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Komm doch näherKomm doch näher

Komm doch näher

Thriller

Taschenbuch
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Komm doch näher — Inhalt

»Ein erstklassiger Psychothriller - wohlig-schauderndes Nägelkauen garantiert.« Observer

Rowan und Marianne waren beste Freundinnen, nichts konnte sie trennen. Rowan fand durch Marianne sogar die Familie, die sie selbst nie hatte - bis es vor zehn Jahren zum großen Zerwürfnis kam. Seitdem haben sie nichts mehr voneinander gehört. Und jetzt ist Marianne tot. Angeblich ein tragischer Unfall, sie muss vom Dach ihres Hauses gestürzt sein. Rowan kann es nicht glauben: Ihre Freundin hatte extreme Höhenangst, niemals wäre sie freiwillig aufs Dach gestiegen. Was ist in den letzten Jahren mit Marianne, inzwischen eine berühmte Malerin, geschehen? Was haben ihre beunruhigenden Gemälde, auf denen verschwindende Frauen zu sehen sind, zu bedeuten? Je tiefer Rowan in das Dickicht von Mariannes Geheimnissen eindringt, desto mehr droht sie sich in ihm zu verlieren. Denn es deutet immer mehr darauf hin, dass der Tod mit ihrem Zerwürfnis von damals zu tun hat ...

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 01.02.2017
Übersetzt von: Anke Grube, Elvira Willems
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1086-7
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.02.2017
Übersetzt von: Anke Grube, Elvira Willems
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7900-8

Leseprobe zu »Komm doch näher«

Prolog

Noch bevor sie die Tür öffnet – bevor sie auch nur einen Fuß auf die Auffahrt setzt –, ist sie auf der Hut. Sie weiß, dass er da ist, er hatte es ihr gesagt, und doch liegt das Haus im Dunkeln. Wenn er aus irgendeinem Grund weggemusst hätte, hätte er eine SMS geschickt – Bin kurz Wein kaufen. Zehn Minuten –, aber als sie ihr Handy überprüft, ist da keine Nachricht.

Der Mond gleitet in eine Lücke zwischen den Wolken und schickt einen flüchtigen Strahl über die blinden Augen des Hauses. Es ist noch früh, nicht mal sieben, doch die Straße liegt so [...]

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Prolog

Noch bevor sie die Tür öffnet – bevor sie auch nur einen Fuß auf die Auffahrt setzt –, ist sie auf der Hut. Sie weiß, dass er da ist, er hatte es ihr gesagt, und doch liegt das Haus im Dunkeln. Wenn er aus irgendeinem Grund weggemusst hätte, hätte er eine SMS geschickt – Bin kurz Wein kaufen. Zehn Minuten –, aber als sie ihr Handy überprüft, ist da keine Nachricht.

Der Mond gleitet in eine Lücke zwischen den Wolken und schickt einen flüchtigen Strahl über die blinden Augen des Hauses. Es ist noch früh, nicht mal sieben, doch die Straße liegt so still und verlassen da, dass es ebenso gut weit nach Mitternacht sein könnte. Die einzige Bewegung kommt vom Wind, der die Blätter des Kirschlorbeers erzittern lässt und im dünnen Geäst der Weide raschelt, die ihre Krone über die Einfahrt beugt.

Sie sieht über die Schulter, dann knirschen ihre Schritte über den Kies, und sie geht die Stufen zur Haustür hinauf. Die Kutschenlampe brennt nicht, also tastet sie in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln. Die Haustür lässt sich seltsam schwer öffnen, als drückte von der anderen Seite jemand dagegen. Als sie die Tür hinter sich schließen will, ist es, als ob ein Windstoß aus dem Inneren des Hauses kommt und sie zudrückt. In der Stille ist das Geräusch ohrenbetäubend.

Das bildet sie sich nicht ein, der Wind kommt tatsächlich aus dem Haus. Irgendwo muss ein Fenster offen sein, aber wo? Nicht vorn, das wäre ihr aufgefallen. Aber warum hatte er überhaupt ein Fenster geöffnet? Draußen ist es unter null Grad.

Irgendetwas ist passiert. Sobald ihr der Gedanke kommt, weiß sie, dass es stimmt.

»Hallo?«

Sie schaltet das Licht ein, und der Flur nimmt Gestalt an. Der kalte Luftzug, erkennt sie, kommt von oben. Vom Fuß der Treppe ruft sie hoch, aber wieder kommt keine Antwort. Die Tür zum Wohnzimmer steht offen, und sie schlägt mit der Hand auf den Lichtschalter, geht rasch zum Kamin und greift nach dem Schürhaken.

Auf dem Treppenabsatz ballt sich die Angst wie eine Faust in ihrem Magen zusammen. Die kalte Luft kommt von ganz oben. Aus dem Atelier. Sie steigt die letzte Treppe hinauf, ihr Puls rast, das Blut hämmert in ihren Schläfen.

Das Mondlicht fällt auf das Durcheinander von Zeichnungen auf dem Arbeitstisch und am Boden. Als sie die offene Dachluke entdeckt und die Trittleiter darunter, fällt der Schürhaken mit lautem Scheppern zu Boden. Ihr ist fast übel vor Angst, aber ein Einbruch, selbst ein Eindringling im Haus, ist nicht mehr das, was sie am meisten fürchtet.

Mit zitternden Händen macht sie sich daran, die Leiter hochzusteigen.

Er wartet oben auf sie. Er steht breitbeinig da, und aus ihrer Perspektive sieht er aus wie ein Riese. Der Wind reißt an dem Blatt in seiner Hand, doch sie braucht es nicht zu sehen, um zu wissen, was es ist. Sie hat ihn für immer verloren, so viel ist klar – sein Gesicht ist verschlossen. Hart. Rachedurstig.

Das Papier flattert im Wind. Es gibt nichts, was sie nicht tun würde, buchstäblich nichts, dafür, dass es ihm aus den Händen gerissen und für immer aus seinem Gedächtnis gelöscht würde. Wenn sie die Zeit nur um einen einzigen Tag zurückdrehen könnte.

Hinter ihm ist die Dachkante. Sie kann die Macht des Abgrunds spüren, das Kraftfeld, das von ihm ausgeht, den unheimlichen Sog. Die Dachkante ist so nackt, so völlig ungesichert – ein Sturz aus dieser Höhe, da ist der Tod so gut wie sicher. Er bemerkt ihren Blick und tritt zur Seite.

»Tu es«, sagt er.

 

1

Die eingepackten, noch warmen Fish & Chips unter den Arm geklemmt, stocherte Rowan hektisch mit dem Schlüssel im Schloss herum. »Komm schon!« Sie zog den Schlüssel heraus und stieß ihn wieder ins Schloss, da erlosch das Licht im Hausflur und tauchte ihn in Dunkelheit. Im selben Augenblick hörte sie das erste Schrillen ihres Klingeltons.

»Auch das noch!« Sie ließ den Schlüssel stecken und holte ihr Handy aus der Tasche. Das Display war ein helles Rechteck in der Dunkelheit. Eine Londoner Nummer, die ihr aber unbekannt war. »Ja?« Ihre Ungeduld machte sie schroff.

»Rowan?«

Diese Stimme hatte Rowan lange nicht mehr gehört – zehn Jahre –, aber sie erkannte sie sofort. Der Klang war wie aus einer anderen Welt, schien durch Zeit und Raum zu gleiten, Licht von einem weit entfernten Stern. Ihr Herz machte einen Satz wie ein Schlag gegen das Brustbein. Es dauerte einen Augenblick, bevor sie sprechen konnte.

