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Kruzitürken

Ein Fall für Kommissar Pascha

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Kruzitürken — Inhalt

In seinem dritten Roman um den raubeinigen, türkisch-bayerischen Ermittler lässt Su Turhan Kommissar Pascha bei einer internationalen Bauchtanzshow in einem Doppelmordfall ermitteln. Denn hinter der Bühne werden zwei der Tänzerinnen brutal ermordet. Ist der Geschäftsmann Okan Gök, Geldgeber der Show und Inhaber eines Laden auf der Maximilianstraße, Münchens Nobelmeile, in den Fall verwickelt? Schließlich soll er seinen Tänzerinnen auch privat nähergekommen sein ...

 

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.03.2017
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31169-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.03.2017
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97698-5

Leseprobe zu »Kruzitürken«

1

Das Blut war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Passanten und Gäste der Cafés auf der Leopoldstraße schenkten dem Mann mit buschigem Schnurrbart, der mit hängendem Kopf vorbeitorkelte, keine Beachtung. Betrunkene auf Münchens Flaniermeile waren kein Grund, dem eigenen überteuerten Longdrink die Aufmerksamkeit zu entziehen. Kein Gast konnte sich später bei den Befragungen an den Mann erinnern, der seine Hände an die Seite presste, um das Blut daran zu hindern, seinen Körper zu verlassen.

Der Verletzte schaffte es erstaunlich weit, bevor er vom [...]

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1

Das Blut war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Passanten und Gäste der Cafés auf der Leopoldstraße schenkten dem Mann mit buschigem Schnurrbart, der mit hängendem Kopf vorbeitorkelte, keine Beachtung. Betrunkene auf Münchens Flaniermeile waren kein Grund, dem eigenen überteuerten Longdrink die Aufmerksamkeit zu entziehen. Kein Gast konnte sich später bei den Befragungen an den Mann erinnern, der seine Hände an die Seite presste, um das Blut daran zu hindern, seinen Körper zu verlassen.

Der Verletzte schaffte es erstaunlich weit, bevor er vom Bür­gersteig abkam und an einem Hindernis hängenblieb. Eine Viertelstunde nach dem Notarzt, der von Passanten verständigt wurde und nur noch den gewaltsamen Tod des Mannes feststellen konnte, erschien der zuständige Leiter der Mordkommis­sion Pius Leipold.

Die Absperrung um den Fundort des Toten verursachte ein erhebliches Verkehrschaos im Herzen von Schwabing. Von der Leopoldstraße über das Siegestor bis hinauf zum Odeonsplatz stauten sich die Autos. Nach Norden hin, in die entgegengesetzte Richtung, zog sich der Stau nach einem Auffahrunfall bis hin zur Münchner Freiheit und weiter. Kommissar Leipold stand an seinem Einsatzwagen direkt am Fundort und wartete, bis ein Spurensicherer ihm den fremdländischen Ausweis des Toten überreichte. Er gab bald den Versuch auf, den Vor- und Nachnamen Süleyman Eczacıbaşı auf dem Dokument auszusprechen. Stattdessen legte er den Kopf in den Nacken, um sich beim lieben Herrgott zu beschweren.

»Muss das sein?«, fragte er mit leichter Verzweiflung in der Stimme.

»Ja«, dröhnte es.

Leipold erzitterte, glaubte er in dem Moment fest daran, dass Gott zu ihm sprach. Doch die Stimme gehörte zu seinem Kollegen Herkamer, der mit jemandem am Telefon redete. Er reichte Leipold das Handy. »Zeki.«

Leipold verdrehte die Augen. »Servus.«

»Rat mal, wo ich bin?«, sagte Leipolds Kollege Demirbilek am Apparat.

Leipold schwante etwas, und er blickte sich suchend um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erspähte er in­mitten der Schaulustigen Demirbilek, der ihm mit einem Taschentuch zuwinkte. »Was ist? Warum kommst du nicht?«, stöhnte Leipold in das Handy.

