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Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!

Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!

Unser neues Leben im Problemkiez

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Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche! — Inhalt

Tschüss, Mittelschicht! Eine Familie geht ins Problemviertel

Viele Freunde sprachen es aus: Du kannst doch nicht nach Neukölln gehen, nicht mit Familie! Aber hier sind die Mieten gerade noch erschwinglich. Die Oma warnt: Wenn jemand ein Messer hat auf dem Schulhof? Und als die junge Familie gleich am ersten Wochenende beobachtet, wie ein Streit in versuchter Entführung, Verfolgungsjagd und 25 beschädigten Autos endet, fragen die Kinder: Wo sind wir hier eigentlich hingezogen, Papa?

Über Neukölln ist »unendlich viel Mist geschrieben worden«, sagt der Ex-Bürgermeister Heinz Buschkowsky zu Autor Lindemann. Wahr ist: Der Stadtteil hat über 50 Prozent Migranten, bei den Jugendlichen sogar 80 Prozent. Fast die Hälfte lebt von Hartz IV. Und zugleich kommen die jungen Amerikaner genau hierher und eröffnen Bars oder Ateliers, die Gentrifizierung ist auch in Neukölln schon kräftig im Gang. Die berüchtigte Al-Nur-Moschee ist hier und der beste Elvis-Imitator der Welt auch. Lindemann besucht sie alle. Oft mit seinen Kindern. Eine aufregende Stadtreportage aus der Zukunft Deutschlands.

Erschienen am 01.04.2016
288 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-8270-1312-5
Erschienen am 01.04.2016
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7873-5
»Eine gnadenlos ehrliche Erzählung über die Entdeckung einer irrwitzig anderen Welt.«
Nido
»Über seine neue Heimat hat Lindemann, der in Hamburg Psychologie studiert hat, nun ein Buch geschrieben. "Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!" heißt seine Stadtreportage. In der beschreibt er seine Erlebnisse und trifft Protagonisten des Viertels, mit denen er versucht, den Bezirk abzubilden.«
Hamburger Abendblatt

Leseprobe zu »Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!«

Kein leichter Abschied

Wir stehen vor der Schule und warten. Die ersten Kinder strömen schon heraus. Sie tragen große Kopfhörer, einige haben Skateboards, die Älteren sind modisch gekleidet. Meine Söhne Leo und Quinn sind neun und sieben Jahre alt. Mich selbst hat niemand mehr abgeholt in dem Alter. Wir leben im Stadtviertel Prenzlauer Berg, in dem gut gebildete Eltern die Herrschaft übernommen haben. Die digitale Boheme holt ihre Kinder eben ab. Gut für mich, ich mag das Plaudern mit den anderen Erwachsenen und habe heute eine Nachricht mitgebracht: Wir [...]