»Jacqueline?«

»Ja. Ja, ich bin’s. Oh, ich bin ja so froh, dass ich dich erwischt habe – Gott sei Dank. Ich wusste nicht, ob du noch unter dieser Nummer erreichbar bist – du warst nicht in ihrem Telefonverzeichnis gespeichert. Ich habe ein altes Adressbuch gefunden, aber die meisten Einträge darin sind nutzlos – alle sind umgezogen oder haben eine neue Nummer oder …«

»Ich nicht.« Rowans Magen krampfte sich zusammen, und trotz der Kälte stand plötzlich Schweiß auf ihrer Stirn. Marianne war etwas zugestoßen. »Wie geht es dir? Wie …«

Ein Wehklagen kam durch die Leitung, ein einziger schneidender Laut. Er wollte und wollte nicht enden, in Wahrheit waren es sicher gerade mal fünf oder sechs Sekunden, doch Rowan kam es vor wie eine Ewigkeit. Sie kannte diesen Laut, sie wusste, wie sich die Zeit dehnte, wenn man ihn ausstieß, unwesentlich wurde, ein Witz. Nach einem schmerzlichen Verlust, der einen aushöhlte und sich nie ungeschehen machen ließ.

»Ich bin … untröstlich«, sagte Jacqueline, als würde sie die wahre Bedeutung des Wortes zum ersten Mal begreifen. Dann, nach einer Pause: »Marianne ist tot, Rowan.« Wieder der Laut, der unheimliche, schreckliche Ton. »Sie ist vom Dach in den Garten gestürzt. Sie hat sich das Genick …«

Ein kurzes Aufblitzen, der Boden gab unter ihr nach, und dann das entsetzliche Bild eines Menschen in freiem Fall.

Weinend sprach Jacqueline weiter. »Es ist am Sonntagabend passiert, im Schnee, aber gefunden wurde sie erst Montagmorgen. Sie hat die ganze Nacht da draußen im Dunkeln gelegen. Sie war völlig durchnässt – eiskalt. Ihre Haut – Rowan, man hat mir gesagt, ihre Finger seien erfroren. Ich ertrage den Gedanken daran nicht, aber ich kann nicht aufhören …« Sie brach ab und begann, verzweifelt zu schluchzen.

Mariannes Hände – die langen Finger mit den Nägeln, die sie kurz hielt, um besser arbeiten zu können, stets mit Tusche oder Farbe beschmiert. Ihre Hände – erfroren, weiß. Leblos. Rowan schloss die Augen, als Schmerz und Entsetzen sie durchfuhren.

Im dunklen Hausflur war Jacquelines Schluchzen furchtbar, kaum zu ertragen. Rowan fuhr mit der Hand über die kalte Wand. Wo zum Teufel war der Lichtschalter? Sie war jetzt selbst den Tränen nahe, die Trauer drohte in ihr aufzuwallen und sie zu überwältigen. Sie holte tief Luft, aber ihre Stimme bebte, als sie sagte: »Gestürzt – meinst du damit, sie ist … ausgerutscht?«

Ein hartes Schlucken am anderen Ende, ein hörbarer Versuch, sich zu beherrschen. »Die Polizei sagt, es war ein Unfall. Sie ist immer da raufgegangen, um eine zu rauchen, wenn sie gearbeitet hat – du erinnerst dich doch, oder?«

Ich erinnere mich an alles. »Das hat sie immer noch getan?«

»Nach dem Schneefall wird das Dach glatt gewesen sein, und … sie ist ausgerutscht«, sagte Jacqueline, und mit Schrecken begriff Rowan, dass sie auch sich selbst versicherte, dass es so gewesen sein musste. »Aber niemand hat es gesehen. Niemand kann uns sagen, was tatsächlich passiert ist. Nach Sebs Tod … habe ich mir immer Sorgen gemacht – ich habe ihr nicht erlaubt, da hochzugehen, du erinnerst dich?«

»Ja. Ja, ich erinnere mich.« Rowans Haut juckte, und es lief ihr kalt über den Rücken. »Jacqueline, besteht die Möglichkeit, dass sie …?« Sie brachte die Worte nicht heraus. »Sie hat doch nicht …? Ich meine, sind sie je zurückgekommen? Die Depressionen.«

»Nein. Ich denke nicht. Das hätte sie mir erzählt, oder? Sie hätte doch nicht versucht, es zu verbergen? Aber ich weiß nicht – vielleicht wollte sie mir nicht wehtun.« Ein Schlucken. »Als hätte irgendetwas mir je so wehtun können wie das hier.«

»Es war nichts vorgefallen, was sie hätte aufregen können? Es hätte zurückbringen können?«

»Nein. Es lief alles sehr gut. Ihre Arbeit – sie war dabei, eine Ausstellung in New York vorzubereiten, eine Einzelausstellung …« Jacqueline verstummte, und für einen Augenblick herrschte Stille in der Leitung.

Rowan hörte draußen Schritte und dann das Rasseln von Schlüsseln in der Haustür. Bevor sie sich fassen konnte, schwang die Tür auf und der fuchsgesichtige Mann aus dem Erdgeschoss knipste das Licht an. Blinzelnd hob sie eine Hand, als wäre es absolut zu erwarten, dass sie hier im Dunkeln herumstand. Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie ihren Wohnungsschlüssel fest packte und gewaltsam im Schloss herumdrehte. Endlich ging die Tür auf und gab den Blick auf die steile Treppe direkt dahinter frei.

»Jacqueline«, sagte Rowan, doch ihre Kehle war trocken; sie hustete und versuchte zu schlucken. »Es tut mir entsetzlich leid. Kann ich etwas tun? Ich wohne noch in London, direkt südlich des Flusses – wenn du etwas brauchst, irgendetwas, sagst du es mir bitte?« Sie ging die Treppe hinauf, trug die Fish & Chips in die Küche und verfrachtete sie direkt in den Mülleimer. »Ich studiere momentan, ich bin Studentin, also hätte ich Zeit, ich bin flexibel.«

»Danke.« Wieder eine Pause. Als Jacqueline weitersprach, hatte ihre Stimme einen scharfen Unterton – einen Unterton, den Rowan vorher nur ein einziges Mal gehört hatte, an diesem furchtbaren Abend in der Küche. »Heute Morgen habe ich einen Anruf bekommen.«

Rowan spürte eine kalte Hand, die sich auf ihren Nacken legte. »Einen Anruf?«

»Von einem miesen kleinen Aasgeier von der Boulevardpresse. Der Daily Mail. Er hat mich nach meiner Reaktion gefragt. Meiner Reaktion. Kannst du dir das vorstellen?« Wieder das schreckliche keuchende Wehklagen, darunter ein verzerrtes Lachen. »Was glaubt er wohl, wie ich darauf reagiere?«

»Mein Gott, das ist … ungeheuerlich.«

»Aber es ist nicht nur die Daily Mail, sie sind alle hier. Ich bin umzingelt.«

»Was?«

»Männer mit Kameras – ganz wie in den alten Zeiten, sie sitzen in ihren Autos, auf der anderen Straßenseite. Warten. Ich hasse sie«, stieß sie ingrimmig hervor. »Am liebsten würde ich Ads alten Kricketschläger aus dem Kabuff unter der Treppe holen und rausgehen und auf sie einprügeln, ihnen den Schädel einschlagen. Ich würd’s tun – wenn er nicht wäre, würde ich es tun. Siehst du es nicht direkt vor dir? Ein Foto von mir auf der Titelseite der Daily Mail, wild wie eine Furie. Trauernde Mutter von Sexskandal-Künstlerin schlägt um sich.« Das Lachen wurde zu einem rauen Schluchzen.

»Jacqueline …« Doch was konnte sie schon sagen? Was konnte in so einer Situation schon helfen?

