Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kinder

Kinder

Psychothriller

E-Book
€ 8,99
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Kinder — Inhalt

Annette und Rainer Pietsch leben mit ihren drei Kindern in der Nähe von Stuttgart. Als nach den Sommerferien ein neues Schuljahr beginnt, richtet sich die Familie wieder im Alltag ein. Doch nach einigen Wochen beginnen sich die Kinder zu verändern. Sarah wird zunehmend abweisend, und auch Michael und Lukas entwickeln merkwürdige Verhaltensweisen. Der Familienfriede wird immer mehr von dem aggressiven Auftreten der Kinder erschüttert. Haben die Veränderungen etwas mit den beiden neuen Lehrern, Rosemarie und Franz Moeller, und deren ziemlich unkonventionellen pädagogischen Methoden zu tun? Als schließlich ein Mitschüler unter seltsamen Umständen ums Leben kommt, beschleicht die Eltern ein schlimmer Verdacht.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 16.07.2012
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95815-8

Leseprobe zu »Kinder«

Er klappte das Buch zu und legte es beiseite. Dann nahm er seine Lesebrille ab, massierte sich die Nasenwurzel und sah aus dem Fenster. Tief drunten, am Fuß des Hügels, breitete sich nach allen Seiten dichter Wald aus, zog sich die Hänge gegenüber hinauf und bedeckte beinahe die ganze Landschaft, die Muhr von seinem Schreibtisch aus übersehen konnte.
Der Mond stand als fahle Scheibe am Himmel, Wolkenfetzen zogen vorbei, vom starken Wind geschoben und verzerrt. Die Nacht war lau, aber der durch die Ritzen der Erkerfenster dringende Wind wirkte kühl.
Muhr [...]

