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Kommissar PaschaKommissar Pascha

Kommissar Pascha

Ein Fall für Zeki Demirbilek

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Kommissar Pascha — Inhalt

Rechte Lust hat Zeki Demirbilek auf seine neue Aufgabe nicht. Er soll Chef sein. Gerade er. Teamresistent und streitsüchtig, wie er ist. Und dann dieses Angebot! Jetzt, wo er Schluss machen wollte – mit Deutschland, mit München, mit all dem Mist, der ihn so nervt. Doch dann ziehen seine Kollegen eine grausam zugerichtete Leiche aus dem Eisbach – ein Türke, vermutlich. Hunderte Reißnägel stecken in der Brust des Toten, zu einem arabischen Schriftzug formiert: – »Teufel«. Der erste Fall für Zeki Demirbilek alias Kommissar Pascha und sein bayerisch-türkisches Team!

Erschienen am 01.03.2017
336 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31167-0
Erschienen am 01.03.2017
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97334-2

Leseprobe zu »Kommissar Pascha«

Prolog

Ziemlich genau vor einem Jahr fasste Kommissar Zeki Demirbilek einen Entschluss: Er wollte statt jeden Sonntag nur jeden zweiten Sonntag Schweinebraten essen. Zum einen wegen der Kalorien, zum anderen hatte er ein schlechtes Gewissen. Dem Münchner türkischer Abstammung war sehr wohl bewusst, mit den Essgewohnheiten gegen die Regeln seines Glaubens zu verstoßen.

Nur, er konnte nicht anders.

Obwohl seine Eltern Fatma und Zülfü ihrer Pflicht nachgekommen waren und ihren einzigen Sohn in die Koranschule schickten, wie es die Tradition verlangte. Bis [...]

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Prolog

Ziemlich genau vor einem Jahr fasste Kommissar Zeki Demirbilek einen Entschluss: Er wollte statt jeden Sonntag nur jeden zweiten Sonntag Schweinebraten essen. Zum einen wegen der Kalorien, zum anderen hatte er ein schlechtes Gewissen. Dem Münchner türkischer Abstammung war sehr wohl bewusst, mit den Essgewohnheiten gegen die Regeln seines Glaubens zu verstoßen.

Nur, er konnte nicht anders.

Obwohl seine Eltern Fatma und Zülfü ihrer Pflicht nachgekommen waren und ihren einzigen Sohn in die Koranschule schickten, wie es die Tradition verlangte. Bis zum zwölften Lebensjahr lernte Zeki, den Koran zu lesen, und wurde in religiösen Fragen unterrichtet. Das war ein selbstverständlicher Bestandteil seines Alltags. Bis zu dem Tag, an dem seine Eltern sein Leben auf den Kopf stellten.

