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Karges LandKarges LandKarges Land

Karges Land

Thriller

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Karges Land — Inhalt

Kurz nachdem Clyde Barr aus dem Gefängnis entlassen worden ist, bekommt er einen Anruf von seiner Schwester Jen. Sie bittet ihn um Hilfe, sie aus den Klauen eines Drogenbosses zu retten. Er weiß weder wo sie ist, noch wie viel Zeit er hat, da der Anruf plötzlich unterbrochen wird. Clyde kehrt zurück in seine Heimat Colorado. Dort beginnt eine Jagd gegen die Zeit und ein Kampf gegen einen der mächtigsten Verbrecher in diesem Teil der USA. Und nur die Bardame Allie und ein paar alte Freunde stehen Clyde Barr zur Seite, der auch noch mit ein paar Feinden aus seiner Vergangenheit abzurechnen hat ...

 

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 03.04.2017
Übersetzt von: Wulf Bergner
320 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06067-7
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 03.07.2018
Übersetzt von: Wulf Bergner
320 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31302-5
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 03.04.2017
Übersetzt von: Wulf Bergner
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97631-2

Leseprobe zu »Karges Land«

Kapitel Eins

 

Es begann mit einem Anruf in der Wildnis von Utah, etwa eine Woche nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis.
Ich hatte einen perfekten Frühlingsmorgen in den ­Bergen genossen. Strahlend blauer Himmel, eine leichte Brise aus Nordwest, duftender taunasser Salbei und Wild, das einem praktisch direkt vor die Flinte sprang. Ein herrlicher Morgen, dachte ich, einer von vielen, die mich hoffentlich auch in Yukon erwarteten, wo ich künftig in Kälte und Frieden leben wollte.
Den Morgen vor dem Anruf hatte ich damit verbracht, einen jungen [...]

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Kapitel Eins

 

