verhaftet werden?

»Ist Ihnen noch irgendetwas Besonderes aufgefallen?«, fragte der Beamte schließlich, und mir fiel der Zettel ein, den ich bei Valentina geschrieben und in meine Hosentasche gestopft hatte. Endlich konnte ich mit jemandem darüber sprechen, zum Glück hatte ich diesmal daran gedacht! »Ja …«, murmelte ich und zog den Zettel hervor, der schon ziemlich zerknüllt war. »Am Freitag habe ich kurz mit ihr gesprochen … sie wirkte ziemlich niedergeschlagen … und sie hat etwas gesagt, das mir komisch vorkam …« Ich las vor, was ich mir notiert hatte. Dietze blickte erstaunt drein. »Engel? Na, das ist ja mal was Neues. Möglich, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon unter Drogen stand.«

»Äh, ja, Sie meinen, sie hatte irgendwelche Visionen?« An diese Möglichkeit hatte ich noch gar nicht gedacht, aber eigentlich drängte es sich auf. »Was hat denn die Obduktion ergeben, hatte sie was genommen? Oder K.O.-Tropfen bekommen?«

Ich konnte förmlich spüren, wie Dietze vorsichtig wurde. »Dazu kann ich noch nichts sagen. Wir bekommen die Obduktionsergebnisse erst heute im Laufe des Tages, und das ist schon richtig schnell, normalerweise geht da am Wochenende nichts. Und die toxikologischen Untersuchungen können Wochen dauern.«

»Ja, natürlich«, sagte ich und hörte, wie mein hochgewachsener, sehniger Opa auf den Wartestühlen hinter mir mit den Füßen scharrte. Er wurde schnell ungeduldig, und so lange stillzusitzen lag ihm nicht. Bis vor zehn Jahren – bis er sich an der Achillessehne verletzt hatte – war er noch Marathon gelaufen, und auch jetzt brauchte er viel Bewegung.

Sollte ich noch das mit den Libellenflügeln erwähnen? Nein, was für ein Blödsinn. Das musste ein Zufall sein, auch wenn Valentina etwas anderes meinte. Der Kommissar würde sich kaputtlachen, wenn ich ihm irgendwas von herumliegenden toten Insekten erzählte. Wenn es Hornissen gewesen wären, die waren wirklich bedrohlich … aber Libellen?

Meine Aussage war beendet. Endlich. Ich durfte gehen.

 

 

Sonntag war eigentlich immer der Tag, an dem ich meine Mutter besuchte. Sie lebte in Neustadt, manchmal liefen wir uns durch Zufall über den Weg. Beim Einkaufen, in Fabio’s Eiscafé oder wenn ich mir nach der Schule in Klein-Istanbul einen Döner holte. Wir begrüßten uns dann immer freundlich, aber zu sagen hatten wir uns wenig.

An diesem Sonntag ging ich nicht hin. Ich wollte niemanden sehen, nicht einmal Celine, die mir eine Nachricht nach der anderen schickte, weil sie gerade diverse Gedenkstätten organisierte – eine echte und eine in Form einer Website mit alten Bildern von Antonia. Außerdem sollten wir alle Beileidsbotschaften auf Antonias Facebook-Seite posten. Kriss quatschte mir auf die Mailbox. Sie wollte natürlich mitmachen, war aber halb in Panik, weil ihre Internetverbindung nicht funktionierte, und fragte, ob ich ihr helfen könne. Letzten Monat war ich schon dreimal deswegen zu ihr geradelt und jedes Mal hatte sich herausgestellt, dass es einfach nur ein Wackelkontakt an einem Kabel war. Heute hatte ich nicht die Nerven, mich wieder mit Kriss’ Kabeln zu beschäftigen. Stattdessen lief ich stundenlang durch die Straßen, und meine Gedanken vermischten sich zu einem düsteren, klebrigen Brei. Engel? Na, das ist ja mal was Neues, flüsterte es in meinem Kopf. But I set fire to the rain, watched it pour as I touched your face. Wahrscheinlich der Kreislauf. Ist ja ganz schön warm hier drin.

Und dann war es auf einmal Montag. Meine Oma durchforstete die Neue Presse und das Coburger Tageblatt. »Da steht es!«, meldete sie. »Schau, Ricarda, du wirst sogar erwähnt. ›Obwohl eine Mitschülerin und ein Mitschüler sofort versuchten, sie wiederzubeleben, starb das Mädchen.‹ Na, zum Glück haben sie nicht deinen Namen drin!«

Mein Mund fühlte sich pappig und trocken an. Ich nickte und konzentrierte mich auf mein Brot, das braun wie eine Sperrholzplatte auf meinem Teller lag. Ein fettig glänzender Klecks Butter klebte schon darauf, fast genau in der Mitte. Nein. Wir hatten es nicht sofort versucht. Hätte das einen Unterschied gemacht? Vielleicht würde ich es nie erfahren.

»Gib doch mal her!« Mein Opa riss meiner Oma die Zeitung förmlich aus der Hand, überflog den Artikel. »Sie haben bei der Obduktion nichts gefunden – keine K.O.-Tropfen oder so was – und gehen von einer natürlichen Todesursache aus. Obwohl Antonia völlig gesund war. Ihr Begleiter steht nicht mehr unter Verdacht. Moment, hier ist noch ein Interview … ein Arzt. Er meint, so ein plötzlicher Herzstillstand ist selten, aber er kommt hin und wieder vor, auch bei anscheinend gesunden jungen Leuten. Was es alles gibt!«

Ich würgte mein Brot hinunter, packte noch schnell eine Kerze für Antonia in meinen Rucksack und war froh, als ich mich verabschieden und durch den taufeuchten Morgen radeln konnte.

In der Schule spürte man sofort, dass etwas nicht stimmte. Überall vor dem Eingang standen Leute in kleinen Grüppchen, die sich leise unterhielten.

»Am Freitag habe ich sie noch gesehen! Sie war doch …«

»… und ihre Locken, Mann, diese Locken …«

»… total komisch … eigentlich keine Ursache, stand in der Zeitung …«

»… wie kann das sein, dass das Herz stillsteht, einfach so?«

Ein paar Blicke trafen mich. Inzwischen hatte es sich wohl herumgesprochen, welche Rolle ich in der ganzen Sache gespielt hatte. Wo war eigentlich Marek? Ich hielt Ausschau nach ihm, sah ihn aber nirgendwo. Dafür entdeckte ich Kriss, Celine und Simon. Sie standen, gemeinsam mit ein paar anderen Leuten von nec.tv, auf dem Pausenhof in der Nähe der Tischtennisplatten vor etwas herum. Als ich näher kam, sah ich, dass dort vor einem großen Schwarz-Weiß-Foto von Antonia Kerzen brannten. Ein paar Leute hatten schon Blumen abgelegt, und es wurden immer mehr. Sie näherten sich still, legten mit gesenktem Kopf ihre Blume ab oder zündeten eine Kerze an. Dann standen sie einen Moment lang da und gingen wieder. So etwas hatte ich schon so oft im Fernsehen gesehen, nach irgendwelchen Morden und Amokläufen. Und jetzt gab es das hier. Es kam mir noch immer unwirklich vor.

Kriss umarmte mich. »Wie fühlst du dich?«, fragte sie leise.

»Geht so – und du?«, sagte ich und traute mich kaum, das Bild von Antonia anzusehen. Es war unerträglich, wie sie in die Kamera strahlte. Jetzt gerade lag ihr Körper irgendwo tiefgekühlt in der Rechtsmedizin, und diese Augen starrten trübe ins Nichts.

»Völlig matschig im Kopf«, erwiderte Kriss, und ich zuckte beinahe zusammen, ich hatte meine Frage schon längst vergessen. »Aber beklagen kann ich mich ja wohl schlecht.« Sie deutete mit dem Kinn auf die Gedenkstätte. »Arme Antonia.«

Ich hatte keine Blume, aber wenigstens die Kerze, die ich zu den anderen stellen konnte. Ob Antonia von irgendwoher zusah? Ob sie wusste, dass ich mein Bestes gegeben hatte, um sie zu retten?

Neben mir stand Deborah. Sie schluchzte, ihre Schultern waren völlig verkrampft. Als ich zu ihr hinüberschaute, sah ich, dass ihr Gesicht über und über nass war; die Taschen ihrer Jeans beulten sich aus, weil sie vollgestopft waren mit zerknüllten Taschentüchern. Es war seltsam, die sonst so selbstsichere Deborah heulen zu sehen, vor allem, weil sie Antonia kaum besser gekannt hatte als wir anderen. Aber irgendwie machte sie mir das sympathischer. Vielleicht war sie in Wirklichkeit gar nicht so tough, wie sie wirken wollte.

»Übermorgen soll Antonia beerdigt werden«, erzählte Kriss, während wir zu den Klassenzimmern gingen. »Ich glaube, da gehen wirklich alle hin. Die ganze Schule.«

Der Unterricht zog an mir vorüber wie ein Traum, aber zum Glück ließen mich die Lehrer in Ruhe. In Ethik durften wir sogar das reguläre Programm sausen lassen und über ein Leben nach dem Tod diskutieren. »Wenn man tatsächlich wiedergeboren wird, warum erinnert man sich dann nicht daran, was man früher war?«, sinnierte Celine und strich sich die glatten, nussbraunen Haare zurück. »Oder hat man es nur vergessen?«

»Es gibt Leute, die behaupten, sie wüssten es«, schnaubte Jan. »Aber man kann sich ja eine Menge einbilden, wenn der Tag lang ist.«

Ich dachte darüber nach, als was Antonia wiedergeboren werden würde, falls es tatsächlich so weit kam. Angeblich hing das von den eigenen Verdiensten ab, aber was genau war damit gemeint? Zählte es schon, wenn man einer alten Dame über die Straße half, was ich noch nie im Leben getan hatte? Und was war eigentlich, wenn ein kleines Kind starb? Musste das dann mangels Verdiensten sein nächstes Leben als Ameise fristen? Wie unfair.

»Ich glaube, in unserem Kulturkreis ist der Glaube an Wiedergeburt einfach nicht stark genug, um uns zu trösten«, stellte unser Lehrer grimmig fest. »Gerade dann, wenn ein Tod scheinbar keinen Sinn macht, so wie der von Antonia.«

Während er das sagte, fuhren auf einmal sämtliche Rollläden im ganzen Klassenzimmer herunter, und es wurde düster. Kaum zwei Sekunden später fuhren sie wieder hoch. Kopfschüttelnd blickten wir uns an. So etwas war in letzter Zeit öfter passiert. Wahrscheinlich stimmte irgendetwas mit der neuen elektronischen Gebäudesteuerung nicht.

Nach dem Unterricht wanderte ich noch einmal zu der Gedenkstätte auf dem Pausenhof. Es waren eine Menge Kerzen und Kuscheltiere hinzugekommen, aber es war Antonias Foto, um das es mir ging. Diesmal schaffte ich es, ihrem Blick zu begegnen. Gleich darauf fiel mir etwas an diesem Bild auf, etwas glänzte am Rand des Rahmens, aber ich konnte nicht erkennen, was. Sah aus, als sei eine Schnecke darüber gekrochen. Rasch schaute ich mich um, es war kaum noch jemand auf dem Hof und die Kolonne der Schulbusse war schon dabei, abzufahren. So behutsam wie möglich schob ich Kuscheltiere, Kerzen und Briefe beiseite, um näher an das Foto heranzukommen, und dann sah ich, was das Schimmernde war.

Am Rahmen von Antonias Foto klebte ein Libellenflügel.