Zeki kam nach Hause in die Karadeniz Caddesi, war unterwegs gewesen mit einem Plastikball und einer Horde kurzgeschorener Freunde. Seine Eltern erwarteten ihn in der Küche. Während er aus dem Kühlschrank eine eiskalte Flasche Leitungswasser holte, rückten sie mit der Neuigkeit heraus, dass sie nach Almanya gehen würden, um dort zu arbeiten. Er wollte nicht. Etwas Besseres als seine Heimatstadt Istanbul und sein Stadtviertel Fatih konnte er sich nicht vorstellen. Er war glücklich, war in der Schule einer der Besten, hatte gute Freunde, liebte seine Großeltern babaanne und dede, und natürlich die gleichaltrige Selma, seine ultraheimliche Freundin. Trotz Weinkrämpfen und Protesten erreichten die Demirbileks drei Wochen später mit dem Nachtzug Augsburg, wo seine Eltern eine Anstellung als Lehrkräfte für türkischen Heimatunterricht antraten. Zwei Jahre Auslandserfahrung, die deutsche Sprache perfektionieren, Deutschmark sparen, wieder zurück nach Istanbul, so die Lebensplanung. Zeki hatte heute noch das Tuscheln und hämische Kichern seiner damals neuen Mitschüler im Ohr, als er sich in gebrochenem Deutsch der Klasse vorstellte. Nach zwei Jahren im beschaulichen Augsburg folgte der Umzug nach München. Dort bezogen die Demirbileks in einer Hochhaussiedlung in Neuperlach eine Zweizimmerwohnung. Zeki dachte gerne an jene Zeit zurück. Dort fanden sich Kinder in seinem Alter, die ausländisch wie er aussahen und Türkisch sprachen; die Jungs konnten mit den Spielernamen seines Vereins Fenerbahçe etwas anfangen. Es war ein bisschen wie in Istanbul, auch wenn ihm Selma sehr fehlte und natürlich seine Großeltern, mit denen er von Geburt an unter einem Dach gelebt hatte. Nach bereits einem Jahr erfolgreicher Assimilation an die deutschen Verhältnisse wechselten sie in das schicke Viertel Haidhausen. Der soziale Aufstieg erlaubte der Familie eine schöne Wohnung mit drei Zimmern und Balkon. »Bak oğlum, noch ein Jahr, dann haben wir genug gespart …« Dieser Satz seines Vaters hatte sich für alle Zeiten in Zekis Kopf festgesetzt. Jahr für Jahr bekam er ihn zu hören. Im fünften Jahr zog er sich wortlos in sein Zimmer zurück. Ihm war klar, dass seine Eltern nicht zurückkehren würden. Fieberhaft tüftelte er zu jener Zeit an einem Handschriften-Analysesystem, um einen Übeltäter auf dem Gymnasium zu überführen. Der Unbekannte hatte an die Wand im Pausenhof eine Preisliste gekritzelt, um sexuelle Dienste einer Mitschülerin zu bewerben. Nachdem er den Schmierfink tatsächlich ausfindig gemacht hatte, die Bestrafung jedoch ausblieb, weil er der Sohn des Direktors war, holte Zeki aus dem Keller den orangefarbenen Autolack, den sein Vater für den Opel Kadett gekauft hatte. Es waren noch vier Wochen bis zu den Abiturprüfungen. Zekis Leistungen in Chemie, Physik und Wirtschaft waren nicht überzeugend. Er war renitent. Hatte eine ungezügelte Streitlust, immer dann, wenn es gegen seine türkische Heimat ging oder Ungerechtigkeiten als Selbstverständlichkeit hingenommen wurden. So sprayte er an die Wand die orange leuchtende Mitteilung: »Dirk Kauzner bläst Schwänze. Unkostenbeitrag 5 DM.« Dirk Kauzner war der Sohn des Direktors. Und nach alter Familientradition trug Dirk denselben Vornamen wie sein Vater.

Nach dem Vorfall stellte der vor Wut schäumende Vater seinen Sohn Zeki zur Rede: »Hast du dich anständig auf das Abitur vorbereitet?«

Als keine Antwort kam, holte der Vater tief Luft.

»Nein! Hast du nicht! Du hast die letzten Wochen damit verbracht, den schamlosen Jungen zu überführen.«

Zeki nickte.

»Hat dir das Freude gemacht?«

Zeki nickte erneut.

»Gut, dann nehme ich dich vom Gymnasium. Du bewirbst dich an der Polizeischule, mittlerer Dienst«, entschied sein Vater.

Am Abend nach der erfolgversprechenden Abschlussprüfung an der Polizeischule ging Zeki mit seinen Schulkollegen das erste Mal in seinem Leben Schweinebraten essen. Erst damit, so wurde ihm viele Jahre später bei der Beförderung zum Kommissar klar, hatte er die Prüfung wirklich bestanden und fühlte sich als Absolvent der bayerischen Polizeischule – wenngleich er bei aller Liebe zu München seine türkischen Wurzeln nie leugnete.

