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Kein Kraut gegen die Liebe

Kein Kraut gegen die Liebe

Roman

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Kein Kraut gegen die Liebe — Inhalt

Folge deinem Herzen ...

Die Innenausstatterin Jennifer soll ein Nobelrestaurant im beschaulichen Ballyfergus einrichten. Ihr Auftraggeber: der charmante Ben. Das Aussehen des jungen Mannes, sein Auftreten und vor allem seine warmherzige Ausstrahlung – Jennifer ist vom ersten Moment an hingerissen. Doch die alleinerziehende Mutter zweier erwachsener Kinder macht sich nichts vor: eine Beziehung mit einem 16 Jahre jüngeren Mann? Allein der Gedanke ist absurd! Oder?

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 13.07.2015
Übersetzer: Ursula C. Sturm
496 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98236-8

Leseprobe zu »Kein Kraut gegen die Liebe«

1

 

Jennifer bemerkte ihn sofort, als sie durch die Tür des Lemon Tree am belebten Donegall Square in Belfast City trat. Das im Lokal herrschende Stimmengewirr vermischte sich mit der Popmusik, die im Hintergrund lief, irgendwo klingelte ein Telefon, und auf der offenen Metalltreppe dröhnten die Schritte der Angestellten, die leichtfüßig nach oben und unten flitzten. Er stand hinter der hell erleuchteten Bar, hielt den Kopf gesenkt und lauschte mit verschränkten Armen aufmerksam einem schwarz gekleideten Kellner. Die Ärmel seines rosaroten Hemds waren [...]

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1

 

Jennifer bemerkte ihn sofort, als sie durch die Tür des Lemon Tree am belebten Donegall Square in Belfast City trat. Das im Lokal herrschende Stimmengewirr vermischte sich mit der Popmusik, die im Hintergrund lief, irgendwo klingelte ein Telefon, und auf der offenen Metalltreppe dröhnten die Schritte der Angestellten, die leichtfüßig nach oben und unten flitzten. Er stand hinter der hell erleuchteten Bar, hielt den Kopf gesenkt und lauschte mit verschränkten Armen aufmerksam einem schwarz gekleideten Kellner. Die Ärmel seines rosaroten Hemds waren hochgekrempelt, die Unterarme blass und kräftig behaart. Über seinen muskulösen Schultern spannte der Stoff ein wenig, während die untere Körperhälfte, die in schwarzen Jeans steckte, schmal, fast schon mager wirkte. Er musste gute zehn Jahre jünger als sie sein. Jennifer, die hinter ihrer Freundin herging, war überrascht von der plötzlichen Sehnsucht, die sein Anblick in ihr weckte. Sie errötete und wandte sich ab.

Eine Kellnerin in enger Hose, die ihr Tablett wie einen Brustharnisch an den Oberkörper gepresst hielt, führte sie an einen Tisch. Sie drückte Jennifer eine Speisekarte in die Hand, sobald diese auf einem der Bugholzstühle Platz genommen hatte. Jennifer schlug sie auf und versuchte, sich auf die Worte zu konzentrieren, die vor ihren Augen tanzten. Was dachte sie sich bloß dabei, einen Kerl anzuschmachten, der so viel jünger war als sie? Einen, der sie ohnehin keines Blickes würdigen würde? Und wenn doch – das wusste sie genau – würde sie auf der Stelle Reißaus nehmen. Sie hatte vergessen, wie man flirtete. Und alles andere auch. Es war drei Jahre her, dass sie mit einem Vertreter des anderen Geschlechts auf Tuchfühlung gegangen war.

»Ich weiß, es ist erst Freitagmittag, aber ich finde, du brauchst einen Geburtstagscocktail«, stellte ihre beste Freundin Donna, eine vollschlanke Blondine, fest.

Jennifer nickte lächelnd und beschloss, Donnas Gesellschaft zu genießen und ihr ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Das gebot schließlich schon der Anstand. Außerdem gingen sie nur genau zwei Mal im Jahr, jeweils an ihren Geburtstagen, schön essen, es war also durchaus etwas Besonderes. So oft kamen sie nicht raus aus Ballyfergus, der etwa 25 Kilometer entfernten Kleinstadt, in der sie beide lebten.