Es begann mit einem Anruf in der Wildnis von Utah, etwa eine Woche nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis.
Ich hatte einen perfekten Frühlingsmorgen in den ­Bergen genossen. Strahlend blauer Himmel, eine leichte Brise aus Nordwest, duftender taunasser Salbei und Wild, das einem praktisch direkt vor die Flinte sprang. Ein herrlicher Morgen, dachte ich, einer von vielen, die mich hoffentlich auch in Yukon erwarteten, wo ich künftig in Kälte und Frieden leben wollte.
Den Morgen vor dem Anruf hatte ich damit verbracht, einen jungen Maultierhirsch zu jagen und zu erlegen. Er führte mich durch schlammige Bäche, die vom Schmelzwasser stark angeschwollen waren, über Hänge, die von Espenlaub so glitschig waren, dass ich mehrmals unelegant stürzte, und schließlich auf eine Wiese mit jungen Lupinen, wo ich ihn mit meiner großkalibrigen Elefantenbüchse erlegte, als er mir gerade die Flanke zukehrte.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, den Hirsch zu zerwirken – in Steaks fürs Abendessen und Fleischstreifen, die für späteren Verzehr geräuchert und luftgetrocknet werden sollten. Abends machte ich ein kleines Lagerfeuer aus Wacholderästen und starrte in die Flammen, während ich an dem Handy herumspielte, das ich gekauft hatte, um mich auf der Durchreise bei meinen Schwestern melden zu kön­-
­nen.
Ich hatte auf eine Heimkehr wie im Märchen gehofft : Ich würde mich in der Heimat zurückmelden, und sie würden mich einladen, gleich vorbeizukommen, damit sie für mich kochen konnten. In meinen Wachträumen hatten wir jede Menge Spaß und tauschten Neuigkeiten aus wie die Familie, die wir einst gewesen waren. In Wirklichkeit ging Deb nicht ran, als ich es bei ihr probierte, und Angie sagte, ich solle mich zum Teufel scheren. Jen stand nicht im Telefonbuch, deshalb konnte ich sie nicht anrufen. Aber bestimmt hätte sie ohnehin ähnlich reagiert, deshalb legte ich das Handy weg und machte mich daran, mir ein Steak zu braten.
Ich saß auf meinem Campingstuhl, hörte den Grillen und dem Nachtwind zu und hatte das Fleisch eben mit Salz und Pfeffer eingerieben, als das verdammte Ding in meiner Tasche zu piepsen begann. Es klang wie ein Videospiel von Atari, und ich beeilte mich, auf alle möglichen Knöpfe zu drücken, damit es aufhörte.
»Barr«, sagte ich.
»Clyde.« Es war Jen, deren Stimme kaum lauter war als ein Flüstern. »Du musst mich hier rausholen.«
Ich sah zum Nachthimmel auf, zupfte an meinem Bart. Obwohl ich mich darüber freute, ihre Stimme zu hören, erschreckte mich ihr Tonfall und zerrte mich in eine Zeit ­voller Angst zurück. Dies war der eingeschüchterte, flehende Tonfall, den ich als Kind in den schlimmen Nächten gehört hatte. Als Mom und Dad – oder Mom und irgendein neuer Kerl – sich stritten. Oder als sich einer dieser betrunkenen und hemmungslosen Männer einen Spaß daraus machte, uns wehzutun.
Damals war Jen oft in mein Zimmer geschlichen und hatte mich mit dieser Flüsterstimme geweckt. Gemeinsam schoben wir die Kommode vor die Tür und kauerten in einer Ecke, um den Sturm abzuwarten.
»Wo bist du ?«
»Clyde, du musst dich beeilen. Er will mich umbringen. Sobald ich ihm geholfen habe, bin ich so gut wie tot.«
»Wer will dich umbringen ? Wem sollst du helfen ?« Ich hat­­te absolut keine Ahnung, wovon sie redete oder wo sie steckte.
»Hör zu, Clyde.« Obwohl sie flüsterte, konnte ich die Panik in ihrer Stimme hören. »Sobald ich ihm in einer Woche geholfen habe, reinzukommen, bin ich für ihn wertlos. Bitte, bitte, hol mich hier raus, verdammt. Das bist du mir schuldig.«