 

1

Süleyman Güzeloğlu, soeben von München in Istanbul gelandet, hatte den Ort für das Treffen vorgeschlagen: ein privat geführter Hamam auf dem Dach eines Wolkenkratzers mit Blick über die atemberaubende Skyline der Metropole. Für zwei Stunden gehörte an diesem späten Nachmittag das türkische Luxusbad im Medien- und Finanzviertel Levent ihm und seinem Geschäftsfreund. Die zwei älteren Herren galten als unangefochtene Patriarchen ihrer Familienunternehmen und waren auf dem Papier reich wie Aladin zu seinen besten Zeiten. Für den grauhaarigen Güzeloğlu war Istanbul kein Ort alter Gemäuer, für ihn war seine Heimatstadt aufstrebendes Wirtschaftszentrum, das als Brücke zwischen Okzident und Orient einer blühenden Zukunft entgegensah. Ganz anders als er selbst. Süleyman Güzeloğlu hatte Darmkrebs. Er litt unter schrecklichen Schmerzen und spürte, dass sein Tod nahte. Er konnte auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken. Mit dem Verkauf von Döner in Deutschland und ­Österreich war er reich geworden. Da Allah trotz seiner Güte und Barmherzigkeit ihm nur eine Tochter und keinen Sohn geschenkt hatte, wollte der kranke Güzeloğlu mit einer strategischen Allianz sein Imperium Döner Delüks über seinen Tod hinaus in guten Händen wissen.

Sein dafür vorgesehener Geschäftspartner und betagter Freund Furat Firinci wurde gerade auf einem steinernen Bett von einem dickleibigen Mann durchgeknetet. Nun bedeutete er dem Masseur jedoch, aufzuhören, setzte sich auf und sah ihn an.

»Süleyman, mein Freund, wenn mein ältester Sohn Uğur deine Tochter Gül heiratet, dann ist das zum Wohle beider Unternehmen. Ich will in Europa mit meiner Firma Fuß fassen. Du willst die Leitung von Döner Delüks einem fähigen, modern denkenden Manager übertragen.«

Süleyman Güzeloğlu schwitzte in dem dampfigen Raum. Eigentlich hatten sie alles besprochen, was es im Vorfeld zu klären gab. Die Anwälte von Firincis Good Döner Food und seine Anwaltskanzlei hatten das umfangreiche Vertragswerk, was sowohl die Belange der Firma als auch die Bedingungen der geplanten Ehe betraf, hinlänglich diskutiert und zur Unterschriftsreife formuliert. Er hörte weiter zu, ohne seine Irritation zu zeigen.

»Was über deine wunderschöne und kluge Tochter Gül geredet wird, interessiert mich nicht. Die Zeitungen füllen Seite um Seite mit Schmutz und Widerwärtigkeiten. Ich gebe darauf nichts, das weißt du. Auch wenn mir klar ist, dass die Skandale für dein Geschäft in Deutschland von Vorteil sind.«

Süleyman Güzeloğlu griff zu einer Mandarine und begann, sie langsam schälen. Er kannte Furat Firinci lange genug. Er wusste, dass sein alter Freund genau das Gegenteil von dem meinte, was er sagte. Er schwieg.

»Seit zwei Nächten schlafe ich nicht gut, Süleyman. Ich träume wirr.« Furat sah zur Decke, in Gedanken bei den Träumen, die ihn plagten. »Hilf mir, meine Sorgen zu vertreiben.«

Süleyman schluckte das saftige Fruchtfleisch herunter und fixierte seinen Freund.

»Bevor wir unsere Kinder verheiraten und mit Allahs Hilfe ein gemeinsames Freudenfest feiern, muss mit den Skandalen deiner Tochter Schluss sein. Erlaube mir, einen Vorschlag zu machen.«

»Mit Allahs Hilfe … Ich höre, mein Freund«, erwiderte der alte Güzeloğlu mit Bedacht.

