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Krimkrieg

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Krimkrieg — Inhalt

Orlando Figes, der brillante Erzähler unter den heutigen Russland-Historikern, beschreibt den vergessenen Krieg, der als Vorbote der großen Konflikte des 20. und des 21. Jahrhunderts gelten kann.

Der Krimkrieg ist eines der Schlüsselereignisse des 19. Jahrhunderts, und doch sind seine Dimensionen und Hintergründe hierzulande wenig bekannt. Frankreich, Großbritannien und das Osmanische Reich auf der einen Seite und Russland auf der anderen waren in einen erbitterten Kampf um Religion und Territorium gleichermaßen verstrickt. Der Krieg dauerte von 1853 bis 1856, kostete annähernd eine Million Soldaten und zahllose Zivilisten das Leben und sorgte dafür, dass das bis dahin enge Verhältnis zwischen dem unterlegenen Russland und dem Westen in der Folge nachhaltig gestört war. Letztlich erwies sich der Krimkrieg als ein Vorbote der großen Konflikte, die das 20. Jahrhundert beherrschen sollten.

Orlando Figes schildert diesen ersten Flächenbrand der Moderne, der mit außergewöhnlicher Grausamkeit und erschreckender Inkompetenz ausgefochten wurde. Auf der Basis von bislang ungenutzten russischen, osmanischen und europäischen Quellen zeichnet er eindrücklich eine Welt im Krieg: die Paläste in Sankt Petersburg und die heiligen Stätten in Jerusalem, den jungen Tolstoi, der aus dem belagerten Sewastopol berichtet, die berühmte Krankenschwester Florence Nightingale, die bei der medizinischen Versorgung der Verwundeten Pionierarbeit leistet, den einfachen Soldaten im verschneiten Schützengraben und Zar Nikolaus I., für den der Krieg nicht weniger als ein Kreuzzug zur Verteidigung des orthodoxen Christentums ist.

Krimkrieg ist eine historische tour de force, die meisterhaft Stimmen und Stimmung der damaligen Zeit zum Leben erweckt, ein fein gewobener wie aufwühlender Bericht, der gekonnt Analyse und eindrucksvolle Erzählung verbindet.

€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 24.09.2011
Übersetzt von: Bernd Rullkötter
768 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7491-1

Leseprobe zu »Krimkrieg«

Sewastopol selbst wurde im kollektiven Gedächtnis zu einer gleichsam heiligen Stätte erhoben. Die Verehrung der gefallenen Helden der Belagerung begann unmittelbar nach Kriegsende, nicht auf Initiative der Regierung und offizieller Kreise, sondern durch Schritte der Allgemeinheit: Familien und Gruppen von Veteranen ließen mit öffentlichen Spendengeldern Monumente errichten, Kirchen gründen, Friedhöfe anlegen und Wohltätigkeitsfonds stiften. Den Mittelpunkt dieses demokratischen Kultes bildete das Gedenken an die Admirale Nachimow, Kornilow und [...]

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Sewastopol selbst wurde im kollektiven Gedächtnis zu einer gleichsam heiligen Stätte erhoben. Die Verehrung der gefallenen Helden der Belagerung begann unmittelbar nach Kriegsende, nicht auf Initiative der Regierung und offizieller Kreise, sondern durch Schritte der Allgemeinheit: Familien und Gruppen von Veteranen ließen mit öffentlichen Spendengeldern Monumente errichten, Kirchen gründen, Friedhöfe anlegen und Wohltätigkeitsfonds stiften. Den Mittelpunkt dieses demokratischen Kultes bildete das Gedenken an die Admirale Nachimow, Kornilow und Istomin, die Volkshelden von Sewastopol. Sie wurden verklärt als »Männer des Volkes«, die sich dem Wohlergehen ihrer Soldaten gewidmet hätten und als Märtyrer bei der Verteidigung der Stadt gestorben seien. Im Jahr 1856 organisierte man einen nationalen Fonds, um die Errichtung eines Denkmals für die Admirale in Sewastopol zu finanzieren, und in vielen anderen Städten kam es zu ähnlichen Initiativen. Kornilow war die zentrale Gestalt zahlreicher Geschichtsschreibungen des Krieges. Nachimow, der Held von Sinope und praktisch ein Heiliger in der Folklore der Belagerung, erschien in Erzählungen und auf Drucken als unerschrockener und selbstloser Soldat, als Märtyrer für die heilige Sache des Volkes, der auf seinen Tod vorbereitet gewesen sei, als er bei der Musterung der Vierten Bastion niedergeschossen wurde. Ausschließlich durch private Finanzierung gründete man 1869 das Museum der Schwarzmeerflotte in Sewastopol. Die Menschenscharen, die am Eröffnungstag erschienen, konnten sich verschiedene Waffen, Geräte und persönliche Gegenstände, Manuskripte und Karten, Zeichnungen und Stiche ansehen, die man bei Veteranen gesammelt hatte. Es war das erste historische Museum mit derart öffentlichem Charakter in Russland.