weiterlesen

Er klappte das Buch zu und legte es beiseite. Dann nahm er seine Lesebrille ab, massierte sich die Nasenwurzel und sah aus dem Fenster. Tief drunten, am Fuß des Hügels, breitete sich nach allen Seiten dichter Wald aus, zog sich die Hänge gegenüber hinauf und bedeckte beinahe die ganze Landschaft, die Muhr von seinem Schreibtisch aus übersehen konnte.
Der Mond stand als fahle Scheibe am Himmel, Wolkenfetzen zogen vorbei, vom starken Wind geschoben und verzerrt. Die Nacht war lau, aber der durch die Ritzen der Erkerfenster dringende Wind wirkte kühl.
Muhr goss sich ein wenig Wein nach, nahm einen Schluck und sah wieder hinaus. Er liebte die Vulkaneifel, liebte den Blick von hier oben auf diese manchmal wie verwunschen daliegende Landschaft, liebte die Ruhe, die diese Wälder und Hügel und Überreste uralter Krater ausstrahlten. Irgendwie schien ihm diese Gegend aus der Zeit gefallen, und mit ihr das Internat, das oben auf dem Cäcilienberg in einem ehemaligen Kloster untergebracht war.
Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er das erste Mal durch das steinerne Tor hindurch den Innenhof betreten hatte. Die Abgeschiedenheit, der tiefe Frieden, der von dem alten Gemäuer ausging, hatten ihn so sehr beeindruckt, dass er die Stelle als Mathematiklehrer sofort angenommen – und alle anderen Vorstellungstermine abgesagt hatte.
Er hatte seine Entscheidung nie bereut. Über die Jahrzehnte war aus dem engagierten Junglehrer Robert Muhr der Rektor des Internats geworden, und noch immer war er gefangen von der besonderen Atmosphäre »seiner« Schule.
Ein leises Knacken hinter ihm schreckte ihn auf. Muhr drehte sich in seinem Schreibtischstuhl um, aber nichts Ungewöhnliches war zu sehen. Er lauschte. Nichts. Es war inzwischen so spät in der Nacht, dass wohl auch die letzten Schüler und Lehrer in den Schlaf gefunden hatten.
Muhr wandte sich wieder dem Fenster zu und trank noch einen Schluck. Er ärgerte sich, dass ihn inzwischen selbst ein leises Geräusch, wie es für das alte Gebäude doch so typisch war, beunruhigte. Wut kam in ihm auf, wieder einmal, weil die Ereignisse der vergangenen Monate ihm viel von der Ruhe und dem Frieden geraubt hatten, die er an seinem Leben auf dem Cäcilienberg so sehr schätzte.
Die Polizei hatte lange ermittelt, um die tragischen Vorfälle rund um das Internat aufzudecken. Aber sie hatten keine Beweise gefunden, keine ausreichenden Indizien – und er selbst hatte geschwiegen. Er wollte dem Ruf der Schule nicht schaden, gerade in einer Zeit, in der überall in den Internaten Skandale aufgedeckt oder zumindest gesucht wurden.
Muhr lachte bitter auf. Mit sexuellen Übergriffen hatten die Ereignisse auf dem Cäcilienberg freilich wirklich nichts zu tun. Aber er wusste inzwischen, dass das längst nicht die einzige schlimme Möglichkeit war.
Seine Gedanken rasten, und in schneller Abfolge tauchten die Bilder der Opfer vor ihm auf, die scheinheiligen Erklärungen der Verdächtigen, die zynischen Geständnisse unter vier Augen. Und wieder bohrte sich das Gefühl der Ohnmacht in seinen Magen, das er seit Wochen so gut kannte.
Natürlich hatte er die beiden sofort entlassen, und sie hatten verabredet, dass beide Seiten zum Wohl der Schule über alles schweigen würden. Ihm hätte ohnehin niemand geglaubt, dazu war alles viel zu geschickt eingefädelt. Von seinen Gegnern viel zu raffiniert mit scheinbar wasserdichten Alibis und schlüssigen Argumenten verwoben.
Die beiden würden den Cäcilienberg in wenigen Tagen verlassen, und niemand würde je wieder ein Wort über die Ereignisse verlieren.
Er aber würde mit seinem Wissen leben müssen. Und mit daran Schuld haben, dass alles ungesühnt blieb. Und nur er würde es wissen. Nur er, und niemand konnte ihm diese Last abnehmen. Niemandem konnte er sich anvertrauen. Von niemandem konnte er Trost erwarten. Nie.
Letztlich würde ihn das seine Freude kosten, mit der er noch bis vor wenigen Monaten, wenigen Wochen sein Leben als Leiter dieser Schule genossen hatte. Die Ruhe, der Frieden wären für ihn verloren. Für immer. Muhr knetete seine Finger, räusperte sich, sah zunehmend verzweifelt auf die nächtliche Eifel hinaus.
»Nein!«, knurrte er schließlich mit rauer Stimme und setzte sich aufrecht hin. »Nein!«
Mit zitternden Händen wühlte er in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch, kramte eine abgegriffene Visitenkarte hervor und griff nach dem Telefon. Wie oft schon hatte er diese Karte in der Hand gehalten, hatte mit sich gerungen und sie schließlich doch wieder zur Seite gelegt.
Er wählte die Privatnummer, die in krakeliger Schrift auf der Rückseite stand. Das Tuten an seinem Ohr wirkte unnatürlich laut in der nächtlichen Stille. Kurz spürte Muhr ein schlechtes Gewissen.
»Sie können mich anrufen, zu jeder Zeit«, hatte Kommissar Mertes gesagt, als er die Ermittlungen in der Schule ergebnislos abschloss. Das hatte Mertes nun davon. Und Muhr war sich nicht sicher, ob er am nächsten Tag noch einmal den Mut für diesen Anruf haben würde.
Am anderen Ende der Leitung klingelte es zweimal, dreimal. In Muhr stieg die Angst auf, der Kommissar könnte gerade jetzt nicht erreichbar sein. Er begann in Gedanken eine kurze Erklärung zu formulieren, die er notfalls auf dem Anrufbeantworter hinterlassen konnte. Es klingelte ein viertes und ein fünftes Mal.
Kein Anrufbeantworter sprang an.
Nach dem sechsten Klingeln ließ Muhrs Entschlossenheit ein wenig nach, nach dem siebten griff er mit der freien rechten Hand noch einmal nach seinem Weinglas.
Nach dem achten Klingeln wurde abgehoben. Aber das hörte Muhr schon nicht mehr. Hinter ihn war eine dunkle Gestalt getreten und hatte ihm mit einer schnellen Bewegung einen dünnen Draht um den Hals geschlungen. Überrascht spürte Muhr den heftigen Druck, die Atemnot, den schneidenden Schmerz an seinem Hals. Dann nichts mehr.
»Hallo?«, rief Kommissar Mertes am anderen Ende der Leitung in den Hörer. »Hallo? Wer ist denn da?«
Ein scharrendes Geräusch war zu hören, ein gedämpftes Ächzen, ein Klirren wie von einem zu Boden gefallenen Glas. Dann wurde aufgelegt.

