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Lecko mio

Helge Timmerberg
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Siebzig werden

„Ein ziemlich offenherziges Buch übers Alter.“ - Luzerner Zeitung

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Lecko mio — Inhalt

„Timmerberg ist ein ewiger Hippie, aber ein guter, einer mit Humor.“ Literatur Spiegel

Ist die Tugendhaftigkeit des sinkenden Testosteronspiegels das natürliche Ende aller Laster? Oder geht es danach noch irgendwie weiter mit dem Spaß – am Leben, am Reisen, am Rauchen? Ist die Lebenserfahrung eines Siebzigjährigen Weisheit oder nur die Summe aller Fehler? Will er Respekt oder Mitleid, Ehre oder Shitstorm, Bier oder Marihuana?

Wie viele Wracks verrotten am Strand der gestrandeten Träume, wie viel kostet ein Altersheim in Thailand, und was ist mit Bauch, Beine, Po?

Auch Schicksalsfragen stellen sich, wenn der einzige Zahnarzt, dem man vertraut, plötzlich im Himmel ordiniert. Tut sich dann auf Erden die Hölle auf? Helge Timmerberg feiert Geburtstag und schenkt sich selbst und uns allen ein Buch zum Thema „Siebzig“.

„Fast siebzig Sommer liegen hinter mir, und wenn dieser hier der letzte wär, was würde ich dann tun? Ohne akute Schmerzen zum Zahnarzt gehen? Nein. Das Buch weiterschreiben? Ja. Aber nur zum Spaß. Und was ist mit der Zukunft und all ihren Belangen? Geld, Gesundheit, Beziehungsstatus? Würde ich in meinem letzten Sommer noch heiraten? Warum nicht, wenns keine Umstände macht. Kinder zeugen? Auch das, wenns noch klappt. Muss aber nicht sein, wirklich nicht. Es ist interessant zu beobachten, was passiert, wenn man die Gedanken an morgen nicht mehr akzeptiert.“ Helge Timmerberg

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 27.01.2022
192 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05823-0
Download Cover
€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 27.04.2023
192 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31945-4
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.01.2022
192 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60047-7
Download Cover

Leseprobe zu „Lecko mio“

1. Kapitel

Bauch, Beine, Po

Ich hatte mal einen Bauch in Afrika. Aber auch in Asien, den USA und Lateinamerika schleppte ich ihn wie einen Rucksack mit, nur halt nicht abschnallbar. Obwohl er nicht weniger wog. Zwanzig Kilo zu viel, was ästhetisch noch vertretbar ist, wenn sich das Fett gleichmäßig am ganzen Körper dicke macht. Aber das tat es nicht. Es konzentrierte sich nur auf meine Mitte. Wie ein Wasserball mit Bauchnabel sah es aus. Oder wie schwanger im neunten Monat. Doch nie kam ein Kind heraus, wer hätte das gedacht?

Frauen lügen übrigens wie [...]

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1. Kapitel

Bauch, Beine, Po

Ich hatte mal einen Bauch in Afrika. Aber auch in Asien, den USA und Lateinamerika schleppte ich ihn wie einen Rucksack mit, nur halt nicht abschnallbar. Obwohl er nicht weniger wog. Zwanzig Kilo zu viel, was ästhetisch noch vertretbar ist, wenn sich das Fett gleichmäßig am ganzen Körper dicke macht. Aber das tat es nicht. Es konzentrierte sich nur auf meine Mitte. Wie ein Wasserball mit Bauchnabel sah es aus. Oder wie schwanger im neunten Monat. Doch nie kam ein Kind heraus, wer hätte das gedacht?

Frauen lügen übrigens wie gedruckt, wenn sie sagen, das Aussehen eines Mannes interessiert sie nicht. Seine Persönlichkeit sei für sie das Ding, seine Intelligenz, sein Humor. Es mag ja sein, dass ihnen ein Dicker, der sie zum Lachen bringt, lieber ist als ein dünner Trauerkloß. Aber nicht im Bett. Denn da lacht man nicht. Und wozu brauchen Orgasmen einen IQ? Auch der stört da nur. Je höher der IQ, desto komplizierter pudert er. Früher hätte ich „fickt er“ geschrieben, aber mit siebzig liegt mir die Wiener Mundart mehr. Pudern und Charisma? Nun ja …