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Kein leichter Abschied

Wir stehen vor der Schule und warten. Die ersten Kinder strömen schon heraus. Sie tragen große Kopfhörer, einige haben Skateboards, die Älteren sind modisch gekleidet. Meine Söhne Leo und Quinn sind neun und sieben Jahre alt. Mich selbst hat niemand mehr abgeholt in dem Alter. Wir leben im Stadtviertel Prenzlauer Berg, in dem gut gebildete Eltern die Herrschaft übernommen haben. Die digitale Boheme holt ihre Kinder eben ab. Gut für mich, ich mag das Plaudern mit den anderen Erwachsenen und habe heute eine Nachricht mitgebracht: Wir ziehen um! Nach Neukölln! In den sicher schwierigen, aber auch aufregendsten Stadtteil Berlins. Damit kann ich auftrumpfen. Dachte ich.
Carl kommt mir entgegen, Chefredakteur einer Zeitschrift. Und Peter, der Fotograf. Und Hannes, der teure Kaffeemaschinen an die Cafés der Gegend verkauft. Keiner reagiert, wie ich gehofft hatte. »Das könnt ihr nicht machen, nicht mit Kindern!« – »Überleg dir das noch mal. Idealismus in Ehren, aber es geht hier um deine Familie.« – »Ja, ja, das ist der verdammte Berliner Mietwucher. Jetzt müsst ihr Armen nach Neukölln gehen.«
Ich gehe ins Schulgebäude, drinnen wird alles noch schlimmer. Die Lehrerin, die unseren großen Sohn nach einer sehr modernen, freien Methode durch die ersten Schuljahre gebracht hat, ignoriert meine Ankündigung, dass wir gehen müssen, zunächst und sagt nur: »Nein, nein, das wäre nicht gut für ihn.« Später wird auch noch unsere Kinderärztin skeptisch lächeln und sagen: »Oha, mitten rein in die Szene.« Meine Begeisterung sollte auch meine eigenen Befürchtungen überdecken. Das ist gehörig misslungen.
Trotzdem bin ich kurz vor dem Umzug erst einmal erleichtert. Leo gefällt die Wohnung. Wir stehen auf der Besichtigung mit zwanzig anderen. Ein paar Frauen mit Kopftuch sind da, ein paar Studenten, die eine WG gründen wollen. Aber auch ein Single um die vierzig, der diese Wohnung ganz allein möchte, in die wir zu fünft einziehen wollen. Mein Sohn gibt sein Okay, und das war uns wichtig. Auf der Straße vor der Tür reden wir noch mit einem anderen Paar, das zwei Kinder hat. Die Frau, eine Koreanerin, hat schon Erfahrungen mit Neukölln. »Dort hinten«, sagt sie und zeigt die Straße, in der ich bald wohnen soll, entlang, »habe ich zum ersten Mal gesehen, wie eine Frau mitten am Vormittag einfach auf den Gehweg gekackt hat. Die sah auch noch relativ normal aus.« Ich packe meinen Sohn an der Hand und ziehe ihn schnell weg.
Wir bekommen den Mietvertrag, ein zwei Jahre währendes Drama Wohnungssuche findet sein Ende. Und als wir kurz darauf also wirklich nach Neukölln ziehen, hören wir von Nachbarn: »Wie ungewöhnlich, ihr kommt hierher?« Normalerweise gehen die Eltern in eurem Alter. Sie kommen als Studenten, führen hier ihr Single-Leben, Ausgehen kann man ja auch gut. Dann bekommen sie Kinder, und bevor die ins Schulalter kommen, ist die Familie schnell weg – drüben in Schöneberg oder Treptow. Bloß nicht Neukölln.
Dabei haben wir es in Prenzlauer Berg, wo unsere drei Kinder geboren wurden, nicht mehr ausgehalten. Der Modell-Stadtteil der jungen Bourgeoisie, für den das Wort »Bionade-Biedermeier« erfunden wurde, hat es sich dort etwas zu hübsch eingerichtet. Irgendwann war die aufregende Untergrund-Kultur weg, wegen der man dort lebte, die Mieten zu teuer und die Clubs von lärmempfindlichen Nachbarn weggeklagt. Das bürgerliche Cocooning hatte gesiegt und ein Idyll aus teuren Kochschulen, Privatkitas und Geschäften für besondere Olivenöle geschaffen.
Gegangen sind wir aber trotzdem erst unter dem Druck der teuren Mieten. Wo der Quadratmeter mittlerweile fünfzehn Euro kalt kostet, findet man als mittelprächtig verdienende fünfköpfige Familie keinen Wohnraum mehr. Dabei waren wir eine richtige Vorzeigefamilie für Berlin-Prenzlauer Berg: Nach den zwei Jungs haben wir – meine Frau Julia und ich – noch eine Tochter bekommen, Maja ist jetzt zwei Jahre alt. Wie die meisten im Viertel wählten wir Grün, hatten Apple-Computer und hohe Ideale. Ich engagierte mich an Schule und Kita auch nachmittags noch, ich habe für kleine Jungs Klavier gespielt, mit anderen Eltern über Vegetarismus und Playstation-Konsum diskutiert. Ich habe mich für die neue Spielstraße in unserem Viertel eingesetzt, ich ging zum Yoga. Ich bin die linksliberale Moderne. Und dann bin ich nach Neukölln gezogen. Nur zehn Kilometer entfernt, wirkt der Stadtteil wie ein anderer Planet. Eine Gegend, die schon die »Bronx Berlins« genannt wurde oder »Deutschlands härtestes Pflaster« oder schlicht »Hölle«. Wir sind in ein sogenanntes Problemviertel gegangen. Mit Kindern. Dort sind manche Träume von früher dann ziemlich schnell zerplatzt.