Als ich mein Rad erreicht hatte, schossen meine Gedanken so wild durcheinander, dass ich drei Anläufe brauchte, bis ich das Schloss offen hatte. Konnte das ein Zufall sein? Nein. Libellen verstreuten ihre Flügel nicht überall und erst recht nicht auf einem Bild. Von Antonia konnte der Libellenflügel auch nicht stammen – so viel zu meiner Theorie, dass sie die Dinger gesammelt hatte. Hatte jemand anderes sie für Antonia aufbewahrt? Waren sie ein Zeichen der Liebe, der Verbundenheit? Oder tatsächlich eine Art Markierung des Mörders? O Gott!

Auf meinen Armen bildete sich erneut eine Gänsehaut. Plötzlich war ich mir ganz sicher: Antonia war ermordet worden. Aber von wem nur, von wem und warum? Der Libellenflügel war heute Morgen noch nicht da gewesen – hieß das, dass jemand aus unserer Schule, aus dem Arnold-Gymnasium, ihn dorthin getan hatte?

Mein Gehirn streikte. Nein. Nein! Das konnte ich mir nicht vorstellen, das hieß ja, dass jemand von uns etwas mit Antonias Tod zu tun hatte. Jemand, den ich vielleicht schon länger kannte, mit dem ich mich unterhalten hatte, mit dem ich womöglich befreundet war. Es gab noch andere Erklärungen. Der Schulhof war nicht abgesperrt, jeder hätte während des Unterrichts dorthin gehen können – bestimmt waren auch Leute aus der Stadt hierhergekommen, um Kerzen für Antonia anzuzünden …

Aber Libellenflügel habe ich schon wochenlang vorher in der Schule gefunden, flüsterte etwas in mir.

Ich stellte mich taub und schwang mich auf mein Rad, um nach Hause zu fahren. Doch eigentlich wollte ich nicht nach Hause, ich wollte wissen, was mit Marek los war. Ich machte mir Sorgen um ihn. Obwohl er so krass aussah, war er nicht der Typ, der die Schule schwänzte, und seine Noten waren deutlich besser als meine.

Seine Adresse hatte ich gespeichert, aber ich war noch nie bei ihm daheim gewesen. Das Haus an der Ecke Weinbergstraße und Kantstraße war hellgelb gestrichen, doch die Farbe sah schmuddelig aus und war stellenweise abgeblättert. Als ich klingelte, passierte erst einmal gar nichts. Erst als ich es noch mal versuchte, summte die Tür, und ich konnte sie aufdrücken. Gleich im Erdgeschoss war eine Tür angelehnt, am Türschild stand »Kaminski – Nolde«.

Vorsichtig betrat ich die Wohnung. Wie lustig, der Flur war mit Kunstrasen ausgelegt. Am liebsten hätte ich nicht nur die Schuhe, sondern auch die Socken ausgezogen, um zu fühlen, wie das Plastikgras meine Zehen kitzelte.

Kein Mensch war zu sehen. »Hallo?«, sagte ich unsicher und sah mich um. An den Wänden hingen Collagen aus Zeitschriften: Eine zeigte nur Gesichter – traurige, fröhliche, weinende, schöne, hässliche. Eine andere zeigte nur Hände, elegante, runzelige, gewöhnliche, ausgestreckte, zur Faust geballte. Eine weitere Collage machte mir Angst. Es waren Bilder von Unfällen. Blut auf der Straße, zerbeulte Autos, Rauch, der aus Häusern quoll. Je länger ich das Bild anblickte, desto mulmiger wurde mir zumute. Hatte Marek diese Collage gemacht?

»Ja?« Ein Mädchen steckte den Kopf aus einer Tür. Es hatte schulterlange, kupferrote Haare und einen winzigen Diamanten im Nasenflügel.

»Ich suche, äh, Marek«, stammelte ich. »Bist du seine Schwester?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf und lächelte. »Nö. Und seine Freundin auch nicht, ich bin anderweitig vergeben. Ich heiße Sophie. Falls du einen Moment bleibst, kannst du deine Jacke hier aufhängen.« Sie deutete auf ein Hirschgeweih mit vier Spitzen an jeder Seite. »Ist echt. Wir haben es mal auf dem Flohmarkt gefunden.«

Erwachsene waren keine in Sicht, und so langsam dämmerte mir, dass Marek in einer WG lebte. Wieso das? Er war doch nicht viel älter als ich!

»Also, Marek …«, fuhr das Mädchen fort, »den findest du im Zimmer dort drüben links. Viel Erfolg.«

Viel Erfolg?

Ich ging weiter zum Zimmer links und klopfte an. Keine Reaktion. Langsam öffnete ich die Tür und sah mich in Mareks Zimmer um. Es war nicht groß und mit einem Bett, einem Schreibtisch – an dem eine E-Gitarre lehnte –, einem Bücherregal und einem über und über beklebten Kleiderschrank schon ziemlich voll. Tausende von Schnipseln aus Zeitschriften klebten auf den Schranktüren, ganz unten fast oder ganz weiße, dann nach oben hin etwas dunklere und noch etwas dunklere mit ganz verschiedenen Motiven. Ganz oben klebten schwarze Papierstücke. Es musste Marek viel Zeit gekostet haben, diesen Farbverlauf so hinzukriegen. Jetzt wusste ich also, warum er manchmal Altpapiertonnen durchwühlte – vermutlich suchte er Zeitschriften für seine Collagen.

Auf den ersten Blick entdeckte ich Marek nicht, weil ein Bücherregal wie ein Raumteiler quer ins Zimmer ragte, ein Farn im Blumentopf wucherte daran herunter. Doch als ich ein paar Schritte weiter ging, sah ich ein zerwühltes Bett und seinen azurblauen Haarschopf auf dem Kissen. Es war halb drei am Nachmittag und er schlief! War er schlicht und einfach krank?

Auf den zweiten Blick sah ich, dass er nicht schlief, sondern einfach nur mit geschlossenen Augen dalag, in seinen Ohren steckten die Stöpsel eines MP3-Players. Auf der Decke hatte sich eine graue Katze mit weißen Pfoten zusammengerollt und pennte. Seltsamerweise trug sie ein rotes T-Shirt, das vielleicht irgendwann mal einem Baby gehört hatte.

»Marek! Hallo!«, sagte ich laut, aber er reagierte nicht. Nur die Katze zuckte mit dem Ohr. Also ging ich auf Marek zu und berührte ihn vorsichtig am Arm.

Er fuhr hoch, als hätte ich ihm ein Messer in die Schulter gerammt. Verwirrt starrte er mich an, und im ersten Moment war ich nicht einmal sicher, ob er mich erkannte. Doch dann fokussierte sich sein Blick, und er murmelte ungläubig: »Ricky?«

»Mir ist aufgefallen, dass du nicht in der Schule warst …«, sagte ich vorsichtig.

»Oh, hey, und dann gibt’s seit neuestem Hausbesuche?« Er lächelte schief, richtete sich auf einen Ellenbogen auf und nestelte seine Ohrstöpsel heraus. Krank wirkte er eigentlich nicht.

»Nur in besonderen schweren Fällen«, gab ich zurück.

»Ich bin kein schwerer Fall, ich bin überhaupt kein Fall«, brummte Marek, setzte sich auf die Bettkante und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er trug ein zerknittertes schwarzes T-Shirt und eine Boxershorts.

Ganz klar. Ich nervte. Wie war ich eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, hier hereinzuplatzen und ihn zu stören? »Soll ich gehen?«

Marek zögerte. »Nein«, sagte er und sah mich nicht an dabei.

Ich setzte mich im Schneidersitz auf den Boden, und dann schwiegen wir, während die Katze weiterschlief. Es war nicht schwer zu raten, was mit Marek los war. Mir war es ja genauso gegangen, am liebsten wäre ich liegen geblieben und hätte alles vergessen, was in dieser furchtbaren Nacht geschehen war. Schließlich fragte ich leise: »Denkst du immer noch an sie?«

»Jede verdammte Minute«, sagte Marek und starrte aus dem Fenster. »Aber es hilft ja nichts, es ist vorbei, niemand kann ihr mehr helfen.«

Plötzlich war mir kampflustig zumute. »Du hast es wenigstens versucht. In dieser ganzen vollen Disco warst du der Einzige, der mir mit Antonia wirklich geholfen hat.«

Immer noch wich Marek meinem Blick aus. »Wenn Schulsanitäter da gewesen wären … die hätten das viel besser hinbekommen, und vielleicht hätte sie überlebt …«

Diese Gedanken kannte ich nur zu gut, von denen musste er sich so schnell wie möglich verabschieden. Ich stand auf. »Ach, okay, du hast vor, dich in Selbstmitleid zu baden. Dann will ich dich nicht länger davon abhalten.«

»Darum habe ich dich sowieso nicht gebeten«, sagte Marek scharf.

Gerade als ich antworten wollte, klopfte jemand, und das Mädchen mit dem Diamant-Piercing steckte den Kopf durch die Tür. Sie hielt eine Tasse in der Hand. »Mag jemand Kaffee?«, fragte sie fröhlich. »Hab gerade einen gemacht.«

Marek schüttelte stumm den Kopf, ich nickte. Mir wurde ein dampfend heißer Becher in die Hand gedrückt, dann schloss Sophie die Tür hinter sich. Verlegen nahm ich einen Schluck.

»Schmeckt’s?«, fragte Marek.

»Nö«, musste ich zugeben.

»Ich hätte dich warnen sollen. Sophies Kaffee ist scheußlich, weil sie selber eigentlich nur Tee trinkt.«

»Ach so, hat sie den nur für mich gemacht?«

Er zuckte die Schultern. »Wahrscheinlich hat sie an unseren Stimmen gemerkt, dass wir kurz davor waren, uns an die Gurgel zu gehen. Etwas zu trinken lenkt ab.«

Das tat es. Es lenkte sogar ziemlich stark ab, da der Kaffeebecher mir die Finger verbrannte. »Stimmt«, sagte ich und versuchte ein Lächeln. Es haftete nicht so richtig auf meinen Lippen. »Echt nett von ihr. Und was mache ich jetzt mit diesem Zeug? In deine Zimmerpflanze gießen?«

»Besser aus dem Fenster«, brummte Marek. »Meine Zimmerpflanze verträgt kein Koffein.«

Da musste ich dann doch grinsen, und er grinste zurück. Kurz nur, aber immerhin. Ganz langsam setzte ich mich wieder und fühlte mich etwas wohler als vorher. Nein, wahrscheinlich würden wir uns nicht an die Gurgel gehen. »Sag mal«, meinte ich schließlich. »Warum trägt deine Katze eigentlich ein T-Shirt?«

»Nelly?« Marek streichelte die graue Katze, die sich genüsslich räkelte. »Ich hab sie vor drei Wochen aus dem Tierheim geholt, sie hat leider noch ein paar psychische Probleme.«

Diesmal fiel mir das Lächeln leicht. »Lass mich raten … sie hat Komplexe, nackt herumzulaufen?«

»Ja, klar. Und ausgerechnet hier in Neustadt gibt’s kein Katzenmodengeschäft.« Marek kraulte Nelly am Bauch. »Sie hat früher bei einem ständig abwesenden Workaholic gelebt. Weil sie immer allein war, hat sie angefangen, sich am Nacken aufzukratzen. Bis die Wunde verheilt ist, muss sie angezogen rumlaufen.« Behutsam zupfte er den Stoff zurecht. »Ich kam mir ganz schön dämlich vor, als ich T-Shirts in Größe 52 gekauft habe. Das ist die kleinste, die’s gibt. Für ganz winzige Neugeborene.«

Ich sah den Blick der Kassiererin fast vor mir. Der musste zum Schreien gewesen sein. »Vielleicht dachten die, du hast dir ein uneheliches Kind zugelegt und versteckst es jetzt daheim.«

»Sollen sie es meinetwegen denken. Wenn das Jugendamt kommt, bin ich bereit.« Marek streckte sich und richtete sich auf. »Ich glaube, ich könnte jetzt ’ne Dusche gebrauchen.«

Meine Anspannung löste sich etwas. Das mit der Dusche war gut. Es hieß, dass er endlich aufstehen würde und unser Leben weitergehen konnte.