»Wollte nicht stören.«

»Du? Nicht stören? Das ist der beste Witz, den ich seit langem gehört habe«, grölte Leipold und beendete das Gespräch. Er gab Herkamer das Telefon zurück und beobachtete, wie Demirbilek sich bei den uniformierten Kollegen auswies und durch die Absperrung auf seine Straßenseite wechselte.

»Und?«, fragte Demirbilek, als er bei ihm stand.

Leipold hielt ihm kommentarlos den Ausweis des Toten entgegen.

Kommissar Zeki Demirbilek warf einen flüchtigen Blick darauf. Dann wandte er sich zur Leiche, die noch nicht abgedeckt war. Der Mund des Toten war mit Tape abgeklebt, er lehnte mit dem Bauch voran an einer weißen, drei Stockwerke hohen Plastikskulptur. Die Arme umklammerten den linken Knöchel des auf Walking Man getauften Riesen, an dem er hängengeblieben war. Das imposante Kunstwerk machte einen im wahrsten Sinne raumgreifenden Schritt und starrte augenlos in die Ferne.

»Fremdverschulden?«, fragte Kommissar Demirbilek.

»Stichwunde. Innere Blutungen. Die Niere hat es zerfetzt, heißt es«, erwiderte Kommissar Leipold.

»Kommst du mit?«

»Der Knöcheltote gehört definitiv in dein Dezernat. Ich gehe wieder ins Wirtshaus. Ich war gerade so schön dabei, zu gewinnen.«

»Schafkopfen?«

»Was sonst? Wo kommst du denn eigentlich so schnell her?«

»Vom tavla. Woher sonst?«

Zeki Demirbilek nickte seinem Kollegen zu und machte sich an die Arbeit.

»Deckt den armen Mann doch endlich ab!«, übertönte die Stimme des Türken die abendlichen Geräusche auf der Leopold­straße.

 

2

Vor den Toren Münchens grinste zur selben Stunde der wohl­beleibte Tourmanager Farhaad über den Erfolg der Presse­arbeit. Trotz vorgerückter Stunde war ein halbes Dutzend Journalisten der Presseeinladung gefolgt und wartete am Flughafen auf die Ankunft der Maschine aus Istanbul. Alle waren in die Pressemappe vertieft. Fotos der Bauchtänzerinnen, die sie erwarteten, funkelten darin. Die mehrheitlich männlichen Reporter bestaunten strahlende Frauengesichter, die in glitzernden Kostümen die Betrachter mit orientalischer Exotik bezirzten. Der Text zu den Aufnahmen beschränkte sich auf Kurzbiographien der Bauchtänzerinnen. Auf Alter, Geburtsort und Hobbys.

Von den sieben abgebildeten Frauen stammten zwei aus der Ukraine, zwei aus Tunesien, eine Aserbaidschanerin war in der Gruppe und zwei Türkinnen. Die eine mit türkischer Herkunft, Deniz Aralik, war laut Eintrag neben ihrem Ganzkörperbild in Ankara geboren. Die zweite Türkin, Meral Sez, zählte mit achtundzwanzig Jahren zu den Erfahreneren der Truppe. Das Foto zeigte die Istanbulerin in einem funkelnd grünen Kostüm, das pechschwarze Haar glänzte silbern. Im Zentrum der schlanken Figur dominierte der wie eine Wüstendüne geschmeidig gewölbte Bauch. Den Nabel zierte ein Piercing mit Glöckchen daran.