Der nördlichste Zipfel dieses Stadtteils ist zwar schon gentrifiziert, mithilfe von Cafés und Loft-Wohnungen relativ bürgerlich ruhiggestellt, aber eben nur der. Die Kunst- und Kulturszene trifft auf harte soziale Verhältnisse und herbe Kriminalität. Romane werden über Neukölln geschrieben, Filme kommen ins Kino. Aber in der allgemeinen Wahrnehmung bleibt der Stadtteil der Problemkiez schlechthin. Bis zu 90 Prozent sind (je nach Gegend) arm. Spätestens seit dem sogenannten Brandbrief-Skandal an der Rütli-Schule 2006, als die Lehrer öffentlich vor dem Unwillen und der Gewalt ihrer Schüler kapitulierten, ist Neukölln ein Reizwort, das die ganze Republik elektrisiert. Heinz Buschkowsky, der frühere Bezirksbürgermeister, landete einen Bestseller mit dem Buch Neukölln ist überall, ging durch alle Talkshows und machte den Namen seines Stadtteils zum Symbol für soziale Probleme und angeblich scheiternde Integration.
Im Winter 2015 ist es wieder passiert: Auf einer Pegida-Demonstration am 11. November wird ein Rentner von Spiegel Online vor der Kamera befragt. Er sagt: »Ich habe Angst, dass meine Enkel mal an die Schule kommen, und die haben dasselbe Problem wie zum Beispiel in Neukölln.« Die Reporterin fragt nach zum Thema Islamisierung, er erwidert: »Dass wir im Endeffekt als Christen nicht mehr das Abendland beherrschen und dass wir von anderen Leuten übertüncht werden und dass wir nichts mehr zu sagen haben.« Aber ob man hier tatsächlich »übertüncht« wird, möchte ich herausfinden.
Eine Zeitung nannte Neukölln den »schmuddeligen Hinterhof der Stadt«. Keines der zurzeit zwanzig Berliner Sterne-Restaurants (ein oder zwei Sterne im Guide Michelin) befindet sich in Neukölln. Bizarrerweise gibt es hier dennoch die heftigsten Mietsteigerungen Berlins.
Der Stadtteil ist ein Labor für das, was Deutschland sein kann – mit allen schönen und hässlichen Seiten. Auf den Straßen liegen Müll und Hundekot, manchmal hört man von nächtlichen Gang-Schlägereien. Ein Drittel der Menschen lebt von Hartz IV. Gleichzeitig sind die Szene und das Nachtleben hier so interessant wie sonst nirgendwo, das Leben ist nirgends so urban, Multikulti ist oft wunderbar intakt. Hier sind türkische Mädchen mit Kopftuch die Klassenbesten. Amerikanische Künstler betreiben die Bars. Ungarische Juden organisieren in Moscheen Infoabende. In Neukölln ist Deutschland schon ein Einwanderungsland. Und man kann hier auch sehen, was das bedeuten kann.
Neukölln hat 325 000 Einwohner. Würde man es in eine Liste der deutschen Großstädte einreihen, käme es auf Platz 19. Es ist größer als Bonn, Münster oder Karlsruhe. Seltsamerweise hat die Gegend eine Geschichte, als gefährlich wahrgenommen zu werden. Sie hieß früher Rixdorf und wurde 1912 in »Neukölln« umbenannt, auch weil der alte Name stark mit Kriminalität und Sittenverfall assoziiert war. Heute ist Rixdorf der schicke und bürgerliche Teil von Neukölln, vor allem der Richardplatz. Hier hat der Sänger Frank Zander seine Kunstgalerie, und die Restaurants servieren deutsche Küche, die Verhältnisse von einst haben sich umgekehrt. Allerdings nicht so weit, als dass die Mittelschicht ihre Kinder auf die Grundschule am Platz schicken würde. Ein Bekannter, der hier wohnt, hat mit Nachbarn zum Beispiel eine Fahrgemeinschaft gegründet, um die Kinder jeden Tag tief in den Süden Neuköllns zu fahren, zu einer acht Kilometer entfernten Schule.
In Nord-Neukölln, dem ursprünglichen Neukölln, der Gegend innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, die man eigentlich meint, wenn man von Neukölln spricht, sind knapp mehr als die Hälfte der Einwohner Migranten. Als Deutscher bin ich in meinem Kiez in der Minderheit – jedenfalls rechnerisch. Über das Gefühl sagt das noch gar nichts.
Vieles, worauf deutsche Stammtische und Medien besorgt oder belustigt reagieren, ist in Neukölln Wirklichkeit. Der »Härtetest« meiner Familie, mitten in diese Gegend zu ziehen, wird zeigen: Es ist aufregender hier, irgendwie lebensnäher, auch anstrengender. »Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche!« Diesen Satz sagte eine Erzieherin zu uns, als wir eine Hortgruppe für unsere Kinder suchten. Als wir sie konsterniert anschauten, setzte sie noch nach: »Und die meisten können auch mit Messer und Gabel essen.« Das war nicht zynisch oder despektierlich gemeint. Sie ist selbst »nur halb deutsch«, wie sie es nennt. Aber sie ist einfach schon lange hier und hat gelernt, Klartext zu sprechen. Was man im »Problemviertel« lernen kann und muss, darum geht es in diesem Buch.