Das stimmte allerdings. »Okay. Sag mir, wo du bist . . .«
»Versprich’s mir. Versprich mir, dass du kommst und mich rausholst.«
Sie wusste genau : Wenn ich mein Wort gegeben hatte, konnte mich nur der Tod daran hindern, mein Versprechen zu halten. Aber noch hatte ich mein Wort nicht gegeben. Ich stand da und sah zu, wie die Sternbilder verschwanden, als sich die Wolken vor sie schoben. »Versprochen«, sagte ich schließlich. »Aber jetzt verrat mir endlich, wo du steckst !«
Plötzlich waren ein gedämpfter Schrei und ein Krachen zu hören. Eine Männerstimme, dann nichts mehr.
»Jen ?«
Keine Antwort. Ich sah auf das Display des Smartphones. Die Ziffern der Gesprächsanzeige liefen noch. »Jen ?«, fragte ich lauter.
Nichts.
Ich hörte ein leises Klicken, dann riss die Verbindung ab. Eine Computerstimme aus dem Handy erklärte mir, um anrufen zu können, müsse ich das Gespräch beenden und die Nummer erneut wählen. Ich klappte das Gerät zu und steckte es wieder in die Tasche.
Während der Nachtwind in den Bäumen rauschte, zog ich eine Packung filterlose Zigaretten aus der Brusttasche meines Flanellhemds und schüttelte eine der letzten he­raus. Nachdem ich sie mit Glut aus dem Lagerfeuer angezündet hatte, stand ich in der Dunkelheit neben einer süß duftenden Felsenbirne.
Zu meinen Vorsätzen hatte es gehört, das Rauchen aufzugeben, wenn ich in die Wildnis zurückkehrte. Beruhigend war dabei das Wissen, dass es kein besseres Mittel gegen diese schlechte Angewohnheit gibt als frische Luft und weites Land. Aber Jens Nachricht schickte meinen Vorsatz erst mal in die Warteschleife.
Auch wenn es mir widerstrebte, meine Reise nach Norden zu unterbrechen – ich hatte mein Wort gegeben. Und dieses Mal meiner Schwester und nicht irgendeinem Dorfbewohner oder verzweifelten Campesino in einem der vielen Urwälder, durch die ich mich hindurchgehackt hatte. Meinem eigen Fleisch und Blut – was immer das bedeuten mochte.
Ich hinkte ans Feuer zurück und warf die Zigarettenkippe in die Flammen. Aus dem Tal erklang das einsame Heulen von Kojoten, und der Wind trug den Geruch von schmelzendem Schnee heran. Ich sah wieder hoch zu den Sternen und fragte mich, was Jen angestellt haben mochte.
Genau wie ich – und anders als unsere ehrbaren Schwestern – war sie immer eine Unruhestifterin gewesen. Sie hatte ein Talent für die falschen Leute, die falsche Zeit und die falschen Orte. In unserer Jugend hatten wir gegen den Rest der Welt zusammengehalten. Aber dann hatte ich sie verlassen – hatte sie sich selbst überlassen, weil ich egoistisch gewesen war.
Nun hatte ich eine Chance, das wiedergutzumachen. Aber als Erstes brauchte ich eine Richtung. Eine Fährte, der ich folgen konnte. Ich wählte noch mal Angies Nummer.
Keine Antwort, also rief ich Deb an.
Ich hörte eine weitere dieser Computerstimmen, die mich aufforderte, eine Nachricht zu hinterlassen, was ich auch tat. Weil ich nicht wusste, ob Deb zurückrufen würde, machte ich mich inzwischen daran, mein Lager abzubauen. Das Zelt legte ich in derselben Zeit zusammen, die die meisten Leute brauchen, um ihr Bett abzuziehen. Zelt und Schlafsack kamen in meinen großen Rucksack, den ich schon um die halbe Welt geschleppt hatte.