Der russische Staat förderte das Andenken an Sewastopol erst in den späteren 1870er Jahren, zur Zeit des russisch-­türkischen Krieges, hauptsächlich infolge des wachsenden Einflusses der Panslawisten in Regierungskreisen. Diese offiziellen Initiativen galten jedoch Günstlingen des Hofes wie General Gortschakow und ließen den Volkshelden Nachimow im Grunde außer Acht. Unterdessen war der Admiral zum Symbol einer nationalistischen Volksbewegung geworden, die das Regime seinem eigenen Begriff der »Offiziellen Nationalität« unterordnen wollte, indem es Denkmäler für den Krimkrieg bauen ließ. Im Jahr 1905, einem Jahr der Revolution und des Krieges gegen Japan, wurde ein prächtiges Panoramabild mit dem Titel »Die Verteidigung von Sewastopol« in einem eigens dafür errichteten Museum am einstigen Standort der Vierten Bastion enthüllt, um den fünfzigsten Jahrestag der Belagerung zu begehen. Regierungsvertreter bestanden darauf, Nachimows Porträt durch eines von Gortschakow in Franz Roubauds lebensgroßem Gemäldemodell zu ersetzen, das die Ereignisse vom 18. Juni wiedergibt, als die Verteidiger von Sewastopol den Angriff der Briten und Franzosen zurückschlugen. Nachimow kam also nicht in dem Museum vor, das an genau der Stelle gebaut worden war, wo er seine tödliche Verwundung davongetragen hatte.

Das sowjetische Gedenken an den Krieg legte die Betonung wieder auf die Volkshelden. Nachimow wurde zum Sinnbild für das patriotische Opfer und das Heldentum des russischen Volkes bei der Verteidigung seiner Heimat – eine Propagandabotschaft, die im Krieg von 1941–1945 einen neuen Nachdruck erhalten sollte. Ab 1944 wurden sowjetische Marineoffiziere und Matrosen mit dem Nachimow­-Orden ausgezeichnet und in nach ihm benannten Kadettenanstalten ausgebildet. In Büchern und Filmen schilderte man ihn als Symbol des großen Führers, der die Menschen zum Kampf gegen einen aggressiven ausländischen Feind aufrief.

Die Dreharbeiten zu Wsewolod Pudowkins patriotischem Film »Admiral Nachimow« (1947) begannen im Jahr 1943, als Großbritannien mit der Sowjetunion verbündet war. In dem Rohschnitt des Streifens, der als sowjetisches Gegenstück zu Alexander Kordas Kriegsepos über Lord Nelson, »Lady Hamilton« (1941), geplant war, wurde die Rolle Großbritanniens als Feind Russlands im Krimkrieg verharmlost, während Nachimows Privatleben und seine Beziehung zu den Bewohnern von Sewastopol in den Vordergrund rückten. Doch im Lauf der Bearbeitung des Films zeigten die ersten Scharmützel des Kalten Krieges ihre Wirkung, zumal der Konflikt in den türkischen Meerengen und im Kaukasus, den Ausgangspunkten des Krimkriegs, seinen Anfang nahm. Seit Herbst 1945 arbeitete die Sowjetregierung auf eine Revision des Vertrags von Montreux (1936) über die Neutralität der Meerengen hin. Stalin verlangte eine gemeinsame sowjetisch­-türkische Kontrolle über die Dardanellen und die Abtretung von Kars und Ardahan an die UdSSR (diese Territorien hatte das zaristische Russland erobert, doch sie waren den Türken 1922 überlassen worden). Angesichts der Konzentration von sowjetischen Streitkräften im Kaukasus entsandten die Vereinigten Staaten im August 1936 Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer. Gleichzeitig forderte Stalin Änderungen an Pudowkins Film: Der Schwerpunkt verlagerte sich von Nachimow als Mann auf Nachimow als Militärführer gegen den ausländischen Feind; und Großbritannien wurde als Gegner Russlands dargestellt, der die Türken benutzt habe, um seine aggressiven imperialistischen Ziele im Schwarzen Meer zu verfolgen. Genau das Gleiche lastete Stalin den Amerikanern in der ersten Phase des Kalten Krieges an.