»Ich habe jemanden an der Hand, den ich nach München schicken möchte. Er soll – mit deinem Einverständnis – Gül beobachten. Ich will erfahren, was nicht in den Zeitungen steht. Ich will wissen, ob sie für die Ehe mit meinem Sohn bereit ist«, sagte Firinci mit fester Stimme und hielt einen Moment inne. »Kannst du meinen Wunsch nachvollziehen?«

Diese letzte Prüfung darf ich nicht ausschlagen, sagte sich der todkranke Güzeloğlu. Er war froh, endlich den Grund für das Treffen in Istanbul erfahren zu haben, und betete, dass Allah ihm so viel Zeit zugestand, seine Tochter auf den rechten Pfad zu bringen. Seine Antwort fiel so aus, wie von ihm erwartet wurde: »Natürlich verstehe ich dich, Furat, mein Freund. Die Ehre meiner Familie ist mir genau so heilig wie dir.«

»Gut, dann sind wir uns einig. Um den Rest brauchst du dich nicht zu kümmern. Die Auslagen für den Mann verrechnen wir in unseren Bilanzen«, entgegnete Furat, froh über das schnelle Einverständnis. Dann stand er auf und nahm im Sessel neben seinem müden Freund Platz.

»Wen willst du schicken?«, fragte Güzeloğlu nebenbei und bot ihm eine frische Feige an.

Furat lehnte dankend ab, trank dafür aber einen Schluck von seinem Gin Tonic.

»Was nützt es dir, wenn du weißt, wer er ist? Ich setze den Mann bei allen großen und wichtigen Geschäften ein. Er hat mich bisher nie enttäuscht. Das Komische ist, ich habe ihn selbst noch nie getroffen«, erklärte er und lachte vergnügt auf. »Er wird Alman genannt. Wegen seiner Tugenden. Seine Dienste verrichtet er ordentlich und gründlich. Das passt zu Deutschland, meinst du nicht auch?«

Güzeloğlu zuckte zusammen. In Furats Worten lag eine gewisse Drohung. Er nahm alle Kraft zusammen und antwortete unbekümmert: »Dein geheimnisvoller Mann wird dir nichts anderes berichten können, als dass Gül noch Jungfrau ist. Darum geht es dir doch, nicht wahr?«

»Du hast recht, Süleyman, genau darum geht es mir«, machte Furat deutlich. »Das Fundament meines Geschäfts ist die Tradition. Mein Sohn Uğur heiratet ein unversehrtes Mädchen oder gar nicht.«

»Aber natürlich, dein Sohn wird meine Tochter als Jungfrau zum Imam führen«, erwiderte Güzeloğlu voller Überzeugung und entschuldigte sich abrupt, um die Toilette aufzusuchen. Dort übergab er sich. Lautlos, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Das Morphin, das ihm sein Leibarzt Dr. Bower für die Reise mitgegeben hatte, vertrug er immer schlechter.

 

2

Dampfschwaden strömten aus den Öffnungsschächten. Weißes, grelles Licht vermischte sich mit roten Spotlights, die wie Finger über den Körper der Frau auf der Bühne wanderten.


Das Speed in der Maximilianstraße – Prachtmeile und Luxusoase für Besserverdienende – übertraf den Ruf des legendären P1 am Haus der Kunst seit einigen Monaten. Wer dort hereinkam, war mehr als angesagt in der High Society Münchens. Ein knallharter Türsteher, der nach Gutdünken selektierte, gehörte der Vergangenheit an. Ein im Unterarm implantierter Minichip war die Eintrittskarte für den elitären Club.