Ich humpelte ans Lagerfeuer und schaufelte Erde darauf. Als die letzte Glut unter Erdschollen erstickte, verabschiedete ich mich stumm von den Buscheichen, Espen und Goldkiefern, die mir in der vergangenen Woche zur Heimat geworden waren. Ich zog den Hut vor dem Mount Lena, auf dem ich in den letzten paar Tagen geschlafen hatte. So nahe war ich schon seit drei Jahren keinem weiblichen Wesen mehr gekommen.
Als ich in den Pick-up steigen wollte, klingelte mein Handy. Ich stieg wieder aus, stand in der kalten Bergluft und drückte auf alle möglichen Knöpfe, bis das Klingeln aufhörte.
»Barr«, sagte ich.
»Hier ist Nick.«
Ich kannte keinen Nick.
»Debs Ehemann.«
»Oh«, sagte ich.
»Ruf nicht mehr an. Sie will nicht mit dir reden. Nie mehr. Kapiert ?«
Ich nickte, während ich den Mond beobachtete, der gera­­de über dem zerklüfteten Horizont aufzugehen begann. Nick warf mir vor, ich sei ein Nichtsnutz, der seine Familie im Stich gelassen habe. Als er fertig war mit seiner Tirade, erzähl­te ich ihm, was Jen gesagt hatte. Er erklärte mir, sie sei genauso schlimm wie ich, und ihm sei scheißegal, was aus ihr werde. Immerhin bekam ich aus ihm heraus, dass er sie in Clifton gesehen hatte, mit »ihren Freunden aus der Unterschicht« in Clifton – und dass sie wieder Drogen nahm.
»Na gut, danke für die . . .« Er legte auf, noch ehe ich ausgeredet hatte.
Ich setzte mich wieder ans Steuer, warf das Handy aufs Armaturenbrett und drehte den Zündschlüssel nach rechts. Nichts. Ich stieg aus, trat gegen die Tür, trat gegen die Außenwände, schlug mit der Faust auf die Motorhaube. Von dieser Demonstration meiner mechanischen Fertigkeiten befriedigt, stieg ich wieder ein und versuchte erneut, den Motor anzulassen. Er drehte durch, sprang schließlich doch an und gab ungesunde Mahlgeräusche von sich, während ich nach Süden davonfuhr.
Ich verließ den Mount Lena bei strahlend hellem Mondschein und fuhr in eine Gegend zurück, von der ich glaubte, sie endgültig hinter mir gelassen zu haben. Als ich mit flachen Händen aufs Lenkrad schlug, erzitterte der ganze Pick-up. Eine wackelige Lenksäule verband das schmuddelige Lenkrad mit dem schrottreifen Wagen, den ich dem Typen, der mich über die Grenze gefahren hatte, für zweihundert Dollar abgekauft hatte. Während ich auf das Knarren und Ächzen des alternden Stahls lauschte, fragte ich mich, ob einer von uns beiden diesen Trip überleben würde.
Meine Augen brannten, und die Straße vor mir verschwamm. Am liebsten hätte ich gehalten und wäre in meinen Schlafsack gekrochen, aber ich entschied mich stattdessen für einen Schnaps. Ich schnappte mir die Papiertüte vom Beifahrersitz, zog die Flasche heraus, schraubte sie auf und nahm einen kräftigen Zug.
Als der Alkohol zu wirken begann, kam es mir nicht mehr ganz so schlimm vor, in die Gegend zurückzufahren, in der ich aufgewachsen war. Im Innersten wusste ich jedoch, dass ich mich selbst belog. Tatsächlich hatte Jens Anruf Erinnerungen geweckt, die ich unter vielen Jahren und vielen tausend Meilen versteckt hatte. Mit einem einzigen Anruf hatte sie mir ins Gedächtnis zurückgerufen, was ich hatte vergessen wollen.
Als unser Dad verschwand und unsere Mom starb, beging ich eine Dummheit, die mich fast das Leben gekostet hatte. Jen hatte etwas noch Schlimmeres getan, das mir wiederum das Leben gerettet hatte. Wären unsere Taten jemals herausgekommen, hätten wir beide den Rest unseres Lebens hinter Gittern verbracht. Dem Schweigen meiner Schwester Jen verdankte ich meine Freiheit. Deshalb – und wegen unserer gemeinsam erduldeten Leiden – würde ich tun, was immer sie verlangte.