Meral Sez blieb ein Stück hinter den anderen Frauen zurück, als sich die automatische Tür zum Wartebereich für die Abholer öffnete. Farhaad hüpfte auf und ab und winkte seiner Truppe zu, gleichzeitig forderte er die Reporter auf, Fotos zu schießen. Wie eine siegreich heimkehrende Fußballmannschaft erschienen die Tänzerinnen alle in demselben Outfit. Der schmal geschnittene, mintgrüne Mantel reichte bis zu den Fußknöcheln, dazu trugen die sieben Frauen eine farblich passende Hand­tasche und zogen einen hellroten Trolley hinter sich her. Bis auf Meral, deren Lächeln müde und abgekämpft wirkte, strahlten alle in die Objektive der knipsenden Reporter. Nach der Begrüßung standen sie den Journalisten für Interviews zur Verfügung. Farhaad war zu sehr beschäftigt, seine Püppchen, wie er sie liebevoll nannte, zu umgarnen, als dass er mitbekommen hätte, wie sich die Istanbulerin von der Gruppe entfernte.

Mit schnellen Schritten eilte Meral an den Restaurantbetrieben vorbei und erspähte eine Apotheke. Dort kaufte sie etwas gegen die Kopfschmerzen, die sie seit der Abreise aus Istanbul plagten, und fragte in einwandfreiem Deutsch nach den stärksten rezeptfreien Schlaftabletten. Als sie zurückkehrte, bedankte sich Farhaad gerade bei den Journalisten für ihr Interesse und händigte jeweils zwei Freikarten für den bevorstehenden Showabend aus.

Später saßen die sieben Tänzerinnen in einem Großraumtaxi. Farhaad folgte ihnen in seinem Mietauto zu dem Appartementhotel, in dem er seine Püppchen untergebracht hatte. Meral hatte einen Fensterplatz in der hinteren Reihe ergattert. Sie holte aus ihrer Handtasche eine Flasche Wasser und schluckte zwei Kopfschmerztabletten gleichzeitig.

Währenddessen bemerkte die Istanbulerin, wie der Fahrer gefährlich lange in den Rückspiegel starrte, statt auf den dichten Verkehr auf der Autobahn zu achten. In seinem Gesicht spiegelte sich Gier und Lust, wie sie es von ihren Auftritten kannte, wenn sie bei Darbietungen in Männergesichter blickte. In den Gesichtern der Frauen dagegen las sie oft Bewunderung, manchmal auch Neid.

»Wollen wir uns vor dem Fotoshooting die Stadt zusammen ­ansehen?«, fragte nach einer Weile die Aserbaidschanerin neben ihr.

»Ich wollte mich kurz hinlegen, bevor es losgeht«, erklärte Meral mit Blick aus dem Fenster. Sie hatte es einen Spalt weit geöffnet, um das Potpourri aus sieben verschiedenen Parfümnoten zu ertragen.

»Schade«, erwiderte die Aserbaidschanerin.

Meral ertappte sich dabei, wie sie den grazilen Körper der jungen Frau mit ihren Augen verschlang. Ihr Bauchtanzstil war außergewöhnlich, moderner und extravaganter als ihr eigener.

»Meine Damen, was Sie zu Ihrer Rechten sehen, ist das schönste Fußballstadion der Welt«, begeisterte sich mit einem Mal der Fahrer in gebrochenem Englisch und verlangsamte die Fahrt, bis er anhalten musste. Der Motor des Taxis schaltete sich automatisch ab. Der Stau, in den sie geraten waren, rührte laut Straßenverkehrsmeldung von einem Polizeieinsatz auf der Leopoldstraße her.

Meral blickte auf die rot leuchtenden Waben der Allianz Arena und dachte an ihren Freund Okan Gök, mit dem sie seit kurzem zusammen war. Wie die meisten ihrer Landsleute war er begeisterter Fußballfan.

Meral aber hasste Fußball und Männer, die Fußball liebten.

 

3

Wenige Lichteinheiten genügten dem Fotografen, um die sieben Bauchtänzerinnen zu einem dramatischen Spiel aus Farbe und Schatten zu stilisieren. Vor dem Museum Brandhorst, das mit seiner bunt schimmernden Fassade Kostüme und Gesichter der Frauen auf bizarre Weise ergänzte, entstand die Aufnahme für das türkische Modegeschäft, das die Bauchtanzshow finanzierte.