»Schon gut.« Mit Mühe brachte Jacqueline ihre Tränen unter Kontrolle. »Das legt sich, sobald sie erkennen, dass es keine frischen Skandale gibt. Sie wärmen die alten Geschichten wieder auf und wenden sich dem nächsten Thema zu. Aber falls sie dich aufspüren sollten, würdest du …«

»Es würde mir im Traum nicht einfallen, mit ihnen zu reden.«

»Danke.« Echte Erleichterung schwang in Jacquelines Stimme mit. »Hör mal, Rowan, ich weiß, dass ihr euch aus den Augen verloren hattet, Marianne und du, aber du hast eine so wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt – und nicht nur in ihrem Leben. In unser aller Leben.«

»Ich habe sie geliebt – euch alle.«

»Bitte komm zur Trauerfeier. Ich fände es richtig, wenn du dabei wärst. Nächste Woche Donnerstag, im Krematorium in Oxford. Wir wären alle froh, wenn du kämst. Wir …« Sie verstummte, als es ihr bewusst wurde. »Adam und ich wären froh, meine ich. Alle beide. Wir haben dich vermisst. Ich habe Marianne gesagt, dass sie sich mal wieder bei dir melden sollte, dass es unter wahren Freunden keine Rolle spielt, wenn man nach irgendeinem dummen Streit den Kontakt verloren hat, egal, wie lange es her ist.«

»Es war auch meine Schuld. Ich hätte …« Aber was? Was hätte sie noch tun können außer dem, was sie bereits getan hatte?

 

Rowan stand mit dem Telefon in der Hand da, während die Nachricht in ihrem ganzen Körper nachhallte. Tot. Sie spürte die Trauer näher kommen und sich sammeln, bis sie in einer Woge der Verzweiflung über sie hereinbrach. Sie legte die paar Schritte zum Sofa zurück, fegte die Bücher auf den Boden, legte sich hin und rollte sich zusammen, als würde sie geschlagen, als würden Hiebe auf Kopf und Rücken niederprasseln. Marianne war tot. Fort, für immer, jedem Kontakt entzogen. Sie würde sie nie wiedersehen, nie wieder mit ihr sprechen.

Sie weinte leise, als wäre die Traurigkeit zu stark für Laute. Es war eine rein körperliche Angelegenheit: der Rücken tat ihr weh, und ihr Mund war aufgerissen, bis ihre Wangen schmerzten. Die Tiefe ihres Schmerzes schockierte sie, denn sie hatte Marianne als Freundin schon vor Jahren verloren, und nach so vielen Jahren konnte sie eigentlich unmöglich angenommen haben, es könnte noch eine Versöhnung geben und sie könnten sich wieder nah sein. Jetzt erkannte sie, dass sie in gewisser Weise immer noch gehofft – die Vorstellung am Leben gehalten – hatte, irgendwann käme vielleicht eine Weihnachtskarte mit einer zaghaften Nachricht. Doch das war jetzt unmöglich. Das war’s: der Punkt. Die endgültige Trennung. Und, um sie anzukündigen – welch bittere Ironie –, ihr erster Kontakt mit der Familie Glass seit zehn Jahren.

Als ihre Tränen versiegt waren, setzte sie sich auf. Sie fühlte sich wund, wie ausgehöhlt, und als sie aufstand, sah sie bei einem zufälligen Blick in den billigen Sechziger-Jahre-Spiegel, der über dem Kamin hing, wie geschwollen ihre Augen waren. Ihre Haut war fahl und ihr Haar an den Wurzeln dunkel: seine Winterfarbe. Es war etwas mehr als schulterlang und hatte damit die Länge erreicht, bei der das Gewicht der Haare jedes Volumen kaputtmachte. Vor der Trauerfeier musste sie es unbedingt schneiden lassen. Ob Jacqueline und Adam finden würden, dass sie sich sehr verändert hatte? Wohl kaum, denn das hatte sie eigentlich nicht. Ihr Gesicht war immer noch rund und faltenlos. Sie hatte nie die faszinierende Eleganz besessen, die Mariannes Gesicht bereits mit sechzehn gehabt hatte, aber sie war hübsch – auf eine verlässliche, altmodische Art, die ihr noch nie besonders gefallen hatte, wie ein Mädchen aus einer viktorianischen Seifenreklame.

Sie trat ans Fenster und zog das Rollo hoch, wobei ihr ein Schwall kalter Luft entgegenschlug; sie kroch durch die verrotteten Fensterrahmen, die der geizige Vermieter seit Ewigkeiten nicht erneuert hatte. Der Wind trieb fahlgraue Wolken über die Dächer und rüttelte an den obersten Zweigen des Kirschbaums, der der Grund dafür war, dass sie die Wohnung genommen hatte. Als die Maklerin sie herumgeführt hatte, war er ein kokettes Blütenmeer gewesen. »Wie rosa Spitzenwäsche im Folies Bergère«, hatte sie gesagt, und die Frau hatte sie angesehen, als wäre sie verrückt.

Auf der anderen Straßenseite flackerte es bläulich hinter den Vorhängen der alten Frau, die jeden Morgen vor der Haustür stand und ihren unseligen Jack Russel Terrier in einer Sprache ausschimpfte, die Rowan nie hatte identifizieren können. Die Straße lag verlassen da.

Der Schnee, der hier am Sonntag gefallen war, war am Montagmorgen schon weggeschmolzen, plattgefahren, noch während er fiel. Alles war aufgeweicht und matschig, Abfälle und totes Laub klebten auf den Gehwegen. Sie stellte sich den Garten in der Fyfield Road vor: den weißen Rasen, die breiten Steinstufen, die zur Terrasse hinunterführten, mit dicken Schneekissen bedeckt, die Zweige der Silberbirke wie Spitzen vor einem cremefarbenen Himmel. Das Bild war so frisch und rein wie Winterlicht, und in Rowan wallte eine Sehnsucht auf, die sie rasch unterdrückte. Der Schnee in der Fyfield Road war nicht vollkommen gewesen. Sondern tödlich.

Jetzt richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf etwas, was ihr sofort aufgefallen war, als sie es gehört hatte: Die Geschichte ergab keinen Sinn, zumindest nicht die Version, die Jacqueline glauben wollte. Marianne konnte nicht ausgerutscht sein. Sie hatte Höhenangst, lähmende Höhenangst: Sie war nie näher als sechs Meter an die Dachkante herangegangen. Sie waren unzählige Male dort oben gewesen, und nie hatte sie sich mehr als einen Meter von der sicheren Dachluke entfernt. Kein einziges Mal.

Mit einem Ruck zog Rowan das Rollo zu. Ihr Herz hämmerte, als sie das vordere Zimmer verließ und den schmalen Flur hinunterging. Beim Öffnen der Schlafzimmertür empfing sie wie gewohnt ein Kälteschwall. Sie beugte sich vor und strich mit der Hand sachte durch die Dunkelheit, bis sie den Juteschirm der Nachttischlampe berührte. Sie kniete sich auf den alten Flickenteppich und tastete unter dem Bett herum, bis ihre Fingerspitzen gegen die mit Glanzpapier bezogene Pappschachtel stießen. Sie hielt kurz inne, dann zog sie sie ans Licht.

Einen Moment betrachtete sie die Schachtel nur, ohne sie zu berühren. Ursprünglich hatte sie Druckerpapier enthalten, das teure elfenbeinweiße Papier, das sie im letzten Studienjahr bei Rymans gekauft hatte, als allmählich das Schreiben von Bewerbungen anstand. Im letzten August, nach der Trennung von Anders, als sie ihre Sachen ins Auto geladen hatte, hatte sie die Schachtel sicher neben sich auf dem Beifahrersitz verwahrt, in Griffweite, aber Rowan konnte sich nicht erinnern, wann sie sie das letzte Mal geöffnet hatte. Im Laufe der Jahre schien die Schachtel schwerer geworden zu sein, und jetzt besaß sie Macht, eine Präsenz. Rowan hörte das Blut in ihren Ohren rauschen und hatte plötzlich die Vorstellung, dass es nicht ihr Herz war, das da schlug, sondern das Herz der Schachtel: öffne mich, öffne mich, öffne mich.