 

 

 

Kapitel Zwei

 

Ich erwachte in einem Durcheinander von schweißnassen Laken. Die Schreie von Frauen und Kindern und die knallenden Schüsse von Kalaschnikows wichen allmählich ins Traumreich zurück, während durch die nicht ganz geschlossenen Vorhänge das Morgenlicht fiel. Ich entspannte mich, als ich den billigen Fernseher in seiner Wandhalterung sah.
Der Fernseher sagte mir, in welchem Land ich aufgewacht war. Die weiche Matratze unter mir war ein weiterer Hinweis. Ich war nicht von Schnarchern umgeben, die in schmutzige Decken gewickelt jede Handbreit Fußboden einnahmen. Und hier gab es keine Hühner oder Ziegen. Ich kratzte mir den flachen Bauch, fühlte den beruhigenden kalten Stahl meines Gewehrs neben mir und schüttelte verwundert den Kopf über das, was die zivilisierte Welt alles für selbstverständlich hielt.
Warmwasserboiler zum Beispiel. Ihre Existenz bedeutete, dass ich ohne Vorarbeit ausgiebig duschen konnte. Ich war wirklich dreckig. Die Zeit in den Bergen kreiselte um meine Füße und verschwand als schwarze Brühe im Abfluss. Nachdem ich mich abgetrocknet hatte, wischte ich den beschlagenen Badspiegel ab und stutzte mit der Schere die wild wuchern­den Haare und den Bart. Der Anblick der grauen Strähnen im Schwarz hätte mich deprimieren müssen, aber er brachte mich nur auf den Gedanken, wie sehr ich mich im Lauf der Jahre doch verändert hatte. Was mich aus dem Spiegel heraus anstarrte, war ein nackter Affe mit geraden Schultern, harten, sehnigen Gliedern und behaarter sonnengebräunter Haut. Für meine Körperlänge war ich zu mager. Nahm ich nicht bald ein paar Kalorien zu mir, würde ich erstmals seit der Highschool unter neunzig Kilo wiegen.
Nachdem ich meine Jeans und ein Jeanshemd übergestreift hatte, setzte ich mich hin und zog mein kleines Notizbuch aus dem Rucksack. Ich runzelte nachdenklich die Stirn, während ich darin blätterte und Telefonnummern studierte. Wen soll ich zuerst anrufen ?
Ich entschied mich für Juan, meinen einzigen wirklichen Freund aus der Riverview High School. Während die anderen Jungs sich auf Biologie und Geometrie konzentrierten, hatte Juan mir gezeigt, wie man Autos klaute und Schlösser knackte. Ich hatte ihm dafür beigebracht, wie man schoss und sich selbst verteidigte. Jetzt setzte ich darauf, dass die Verbindungen zu seiner Großfamilie noch immer intakt waren.
»Hier ist Barr«, sagte ich, als Juan beim dritten Klingeln den Hörer abnahm.
»Barr ?« Nach kurzem Schweigen fragte er flüsternd auf Spanisch : »Im Ernst ?«
»Ja. Ich brauche deine Hilfe.«
»Doch, mir geht’s gut, danke der Nachfrage.«
»Sorry«, sagte ich. »Wie geht’s dir ?«
»Gut, Mann. Wir haben verdammt lange nichts mehr voneinander gehört. Wo hast du . . .«
»Das erzähle ich dir später. Jetzt brauche ich Infos.«
»Welcher Art ?«, fragte Juan misstrauisch.
»Jen steckt in der Scheiße – mal wieder. Ich habe den Eindruck, sie ist mit jemandem zusammen, der sehr gefährlich ist.«
»Ich weiß nicht, wie ich dir helfen soll, jetzt, wo wir draußen sind.«
»Wir ?«
»Maria und ich.«
Ich sagte einige Augenblicke lang nichts, während ich versuchte, diesen Schlag in die Magengrube zu ignorieren.
»Hey, Mann . . . hast du das etwa nicht gewusst ?«, hakte Juan nach.
»Wohnst du noch im selben Haus ?«, fragte ich.
»Ja, aber . . .«
»Bin in einer halben Stunde da«, sagte ich und legte auf.
Zwanzig Minuten später erreichte ich Riverside. Auf dem Weg hatte ich einen kurzen Stopp eingelegt, um mir Zigaretten zu kaufen. Nun fuhr ich zum Stadtpark. Die Schwarzpappeln schlugen endlich aus, und das Gras war kurz und grün. Auf einer Seite des Parks verlief der Deich, der die Stadt vor dem Fluss schützte und ein beliebter Kinderspielplatz war. Von jenseits des Deichs kam der süße, erdige Geruch des mächtigen Colorado River.
Der Park quoll über von Großfamilien, die sich zu Familienfeiern oder Picknicks getroffen hatten. Ich stieg aus, lehnte mich an die Motorhaube meines Pick-ups und zündete mir eine Zigarette an. Die meisten Leute waren fröhlich lärmen­­de Latinos. Ich kam mir vor wie in einem der vielen südamerikanischen Staaten, die ich durchwandert hatte, aber ich war nicht dort. Ich war daheim und starrte den Zentralpavillon im Park an, der mein Leben verändert hatte. Mich überfluteten Erinnerungen an diesen Ort, als wäre plötzlich der Damm gebrochen.