Meral Sez war froh über das pünktliche Ende des Fotoshootings. Zurück im Appartementhotel, duschte sie und zog sich um. In Vorfreude auf ihre Freundin legte sie einen Seidenschal um die Schultern und packte die aus Istanbul mitgebrachten Aufmerksamkeiten in ihren kleinen Rucksack.

In der Nähe des Hauptbahnhofs hatte Meral in einem Studio tanzen gelernt. Sie kannte sich in der Gegend aus und spazierte, in Erinnerungen schwelgend, die Bayerstraße entlang.

Franziska Saum wartete aufgeregt im Alten Botanischen Garten auf einer Parkbank mit Sicht auf den gelb beleuchteten Justizpalast. Als sie ihre Freundin auf sich zukommen sah, war das alte Gefühl mit einem Schlag wieder da. Vor zwei Jahren hatte Meral München verlassen, um nach Istanbul zurückzukehren. Nicht freiwillig, wie sich Franziska allzu gut erinnerte.

»Hallo, Meral! Hier drüben«, schrie sie und winkte. Das Glücks­gefühl, ihre Freundin wiederzusehen, strömte durch ihren ganzen Körper. Gleichzeitig dachte sie mit Schrecken daran, dass Meral gleich bemerken würde, wie sehr sie zugenommen hatte. Verstohlen richtete sie ihre hellbraunen Haare und strich mit ein wenig Spucke die Augenbrauen glatt.

»Hallo, Franziska«, grüßte Meral und küsste sie auf die Wangen.

»Schön, dich zu sehen«, antwortete Franziska. Sie konnte das Glück nicht wahrhaben, in ihre tiefblauen Augen zu blicken.

»Besser als eine Kneipe, in der man nicht rauchen darf«, stellte Meral fest und zündete sich eine Zigarette an. Wegen der kühlen Temperatur und der fortgeschrittenen Zeit waren die zwei Frauen allein, bis auf vereinzelte Passanten, die den Weg durch den Botanischen Garten als Abkürzung Richtung Stachus nutzten.

»Ich dachte, da du wenig Zeit hast … Ist ja nicht weit von eurem Hotel«, erwiderte Franziska etwas verlegen, wobei sie die Augen nicht von dem Schal ihrer Freundin loseisen konnte.

»Was ist?«, fragte Meral.

»Den habe ich dir damals geschenkt.«

»Den Schal?«

Natürlich erinnerte sich Meral an die bitteren Tränen und den zu bunten Schal, den ihre Freundin zusammen mit ihren Hab­seligkeiten nach Istanbul geschickt hatte, nachdem sie Hals über Kopf München den Rücken gekehrt hatte. Meral bemerkte auch Franziskas knappen Rock und roch das fruchtige Parfüm, das ihren Körper umhüllte, wie auch das tief ausgeschnittene Oberteil.

»Ja, stimmt. Du siehst, ich trage ihn immer noch«, erklärte Meral, als wäre es purer Zufall, gerade diesen Schal ausgewählt zu haben. Dann legte sie ihren Rucksack ab und setzte sich auf die Bank.

»Lust auf ein Glas Weißwein? Trinkst du hoffentlich immer noch am liebsten?«, bot Franziska an.

»Ein Glas, mehr nicht«, willigte Meral ein. Die halb gerauchte Zigarette warf sie in hohem Bogen in die Pflanzungen.

Schnell holte Franziska eine Flasche Wein und Plastikbecher aus der Tasche. »Ich habe mich so gefreut über deine Mail!«, jubelte sie. Dann wurde ihr Gesicht kreidebleich. »Verdammt, ich habe den Korkenzieher vergessen.«

Meral kramte im Rucksack nach dem Schweizer Taschenmesser, das sie immer bei sich hatte. Statt des üblichen Kreuzes auf dem roten Plastikgriff waren der weiße Halbmond und der Stern der türkischen Flagge eingraviert. »Geht es damit?«

»Aber ja!«, freute sich Franziska, klappte den Korkenzieher auf und öffnete in Windeseile die Flasche.