»Marianne ist tot, Rowan.«

Rasch packte sie die Schachtel und drehte sie um. Der Tesafilm war vergilbt, und als sie versuchte, ihn abzuziehen, schoben sich trockene Splitter davon unter ihren Daumennagel. Luft entwich mit einem leisen Zischen, als sie den Deckel hob.

Obenauf war eine Lage Papier, die den Inhalt an Ort und Stelle hielt. Unmittelbar darunter, die Finger gekrümmt, eine Hand – ihre Hand: die kurzen, runden Nägel, die Ader über dem Fingerknöchel des Zeigefingers, die tränenförmige Narbe am Daumen. Diese Narbe hatte Rowan, seit sie als Fünfjährige die Faust durch die verglaste Küchentür gestoßen hatte; Mrs. Roberts Aufmerksamkeit war zu dem Zeitpunkt zweifellos von einer ihrer Nachmittags-Talkshows in Anspruch genommen worden. Die Zeichnung war schwarzweiß, bloß Tusche auf einem Blatt, das aus einem Skizzenblock mit Spiralbindung gerissen worden war, doch sie besaß Energie, Realität: die Hand war lebendig. Selbst jemand, der nie zuvor das Werk eines Künstlers gesehen hatte, hätte gewusst, dass die Zeichnung gut war. Nein, nicht gut – phantastisch.

Die offene Hand ruhte auf einer einzigen Linie, die in einer Spiralwindung endete wie ein junger, noch eingerollter Farnspross: die Armlehne eines Polstersessels. In Rowans Kopf tauchte ein lebhafter Erinnerungssplitter auf. Ein Samstagmorgen Ende Mai oder Anfang Juni, es war schon um neun Uhr morgens warm. Marianne trug ein rotweißes bretonisches Ringelshirt und ihre Denim-Latzhose, die Haare zu einem Knoten am Kopf hochgeschlungen. Green-Flash-Tennisschuhe, schmuddelig vor Alter, keine Socken. Der Sessel stand auf dem Bürgersteig vor einem Haus in der Observatory Street. Er war antik, mit schönen Armlehnen und Klauenfüßen, aber er war mit einem nuttigen kirschroten Samt bezogen und dermaßen gut gepolstert, dass er geradezu drall wirkte. Marianne war stehen geblieben; sie hatte ein Faible für Gegensätze gehabt.

»Wie würdest du ihn beschreiben?«, fragte sie. Das war ein Spiel, das sie ständig spielten, mit dem sie sich gegenseitig herausforderten: beschreibe diese Farbe, diesen Himmel, jenen Mann.

»Ein bemerkenswerter Widerspruch – wie eine Dame der Nacht, die blinzelnd aus dem Puff ins Licht eines christlichen Morgens gezerrt wurde«, sagte Rowan.

Marianne lachte. »Genau.« Sie strich mit der Hand über den Samt. »Ich liebe ihn. Ich möchte ihn malen.«

»Nehmen Sie ihn«, sagte eine körperlose Stimme, und als sie sich umdrehten, stand ein Mann in Jeans und Baseball-Kappe in der Tür. »Im Ernst. Er gehörte meiner Tante. Er hat mir nie gefallen – deshalb habe ich ihn rausgestellt. Wenn Sie ihn wollen, gehört er Ihnen.«

Sie hatten jede eine Armlehne gepackt und ihn in die Fyfield Road geschleppt. Er war ungeheuer groß und mächtig schwer gewesen. »Als würde man versuchen, einen besoffenen Alten zu tragen«, hatte Marianne gesagt. Sie hatten über anderthalb Stunden für die knapp anderthalb Kilometer gebraucht, und die Episode hatte heroische Qualitäten angenommen: Marianne und Rowan gegen DEN SESSEL. Es gab Blut, als Marianne sich den Finger an einem Holzsplitter unter der Sitzfläche aufriss, Schweiß und hysterisches Gelächter, bis ihnen die Tränen kamen, als sie es endlich bis in die Fyfield Road geschafft hatten und Adam, der ihnen öffnete, sagte: »Warum habt ihr nicht angerufen? Ich wäre mit dem Auto gekommen.«

Plötzlich verschwamm die Zeichnung vor Rowans Augen, und sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Der Schmerz in ihrer Brust wurde stärker. Wie konnte es sein, dass Marianne tot war?

Sie hob die Zeichnung an den Rändern heraus und legte sie in den Kreis des Lampenlichts auf den Flickenteppich. Darunter war noch eine zweite Zeichnung ihrer Hand. Auf dieser hielt sie ein viktorianisches Trinkglas mit eingeätzten Schwalben im Flug, die winzigen Schwänze spitz zulaufende V. In der nächsten Zeichnung waren die Handflächen zusammengepresst, als betete sie, und in der Zeichnung darunter hielt sie eine alte Taschenbuchausgabe von Herz der Finsternis.

Insgesamt besaß sie sieben Skizzen ihrer Hände, doch im Laufe der Jahre hatte Marianne sie sicher vierzig oder fünfzig Mal gezeichnet, mit Bleistift und Kohle, Feder und Tusche, manche Zeichnungen rasch hingeworfen, improvisiert, auf der Rückseite eines Briefumschlags, andere sorgfältig ausgearbeitet. So arbeitete Marianne: Sie zeichnete Dinge immer wieder, bis sie zufrieden war, bis das, was auf dem Papier war, ihrer geistigen Vorstellung in jedem Detail entsprach. Zudem enthielt die Schachtel jeweils mehrere Zeichnungen eines kunstvoll gearbeiteten silbernen Riechfläschchens – ein Familienerbstück von Seb –, eines Tellers mit angefaultem Fallobst und der graugestreiften Katze, die immer vom Grundstück der Dawsons über die Mauer geklettert war. Jacqueline war Allergikerin, aber eines Nachmittags hatte Marianne die Katze in die Küche gelassen, und das Tier war direkt zu dem Sofa gestrebt, auf dem ihre Mutter gerne las.

»Las?« Mariannes Stimme urplötzlich, tief, staubtrocken und so nah, als säße sie auf dem Bett, zusammen mit den Bildern aus der Schachtel entlassen. »Ein Nickerchen machen, meinst du wohl. Lass uns die Dinge ruhig beim Namen nennen.«

Rowan spürte, dass sie lächelte und sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie erwischte sie rasch mit dem Ärmel, bevor sie fielen und die Zeichnung beschädigten. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass die Zeichnungen, einmal abgesehen von der Bedeutung, die sie für sie persönlich hatten, wertvoll sein könnten. Schon die Bilder aus Mariannes erster Ausstellung waren für mehrere tausend Pfund pro Stück weggegangen, und damals war sie praktisch noch unbekannt gewesen. Und nun würde es natürlich nur eine begrenzte Anzahl ihrer Werke geben: Das würde gewaltige Auswirkungen auf die Preise haben.

Bislang waren alle Zeichnungen im A4-Format oder kleiner gewesen – hier war das Skelett eines Stechpalmenblatts auf hellblauem Basildon-Bond-Notizpapier, die Blattadern spinnenwebfein –, aber ziemlich weit unten lag ein dickes Blatt Papier, das mehrfach gefaltet war. Rowan entfaltete es behutsam und strich es auf dem Bett glatt; ganz ausgebreitet maß es etwa neunzig Zentimeter.