Etwas weiter die Straße entlang stand Juans Haus neben dem, in dem Maria aufgewachsen war – Maria, die in unserer Highschool-Zeit meine Freundin gewesen war, die mich damals völlig unbekümmert entjungfert hatte und in mir ungeahnte Gefühle geweckt hatte.
Vor siebzehn Jahren hatte ich mit Maria in diesem Pavillon gesessen, einen Arm eng um ihre schmale Taille geschlungen, und ihr erklärt, ich müsse fort. Sie weinte nicht, sah mir nur in die Augen und nickte. Das sei unvermeidlich, erklärte sie mir und sagte, ich müsse fliehen, weglaufen, abhauen.
Hatte ich das in all den Jahren getan ? War ich geflohen ? Weggelaufen ? Ich trat meine Zigarette aus, stieg wieder ein und fuhr zu Juan.
Ich saß im Garten hinter seinem Haus auf einem nicht sehr vertrauenerweckenden weißen Plastikstuhl und hatte meine Füße in den Chukka Boots auf einer Kühlbox abgelegt. Während ich ein Bud Light trank, versuchte ich so zu tun, als fühlte ich mich kein bisschen unbehaglich.
»Ich kann versuchen, dir zu helfen, aber wir sind wie gesagt nicht mehr in der Szene drin«, erklärte Juan.
Ich trank einen kleinen Schluck Bier. »Dieses wir . . .«
»Tut mir leid, dass du nichts davon erfahren hast. Wir hätten dich eingeladen, aber niemand wusste, wo du steckst.«
Ich sah zu Boden.
»So wütend kannst du doch nicht sein. Ich meine, du bist seit . . . Wann bist du weggegangen ?«
»Ein Jahr nach der Highschool«, sagte ich.
Juan schüttelte den Kopf. »Also vor sechzehn Jahren. Willst du mich jetzt verprügeln oder nur mein ganzes Bier trinken ?«
»Bist du glücklich ? Ist sie glücklich ?«, fragte ich.
»Klar doch, Mann. Vor allem jetzt. Wir haben zwei süße kleine Rabauken, sie hat endlich ihren Abschluss als Krankenschwester gemacht, und ich hab gerade eine Lohnerhöhung bekommen.«
»Na, dann ist doch alles bestens.« Ich griff noch mal in die Kühlbox und öffnete eine weitere Bierdose. »Ich dachte, ihr trinkt nur Corona ?«
»Diese Pferdepisse ? Du glaubst wahrscheinlich auch, dass wir dreimal am Tag Burritos essen.«
»Du meinst, das tut ihr nicht ?«, konterte ich.
Juan lachte. »Zufällig gibt’s heute Abend welche.«
In diesem Moment kam Maria aus dem Haus und brachte Papierteller mit Essen, das nach Kreuzkümmel und Pfeffer roch. Fliegen summten um die Burritos. Ich konnte Marias Blick nicht erwidern, sondern starrte stattdessen die Oberseite meiner Bierdose an. Juan und sie wechselten ein paar Liebesworte in rasend schnellem Spanglisch, dem ich nicht ohne Weiteres folgen konnte. Ich bedankte mich bei ihr, aber sie ignorierte mich und ging wieder hinein. Ich verfolgte ihren lautlosen Rückzug mit dem Blick, während ich mir eine Vergangenheit vorstellte, die möglich gewesen wäre.
»Ich rufe meine Cousins an«, sagte Juan. »Und meine Brüder. Die sind alle noch aktiv. Mal sehen, was sie rauskriegen können.«
Ich nickte, ohne wirklich zuzuhören. Das Haus, die Kinder, die Jobs. Sie lebten den amerikanischen Traum, der meiner hätte sein können, wenn ich geblieben wäre.
»Anschließend rufe ich dich an«, versprach Juan.
»Klar«, sagte ich und kippte den letzten Schluck von meinem Bier hinunter.
Als ich fertig war, drückte ich die Dose zusammen, warf sie in die Mülltonne und stand auf. »Danke, Mann. Und . . . äh . . . sag Maria, dass sie immer noch sehr schön ist, ja ?«

Erik Storey

Über Erik Storey

Biografie

Erik Storey hat bereits als Rancharbeiter, Wildnis- und Hundeschlittenführer, Jäger, Barkeeper und Schlosser gearbeitet. Aufgewachsen in den einsamen Weiten von Wyoming und Colorados Hochebenen, hat Erik es schon als Kind geliebt, die Abenteuergeschichten von Jack London, Louis L'Amour, Ramond...

Pressestimmen

Ultimo Münster & Bielefeld

»›Karges Land‹ ist eine grüblerische Variante der Burt Reynolds-Krimis aus den 70ern.«

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