Meine Aufgabe war erfüllt. Marek hatte mir geholfen, ich hatte ihm geholfen, wir waren quitt. »Dann gehe ich jetzt lieber mal«, sagte ich und stand auf.

Doch Marek bewegte sich nicht in Richtung Bad, er blieb stehen und betrachtete mich nachdenklich. »Du hast mir ’ne ganze Menge Fragen gestellt … da bin ich eigentlich dran, oder?«

Ich nickte. Ja, klar, das war fair. Außerdem war ich gespannt, was er wissen wollte. »Stimmt. Okay.«

»Warum hast du am Freitag eigentlich so komisch reagiert, als Bogenstetter das Gefängnis erwähnt hat?«

Es war so unerwartet. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, wovon er sprach. Dann traf es mich wie ein Schlag in den Magen.

»Das geht dich nichts an«, sagte ich, stellte die volle Kaffeetasse auf seinen Schreibtisch und ging hinaus, durch den Flur, aus der Wohnung, aus dem Haus.

 

 

Wieso hatte Marek ausgerechnet so etwas fragen müssen? Was sollte das? Seit Jahren hatte ich nicht an diese Zeit damals gedacht, und in den letzten Tagen wurde ich ständig mit der Nase darauf gestoßen! Schon wieder drängten die Erinnerungen in mir hoch.

Wir hatten es nicht Gefängnis genannt, wir sagten immer JVA. Justizvollzugsanstalt. So hieß es richtig, und so klang es nicht so brutal. JVA stand für Zuhause, ein schönes riesengroßes Haus mit rotem Ziegeldach, in dem Mama, Valentina und meine Freunde Seri und Nathalie lebten. Aber mit vier Jahren war es damit vorbei. Altersgrenze erreicht, ich musste raus, während meine Mutter mir Dinge wie »Reststrafe« zu erklären versuchte. Plötzlich draußen, bei meinen Großeltern. Zu Anfang blieb ich vor jeder Tür stehen und wartete, bis sie mir aufgemacht wurde – ich war gewohnt, dass Türen von jemandem aufgeschlossen werden mussten, sie selbst zu öffnen erschien mir seltsam.

Auch alles andere war neu und fremd. Ich war noch nie mit der Bahn gefahren, vorher nur ein einziges Mal in einem Kaufhaus gewesen, und schon am ersten Tag »draußen« wäre ich beinahe überfahren worden, weil Autos kein Teil meiner Welt waren. Alles stürmte auf mich ein, Bilder, Geräusche, neue Dinge, es war zu viel, viel zu viel. Vor allem ohne meine Mutter, sie fehlte mir morgens, mittags, abends. Jede Nacht heulte ich mich in den Schlaf. Ich hatte wieder angefangen, ins Bett zu pinkeln; kommentarlos wechselte meine Großmutter die feuchten Laken. Sie verschwieg es meinem Großvater, der schimpfte nur.

Heute wird es anders gemacht, sie entlassen Mutter und Kind immer gemeinsam. Auch damals war das üblich, aber bei mir dachten alle, ich sei gut aufgehoben in diesem Jahr, das es irgendwie zu überbrücken galt. Keiner fragte mich. Wieso auch. Hin und wieder konnte ich meine Mutter ja besuchen. Telefonieren durften wir einmal im Monat, aber weil wir beim ersten Mal schon nach ein paar Minuten anfingen zu schluchzen, machten wir das nicht mehr. Briefe waren erlaubt, und Mama schrieb mir oft; trotzdem hatte ich Angst, sie zu vergessen. Auf einmal waren wir uns so fern, und irgendwie wusste ich schon damals, dass es schwer sein würde, das wieder zu ändern.

Und so war es. Die erste Begegnung mit meiner gerade entlassenen Mutter würde ich lieber verdrängen, aber ich erinnere mich leider noch gut. Meine Mutter heulte, streckte die Arme nach mir aus, aber ich versteckte mich hinter den Beinen meiner Oma und traute mich nicht heraus. Diese Frau sah aus wie eine Fremde, und außerdem machte mir Angst, dass sie so heftig weinte. Als mich meine Mutter dann doch noch in die Arme nahm, hielt sie mich so fest, dass ich mich eingezwängt fühlte. Ich strampelte mich frei und fragte Oma: »Können wir jetzt nach Hause gehen?«

Ein anderes Zuhause kannte ich nicht mehr. Und meine Großeltern waren dagegen, dass ich wieder bei meiner Mutter wohnte.

Worte von damals, ein Echo in meinen Ohren.

»Krieg erst mal dein Leben in den Griff, Claudia! Dann kann sie wieder bei dir leben!«

»Schon wieder so ein Kerl! Hast du denn nichts dazugelernt, Claudia? Es ist nicht gut für das Kind, mit so einem zusammenzuleben, wer weiß, was er ihr antut.«

»Such dir erst mal einen Job, Claudia, dann reden wir weiter!«

Komisch. Ich erinnerte mich nie an die Antworten. Vielleicht gab es keine. Hatte sie nicht um mich gekämpft? Anscheinend nicht.

In der Grundschule kam es raus, wo ich mit meiner Mutter gelebt hatte, damals hatte ich noch nicht gelernt, den Mund zu halten. »Knastkind« schallte es über den Hof, und ich verkroch mich irgendwo. Hinter dem Müllcontainer, hinter ein paar Büschen, beim Hausmeister, der die anderen Kinder wegjagte und mich bleiben ließ. Schließlich zogen wir um, in eine Stadt, in der uns niemand kannte. Neustadt. Der Name hatte mir sofort gefallen. Hier würde alles neu sein. Neu und besser …

Als ich schon in meiner Straße angekommen war, klingelte mein Handy, und ich war froh darüber, weil mich das aus diesen Gedanken herausriss. Mit der einen Hand schob ich mein Rad, mit der anderen drückte ich auf Annehmen.

»Ricky? Alles in Ordnung?« Es war Valentina. Wie schön es war, ihre Stimme zu hören.

»Geht so«, sagte ich müde und musste plötzlich wieder an die Libellenflügel denken. Als ich mit Marek gesprochen hatte, hatte ich sie irgendwie verdrängt, aber jetzt waren sie wieder da und schimmerten vor meinem inneren Auge.

»Die werden bald die Ermittlungen einstellen, njet?«, meinte Valentina, sie klang beunruhigt. »Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Wenn jemand mit einem Mord davonkommt, dann wird er dreist. Wenn er wieder ein Problem hat, wird er versuchen, es auf die gleiche Art zu lösen, weil das schon mal funktioniert hat.«

»Stimmt«, sagte ich erschrocken. Der Gedanke, dass es an unserer Schule so jemanden geben könnte, fühlte sich an wie eine offene Klinge, die ich mit der bloßen Hand anfassen sollte. »Vielleicht könnte ich versuchen, irgendwas herauszufinden. Was Antonia mit den Engeln gemeint hat. Was die Libellenflügel bedeuten …«

Im gleichen Moment, in dem ich es aussprach, wusste ich, dass es der richtige Weg war. Vielleicht hatte die Entscheidung schon in mir gewartet, dicht unter der Oberfläche. Ja. Ich würde versuchen, mehr darüber herauszufinden. Das war das Einzige, was ich jetzt noch für Antonia tun konnte. Und wenn ich nichts fand, dann war ich eben auch nicht weiter gekommen als die Polizei. »Valentina … wirst du mir helfen?«

»Was ist denn das für eine Frage?« Valentina schnaubte. »Was brauchst du als erstes?«

»Jemanden, der mir sagen kann, ob ich spinne oder nicht«, entfuhr es mir, und weil Valentina laut lachte, fügte ich schnell hinzu: »Ich weiß nicht, ob man wirklich jemanden umbringen kann, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen. So ganz plötzlich, ohne Beweise. Wenn so etwas nicht geht, dann brauche ich gar nicht erst anfangen zu suchen, dann war’s wohl doch ein plötzlicher Herztod oder wie man das nennt.«

»Ich werde sehen, was ich tun kann.«

Schon hatte Valentina aufgelegt.

Am gleichen Abend bekam ich eine SMS von ihr. Hab jemanden gefunden. Wenn du willst, kann er morgen Nachmittag um vier Uhr nach Coburg kommen und wir dürfen ihm Fragen stellen. VA.

Sekundenlang starrte ich die SMS an, las sie wieder und wieder und fragte mich, ob das wirklich eine gute Idee war. Keine Frage, es war ein Dieb im Gesetz, um den es hier ging, einer von der Mafia. Diese Leute waren keine Robin Hoods – alles andere als das. Sie wollten Geld verdienen, viel Geld, mit welchen Methoden, war ihnen egal. Wenn ich mit einem von ihnen sprach … hüpfte ich dann nicht naiv wie ein Kaninchen über eine unsichtbare Grenze? Wollte ich das, so tief eintauchen in Valentinas Welt? In Zukunft würde ich erst recht zittern beim Anruf der Polizei, hatte ich überhaupt die Nerven für dieses Treffen?

Weil ich mich nicht entscheiden konnte, schaute ich erst mal ein Stündchen bei Kriss vorbei und bog an ihrem Computerkabel herum, bis endlich ein »Juchhu, ich hab wieder eine Verbindung!« erscholl. Natürlich musste Kriss dann erst mal ganz dringend Facebook checken, und wir warfen einen Blick auf Antonias Seite. »So viele Botschaften, auf die sie nie mehr antworten wird«, sagte ich traurig.

Währenddessen überprüfte Kriss, was Antonia so alles gepostet hatte, als sie noch gelebt hatte. Viel war es nicht. »Puh – nur jede Menge News über ihr Pferd«, stellte Kriss fest. Interessanter war die Erinnerungs-Website, darauf standen schon mehr als zwanzig Fotos. Celine war wirklich gut im Organisieren. Ob Antonias Eltern die Seite ansehen würden? Oder taten wir das alles eher für uns, um überhaupt irgendetwas tun zu können?

Später, als wir noch ein bisschen quatschten, erzählte ich Kriss von meinem Besuch bei Marek und verschwieg nur, dass ich zum Schluss rausgerannt war. Besonders lange hielt ich es in Kriss’ Zimmer nicht aus. Überall stapelten sich Zeitschriften, irgendwelche alten Schulaufgaben, leere Plastikflaschen, Teller und Tassen mit widerlichen eingetrockneten Essensresten. Ihre Mutter schien das nicht weiter zu stören; Kriss hatte das Messie-Gen von ihr geerbt. Aufräumen war in dieser Familie ein Schimpfwort.

Schließlich radelte ich wieder heim, verzog mich mit meinem Laptop aufs Bett und schaute zwei Folgen von »How I met your mother«. Ich hatte die ersten Staffeln jetzt durch und fing noch mal ganz von vorne an, diese Serie war einfach genial und so witzig, dass sie ruhig die künstlichen Lacher hätten weglassen können. Nur wenn es mir besonders schlecht ging, schaute ich lieber etwas anderes, sonst lag ich danach heulend im Bett. Andere Leute. Andere Leute hatten Eltern, die ihnen witzig-romantische Geschichten von ihrem ersten Date erzählten … und meine Eltern? Ich mochte lieber nicht daran denken.

Nebenan schauten Oma und Opa eine dieser Schnulzen, die meist unter gutaussehenden Adeligen auf einem Gestüt spielten. Da meine Großmutter nicht mehr allzu gut hörte, hatten sie den Ton hochgedreht. Das Gedudel des Soundtracks und die hirnlosen Dialoge drangen sogar durch meine geschlossene Zimmertür.

Auf Valentinas Nachricht hatte ich noch nicht geantwortet, ich war noch nicht so weit. Ich hatte ja nicht mal Zeit gehabt, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich jetzt selber nachforschen würde, so gut ich konnte. So gegen neun vibrierte mein Handy, noch eine SMS war eingetroffen.