Da war sie, mit Kohle gezeichnet, neunzehn Jahre alt, nackt. Sie saß auf einem Küchenstuhl, vom Betrachter abgewandt, die bloßen Fersen auf die obere Querleiste gestützt, den Kopf gesenkt, sodass ihr Gesicht dem Betrachter verborgen war, die Haare zusammengebunden, weil Marianne die »Maschinerie« von Nacken und Rücken studieren wollte, wie sie es nannte: die Muskeln, die runde Knochenkugel oben an der Wirbelsäule, die Zwillingssehnen am Übergang vom Nacken zu den Schultern. Ihre Schulterblätter waren scharf hervorgehoben, die Ränder durch Schraffierungen schattiert. Hatte sie damals weniger gewogen? Sie betrachtete ihren Nacken und dachte, wie schmal er war, wie verwundbar.

Ihr Genick.

Die Zeichnung war gegen Ende des Jahres entstanden, vielleicht sogar im Dezember, und kurz vorher, als sie noch am Küchentisch zu Mittag aßen, war ein Graupelschauer niedergeprasselt. Im Haus war es kalt; der Heizlüfter musste eine halbe Stunde laufen, bis Mariannes Zimmer so warm war, dass Rowan sich ausziehen konnte.

Die Sitzung hatte den ganzen Nachmittag gedauert, und Rowan hatte, den Blick auf den Fußboden gerichtet, verfolgt, wie ihr dreifüßiger Schatten sich im verblassenden Winterlicht vertiefte und ausdehnte wie ein böser Tintenfleck. Marianne arbeitete, ohne zu reden, die Stille nur unterbrochen vom leisen Surren des Heizlüfters und dem Scharren ihrer Füße, wenn sie an der Staffelei eine andere Position einnahm. Sobald der Heizlüfter aussetzte, was oft vorkam, konnte Rowan das Kratzen der Kohle auf dem Papier und Mariannes Atem hören. Sie hatte ihren eigenen Atemrhythmus angepasst, sodass sie zusammen atmeten – ein und aus, ein und aus –, und es war zur Meditation geworden. Ihr Geist war leer, doch ihres Körpers war sie sich extrem bewusst: die winzigen Härchen auf den Armen, die sich aufstellten, kurz bevor der Heizlüfter wieder ansprang, wie gerade ihr Rücken war, wie angespannt die Sehnen ihrer Füße auf der Querleiste. Die Zeit wurde zum Fluss. Rowan stellte sich vor, wie sie die Stuhlbeine umspülte, und dann kam ihr der Gedanke, dass sie in dem, was sie taten, eine dritte Person im Raum erschufen: das Bild, das durch Mariannes Hand auf dem Papier entstand, unter Zuhilfenahme ihres Gehirns und ihrer Augen und Rowans Körper.

Rowan, die auf dem Teppich kniete, senkte jetzt den Kopf, bis ihre Stirn die Zeichnung berührte. Der Schmerz in ihrer Brust hatte sich bis in den Magen ausgebreitet. Sie setzte sich auf und fuhr mit dem Finger über die Kohlelinie des Rückens, die Kurve der Pobacken, die Rundung einer Schulter. Mariannes Hand hatte darauf gelegen und das Papier gestreift, als sie die Linien zog, durch die diese andere Person entstanden war, die Schatten-Rowan, die für immer neunzehn bleiben würde und Mariannes Freundin.

Rowan setzte sich in die Hocke. So wertvoll diese Zeichnungen auch sein mochten, sie würde sie nicht verkaufen, solange sie nicht buchstäblich am Hungertuch nagen würde.

Und selbst wenn sie am Verhungern wäre, eine Zeichnung würde sie niemals hergeben. Sie lag noch im Karton, die letzte Zeichnung, in mehrere Lagen Papier eingeschlagen und sorgsam mit Tesafilm verklebt. Rowan nahm sie langsam heraus. Wie die anderen war sie federleicht, bloß ein Blatt Papier, aus einem Skizzenblock herausgerissen, doch als sie in ihren Händen lag, spürte Rowan, wie massiv sie war, wie schwer sie wog. Sie drehte sie um und begutachtete den alten Tesafilm, aber es war nicht nötig, ihn zu entfernen und sich die Zeichnung anzusehen. Es reichte ihr zu wissen, dass sie dort war.

 

2

Der Papierberg im Flur legte Zeugnis davon ab, wie häufig Menschen hier ein- und wieder auszogen. Er war fast einen halben Meter hoch und wuchs mit jeder Woche, die verstrich, ein Stück weiter die Wand entlang. Wenn Rowan nach Hause kam, bevor die Mieter im Erdgeschoss Gelegenheit gehabt hatten, die morgendliche Post von der Fußmatte aufzuheben, fand sie immer Sachen für drei oder vier ehemalige Mieter – die inzwischen vertrauten Namen derjenigen, die vor kurzem ausgezogen waren, doch oft auch Namen, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Nicht nur Prospekte und Kataloge, sondern oft auch wichtige Unterlagen: Wahlbenachrichtigungen, Briefe von der Bank, Geburtstagskarten. Papierne Spuren desorganisierter Leben.

An diesem Abend war sie nicht die Erste, die heimkam – sie hatte das Dröhnen des Basses schon hundert Meter die Straße hinunter gehört –, und die Post vom Tag war schon auf dem Haufen gelandet. Sie erwartete nichts und hätte womöglich gar nicht hingesehen, wenn ihr nicht obendrauf ein Umschlag von Barclays ins Auge gefallen wäre. Sie sah genauer hin – ja, der war für sie –, nahm ihn und erstarrte.

Darunter lag ein cremefarbener Umschlag von der Größe und Form einer Postkarte, ihr Name mit schwarzer Tinte geschrieben. Die Handschrift erkannte sie sofort.

Der Schock war wie ein aufzuckendes Blitzlicht. Der schmale Flur verschwand, für einen kurzen Augenblick gab es nur weißes Licht und Stille, dann war alles wieder da: der dröhnende Bass hinter der dünnen Tür, das unruhige Muster der gesprungenen Mosaikfliesen am Boden, von dem ihr plötzlich schwindlig wurde. Genau wie die Schachtel mit Zeichnungen pulsierte auch der Umschlag vor Energie. Als kleines Kind hatte sie einmal am Fuß eines Strommasts gestanden und hoch oben das Summen der Elektrizität gehört. Lebendig. Tödlich.

Jetzt, ein Jahrzehnt später, am Tag nach Jacquelines Anruf – das konnte kein Zufall sein.

Rowan zögerte noch eine Sekunde, dann riss sie den Umschlag an sich, als könnte jemand aus der anderen Wohnung stürzen und ihn ihr wegschnappen. Sie drückte ihn an die Brust, als sie ihre Tür aufschloss und sich auf der untersten Stufe unbeholfen noch einmal umdrehte, um sie von innen wieder abzuschließen und den Riegel vorzuschieben.

 

Wenn sie Zigaretten dagehabt hätte, hätte sie eine geraucht. So schenkte sie sich ein Glas Wein ein und trank ihn wie Arznei, während sie das kurze Stück zwischen der Küchenspüle und dem Wohnzimmerfenster auf und ab ging. Die Bässe, die durch den Fußboden drangen, waren jetzt wie ein Herzschlag. Entweder Placebo oder Muse: pochende, ängstliche Musik.

Der Umschlag lag auf dem Tisch, ein Magnet, dessen Pole unablässig umschlugen und sie anzogen und dann wieder abstießen. Sie wollte ihn öffnen, doch bei dem Gedanken wurde ihr schwindlig.

Mariannes Handschrift – viel Luft zwischen den Buchstaben und Ober- und Unterlängen, die aufstiegen und abfielen wie die Linie auf einem EKG-Monitor. Ungewöhnlich, sie nach so langer Zeit wiederzusehen, als bekäme man Post aus einem anderen Leben. Auf der Uni hatten sie sich oft geschrieben; zwischen Oxford und London waren alle paar Tage ihre Briefe hin und her gegangen. Sie hatten natürlich auch per SMS und E-Mail kommuniziert, doch die Briefe waren anders, lang und diskursiv, spät in der Nacht verfasst, als würden sie, ohne es je konkret so zu benennen, die Gespräche oben in Mariannes Zimmer, wenn das Licht ausging und sie im Dunkeln in ihren Betten lagen, fortführen. Rowan hatte zehn Jahre lang nach dieser Handschrift Ausschau gehalten, zuerst jeden Tag und dann, um sich vor der Enttäuschung zu schützen, immer seltener, bis sie sich nur noch erlaubte, um bestimmte Stichtage herum zu hoffen: Weihnachten, Silvester, ihre Geburtstage. Die Jahrestage.