»Bravo, das kannst du ja nach wie vor perfekt. Arbeitest du noch in der Gastronomie?«

Ohne einen Tropfen zu vergießen, schenkte Franziska die Becher voll. »Nur halbtags in einem Tagescafé in der Innenstadt. Vor allem ältere Damen und Herren. Kaffee und Kuchen. Hin und wieder bestellen die Herrschaften ein Glas Sekt, um den Kreislauf anzukurbeln.« Mit breitem Grinsen überreichte sie einen Becher und erhob den eigenen. »Auf dich! Auf meine schönste Geliebte, die ich je hatte.«

Meral und Franziska prosteten sich zu und nahmen einen Schluck.

»Dass ich auf Frauen stehe, muss nicht jeder hören«, flüsterte Meral dann.

»Keine Sorge, hier hört uns niemand.«

»Du hast recht, aber du weißt, dass ich vorsichtig sein muss.«

»Sehen kann uns übrigens auch niemand.«

Meral wartete einen Augenblick, blickte sich um, dann ließ sie ihre Hand unter den Rock ihrer Freundin gleiten. Sie spürte die aufgerichteten Haare und die rauhen Erhebungen ihrer Hautoberfläche am Oberschenkel – der Frühlingsabend war definitiv zu kalt für Miniröcke.

»Endlich«, hauchte Franziska. »Hätte ich das gewusst, hätten wir uns gleich bei mir treffen können. Ich habe einen Baldachin über dem Bett hängen.« Sie genoss die wärmende Hand auf der Innenseite ihres Oberschenkels. Plötzlich aber zuckte sie zusammen und fügte besorgt hinzu: »Und was ist mit Okan?«

»Okan?«

»Ja, bist du nicht mit ihm zusammen? Habe ich jedenfalls gehört.«

»Mit wem ist Okan nicht zusammen?«, fragte Meral ernst. Dann kicherte sie albern auf. »Ich will ein Kind von ihm, das ist alles.«

Verblüfft trank Franziska einen weiteren Schluck Wein. Dann grinste sie. »Das ist nicht dein Ernst.«

»Doch. Er sieht doch gut aus, oder?«

»Er ist ein Mann.«

»Und was für einer.«

»Okan Gök ist der größte Macho, den je eine Mutter zur Welt gebracht hat. Von dem willst du dir ein Kind machen lassen?«

»Vergiss Okan. Morgen ist Sonntag. Wir können ausschlafen.«

Dann beugte sich Meral zu Franziska und gab ihr nach zwei langen Jahren wieder einen Kuss.

 

4

Die Ermittlungen in dem Mordfall Knöcheltoter, wie ihn Münchner Zeitungen wohl nach einem Interview mit Leipold bezeichneten, gestalteten sich schwierig. Das Opfer, in der türkischen Community als Kredithai verschrien, schien mehr Feinde als Haare auf dem Kopf zu haben. Das Migra-Team hatte ein ganzes Heer potenzieller Verdächtiger abzuarbeiten. Allesamt Kreditnehmer bei dem umtriebigen Geschäftsmann. Zeki war dankbar für die sonntägliche Auszeit und schielte gerade von der Parkbank einer Grünanlage zu einer augenscheinlich ausländischen Gruppe Männer. Sie standen zusammen, rauchten und tuschelten. Die Sonntagszeitung hatte er bereits durchgeblättert, gelesen allerdings hatte er nur die Bildunterschriften der Fotos und den Hauptartikel im Sportteil über die lahm laufende Bundesliga. Sonst fand er nichts auf den vielen bedruckten Seiten, was ihn an dem sonnigen Frühlingstag interessierte.

Er blinzelte in die Vormittagssonne, als sich einer der Männer mit wirbelnder Gebetskette vor ihm aufbaute. Ein Einweg-Brillengestell verformte sein Gesicht zu einer überreifen Wassermelone.