Gül Güzeloğlu, die vierundzwanzigjährige Tochter des Dönerunternehmers Süleyman Güzeloğlu, hatte den Chip mit der Codenummer 003. Von Anfang an sorgte sie mit Auftritten und Skandalen aktiv für den guten schlechten Ruf des Clubs. Sie verlangte kein Geld dafür. Davon hatte sie genug. Nur die horrende Rechnung über die Unmengen Wasser, die sie in sich hineinschüttete, war sie nicht gewillt zu zahlen. Die normalen Gäste erledigten das leidige Begleichen der Rechnung durch einfaches Hochhalten des Chip-Arms. Der Scanner erledigte den Rest. PayPal oder Kreditkarte. Dem System war das egal.

Es war Donnerstag. Karaoke-Night. Güls Vater war auf Geschäftsreise in Istanbul. Sie nutzte die letzten Tage Freiheit vor ihrer Verheiratung und hatte sich von Metin Burak, dem alten Freund ihres Vaters und seit fünf Jahren ihr Chauffeur, in den Club fahren lassen. Für ihren Auftritt hatte sie sich Paparazzi von Lady Gaga ausgesucht. Der Popsong dröhnte über die versteckte Lautsprecheranlage durch den vollbesetzten Club. Fotografieren war verboten. Handys und sonstiger elektronischer Schnickschnack mussten an der Garderobe abgegeben werden. Wer sich nicht daran hielt und erwischt wurde, flog raus. Den Chip unter der Haut entfernte eine Ärztin im Krankenschwester-Look mit einer Saugpistole. Ein Pieks – und man war verbannt aus dem Szenelokal. Trotzdem drangen heimlich geschossene Fotos und Filmchen aus dem Club an die Öffentlichkeit. In der Regel zahlten Online-Portale ordentlich für Exklusivrechte an blanken Brüsten, besoffenen Stars oder vermeintlich kopulierenden Paaren in den blitzblank gereinigten Toilettenfluchten.

Gül Güzeloğlus Ruhepuls lag morgens um die achtzig Schläge pro Minute. Wenn sie wie jetzt mit dem fast durchsichtigen, weiß fluoreszierenden Ganzkörperanzug auf der Bühne tanzte, bewegte sich der Puls bei neunzig. Sie genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Sie genoss es, als Frau wahrgenommen zu werden. Ihre Reize auszuspielen. Empfand es als Privileg, als Frau auf die Welt gekommen zu sein, und hielt ihre Weiblichkeit für etwas Göttliches. Sie liebte erotische Spiele und damit Männer wie Frauen gleichermaßen zu provozieren. Für Gül kam es einer sportlichen Herausforderung gleich, in die erogenen Gehirnzonen ihrer Mitmenschen vorzudringen. Die Kunst des Betörens und des Begehrtwerdens hatte sie sich von orientalischen Bauchtänzerinnen abgeschaut. Für Gül waren die hüftschwingenden Frauen Künstlerinnen. Sie verströmten unnahbare Weiblichkeit mit jeder Geste, mit jedem Wimpernschlag, mit jeder Zuckung des verhüllten Körpers. Sex passierte im Kopf und endete für Gül auch dort. Sie war Jungfrau. Aus Überzeugung.

 

Die Menge tobte und klatschte. Lasziv ließ Gül das schnurlose, wie ein Dildo geformte Mikrofon über die sich abzeichnenden Brustwarzen kreisen. Am Ende des Lieds spreizte sie die Beine und stieß das Mikrofon zwischen ihnen hindurch. Unter der ­neon­weißen Perücke erstrahlte ihr zufriedenes, verschwitztes Gesicht; ihre Augen glänzten im Scheinwerferlicht. Kaum jemand merkte beim Schlussapplaus, wie sie für eine Sekunde erschrak. Sie hatte jemanden im Publikum entdeckt, der niemals hätte Einlass in den exklusiven Club finden dürfen. Sie verbeugte sich und verließ hastig die Bühne.