»Das Essen soll hier hervorragend sein«, bemerkte Donna, die sich ein beneidenswert jugendliches Aussehen bewahrt hatte, obwohl auch sie schon über vierzig war. »Wir haben Anfang September, da sollte es bereits Austern aus Donegal geben, nicht? … Mal sehen, ob schon welche auf der Karte stehen«, fuhr sie fort, ohne die Antwort abzuwarten.

Die Getränke kamen, und nachdem sie etwas zu essen bestellt hatten, nahm Jennifer einen Schluck von ihrem preiselbeerroten Cocktail. Sie lauschte lächelnd, während Donna von einer lustigen Begebenheit in der Klinik erzählte, in der sie arbeitete – offenbar hatte sich eine der Empfangsdamen kürzlich nach einer durchzechten Nacht in eine Topfpflanze übergeben. Jennifer hielt den Blick auf ihre Freundin geheftet. Doch sosehr sie sich auch bemühte, den Mann hinter der Bar zu ignorieren, registrierte sie aus den Augenwinkeln doch jede seiner Bewegungen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich, jünger zu sein und von einem Mann wie ihm begehrt zu werden, noch einmal ganz von vorn anzufangen.

»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte sich Donna schließlich. »Du wirkst so abwesend.«

Jennifer lief rot an und senkte den Kopf, sodass ihr das dunkle, glatte Haar ins Gesicht hing. »Entschuldige, ich … Das ist der erste Geburtstag, an dem ich mich so richtig alt fühle. Das ist mir noch nie passiert.«

Als sie den Blick durch das Restaurant schweifen ließ, fiel ihr auf, dass sie in ihren schicken Outfits und den hochhackigen Schuhen fehl am Platz wirkten zwischen all den anderen Gästen, die legere Sommerklamotten trugen. Selbst ihre Drinks waren ein Beweis dafür, dass sie einer anderen Generation angehörten. Sie sah an sich hinunter und kam sich in ihrem engen schwarzen Bleistiftrock und dem schwarzen Jersey-Top mit der Satin-einfassung total overdressed vor.

»Du bist nur so alt wie der Mann, nach dem es dich gelüstet«, winkte Donna mit einem anzüglichen Grinsen ab, was Jennifer nur ein müdes Lächeln entlockte. »Die große Krise kommt doch eher am vierzigsten Geburtstag, nicht am vierundvierzigsten. Mit Mitte vierzig sollte Frau ja allmählich alle Programmpunkte abgehakt haben«, fuhr sie etwas ernster fort und ließ die zahlreichen Armreifen an ihrem Handgelenk klimpern wie Gefängnisketten. »Sie sollte eine Familie und einen tollen Job haben, ein positives Selbstbild und jede Menge Selbstvertrauen, eine unersättliche Libido – ach ja, und einen stattlichen Kerl, der sich um ebendiese kümmert.« Donna gluckste und legte eine kurze Kunstpause ein. Sie spielte nicht ohne Grund alljährlich die weibliche Hauptrolle in dem Stück, das der Theaterverein zu Weihnachten aufführte. »Und ich würde mal sagen, bis auf den stattlichen Kerl hast du alles.«

»In unserem Alter ist es nicht leicht, jemanden kennenzulernen.« Jennifer fasste sich in den Nacken und war kurz überrascht, als sie ins Leere griff. Sie hatte sich noch nicht an ihren neuen Haarschnitt gewöhnt, den sie sich heute Vormittag hatte verpassen lassen. In einem für sie höchst untypischen Anfall von Verrücktheit hatte sie dem Friseur gestattet, mit ihrem schlaffen, halblangen Haar zu machen, was er wollte. Das war eine kluge Entscheidung gewesen: Der hinten angestufte Bob wirkte flippig und modern, und vorne waren die Haare gerade noch so lange, dass die Frisur feminin wirkte. Jennifer war zwar sehr zufrieden damit, aber ihre Laune hatte sich dadurch auch nicht gebessert. »Manchmal glaube ich, es wird nie mehr passieren.«

»Aber natürlich wird es das!«, widersprach Donna.