Willst du oder willst du nicht? Ich muss ihm heute noch Bescheid geben. VA.

Mist. Was sollte ich tun? Hin- und hergerissen weckte ich den Computer auf. Zum Glück war Kriss immer noch im Netz, ich chattete sie gleich an. Ich schob den Gedanken weg und konzentrierte mich darauf, meine Frage loszuwerden.

AlixTassos7: Sag mal, Kriss, könntest du morgen Nachmittag sagen, dass ich bei dir bin, wenn einer fragt? Hab nämlich ein Date …

delisha_K: oh, hey, mit einem tollen jungen?

AlixTassos7: Nee, mit jemandem von der Russenmafia!

delisha_K: :-)))) LOL

AlixTassos7: Also was ist? Nur für alle Fälle. Wenn meine Großeltern bei dir anrufen, bin ich eben gerade gegangen oder so.

delisha_K: alles klar, machen wir so, meine süße!

Total praktisch. Wenn Ricky, die Königin der faulen Ausreden, mal die Wahrheit sagte, glaubte ihr keiner. Und manchmal war das auch besser so.

So langsam spürte ich, dass ich mir sicher war. Ich wollte zu diesem Treffen gehen. Das hier war der erste Test, ob ich es wirklich ernst meinte damit, etwas über Antonias Tod herauszufinden. Wenn diese Leute mir helfen wollten und konnten, wieso sollte mich dann interessieren, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienten? Niemand würde je erfahren, dass ich mich mit einem von ihnen getroffen hatte … und natürlich war ich auch schlicht und einfach neugierig.

Ich will, simste ich Valentina zurück. Bin um halb vier bei dir.

Am nächsten Tag war Marek wieder in der Schule. Er beachtete mich kaum, hob nur einmal beiläufig die Hand, als ich in seine Richtung blickte. Noch immer wirkte er ziemlich blass, aber ich sah ihn schon wieder mit seinen Freunden lachen. War das nur Show? Oder war er wirklich darüber hinweg? Morgen war die Beerdigung, die mussten wir noch irgendwie durchstehen.

Auch heute hatte ich noch Schonzeit bei den Lehrern, und ich nutzte sie, indem ich den Unterricht ausblendete und versuchte, so etwas wie einen Plan zu entwerfen. In meinen Block kritzelte ich, wen ich alles befragen würde und was ich wissen wollte. Zum Beispiel musste ich herauskriegen, wer in den letzten Wochen oder Monaten am Schulteich gewesen war, denn vermutlich stammten die Libellenflügel von dort. Aber es würde hart werden, denn dazwischen waren ja die Sommerferien gewesen, in dieser Zeit hätte sich so gut wie jeder beim Biotop herumtreiben können.

Außerdem war mir eingefallen, dass ich Deborah an diesem furchtbaren Freitag mit Antonia zusammen in der Cafeteria gesehen hatte. Deborah auszufragen stand auf meiner Liste ziemlich weit oben – sie hatte Antonia nicht besonders leiden können. Eigentlich mochte sie niemanden, der besser moderierte als sie, und Antonia war noch dazu von Herrn Bogenstetter »entdeckt« worden. Sie hatte sich nicht wie wir anderen teilweise über Jahre hinweg bei nec.tv hochgedient und mühsam Moderationen geschrieben, Beiträge vorbereitet, Material geschnitten. Erst vor ein paar Tagen hatte Antonia angefangen, auch als Cutterin Erfahrung zu sammeln.

Herr Bogenstetter. In meinem Gehirn ging ein Warnlämpchen an. Was war, wenn Antonia nicht nur auf ältere Jungs stand, sondern auch auf erwachsene Männer wie unseren Betreuungslehrer? Ein ziemlich cooler Typ war er ja. Er war erst Anfang dreißig und sah mit seinem etwas kantigen, wettergegerbten Gesicht nicht aus wie jemand, der Deutsch und Bio unterrichtete, sondern so, als würde er ständig irgendwelche Gipfel erobern. Und er sah nicht nur so aus: In den Ferien ging er, soweit ich mitbekommen hatte, in den Dolomiten klettern, und ich hatte mir mal seinen Diavortrag über Wildwasser-Rafting auf dem Colorado River angesehen. Außerdem hatte sich in der Schule herumgesprochen, dass er auf dem Mupp-Berg neben der Stadt hin und wieder Bogenschießen übte. Bisher hatte er dabei zum Glück keine Spaziergänger aufgespießt, jedenfalls hatte ich nichts darüber gehört.

War zwischen Bogenstetter und Antonia irgendetwas gelaufen, was sie womöglich zu verraten gedroht hatte?

Ab so etwa Mittag dachte ich nicht mehr an Bogenstetter, sondern nur an den geheimnisvollen Unbekannten, den ich heute noch treffen würde. War ich völlig verrückt gewesen, als ich Valentina gebeten hatte, mir diesen Kontakt zu vermitteln? Meine Großeltern – und meine Mutter! – würden mich in der Luft zerreißen, wenn sie davon erfuhren. Und was war, wenn der Typ anfing, sich für mich zu interessieren und mich zu verfolgen oder so was? Quatsch, Quatsch, Quatsch. Weg mit diesen bescheuerten Gedanken. Der Kerl wollte nichts von mir. Er war nur nett genug, mir ein paar Fragen zu beantworten. Vielleicht schuldete er Valentina noch einen Gefallen.

»Und? Angst?«, fragte Valentina mit einem halben Lächeln, als wir zum Treffpunkt gingen. In ihrem dunklen Hosenanzug sah sie sehr elegant aus, und ihre hohen Absätze klickten auf dem Kopfsteinpflaster. Dressed to kill, ging es mir durch den Kopf, und beinahe hätte ich nervös gelacht. Valentina deutete es falsch. »So! Du freust dich. Aber bleib auf der Hut. Grigorij ist niemands Schoßhündchen, auch nicht meines.«

»Wer ist er eigentlich?«, fragte ich, doch Valentina zog die Brauen zusammen und schüttelte leicht den Kopf. »Warum willst du das wissen? Frag ihn bloß so was nicht! Sonst kehren wir gleich jetzt um. Sollen wir umkehren?«

»Nein!«

»Dann halt den Mund, Liebes, wir sind gleich da.«

Mir zitterten die Knie.

Es war eins von vielen Cafés in Coburg, geschmackvoll mit Pariser Cafétischchen und Holzstühlen eingerichtet. Der Duft nach Kaffee und Croissants stieg mir in die Nase. Es war nicht sehr voll, nur ein paar ältere Frauen plauderten über ihren Tassen, während sich ihre beiden Yorkshireterrier unter ihren Stühlen langweilten. Eine andere Frau erholte sich vom Shopping, und ein nicht ganz dünner Mann in Pullunder und Hemd hatte seine Lesebrille aufgesetzt, um ganz in Ruhe seine Zeitung durchschmökern zu können. Neben ihm standen eine leere Espressotasse und ein Teller mit zwei Cremetörtchen. Er sah aus wie ein Handwerker in mittleren Jahren. War das Grigorij? Oder der dahinten, der wirkte wie ein Banker, im weißen Hemd, Krawatte und gebügelter Anzughose, das Handy neben sich? Gerade wurde ein Latte macchiato vor ihn hingestellt, und er nahm einen Schluck. Seine Augen schweiften durch den Raum.

Valentina zögerte keinen Moment. Ihr breiter, perfekt geschminkter Mund verzog sich zu einem Lächeln, und sie steuerte den Tisch an, an dem der Zeitungsleser mit der Wampe saß. Gemächlich nahm der Mann seine Lesebrille ab und musterte erst Valentina, dann mich. Er hatte kleine, blassblaue Augen und trug seine graublonden Haare in einem etwas altmodischen Seitenscheitel. Seine Hände wirkten breit und fest wie die eines Bauern oder Handwerkers. Mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßten sich er und Valentina, dann nickte er auch mir zu. Wir ließen uns auf den beiden freien Stühlen an seinem Tischchen nieder, und dann wusste ich erst einmal nicht, was ich sagen sollte. Also hielt ich den Mund und beobachtete nur. Jetzt fiel mir auch die fette Rolex auf, die der Mann trug.

»Wie geht es dir, Valentina Alexandrowna?«, fragte er freundlich, er hatte nur einen sehr leichten russischen Akzent.

»In Ordnung«, sagte Valentina lächelnd. Das bekam man jedes Mal zur Antwort, wenn man sie so etwas fragte.

Er und Valentina plauderten ein wenig, während Valentina für sich und mich einen Tee bestellte. Doch als der Tee eintraf, war er noch zu heiß, und ich musste sowieso aufs Klo, wahrscheinlich weil ich so nervös war. Als ich zurückkam und mich wieder setzte, richteten sich die blassblauen Augen auf mich.

»Tu das niemals, wenn du mit jemandem zusammensitzt«, sagte der Mann zu mir. »Lass dein Getränk nicht unbeobachtet. Sonst könnte etwas drin sein, wenn du zurückkommst. Etwas, das dir vielleicht nicht guttut.«

»Äh, ja«, stammelte ich und wusste nicht, ob ich meinen Tee jetzt noch anrühren sollte oder lieber nicht. »Können Sie mir sagen … ob es sein kann, dass jemand stirbt und es wie Herzversagen aussieht, aber es in Wirklichkeit keins ist …« Wie peinlich, ich bekam ja keinen geraden Satz mehr heraus!

Noch immer beobachtete der Mann mich genau. Er antwortete nicht, bestellte sich einfach seelenruhig einen neuen Espresso und biss in eins seiner Cremetörtchen. »Nicht nachweisbar, meinst du?«, meinte er schließlich. »Tja. Ein Freund von mir braucht zum Beispiel Insulin. Er hat mal gesagt, wenn ein gesunder Mensch die Dosis abbekommen würde, die er sich jetzt gerade spritzt, dann würde es den umbringen. Vollkommen unterzuckert würde er umfallen und bewusstlos werden. Er wäre eine Weile im Koma und würde dann sterben.«

Mir wurde ganz kalt. Das passte. Auch Antonia war einfach so umgekippt und nicht mehr aufgewacht. »Könnte man das … nachweisen?«

»Insulin wird vom Körper schnell abgebaut, nachzuweisen wäre es vermutlich nicht«, sagte Grigorij. »Es gibt sehr dünne Nadeln für Kinder, die Einstichstelle ist praktisch nicht zu sehen. Aber wenn man Pech hat, gibt’s an der Stelle einen Bluterguss, der bei der Autopsie auffällt. Insgesamt keine erstklassige Methode.«

Mir verschlug es die Sprache. Erst jetzt wurde mir wirklich klar, dass ich nicht irgendeinem Mafia-Mitglied, sondern tatsächlich einem Auftragskiller gegenübersaß. Das war kein Spiel. Dieser Mann war ein Mörder, wie viele Leute hatte er schon umgebracht? Und das Schlimmste – wenn ich ihn einfach so auf der Straße getroffen hätte, hätte ich nichts davon geahnt, absolut nichts. Er sah so gewöhnlich aus. Und nicht sonderlich gefährlich.

»Wenn man mehr Zeit hat, ist es leichter«, erzählte Grigorij weiter und wischte sich sorgfältig ein paar Puderzuckerreste von den Fingern. »Da gab es diesen Fall in unserer geliebten Heimat, in dem ein Geschäftsmann eine radioaktive Substanz im Bürostuhl seines Konkurrenten versteckt hatte. Nach ein paar Wochen war der Mann tödlich verstrahlt, begann zu kränkeln und starb schließlich. Aber dieser Weg ist ein wenig außer Mode gekommen, es gab zu viel wnimánije – wie sagt man? Aufmerksamkeit.«

Mit freundlicher Geste reichte mir Grigorij eine Hälfte des Cremetörtchens, aber ich schüttelte stumm den Kopf.