»Was gibt’s?« Demirbilek fixierte den älteren Mann, der zum Überfluss wie ein Schafbock Kaugummi kaute.

»Sind Sie nicht der türkische Kommissar?«, fragte er mit Berliner Dialekt.

Demirbilek hatte so seine lieben Probleme mit der Hauptstadt – eines der Vorurteile, die er trotz seiner vierzig Lebensjahre nicht abgeschafft hatte. »Wer will das wissen?«, gab er mit einem übertriebenen münchnerischen Einschlag zurück.

»Wir haben uns darüber unterhalten, ob sie Sie geschickt hat. Sie sitzen ja schon über eine halbe Stunde hier«, erklärte der Mann.

Was wird das?, fragte sich Demirbilek und war versucht, zu gehen. In der Regel wich er Scherereien nicht aus, hatte aber gerade weder Zeit noch Nerven dafür. »Mich hat niemand geschickt. Ich warte«, erwiderte er stattdessen.

»Sie warten?«

»Warum soll ich nicht warten?«

Der ältere Mann riss ihm die Zeitung aus der Hand, blätterte den Lokalteil auf und deutete auf einen Textkasten mit Foto. Neben den Spekulationen über den Toten am Walking Man wurde nach einem verschwundenen türkischen Mädchen gesucht.

Der Mann stupste mit dem Finger auf den Artikel, dann deutete er zu seinen wartenden Freunden, die gebannt zu ihnen blickten. »Der Zweite von links kennt die Kleine. Wollen Sie ihn nicht sprechen?«

Demirbilek atmete durch. Wie sollte er dem einfältigen Berliner Landsmann erklären, dass er nicht alle Fälle verfolgen konnte, in die türkische Mitbürger verwickelt waren. Das Sonderdezernat Migra, dem er vorstand, war in die Welt gesetzt worden, um schwere Verbrechen wie Mord und Totschlag aufzuklären, bei denen Täter oder Opfer einen Migrationshintergrund aufwiesen. Nur um die Sache nicht zu verkomplizieren, vergewisserte er sich mit Blick auf die Armbanduhr. Er war lange vor der verabredeten Uhrzeit zum Treffpunkt gekommen. Die Beine wollten nicht, wie er merkte, die Neugier aber trieb ihn zu der Gruppe Männer.

Der Zeuge in dem Fall, von dem Demirbilek nichts wissen wollte, zündete sich vor Nervosität gleich eine Zigarette an.

»Komiser Bey«, sprach ihn der Mann mit Sonntagssakko an, das ihm viel zu weit war. »Ich kenne das verschwundene Mädchen. Meine Freunde und ich sind Straßenreiniger, ich kehre am Bergsteig bis vor zur Ichostraße. Sie geht dort zur Schule.«

»Schöne Gegend, aber was hat das mit ihrem Verschwinden zu tun?«

»Sie ist erst vierzehn«, entgegnete er mit ungewollt hoher Stimme.

Was soll das jetzt bedeuten?, schoss es Demirbilek durch den Kopf. Wenn er die eher deutsch denkenden Synapsen seines Gehirns einschaltete, kamen ihm Verschleppung des Kindes nach Anatolien und Zwangsehe in den Sinn. Bemühte er den türkischstämmigen Anteil der ihm zur Verfügung stehenden Syn­apsen, dachte er an Pubertät, ausgerissen wegen gebrochenen Herzens. Beide rein spekulativen Erklärungsansätze sorgten für ein alarmierendes Gefühl im Bauch.

»In der Zeitung steht, sie sei sechzehn«, berichtigte Demirbilek ihn.

»Das stimmt aber nicht. Elif geht mit meinem Großen in eine Klasse. Sie ist jünger als die anderen, weil sie eine Klasse übersprungen hat. Das habe ich Ihrer Kollegin schon erzählt«, meinte der Sakkoträger.