 

Der Mann, der Gül derart aus der Fassung gebracht hatte, hörte auf den Namen Stefan Tavuk. Er war Mitte dreißig, der Körper gezeichnet von zwanzig Stunden Fitnessprogramm in der Woche. Das hellbraune Haar färbte er mit einer Spezialtönung naturblond. Stefan Tavuk beobachtete, wie Gül an der Schlange wartender Frauen vorbeiging und in die Toilette verschwand. Er lehnte sich an die Wand in der Nähe und nippte an seinem Whisky-Cola. Dreiundzwanzig Euro. Eine stolze Summe, fand er, aber schon bald würde er mit den irrsinnigen Preisen kein Problem mehr haben. Dann sah er nervös auf die Uhr. Er fragte sich, wo Bülent abgeblieben war, ob er überhaupt noch kommen würde? Pünktlichkeit war nicht die Stärke seines Partners.

Endlich trat Gül aus der Toilette und huschte an den gaffenden Frauen vorbei. Sie hatte die grelle Bühnenschminke gegen weniger auffälliges Make-up getauscht. Ein weißer Büstenhalter bedeckte ihre Brüste, Ärmel und Hosenbeine des Ganzkörperan­zuges waren hochgekrempelt. Die Lady-Gaga-Perücke hielt sie zusammengeknüllt in der Hand, als Stefan Tavuk sich ihr in den Weg stellte.

»Gül hanım«, sprach Tavuk sie auf Türkisch an.

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich mit einem Schlag. Mit hasserfüllten Augen spie sie dem Mann entgegen: »Sie haben bekommen, was Sie wollten. Lassen Sie mich in Ruhe!«

»Ich muss aber wissen, wo Bülent Karaboncuk ist. Er wollte mit Ihnen unsere Angelegenheit besprechen. Er hat sich nicht gemeldet, und ich erreiche ihn nicht«, entgegnete er kleinlaut.

»Sie meinen Ihren Scheißpartner? Das Schwein kann mir gestohlen bleiben, er ist nicht zur Verabredung gekommen«, zischte Gül zurück und fuchtelte mit der Perücke vor seinem Gesicht herum. Dann ließ sie ihn einfach stehen und bahnte sich ihren Weg zur Bar. Das Quellwasser aus den Pyrenäen trank sie in einem Zug direkt aus der Flasche. Als sie sich umdrehte, stellte sie erleichtert fest, dass der Mann verschwunden war.

Spät nach Mitternacht kauerte Gül auf dem Beifahrersitz der Mercedes-Limousine, statt wie üblich hinten auf dem komfortablen, lederbezogenen Rücksitz Platz zu nehmen. Der alte Chauffeur war wieder einmal betrunken und nicht in der Lage, selbst den Wagen zu fahren. Sie war froh, dass er Ahmet geschickt hatte, um sie abzuholen. Sie mochte den Mann mit dem jugendlich wirkenden Gesicht und den unschuldigen Augen. Es war der unbekümmerte, scheue Blick, der sie in den Bann gezogen und seit der ersten Begegnung nicht mehr losgelassen hatte. Ob sie verliebt war in den schüchternen, in sich gekehrten Mann, konnte sie nicht mit Gewissheit sagen. Erschöpft nahm sie Ahmets freie rechte Hand in die ihre. Die zärtliche Berührung half ihr, auf der Heimfahrt durch das nächtliche München einzuschlafen.

Ahmet stoppte den Wagen am Anwesen der Güzeloğlus, ohne seine Dienstherrin zu wecken. Leise holte er seine Mini-Polaroidkamera aus dem Handschuhfach und machte ein Foto von der schlafenden Frau, die zu lieben ihm verboten war.

 

3

Am nächsten Tag verhieß die Morgensonne einen herrlichen Sommertag. Es war Freitag. Seit acht Uhr morgens saß Kommissar Zeki Demirbilek hinter seinem Schreibtisch im dritten Stock, wo für das neugegründete Sonderdezernat Migra Büroräume freigeräumt worden waren. Wie gewohnt war er um Viertel vor sieben aufgestanden, hatte çay gemacht, den Sportteil der Hürriyet und der Süddeutschen Zeitung überflogen, dazu einen Buttertoast gegessen und war anschließend zum Münchner Polizeipräsidium gefahren. Sein Arbeitsweg von seiner Wohnung in der Weilerstraße bis zum Marienplatz dauerte, dank der guten Verkehrsanbindung, zum Glück nur zwanzig Minuten.