Jennifer griff nach ihrem Cocktail, legte den Kopf in den Nacken und leerte das Glas in einem Zug. Nicht sehr damenhaft. Hoffentlich hatte der Mann hinter der Bar es nicht bemerkt. »Tja, wie es aussieht, werde ich wohl bis ans Ende meiner Tage allein in meinem Haus herumhocken. Matt hat sich landesweit um eine Stelle als Jungkoch beworben, und er sagt, er sucht sich eine eigene Wohnung, sobald er eine gefunden hat. Ich will nicht, dass er auszieht.«

Es war natürlich unfair, von ihren Kindern, die alt genug waren, um ihr eigenes Leben zu führen, zu erwarten, dass sie ihr Gesellschaft leisteten. Aber sie konnte einfach nicht anders. Nachdem sie jahrelang zu dritt unter einem Dach gewohnt hatten, war Jennifer einfach daran gewöhnt, dass sie immer da waren. »Mir graut schon jetzt davor. Es war schlimm genug, dass Lucy zum Studieren nach Belfast gezogen ist. Und bei der momentanen Wirtschaftslage ist es höchst unwahrscheinlich, dass Matt einen Job in Ballyfergus bekommt … Er hat sich sogar in Dublin beworben«, fügte sie mit düsterer Miene hinzu.

»Also, vielleicht beruhigt es dich ja, wenn ich dir sage, dass er da unten wohl kaum eine Stelle bekommen wird. Dublin geht es wirtschaftlich doch kein bisschen besser. Was man so hört, steigt die Zahl der Auswanderer wieder – angeblich gehen die jungen Leute scharenweise nach Amerika.«

Jennifer riss erschreckt die Augen auf. Und das sollte sie beruhigen? Was, wenn Matt ebenfalls auswandern musste, um Arbeit zu finden? Auf verträumte junge Menschen, die nicht viel hatten, wirkte die Vorstellung, in ein anderes Land zu ziehen, verlockend, und es war einfach, den vielen zu folgen, die vor ihnen bereits diesen Weg gegangen waren.

»Er kann doch nicht ewig zu Hause wohnen, Jennifer«, sagte Donna, und ein Lächeln huschte über ihr breites, ehrliches Gesicht. »Er muss auf eigenen Beinen stehen und seinen Weg gehen, wie alle Kinder.«

Jennifer zuckte die Achseln. »Ich weiß. Und ich gönne es ihm ja auch. Es ist nur …« Sie stockte und suchte nach den richtigen Worten für ihre Melancholie. »Die Aussicht, zum ersten Mal seit Jahrzehnten allein zu wohnen …« Sie schüttelte den Kopf.

»Lucy wird doch weiterhin jedes Wochenende kommen, oder?«

»Schon«, räumte Jennifer gezwungenermaßen ein. Aber es würde einfach nicht mehr dasselbe sein wie früher, als noch beide Kinder bei ihr gewohnt hatten.

»Und Muffin hast du schließlich auch noch«, erinnerte Donna sie heiter, und Jennifer schenkte ihr ein Lächeln. Für Donna war das Glas stets halbvoll. Jennifer kannte niemanden, der so optimistisch und fröhlich war wie sie, und schon deswegen liebte sie sie. Sie setzte eine gespielt grimmige Miene auf. »Muffin ist ein Hund, Donna.«

»Tja, meine Liebe, du kannst es dir nicht leisten, wählerisch zu sein.«

Jennifer lachte, dann wurde sie wieder ernst. »Matts Pläne haben jedenfalls dazu geführt, dass ich mein Leben mal gründlich überdacht und mich gefragt habe, ob das wirklich schon alles war.«

Donna nickte ernst und sagte: »Klingt nach einem akuten Fall von ENS.«

»Was?«

»ENS. Das Empty-Nest-Syndrom.«

Die Kellnerin brachte das Essen, und Donna bestellte zwei Gläser Weißwein. Jennifer betrachtete den hübsch angerichteten Caesar Salad, den sie bestellt hatte. Ihr war der Appetit vergangen.

»Ist ja auch kein Wunder«, fuhr Donna fort und nahm Messer und Gabel zur Hand. Sie hatte keine Kinder, aber sie war Psychologin und wusste, wovon sie sprach. »Los, hau rein!« Sie schob sich ein Stück Lachs in den Mund, kaute kurz und sagte dann mit vollem Mund: »Du brauchst bloß mal etwas Abwechslung vom Alltag, Jennifer. Dir ist die Lebenslust abhandengekommen, aber das lässt sich ändern. Du musst nur mal wieder unter Leute, neue Bekanntschaften schließen …«

»Da hast du wohl recht«, stimmte Jennifer ihr ruhig zu, obwohl sie schwitzte und nur mit Mühe die Beine unter dem Tisch stillhalten konnte. Als sie das nächste Mal zur Bar schielte, war der Fremde im rosa Hemd verschwunden.