Ich hatte mal einen Bauch im Himalaja. Ein Wandermönch, der ihn im Vorbeiwandern sah, riet mir zu einem Fastentag pro Woche. Ich erschrak. Aber so schlimm war es nicht. Ich durfte zwar nichts essen, aber so viel Wasser trinken, wie ich wollte, und das nahm mir das Hungergefühl. Kaffee und Zigaretten waren auch erlaubt, Sex keineswegs. Ich praktizierte das viele Jahre lang, und es half mir mental und spirituell, aber dem Bauch half es eigentlich nicht. Immer schien er mir am nächsten Tag ein bisschen kleiner zu sein und am darauffolgenden wieder ein bisschen größer. War das der Jo-Yogi-Effekt? Trotzdem gewöhnte ich mich an die Diät, wegen der klaren Gedanken und des klaren Urins. Ein Tag der Reinigung, ein Tag der Willensstärke, ein Tag für den Buddha-Bauch. In den restlichen sechs Tagen aß ich, was ich wollte, bis hin zum griechischen Joghurt. Zehn Prozent Fett, fünfzehn Prozent, ich fand sogar mal einen mit zwanzig Prozent. Der Joghurt-Zeitgeist schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und ich erklärte ihm mein System. Nur einmal am Tag und nur ein bisschen. Lieber wenig, aber voll im Geschmack, als viel von der vollen Geschmacklosigkeit. Das System hatte zwei Sollbruchstellen. Die erste war die neurologische. Sobald ich einen Löffel Griechenjoghurt intus hatte, wollte irgendeine Fehlschaltung in meinem Gehirn den nächsten, und ab dem dritten Löffel brachen alle Schranken. Auch setzten große Teile des Bewusstseins aus. Und die Erinnerung, was da geschehen war, vom dritten bis zum letzten Löffel, war dann ebenfalls einfach weg. Die zweite Sollbruchstelle meines „Ich kann mit Griechenjoghurt umgehen“-Systems lauerte im Supermarkt. Ich kaufte ihn natürlich in der kostensparenden Großpackung, das sind diese kleinen Eimerchen.

Ich hatte mal einen Bauch in Berlin. Und nahm ihn mit auf die Bühne. Da greift natürlich die Routine. Das superweite Hemd über der Hose machte mich zwar noch nicht zu einem heimlichen Dicken, aber wenn man schnell an den Lesetisch kommt, und das geht fast immer, wird der Bühnenbauch von einem schwarzen Tuch verdeckt, das von der äußeren Tischkante bis zum Boden fallen muss. Das verlangt mein Agent von den Veranstaltern. Aber auch dieses System hatte zwei Sollbruchstellen. Die erste: Schauspieler wären gerne Schriftsteller, und die wären gerne Rockstars. Und weil sich Schriftsteller anscheinend alles erlauben können, singen sie auch manchmal. Außerdem: Der Gürtel ist der Feind des Atems, und die Hosenknöpfe sind die Verbündeten des Gürtels. Meine Lesungen sind eher lang, und irgendwann war da unten alles sperrangelweit offen, aber dem schwarzen Tuch sei Dank blieb das schön im Verborgenen, ich hätte onanieren können, und niemand hätte was gesehen. Erst als ich zur Gitarre greifen wollte, die ein bisschen abseits stand, musste ich aufstehen. Und die offene Hose hatte ich im Leserausch glatt vergessen. Was singt man da? „I’m too sexy for my underwear“ oder doch nur „No woman, no cry“?

Ich hatte mal einen Bauch in St. Gallen und schleppte ihn wie einen Bierkasten die Treppen hoch. Die Treppen haben hundertdreiundsechzig Stufen, denn sie führen von der Altstadt zum Rosenberg hinauf, wo ich wohne. Ich hätte auch auf richtigen Straßen mit dem Auto fahren können oder mit dem Bus, aber ich hatte das treppenverseuchte „Dohlengässlein“ zu meinem Fitness-Parcours erklärt. Mit zwanzig Kilo im Bauch und zweimal fünf Kilo in Einkaufstüten quälte ich mich täglich über hundertdreiundsechzig Stufen. Ein schöner Leidensweg, gesäumt von den Gärten hundertjähriger Jugendstilvillen und großen Bäumen, die ihr Blattwerk wie ein Dach über den Parcours legen. Vögel zwitschern im Dohlengässlein, Kinder spielen hinter den Büschen, und die Katzen zeigen, wo der Hammer hängt, wenn es um Stufen geht.

Ich war mittlerweile Realist. Ich arbeitete nicht mehr gegen den Bauch, sondern für ihn. Ich brauchte eine bessere Kondition, um ihn zu tragen. Das Dohlengässlein ohne Pausen zu schaffen, darum ging es zuerst. Dann darum, mich nicht mehr beim Treppensteigen am Geländer abzustützen. Und immer ging es um eine malerische Bank vor den letzten dreiunddreißig Stufen. Sie war vom Teufel da hingestellt.

Ein Freund, ein guter Freund, also das Wichtigste auf der Welt, gesellte sich eines Tages zu mir auf die Teufelsbank. Ich hatte ihn seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Vorher war er dick, jetzt nicht mehr. „8/16“, sagte er. „Unheimlich einfach, total effektiv. Acht Stunden darfst du alles essen, sechzehn Stunden nichts. Und die Hälfte von den sechzehn Stunden schläfst du. Nennt sich Intervallfasten, das machen grad alle, von Jennifer Lopez bis Jesus Christus.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“

Seitdem verlor der Teufel im Dohlengässlein sein Spiel. Aber auch der Teufel im Kühlschrank, und wenn in den kalten Jahreszeiten der Teufel als Scheißwetter daherkam, verlor er auch. 8/16 nahm mir nicht nur den Bauch, auch meine Routinekrankheiten in den kalten Jahreszeiten mussten abdanken. Zwei, drei fette Erkältungen bis hin zur Bronchitis gehörten zu meinen Wintern wie das Loch zu meinem Hintern, dazu meldete sich ganzjährig der Magen immer mal wieder schwer verstimmt. Auch damit ist es vorbei, weil Wissenschaft und Wille sich paarten. Wie heißt sie gleich? Endokrinologie. Die Lehre von Drüsen und Hormonen hat festgestellt, dass sich der Körper nach sechzehn Stunden Fasten zu ängstigen beginnt. Wird er verhungern? Wie immer und überall besteht auch bei ihm die Lösung darin, Überflüssiges abzubauen. Schlechte Zellen werden eingeschmolzen und aus ihren Bestandteilen neue geschaffen. Recycling ist ein relativ modernes Wort, aber das Prinzip ist so uralt wie die Evolution. Sie kümmert sich um die Ihren. Neue Zellen, das heißt neue Abwehrkräfte, heißt tipptopp Immunsystem, heißt Verlangsamung des Altersprozesses, gesund und länger jung, was will man mehr, ach ja, der Kernauftrag der Diät. Aber der Bauch gehört zu einer anderen Fakultät. Die Ernährungswissenschaft ist hier gefragt, die besagt, dass der Körper zwölf Stunden braucht, um die letzte Kalorienzufuhr vollständig abzubauen. Erst dann beginnt er auf die Fettreserven zurückzugreifen. Bei 8/16 tut er das zwar nur vier Stunden lang, aber das jeden Tag.

So viel zur Wissenschaft, nun muss der Wille ran. Aber weniger als befürchtet. 8/16 hats mir leicht gemacht. Es passte sich perfekt meinem Lebensstil an. Ich lebe gern, wenn das Gute schläft und das Böse wacht, und damit mir die Nacht nicht durch Hunger versaut wird, nahm ich die letzte Mahlzeit erst um 22 Uhr zu mir. Das hielt mich vier bis sechs Stunden satt, und gehungert habe ich dann im Schlaf. Frühstücken durfte ich zwar am nächsten Tag erst wieder um 14 Uhr, aber wo ist das Problem, wenn man nicht vor Mittag aufwacht? Ich sehe keins. Nur eins. Man nennt es den Kiffer-Fresstrip. Er ist nicht hungergesteuert, dem gehts um was anderes. Um Liebe, Lust, und Leidenschaft via Geschmackssinn. Haschisch ist die klassische Einstiegsdroge für Ritter Sport Vollmilch-Trauben-Nuss, aber auch für späte Käsebrote und Studentenfutter. Darauf zu verzichten war der einzige Verdruss in den 8/16-Nächten. Dem zu widerstehen dagegen war ein triumphales Gefühl in kleinen Schritten. Um es kurz zu machen: Ich bin ein Schreiber. Ich arbeite mit Worten, und es gibt durchaus welche, die ich nicht mag – nur ich, andere mögen sie. Und das gilt auch für abgegriffene Sprachbilder, es sei denn, ich kann spielerisch mit ihnen umgehen und sie für andere Themenfelder nutzen als gewohnt. Das „Die Pfunde purzeln“, zum Beispiel, mag ich nicht, wenn es um Diäten geht, aber ginge es um einen plötzlich verarmten Briten, fände ich „Die Pfunde purzeln“ richtig witzig. Doch seis drum. Die Pfunde purzelten, die Spiegel verloren ihren Schrecken, schon nach zwei Monaten hatte ich mit 8/16 meinen Bauch fast und nach drei Monaten gänzlich verloren, und das fühlte sich im Dohlengässlein halt wie Treppensteigen ohne einen vollen Bierkasten an.

Ich hatte mal keinen Bauch im Jeansshop und kaufte eine Lewis 501 in den Maßen 32/34. Ich schlüpfte in die Hose wie in ein Roadmovie der guten Jahre, in denen es darum ging, auf fahrende Busse aufzuspringen, auf fahrende Züge, auf fahrende Frauen, aber auch auf Beifahrerinnen, also quasi auf alles, was fährt, damit es weitergeht, aber ich hatte auch mal keinen Arsch im Jeansshop, und damit riss der Film a bisserl. Das ist der Nachteil der Diät. Sie frisst nicht nur den Bauch, auch der Po schmeckt ihr, und was von ihm noch da ist, das hängt in Falten. Und was sagt die Verkäuferin dazu? Abhängen sollst du unter Palmen, aber nicht in der 501. Da wäre die Lewis 511 zu empfehlen. Nur die macht Knackärsche, wenn keine Knackärsche da sind. Das stimmt, aber ich darf mich natürlich auch fragen, welche Signale ich damit aussenden will. Die Botschaft der 511 ist „Fake Arsch“. Und der echt stramme Po macht mich auch nicht wirklich froh, denn was für Signale sind das? Ich war mal eine Zeit lang viel im Zoo. Stichwort: Pavianärsche. Strammer gehts nicht, man könnte schon geschwollen sagen, und je geschwollener sie waren, desto geiler war der Pavian. Der Mensch stammt vom Affen ab. Und die Signale des Knackarsches sind „Fick mich“. Will ich das mit siebzig? Das wollte ich nicht mal mit siebzehn. Außerdem waren die Falten am Arsch noch der geringste aller Kollateralschäden der Diät.

Ich hatte mal keinen Bauch und keinen Arsch am Baggerteich. Das war in Österreich, da sieht es in öffentlichen Badeanstalten folgendermaßen aus: Die Jungen sind körperbewusster und selbstoptimierender als die Deutschen, die Alten sind k. u. k. Hängebauchschweine. Schämt euch, ihr verfressenen Säcke, dachte ich still für mich im Vorbeigehen und genoss den Triumph, aber in der Nähe von Bikini-Mädchen kämpfte ich gegen alte Reflexe, denn wo kein Bauch mehr ist, muss man auch keinen mehr einziehen. Um das Dilemma am Hinterteil kümmerte sich meine knielange Badehose aus Thailand. Flipflops, Ray-Ban-Brille und ein lose übergeworfenes Hawaiihemd vervollständigten das Bild und die Botschaft. Rock ’n’ Roll never dies.

Er starb auf dem Badetuch. Und zwar sogleich. Ich kniete dort auf allen vieren, um irgendeine Kleinigkeit zu suchen, und sah dabei auch unter mir her, und was ich da erblickte, hatte ich noch nie gesehen, seitdem ich wieder schlank war. Nicht im Stehen, nicht im Gehen, nicht im Sitzen, nicht im Liegen, auch nicht in der Seitenlage, nie. Erst als ich mich am Baggerteich in die Hundestellung begab, wurde offenbar, dass zwar der Bauch weg war, aber nicht die Haut, die ihn so lange fest umspannte. Die war noch da, und sie hatte enorm an Spannkraft verloren. Wie ein alter leerer Kartoffelsack hing sie an mir herab. Ich fand das ziemlich ekelhaft. Frauen, die schon mal ein Kind geboren haben, kennen das. Um sich mit mir zu vergleichen, müssten es allerdings Zwillinge gewesen sein. Und der Erkenntnisschock am Baggerteich in Österreich zündete dann die zweite Stufe des Selbstfindungsprogramms.

Dass ich Bauchmuskeln habe, wusste ich vom Hörensagen. Gesehen hatte ich sie nie, nicht mal gefühlt, auch nicht gebraucht. Ich bin kein Reisbauer. Ich bin Reiseschriftsteller, die brauchen Muskeln am Oberarm, und die kriegen sie durchs Kofferschleppen. Früher kamen noch die mechanischen Reiseschreibmaschinen dazu, die waren irre schwer. Mein Laptop ist das nicht mehr, und mittlerweile gibt es auch Rollkoffer, trotzdem weiß ich noch, wie die Muckis am Arm ausgesehen und sich angefühlt haben. Von ihren Kumpels in meinem Bauch weiß ich erst, seitdem mir ein russischer Rentner-Coach eine Alternative zu den Sit-ups aufzeigte. Die mochte ich nie, die konnte ich nie, die habe ich nie durchgehalten. Aber was die alten Russen machen, das kann ich auch.

Rückenlage, Hände unter den Po, das schont die Bandscheibe. Und dann, davai, davai, die Beine hoch und wieder runter. Mit zehnmal fing ich an, mittlerweile bin ich bei zwanzigmal. Danach zwanzig Sekunden lang Luft-Radfahren, abgelöst durch zwanzig Sekunden Luft-Schwimmen und wieder Rückenlage. Jetzt aber nicht mit den Händen unterm Faltenarsch, die Arme liegen weit ausgestreckt hinterm Heldenköpfchen. Und schon schnappt das klassische Rentnerklappmesser zu: Beine hoch, und die Hände holen sich die Fußknöchel. Auch zwanzigmal. Und das Ganze dann noch mal von vorn für den zweiten Durchgang. Anfängerfehler. Man will es schnell hinter sich bringen und dabei möglichst wenig Schmerzen haben. Das Gegenteil ist richtig: Wenn die Beine langsam wieder runterkommen und dabei nicht den Boden berühren, sondern kurz darüber die Spannung halten, erst dann tut es weh, und statt darüber zu jammern und zu klagen, empfiehlt sich ein lustvolles Stöhnen, denn was da wehtut, ist das Neue in meinem Leben. Bauchmuskeln fressen Schmerzen. Sie wachsen an ihnen. Zehn Minuten, mehr nicht, aber das täglich, mit dem Ergebnis, dass ich mittlerweile einen inneren Gürtel trage.

Mittlerweile ist jetzt. Und hier. Und angesichts dieser Zeit- und Raum-Koordinaten sage ich: Scheiß drauf. Ich brauche keine Sixpacks, ich brauche Macht. Und wenn ich keine Macht über was anderes habe, dann brauche ich Macht über mich, und wenn ich keine Macht über mich habe, dann bleibt nur noch die Macht über meine Muskeln, meinen Bauch, meinen Tagesablauf. Disziplin ist Macht. Und sie ist die einzige, die nur ich mir nehmen kann.

Helge Timmerberg

Über Helge Timmerberg

Biografie

Helge Timmerberg, geboren 1952 im hessischen Dorfitter, ist Journalist und schreibt Reisereportagen aus aller Welt. Er veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, Allegra, Stern, Spiegel, Playboy u.a. Er schrieb unter anderem die Bücher „Im Palast der gläsernen Schwäne“, »Tiger fressen...

Helge Timmerberg, Sie sind in Ihrem Leben immer viel gereist. Was verändert sich beim Reisen, wenn man älter wird?

Erstens, die Kondition. Als ich so um die vierzig Jahre alt war, schlug ich mich mit Goldsuchern zwei Wochen durch den Amazonas. Solche Trips kann ich heute getrost vergessen. Zweitens, die werten Nerven sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ich schmeiße sie heute viel schneller weg. Drittens, die Naivität des jungen Reisenden. Früher glaubte ich oft, dass ich losfahre und nicht wieder zurückkomme, weil ich irgendwo unterwegs mein dauerhaftes Paradies finden werde. Das hat nie geklappt, weil es keine Paradiese gibt. Positive Veränderungen gibts im Alter natürlich auch. Ich hab es weniger eilig. Ich muss nicht mehr von Sensation zu Sensation hetzen. Es muss nicht mehr die Wüste, der Dschungel oder Lagos sein. Mittlerweile kann ich wieder Italien genießen. Sogar Österreich. Ich suche eher den Genuss als den Thrill.

Wie hängen Reisen und Schreiben für Sie zusammen?

Es begann mit meiner Leidenschaft fürs Reisen. Mit siebzehn overland nach Indien. Mit dreißig war ich längst professioneller Journalist, und als ich mitbekam, dass ich mit Reisereportagen meine Leidenschaft finanzieren konnte, fand ich das natürlich ideal. Schreiben und Reisen sind seitdem meine Flügel. Und das ging wunderbar. Bis Corona kam. Deshalb reise ich grad durch mein Alter. Das geht ja auch. Erst einmal. Reisen sind überall möglich. Ob innen, außen, nah oder fern spielt dabei nicht die entscheidende Rolle. Zu Hause geht man mehr in die Tiefe, unterwegs mehr in die Weite, beides kann ein großes Abenteuer sein. Übers Reisen schreibe ich noch immer am liebsten.

Gibt es bestimmte Orte, die Sie mehrfach in Ihrem Leben besucht haben, die Sie immer wieder angezogen haben?

Immer wieder Istanbul, immer wieder Bangkok, immer wieder Wien, in Marrakesch fühlte ich mich vom ersten Tag an so zu Hause, dass ich zehn Jahre blieb, dasselbe in Havanna, aber da waren es nur zwei Jahre. Und natürlich war ich viele, viele Male in NeuDelhi, denn am wohlsten fühle ich mich in Indien. Gestern, heute, morgen, das hört nicht auf. Neulich habe ich mir auf Netflix noch mal Gandhi angeschaut. Und ich hab fast geheult. Schon auch wegen Mahatma Gandhi, aber hauptsächlich wegen Indien. Richard Attenborough liebt den Subkontinent anscheinend wie ich.

Gibt es Orte oder Länder, über die Sie sagen: Einmal und nie wieder?
Schweden. Viel zu puritanisch. Jamaika. Zu viele schlecht gelaunte Rastafaris. Belgien. Böse Erinnerungen aus meiner Jugend. Die nahmen keine Tramper mit. Nach London muss ich auch nicht unbedingt. Regen, teuer, viel zu frühe Sperrstunde.

Gewinnt man im Alter Freiheit?

Erstens, die Freiheit von der Diktatur des Testosterons. Ich entscheide vernunftorientierter, weniger getrieben. Und vermisse es gar nicht so sehr. Zweitens, die Freiheit von der Freiheit. Reine Erfahrungssache. Egal, aus welchen Unfreiheiten ich mich in meinem Leben schon befreit habe: In einer Falle steckt man immer. Ich finde das nicht deprimierend, es erleichtert mich. Wirklich. Es macht mein Leben einfacher. Ein Kampf weniger. Außerdem stimmt es natürlich auch, dass es da große Unterschiede gibt zwischen der Freiheit des Egos und der Freiheit vom Ego. Deshalb drittens, die Freiheit von mir selbst. Das wäre der Hit. Dann hätte ich überhaupt keine Probleme mehr. Buddha sagte mal: „Alles Leiden ist Unwissenheit.“ Weil man im Alter mehr als in der Jugend weiß, gewinnt man im Alter etwas Freiheit von der Dummheit. Das ist keine Frage des IQ , sondern der Erfahrung.

Was ist Ihnen im Leben am wichtigsten, worauf würden Sie freiwillig niemals verzichten?

Auf die Fähigkeit loszulassen. Das kann ich ganz gut. Das Leben ist ja eh ein Kommen und Gehen, ein ewiger Wandel, und wenn ich da nicht mitmache, schaue ich blöd aus der Wäsche. Die Papageien auf meinen Hawaii-Hemden mag ich ebenfalls nicht missen, außerdem das Menschenrecht, spät aufzustehen. Und spät ins Bett zu gehen. Ich liebe Nachtschichten. Schreiben unter Sternen. Und der Mond dichtet mit. Und ich liebe den Kaffee nach dem Aufstehen. Wenn ich den nicht kriege, könnt ich gleich wieder ins Bett gehen.

Pressestimmen
Madonna

„Sein humorvolles Spätwerk ist ein Plädoyer für ein würdevolles Altern.“

MDR Thüringen „Ungers Bücher“

„Wenn man Helge Timmerbergs Buch liest, könnte man direkt Lust darauf bekommen, älter zu werden.“

Express Köln

„Schnoddrig und ganz wundervoll unterhaltsam geht er mit den Details gern bis an die Schmerzgrenze. Timmerberg bleibt auch mit 70 authentisch: Er redet nicht schön, sondern Tacheles. Großartig!“

Luzerner Zeitung

„Ein ziemlich offenherziges Buch übers Alter.“

unser-luebeck.de

„Mit ›Lecko Mio - Siebzig werden‹ hat er jetzt eine Textsammlung von insgesamt 22 kurzen und langen Kapiteln vorgelegt, die sich in seinem speziellen Ton und in seiner unverkennbaren Sprache mit dem Älterwerden auseinandersetzen.“

Rolling Stone

„Sein tiefgründigstes und bestes Buch.“

WDR 5 „Unterhaltung am Sonntag“

„Ein sehr sehr schönes, ein sehr lustiges Buch.“

neues deutschland

„In der Welt des Helge Timmerberg gibt es nichts Schlechtes. Weil selbst das Schlechte als Steinbruch für eine gute Story herhalten kann. Und davon gibt es in ›Lecko mio‹ einige.“

MoX – Kultur- und Veranstaltungsjournal

„Mit lockerer und treffsicherer Schreibe gelingt es Timmerberg auch in diesem Buch, die Dinge genau auf den Punkt zu bringen. Humorig und mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern zeigt er auf, dass es auch im Alter noch gut, gerne und lustig weitergeht mit dem Leben. Nur manchmal eben etwas anders.“

Schwäbische Zeitung

„Sein humorvolles, lakonisches Spätwerk ist ein Plädoyer für ein würdevolles Reifen.“

wlodarek.de

„Ein Buch, das sich locker runterliest, bei dem man schmunzelt, und zustimmend nickt. Eine vergnügliche Lektüre.“

blog.liebhaberreisen.de

„Wenn es um irgendwas mit Reisen geht, ist für mich persönlich fast nichts spannender, als eine Geschichte von Helge Timmerberg.“

Radio F

„Er schreibt hammermäßig! Er schreibt derart coole, wortgewandte, fesselnde Sätze, die mir aus der Seele sprechen, die ich aber niemals so hätte formulieren können.“

Münchner Merkur

„Lustig und erkenntnisreich“

MDR "Fröhlich lesen"

„Viel Tröstliches und auch viel Lustiges“

Bild

„Wer das nicht liest, ist selbst schuld.“

Altmühl-Bote

„Er ist geistreich, selbstironisch, rotzig, kritisch (auch und vor allem mit sich selbst), melancholisch, weise, politisch unkorrekt und immer wieder umwerfend komisch. ›Lecko mio‹ ist sein 17. Buch, seine Fans werden es lieben.“

Neue Westfälische

„Irre komisch und politisch unkorrekt wie immer. So kennen wir Helge Timmerberg.“

Bayern 2 „Eins zu Eins. Der Talk“

„Das Buch wimmelt von guten Witzen.“

Wilhelmshavener Zeitung

„Immer wieder möchte man tolle Sätze unterstreichen, hat am Ende das halbe Buch unterstrichen, um dann zu merken: der Rest ist auch nicht schlecht.“

Bielefelder

„›Siebzig werden‹ vereint erhellende Betrachtungen mit einem großen Lesespaß.“

trekkingguide

„Im Plauderton werden unterschiedliche Themen gestreift, existenzielle und banale, aber immer unterhaltsam.“

dennisschuetze.de

„Ein passendes, persönliches Geschenk, Timmerberg hat noch was zu erzählen und schreiben kann er auch.“

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