Noch hatte er etwas mehr als zwei Stunden Zeit bis zum Termin mit dem Anwalt seiner Frau. Zeki schob den lästigen Gedanken beiseite und wunderte sich lieber darüber, es geschafft zu haben. Er war jetzt Chef. Auch wenn er das nie hatte werden wollen. Mit nicht einmal vierzig war er auserkoren worden, Leiter dieses Sonderdezernats zu werden. Er hatte zunächst nicht verstanden, was das Ganze sollte. Sein Chef, Kommissariatsleiter Franz Weniger, den Zeki gerne mit einem Pitbullterrier in Gestalt eines Dackels verglich, hatte ihm mit jovialem Lächeln erklärt, dass er Kapitalverbrechen aufklären solle, und zwar solche, bei denen Täter und Opfer mit Migrationshintergrund eine Rolle spielten. Zekis ausgeprägt pragmatischer, bisweilen aber auch etwas be­häbiger Charakter ließ keinen anderen Entschluss zu, als den Posten anzunehmen. Das war genau vor einer Woche gewesen.

Nun saß er alleine vor einem Berg Fälle, die allesamt in irgend­einer Weise mit Migranten in Verbindung standen. Der Stapel auf seinem Schreibtisch hatte eine Höhe erreicht, die ihn dazu bewog, Allah zu ersuchen, dass seine beiden neuen Mitarbeiterinnen arbeitswillig waren. Die junge Deutschtürkin, die am Montag anfangen sollte, kannte er noch nicht, weil Weniger bei einer seiner Dienstfahrten nach Berlin das Bewerbungsgespräch geführt hatte. Kriminalmeisterin Isabel Vierkant kannte er zwar schon vom Sehen, doch er war später noch mit ihr zu einem Gespräch verabredet. Mal abwarten, wie sie sich macht, dachte er und griff widerwillig zur nächsten Akte, als es an der Tür klopfte.

»Ja, bitte«, rief er, ohne den Blick von den Ausführungen über einen Banker zu heben, der türkischstämmige Anleger mit fiktiven Anleihen prellte. Anleihen für ein neues Hotel in Antalya. Nicht gerade originell, fand Demirbilek, sicher aber ein einträg­liches Geschäft. Schließlich sah er doch hoch, zwei Arbeiter in Blaumännern standen mit einem Schränkchen vor ihm.

»Wohin damit?«, fragte der Größere freundlich.

Zeki trat zu ihnen. Er öffnete und schloss die erste Schublade des Schränkchens, tat dasselbe mit der zweiten und schüttelte dann den Kopf. »Ich wollte eines mit drei Schubfächern.« Er nahm wieder Platz und stapelte den Anlagebetrüger auf den Haufen mit den abgewiesenen Fällen. »Und keines mit zweien. Nehmen Sie es bitte wieder mit.«

»Das ist nicht Ihr Ernst, oder?«, fragte der andere der beiden, während er sich eine Zigarette drehte.