 

Kapitel eins

 

»Hi, Mami! Hi, Paps!«
Sarah sprang die Treppe ins Erdgeschoss herunter, immer zwei Stufen auf einmal, und ließ sich auf den letzten freien Stuhl am Esstisch fallen.
»Mami ... Paps ...« Rainer Pietsch sah zu seiner Frau Annette hinüber und verdrehte die Augen. Sie lächelte zurück und drückte seine Hand.
»Na, schlechtes Gewissen, Paps?«
»Ein schlechtes Gewissen? Wieso das denn?«
»Deswegen«, machte Sarah und nickte grinsend zu dem Blumenstrauß in der Mitte des Tisches hin.
»Tja, meine liebe Sarah, ich muss dir leider sagen: Nein, ich habe nichts ausgefressen. Blumen schenke ich deiner Mutter einfach, weil ich sie mag.«
»Na, wie nett!«
Sarah strich sich Nugatcreme aufs Brot, und Annette sah ihren Mann mit gespielter Strenge an.
»Mag ...?«
»Nein, nein«, beruhigte er sie sofort und deklamierte pathetisch: »Ich liebe dich, wie immer schon und jeden Tag ein bisschen mehr!«
»Bäh«, maulte Michael. »Hört bloß auf mit diesem Schmus. Das ist ja abartig, in eurem Alter!«
»Du bist ja bloß neidisch«, foppte ihn sein jüngerer Bruder Lukas, »weil du noch keine Freundin hast!«
»Freundin? Spinnst du? Was soll ich denn mit ... Mädchen?«
Er schüttelte sich und schaufelte sich einen Löffel Müsli in den Mund. Einige Minuten lang waren nur leises Schmatzen und das Radio im Hintergrund zu hören. Dann begann der Werbeblock.
»Oh, wir müssen«, sagte Rainer Pietsch und stand auf. »Daran könnte ich mich übrigens gewöhnen: morgens zusammen frühstücken, mit Blumen und perfekt arrangierter Wurstplatte.« Er gab seiner Frau einen Kuss.
»Du musst dir nur häufiger mal freinehmen – an der Wurstplatte soll es dann nicht scheitern.«
»Das wäre ja auch noch schöner«, lachte er, »wenn man schon mit einem Cateringprofi verheiratet ist!«
»Hallo?«, rief Annette Pietsch und knuffte ihren Mann lachend in die Seite.
Kurz darauf war er mit den drei Kindern im Auto unterwegs.

 