Einen ähnlichen patriotischen Kurs schlug der große Historiker der Stalin-­Ära, Jewgeni Tarle, in seiner zweibändigen Geschichte mit dem Titel »Der Krimkrieg« (1941–1943), in seiner Biografie »Nachimow« (1948) und seinem späteren Buch »Die Stadt des russischen Ruhmes. Sewastopol in den Jahren 1854/55« (1955) ein, das aus Anlass der Hundertjahrfeier veröffentlicht wurde. Tarle äußerte sich sehr kritisch über die zaristische Führung, doch er verherrlichte den patriotischen Mut und die Widerstandskraft des russischen Volkes. Es habe sich am Vorbild von Helden wie Nachimow und Kornilow orientiert, die ihr Leben für die Verteidigung Russlands gegen die »imperialistische Aggression« der Westmächte geopfert hätten. Die Tatsache, dass die Feinde Russlands im Krimkrieg – Großbritannien, Frankreich und die Türkei – nun sämtlich NATO-­Mitglieder und Gegner des 1955 gegründeten Warschauer Pakts waren, verlieh der sowjetischen Hundertjahrfeier zusätzliche Spannung.

Der Stolz auf die Helden von Sewastopol, der »Stadt des russischen Ruhmes«, bleibt eine wichtige Quelle der nationalen Identität, obwohl sie sich heute außerhalb Russlands befindet – ein Ergebnis der Übertragung der Krim an die Ukraine durch Nikita Chruschtschow im Jahr 1954 und der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991. Mit den Worten eines russischen nationalistischen Dichters:

Die Ruinen unserer Supermacht
Bergen ein Paradox der Historien:
Sewastopol – die Stadt der russischen Glorien –
liegt nicht auf russischen Territorien.

Der Verlust der Krim bedeutete einen schweren Schlag für die Russen, deren Nationalstolz nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs ohnehin zu leiden hatte. Nationalisten setzen sich energisch für die Rückkehr der Krim zu Russland ein, nicht zuletzt in Sewastopol selbst, das weiterhin eine russische Bevölkerungsmehrheit hat.

Die Erinnerungen an den Krimkrieg rühren noch heute tiefe Gefühle des russischen Stolzes und des Zornes auf den Westen auf. Im Jahr 2006 hielt das Zentrum des Nationalen Ruhmes von Russ­land – unterstützt von Wladimir Putins Präsidentschaftsverwaltung sowie dem Bildungs-­ und Verteidigungsministerium – eine Konferenz über den Krimkrieg ab. Die Schlussfolgerung der Konferenz, von den Organisatoren in einer Presseerklärung bekanntgegeben, lautete, dass der Krieg nicht mit einer Niederlage Russlands, sondern mit einem moralischen und religiösen Sieg, einem nationalen Akt der Opferung in einem gerechten Krieg, geendet habe; die Russen sollten das autoritäre Beispiel von Nikolaus I. ehren, den die liberale Intelligenzija unfairerweise verhöhnt habe, denn er sei zur Verteidigung der Interessen seines Landes gegen den Westen angetreten. Der Ruf von Nikolaus I., dem Mann, der die Russen gegen die Welt in den Krimkrieg führte, ist in Putins Russland also wiederhergestellt worden. Heute hängt auf Putins Befehl ein Porträt des Zaren im Vorzimmer des Präsidentenbüros im Kreml.

Orlando Figes

Über Orlando Figes

Biografie

Orlando Figes, geboren 1959 in London, lehrt Geschichte am Birkbeck College in London. Er ist nicht nur einer der besten Kenner der russischen Geschichte, sondern zugleich ein überragender Erzähler. Über sein preisgekröntes Meisterwerk »Die Tragödie eines Volkes« (1998; Neuausgabe 2008) schrieb der...

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