»Eine weise Entscheidung«, sagte mein Gegenüber. »Hätte präpariert sein können. Manche Gifte wirken erst nach Stunden oder Tagen, in dieser Zeit hätte ich längst im Flugzeug sitzen können.«

»Nachweisbar?«, krächzte ich und musste an Deborah denken, die am Freitag mit Antonia in der Cafeteria gesessen hatte.

»Zum Teil. Aber die toxikologischen Untersuchungen dauern Wochen.« Er zählte ein paar Gifte auf, aber die meisten Bezeichnungen konnte ich mir nicht merken, nur das Zyankali sagte mir etwas. Notizen wollte ich mir nicht machen, wenn die jemand bei mir entdeckte, bekam ich den Ärger meines Lebens. Würde auch in Antonias Körpergewebe Gift gefunden werden? Aber wenn nicht, war das auch kein endgültiger Beweis.

Stumm trank Valentina ihren Tee und hörte zu, ohne uns zu unterbrechen. Ich war froh, dass sie dabei war, sonst wäre ich wahrscheinlich vor Angst gestorben.

»Und wenn … die Person nichts isst oder trinkt … und nicht mit einer Nadel gestochen wird … kann sie dann trotzdem vergiftet werden?«, fragte ich.

»O ja«, meinte der Mann. »Gift kann auch durch die Haut gehen. Man muss es dafür aber mit einem zweiten Stoff kombinieren. In vielen Salben, die man auf die Haut schmiert, sind Stoffe enthalten, die die Haut sozusagen durchlässig machen, damit die Wirkstoffe in den Körper eindringen können. Verstehst du?«

Ja, ich hatte verstanden.

Der Mann hatte in einem gedämpften Plauderton gesprochen, der perfekt zu diesem Café passte und am Nachbartisch ganz sicher nicht zu verstehen war. Falls sich jemand fragte, worüber wir uns gerade unterhielten, tippte er wahrscheinlich auf Anekdoten aus dem Sommerurlaub. Doch Grigorijs Blick ging mir durch und durch. »Noch Fragen?«

Ich schüttelte den Kopf. Nein. Ich wollte nichts mehr hören. Sehr viel mehr konnte ich gerade nicht ertragen.

»Nicht, dass solche Methoden häufig angewandt werden würden«, sagte Grigorij und winkte ab. »Normalerweise ist es einfach eine Kugel durch den Kopf und Schluss. Denn wenn niemand sieht, was passiert ist, wie soll es dann eine Warnung für andere sein? Zum Beispiel bestimmten Geschäften nicht in die Quere zu kommen.«

»Ja«, brachte ich irgendwie heraus. »Das stimmt wohl.«

Valentina winkte nach der Bedienung und zahlte unsere Rechnung, dann bedankte sie sich freundlich bei Grigorij und wir standen auf. Ich brachte so eine Art Lächeln zustande und ein freundliches »Do swidanja« – Auf Wiedersehen – und war froh, dass auch der Abschied aus einem Kopfnicken bestand. Ich hätte es wohl nicht über mich gebracht, ihm die Hand zu geben.

Dann wollte ich nur noch raus aus diesem Café. Meinen unberührten Tee ließ ich stehen.

Die älteren Damen plauderten immer noch. Nur ihre beiden Yorkshireterrier sahen uns neugierig hinterher, als wir gingen.

 

Ich hatte nur ein einziges schwarzes Kleid, das musste ich wohl morgen zu Antonias Beerdigung anziehen. Es stand mir nicht besonders gut, ich hatte abgenommen, seit ich es mir gekauft hatte. Kein Wunder, ich aß kaum noch etwas. Und das, obwohl meine Großmutter gestern panierten Fisch mit Remoulade gekocht hatte, eins meiner Lieblingsessen. Doch nach dem Treffen heute war mein Appetit auf null zurückgegangen, und beim Nachtisch – Mandelpudding – drehte sich mir endgültig der Magen um.

»Seit wann magst du denn keinen Mandelpudding mehr?« Meine Großmutter war fassungslos.

»Er riecht zu sehr nach Mandeln«, versuchte ich zu erklären.

»Das ist, soweit ich weiß, Sinn der Sache«, knurrte mein Großvater und zog eine Augenbraue hoch. Gehorsam aß ich zwei Löffel Pudding und hielt dabei die Luft an. Ich konnte ihnen ja wohl schlecht sagen, dass Bittermandelgeruch ein Hinweis auf Zyankali sein kann.

»Ich esse ihn später, okay?«, sagte ich und brachte den Pudding in den Kühlschrank. Dann verschanzte ich mich in meinem Zimmer und schaltete den Computer an. Ich hatte ziemlich viele Nachrichten, es ging vor allem um die Beerdigung und wer alles eine Rede halten sollte. Was ist mit dir, Ricky?, schrieb Simon, aber ich lehnte ab. Nicht, dass ich ein Problem damit hatte, vor so vielen Leuten etwas zu sagen und dabei womöglich in Tränen auszubrechen – das war mir egal. Aber ich hatte Antonia wirklich kaum gekannt und hätte nicht viel über sie erzählen können. Schließlich meldete sich Celine freiwillig, und das war auch okay so, immerhin war sie Schulsprecherin. Sie würde ihre Sache gut machen; mit ihren glänzenden nussbraunen Haaren und perfekten Zähnen war sie so hübsch, wie ich es niemals sein würde, sie konnte gut reden und war schlicht und einfach ein netter Mensch. Ich mochte sie total. Bei nec.tv widmete sie sich mit Deborah zusammen den Buch- und Filmkritiken und zeichnete ab und zu ein Logo für uns. Später wollte sie Grafik/Design studieren und Kinderbücher illustrieren.

Kriss rief mich an. »Willst du darüber reden, wen du heute getroffen hast?«

»Nein«, sagte ich sofort.

»Geheimniskrämerin«, motzte Kriss, und ich musste daran denken, was ich ihr noch alles verschwiegen hatte. So wie die anderen wusste sie nur, dass meine Eltern nicht mehr zusammen waren und ich mit meiner Mutter nicht so gut zurechtkam. Kriss war unglaublich lieb, aber es fiel ihr nicht leicht, gute Geschichten für sich zu behalten.

Kriss hatte unrecht gehabt, am nächsten Tag kam nicht die ganze Schule zur Beerdigung, aber immerhin alle aus unserer Klasse und noch ein paar Leute, die ich nicht kannte, vielleicht waren die aus dem Reitstall. Bedrückt scharten wir Arnold-Schüler uns zusammen wie ein Schwarm Krähen im Regen. Marek hatte sich die Haare passend zum Anlass schwarz gefärbt und blickte grimmig drein. Simon und Celine hielten sich an der Hand, doch dann ließ Celine los, um Deborah zu trösten, die schon wieder angefangen hatte zu heulen. Yannic trug einen dunklen Anzug, der ihm zu klein war und um seine breiten Basketballer-Schultern spannte. Wie immer hing sein abgewetzter Rucksack über seiner Schulter. »Ich geh nie wieder in eine Disco«, murmelte er, als wir zufällig nebeneinanderstanden. »Macht jetzt wirklich keinen Spaß mehr.«

Ich nickte schweigend und blickte auf Antonias Sarg, der vor uns stand – weiß mit goldenen Kanten, ein riesiges Blumenbouquet lag darauf. Dort drinnen war Antonia … nein, nicht sie, eigentlich hatte Antonia schon unter den bunten Lichtern des Jupiter aufgehört zu existieren. Im Sarg lag nur ihr Körper, der sich langsam zersetzte. Ich versuchte, nicht mehr daran zu denken, eine Gänsehaut hatte ich jetzt schon.

Auf einem der um den Sarg verteilten Kränze stand Wir werden dich nie vergessen – deine Klassenkameraden aus dem Arnold-Gymnasium. Ich wandte den Blick ab, ich wollte diesen Kranz nicht mehr sehen. Konnte es wirklich sein, dass jemand aus ebendiesem AG Antonia getötet hatte? Wenn ja, dann sah es so aus, als würde er mit diesem Mord davonkommen. Verstohlen schaute ich mich nach den anderen Trauergästen um, doch mir fiel nichts auf, sie alle verbargen ihre Gedanken hinter bedrückten Gesichtern, versteckten sie hinter einem Schleier aus Tränen. Wieso weinte ich eigentlich nicht? Vielleicht, weil sich bei mir bisher nicht das Gefühl einstellen wollte, dass dieses ganze Theater etwas mit dem Mädchen zu tun hatte, das ich in der Disco an den Rand der Tanzfläche getragen hatte. Das einfach aufgehört hatte zu atmen.

Der Pfarrer hatte schon mit seiner Rede begonnen, doch sie rauschte über mich hinweg, man merkte, dass der Typ Antonia noch nie im Leben getroffen hatte und einfach nur sein übliches Programm abspulte. »Was für ’ne Ladung Bullshit«, hörte ich Marek murmeln; er saß schräg vor mir. Der Pfarrer hatte ihn ebenfalls gehört, er blickte kurz von seinem Text auf und durchbohrte Marek mit einem Blick.

Dann ging Antonias Vater nach vorne, ein schlanker Mann mit millimeterkurzen grauen Haaren; er umklammerte einen Zettel, auf dem vermutlich seine Stichworte standen. »Als Antonia geboren wurde, waren wir überglücklich, weil wir gedacht hatten, nie mehr ein Kind zu bekommen. Und sie war ein so besonderes Mädchen. Einmal wachte sie nachts auf, weil sie sich Sorgen machte, dass sie sich um eins ihrer Kuscheltiere nicht genug gekümmert hatte und es traurig sein könnte …«

Jetzt heulte ich doch noch und diesmal nicht, weil der Schock dieser furchtbaren Nacht mich durchschüttelte – diesmal weinte ich um dieses Kind und seine Eltern.

Celine schaffte es irgendwie, ruhig und gefasst zu bleiben, als sie nach Herrn Kreisler dran war. Sie begann ihre Rede mit einem Zitat: »Wir alle sind Engel mit nur einem Flügel. Wir können nur fliegen, wenn wir uns umarmen.«

Kriss neben mir schluchzte, und peinlicherweise begann ausgerechnet in diesem Moment mein Magen zu grummeln. Keine Ahnung, warum. Zum Glück wandte mir niemand den Kopf zu, denn gerade ging Herr Bogenstetter – heute im schwarzen Hemd und schwarzen Jeans – nach vorne. Mühsam versuchte ich mich zu konzentrieren, auf Zwischentöne zu lauschen in der Art, wie er über Antonia sprach. »Sie war ein unglaublich talentiertes Mädchen, das noch viel hätte erreichen können«, sagte er. »Wie hätten wir ahnen können, wie kurz ihr Leben sein würde?«

Er sprach noch eine Weile, doch wenn es etwas Verdächtiges in seiner Rede gab, verpasste ich es. Worauf hatte ich gewartet? Dass er anfangen würde, etwas von ihren Engelslocken zu faseln? Dass er vor ihrem Sarg zusammenbrechen und seine Liebe zu ihr gestehen würde?

»Vielleicht war sie einfach ein Engel, der zurückkehren musste, der nicht verweilen durfte auf dieser Erde«, schloss Herr Bogenstetter seine Rede ab, und ich horchte auf. Engel, immer wieder Engel. Was sollte das? Hatte das nur etwas mit ihrem Aussehen zu tun, oder steckte mehr dahinter? Bogenstetter wusste nichts davon, was Antonia in der Bibliothek zu mir gesagt hatte, ich hatte nur Valentina und dem Kommissar davon erzählt!

»Komm, los, es geht weiter«, zischte Kriss mir zu. Die Trauergäste standen auf und bewegten sich nach draußen, zu den Gräbern, die ordentlich von kleinen Hecken begrenzt wurden. Eigentlich war der Friedhof von Neustadt recht schön, aber ich fand es ein wenig irritierend, dass man von hier aus direkt auf das riesige blau-gelbe »E« des Edeka nebenan blickte.

Der Sarg wurde in die Erde gesenkt, und jeder von uns warf eine kleine Schaufel Erde darauf. Es klang so endgültig, wie die Erde auf den Deckel prasselte.

Ich würde als Allererstes versuchen, etwas über Herrn Bogenstetter herauszubekommen. Er verbarg irgendetwas, das spürte ich. Und Deborah … ich war mir nicht mehr sicher, ob sie nur deshalb so viel weinte, weil sie ein weiches Herz hatte. Auch ein schlechtes Gewissen kann einen zum Heulen bringen. Weil man weiß, dass man etwas Furchtbares getan hat und nie wieder von sich selbst so denken kann wie zuvor.

Wenn man etwas über jemanden in Neustadt herausfinden wollte, dann fragte man am besten meinen Opa. Obwohl er nicht von dort stammte, kannte er jede Menge Leute, und nachmittags unternahmen er und meine Oma oft lange Spaziergänge in Zeitlupe, die sie durch die ganze Stadt und darüber hinaus führten. Deshalb war mein Großvater auch meine erste Anlaufstelle. »Sag mal, du kennst doch den Herrn Bogenstetter, du weißt schon, der an unserer Schule unterrichtet?«

»Na sicher«, brummte mein Opa. Er war gerade dabei, sich mit seinen knorrigen, fleckigen Händen eine Zigarette zu drehen; sehr sorgfältig drapierte er den Tabak auf dem Papier, damit kein Krümel verloren ging. Meine Oma hasste die Qualmerei, aber mein Opa dachte gar nicht daran, mit fast achtzig Jahren noch irgendein Laster abzulegen.

»Sag mal, hast du ihn zufällig mal mit einem blonden Mädchen gesehen?«

Während mein Opa die Zigarette zuklebte, dachte er nach. »Ja, mir scheint, das habe ich. Mit ’ner jungen blonden Frau, o ja. Nicht oft, aber so zwei-, dreimal … im Sommer auf dem Mupp-Berg und im Frühjahr zufällig mal nachts auf der Straße, als ich gerade draußen eine rauchte.« Er grinste verschmitzt. »Der hat ’nen guten Geschmack, euer Bogenstetter.«

Mir stockte der Atem. Ich holte meinen Laptop und zeigte ihm ein Foto von Antonia. »Könnte sie das gewesen sein?«

Mein Großvater kniff die Augen zusammen und betrachtete das Bild. »Kann sein. Bin aber nicht sicher. Ist schon ’nen Weilchen her, weißt du. Halbes Jahr.«

»Könntest du dich im Ort mal ein bisschen umhören? Ob noch jemand etwas darüber weiß?«

»Na sicher, mach ich«, versprach er, und ich umarmte ihn dankbar.

Am nächsten Tag radelte ich früher als gewöhnlich los, ich wollte versuchen, Deborah noch vor dem Unterricht abzufangen und zu befragen. Doch auf dem Schulhof vor dem Eingang lief ich als Erstes Marek über den Weg. Seine Haare waren wieder so blau, dass es fast in den Augen wehtat. Electric blue. Ich wollte um ihn herumlaufen, aber er trat mir in den Weg. »Was war eigentlich los neulich?«, fragte er.

»Wie, neulich? Bei der Beerdigung?«, nuschelte ich.

»Nein, beim Tanz auf dem Sarg«, gab Marek trocken zurück. »Weißt du das noch? Dass du bei mir warst, meine ich?«

»Manchmal habe ich kurze Amnesien«, behauptete ich und versuchte, um ihn herumzugehen. Keine Chance. Er war schnell wie ein Fechter.

»Ach, echt? Aber du weißt schon noch, dass wir uns geküsst haben?«

Ich starrte ihn mit offenem Mund an, und Marek grinste. »Okay, das war geschwindelt. War nur ein kurzer Gedächtnis-Check. In Wirklichkeit bist du rausgelaufen, als hätte ich dich mit dem Messer bedroht.«

»Ich war noch mit jemandem verabredet.«

Marek schüttelte den Kopf und verzog den Mund. »Die schwächste Ausrede, die ich je von dir gehört habe. Das kannst du besser.«

Aus irgendeinem Grund musste ich jetzt doch grinsen. »Okay. Ich musste dringend mein entlaufenes Streifenhörnchen suchen.«

»Hm.« Marek nickte und verschränkte die Arme.

»Außerdem warteten Fernsehteams aus Korea, Australien und Chile auf ein Interview mit mir.« Allmählich begann das Spiel, mir Spaß zu machen.

»Wie cool«, sagte Marek ernsthaft. »Worum sollte es in dem Interview gehen? Oder geht mich das nichts an?«

»Genau«, sagte ich kühl – konnte er nicht einfach aufhören zu bohren? Ich machte noch einen Versuch, ihn zu umrunden. Wieder stellte er sich mir in den Weg. Jetzt wurde ich allmählich ärgerlich. »Sag mal, was soll das? Lass mich in Ruhe!«

»Ich wollte dir noch was sagen«, meinte Marek. Ich blieb stehen und blickte ihn misstrauisch an. Seine Stimme klang anders, und sein Blick hatte sich verändert, aber ich konnte nicht darin lesen.

»Was denn?«

»Danke«, sagte Marek leise.

Dann drehte er sich um und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Nachdenklich machte ich mich auf den Weg ins Alpha-Gebäude. Dieser Typ hatte etwas an sich, das mir unter die Haut ging, es war besser, wenn ich in Zukunft einen Bogen um ihn machte. Er kam mir zu nahe. Viel zu nahe, und ich war nicht sicher, ob ich das im Moment wollte und ertragen konnte.

Praktischerweise hatten wir heute eine Freistunde, die würde ich nutzen, um Deborah zu befragen. Ich fand sie im Glaspavillon – sie saß mit zwei anderen Mädchen aus unserer Stufe auf dem bunten Sofa und quatschte. Sie gestikulierte mit den Händen dabei, als versuche sie sich in Taubstummensprache zu verständigen – anscheinend erzählte sie irgendeine spannende Geschichte. Hoffentlich kam noch eine Gelegenheit, unter vier Augen mit ihr zu sprechen. Ich sagte Hallo, setzte mich dazu und wartete ab, ob ich sie noch irgendwie alleine erwischen könnte. Doch die drei dachten gar nicht daran, sich zu trennen. Meine Chance kam erst, als Deborah aufs Klo zusteuerte. Ich heftete mich an Deborahs Fersen, ging kurz in eine Kabine und stellte mich dann beim Händewaschen neben sie. »Sag mal«, fragte ich beiläufig. »Du warst doch am letzten Freitag mit Antonia in der Cafeteria, oder?«

Deborah warf mir einen misstrauischen Blick zu. »Ja und?«

»Na ja, ich meine nur, worüber habt ihr eigentlich geredet? Es war immerhin ihr letzter Tag und so …«

»Wir haben über die Schule geredet«, sagte Deborah knapp. »Sie wollte ein gemeinsames Referat mit mir machen.«

Das überraschte mich. »Ein gemeinsames Referat? Worüber denn?«

»Weiß ich nicht mehr. Ist doch jetzt auch unwichtig, oder?« Deborah rieb sich energisch die Hände trocken.

»Und was hat sie gegessen oder getrunken? Es kommt ja vor, dass Leute eine Nahrungsmittelallergie haben und dann tot umfallen, weil in ihrem Essen Spuren von Erdnüssen waren oder so was …«

Deborah sah mich an, als sei ich eine gefährliche Irre. »Soweit ich weiß, hatte Antonia nur eine Allergie gegen Katzenhaare. Und in der Cafeteria waren an diesem Tag gerade keine Katzen. Da bin ich mir ziemlich sicher.«

Puh. Das war schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte. »Weißt du noch, was sie getrunken hat?«

»Eine Cola, glaube ich«, sagte Deborah irritiert. »Und nein, sie hat nichts gegessen. Noch was?«

Ich erinnerte mich daran, was Grigorij so alles gesagt hatte. »Ist sie mal kurz rausgegangen zwischendurch?«

»Sag mal, was soll das eigentlich?« Deborah schlang sich die Tasche über die Schulter und blickte mich aus zusammengekniffenen Augen an. »Versuchst du jetzt im Alleingang ihren Tod aufzuklären oder so was?«

»Ich bin nur neugierig«, behauptete ich. »Kam dir sonst etwas komisch vor an Antonia an diesem Tag?«

Doch Deborah hatte sich schon abgewandt und ging aus dem Klo hinaus. Sie ließ mich einfach stehen. Ich versuchte nicht, sie einzuholen. Das hatte ich ganz schön verbockt! Viel rausbekommen hatte ich nicht, und jetzt war Deborah misstrauisch geworden. Ich hätte es ganz anders anfangen sollen, ich hätte … egal. War jetzt nicht mehr zu ändern.

Das mit Herrn Bogenstetter musste ich unbedingt geschickter angehen. Wenn er ein Verhältnis mit Antonia gehabt hatte … wo könnten sie sich getroffen haben? Bei ihm daheim? Nein, das wäre aufgefallen. Neustadt war schließlich nicht groß. Es war vermutlich reiner Zufall gewesen, dass mein Opa ihn in Begleitung gesichtet hatte. Vielleicht in der Schule, in irgendeinem leeren Klassenzimmer?

Also fragte ich unauffällig herum, ob und wann Herr Bogenstetter lange blieb und ob Antonia das manchmal auch getan hatte.

Faruk war es, der mir schließlich weiterhelfen konnte. Wir waren locker befreundet, seit wir mal in der siebten Klasse ein halbes Jahr lang nebeneinandergesessen hatten. Fast geschwisterlich hatten wir den Inhalt unserer Frühstücksboxen geteilt, wobei Faruk das meiste davon vertilgt hatte, er war ziemlich verfressen. Da Faruks Mutter schweres Rheuma hatte, war er von seinen resoluten älteren Schwestern erzogen worden, vielleicht war er deswegen nicht im Entferntesten ein Macho.

»Ja, klar, Bogi bleibt manchmal lange«, antwortete Faruk auf meine Frage. »Aber hey, das weißt du doch selber – die beiden waren oft am Nachmittag noch im Studio.«

Im Studio. Logisch. Wieso war ich nicht selbst darauf gekommen? Herr Bogenstetter hatte als Betreuungslehrer natürlich einen Schlüssel, dort hätte er mit Antonia allein sein können. Aber auch er konnte nicht verhindern, dass vom elektronischen Schloss erfasst wurde, wann er sich dort aufhielt. Soweit ich wusste, war jeder einzelne Schlüssel registriert.

Ich musste irgendwie an die Zugangsprotokolle herankommen. Die hatte vermutlich Herr Bölk, unser Hausmeister. Er verschanzte sich gewöhnlich in seiner Loge im Gebäude Beta und verkaufte dort in den Pausen Getränke und Süßigkeiten. Zwischendurch war er unterwegs, um kaputte Leuchtstoffröhren auszutauschen und Wasserhähne abzudichten; außerdem pflegte er liebevoll die fleischfressenden Pflanzen. Man wusste immer sofort, wo Herr Bölk sich gerade aufgehalten hatte – er benutzte ein herbes Herrenparfüm, und das gerne reichlich.