»Lässt du uns hier raus, Paps?«
»Hier schon?«
»Du weißt doch ...«
Rainer Pietsch fuhr rechts ran. »Ich weiß: Eltern sind peinlich.«
»Genau«, lachte Sarah und klopfte ihrem Vater auf die Schulter. »Jetzt hast du’s verstanden.«
Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, huschte aus dem Wagen, und schon strebten sie und ihre beiden Brüder der Schule zu. Rainer Pietsch blieb sitzen und beobachtete durch die Windschutzscheibe des Familienvans, wie seine Kinder die Straße entlangschlenderten, erste Klassenkameraden begrüßten, die Jungs sich mit ihren Freunden abklatschten und Sarah überschwänglich ihre beste Freundin umarmte und abküsste.
Geburtstag, Silvester, der Beginn eines neuen Schuljahrs: Immer zu solchen Anlässen fiel Rainer Pietsch auf, dass seine Kinder schon wieder größer und älter geworden waren. Sarah war mit ihren vierzehn Jahren bereits eine junge Dame, auch der zwölfjährige Michael mochte nicht mehr als Kind gelten. Und der ein Jahr jüngere Lukas wollte in einem Augenblick ganz groß sein und dann wieder ganz klein – seine Eltern mussten sich gelegentlich ein Grinsen verkneifen, wenn ihr Jüngster wieder einmal zwischen einem Kinobesuch ohne Erwachsenenbegleitung und dem Kinderkanal hin und her schwankte.
Mensch, noch ein paar Jahre, dann sind die drei aus dem Haus, dachte Rainer Pietsch, und er war sich mit jedem Jahr weniger sicher, wie gut ihm das gefallen würde.
Lächelnd lehnte er sich zurück, wickelte ein Bonbon aus und sah noch ein paar Minuten zur Schule hinüber. Dann startete er den Motor, fädelte sich wieder in den Verkehr ein, der nun immer dichter wurde, und fuhr langsam auf die Schule zu.
Sarah stand inmitten eines Pulks von Mädchen unter der großen Ulme, Michael hatte sich zu zwei Jungs am Treppenaufgang gestellt. Lukas stand mit einigen Klassenkameraden am Rand des Schulhofs. Als er seinen Vater vorbeifahren sah, hob er die Hand in Hüfthöhe und winkte ihm möglichst unauffällig zu.
Rainer Pietsch nickte lächelnd und ließ kurz seinen Blick über den Schulhof schweifen. Es wimmelte überall von Schülern, die schwatzend, lachend oder auch einfach nur müde herumstanden, die sich an Mauern lehnten, sich gegenseitig übermütig schubsten oder verstohlen zu anderen Gruppen hinübersahen.
Etwas abseits standen zwei auffällige Gestalten: ein Mann und eine Frau, beide groß, hager und trotz des angenehmen Spätsommermorgens in altmodisch wirkende, graue und fast bodenlange Mäntel gehüllt. Rektor Wehling ging auf die beiden zu und begrüßte sie, doch auch während des Gesprächs fixierten sie immer wieder einzelne Schülergruppen.
Wenn diese schrägen Figuren neue Lehrer sind, werden wir noch viel Spannendes zu hören bekommen, ging es Rainer Pietsch durch den Kopf, und er bog grinsend in die nächste Querstraße ein.
Ein kalter Blick vom Schulhof aus verfolgte ihn, bis er mit dem Van außer Sichtweite war.

 

»Und, wie war’s?«
Rainer Pietsch gönnte sich noch einen Nachschlag und sah erwartungsvoll in die Runde. Zum Ende seines freien Tages hatte sich die ganze Familie wieder am Esstisch versammelt. Um eine große Schüssel Spaghetti und einen dampfenden Topf Hackfleischsoße herum sah er müde Gesichter.
»War okay«, brachte Michael zwischen zwei Bissen hervor. Sarah zuckte mit den Schultern und aß ungerührt weiter.
»Und du, Lukas? Hast du auch so viel zu erzählen wie die beiden?«
»Ich sitze neben Kevin«, sagte er und sah nicht sehr begeistert aus.
Mit Kevin Werkmann hatte er sich im Vorjahr immer wieder gekabbelt, und die beiden waren das ganze fünfte Schuljahr über nicht richtig warm miteinander geworden.
»Das ist Pech«, nickte Annette Pietsch, die den Ärger mit Kevin noch gut in Erinnerung hatte. Kevin galt mit Übergewicht, Brille und einem Hang zum Stottern in seiner Klasse nicht gerade als besonders cool – und entsprechend ruppig wurde er, wenn er jemanden fand, dem er sich überlegen fühlte. Im vergangenen Jahr hatte es immer wieder den schmächtigen und etwas schüchternen Lukas getroffen.
»Halb so schlimm«, brummte Lukas schließlich. »Wir werden uns schon aneinander gewöhnen, heute ging’s eigentlich ganz gut. Und Frau Moeller meinte auch, dass wir die Sitzordnung nach den Herbstferien noch ein bisschen verändern können.«
»Frau Moeller?« »Ja, unsere Klassenlehrerin. Die ist neu an der Schule und hat unsere Klasse übernommen.«
Die bisherige Klassenlehrerin war ein paar Wochen vor den Sommerferien in Mutterschutz gegangen.
»Und wie ist sie so, diese Frau Moeller?«
»Na, geht so. Streng, etwas pingelig.«
»Vielleicht wird’s ja etwas ruhiger in eurer Klasse.«
»Kann gut sein. Und einen Spitznamen hat sie auch schon.«
»Das ging aber fix. Welchen denn?«
»Vogelscheuche.«
»Ach«, lachte Rainer Pietsch. »Ich glaube, die habe ich heute früh schon gesehen.«
Alle am Tisch sahen ihn mit großen Augen an.
»Na ja, wenn sie Vogelscheuche genannt wird ... Groß?
Hager? Altmodischer Mantel? Irgendwie schräg?«
Lukas nickte jedesmal und grinste immer breiter.
»Die stand mit einem Mann, der ihr ziemlich ähnlich sah, auf dem Schulhof und wurde von eurem Rektor begrüßt.«
»Und ihr Mann ist jetzt unser Klassenlehrer«, schaltete sich Sarah ein. »Den habe ich in Mathe und Geschichte. Ein gruseliger Typ, irgendwie.«
»Gruselig?«, fragte ihre Mutter.
»Der ist so komisch angezogen. Dieser lange Mantel, und darunter hatte er heute eine grobe Kordhose an, ein kariertes Hemd und breite Hosenträger. Das geht ja wohl gar nicht, oder?«
»Ach, wenn euer Lehrer nur den einen Fehler hat, deinen modischen Vorstellungen nicht zu entsprechen – ich glaube, damit kann ich leben.«
Alle lachten, nur Sarah zog einen Schmollmund. »Komm schon«, besänftigte sie Rainer Pietsch. »Ich seh für dich doch auch aus wie frisch aus der Kleidertonne gezogen, oder?«
Sarah grinste.