Sie dachte an die Träume, die sie als junges Mädchen gehabt hatte – Träume von Romantik und Abenteuern, von denen sie angenommen hatte, sie würden sich im Laufe ihres Lebens erfüllen. Doch irgendwann, ungefähr zu der Zeit, als sie David geheiratet hatte, war ihr der Entdeckergeist abhandengekommen.

Es war nicht seine Schuld gewesen. Sie hatten ein Baby erwartet, und das Geld war knapp gewesen. Träume waren da ein unerschwinglicher Luxus gewesen. David war der Inbegriff von Zuverlässigkeit, Rechtschaffenheit und Berechenbarkeit – lauter Eigenschaften, die sich Frauen von ihrem Ehemann und dem Vater ihrer Kinder wünschten. Jedenfalls hatte Jennifer das gedacht. Doch irgendwann hatte sie festgestellt, dass ihr Humor, Spontaneität und Abenteuerlust wichtiger waren. Ihre emotionalen Bedürfnisse und ihre künstlerischen Neigungen waren auf der Strecke geblieben, und ihre Ehe war schließlich gescheitert.

Doch jetzt, zwölf Jahre nach der Scheidung, kam ihr das Leben, das sie führte, genauso langweilig vor wie ihre Ehe. Und das, obwohl sie eigentlich mit den meisten Dingen zufrieden war.

Sie hatte es ausschließlich sich selbst zuzuschreiben, dass sie von ihrem Leben enttäuscht war. Sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, dafür zu sorgen, dass Matt und Lucy das Beste aus ihren Möglichkeiten machten.

Statt selbst schwimmen zu gehen, hatte sie einmal wöchentlich abends am Eingang des Hallenbads gestanden und Schwimmverein-Ausweise kontrolliert. Am Samstagvormittag hatte sie im Regen am Spielfeldrand gestanden und Matt beim Rugbyspielen zugesehen, statt eine Runde zu joggen. Sie hatte ihre Kinder zu Pfadfindertreffen, Malkursen und Theaterproben gekarrt, zum Tanz- oder Musikunterricht und zum Hockey- oder Fußballtraining. Nicht, dass sie etwas anders machen würde, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte. Sie hatte für ihre Familie ihr Bestes gegeben, und sie bereute es nicht.

Donna beugte sich über den Tisch und tätschelte ihr die Hand. »Deine Zeit ist gekommen, Jennifer. Nach all den Jahren, in denen du für deine Kinder und ihre Bedürfnisse da warst, ist es jetzt an der Zeit, dass du auch mal an dich denkst«, sagte sie, als hätte sie Jennifers Gedanken gelesen.

Jennifer lächelte. »Ich gebe dir völlig recht, aber es ist gar nicht so einfach, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich habe immer irgendwie ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir mal etwas gönne.« Sie blickte auf ihre Hände. »Und wenn ich zur Abwechslung etwas Zeit für mich habe, weiß ich manchmal ehrlich gesagt gar nicht, was ich damit anfangen soll.«

»Der Fluch der Mutterschaft«, stellte Donna mit einem ironischen Grinsen fest. »Das vergeht.«

Jennifer runzelte die Stirn, stützte den Ellbogen auf dem Tisch auf und legte das Kinn in die Hand. »Ich muss wirklich dringend neue Leute kennenlernen. Ich weiß nur nicht, wie ich es anstellen soll.«

»Aber ich«, verkündete Donna. »Du registrierst dich einfach bei einem Online-Dating-Portal.«

»Ach, ich weiß nicht recht. Das kommt mir so unnatürlich vor.«

»Unsinn«, widersprach Donna. »Auf diese Weise habe ich Ken kennengelernt.«

»Oh!« Jennifer presste sich eine Hand auf den Mund und lief feuerrot an. »Entschuldige.« Donna war jetzt schon vier Jahre mit Ken zusammen, einem großen, stämmigen Polizisten, der ein Herz aus Gold hatte, wie man so schön sagte. »Ich wollte nicht … Es ist bloß …«

»Schon vergessen«, winkte Donna ab und wedelte mit der Hand, als wollte sie ein lästiges Insekt verscheuchen. »Du musst einfach nur die Perspektive wechseln. Heutzutage ist das genauso normal, als würde man jemanden im Pub kennenlernen. Man guckt sich die Männer an, und wenn man einen sieht, der einem gefällt, tauscht man ein paar Informationen aus und vereinbart ein Treffen, sofern man auf derselben Wellenlänge ist. Das ist alles.«

Jennifer rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Dann hatte sie eine Art Vision: Sie sah sich selbst allein zu Hause beim Abendbrot sitzen, sah sich auf die leeren Plätze am Esstisch starren, an denen Lucy und Matt gesessen hatten, seit sie vor zwölf  Jahren in das Haus in der Oakwood Grove gezogen waren. Ja, es musste sich etwas ändern, auch wenn sie Angst davor hatte, es in die Hand zu nehmen.