»Doch. Und wenn Sie mein Büro nicht in zehn Sekunden verlassen haben, stehe ich noch mal auf«, drohte der Kommissar, ohne aufzublicken. Der Zigarettendreher feuchtete sein Papier an und nickte seinem Kollegen zu. Die beiden Männer nahmen das Möbel und verschwanden wieder. Zekis Ansprüche waren nicht hoch, aber das Schränkchen war ihm wichtig. Er hatte eine stattliche Sammlung Stofftaschentücher und sich zur Gewohnheit gemacht, täglich drei frische im Anzug bei sich zu tragen. Ganz gleich, ob er privat oder beruflich unterwegs war. Diese Angewohnheit erforderte einen gewissen Grundstock an Tüchern, die es zu waschen, pflegen und sortieren galt. Zu Hause hatte er einen einfachen, weißen Schrank mit drei Schubladen. Das half, den Überblick zu behalten, deshalb wollte er auch hier einen mit drei Fächern. Er vermutete, dass sein dede an dieser Marotte schuld war. Der alte Querkopf war stets mit seinem Stofftaschentuch zur Stelle gewesen, um damit erst sich und dann seinem kleinen Enkel die Nase zu putzen.

Seit er das neue Dezernat vor zwei Tagen offiziell übernommen hatte, wurde er mit Delikten überschwemmt. Der klassische Einbrecher aus Rumänien, die Bande polnischer Herkunft, die auf Beschaffung diebstahlsicherer Luxusautos spezialisiert war, Schweizer, die zum Prügeln nach München kamen. Natürlich Kurden und Türken, die sich mit Glücksspiel und häuslicher Gewalt hervortaten. Sogar einen Zechpreller mit italienischem Namen, der sich als ehemaliger hessischer Polizist entpuppte, wollten sie ihm unterjubeln. Zeki Demirbilek blieb gelassen. Er nahm jeden Hinweis ernst, studierte wie an diesem Morgen jeden Fall auf das genaueste, lehnte ab und leitete die Fälle an die zuständigen Kollegen weiter. Sehr zu deren Missmut, hofften sie doch auf Entlastung durch den Migrationsspezialisten. Demirbilek aber bestand auf die nötige Schwere des Verbrechens. Ihm war klar, dass bei der Ermittlungsarbeit Wissen und Kenntnis kultureller Denkweisen und Eigenheiten förderlich sein würden. Doch ob der überführte Täter einen deutschen Pass hatte oder nicht, war nicht von entscheidender Bedeutung. Wenn der politische Wille sich einen Luxus wie die Migra leisten wollte, dann wollte er den Luxus auch auskosten. Wenige Fälle, die aber lösen. Die Statistik musste stimmen, sein Sonderdezernat gute Polizeiarbeit leisten. Deshalb nahm er sich vor, es sich nicht zu heimisch im Büro zu machen. Yavaş, yavaş – immer schön langsam.

Der Kommissar sah auf seine Armbanduhr. Die Zeiger näherten sich halb elf. Es wurde Zeit, zu seinem Anwaltstermin aufzubrechen, dachte er. Schnell richtete er seine Krawatte und kontrollierte die drei Taschentücher. Eines rot-blau gestreift, das andere grün-gelb kariert und das dritte weiß mit Stickereien, ein Geschenk von seiner Tochter, glaubte er sich zu erinnern.

Su Turhan

Über Su Turhan

Biographie

1968 verschlägt es den in Istanbul geborenen Su Turhan von der Bosporusmetropole ins niederbayerische Straubing. Nach dem Studium der Neuen Deutschen Literaturwissenschaft an der LMU München beginnt er Drehbücher zu schreiben und arbeitet als Regisseur, unter anderem für sein Liebesdrama »Ayla«,...

Weitere Titel der Serie »Kommissar-Pascha-Reihe«

Kommissar Pascha, der in München mit seinem Team ermittelt, ist, wie der Autor selbst, ein Wanderer zwischen den Welten. Ihm ist türkisch sein genauso wichtig wie deutsch sein. Su Turhans Eltern zählen zu den ersten türkischen Einwanderern in Deutschland, genauer gesagt, in Straubing. Heute arbeitet Su Turhan erfolgreich als Regisseur.

Pressestimmen

AZ München

»Eine prima Reihe«

Neue Westfälische

»lesenswert«

Abendzeitung München

»Zeki Demirbilek ist ein Wandler zwischen bayerischen Grantlertum und der türkischen Art, das Leben zu umarmen.«

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