 

Am nächsten Tag kam Rainer Pietsch spät von der Arbeit nach Hause. Seine Frau hantierte geräuschvoll in der Küche, der würzige Duft machte ihm Appetit auf das Abendessen. Sarah und Michael saßen am Esstisch und waren offenbar noch mit den Hausaufgaben beschäftigt. Lukas lümmelte nebenan vor dem Fernseher.
»Na, so fleißig heute?«
»Hör bloß auf«, stöhnte Sarah. »Der Moeller spinnt. Der packt uns ein Pensum drauf, das sich gewaschen hat. Und dann immer noch ein paar Extras – ›damit man sich schneller kennenlernt‹, wie er meint. Ätzend.«
»Klingt ganz danach, als würde dieses Schuljahr nicht anders ablaufen als das vorige. Ätzend hast du auch damals schon alles gefunden.«
Fröhlich wandte sich Pietsch ab, ging in die Küche, lugte in einen der Töpfe und gab seiner Frau dann einen Begrüßungskuss.
»Na«, sagte sie und stupste ihn auf die Nase, »an der Reihenfolge müssen wir aber noch arbeiten.«
»Welche Reihenfolge?«
»Erst in den Topf schauen und mich dann erst küssen? So geht das nicht, mein Lieber!«
»Man muss eben Prioritäten setzen«, lachte er und wich dem Rührlöffel aus, den sie in seine Richtung schwang.
»Raus hier«, rief sie und versuchte trotz ihres Grinsens empört zu klingen. »Sonst kannst du dir heute Abend ein Brot schmieren.«
»Das kann ich nicht riskieren. Übrigens: sorry – ich wäre heute mit Kochen dran gewesen, stimmt’s?«
»Stimmt.«
»Wir hatten noch ein Meeting. Unsere Chefs werden gerade etwas nervös, die Auftragslage könnte besser sein. Und wahrscheinlich wollen sie uns mit Konferenzen, die über den normalen Feierabend rausgehen, den Ernst der Lage deutlich machen, was weiß ich.«
»Dann kochst du eben morgen – heute hat es mir eh besser gepasst. Wir waren mit dem Catering schon recht früh fertig. Und Fischplatten waren auch nicht bestellt.«
Pietsch schnupperte an ihrer Schulter.
»Stimmt: Heute riechst du lecker.«
»Was heißt hier: heute? Mach lieber, dass du rauskommst, sonst ...«
Sie drohte ihm noch einmal lachend mit dem Rührlöffel, und Rainer Pietsch trat grinsend den Rückzug an. In der Tür zum Flur stieß er fast mit Michael zusammen, der dort stand und ein Blatt Papier und einen Stift in der Hand hielt.
»Was ist denn?«
»Ich muss dich was fragen. Ist für die Hausaufgaben.«
»Klar, kein Problem. Ich wollte eh gerade zu euch rüber.«
Sie setzten sich an den Esstisch, wo auch Sarah auf ihren Vater zu warten schien.
»Das wird aber jetzt keine Familienkonferenz, oder? Tut mir echt leid, dass ich heute so spät heimgekommen bin – ich hab’s Mama auch schon gesagt.«
»Nein«, schüttelte Sarah den Kopf. »Wir wollen nur etwas von dir wissen, wegen dieses Fragebogens hier.« Sie hielt ein Blatt hoch, wie es auch Michael vor sich liegen hatte.
»Ein Fragebogen? Na, meinetwegen. Schießt mal los.« »Das meiste wissen wir ja selbst: dein Job, Mamas Cateringservice, unser Haus, wann ihr geheiratet habt und so.«
»Wer will das denn alles wissen?« »Der Moeller. Der will uns doch kennenlernen, das habe ich dir doch gerade vorhin gesagt.«
»Aha, und dazu braucht er den Fragebogen.«
»Genau.«
»Und Michael hat denselben? Hast du auch den Moeller als Lehrer?«
»Nein, seine Frau. Aber die ist genauso drauf.«