Wenn sie ehrlich war, hoffte sie noch immer auf eine romantische erste Begegnung, auf einen Moment, in dem sie in einem überfüllten Raum einem attraktiven Mann in die Augen sah und sofort spürte, wie es knisterte …

Sie hob den Kopf, und da war er – der Mann mit den schwarzen Haaren und dem rosa Hemd. Er stand mitten im Restaurant, nur ein paar Schritte von ihr entfernt, mit einem Tablett voller Gläser in den Händen, und starrte sie ohne den Anflug eines Lächelns an. Seine Pupillen waren geweitet, sodass nur noch ein schmaler Ring der haselnussbraunen Iris zu sehen war. Jennifer war, als könnten diese Augen geradewegs auf den Grund ihrer Seele blicken. Es war ein durchdringender, vielsagender Blick, und sie erwiderte ihn, verblüfft, fasziniert, obwohl ihr dabei alles andere als wohl in ihrer Haut war.

»Drastische Zeiten erfordern drastische Maßnahmen«, beharrte Donna, und damit war der Bann gebrochen. Jennifer sah mit heftig pochendem Herzen woanders hin, und der Mann ging weiter.

»Der Mann deiner Träume wird dir nicht in den Schoß fallen, wenn du nur zu Hause in Ballyfergus herumsitzt«, fuhr Donna fort. »Du musst aktiv werden, ausgehen. Und du wirst deinen Spaß haben, glaub mir. Ich habe dabei ein paar tolle Männer kennengelernt.« Dass ihr im Laufe ihrer Suche auch eine ganze Menge irrer Typen über den Weg gelaufen waren, behielt sie wohlweislich für sich. »Ich helfe dir, ein Profil zu erstellen.«

Jennifer rang noch um Fassung, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Es war lange her, dass ein Mann sie so angesehen hatte, noch dazu ein derart attraktiver. Sie schloss die Augen und sah ihn vor sich – sein sorgfältig rasiertes Gesicht und seine dunklen, sanft gewellten Haare, deren Spitzen den Hemdkragen streiften … Sein Bild hatte sich förmlich in die Innenseite ihrer Augenlider eingebrannt. Er sah so umwerfend gut aus. Warum sollte er es ausgerechnet auf sie abgesehen haben, wo er doch jede Frau haben konnte, die er wollte? Es erschien Jennifer unwahrscheinlich, dass er wirklich sie gemeint hatte. Vermutlich hatte sie es sich bloß eingebildet. Sie schlug die Augen auf. Ja, so musste es sein. Sein Blick hatte gar nicht ihr gegolten. Er hatte einfach nur ins Leere gestarrt.

»Jennifer?«, fragte Donna. »Was ist denn mit dir los?«

»Alles bestens. Mir ist bloß etwas schwummrig von dem Cocktail und dem Wein.«

Nachdem die Kellnerin ein Glas Wasser gebracht hatte, sagte Donna mit einem zufriedenen Grinsen: »Du wirst es nicht bereuen. Du wirst so beschäftigt sein und so viel Spaß haben, dass du es kaum bemerken wirst, wenn Matt ausgezogen ist. Apropos …« Sie reckte den Kopf, um an den Gästen am Nebentisch vorbeizuspähen. »Ist er das nicht dort drüben?«

»Das glaube ich kau…« Jennifer wandte sich um, und die Worte blieben ihr im Hals stecken. Es war tatsächlich Matt, und er unterhielt sich lächelnd mit dem Mann im rosa Hemd! Die beiden wechselten ein paar Worte, dann verschwanden sie hinter einer dunklen Holztür.

»Was treibt der denn hier?«, murmelte Jennifer halblaut. Und was hatte er mit diesem Mann zu schaffen?