Erschreckendes
Auf den Umzug folgt der Schock

Oder: Wo sind wir denn hier gelandet, Papa? Wie ich meinen Kindern erklären musste, warum diese Gegend so seltsam ist.
Am Ende unserer ersten Woche in Neukölln schaut mein Sohn mich mit großen Augen an. »Papa«, fragt er, »in was für eine Gegend sind wir hier eigentlich gezogen?«
Wir waren auf dem Tempelhofer Feld, dem einstigen Flugfeld mitten in der Stadt – dem herrlichen, glücklicherweise vom geplanten Bauvorhaben der Verwaltung unangetasteten gigantischen Park. Nun spazieren wir durch kleine, von Altbauten gesäumte Straßen nach Hause. Allerdings nicht ganz so, wie wir wollen. Die Oderstraße, am Zaun des einstigen Stadtairports gelegen, ist zum Teil mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Mehrere Polizisten bewachen die Szene. Achtzehn Autos sind verkratzt, zerstört oder weisen mächtige Dellen an der Seite auf, zwei davon stehen ineinander verkeilt auf der Straße.
Nachdem wir in den wenigen Tagen in der neuen Gegend schon Zeugen zweier großer Unfälle auf der offenkundig lebensgefährlichen Hermannstraße wurden und jeden Abend Polizeisirenen durch die Fenster hereindringen, als wäre das Leben ein Krimi aus Manhattan, kam mein Kind ins Grübeln.
Später lese ich die Polizeimeldung: Zwei Männer waren auf der Hauptstraße in Streit geraten. Wie so oft in solchen Fällen ging es darum, dass einer dem anderen Geld schuldete. Der Schuldner hatte keine Kohle, der Gläubiger keine Contenance. Man stritt sich, und auf einmal zerrten der Gläubiger und sein Kumpel die Freundin des Schuldners in ihr Auto. Die Männer entschlossen sich sozusagen zu einem Spontan-Kidnapping und rasten mit der Frau im Wagen davon. Leider waren sie dann aber zu ungestüm, zu nervös oder einfach zu doof. Der düpierte, seiner Braut beraubte Schuldner war jedenfalls viel schneller. Während einer kurzen Verfolgungsjagd rammten die beiden Gas-Gockel geparkte Autos, bis der Verfolger die Flüchtenden einkeilte, was diese aber nicht an dem Versuch hinderte, sich »freizufahren« – ein großartiges Wort, das ich seitdem immer gern mal wieder in den Mund nehme –, also sinnlos vor- und zurückzusetzen und noch weitere Zerstörung anzurichten. Die Polizei kam und nahm die gesamte Mannschaft fest.
»Only in Neukölln!« So lautet ein Hashtag, das auf Twitter und Instagram umgeht. Besonders bizarre Begebenheiten werden mit #onlyinneukoelln markiert. Wenn etwa im Columbiabad, von den Boulevardmedien gern als das »gefährlichste Freibad Deutschlands« bezeichnet, die Jugendlichen aufeinander losgehen. »Massenschlägerei!«, heißt es dann. »Bei den Temperaturen kochten wohl auch die Gemüter: Im berüchtigten Berliner Columbiabad im Stadtteil Neukölln gerieten fast 60 Badegäste aneinander.« Das war im Juli 2015. Wir selbst hatten am Morgen noch in der Schlange vor den Kassenhäuschen gestanden, bevor wir angesichts der Massen aufgaben und ins Hallenbad gingen. Bei 36 Grad Außentemperatur! Berlin ist längst ein internationaler Magnet, hier kaufen Skandinavier und Japaner massenhaft Immobilien, hier schieben sich Touris durch, die Härte ist gegangen. Dachte man. In Neukölln bleibt sie noch ein bisschen.
Während der Recherche zu diesem Buch sammle ich folgende Nachrichten, die nur ein halbes Jahr betreffen:

– Auf dem U-Bahnhof Schönleinstraße macht die Polizei vier Heroin- und Kokaindealer zwischen 16 und 31 Jahren dingfest, einer versucht noch erfolglos, über die Gleise zu fliehen.
– Am Columbiadamm prügeln sich zwei Männer, weil es dem einen nicht passt, dass die Freundin des anderen raucht.
– Zwei bewaffnete Teenager versuchen, in der Donaustraße ein Bordell zu überfallen.
– Im August 2015 schlägt einen Mann mit einer Machete einer Frau einen Finger ab. Das geschieht vor einer Kneipe, die etwa 150 Meter von meiner Wohnungstür entfernt liegt. Irgendwann abends um zehn halten zwei dunkle Autos vor der Kaschemme, und es steigen Männer mit Messern und Macheten aus. Sie gehen sofort auf eine Frau und ihre Begleiter los, hacken und stechen wie in einem schlechten Brutalo-Gangsterfilm auf die Gruppe ein. Immerhin geht niemand drauf, außer einem linken Daumen.
– In der Hasenheide, dem Park wo wir manchmal Minigolf spielen gehen, findet ein Jogger frühmorgens einen toten Mann im Gebüsch.
– Ebenfalls in der Hasenheide verprügeln zwei der dort in Scharen herumstehenden Dealer einen Zivilpolizisten mit einer Eisenstange und rammen ihm danach ein Messer in den Oberschenkel. Der Beamte muss eine Woche im Krankenhaus verbringen, die Täter entkommen.
– Auf dem S-Bahnhof Hermannstraße liefern sich ein halbes Dutzend Rumänen eine Messerstecherei. Und zwar am hellen Nachmittag.
– In der Nähe des S-Bahnhofs Neukölln wird an einem Sonntagmorgen um sechs Uhr früh ein britischer DJ erschossen. Die Tat findet vor einem kleinen Technoclub statt, der Täter ist vermutlich ein Bewohner desselben Hauses, dem es zu laut war. Die Polizei gibt folgende Täterbeschreibung heraus: Cowboyhut, lange schwarze Kutte, Schrotflinte.
– Die zahlreichen Raubüberfälle auf Spätkauf-Kioske erwähne ich gar nicht. Auch nicht, dass dabei immer wieder Macheten und andere große Waffen im Spiel sind. Vielleicht nur diesen: Im Oktober überfallen drei mit einer Axt bewaffnete Männer einen Kiosk in der Okerstraße. Obwohl der Kassierer das Geld sofort herausgibt, schlagen sie ihm mehrmals ins Gesicht.
– In der Gropiusstadt wird einem Mann aus unbekannten Gründen ins Bein geschossen.
– Vier Männer zwischen 16 und 20 Jahren betreten eines Abends eine Bar, schlagen die Gäste mit einem Stromkabel, treten einer Schwangeren in den Bauch. Vermutlich ein Bandenstreit, denn es kommen immer weitere dazu, am Ende sind 80 Personen anwesend.
– In der U-Bahn U7 prügeln zwei Männer wahllos auf mindestens sechs Fahrgäste ein.
– In der Nähe des Körnerparks greifen zwei Unbekannte an einem Donnerstagabend einen 21-jährigen Spaziergänger an, stechen mit einem Messer zu. Der junge Mann kommt mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus.
– Zwei Räuber, die an der U-Bahn-Station Neukölln einen Mann verprügelt haben, dann aber ohne Beute fliehen mussten, stellen sich zwei Wochen später der Polizei: Sie sind 14 und 16.
Meine Kinder dürfen von alldem nichts erfahren, denke ich. Und ich muss darauf achten, dass sie abends nicht so lange allein draußen rumrennen.

Über Thomas Lindemann

Biografie

Thomas Lindemann ist 1972 in Pinneberg bei Hamburg zur Welt gekommen. Der studierte Psychologe schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine, vor allem die »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin-Neukölln. Sein radikales und offenes...

Pressestimmen

Nido

»Eine gnadenlos ehrliche Erzählung über die Entdeckung einer irrwitzig anderen Welt.«

Hamburger Abendblatt

»Über seine neue Heimat hat Lindemann, der in Hamburg Psychologie studiert hat, nun ein Buch geschrieben. "Keine Angst, hier gibt's auch Deutsche!" heißt seine Stadtreportage. In der beschreibt er seine Erlebnisse und trifft Protagonisten des Viertels, mit denen er versucht, den Bezirk abzubilden.«

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