Ich fing ihn am Ende der ersten Pause ab und schenkte ihm mein strahlendstes Lächeln. »Herr Bölk, vielleicht können Sie mir weiterhelfen? Sie sind meine letzte Hoffnung!«

»Na, so was«, sagte er mit einem schüchternen Lächeln und kratzte sich an der Nase. »Womit kann ich dir denn helfen?«

»Ich habe letzte Woche meinen iPod im nec.tv-Raum liegen lassen«, phantasierte ich. »Und irgendjemand muss ihn mitgenommen haben. Könnte ich vielleicht mal einen Blick in die Zugangsprotokolle werfen? Dann komme ich bestimmt drauf, wer’s war.«

»Sei doch froh, dass du das blöde Ding los bist«, ereiferte sich Bölk. »Ich hab mal gelesen, es macht Ohrenkrebs, wenn man so was die ganze Zeit trägt. Kann dir den Artikel gerne mal raussuchen, wenn du willst. Das war vorletzte Woche drin, glaub ich, den hab ich bestimmt aufge…«

»Nein danke«, sagte ich höflich. »Aber wenn ich vielleicht die Protokolle …«

Bölk brummelte noch etwas darüber, dass er die Daten eigentlich nur auslesen dürfe, wenn Personalrat und Direktor zugestimmt hätten. Aber ich spürte, dass ich ihn schon fast weichgekocht hatte, und tatsächlich, fünf Minuten später gab er nach. Ich durfte ihm in seine Loge folgen, in der es nach Kaffee und Käsesemmeln roch, und einen Blick auf die Protokolle werfen. Schnell überflog ich nicht nur die Daten der letzten Woche, sondern auch die früheren. So etwa einmal die Woche war jemand abends in den nec.tv-Räumen gewesen, meist Bogenstetter, und kurz vor den Sendeterminen auch Nele. Aber war es wirklich Bogenstetter gewesen, der den Schlüssel benutzt hatte, oder hatte er ihn an einen seiner »Profis« wie Marek oder Yannic ausgeliehen?

Der Gong unterbrach mich. Aber ich hatte ohnehin genug gesehen.

»Tausend Dank«, sagte ich zu Bölk, hob den Kopf … und blickte direkt ins Gesicht von Martin Bogenstetter, der am Fenster der Loge stand und »Eine Apfelschorle, bitte«, sagte. Als er mich bemerkte, wirkte er misstrauisch.

Ich machte, dass ich davonkam.

Doch in der zweiten Pause wartete Bogenstetter vor dem Klassenzimmer auf mich. Auf seiner Stirn waren Gewitterwolken aufgezogen. »Ricarda, stimmt es, dass du mich ausspionierst?«

»Wie kommen Sie darauf?«, versuchte ich auszuweichen, aber ich ahnte schon, dass es sinnlos war.

Bogenstetters Blick wurde noch kühler. »Ich weiß, dass du dich über mich erkundigt hast. Und was genau soll es, dass dein Opa überall nach mir und einer blonden Frau fragt? Eine Nachbarin hat mich gerade angerufen. Hast du wirklich geglaubt, so was bekomme ich nicht mit?«

Mist, verdammter. Ich hatte vergessen, meinem Opa einzuschärfen, dass er das Ganze möglichst diskret durchziehen sollte. Das hatte ich jetzt davon. »Ich wollte nur …«

»Wenn jemand die Privatsphäre eines anderen Menschen nicht achtet, dann ist das nicht gerade gutes Benehmen – und es kann sogar strafbar sein«, sagte Bogenstetter kalt. »Nämlich dann, wenn es um Gerüchte geht, die jemand über andere in die Welt setzt. An deiner Stelle wäre ich sehr, sehr vorsichtig.«

Wahrscheinlich war ich blass geworden. Meine Haut kribbelte. Strafbar. Diesmal sagte ich nichts, er ließ mich sowieso nicht zu Wort kommen.

»Das war’s schon, was ich sagen wollte«, meinte er. »Du kannst gehen, Ricarda.«

Ich ging. Blicke folgten mir. Ziemlich viele Blicke.

Und irgendwie wusste es noch am gleichen Tag die ganze Schule.

»Na, Ricky, spielst du immer noch Detektiv?«, erkundigte sich ein Junge, den ich flüchtig kannte. Der Unterton in seiner Stimme gefiel mir gar nicht, deshalb tat ich so, als hätte ich es nicht gehört. Doch fünf Minuten später begrüßten mich ein paar Leute aus meiner Klasse spöttisch mit »Hey, da kommt die Ermittlerin!«.

Ich zwang mich zu einem Grinsen, aber es wirkte nicht selbstironisch, sondern so unecht, dass niemand darauf hereinfiel. »Muss noch ein paar Bücher aus meinem Schließfach holen«, sagte ich schließlich und verzog mich.

Doch bei den Schließfächern lungerte Deborah herum. »Na, hat Bogenstetter dich einen Kopf kürzer gemacht?«

»Eher zwei Köpfe«, brummte ich.

»Tja, das war doch irgendwie klar, oder? Hätte ich an seiner Stelle auch gemacht.«

»Danke für dein Mitgefühl«, gab ich mit einem angesüßten Lächeln zurück, schloss mein Fach wieder ab und ging.

Ich hatte gedacht, dass es jetzt eigentlich nicht mehr schlimmer kommen konnte. So kann man sich täuschen.

Wie üblich wartete Kriss schon an unserem Treffpunkt auf mich, damit wir zusammen zum Klassenzimmer gehen konnten. Doch sie wirkte seltsam zurückhaltend. »Stimmt es wirklich, dass du denkst, hier sei ein Verbrechen geschehen?«, flüsterte sie. »Kann’s sein, dass du jetzt komplett durchgedreht bist?«

Na wunderbar! Sogar meine beste Freundin hielt mich für verrückt. »Wieso?«, gab ich trotzig zurück.

»Ricky, die Polizei hat zweifelsfrei festgestellt, dass Antonia nicht getötet wurde.«

Ich erzählte Kriss von den Libellenflügeln, von dem, was Antonia über Engel gesagt hatte, und von der frischen Wunde an ihrer Hand, von der mir niemand hatte sagen können, wo sie die hergehabt hatte. »Kommt dir das alles nicht auch verdächtig vor?«

Kriss zuckte die Schultern. »Na, die Wunde hatte sie, weil sie mit dem Fahrrad gestürzt ist, ich war dabei. Hab ich schon der Polizei erzählt.«

»Oh.« Das hatte ich nicht gewusst. Wie peinlich.

»Das mit den Libellen … na ja, ich weiß nicht. Am Schulbiotop gibt es so viele von denen, und wenn sich eine ins Gebäude verirrt …«

»Du hilfst mir also nicht?«, unterbrach ich Kriss.

Sie wirkte verdutzt. Auf diese Idee, dass ich bei den Nachforschungen Hilfe gebrauchen könnte, war sie offensichtlich nicht gekommen. »Na ja, weißt du, Ricky … manche Leute sehen überall Verschwörungen, aber zu denen gehör ich nicht so unbedingt …«

»Ich doch auch nicht – die Amerikaner waren wirklich auf dem Mond, keine Frage«, rechtfertigte ich mich ein bisschen beleidigt. »Hey, du kennst mich doch! Ich lese nicht mal Krimis.«

»Weiß ich«, sagte Kriss und seufzte. »Und ich war genauso geschockt wie du darüber, dass Antonia so plötzlich gestorben ist, aber …«

»Also nicht«, sagte ich hart und versuchte gar nicht erst zu verstecken, wie enttäuscht ich war. »Ich muss jetzt gehen. Der Unterricht fängt an. Ciao. Man sieht sich.«

Während der Stunde sahen Kriss und ich uns kein einziges Mal an.

In der nächsten Pause ging ich nicht auf den Schulhof, sondern hinter das Gebäude und setzte mich an den von Wasserlinsen grün überwucherten Teich. Es roch brackig, nach Schlamm und feuchter Erde. Schattenkühl war es hier, wo die Sonnenstrahlen nicht hinreichten, und meine Jeans bekam Flecken, aber das war mir egal. Ich legte den Kopf auf die Arme und merkte, dass ich müde war. Müde bis auf die Knochen. Seit Antonia tot war, hatte ich nicht mehr richtig geschlafen. Hatte Kriss recht, war ich verrückt? Konnte schon sein. Es fiel mir schwer, irgendetwas zu planen, in meinem Kopf schmolzen die Gedanken ineinander wie Brennstäbe bei einer Reaktorkatastrophe.

Als der Schulgong ertönte, stand ich ganz langsam auf, um zurückzugehen. Und in diesem Moment sah ich sie. Unsere Englischlehrerin Frau Hoferding und den Kommissar von der Kripo Coburg. Dietze. Sie unterhielten sich und gingen dabei langsam um das Schulgebäude herum.

Mein Herz begann hart und schnell zu schlagen. Da war sie, meine Chance – ich musste ihm das mit den Libellenflügeln sagen, besser spät als nie! Vielleicht überlegte es sich die Polizei dann noch einmal, ob sie die Ermittlungen einstellte.

Ich stand auf und ging auf Dietze zu.

 

 

Als die beiden mich bemerkten, verstummten sie. Frau Hoferding sah mich erstaunt an, Dietze eher abwartend. Erinnerte er sich überhaupt an mich?

Frau Hoferding wirkte etwas unruhig, sie blickte auf die Uhr. »Ich muss leider wieder zum Unterricht. Falls es noch etwas gibt, Herr Dietze …«

»Dann rufe ich Sie an«, sagte Dietze und reichte ihr die Hand. »Vielen Dank schon mal.« Einen Moment lang blickte er ihr nach, dann wandte er sich mir zu, und ein scharfer, forschender Blick traf mich. »Ricarda Mayer, richtig?«

»Richtig«, sagte ich, plötzlich verlegen.

»Wenn du etwas zu sagen hast, dann spuck’s aus, denn so wie ich das verstanden habe, geht der Unterricht weiter«, sagte Dietze. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

Also spuckte ich es aus. Ich erzählte von den Libellenflügeln, denen ich im Zusammenhang mit Antonia immer wieder begegnet war. Dietze lauschte, ohne mich zu unterbrechen. »Hm«, sagte er. »Das sehe ich mir einfach mal an.«

Zusammen umrundeten wir die Schule, bis wir zur Gedenkstätte für Antonia kamen. Dietze fotografierte sie von allen Seiten, dann räumte er sich vorsichtig einen Weg frei durch Blumen, Kerzen und Plüschtiere. Ich sah zu, wie er sich vor das Foto hockte und das Bild genau musterte, ohne es zu berühren. Dann stand er wieder auf und schüttelte den Kopf. »Nichts«, sagte er. »Bist du sicher, dass du den Flügel hier gesehen hast?«

Weg? Wieso das? Wie konnte das sein? »Ja«, sagte ich verwirrt. »Ganz sicher! Gestern war das Ding noch da, es klebte dort, am unteren Rand. Vielleicht ist es abgefallen oder weggeweht worden?«

Dietze suchte noch einmal alles ab, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, hier ist nichts. Was ist mit den anderen Flügeln? Hast du einen davon aufbewahrt?«

»Leider nicht«, sagte ich und kam mir unglaublich dämlich vor. »Den einen habe ich auf den Glaskasten mit den fleischfressenden Pflanzen gelegt …«

Aber auch dort war nichts zu finden.

»Hast du jemandem davon erzählt?«, fragte der Kommissar.

Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. »Ich dachte erst, dass es nichts zu bedeuten hat. Sie waren so unscheinbar … die Flügel, meine ich. Erst als so ein Ding auch hier am Foto aufgetaucht ist …«

Dietze blickte mich schweigend mit zusammengekniffenen Augen an.

Ich sagte: »Irgendjemand hat die Flügel wieder mitgenommen, schätze ich.« Doch ich merkte selbst, dass es albern klang. Es hatte keinen Sinn, weiter darauf herumzureiten. »Haben Sie eigentlich mal Herrn Bogenstetter überprüft? Mit dem hatte Antonia bei nec.tv viel zu tun … und sie stand auf ältere Typen. Ich habe versucht herauszufinden, wer an den Abenden im Studio war, und …«

»Ricarda«, sagte Dietze, jetzt klang er weniger freundlich. »Wir sind immer dankbar für Hinweise, aber wir legen keinen Wert darauf, dass jemand unsere Arbeit übernimmt.«

Ich biss mir auf die Lippe. »Es ist nur … irgendwie habe ich ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache.«

»Am besten wäre, du redest mal mit eurer Schulpsychologin darüber«, sagte Dietze. »Habt ihr keine psychologische Betreuung bekommen?« Sein Handy gab einen Summton von sich, und er zog es hervor, beachtete mich nicht mehr.

Das war einfach zu viel an diesem Tag. Plötzlich war meine Stimme laut, viel zu laut. »Ich bin erst siebzehn, klar, ihr braucht mich nicht ernst zu nehmen, aber was ist, wenn es doch Mord war? Das gibt’s! Scheiße, das gibt’s sogar öfter, als man denkt …«

»Ach, wirklich?«, sagte Dietze sarkastisch, jetzt wieder aufmerksam. »Hin und wieder haben wir tatsächlich damit zu tun. Aber es ist eher selten, dass Schülerinnen und ihre Ahnungen eine große Rolle bei der Aufklärung spielen. Auch wenn sie glauben, etwas von Mord zu verstehen.«

Er weiß Bescheid. Es ist ihm wieder eingefallen, jetzt weiß er wieder, aus was für einer Familie ich komme. Plötzlich war mir kalt. Aber nur kurz, die Wut wärmte mich von innen wie ein Höllenfeuer. »Ich verstehe nichts von Mord, ich finde es nur bescheuert, wenn Sie Hinweise missachten!«

Jetzt wurde auch er wütend, ich merkte es. »Ach, du meinst die Hinweise, die leider nicht mehr da sind und die keiner außer dir gesehen hat? Tut mir leid, aber für einen solchen Blödsinn habe ich keine Zeit.« Dietze wandte sich zum Gehen.

Das Wort »Arschloch!« lag mir auf der Zunge, und es kostete mich jede Menge Kraft, es dort zu lassen. Erst ein paar Minuten später, als Dietze weg war, brüllte ich es heraus.

Leider gerade in dem Moment, in dem unser Schuldirektor um die Ecke kam.

Nach dem Unterricht war Redaktionssitzung in der Bibliothek, so wie an jedem Donnerstag. Was wohl passiert wäre, wenn ich nicht hingegangen wäre? Aber ich tat es, obwohl ich mich fühlte wie ein Zombie, der gerade aus einem Grab hervorgekrochen war. Obwohl die verdammte Sitzung diesen schrecklichen Tag eigentlich nur schlimmer machen konnte. Keine Ahnung, warum ich hinging. Vielleicht aus purem Trotz. Noch war ich nicht ganz am Ende, und das konnten die anderen ruhig sehen!

Sie waren alle schon da, als ich hereinkam und mich an den großen Konferenztisch setzte. Herr Bogenstetter ignorierte mich völlig, Deborah grinste schadenfroh, aber immerhin grüßten mich Marek, Celine und unser Mediencoach Nele. Ich setzte mich an den Besprechungstisch, verschränkte die Arme und beschloss, nicht mehr zu sagen als absolut nötig.

Erst mal ging es um die Sondersendung zum Thema ungewöhnliche Berufe – bei der hatte ich bisher nicht sehr intensiv mitgewirkt, weil ich mich auf mein Taekwondo-Training und das Lernen für diverse Klausuren konzentriert hatte. Herr Bogenstetter wandte sich an Celine und Yannic. »Wie weit seid ihr mit dem Beitrag über diesen Designer?«

»Muss nur noch geschnitten werden, aber ich weiß nicht, ob ich nächste Woche dazu komme«, brummte Yannic und nippte an seinem Energydrink. Eine Wirkung schien der nicht zu haben, Yannic wirkte genauso verpennt wie sonst. Mir war nicht ganz klar, ob er seine mausig-braunen Haare absichtlich verwuschelte oder einfach nach dem Aufstehen zu kämmen vergaß.

»Wir haben einen Interviewtermin mit einem Social Media Consultant gekriegt«, berichtete Deborah. »Wer kann Kamera machen?«

Ich wartete darauf, dass Marek sich melden würde, aber er blieb genauso stumm wie ich, und so sagte Nele: »Ich fahre dich und filme, okay?«

Erst als es um ganz neue Themen ging, ergriff Marek das Wort. »Wie wäre es mit einer Art Memorial über Antonia?«, meinte er. »Wie hat sie gelebt, wofür hat sie sich interessiert, was hat ihre Familie zu sagen und so weiter?«

»Absolut«, sagte Bogenstetter. »Absolut! Dafür verschieben wir irgendeinen anderen Beitrag.«

»Coole Idee, dieses Memorial, das könnte ich …«, begann Deborah, aber Marek schnitt ihr einfach das Wort ab. »Ich mache das. Zusammen mit Ricky. Alles schon abgesprochen.«

Verblüfft blickte ich ihn an. Alles schon abgesprochen? Mit wem genau?

»Geht das in Ordnung, Ricky?«, fragte Herr Bogenstetter.

Es fühlte sich an, als klebten meine Lippen zusammen. Aber irgendwie zog ich sie auseinander und quetschte ein »Ja« heraus.

Nele wandte sich wieder an Marek. »Schafft ihr es bis zum Redaktionsschluss? Der ist schon in einer Woche.«

»Locker«, versicherte er und strich sich durch die azurblauen Haare, ohne mich noch einmal anzusehen. Nele besprach mit ihm, welche tragbare Kamera er am besten nehmen und wie lang der Beitrag sein sollte. Niemand fragte mich etwas, es war, als sei ich gar nicht da. Unsichtbar. Das war seltsamerweise schlimmer, als von unserem Direktor wegen der Benutzung widerlicher Schimpfworte heruntergeputzt zu werden. Obwohl ich dabei zu einem Nachmittag Helfen bei der Hausaufgabenbetreuung verdonnert worden war. Ich hatte mehr erwartet, aber wahrscheinlich galt ich noch als traumatisiert. Mal sehen, wie lange dieser Bonus vorhielt.

»Ich hätte noch einen Themenvorschlag – Jugendliche im Gefängnis«, sagte Herr Bogenstetter schließlich. Diesen Mist hatte ich schon fast vergessen. Wir stimmten ab. Herr Bogenstetter, Nele und Celine waren dafür. Ohne mich anzusehen, hob Marek die Hand, als nach Stimmen dagegen gefragt wurde. Auch ich meldete mich. Jetzt blieb nur noch Deborah; sie wirkte unentschlossen. Ich sah sie absichtlich nicht mehr an und starrte betont gleichgültig aus dem Fenster. Sie durfte auf keinen Fall den Eindruck bekommen, dass mir das Thema irgendwie unangenehm war, sonst stimmte sie dafür.

»Also, was ist?«, hörte ich Nele sagen. »Deborah?«

»Ich weiß nicht so recht«, sagte sie. »Ich enthalte mich. Mit dem Thema kann ich ehrlich gesagt nichts anfangen.«

Damit stand es immer noch drei zu zwei. Ich fühlte mich hilflos. Es war meine Privatsphäre, um die es hier ging, und ich konnte mich mit keinem Wort wehren. Wenn das mit meiner Mutter und mir doch noch irgendwie herauskam, dann war alles aus, dann konnte ich auch gleich die Schule wechseln.

»Wir sollten nur Themen anpacken, die wir wirklich alle gut finden«, sagte Bogenstetter, er klang ein bisschen enttäuscht. »Na gut. Wenn ihr noch andere Vorschläge habt, dann bringt sie nächstes Mal bitte mit.«

Dann gingen wir alle nach Hause. Celine drückte mich zum Abschied und flüsterte mir zu: »Wenn du reden willst, ruf mich an, okay? Ich weiß, dass es dir beschissen geht.«

Ich widersprach nicht und erwiderte ihre Umarmung einfach. Wie gut das tat, es gab also doch noch Leute, die zu mir hielten.

Wie durch Zufall gingen Marek und ich nebeneinander nach draußen zu den Fahrradständern. Wir sprachen kein Wort, bis die anderen sich zerstreut hatten und außer Sicht waren. Dann erst sagte ich: »Warum hast du das gemacht?«

»Was?« Marek schien vollauf damit beschäftigt, sein Rad aufzuschließen.

»Das gesagt.«

Marek richtete sich auf, und einen Moment schauten wir uns geradewegs in die Augen. Mir fiel auf, dass seine fast die gleiche Farbe hatten wie seine Haare. »Weil ich glaube, dass du recht hast«, sagte er knapp. »Du hast dich nur ziemlich dämlich angestellt bisher. Vielleicht klappt’s besser, wenn wir’s zusammen machen. Ich ruf dich an, okay?« Er schwang sich auf sein silbernes Trekkingrad.

»Habe ich eigentlich gesagt, dass ich Hilfe will?«, schrie ich ihm hinterher.

»Nö«, hörte ich ihn noch antworten.

Dann bog er von den Parkplätzen ab und war verschwunden.

Als ich heimkam, hatte mein Opa Neuigkeiten. »Diese blonde Frau, das ist Bogenstetters Nichte aus Nürnberg, die war ein paarmal zu Besuch«, erzählte er fröhlich, anscheinend hatte es ihm Spaß gemacht, Detektiv zu spielen.

»Danke, Opa«, sagte ich müde.

Als später am Tag mein Handy klingelte, sah ich an der Nummer, dass es Marek war. »Wir haben einen Termin heute um 16 Uhr. Kannst du?«

Ich blickte auf die Uhr. Der Termin war schon in einer Stunde. »Ja«, sagte ich einfach.

»Also bis dann«, erwiderte er. »Die Kreislers haben ein Haus in der Nähe der Gaststätte Grüntal.« Er gab mir die Adresse und legte auf. Es war das kürzeste Telefongespräch, das ich seit Jahren geführt hatte.

Das Haus war eine Art Villa direkt am Wald; das, was ich zuerst für das eigentliche Haus gehalten hatte, stellte sich schließlich als die Doppelgarage heraus. Ich war ein bisschen zu spät dran, und als ich mit dem Rad eintraf, war Dorians alter schwarzer Golf schon vor Ort und Marek war dabei, die Kamera und ein Stativ aus dem Kofferraum zu wuchten. Normalerweise war bei Außendrehs immer ein Betreuungslehrer dabei, auch um die Fahrerei zu übernehmen. Doch wir aus der Zwölften, die sowohl Fernseherfahrung als auch ein Transportmittel hatten, durften alleine losziehen. Marek war etwas älter als ich und hatte anscheinend schon den Führerschein.

Zur Begrüßung grinste Marek flüchtig, dann sah er sich das Domizil der Kreislers an. »Hm. Wahrscheinlich können die beiden den ganzen Tag durchs Haus laufen, ohne sich zu begegnen.«

Über Katja Brandis

Biografie

Katja Brandis wurde 1970 geboren, wuchs im Rhein-Main-Gebiet auf und studierte Amerikanistik, Germanistik und Anglistik. Bereits als Jugendliche produzierte sie stapelweise Manuskripte und publiziert seit 2002 erfolgreich Bücher für Jugendliche und junge Erwachsene. Heute lebt sie mit ihrem Mann,...

Pressestimmen

Märkische Allgemeine

»Welche Bedeutung haben die Libellenflügel, die seit Antonias Tod immer wieder auftauchen? Ricky muss das herausfinden - und das zu lesen, ist eine sehr spannende Angelegenheit.«

B.Z. am Sonntag

»Katja Brandis kreiert mit ihrem Jugendroman ein Universum aus Angst, Liebe und Sehnsucht. Packend und angenehm unblutig.«

Lesemaniac.de

»"Libellenfänger" ist ein gut durchdachter und spannender Jugendthriller, der auch interessierte erwachsene Leser ansprechen dürfte.«

BücherPICK

»Ein Thriller für junge Erwachsene, der bis zur letzten Seite fesselt.«

Eselsohr

»Ein guter Schmöker/Thriller für lange Winterabende, der sich sehr gut wegliest.«

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