Rainer Pietsch schüttelte den Kopf. »Also, dann fragt mich mal.«
»Du hast Abitur gemacht, richtig?«
»Ja.«
»Und danach?«
»Äh ... das müsst ihr echt da reinschreiben? Wozu soll das gut sein?«
»Jetzt sag halt!«
»Bundeswehr, Ausbildung, Job. Jahreszahlen wirst du hoffentlich nicht auch noch brauchen.«
»Nein. Okay ... dann zu Mama: auch Abitur, und dann?«
»Hat BWL studiert, ihr Diplom gemacht und war dann im Controlling unserer Firma angestellt. Und vor deiner Geburt ist sie dann in Mutterschutz gegangen.«
»Und seit ein paar Jahren hat sie den Cateringservice.«
Rainer Pietsch nickte.
»Warum ist sie eigentlich nicht mehr in die alte Firma zurück?«
»Was hat das denn in diesem Fragebogen zu suchen?«
»Nein, nichts – das interessiert mich nur so.«
»Na ja, die hatten ihr eine kleine Abfindung angeboten, wenn sie auf ihren Anspruch auf eine Teilzeitstelle verzichtet. Und irgendwie hatte sie ohnehin keine Lust mehr auf den Bürojob.«
»Ah, gut«, meldete sich Michael zu Wort. »Das passt hier rein: Mama hat also Spaß an ihrem jetzigen Beruf, ja?«
Rainer Pietsch sah seinen Sohn verblüfft an.
»Äh ... ja. Und ich auch. Sollt ihr das da reinschreiben?«
»Ja.«
»Lass mal sehen«, sagte er und drehte das Blatt so, dass er es lesen konnte. »Ausbildung und Beruf der Eltern«, las er, »Familienstand, Wohnsituation.«
Das Blatt war von Michael dicht beschrieben und die Schrift sah auffallend ordentlich aus.
»Du hast dir ja richtig Mühe gegeben«, lobte er ihn.
»Na ja, die Moeller hat schon durchblicken lassen, dass wir uns anstrengen sollen. Sie will viele Infos, wir sollen genau arbeiten und lesbar schreiben – sonst müssen wir alles noch mal machen.«
»Tja, wenn das so gut anschlägt bei dir, ist dagegen nicht viel zu sagen«, grinste Rainer Pietsch.
Michael brummte missmutig und wollte das Blatt wieder zu sich herüberziehen.
»Nein, lass mal, ich bin noch nicht ganz durch.«
Michael hatte recht detailliert das Haus der Familie beschrieben, hatte auch erwähnt, wann sie von ihrer Eigentumswohnung ein paar Straßen weiter hierhergezogen waren.
Der unterste Fragenblock war noch nicht beantwortet. Unter der Überschrift »Gefühle« wurde hier unter anderem gefragt: »Lieben dich deine Eltern? Liebst du deine Eltern?«
Rainer Pietsch grinste.
»Das will ich unbedingt lesen, wenn ihr es ausgefüllt habt. Vielleicht kopier ich’s mir auch.«
Dann fiel sein Blick auf die untere rechte Ecke des Blattes. »Wieso steht da Seite 5 von 5? Habt ihr noch mehr ausfüllen müssen?«
»Ja«, sagte Sarah. »Eben noch die anderen vier Seiten – aber das haben wir schon in der Schule gemacht.«
»Aha, und worum ging’s da?«
»Na ja, eigentlich so das Übliche: Ob wir Allergien haben, ob wir eine Klasse wiederholt haben, in welchen Fächern wir unsere Stärken und unsere Schwächen sehen, wer unsere besten Freundinnen und Freunde sind – so was halt.«
»Und damit seid ihr in der Schule nicht fertig geworden, deshalb müsst ihr den Rest zu Hause machen?«
»Nicht ganz. Die ersten vier Seiten sollten wir unbedingt in der Schule ausfüllen – diese Seiten hat der Moeller auch gleich eingesammelt.«
»Seine Frau auch«, fügte Michael hinzu.
»Manchmal bin ich ganz froh, dass ich nicht mehr zur Schule muss.«