Und dass diese Adresse darauf stand, sagte ihr auch etwas. Dass Marianne ihr an diese Adresse geschrieben hatte, konnte realistischerweise nur eines bedeuten: Sie hatte Rowans Weihnachtskarte bekommen und geöffnet. Aufgehoben. Trotz allem wurde Rowan bei dem Gedanken warm ums Herz.

Der Umschlag war vor fünf Tagen abgestempelt – Marianne hatte ihn am Tag vor ihrem Tod eingeworfen. Das war fünf Tage her. Hatte der Brief so lange gebraucht, um die knapp hundert Kilometer von Oxford zurückzulegen, oder hatte er schon länger unten gelegen? Sie war diese Woche abends immer so spät nach Hause gekommen, dass sie kein einziges Mal die Post von der Fußmatte aufgehoben hatte. Vielleicht war er im Stapel gewesen und sie hatte ihn bloß nicht gesehen. Vielleicht hatten die Leute unten ihn aus Versehen mit ihrer Post an sich genommen. Marianne war am Abend gestorben – womöglich hatte er in der Wohnung unten auf der Küchenarbeitsplatte gelegen, als sie in der Fyfield Road vom Dach gestürzt war.

Rowan trank einen Schluck Wein und nahm ihn vom Tisch. Mit zitternden Händen riss sie ihn auf und zog eine passende Briefkarte im selben Cremeton mit derselben schwarzen Handschrift heraus.

Ich muss mit Dir reden.

Sonst nichts, keine Unterschrift, nicht einmal ein M, doch das war auch nicht nötig. Blind zog Rowan einen Stuhl heraus und setzte sich. Sie starrte auf die Worte, die auf dem Papier anfingen zu pulsieren, an den Rändern verschwammen, wieder klar wurden und von Neuem verschwammen.

Warum? Was war passiert? Denn irgendetwas war passiert – der Brief ließ daran keinen Zweifel mehr.

Sie stand so rasch auf, dass sie beinahe den Stuhl umwarf, lief die wenigen Schritte zur Küchenspüle und erbrach den Wein und das Wenige, was von ihrem Mittagessen noch übrig war. Als sie sich aufrichtete, wurde der Schweißfilm auf ihrer Stirn kalt.

Nach all der Zeit hatte sie allmählich geglaubt, es könnte begraben bleiben. Mit jedem Jahr, das verstrich, hatte sie sich vorgestellt, wie es immer tiefer sank und sich neue Erde darüberlegte und dafür sorgte, dass es immer schwerer freizulegen war. Jetzt begriff sie, dass das naiv gewesen war. Was Marianne getan hatte, war nur begraben, nicht fort. Es war die ganze Zeit da gewesen, hatte geschlummert und auf den rechten Augenblick gewartet, um sich zu rühren, zu recken und hervorzubrechen.

 

3

Rowan hatte zwanzig Jahre in Oxford gelebt, doch im Krematorium war sie nie gewesen. Bei der Einäscherung ihrer Mutter war sie noch zu klein gewesen. Sie hatte im Internet nach einer Wegbeschreibung gesucht und es in den östlichen Randbezirken der Stadt entdeckt, zwischen den Feldern hinter Headington. Logisch, natürlich, niemand würde ein Krematorium mitten in die Stadt bauen, aber gleichzeitig erschien es ihr grausam, als sollten die Toten daran erinnert werden, dass sie jetzt raus aus dem Spiel waren, auf dem Weg ins Vergessen.

Sie bog ab, folgte der baumbestandenen Zufahrtsstraße und fuhr dann über eine durchweichte, aber makellose Rasenfläche, durchsetzt mit Rosenbüschen und spillerigen Schößlingen. Beabsichtigt war zweifellos eine Atmosphäre von Ruhe, Frieden und Ordnung, doch ihr kam es seelenlos vor. Der Klang des Wortes Krematorium erschien ihr absolut passend: zeremoniell, unheilschwanger, schwer vor Endgültigkeit.

Das Gebäude selbst war einstöckig und aus Backsteinen erbaut, denen der Regen die Farbe von Kurkuma verliehen hatte. Es war bemerkenswert unansehnlich, die Mauern bis auf eine Reihe kleiner Fenster hoch oben unter dem mit hässlichen Ziegeln gedeckten Dach kahl. Es sah aus wie eine öffentliche Toilette.

Doch da war der Schornstein, eindeutig und unverhohlen. Bereit. Rowan wurde von schierem Entsetzen befallen: Man würde sie verbrennen. Sie würden alle dasitzen und zusehen, wie Marianne ins Feuer geschoben wurde.

Sie parkte und trank etwas Wasser, um ihre Kehle zu befeuchten. Eine Traube von Leuten zog direkt an ihr vorbei, einige kaum vierzig Zentimeter entfernt, doch sie duckten sich unter ihren Regenschirmen, bestrebt, ihre Füße trocken zu halten, und es ließ sich unmöglich sagen, ob Rowan jemanden kannte. Im Rückspiegel verfolgte sie, wie die Trauergäste sich unter dem überdachten Vorbau sammelten. Es war fast zwölf Uhr dreißig. Sie brauchte noch einen Moment, um sich zu sammeln, dann öffnete sie die Autotür und spannte den Schirm auf. Die kalte Luft war belebend, als sie über den Parkplatz lief.

Es warteten so viele Leute, dass sie kaum noch einen Platz unter dem schützenden Dach fand. Die Vorhalle hinter den großen Glastüren war ebenfalls gerammelt voll. Wie viele waren gekommen? Hundertfünfzig? Zweihundert? Trotzdem war es ruhig, die wenigen gemurmelten Gespräche wurden fast vom Prasseln des Regens auf dem Asphalt übertönt.

Es roch nach Parfüm und nasser Wolle. Rowan klappte ihren Regenschirm zusammen und sah sich um. Rechts von ihr stand ein elegantes Paar, vermutlich Ende sechzig, beide makellos zurechtgemacht. Als Rowans Hand zufällig den Mantel der Frau streifte, war er weich wie Daunen, offensichtlich Kaschmir. Wohingegen die Frau links von ihr eine Motorradjacke und zahlreiche Ohrstecker trug. Ihre Wange ruhte an der Schulter eines kahlgeschorenen Mannes mit einem fransigen Baumwollschal. Die Menge schien sich in zwei Gruppen aufzuteilen: Die Zwanzig- bis Dreißigjährigen waren vermutlich Künstlerinnen und Künstler, während die älteren, wohlhabenderen Trauergäste vermutlich eher Sammler waren, Leute, die Mariannes Arbeiten schätzten. Rowan hielt nach Charles Saatchi Ausschau; sie hatte irgendwo gelesen, dass er ein Fan war, doch das war vielleicht auch nur ein Gerücht. Sie konnte ihn nicht entdecken, aber er würde wohl auch kaum draußen warten müssen. In der Nähe der Säulen stand ein Mann, den sie erkannte, er war vor Jahren oft zum Mittagessen in der Fyfield Road gewesen – ein Kollege von Seb am St. John’s College, ebenfalls Professor –, und dann entdeckte sie, es war wie ein Schock, Mariannes Tante Susannah mit ihrem Mann. Susannah war Jacquelines Schwester, sie sahen einander sehr ähnlich.

Bewegung ging durch die Menge, ein kollektives Sich-Aufrichten, die geflüsterten Gespräche erstarben. Ein Mann in einem schwarzen Anzug schob die Glastüren zurück, und Rowan hörte die melancholischen ersten Takte von Elgars Cellokonzert e-Moll. Vermutlich eine Aufnahme von Jacqueline du Pré, Mariannes Lieblingsinterpretin. Ein Erinnerungsblitz: Sie lag im Wohnzimmer auf dem Fußboden, während die Dämmerung Petroltöne über den Himmel vor dem Erkerfenster warf, und Marianne, am Plattenspieler stehend, setzte den Arm immer wieder auf den Anfang des ersten Satzes. Sie hatten nicht gesprochen, sondern nur die Musik wie Wasser über sich hinwegfluten lassen und die Dramatik des Stücks genossen.

Hinter den Köpfen und Schultern in der Vorhalle war eine große Tür, durch die schwacher Lichtschein drang. Ein dunkler Sarg wurde auf Schulterhöhe hineingetragen. Mit flatterndem Magen schloss Rowan sich der Menge an, die dem Sarg folgte.

Die Kapelle war viel größer, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Auf dem Podest standen eine Orgel, ein wuchtiges Rednerpult und ein Strauß hoher Stargazer-Lilien. Trotzdem wirkte der Raum kahl. Es gab sehr wenig schmückende Ornamente; das blasse Januarlicht fiel auf weiße Wände und die zwölf oder vierzehn langen Bankreihen, modern und absolut schlicht. Als Rowan endlich drinnen war, war der Sarg mit seinem Gesteck aus weißen Rosen und grünem Laub auf einem langen, mit einem Tuch bedeckten Gestell abgesetzt worden. Sie blickte ungläubig darauf: In dem Kasten dort lag Marianne.

Rowan schob sich durch die vorletzte Reihe und setzte sich dicht neben ihre Sitznachbarin, damit noch möglichst viele andere Platz fanden. Sie sah nach vorn, um Ausschau nach Jacqueline zu halten, und entdeckte sie sofort. Sie saß in der Mitte der ersten Reihe, sehr aufrecht, mit gestrafften Schultern und erhobenem Kinn, und das Licht fiel durch die schmalen, hohen Fenster auf ihr Profil und den Umriss ihrer berühmten brünetten Mähne. Jacqueline Löwenherz. Rechts von ihr, mit gesenktem Kopf, saß Adam, Mariannes Bruder. Sein Haar war jetzt kürzer geschnitten und nicht mehr wellig, zumindest am Hinterkopf, aber es war so dunkel wie eh und je, fast schwarz. Wie das Haar seines Vaters. Bei seinem Anblick überkam Rowan eine seltsame Anwandlung, eine Mischung aus Mitgefühl und einer schmerzlichen Sehnsucht nach dem, was gewesen war.

Links von Jacqueline saß ein Mann, dem Rowan noch nie persönlich begegnet war, Jacquelines neuer Lebensgefährte, der irische Autor und Kommentator Fintan Dempsey. Lebensgefährte oder Freund: Wie hatte sie ihn genannt? In einem Interview, das Rowan gelesen hatte, hatte Jacqueline gesagt, sie hoffe, den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen zu können, aber heiraten wolle sie nicht noch einmal. Nach dem, was mit Seb passiert ist?, hatte die Journalistin nachgehakt, die auf eine saftige Geschichte aus war, aber Jacqueline hatte nur gesagt, nein, sie habe ihre Kinder und dieser Teil ihres Lebens sei abgeschlossen, sie sei jetzt in einer anderen Lebensphase. Im mittleren Alter, sagte die Journalistin, genauer gesagt wohl spätes mittleres Alter. Ob sie das Gefühl habe, dass ihre Anziehungskraft als Frau – einer Frau, die immer körperlich attraktiv gewesen sei – nachlasse? Da könnte man vor Wut platzen, hatte Rowan gedacht.

Neben Dempsey, aber umfangen vom Arm des Mannes auf ihrer anderen Seite, saß eine Frau – nein, ein Mädchen – mit langem dunkelblondem Haar. Rowan beobachtete, wie sie ein Taschentuch zum Gesicht führte. Auch das Mädchen hatte sie noch nie gesehen, aber sie konnte erraten, wer es war, denn der Arm um ihre Schultern gehörte James Greenwood, Mariannes Freund.

Ein elektrisch verstärktes Hüsteln, und alle in der Kapelle wurden aufmerksam. Elgar verstummte unvermittelt, die Stereo-Anlage wurde mitten in einer Phrase abgedreht. Am Lesepult hatte ein rundlicher Mann im Talar und einer schweren, eckigen Brille seine Notizen glattgestrichen und räusperte sich jetzt noch einmal, um dann aufzublicken.

»Willkommen, Freunde«, sagte er mit walisischem Akzent. »Wir sind heute hier zusammengekommen, um das Leben von Marianne Simone Glass zu feiern. Allein die Tatsache, dass so viele von Ihnen gekommen sind – meine Entschuldigung an diejenigen, die stehen müssen –, ist ja schon eine Würdigung.« Es gab Bewegung im Raum, als die Trauergäste in den Bankreihen sich nach den zwanzig oder dreißig Leuten umdrehten, die sich hinten in der Kapelle drängten.

»Wie wir alle wissen«, sagte der Pfarrer, wenn er denn ein Pfarrer war, »war Mariannes Leben, obwohl es auf tragische Weise viel zu früh endete, erfüllt und wegen ihres großen Talents und ihrer außerordentlichen Leistungen viel beachtet. Wir werden gleich eine Trauerrede von Mariannes Mutter Jacqueline hören«, er deutete eine Verbeugung in Jacquelines Richtung an, »aber lassen Sie uns mit einem Gebet und dem ersten Lied auf dem Liederblatt beginnen, ›Jesus, meine Zuversicht‹.«

Er sprach das Gebet leise, als wären die gemurmelten Versprechen von Wiederauferstehung und Erneuerung eher für Marianne in ihrem Sarg bestimmt als für die Trauergemeinde. Von vorn war bitterliches Weinen zu hören, über dem sich der einzelne langanhaltende Laut erhob, den Rowan schon am Telefon gehört hatte. Dabei stiegen auch ihr Tränen in die Augen, und sie suchte in ihrer Tasche nach den Papiertaschentüchern, musste jedoch feststellen, dass sie sie im Auto gelassen hatte.

Es war eine Erleichterung, als sich ein schmaler blonder Mann auf den Hocker vor der Orgel schob und ohne jede Vorankündigung zu spielen begann. Überrascht erhob sich die Trauergemeinde, aber erst nach mehreren Zeilen gewann der Gesang an Kraft.

»Jacqueline«, hörte sie den Pfarrer sagen, als die letzten Töne verklangen und alle wieder Platz nahmen. Rowan beugte sich vor, um an ihrem Vordermann vorbeisehen zu können. Jacqueline stand auf. Adam hielt noch ihre Hand. Jacqueline drehte sich um, um ihm etwas zuzuflüstern, und Rowan erhaschte einen kurzen Blick auf ihr Gesicht. Bewegung in den Reihen, ein rasch unterdrücktes kollektives Nach-Luft-Schnappen, verriet ihr, dass es auch den übrigen Trauergästen aufgefallen war. Jacqueline sah aus, als wäre sie geschlagen worden. Ihre Augen waren so verquollen und die Lider so gerötet, dass es aus der Entfernung wirkte, als hätte jemand sie verprügelt. Im Gegensatz dazu war der Rest des Gesichts verhärmt, wie ausgelaugt. Sie war blass und auf unheimliche Weise gealtert, und das, wo sie normalerweise zehn Jahre jünger wirkte als die sechzig oder einundsechzig Jahre, die sie tatsächlich war. Wer sie nicht kannte, wäre bei ihrem Anblick wohl kaum verwundert, wenn man behauptete, dass sie siebzig sei.