»Vielleicht bewirbt er sich ja um eine Stelle.«

»Natürlich.« Jennifer zog die Nase kraus, teils vor Erstaunen, teils, weil sie nicht selbst darauf gekommen war. Andererseits: Matt hatte Jeans und einen Kapuzenpulli getragen, nicht gerade die typische Kleidung für ein Vorstellungsgespräch. Außerdem hatte er ihr gegenüber nichts dergleichen erwähnt. Aber warum sollte er auch? Er hatte in letzter Zeit ständig Vorstellungsgespräche, und er hatte nicht wissen können, dass sie im Lemon Tree waren. Donna hatte sie überraschen wollen und nur gesagt, sie gingen in ein In-Lokal.

»Ja, bestimmt ist er hier, um sich zu bewerben.« Jennifer nickte und sah sich mit neu erwachtem Interesse in dem von Gästen und Lärm erfüllten Lokal um. »Und wie es aussieht, gibt es hier jede Menge zu tun für ihn. Der Laden brummt.«

»Das tut er immer«, sagte Donna, die diesbezüglich bestens informiert war. »Es ist eines der besten Restaurants in Belfast. Sie beziehen den Fisch von Ewings in der Shankill Road.« Auf  Jennifers verständnislosen Blick hin fügte sie erklärend hinzu: »Ewings ist der beste Fischhändler in der Stadt. Er beliefert auch sämtliche Crawford-Hotels.«

»Die Crawford-Hotels?«, wiederholte Jennifer, darum bemüht, nicht zu interessiert zu klingen. Bis auf den Mann hinter der Bar trugen alle Angestellten schwarz. Er musste der Boss sein.

»Genau«, sagte Donna. »Das Marine Hotel in Ballyfergus gehört auch zu ihrer Kette.«

»Ach, richtig.« Jetzt wusste Jennifer, warum ihr der Name Crawford so bekannt vorkam – die Crawfords waren eine der reichsten und bekanntesten Familien weit und breit.

»Wie es aussieht, kaufen sie jetzt auch noch Restaurants auf«, fuhr Donna fort. »Das Lokal hier war eine ziemlich üble Kaschemme, bis die Crawfords es vor einem Jahr übernommen und komplett umgestaltet haben.«

»Wer war denn der Mann, mit dem Matt geredet hat?«, erkundigte sich Jennifer beiläufig, und ihr Blick wanderte unwillkürlich zu der Tür, hinter der die beiden verschwunden waren.

»Der mit dem rosa Hemd? Das ist Ben Crawford, der Alleinerbe des Imperiums.«

Ben. Der Name passte zu ihm, fand Jennifer. Er gefiel ihr.

»Voriges Jahr ist er vom Ulster Tatler zum begehrenswertesten Junggesellen in Nordirland gewählt worden«, berichtete Donna.

Jennifer schluckte. »Und, ist er … ist er … nett?«, fragte sie. Sie konnte nicht anders, auch wenn er in einer völlig anderen Liga spielte.

»Ich kenne ihn nicht; ich hatte nur mal bei einer Benefiz-Gala mit seinem Vater Alan zu tun. Grauenhafter Kerl. Laut, überheblich und eingebildet.«

Jennifer biss sich auf die Unterlippe. Ob wohl das Sprichwort Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm auf Ben zutraf? Dabei wirkte er so sympathisch.

»Keine Sorge.« Donna tätschelte ihr beruhigend die Hand. »Sein Sohn soll ganz anders sein. Falls er Matt einstellt, wird er ihn bestimmt anständig behandeln.«

 

 

2

 

Ben saß im vollgestopften, fensterlosen Büro im hinteren Teil des Lemon Tree und griff nach einer der Bewerbungsmappen auf seinem Schreibtisch. Dann lächelte er den gut aussehenden jungen Mann an, der ihm gegenübersaß, und versuchte, den Anblick der schwarzhaarigen Frau von vorhin aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Sie war ihm gleich aufgefallen, als sie in ihrem engen Rock und den schwarzen Lacklederpumps durch das Lokal gestöckelt war. Er konnte nicht fassen, dass er den Nerv besessen hatte, mitten im gerammelt vollen Restaurant wie angewurzelt stehen zu bleiben und sie so unverhohlen anzustarren. Was war nur in ihn gefahren?

Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er einen Entschluss gefasst hatte, was Rebecca anging. Er würde es durchziehen, auch wenn er sich nicht gerade darauf freute. Nervös schielte er auf sein Handy, das auf dem Schreibtisch lag. Heute Abend würde er es ihr sagen. Er hatte ihr eine SMS geschickt und gefragt, ob sie sich auf einen Drink treffen konnten.

Er gehörte bestimmt nicht zu den Männern, die sich nach anderen Mädchen umdrehten, obwohl sie vergeben waren. Ganz im Gegenteil, dachte er und klappte die Bewerbungsmappe auf. Er war seinen Freundinnen stets treu gewesen, und es war auch ganz und gar untypisch für ihn, eine attraktive Vertreterin des anderen Geschlechts so ungeniert anzuglotzen. Aber die Frau vorhin war ihm aus unerfindlichen Gründen gleich ins Auge gestochen, und er hatte sich nicht bremsen können. Dass sie seinen Blick erwidert hatte, bescherte ihm jetzt noch Herzrasen und einen trockenen Mund. Er schob die Gedanken an sie beiseite und räusperte sich.

»Es tut mir leid, Matt, aber Jason McCluskey, der Küchenchef, der eigentlich das Bewerbungsgespräch führen sollte, musste leider dringend weg.« Jasons dreijährige Tochter Emily litt an einer seltenen Blutkrankheit und war soeben wegen eines Asthmaanfalls ins Krankenhaus gebracht worden. »Deshalb werde ich das Gespräch mit dir führen, obwohl das eher unüblich ist.«

»Okay.« Matt lächelte zum ersten Mal. Er hatte ein offenes, sympathisches Gesicht, das auf Frauen zweifellos anziehend und auf Männer vertrauenerweckend wirkte. Wenn seine Kochkünste so bemerkenswert waren wie sein Äußeres, würde er es weit bringen.

Ben nahm einen DIN-A4-Block zur Hand, darum bemüht, sich auf Matt zu konzentrieren. Der erste Eindruck war nicht gerade positiv – seine Haare waren zu lang, und sein Outfit – ein Kapuzenpulli von Abercrombie und enge Jeans – entsprach nicht gerade dem Anlass. Ben hasste Bewerbungsgespräche und die Verantwortung, die damit einherging. Es bereitete ihm Unbehagen, wenn das Schicksal anderer Menschen in seinen Händen lag, und sei es nur in begrenztem Ausmaß. Er hatte Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Jemanden einzustellen fand er schon schlimm genug, aber noch belastender war es, jemanden feuern zu müssen.

Erst letzte Woche hatte er eine der Kellnerinnen, eine alleinerziehende Mutter von Zwillingen, entlassen müssen, weil sie mehrfach nicht zur Arbeit gekommen war, ohne vorher Bescheid zu geben. Er hatte ihr mindestens ein Dutzend Mal ins Gewissen geredet und ihr immer wieder eine neue Chance gegeben, aber irgendwann hatte er sich gezwungen gesehen, ihr zu kündigen, sonst hätte die Arbeitsmoral seiner anderen Angestellten gelitten. Es hatte ihm schier das Herz gebrochen. Tja, da musste er jetzt durch. Er versuchte – wie immer – sein Bestes zu geben, auch wenn es sinnlos war, einem Menschen nachzueifern, der in jeglicher Hinsicht so völlig anders gewesen war als er.

Matt Irwin schrieb er ganz oben auf das leere Blatt, dann lehnte er sich auf seinem braunen Lederdrehstuhl zurück und legte lässig ein Bein über das andere, um seinem Bewerber die Befangenheit zu nehmen.

»Also, Matt, ich habe deinen Lebenslauf gelesen, aus dem bereits hervorgeht, dass du für die Stelle qualifiziert bist. Aber ich wüsste gern noch etwas mehr über deine bisherige Arbeitserfahrung.«

»Ich habe mit sechzehn in der Küche des Marine Hotel in Ballyfergus angefangen«, sagte Matt und fügte überflüssigerweise »das ja auch zur Crawford Group gehört« hinzu, wohl um zu beweisen, dass er seine Hausaufgaben gemacht hatte.