»Darf ein Vater so was eigentlich sagen?«, grinste Sarah.
»Sollte er lieber nicht, was?«
»Doch, doch, Papa«, lachte Michael. »Das werde ich mir merken!«
Sarah und Michael beugten sich wieder über ihre Blätter und schrieben weiter.
»Sagt mal«, fiel Rainer Pietsch dann noch ein. »Sarah hat gesagt, es ging eigentlich um das Übliche – ging es denn sonst noch um irgendwas?«
Michael druckste herum.
»Ach, so Themen wie ...«, Sarah dachte kurz nach, »na:
Ob ihr uns manchmal noch in den Arm nehmt und so. Ob ihr euch noch küsst. Ob ihr nackt aus der Dusche kommt, wenn wir euch sehen könnten. Voll peinlich fand ich das.«
»Und das habt ihr beantwortet?«
»Ist uns allen, glaube ich, nicht leicht gefallen. Aber der Moeller ist dann durch die Sitzreihen gegangen und hat uns versichert, dass davon außer ihm niemand etwas erfahren würde. Und dass das doch auch nichts sei, wofür man sich schämen müsse. Schließlich sei es wichtig, dass man seine Gefühle auch benennen und ausdrücken könne. Der hat gar nicht mehr aufgehört zu schwafeln. Und als ich dann gefragt habe, ob man diese Felder auch frei lassen könne, meinte er nur: ›Klar, lass sie frei – aber wer nichts zu verbergen hat, kann es sich allemal leisten, alle Fragen zu beantworten.‹ Da habe ich mich dann nicht mehr getraut und alles reingeschrieben.«
»Alles?«
»Na, dass ihr euch noch mögt, noch küsst und so. Das ist ja wirklich kein Geheimnis, oder?«
»Nein, eigentlich nicht. Und du, Michael?«
»Och ...«
»Hm?«
»Das ist doch voll peinlich, das alles. Aber bei uns hat die Moeller auch nicht locker gelassen. Hat davon erzählt, dass gerade Jungs mit offenen Antworten auf solche Fragen beweisen könnten, dass sie starke Charaktere sind – solches Zeug halt.«
»Und was hast du dann geschrieben?«
»Dass ihr mich natürlich noch in den Arm nehmt. Dass ich mich, als ich mir in den Ferien das Knie aufgeschlagen hatte, auf deinen Schoß setzen und heulen durfte. Und dass ich weiß, dass du davon nie jemandem erzählen würdest.«
»Das stimmt ja auch alles.«
»Ja. Aber ich hoffe echt, dass die Moeller das wirklich für sich behält. Wenn das die anderen Jungs zu lesen kriegen, bin ich geliefert.«
»Typisch!«, neckte ihn Sarah. »Sonst hast du keine Sorgen, was?«
Minuten später beruhigte sich das typische abendliche Gekabbel unter Geschwistern, als die Familie vor vollen Tellern saß und sich das Abendessen schmecken ließ.

Jürgen Seibold

Über Jürgen Seibold

Biografie

Jürgen Seibold, geboren 1960 in Stuttgart, arbeitete als Redakteur und freier Journalist für Tageszeitungen, Zeitschriften und Radiostationen und veröffentlichte 1989 seine erste Musikerbiografie. Es folgten weitere Sachbücher mit einer Gesamtauflage von rund 1,2 Millionen Exemplaren. Außerdem...

Pressestimmen

Heilbronner Stimme

»Spannung und Tempo bis zum Schluss, der dramatisch und unvorhersehbar ist.«

Stylex Magazin

»Derart packend und realistisch erzählt, dass einen die Gänsehaut beim Lesen nicht mehr verlässt.«

Trierischer Volksfreund

»In seinem packenden Thriller Kinder spielt Jürgen Seibold auf beängstigende Weise mit dem Thema Erziehung.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden