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Keiko

Keiko

Roman

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Keiko — Inhalt

Dezember 1941: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor ist auch in Seattle nichts mehr, wie es war. Für den zwölfjährigen Henry bricht eine Welt zusammen, als Keiko, das bildschöne Mädchen aus seiner Schule, plötzlich verschwindet. Ihre Eltern sind Japaner und die Wirren des Krieges beenden eine aufkeimende Liebe. Vierzig Jahre später stößt Henry durch Zufall auf einen Bambusschirm und ist sich sicher: Dieser Schirm hat einmal Keiko gehört. Was ist mit ihr geschehen?

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
400 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0952-6

Leseprobe zu »Keiko«

DAS PANAMA HOTEL
(1986)

Der alte Henry Lee stand wie gebannt da und verfolgte das Hin und Her vor dem Panama Hotel. Zunächst hatten nur ein paar Neugierige das Nachrichten-Team des Fernsehens dabei beobachtet, wie es sich dort für Dreharbeiten vorbereitete, aber mittlerweile war daraus eine kleine, friedliche Ansammlung von Einkaufenden, Touristen und ein paar Straßenkindern geworden, und alle fragten sich, um was es da wohl ging. Mit in vorderster Reihe stand Henry, links und rechts mit Einkaufstaschen behängt, und fühlte sich, als wachte er aus einem [...]

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DAS PANAMA HOTEL
(1986)

Der alte Henry Lee stand wie gebannt da und verfolgte das Hin und Her vor dem Panama Hotel. Zunächst hatten nur ein paar Neugierige das Nachrichten-Team des Fernsehens dabei beobachtet, wie es sich dort für Dreharbeiten vorbereitete, aber mittlerweile war daraus eine kleine, friedliche Ansammlung von Einkaufenden, Touristen und ein paar Straßenkindern geworden, und alle fragten sich, um was es da wohl ging. Mit in vorderster Reihe stand Henry, links und rechts mit Einkaufstaschen behängt, und fühlte sich, als wachte er aus einem lange vergessenen Traum auf. Einem Traum, den er als Junge einmal geträumt hatte.
Das erste Mal war er mit zwölf zu dem altbekannten Seattler Hotel gekommen, damals, 1942, in den »Kriegsjahren«, wie er die Zeit gerne nannte. Schon da war das alte »Junggesellen«Hotel eine Art Scheidepunkt zwischen Seattles Chinesenviertel und Nihonmachi gewesen, dem Viertel der Japaner. Chinatown und Nihonmachi, das waren die Außenposten eines uralten Konflikts. Chinesische und japanische Einwanderer sprachen kaum miteinander, auch wenn ihre in Amerika geborenen Kinder manchmal eine alte Dose aus dem Müll holten und damit gemeinsam auf der Straße Fußball spielten. Das Hotel war ein perfekter Treffpunkt. Auch für ihn und die Liebe seines Lebens, damals, 1942.
Und heute stand er wieder hier, 1986, gut vierzig Jahre später. Er hatte aufgehört, die Jahre zu zählen, die zur Erinnerung wurden. Ein ganzes Leben lag zwischen damals und heute. Eine Ehe. Die Geburt eines undankbaren Sohnes. Krebs, ein Begräbnis. Er vermisste seine Frau Ethel. Sechs Monate waren seit ihrem Tod nun vergangen. Aber er vermisste sie nicht so sehr, wie man hätte denken können, es war nicht so schlimm, wie es klang. Tatsächlich war ihr Tod so etwas wie eine Erleichterung gewesen, nach langer, schwerer Krankheit. Der Krebs in ihren Knochen war absolut vernichtend, für uns beide, dachte er.
Die letzten sieben Jahre hatte Henry sie gefüttert, gebadet, ihr auf die Toilette geholfen, wenn sie musste, und wieder herunter, wenn sie fertig war. Tag und Nacht war er für sie da gewesen, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, wie man so sagt. Marty, ihr Sohn, dachte, seine Mutter sollte besser in ein Heim, aber Henry wollte nichts davon hören. »Nicht, solange ich lebe«, sagte er. Nicht nur, weil er Chinese war, wobei das natürlich zu seinem Widerstand beitrug. Die konfuzianische Idee des Respekts, der Achtung und Ehrerbietung für die Eltern war ein kulturelles Erbe, das Henrys Generation noch sehr bestimmte. Er war dazu erzogen worden, dass man in der Familie persönlich füreinander sorgte. Jemanden in ein Heim zu geben, war undenkbar. Sein Sohn Marty begriff nicht, dass es tief in Henrys Leben eine Ethel-förmige Leere gab, durch die der kalte, bittere Wind der Einsamkeit wehte. Die Jahre flossen dahin wie das Blut einer Wunde, die niemals heilt.
Als sie gestorben war, musste sie beerdigt werden, auf die althergebrachte chinesische Weise, dachte Henry, in schützende Tücher gehüllt, mit Essensgaben und tagelangen Gebetszeremonien, trotz Martys Anfall, sie doch unbedingt einzuäschern. Marty war so modern. Er war zu einer Beratung gegangen und hatte den Tod seiner Mutter mit Hilfe einer »Online-Selbsthilfegruppe« zu verarbeiten versucht. Was immer das war. Online zu gehen, das klang, wie niemanden zum Reden zu haben, womit Henry sich auskannte, im wirklichen Leben. Das war eine so einsame Sache. Fast so einsam wie der Lake-View-Friedhof, auf dem Ethel jetzt begraben lag. Sie hatte einen wunderbaren Blick
über den See und war von chinesischer Prominenz Seattles wie Bruce Lee und dessen Sohn Brandon umgeben. Aber natürlich lagen sie alle allein in ihrem Grab. Für immer allein. Da war es egal, wer ihre Nachbarn waren. Sie antworteten nicht.
Abends bei Einbruch der Dämmerung redete Henry mit seiner Frau und fragte sie, wie ihr Tag gewesen sei. Nicht, dass er sie noch hätte hören können. »Ich bin nicht verrückt oder so«, sagte Henry in die Leere vor sich, »nur aufgeschlossen. Man weiß nie, wer einem zuhört.« Dann machte er sich daran, die braunen Blätter von der chinesischen Palme und dem Immergrün zu schneiden, die genau wie die anderen Hauspflanzen Zeugnis monatelanger Vernachlässigung ablegten. Endlich hatte er wieder Zeit. Zeit für etwas, das zur Abwechslung einmal wachsen und stärker werden würde.
Gelegentlich jedoch kamen ihm statistische Überlegungen. Nicht zur Sterblichkeitsrate durch den Krebs, dem Ethel erlegen war. Nein, er dachte über sich selbst nach und die Zeit, die ihm noch blieb, folgte man den Tabellen der Lebensversicherungen. Er war erst sechsundfünfzig, ein junger Mann nach seinen eigenen Maßstäben. Aber er hatte in Newsweek einen Artikel über den unvermeidbaren gesundheitlichen Niedergang hinterbliebener Ehepartner in seinem Alter gelesen. Vielleicht tickte die Uhr tatsächlich schon? Er war sich nicht sicher, denn mit Ethels Tod hatte die Zeit zu schleichen begonnen. Ticken hin oder her.
Er hatte sich auf einen Handel mit Boeing Field eingelassen, früher in Rente zu gehen, und war daher ganz ohne Verpflichtungen, hatte aber niemanden, mit dem er seine Stunden und Tage teilen konnte. Niemanden, mit dem er hinunter zur Mon-HeiBäckerei gehen konnte, um an kühlen Herbstabenden ping pei, Karotten-Mohnkuchen, zu kaufen.
Stattdessen stand er nun hier in dieser Menge fremder Menschen ein weiteres Mal vor der Tür des Panama Hotel. Ein Mann zwischen den Lebensaltern. Er stieg die rissigen weißen Marmorstufen hinauf, die das Hotel wie ein Art-déco-Freigängerhaus wirken ließen, genau wie Henry zwischen zwei Welten gefangen. Nervös und erregt fühlte er sich, wie damals als Junge, wenn er hier vorbeigekommen war. Auf dem Markt hatte er vom Hotel reden hören, und so war er von der Videothek an der South Jackson herspaziert und hatte der wachsenden Größe der Menschenansammlung entsprechend erst einen Unfall vermutet. Aber dann hörte er nichts, keine Sirenen, kein Jammern. Sah keine zuckenden Lichter. Nur Menschen, die auf das Hotel zutrieben, als zöge das Meer an ihren Füßen, spüle sie weiter und weiter, Schritt für Schritt.
Henry trat näher, sah das Nachrichten-Team seine Ausrüstung nehmen und folgte ihm nach drinnen. Die Menge teilte sich, die kamerascheuen Schaulustigen traten zur Seite und machten den Weg frei. Henry ging direkt hinter den Fernsehleuten her, schob die Füße vorsichtig voran, um niemanden zu treten oder selbst getreten zu werden, und spürte, wie die Menge hinter ihm herdrängte. Vorne in der Lobby stand die neue Eigentümerin des Hotels und verkündete: »Wir haben etwas im Keller gefunden.« Was gefunden? Eine Leiche vielleicht? Oder eine Art Drogenlabor? Nein, wäre das Hotel Ort eines Verbrechens geworden,
wäre längst die Polizei hier und würde alles absperren.
Die neue Eigentümerin hatte das Hotel erst vor Kurzem übernommen. Seit dem Krieg war es mit Brettern vernagelt gewesen, und während es seinen Dornröschenschlaf gehalten hatte, war Chinatown zum Ghetto und zum Schlupfwinkel der »Tongs« geworden, Banden aus Hongkong und Macao. Tagsüber boten die Wohnblöcke südlich der King Street ein reizend kitschiges Bild, und der Müll auf den Bürgersteigen wurde von den Touristen normalerweise übersehen, wenn sie zu den Eierstab-Ornamenten einer früheren Epoche aufblickten. Kinder auf Exkursionen, gekleidet in farbenfrohe Mäntel und Mützen, hielten sich bei den Händen, während sie ihren Nasen folgend zu den in den Fenstern hängenden Grillenten gelangten, die ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, dahängende rote Stifte, die in der Sonne schmolzen. Aber bei Nacht waren Straßen und Gassen in der Hand von Drogendealern und knochigen, ältlichen Huren, die ihre Dienste für eine Hand voll Kleingeld versahen. Der Gedanke, dass diese Welt seiner Kindheit zu einem nur mehr notdürftig zusammenhaltenden Crack-Haus wurde, erfüllte Henry mit einer Melancholie, wie er sie nicht mehr verspürt hatte, seit er Ethels Hand gehalten und sie zum letzten Mal hatte ausatmen sehen, langsam und gedehnt.
Wertvolle Dinge scheinen einfach zu verschwinden, um nie wiederzukommen.
Während er seinen Hut abnahm und sich mit der abgewetzten Krempe Luft zuzufächeln begann, drängte die Menge von hinten weiter vor. Blitzlichter flackerten auf. Henry stellte sich auf die Zehenspitzen und blickte über die Schulter eines großen Nachrichtenmannes vor ihm.
Die neue Hoteleigentümerin, eine schlanke weiße Frau, die etwas jünger war als Henry, verschwand kurz im Keller und hielt bei ihrer Rückkehr was in Händen? Einen Schirm? Als sie ihn aufspannte, schlug Henrys Herz schneller. Es war ein japanischer Sonnenschirm aus Bambus, leuchtend rot und weiß mit einem orangefarbenen Koi darauf, einem Karpfen, der wie ein riesiger Goldfisch aussah. Vom Schirm wirbelte eine dünne Staubschicht auf, die einen Moment lang in der Luft hing, als die Hoteleigentümerin den zerbrechlich wirkenden Gegenstand für die Kameras in Drehung versetzte. Zwei Männer brachten einen großen Überseekoffer mit Aufklebern von ausländischen Häfen und der zwischen Seattle und Yokohama verkehrenden Admiral Oriental Line herauf. Auf der Seite des Koffers stand der Name
»Shimizu«, handgeschrieben in großen weißen Buchstaben. Der
Koffer wurde für die neugierige Menge geöffnet. Darin waren Kleidungsstücke, Fotoalben und ein alter elektrischer Reiskocher.
Die neue Hoteleigentümerin erklärte, dass sie unten im Keller die Besitztümer von mehr als dreißig japanischen Familien gefunden hätten, von denen sie annehme, dass man sie im Krieg damals verfolgt und eingesperrt habe. Ihre Besitztümer hätten sie offenbar vorher noch hier unterbringen können, jedoch nie wieder abgeholt. Dort unten im Keller lagerte eine Zeitkapsel aus den »Kriegsjahren«.
Henry verfolgte stumm, wie sich ein kleiner Korso hölzerner Kisten und lederner Koffer die Treppe heraufbewegte und die Menge über die ehemals wertvollen Dinge darin staunte: ein weißes Kommunionskleid, angelaufene silberne Kerzenständer, einen Picknickkorb. Dinge, die über vierzig Jahre unberührt geblieben waren und Staub angesetzt hatten. Gerettet für glücklichere Zeiten, die nie gekommen waren.
Je länger Henry den schäbigen alten Kram, die vergessenen Schätze vergangener Zeiten, betrachtete, desto stärker wurde die Frage in ihm, ob dort unten wohl auch sein eigenes gebrochenes Herz zu finden sei, versteckt zwischen den herrenlosen Besitztümern einer anderen Zeit. Verbarrikadiert im Keller eines abbruchreifen Hotels. Verloren, aber unvergessen.


MARTY LEE
(1986)

Henry ließ die Menge beim Panama Hotel hinter sich und ging hinauf zu seinem Haus auf dem Beacon Hill. Es lag nicht so weit oben, dass er die Rainier Avenue ganz im Blick gehabt hätte, trotzdem war es eine der vernünftigeren Gegenden, gleich die Straße von Chinatown hoch. Es war ein bescheidenes Haus mit drei Zimmern und einem Keller, der nach all den Jahren immer noch nicht ganz fertig war. Als sein Sohn Marty aufs College ging und zuhause auszog, hatte Henry letzte Hand anlegen wollen, aber dann verschlimmerte sich Ethels Zustand, und das Geld, das sie für schlechtere Zeiten auf die Seite gelegt hatten, wurde von einem Schwall Arztrechnungen weggeschwemmt. Fast zehn Jahre hielt das Unwetter an. Zum Ende hin hatte Medicaid, die Bedürftigenkasse, geholfen und hätte sogar ein Pflegeheim bezahlt, aber Henry hielt sein Versprechen, für seine Frau zu sorgen, in guten wie in schlechten Zeiten. Wer wollte seine letzten Tage schon in einer staatlichen Einrichtung verbringen, die wie ein Gefängnis aussah, mit einer langen Reihe Todeszellen?
Bevor er seine eigene Frage beantworten konnte, klopfte es zweimal an der Tür. Henrys Sohn Marty kam mit einem beiläufigen »Wie geht’s, Pops?« herein und steuerte gleich auf die Küche zu. »Ich komme sofort, bleib sitzen, ich muss nur erst was trinken. Ich bin den ganzen Weg von Capitol Hill zu Fuß hergekommen. Bewegung, weißt du. Du solltest auch mal über ein bisschen Sport nachdenken. Ich glaube, du hast seit Moms Tod zugenommen.«
Henry sah auf seinen Bauch und drückte die Stummtaste des Fernsehers. Er hatte die Nachrichten eingeschaltet, um zu hören, was sie über die Entdeckung im Panama Hotel sagten, aber es war nichts gekommen. Musste ein hektischer Nachrichtentag gewesen sein. Auf seinem Schoß hielt er einen Stapel alter Fotoalben und ein paar fleckige, nach Schimmel riechende Jahrbücher aus seiner Schulzeit. Auf den kalten Betonwänden in Henrys ewig unvollendetem Keller schlug sich die Feuchtigkeit der Seattler Luft nieder.
Er und Marty hatten seit der Beerdigung nicht viel miteinander geredet. Marty studierte Chemie und hatte für seinen Abschluss an der Universität der Stadt viel zu lernen. Das war gut, denn so kam er nicht auf dumme Gedanken. Aber die Lernerei hielt ihn auch von Henry fern, was in Ordnung gewesen war, solange Ethel noch lebte, aber mittlerweile war das Loch in Henrys Leben kaum mehr zu übersehen. Als stünde er am Rande einer Schlucht, riefe laut und wartete auf ein Echo, das niemals kam. Und wenn Marty ihn doch einmal besuchte, schien er nur seine Wäsche waschen, das Auto polieren oder ihn um Geld bitten zu wollen, das er immer bekam, ohne dass Henry Verdruss darüber gezeigt hätte.
Marty bei den Kosten für das College zu helfen, war Henrys zweite Sorge gewesen, Ethel seine erste. Trotz eines kleinen Stipendiums brauchte Marty noch ein Studiendarlehen, um seine Ausbildung zu bezahlen. Henry hatte das Frühverrentungsangebot von Boeing angenommen, um sich ganz um Ethel kümmern zu können. Den Zahlen nach hatten sie damals eine Menge Geld besessen, hatten geradezu wohlhabend gewirkt. Für die Darlehensgeber kam Marty aus einer Familie mit einem soliden Bankkonto, aber wer zahlte die Arztrechnungen? Als Ethel schließlich starb, war gerade noch genug Geld für ein ordentliches Begräbnis da, auch wenn Marty die Ausgabe für unnötig hielt. Henry hatte Marty nie von der zweiten Hypothek erzählt, die er aufnehmen musste, um ihn durchs College zu bekommen, als es kein Studiendarlehen mehr gab. Warum ihn damit belasten? Warum sollte er ihn unter Druck setzen? Das Studieren war auch so schon schwer genug, und wie jeder gute Vater wollte er das Beste für seinen Sohn, selbst wenn sie nicht viel miteinander redeten.
Henry starrte weiter auf die Fotoalben, die verblichenen Erinnerungsstücke seiner eigenen Schulzeit, in denen er nach jemandem suchte, den er nie finden würde. Ich gebe mir Mühe, nicht in der Vergangenheit zu leben, dachte er, aber wer weiß, manchmal lebt die Vergangenheit in mir. Er hob den Blick von den Fotos und sah seinen Sohn mit einem großen Glas grünem Eistee hereinschlendern. Marty setzte sich einen Moment lang aufs Sofa und ging dann hinüber zu dem mit rissigem Kunstleder bezogenen Ruhesessel seiner Mutter, direkt gegenüber von Henry, dem es guttat, jemanden, irgendjemanden, auf Ethels Platz sitzen zu sehen.
»War das der letzte Rest Eistee?«, fragte Henry.
»Genau«, antwortete Marty, »und das Glas habe ich für dich mitgebracht, Pops.« Er stellte es auf einen Jadeuntersetzer vor seinen Vater hin. Henry wurde bewusst, wie alt und zynisch er seit Ethels Beerdigung geworden war, ohne sich dagegen zu wehren. Es war nicht Marty. Er selbst war es. Er musste mehr aus dem Haus kommen. Das heute war ein guter Anfang gewesen.
Trotzdem gelang Henry nur ein gebrummeltes »Danke«.
»Tut mir leid, dass ich schon so lange nicht mehr hier war. Die Prüfungen waren irre schwer, und ich will nicht all das hart verdiente Geld verschwenden, das ihr, du und Ma, gezahlt habt, damit ich überhaupt aufs College konnte.«
Henry spürte, wie sein Gesicht vor Scham rot anlief. Drüben in der Küche stellte sich die laute Heizung ab und ließ das Haus abkühlen.
»Ich habe dir übrigens einen bescheidenen Beweis meiner Dankbarkeit mitgebracht.« Marty gab ihm einen kleinen laisee-Umschlag, hellrot und vorne mit einer glänzenden, geprägten Goldfolie.
Henry hielt das Geschenk mit beiden Händen. »Ein Glücksgeld-Umschlag. Willst du unser Geld zurückzahlen?«
Sein Sohn lächelte und hob die Brauen. »In gewisser Weise.« Es war nicht wichtig, was es war. Henry fühlte sich ganz klein
angesichts der Aufmerksamkeit seines Sohnes. Er berührte das goldene Siegel. Darin eingeprägt war das kantonesische Zeichen für Wohlstand. Im Umschlag selbst steckte ein zusammengefaltetes Stück Papier, Martys Zeugnis.
»Ich habe meinen Abschluss mit einem summa cum laude gemacht. Besser geht es nicht.«
Stille trat ein, allein das elektrische Summen des stumm geschalteten Fernsehapparats war zu hören.
»Ist alles in Ordnung, Pops?«
Henry rieb sich die Augenwinkel mit dem Rücken seiner schwieligen Hand. »Vielleicht bin ich es, der sich bald einmal Geld von dir leiht.«
»Wenn du einmal deinen Collegeabschluss nachmachen willst, Pops, strecke ich dir gerne das Geld dafür vor. Ich gebe dir ein Stipendium.«
Ein Stipendium. Das Wort hatte eine besondere Bedeutung für Henry, und das nicht nur, weil er seinen Abschluss nicht gemacht hatte – wenn es auch damit zu tun haben mochte. 1949 hatte Henry sein Studium an der Washingtoner Universität abgebrochen, um eine Lehre als technischer Zeichner zu machen. Das Programm, das Boeing damals anbot, war eine tolle Gelegenheit, wenn er tief in seinem Inneren auch um den wirklichen Grund für seinen Studienabbruch wusste. Den schmerzvollen Grund. Er hatte Schwierigkeiten sich einzufügen. Dazuzugehören. Selbst nach all den Jahren verspürte er noch die Isolation. Nicht einfach nur Gruppendruck. Eher kollektive Ablehnung.
Ein Blick auf das Jahrbuch der sechsten Klasse erinnerte ihn an alles, was er an der Schule gehasst und geliebt hatte. Fremde Gesichter tanzten durch seine Gedanken, wieder und wieder, wie von einem alten Kinematografen in seinen Kopf hineinprojiziert. Die unfreundlichen Blicke seiner Schulhof-Feinde, der scharfe Kontrast zur lächelnden Unschuld der Jahrbuchbilder. In der Spalte neben dem riesigen Klassenfoto war eine Liste mit den Namen derer abgedruckt, die »nicht auf dem Foto vertreten« waren. Henry fand auch seinen Namen dort. Er war tatsächlich nicht unter all den lächelnden Kindern zu finden. Obwohl er an jenem Tag in der Schule gewesen war. Von Beginn bis Ende.


ICH BIN CHINESE
(1942)

Im Alter von zwölf Jahren hörte der junge Henry Lee auf, mit seinen Eltern zu sprechen. Nicht aus einem dummen kindlichen Trotzanfall heraus, sondern weil sie ihn darum baten. So fühlte es sich wenigstens an. Sie baten ihn, nein, sie sagten ihm, er solle aufhören, Chinesisch zu sprechen. Seine Muttersprache. Das war 1942. Sie wollten alles daransetzen, dass er Englisch lernte. Was Henry ganz besonders verwirrte, als sein Vater ihm auch noch einen Button ans Schulhemd steckte, auf dem Ich bin Chinese stand. Der Widerspruch schien absurd. Das ergibt doch keinen Sinn, dachte Henry. Am Ende behält wie immer der Stolz meines Vaters die Oberhand.
»Wo du bong?«, fragte Henry in perfektem Kantonesisch.
Sein Vater schlug ihn ins Gesicht. Es war mehr ein leichter Klaps, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. »Nicht mehr. Nur du sprechen Amerikanisch.« Die Worte kamen auf Chinglisch aus ihm heraus.
»Ich verstehe das nicht«, sagte Henry auf Englisch.
»Ha?«, fragte sein Vater.
»Wenn ich nicht Chinesisch sprechen darf, warum soll ich dann diesen Button tragen?«
»Ha, du sagst?« Sein Vater wandte sich seiner Mutter zu, die aus der Küche hereinsah. Sie schien ratlos, zuckte mit den Schultern und ging zurück an den Herd. Es roch nach Kastanienkuchen. Sein Vater drehte sich zurück zu ihm und scheuchte ihn mit einer Handbewegung zur Schule.
Da Henry nicht auf Chinesisch fragen durfte und seine Eltern kaum Englisch verstanden, hakte er nicht weiter nach, sondern nahm seine Lunchdose und die Schultasche und lief die Treppe hinunter, hinaus in die salzige, nach Fisch riechende Luft Chinatowns.
Morgens erwachte die Stadt zum Leben. Männer in fischfleckigen T-Shirts hievten Kisten mit Dorsch und Eimer voller geoduck-Muscheln in die Läden, alles halb mit Eis bedeckt. Henry lief an ihnen vorbei und hörte, wie sich die Männer in einem chinesischen Dialekt anschrien, den er nicht verstand.
Weiter ging es Richtung Westen über die Jackson Street, an einem Blumenwagen und einem Wahrsager vorbei, der Glückszahlen für die Lotterie verkaufte. Statt nach Osten zur chinesischen Schule zu laufen, die nur drei Straßen von ihrer Wohnung entfernt lag, bewegte sich Henry wie jeden Morgen gegen den Strom dutzender Kinder in seinem Alter, die allesamt in die entgegengesetzte Richtung strebten.
»Baak gwai! Baak gwai!«, riefen sie, wenn auch einige nur auf ihn zeigten und lachten. Das hieß »weißer Teufel«. So wurden eigentlich nur die Weißen gerufen, und das auch nur, wenn man sie wirklich beschimpfen wollte. Einige der Kinder hatten allerdings Mitleid mit ihm: Seine ehemaligen Klassenkameraden und Freunde wie Francis Lung und Harold Chew, die er seit der ersten Klasse kannte, riefen ihn »Caspar«, nach dem »freundlichen Geist« aus dem Buch, zum Glück nicht Hermann oder Katnip oder Baby Huey.
Vielleicht hat er ihn mir deswegen angesteckt, dachte Henry und sah auf den lächerlichen Button mit der Aufschrift Ich bin Chinese. Danke, Dad, aber warum klebst du mir nicht gleich ein Schild auf den Rücken, auf dem steht: »Gib’s mir, wo du schon mal dabei bist.«
Henry beschleunigte seinen Schritt und kam endlich an die nächste Ecke, an der er sich nach Norden wandte. Nach der Hälfte seines Schulwegs blieb er wie immer am runden Eisentor an der South King Street stehen und schenkte Sheldon sein Mittagessen. Sheldon war Saxofonspieler und doppelt so alt wie Henry. Er arbeitete an der Straßenecke, spielte für Touristen und verdiente sich so etwas Kleingeld. Trotz der guten Geschäfte bei Boeing Field schien der Wohlstand Leute wie Sheldon nicht zu erreichen. Er war ein toller Jazzmusiker, und seine Armut hatte weniger mit seinen musikalischen Fähigkeiten als mit der Farbe seiner Haut zu tun. Henry hatte ihn gleich gemocht. Nicht, weil sie beide Außenseiter waren, obwohl Henry durchaus darüber nachgedacht hatte, ob das nicht vielleicht mit ein Grund dafür war, nein, er mochte ihn wegen seiner Musik. Henry kannte sich mit Jazz nicht aus, er wusste nur, dass es eine Musik war, die seine Eltern nicht hörten, und deshalb mochte er sie umso mehr.
»Hübscher Button, junger Mann«, sagte Sheldon, der gerade seinen Kasten vor sich aufstellte. »Das ist eine verflixt gute Idee, nach Pearl Harbor und so.«
Henry sah auf den Button an seinem Hemd, den er fast schon wieder vergessen hatte. »Die Idee ist von meinem Vater«, murmelte er. Sein Vater hasste die Japaner. Nicht, weil sie die USS Arizona versenkt hatten, sondern weil sie jetzt schon seit vier Jahren unentwegt Tschungking bombardierten. Henrys Vater war noch nie dort gewesen, aber er wusste, dass die provisorische Hauptstadt Chiang Kaisheks bereits die meistbombardierte Stadt der Geschichte war.
Sheldon nickte zustimmend und klopfte gegen die Blechdose, die an Henrys Schultasche hing. »Was gibt’s heute zu essen?«
Henry gab ihm die Dose. »Das Gleiche wie immer.« Ein Sandwich mit Oliven und Ei, Karottenstreifen und eine Birne oder einen Apfel. Wenigstens war seine Mutter nett genug, ihm amerikanisches Essen einzupacken.
Sheldon lächelte und ließ eine große Goldkrone sehen. »Vielen Dank, Sir, und noch einen schönen Tag.«
Seit seinem zweiten Tag an der Rainier-Grundschule gab Henry Sheldon sein Mittagessen. So war es sicherer. Henrys Vater hatte sich sichtlich gefreut, als sein Sohn von der eigentlich Weißen vorbehaltenen Schule ganz am Ende der Yesler Avenue angenommen wurde. Dies war ein stolzer Moment für Henrys Eltern. Sie konnten gar nicht aufhören, den Freunden auf der Straße davon zu erzählen, auf dem Markt und im Bing-KungWohltätigkeitsverein, wo sie samstags Bingo und Mah-Jongg spielten. »Sie geben Stipendium« war alles, was er seine Eltern je auf Englisch sagen hörte.
Henry selbst war alles andere als stolz auf seine neue Schule. Für ihn ging es dort jeden Tag neu ums bloße Überleben, und es war weit mehr als einfache Angst, was er empfand, wenn er morgens das Schulgebäude betrat. Chaz Preston hatte ihn gleich am ersten Tag übel verprügelt und ihm sein Mittagessen abgenommen, weshalb er es jetzt immer Sheldon gab. Woran er allerdings auch ganz gut verdiente, durfte er sich doch jeden Tag auf dem Nachhauseweg einen Nickel aus Sheldons Kasten fischen. Einmal in der Woche kaufte Henry seiner Mutter von dem Geld eine feuerrote Lilie. Das war ihre Lieblingsblume. Er fühlte sich schuldig, weil er nicht aß, was sie so liebevoll für ihn zubereitete, aber mit der Blume machte er es wieder gut.
»Wie hast du die Blume kaufen können?«, fragte sie ihn auf Chinesisch.
»Alleswarheutebilligausverkaufsonderangebot«, erfand er dann auf Englisch und versuchte auf diese Weise eine Antwort auf ihre Frage und eine Erklärung für das zusätzliche Wechselgeld, das er vom Einkaufen auf dem Markt jedes Mal mitzubringen schien, zu finden. Schnell sagte er es, in einem Wort, und war sich sicher, dass sie ihn nicht verstand. Der verwirrte Ausdruck auf ihrem Gesicht wandelte sich schließlich in Befriedigung, und sie nickte und steckte die Münzen ein. Sie verstand nur wenig Englisch, aber Henry sah, dass ihr sein offensichtliches Talent zum Handeln gefiel.
Hätten sich doch nur all seine Probleme mit der Schule so leicht lösen lassen.
Für Henry hatte sein Stipendium wenig mit Schule, sondern vor allem mit Arbeit zu tun. Glücklicherweise war er ein schneller Arbeiter. Das war notwendig, besonders, was seine Aufgaben direkt vor dem Essen betraf, für die er immer schon zehn Minuten früher aus dem Unterricht entlassen wurde, gerade früh genug, damit er in die Schulkantine laufen und sich die gestärkte weiße Schürze umbinden konnte, die ihm bis über die Knie reichte. In ihr gab er das Mittagessen an die anderen Kinder aus. Während der letzten Monate hatte er gelernt, den Mund zu halten und die Hänseleien zu ignorieren, besonders von Rüpeln wie Will Whitworth, Carl Parks und Chaz Preston.
Mrs Beatty, die Köchin, war auch keine große Hilfe. Sie war die geschwätzige, Haarnetz tragende Definition eines amerikanischen Wortes, das zu Henrys Lieblingswörtern gehörte: broad – Weib. Sie kochte buchstäblich »von Hand« und maß alles mit ihren schmutzigen, faltigen Pranken ab. Ihre dicken Unterarme zeugten davon, dass sie niemals einen elektrischen Mixer benutzte, und wie ein in einem Zwinger lebender Hund, der sich weigert, sein Geschäft da zu verrichten, wo er auch schläft, rührte sie nicht an, was sie gerade gekocht hatte, sondern brachte sich ihr eigenes Lunchpaket mit. Sobald Henry sich die Schürze umgebunden hatte, nahm sie sich das Haarnetz ab und verschwand mit ihrer Lunchbox und einer Schachtel Lucky Strikes nach hinten. Sein Stipendium bedeutete für Henry, dass er es nie in die Pause schaffte. Wenn das letzte Kind mit dem Essen fertig war, aß er selbst schnell noch ein paar Dosenpfirsiche, allein in der Vorratskammer, umgeben von Riesenmengen Tomatensoße und Fruchtcocktail.


FLAGGEN DIENST
(1942)

Henry war nicht sicher, was entmutigender war: die pausenlose Hänselei in der Schulcafeteria oder das missliche Schweigen zuhause in der kleinen Wohnung seiner Eltern. Dennoch, jeden Morgen, wenn der Tag begann, versuchte er das Beste aus der Sprachbarriere zu machen.
»Zou-san«, wünschten ihm seine Eltern einen guten Morgen. Henry lächelte und antwortete in seinem besten Englisch:
»Ich werde einen Schirm in meiner Hose aufspannen.« Sein Vater nickte ernst, voller Zustimmung, als hätte Henry einen Kernsatz der westlichen Philosophie zitiert. Perfekt, dachte Henry, das hat man davon, wenn man seinem Sohn ein Stipendium verschafft. Er unterdrückte ein Lachen, aß sein Frühstück, eine kleine Pyramide klebrigen Reis, und würzte sein Schweinefleisch und die Wolkenohrenpilze. Seine Mutter sah ihm dabei zu und schien ihn zu durchschauen, obwohl sie seine Worte nicht verstand.
Als Henry an diesem Morgen um die Ecke bog und auf die Eingangstreppe der Rainier-Grundschule zusteuerte, sah er zwei bekannte Gesichter aus seiner Klasse. Die beiden Jungen waren zum Flaggendienst eingeteilt worden. Das war eine Aufgabe, um die sie alle in der sechsten Klasse beneideten, selbst ein paar von den Mädchen, die aus Gründen, die Henry nicht kannte, nicht zum Flaggendienst zugelassen waren.
Vor dem ersten Klingeln holten die Jungen die Flagge aus ihrem dreieckigen Regal im Schulsekretariat und liefen mit ihr zum Mast vor der Schule. Dort entfalteten sie den Stoff vorsichtig und achteten dabei darauf, dass er nicht den Boden berührte, denn eine Flagge, die auf diese Weise entweiht wurde, musste sofort verbrannt werden. So hieß es zumindest, aber weder Henry noch sonst ein Kind konnte sich daran erinnern, dass dies in jüngerer Zeit tatsächlich einmal vorgekommen wäre. Dennoch, die Gefahr war legendär. Henry stellte sich vor, wie Mr Silverwood, der stellvertretende Schulleiter, ein klotziger, sich ständig räuspernder alter Bär von einem Mann, die Flagge unter den Augen von Schülern und Kollegium auf dem Parkplatz verbrannte und dem ungeschickten Jungen, der dafür verantwortlich war, anschließend die Rechnung mit nachhause gab. Dessen Eltern würden darauf aus Scham hinaus in einen Vorort ziehen und den Namen ändern, damit sie dort niemals jemand finden konnte.
Doch unglücklicherweise würden Chaz Preston und Denny Brown, die heute Flaggendienst hatten, ganz sicher nicht so bald wegziehen, egal was sie anstellten. Beide stammten aus bedeutenden örtlichen Familien. Dennys Vater war Anwalt, Richter oder so etwas Ähnliches, und den Prestons gehörten etliche Wohnhäuser in der Innenstadt. Zwar war auch Denny kein Freund von Henry, aber Chaz war die eigentliche Plage. Henry stellte sich immer vor, dass Chaz einmal der Geldeintreiber seiner Familie werden würde. Es gefiel ihm, andere Leute zu drangsalieren. Er war so gemein, dass er selbst noch bei den größten Schlägern der Schule gefürchtet war.
»He, Tojo, du hast vergessen, die Flagge zu grüßen«, rief Chaz.
Henry ging weiter auf die Stufen zu und tat so, als hätte er nichts gehört. Warum sein Vater dachte, dass es so toll sei, auf diese Schule zu gehen, würde Henry nie verstehen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Chaz die Flagge festband und auf ihn zukam. Henry ging schneller und strebte der Sicherheit der Schule zu, aber Chaz schnitt ihm den Weg ab.
»Ach ja, richtig, ihr Japse grüßt die amerikanische Flagge nicht, stimmt’s?«
Henry hatte doppelt zu leiden: Mal wurde er als Chinese verspottet, dann wieder zum Japaner erklärt. War Tojo, der japanische Premierminister, auch als »das Rasiermesser« bekannt, weil er einen so scharfen legalistischen Verstand besaß, wünschte sich Henry doch nur, er wäre schlau genug, zuhause zu bleiben und nicht in die Schule zu kommen, wenn seine Schulkameraden wieder einmal Reden über die »gelbe Gefahr« hielten. Seine Lehrerin, Mrs Walker, richtete selten das Wort an ihn und tat auch nichts gegen die unangemessenen Bemerkungen über seine Hautfarbe. Vor an die Tafel, um eine Rechenaufgabe zu lösen, ließ sie ihn nie, schien sie doch anzunehmen, dass er kein Englisch verstand. Wobei ihr seine immer besser werdenden Noten einen anders lautenden Hinweis hätten geben müssen, einen leichten zumindest.
»Der tut dir nichts, das ist ein gelber Feigling. Übrigens muss es jeden Moment zum zweiten Mal klingeln«, höhnte Denny und lief nach drinnen.
Chaz bewegte sich nicht.
Henry sah zu dem Jungen auf, der ihm da den Weg versperrte, sagte aber nichts. Er hatte gelernt, den Mund zu halten. Die meisten seiner Klassenkameraden beachteten ihn nicht weiter, und die wenigen, die ihn demonstrativ herumschubsten, verloren im Allgemeinen schnell die Lust daran, wenn er nicht darauf reagierte. Da erinnerte er sich an den Button, den ihm sein Vater ans Hemd gesteckt hatte, und deutete darauf.
»Ich bin Chinese«, las Chaz laut. »Das ändert für mich nichts, Kleiner. Ihr feiert doch auch kein Weihnachten, oder?«
Es klingelte zum zweiten Mal.
»Hohoho«, antwortete Henry. So viel zu meinem Vorsatz, den Mund zu halten, dachte er. Natürlich feiern wir Weihnachten, zusammen mit chung jie, dem Neujahr, und der Jahrestag von Pearl Harbor ist auch kein Festtag für uns.
»Du hast Glück, dass ich nicht zu spät kommen darf, sonst verliere ich den Flaggendienst«, sagte Chaz und tat so, als wollte er Henry einen Hieb versetzen, aber der zuckte mit keiner Wimper. Henry sah zu, wie sich Chaz umdrehte und im Schulgebäude verschwand. Er ließ die Luft aus der Lunge entweichen, folgte seinem Peiniger und lief den leeren Korridor zu Mrs Walkers Klasse hinunter, die ihn zurechtwies, weil er zu spät kam, und ihm eine Stunde Nachsitzen aufbrummte. Henry akzeptierte die Strafe wortlos. Er sah nicht einmal auf.


KEIKO
(1942)