»Richtig.« Das Marine war das erste Hotel, das Bens Vater gekauft und komplett renoviert hatte. Dreißig Jahre war das jetzt her. Inzwischen hatte die Crawford Group einen eigenen Aufsichtsrat und führte eine Reihe erstklassiger Hotels in der gesamten Provinz. Irgendwann hatte es keine heruntergekommenen Hotels mehr gegeben, die man hätte aufkaufen können, und Alan Crawford hatte beschlossen, sein Betätigungsfeld auf Restaurants auszuweiten. Und da das Lemon Tree nun so hervorragend lief, wollte er ein weiteres Restaurant eröffnen – in Ballyfergus, einer florierenden Hafenstadt unweit von Belfast. Ganz egal, wie viele Erfolge er bereits zu verzeichnen hatte, Bens Vater bekam den Hals einfach nicht voll. Er war noch nie in der Lage gewesen, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, und war stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen, rastlos und unermüdlich. Nach Ricky war es nur noch schlimmer geworden.

»Du hast vom Küchenchef des Marine Hotel ein hervorragendes Zeugnis erhalten. Wobei du dort natürlich noch kein Jungkoch warst.«

»Stimmt, da war ich Küchenhilfe«, gab Matt zu und fügte rasch hinzu: »Danach habe ich noch einige Praktika gemacht, zum Beispiel im Potted Herring. Das war klasse. Die wollten mich dort auch eigentlich einstellen …«

»Aber dann sind sie pleitegegangen«, ergänzte Ben und schüttelte bedrückt den Kopf. Letztes Jahr hatten in der Stadt so viele Restaurants geschlossen wie noch nie zuvor, und dieses Jahr war die Lage nicht viel besser. »Das ist natürlich Pech.«

Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, wie bemerkenswert es war, dass das Lemon Tree trotz der Wirtschaftskrise so gut lief, und wie viel von diesem Erfolg auf die Visionen und den Geschäftssinn seines Vaters zurückzuführen war. Nur sehr wenige Restaurantbesitzer waren zurzeit in der Lage zu expandieren.

Matt nickte. »Ja, das war echt total schade. Aber ich bin nicht der Einzige. Keiner aus meinem Kurs hat eine feste Anstellung.« Er rieb sich mit den Handflächen die Oberschenkel. »Hören Sie, ich weiß, ich habe nicht so viel Erfahrung, wie Sie vielleicht erwarten oder sich wünschen würden …« Als er sich nach vorn beugte und die Hände zwischen den Beinen hängen ließ, bemerkte Ben, dass sie zitterten. »Aber ich bin echt gut. Besser als gut. Ehrlich. Fragen Sie meine Ausbilder.«

Ben malte ein paar Zickzacklinien oben auf die leere Seite und dachte daran, dass sein Vater ihm eingeschärft hatte, nur Leute mit ausreichend Erfahrung zu nehmen. »Lass bloß die Finger von den Greenhorns«, hatte er ihn ermahnt. »Die sollen sich lieber woanders die ersten Sporen verdienen.« Ben hielt inne und betrachtete Matt. Alan Crawford würde diesen jungen Mann niemals einstellen. Selbst Jason, der diesbezüglich offener war und sehr dafür, junge Talente zu fördern, hätte wahrscheinlich seine Bedenken. Aber wie sollte ein Berufsanfänger je einen Fuß in die Tür bekommen, wenn ihm niemand eine Chance gab?

Ben wurde bewusst, dass Matt schon eine Weile nichts mehr gesagt hatte und ihn erwartungsvoll ansah. »Kannst du mir einen Grund nennen, warum ich dich als Jungkoch einstellen soll?«

Matt holte tief  Luft und hielt kurz den Atem an, dann atmete er hörbar aus, sah Ben geradewegs in die Augen und erwiderte: »Weil ich anders bin. Weil ich nicht bloß Rezepte auswendig lerne und mich auch nicht immer strikt daran halte. Ich … kreiere.« Er hob seine Hände, als würde er etwas in die Luft werfen, und seine anfangs noch leise Stimme wurde lauter und leidenschaftlicher, wie ein Teekessel, wenn er zu kochen beginnt. »Ich habe Phantasie und scheue mich nicht davor, zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Und ich nehme meine Arbeit ernst. Alles, was ich mache, muss perfekt sein.«

Über Erin Kaye

Biografie

Erin Kaye wurde 1966 in Larne, Nordirland, geboren, als Tochter eines polnisch-amerikanischen Vaters und einer anglo-irischen Mutter. Sie arbeitete viele Jahre erfolgreich in der Finanzwirtschaft, ehe sie sich dem Schreiben widmete. Heute lebt sie mit ihrem Mann, den beiden Söhnen und Hund Murphy...

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