»Welcher Kollegin?«, entfuhr es Demirbilek. »Ich habe zwei Frauen, die für mich arbeiten. Für mich, wohlgemerkt, nicht für die Vermisstenstelle.« Kaum hatte er das ausgesprochen, ereilte ihn ein Gedanke. »Klein. Kurze Haare. Der halbe Hintern ist zu sehen, wenn sie Jeans trägt«, beschrieb er die Frau, die als Einzige in Frage kam.

»Sie meinen Jale.«

Demirbileks Seufzer kam aus den Untiefen seines Herzens. Es gab nur eine Jale. Jale Cengiz gehörte seit der Gründung seinem Dezernat an und hatte eine ähnliche Berufsauffassung wie er. Wenn sie Gefahr witterte, legte sie los. Genehmigungen und transparente Kommunikation fielen dabei unter den Tisch.

»Bei Jale sind Sie in guten Händen, sprechen Sie mit ihr«, empfahl er, ohne seinen Groll zu zeigen. Er würde sie von der Suche nach dem Mädchen abziehen, Vermisstenfälle fielen nicht in ihr Aufgabengebiet.

Der Straßenreiniger presste mehrmals seine halb gerauchte Zigarette in einen Reiseaschenbecher. »Wir haben das Mädchen gefunden.«

»Was stellt ihr euch dann so an? Holt die Polizei, damit sie nach Hause kommt. Die Eltern machen sich bestimmt Sorgen.«

»Es wäre aber besser, wenn Sie mitkommen. Jale hat erzählt, dass Sie selbst Vater sind.« Er suchte die passende Formulierung. »Ein türkischer baba, der wie ein deutscher Papa denkt.«

Demirbilek schüttelte verdutzt den Kopf über die eigentümliche Beschreibung. Er war überzeugt, seine vierundzwanzigjährige Kollegin würde schnell Vertrauen zu der Ausreißerin aufbauen. Schließlich war Jale selbst eine türkische Tochter und er, wie er gerade erfahren hatte, eine Art Zwittervater, ein Babapapa. »Jale kann das besser als ich«, entschied er und wollte zurück zur Parkbank, um seine Verabredung nicht zu verpassen.

Da wölbte der Straßenreiniger seine Hände über den Bauch. Eine Geste, die auf der ganzen Welt dasselbe bedeutete. Das vermisste Mädchen war schwanger. Zu jung, aus Demirbileks Sicht, egal, ob sie vierzehn oder sechzehn war.

 

5

Wegen seines Aussehens fiel der Kommissar zwischen den Straßenreinigern in Sonntagsstaat kaum auf. Natürlich sah der Münchner mit den Istanbuler Wurzeln aus wie ein türkischer Mann, beide Eltern kamen aus seiner Geburtsstadt am Bosporus. Das dunkle Haar, die wuchtigen Augenbrauen sprachen eine deutliche Sprache. Ganz zu schweigen von seiner inneren Haltung. Das war wohl das Türkischste an ihm.

Zeki Demirbilek galt nicht nur im Polizeipräsidium als Vorzeigetürke, auch innerhalb der türkischen Gemeinde genoss er den Ruf als einer, der es geschafft hatte, obwohl er bei aller Integration seine Wurzeln nicht leugnete. Der Spagat, in beiden Kulturen heimisch zu sein und sich wohl zu fühlen, gelang ihm scheinbar mühelos. Der Grund lag jedoch nicht darin, dass der von klein auf streitbare, oft uneinsichtige Zeitgenosse sich an die deutschen Verhältnisse übergebührlich anpasste oder charakterlich verrenkte, um der zu sein, der er war. Vielmehr lag es daran, dass er sich einen Dreck darum scherte, ob seine Mitmenschen ein Problem damit hatten, was er war. Er war Münchner. Durch und durch. Und Istanbuler. Durch und durch. Und über beiden kulturellen Identitäten schwebte seine Berufung zum Kommissar. Hätte ihn das Schicksal nach der Geburt in Istanbul nach Tokio verschlagen, wäre er, so versuchte er es einmal zu erklären, eben japanisch-türkischer Ermittler geworden.