Als Henry an diesem Tag in die Schulküche kam, entdeckte er ein neues Gesicht, wenn er auch nicht viel davon sah, war es doch einem Stapel rübenverschmierter Tabletts zugewandt und hinter einem langen Pony und den schwarzen Haarsträhnen verborgen, die es umrahmten. Es handelte sich eindeutig um ein Mädchen, etwa so groß wie er selbst und wahrscheinlich auch in seinem Alter. Sie spülte die Tabletts mit dampfend heißem Wasser ab und stellte sie eins nach dem anderen ins Trockengestell. Als sie sich Henry zuwandte, fielen ihm ihre schlanken Wangenknochen auf und die perfekte Haut, so glatt und ohne all die Sommersprossen, die die Gesichter der anderen Mädchen in der Schule sprenkelten. Vor allem aber beeindruckten ihn die sanften kastanienbraunen Augen. Henry hätte schwören können, für einen kurzen Moment einen ganz besonderen Duft wahrzunehmen, wie Jasmin, süß und geheimnisvoll, verloren in den fettigen Gerüchen der Küche.
»Henry, das ist Keiko. Sie ist neu in der Schule, kommt aber aus deinem Teil der Stadt.« Mrs Beatty, die Köchin, schien das neue Mädchen als ein weiteres Stück Kücheneinrichtung zu betrachten, warf Keiko eine Schürze zu und schob sie neben Henry hinter die Ausgabetheke. »Himmel, ich wette, ihr seid verwandt, oder?« Wie oft hatte er diesen Witz schon gehört?
Mrs Beatty verschwendete keine Zeit, fischte ihr Zippo-Feuerzeug aus der Tasche, steckte sich eine Zigarette an und verschwand mit ihrem Lunchpaket. »Ruft mich, wenn ihr fertig seid.«
Wie die meisten Jungen in seinem Alter mochte Henry Mädchen weit mehr, als er bereit war, anderen gegenüber zuzugeben oder sich anmerken zu lassen. Besonders anderen Jungen gegen über nicht, die sich alle ganz gleichmütig zu geben versuchten, als gehörten Mädchen einer unbekannten neuen Spezies an. Während er also ganz natürlich reagierte und sein Bestes gab, unbeeindruckt zu wirken, war er insgeheim doch erfreut, ein sympathisches Gesicht mit in der Küche zu haben. »Ich heiße Henry Lee, aus der South King Street.«
Das neue, etwas eigenartige Mädchen flüsterte: »Ich heiße Keiko.«
Henry fragte sich, warum er Keiko noch nie bei sich im Viertel gesehen hatte. Vielleicht war ihre Familie gerade erst hergezogen. »Was für ein Name ist das denn, Kei-Ko?«
Es entstand eine Pause. Dann ertönte das Mittagsklingeln. Den Korridor hinunter knallten die Türen.
Sie teilte ihr langes schwarzes Haar in gleiche Mengen und band es zurück. »Keiko Okabe«, sagte sie, zog sich die Schürze zurecht und wartete auf eine Reaktion.
Henry war sprachlos. Sie war Japanerin. Jetzt, wo sie sich das Haar zurückgebunden hatte, konnte er es klar erkennen. Und sie wirkte verlegen. Wie kam denn bloß eine Japanerin hierher?
Henry hatte nicht einen einzigen japanischen Freund. Sein Vater hätte es nicht erlaubt. Er war chinesischer Nationalist und ehemals ein ziemlicher Heißsporn gewesen, wie Henrys Mutter erzählte. Als Teenager hatte sein Vater dem berühmten Revolutionär Dr. Sun Yat-sen bei sich aufgenommen, als dieser Seattle besuchte, um Geld für die junge Armee der Kuomintang zu sammeln, damit sie die Mandschus bekämpfen konnte. Erst durch Kriegsanleihen, und dann half Henrys Vater ihm dabei, ein richtiges Büro zu eröffnen. Stell sich das einer vor, ein Büro für die chinesische Armee, nur ein Stück die Straße hinunter. Von dort aus sammelte Henrys Vater tausende von Dollar, um in der Heimat die Japaner zu bekämpfen. In seiner Heimat, nicht meiner, dachte Henry. Der unerwartete Angriff auf Pearl Harbor war schrecklich gewesen, aber kaum etwas gegen die Bombardierung Shanghais und die Plünderung Nankings, zumindest nach dem, was sein Vater erzählte. Henry wusste Nanking nicht einmal auf der Karte zu finden.
Trotzdem hatte er keinen einzigen japanischen Freund, obwohl es doch doppelt so viele japanische wie chinesische Kinder gab und sie nur ein paar Straßen weiter lebten. Henry ertappte sich dabei, wie er Keiko anstarrte, deren nervöse Augen seine Gedanken zu lesen schienen.
»Ich bin Amerikanerin«, verteidigte sie sich.
Er wusste nicht, was er sagen sollte, und so konzentrierte er sich auf die Horden hungriger Kinder, die in die Cafeteria drängten. »Lass uns lieber anfangen.«
Sie nahmen die Deckel von den Essensbehältern, wichen vor dem Geruch zurück und sahen sich voller Abscheu an. In den Behältern dampfte eine braune, spagettiartige Masse. Keiko sah aus, als müsse sie sich übergeben. Henry, der den Gestank gewohnt war, ließ sich nichts anmerken. Er zeigte ihr nur, wie man das Zeugs mit einer alten Eiscremekelle austeilte, während sommersprossige Jungen mit Bürstenschnitten, selbst die jüngeren, riefen: »Schaut, das Schlitzauge hat seine Freundin dabei« und »Noch mehr Chopsuey, bitte«.
Sie verspotteten sie, feixten oder starrten sie zumindest argwöhnisch an. Henry sagte nichts, voller Wut und verlegen wie immer. Er tat einfach so, als verstehe er nichts. Keiko machte es wie er. Dreißig Minuten lang standen sie Seite an Seite, sahen sich gelegentlich an und grinsten, wenn sie den Jungen, die sie am schlimmsten verhöhnten, extra große Portionen von Mrs Beattys Rattenfraß auffüllten, genau wie dem rothaarigen Mädchen, das die Augenwinkel zur Seite zog und ein hässliches Hasengesicht machte.
»Guckt nur, die können nicht mal Englisch!«, quiekte sie. Henry und Keiko lächelten sich an, bis auch das letzte Kind versorgt war und alle Behälter und Töpfe gespült auf dem Regal standen. Dann aßen sie zusammen ihr Mittagessen. In der Vorratskammer teilten sie sich eine Dose Birnen.
Henry kamen die Birnen an diesem Tag besonders köstlich vor.

Jamie Ford

Über Jamie Ford

Biografie

Jamie Ford wuchs in der Nähe von Seattles Chinatown auf. Seine chinesischen Verwandten nannten ihn »Ji Mai«, was bald zu »Jamie« wurde. Er ist Absolvent der Squaw Valley Community of Writers. Nach dem Bestseller »Keiko« ist »Die chinesische Sängerin« sein zweiter Roman. Jamie Ford lebt mit seiner...

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