Alle verfolgten, wie Jacqueline die Schultern straffte und ans Mikrofon trat. Sie nahm sich einen Augenblick Zeit, dann umklammerte sie die Seiten des Lesepults und blickte auf die Trauergemeinde.

»Meine Tochter«, begann sie und verstummte. Sie hatte nichts mitgebracht, keine Notizen, doch sie hielt den Blick gesenkt und hielt sich an dem Lesepult fest, als würde eine reißende Flutwelle an ihren Füßen zerren. Rowan spürte die Anspannung in der Kapelle, die plötzliche kollektive Angst, gleich den Zusammenbruch von Jacqueline Glass miterleben zu müssen. Komm schon, dachte Rowan. Na komm schon.

Jacqueline atmete tief ein, als schöpfte sie Energie aus der Atemluft, und richtete sich auf. »Meine Tochter. Wie stolz ich bin, hier stehen und diese Worte aussprechen zu dürfen, mein Liebling.« Sie blickte auf den Sarg und nickte leicht: Ja. »Keine Mutter könnte stolzer auf ihre Tochter sein, als ich es bin und immer sein werde.«

Sie neigte kurz den Kopf, hob ihn dann aber wieder und blickte fest geradeaus. Seht euch ruhig mein Gesicht an. Ich schäme mich nicht.

»Was kann ich über Marianne sagen? Sie war wundervoll – absolut wundervoll. Ich weiß, man sollte so etwas nicht über die eigenen Kinder sagen, nicht, wenn man Engländerin ist, aber ich tue es trotzdem. Sie war wundervoll. Womit ich nicht behaupten will, sie wäre vollkommen gewesen … natürlich nicht, weit entfernt … aber sie war voller Elan, voller Mut und Energie.« Ihre Stimme brach, und sie räusperte sich mehrmals. »Sie war ein widersprüchliches Wesen: zuweilen aufbrausend, aber freundlich, sehr freundlich, und sie konnte empfindlich sein und verdammt stur, aber sie war ungeheuer loyal. Wenn sie einen liebte, liebte sie einen – sie vergab einem alles und wäre über heiße Kohlen gelaufen, um einem zu helfen. Manchmal konnte sie ein wenig eigenbrötlerisch sein – gelegentlich brauchte sie das Alleinsein, um nachdenken und arbeiten zu können, das war wesentlich für sie –, aber sie war auch äußerst witzig, und sie hatte viele, viele Freunde und Menschen, die ihre Liebe erwiderten.« Sie sah sich in der gedrängt vollen Kapelle um und lächelte.

»Aber wenn man sich an Marianne erinnern wird – und ich glaube, man wird sich an dich erinnern, mein Liebling –, dann nicht als Tochter, Schwester oder Freundin oder Lebensgefährtin …« Jacquelines Blick ruhte kurz und voller Mitleid auf James Greenwood. »… sondern als Künstlerin. Dass sie in so kurzer Zeit – in zweiunddreißig Jahren – so viel erreichen konnte, ist unglaublich. Talent, ja, das hatte sie im Übermaß, aber Talent ist nichts ohne Arbeit. Marianne hat immer hart gearbeitet. Schon als Kind arbeitete sie mit wahrer Inbrunst an ihren Bildern. Malen war alles, was sie je wollte, und sie hat gemalt.

Wie die meisten von Ihnen wissen, studierte sie an der Slade School of Fine Art in London, und für die Arbeiten, die sie für die Absolventenausstellung einreichte, bekam sie eine glatte Eins. Und sie verkaufte zwei Bilder dieser Ausstellung an Dorotea Perling. Für diejenigen, die nicht in der Kunstwelt beheimatet sind – drei oder vier davon werden ja unter uns sein«, der schmerzliche Versuch eines Lachens, »Dorotea ist nach allgemeiner Einschätzung dabei, eine der bemerkenswertesten Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit aufzubauen. Auch bei Mariannes erster Einzelausstellung hat sie ein Bild gekauft, ebenso wie die Tate Modern und das Museo d’Arte Contemporanea di Roma. Mariannes Werke wurden in Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien und Israel ausgestellt. Zu den größten Ambitionen ihres Lebens …« Hier schien Jacqueline den Faden zu verlieren. Mehrere Sekunden lang herrschte Stille und die Trauergäste hielten den Atem an, doch dann fing das Mikrofon ein hartes Schlucken auf. »Zu ihren größten Ambitionen gehörte eine Soloschau ihrer Arbeiten in Amerika. Die wird kommen, in der Saul-Hander-Galerie in New York.«

Jacqueline wandte den Kopf, um den Sarg anzuschauen, als müsste auch sie sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass es wirklich wahr war. Ihr Zittern war sogar für Rowan in der vorletzten Reihe sichtbar, aber als sie wieder zu sprechen begann, war ihre Stimme kräftig. »Natürlich habe ich Tausende von Erinnerungen an Marianne als Kind«, sagte sie, »und einige davon gehören zu meinen liebsten Erinnerungen überhaupt, aber eine fängt ihr Wesen besonders gut ein. Mit sieben Jahren verliebte sie sich in einen dicken Kunstband, den wir – ihr Vater Seb und ich – im Louvre gekauft hatten. Monatelang war sie nicht davon zu trennen. Sie schleppte das Buch überall mit sich herum, obwohl sie es kaum heben konnte, sie wollte nicht einschlafen, wenn es nicht aufgeschlagen neben ihrem Bett lag, sie weigerte sich zu essen, wenn es nicht auf dem Tisch lag. Also beschlossen wir, als Geburtstagsüberraschung mit ihr in den Louvre zu fahren. Als wir es ihr erzählten – Gott, vergesst Weihnachten oder Geschenke, ich habe noch nie im Leben jemanden so aufgeregt gesehen.

Um es kurz zu machen, wir verloren sie aus den Augen. Der Louvre ist riesig, natürlich, und voller Besucher, und als wir für den Bruchteil einer Sekunde nicht hinsahen, war sie verschwunden. Es war eine der schlimmsten halben Stunden meines Lebens – Seb und ich rannten durch das Museum und versuchten, unsere Tochter zu finden, die gerade mal acht Jahre alt war, und malten uns aus, was für furchtbare Dinge ihr zugestoßen sein könnten. Schließlich fand ich sie. Sie saß im Schneidersitz auf dem Boden – vollkommen verdeckt von den Museumsbesuchern, die hinter ihr standen –, vor Rembrandts Der Evangelist Matthäus und der Engel. Sie war acht Jahre alt – man sollte doch annehmen, dass ihr Degas’ Balletttänzerinnen oder Dürers Tiere besser gefallen hätten –, aber nein, sie saß vor einem Rembrandt, und zudem noch einem mit religiösem Motiv. Ich habe sie angebrüllt, muss ich zu meiner Schande gestehen, ich war so außer mir, dass ich nicht anders konnte, doch das spielte keine Rolle, denn sie war in einer anderen Welt. ›Aber sieh doch, Mummy‹, sagte sie, als hätte ich überhaupt nicht begriffen, worum es ging, ›schau dir das Buch an. Schau, wie er das Buch gemalt hat‹.«

Wieder eine lange Pause. »Das war eine der schlimmsten halben Stunden meines Lebens, bis ich von deinem Tod erfuhr, mein Liebling. Seitdem folgt eine schlimme halbe Stunde auf die andere. Leb wohl, Marianne, und danke für die Leidenschaft, die Brillanz, die Liebe und das Licht, das du in unser Leben gebracht hast. Schlaf gut.«

Lucie Whitehouse

Über Lucie Whitehouse

Biografie

Lucie Whitehouse wurde 1975 in England geboren, studierte klassische Literatur an der Oxford University und lebt mittlerweile in Brooklyn, New York. Dies ist ihr dritter Roman.

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