Elifs Versteck lag am Fuße einer Böschung in der Nähe der Zugbrücke am Kolumbusplatz. In einer Nische, eingebettet zwischen Schrebergärten, die sich entlang der Bahngleise erstreckten, lugte ein Iglu-Zelt hervor.

Die Schülerin lag auf einer Isomatte davor und las in einem Roman. Der Fänger im Roggen, wie Demirbilek erstaunt feststellte. Als Elif die Gruppe Männer bemerkte, band sie ihr Kopftuch um und stand auf.

Mit Unterbrechungen, die die vorbeiratternden Züge notwendig machten, befragte der Kommissar das Mädchen mit einer für ihn ungewöhnlichen Geduld. Beim Zuhören verzog er immer wieder das Gesicht, weil er dem Mädchen nicht glaubte, dass es aus Angst, von ihrem Vater wegen ihrer Schwangerschaft totgeschlagen zu werden, ausgerissen war.

Um seine Hilfsbereitschaft zu zeigen, stellte er sie vor die Wahl: entweder in einem Streifenwagen nach Hause gebracht werden oder zusammen mit ihm im Taxi. Der Trumpf, dass ihr Vater gegenüber einem Kommissar Wort halten würde, wenn er ihn auf den Koran schwören ließe, ihr nichts anzutun, erbrachte die erhoffte Wende. Das Mädchen richtete das Kopftuch zurecht und packte seine Sachen.

Gemeinsam kehrte die Gruppe – der Kommissar und das Mädchen in ihrer Mitte – zurück über die Bahngleise auf die Straße. Zeki hatte die Hoffnung aufgegeben, seine Verabredung zu treffen, so dass er keinen Einwand hatte, als das Mädchen in einem Café auf die Toilette gehen wollte.

Während er vor der Tür wartete, verabschiedeten sich die Straßenreiniger. Der mit dem Melonengesicht schüttelte Demirbileks Hand und äußerte seine Freude, einen modernen, guten Türken in den Reihen der bayerischen Polizei zu wissen.

Sobald die Männer gegangen waren, dauerte es drei Minuten, bis der Kommissar die Geduld verlor und dem Mädchen in das Café folgte.

Er eilte an der Theke vorbei in den schwach beleuchteten Gang. Herren- und Frauentoilette befanden sich nebeneinander. Er klopfte mehrfach laut, dann öffnete er die Tür ein Stück weit.

In dem gekachelten Raum gab es zwei Toilettenkabinen. An beiden stand die Verriegelung auf Rot.

»Hallo! Elif! Bist du da drin?«, rief er.

Der Hilfeschrei einer Frau erfüllte den Raum. Gleich nach dem gellenden Schrei erschienen der Cafébesitzer und einige Gäste.

»Wen suchen Sie?«, hörte Demirbilek den Besitzer fragen.

»Ein Mädchen, sie wollte hier auf die Toilette …«

Demirbilek brach den Satz ab, als er eine Tür entdeckte, die nach draußen führte.

Su Turhan

Über Su Turhan

Biografie

1968 verschlägt es den in Istanbul geborenen Su Turhan von der Bosporusmetropole ins niederbayerische Straubing. Nach dem Studium der Neuen Deutschen Literaturwissenschaft an der LMU München beginnt er, Drehbücher zu schreiben, und arbeitet als Regisseur, unter anderem für...

Weitere Titel der Serie »Kommissar-Pascha-Reihe«

Kommissar Pascha, der in München mit seinem Team ermittelt, ist, wie der Autor selbst, ein Wanderer zwischen den Welten. Ihm ist türkisch sein genauso wichtig wie deutsch sein. Su Turhans Eltern zählen zu den ersten türkischen Einwanderern in Deutschland, genauer gesagt, in Straubing. Heute arbeitet Su Turhan erfolgreich als Regisseur.

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